Der Oetzthalgletscher
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DER OETZTHALER GLETSCHER
Zwischen den Thälern des Inn und der Etsch, von der Melserheide hinüber nach dem Brenner, dort auf der südlichen Grenzwacht der deutschen Erde, in Mitten der Central-Alpen-Kette, steigt ein Kranz von Riesenbergen empor, die Spitzen des Oetzthales ummauernd, ein Hochland eigener Natur umschließend, und die höchstgelagerten Gemeinden Europa’s, abgesondert von aller Welt, in sich bergend. Nach außen aber entsendet jene Strahlenkrone eine zahllose Menge eisbepanzerter Aeste und Zweige, zwischen denen die Thäler ihren Weg zur Tiefe suchen. Dieser Gebirgskörper Tyrols ist die Oetzthaler Gruppe, im ersten Rang der Alpenfürsten stehend. Will der Leser uns dahin folgen, so vertrauen wir ihn der kundigen Hand unsers wackern Landsmannes[1] an, der Jahr für Jahr die Alpenwelt durchwandert hat, bis ihm im Abglanz der ewigen Ferner der Scheitel bleichte und auf der abschüssigen Bahn des Lebens ihm der Todesengel plötzlich den Alpstock entriß.
„Wohlgemuth verlassen wir an einem frischen Sommermorgen das Hauptthal der Oetz, um in das Heiligthum dieser hehren Gebirgswelt einzudringen, das, von gewaltigen Bergriesen gehütet, dem forschenden Auge nochnicht einmal eine Thalritze öffnet. Nur das Rauschen eines ungestümen Gebirgsbachs unterbricht die feierliche Stille, in der wir aufwärts steigen. Unvermuthet öffnet sich vor uns eine Lichtung; der Kirchthurm eines freundlichen [89] Dörfchens ragt aus einem Hain von Obst-, Nuß- und Kastanienbäumen hervor und wunderbar kontrastirt diese überraschende Ueppigkeit mit den finster dreinschauenden starren Felsenzinnen, doch bald hinter den letzten Häusergruppen versperren die Riesen den Weg und das Donnern des Gebirgswassers verkündet, daß es auch einen Kampf mit ihnen zu bestehen gehabt, ehe es seinen Weg thalabwärts errungen. An und über Felsen geht es hinan. Bald gesellt sich zu dem Ernst und der Erhabenheit der Umgebung die Furcht und selbst der Schrecken. Nicht nur die am schmalen, über Bergstürze führenden Pfad errichteten Denkzeichen des Todes, sondern auch die eben erst von Felsmassen verschüttete Straße oder die noch von der verwitterten Wand herabrasselnden Steine beschleunigen unsern Schritt. Von den vielen Brücken, welche den Weg von einer Wand zur andern führen, starren wir in die tief unten wildschäumende Fluth des mächtigen Wassers, wie es seine weißgrünen Gletscherwogen über die Bergtrümmer wirft, welche die beiden es einengenden Thalwände ihm fortwährend entgegen schleudern. Die Brücke erbebt von dem Donner der Wogen und ihr eisiger Hauch durchschauert unsere Glieder. Ueber oder in der Felsenwand, unter deren Schutz wir weiter schreiten, erschreckt uns oft jählings ein Brausen, wie von einem Wildbach, der sich über uns herstürzen will – das neckende Echo des Thalbaches. Doch noch mitten unter dem Toben der Fluthen treten wir plötzlich aus dem Bereiche der Schrecken heraus in ein paradiesisches Gefilde. Die Berge weichen zurück, wohl drei viertel Stunden weit, die eben noch so wilde, nur mit Trümmern und Wogen erfüllte Schlucht breitet sich in eine weite Ebene aus, bis zu einer Meile hinan reicht unser Blick über eine freundliche, mit kleinen Häusergruppen überdeckte Fläche. Eben so freundliche Menschen, beschäftigt mit der Ernte des Flachses, begegnen uns und im Gasthause harrt unser ein Mittagsmahl, besser als wir in dieser von der Welt entlegenen und vergessenen Oase erwarten durften. Kaum verliert sich aber die letzte Häusergruppe, um eine altersgraue Kapelle geschaart, so umdüstern neue Schatten unsern Weg; das finstere Grau der Gneiswände wird nur hie und da vom lichteren Grün der Lärchen unterbrochen. Die Schlucht öffnet sich abermals zu einer kleinen Weitung, doch lacht uns hier nicht die Heiterkeit der eben verlassenen Zone entgegen; hoher erhabener Ernst umschließt die kleine Gemeinde dieses Beckens. Während bis hierher die hohen Bergrücken uns begleiteten, deren eisiger Kamm aus der Tiefe unsichtbar blieb, oder nur hie und da eine Gletscherzunge sich durch eine Schlucht herabstreckte, tritt uns hier, nachdem wir die Vorwerke verlassen, die eigentliche Veste dieser großartigen Alpenburg entgegen: schwarzgraue Giganten, schon in der Tiefe umlagert von großen Schneefeldern, nach oben umeist, im Hintergrunde dick umhüllt vom ewigen Winterkleid. Nur spärlich umziehen noch Getreidefluren den Fuß der Höhen, von denen allerorten Staubbäche niederrieseln, entsprungen aus den Eismassen, welche den Thalrand oft nur in blauen Kanten umsäumen. Wir stehen am düstern Saum jenes mächtigen Gebirgskranzes. Der Himmel trübt sich, die Felsen starren schwarz aus ihren Schneemänteln hervor, vom Wasser benetzt, die [90] Fluthen des Baches schwellen, nachdem er sich eine Enge durch diese Felsenmauern gebrochen. Lange blieb für den Fuß des Menschen kein Raum auf diesem Höllenwege, bis Mühe und Zeit den überhängenden Felswänden doch einen Pfad abrangen, den sie auf schwanken Stegen über schwindelnde Abgründe leiten mußten.“
„Endlich haben wir uns durchgewunden durch die Schauer dieses Schlundes und betreten das Innere der Alpenveste, eine neue, völlig verschiedene, abgesonderte Welt. Die Region des Baumwuchses haben wir verlassen, nur hie und da bezeichnet eine sibirische Zeder noch im tiefen Schnee des Winters dem Wanderer den Pfad, wie die Palmen der Wüste dem Beduinen in seinem beweglichen Sandmeer. Hinter uns liegt die Region jener furchtbaren Abgründe und Felswände, denn statt der früheren Thalesspalten, deren Tiefe der wüthende Bergstrom ausfüllte, breitete sich jetzt ein sanfter Hügel über den ansteigenden Thalboden aus, Bergesgräber, überzogen mit dem saftigen Grün der Matten. Wolkenmassen stürmen heran, sie umfloren nicht mehr die hohen Gipfel, sie schweben als Nebelgebilde auf der Tiefe des Thales daher und umhüllen uns bald in nächtliche Finsterniß, bald lassen sie auf wenige Schritte kurzberaste und benetzte Felsenhügel erkennen. Fast erschreckt werden wir in dieser Einsamkeit durch eine abenteuerliche Gestalt, die wie ein Geist aus dem Nebel heraustritt – in einen weiten Mantel von Schafpelz gehüllt, den breitkrempigen Hut in der Stirn, von der schwarze lange Locken triefend herabhängen: es ist ein Schafhirt, der seiner ihm anvertrauten Heerde auf diese eisigen Höhen folgt. Immer heftiger brausen die dichter und dichter werdenden Wolken daher und schütten ihren Inhalt in Form eisiger Graupen uns entgegen, der Weg und die Hoffnung auf ein Obdach drohen uns, verloren zu gehen, da tönt der Klang einer Glocke an unser Ohr; er scheint aus einem grauen Felsblock herab zu kommen – wir entdecken in ihm einen fensterlosen gothischen Bau, aus dessen Spitzthurm die ernsten, aber gastlichen Töne zu uns niederwallen.“
„Mit der Wald- und Frucht-Region liegt auch die Region der Gast-, wenn auch nicht der gastlichen Häuser hinter uns. Wir sprechen bei’m Pfarrer ein, der uns willig seine niedrige Hütte öffnet; freilich dürfen wir in ihm keinen Prälaten, also auch nicht dessen Tafel erwarten. Wenn der Seelsorger dort oben sich ein Festmahl bereiten will, muß er erst eine Jagd in’s Gebirge machen, um vielleicht nach tagelangem Klettern eine fette Alpenmaus, ein Murmelthier, zu erlegen. Die Würze zu der Abendmahlzeit liefert die Erzählung der Abenteuer, welchen hier der Mensch im Winter und Frühjahr ausgesetzt ist. Um so mehr wundern wir uns, zu erfahren, daß gerade der tiefste Winter die Verbindung mit den unteren Thälern ermöglicht, daß alle Bedürfnisse des Lebens und der Wohnung in jener Jahreszeit heraufbefördert werden, und zwar durch jenen furchtbaren Schlund, in dessen Tiefe wir jetzt kaum hinabzuschauen wagen; wenn seine Katarakte erstarrt und mit Schnee überschüttet sind, wagt sich der Schlittenzug dieser Aelpler durch den gefährlichen Paß. Herbst und Frühjahr schneiden aber dieses Hochland gänzlich ab; selbst der Gemsjäger findet kaum einen zu erkletternden Stieg mehr dahin.“
[91] „Während der Pfaffe sein Gewehr in Stand setzt, um uns für morgen ein seltenes Gericht vorsetzen zu können, treten wir hinaus, das Wetter zu befragen. Eine düstere Winterlandschaft liegt vor uns; frischer Schnee bedeckt das kleine Gärtchen, und der durch die ziehenden Wolken dann und wann lugende Mond malt uns ein Bild, wie es die düsterste Phantasie kaum darstellen kann. Die graue, auf ihrem Vorsprunge beschneite Kirche, unter ihr die wenigen stillen, mit eingesunkenen Kreuzen bezeichneten Gräber; ringsum düsteres Grau, aus dem bald hier, bald dort ein weißes, an den Mond ragendes Berghaupt aufschwebt. Die tiefe Stille, obwohl in einem Dorfe, wird nicht durch Hundegebell gestört; der Aelpler ist schweigsam wie seine Natur; oben im Gebirge birgt er seine Heerde, wohnt dort einsam mit ihr oder kehrt allein und ermüdet in seine Hütte zurück, um sich durch Schlaf zum neuen Tagewerk zu rüsten. Von der Tenne läßt sich kein rhythmischer Taktschlag der Drescher vernehmen, kein Wagen rasselt, es wiehert kein Roß, kein Brüllen des Rindes, kein Jauchzen fröhlicher Burschen erschüttert die Luft in diesen Höhen. Nur ein dumpfes Donnern verkündet bisweilen dem Menschen die Nähe der Fernerwelt. Der mittlerweile herzugetretene Geistliche verkündet aus dem veränderten Wolkenzuge gutes Wetter, und froh der Prophezeihung suchen auch wir das harte Lager, wohl die letzten Wachenden hier oben.“
„Noch vor dem Grauen des Morgens stehen ein paar hochgewachsene Führer bereit, mit langen Alpstöcken und Stricken versehen, um uns auf die äußersten Fühlhörner der Erde, hinaus aus dem Bereich der Menschenwelt zu geleiten. Ein klarer Nachthimmel, an dem die Mondscheibe sich abwärts neigt, empfängt uns beim Hinaustreten. Mit Leichtigkeit geht es die Höhe hinan, hinter welcher die riesigen, jetzt geisterhaft beleuchteten Eisberge sich ausbauen. Um eine nahe Felswand biegend, betreten unsere Füße das blaue Getafel eines Gletschermeeres. Weithin ausgegossen liegt der Ferner zwischen zwei Reihen solcher Schneehäupter, nur sanft ansteigend zum fernen Joch. Indem wir vorsichtig über den ungewohnten Boden wandern und sorgfältig die Klüfte, welche das Mondlicht beleuchtet, umgehen, blickt unerwartet vor uns aus der Tiefe das Bild des Mondes herauf, eine schauerliche Scene aus dem Polarmeer uns vorzaubernd. Eine Schlucht, tief im Gletscher eingewühlt, ist von einem See angefüllt, von blauen, Hunderte von Fußen hohen Eiswänden ummauert. Halb schon vom Wasser zernagt, erheben sich aus der Mitte seines Spiegels zahllose Eisblöcke von den abenteuerlichsten Gestalten, hier ein Obelisk, dort eine Pyramide, hier eine überhängende, jeden Augenblick den Einsturz drohende freistehende Wand, dort ein weiter Bogen, halb vom Mond durchschienen, Alles im Riesenmaßstab der Alpennatur. Die Führer lassen uns wenig Zeit für unser Staunen, um die schwierigsten Stellen noch vor den erweichenden und blendenden Sonnenstrahlen zu erreichen. Nachdem wir den festen Thalgletscher verlassen, geht es seitwärts steil hinan über ein morsches Felsenriff, dann über lockeres Schneeeis, das aber jetzt noch trägt. Die Morgendämmerung verdrängte schon das erblassende Mondlicht. Endlich, nach stundenlangem beschwerlichen Marsch, glauben [92] wir dem ersehnten Ziele nahe zu sein, ein Steinfeld nur trennt uns noch von dem höchsten Gipfel und lockt uns mit der Hoffnung, wieder festen Grund unter den Füßen zu bekommen, statt des treulosen, tiefe Abgründe verbergenden Schnee’s; doch der erste Schritt zeigt uns neue Gefahren; es ist ein steiler, völlig verwester Felsblock, bang schauen wir zwischen den Trümmern hinab in nächtliche Tiefen und unsere Füße versinken im Schlamm. Nur mit größter Vorsicht und langsam, jeden Schritt mit dem Stock weiter tastend, wird die lose Stelle überschritten. Doch neue Täuschung, jener vermeintliche Gipfel ist nur ein Vorsprung, eine Schulter des Schneehorns, dessen Spitze unser Ziel ist. Neue langwierige Mühen und Gefahren bringen uns auch über dieses letzte Hinderniß und endlich ist die Spitze erklettert.“
„Die stürmisch athmenden Lungen, die heftig schlagenden Pulse ringen mit den überwältigenden Eindrücken, die in demselben Augenblick durch das weitgeöffnete Auge in die Seele dringen. Alle jene Jochgipfel, die wir vom Thale aus anstaunten, die im Heraufklettern den Horizont beengten und mit jedem Schritt noch zu wachsen schienen, sind mit einem Male unter unsern Füßen zusammengestürzt und beugen demuthsvoll das Knie vor dem Beherrscher dieses Reichs, auf dessen Haupt wir uns geschwungen haben. Von hier, aus der Region des ewigen Winters, wo der Regen unbekannt ist und der Thau nur als eisiger Duft die Zinnen umsaust und beeist, schaut er, seine düstern Falten durch das dicke Winterkleid zeigend, herab auf sein Reich des ewigen Eises. In fernster Ferne liegt das Treiben der menschlichen Wohnplätze, die der durch die Schluchten irrende Blick nur hie und da ahnt. Erst weit, weit jenseits des Gipfelmeeres der Alpen, überschaut das Auge das Gebiet der Ebene, das auch noch der Herrschaft dieses Fürsten der Höhen unterworfen, selbst die Fluthen des Meeres, in denen sich seine Töchter baden, erreicht noch der Blick.“[2]
„Der Freund schöner Naturscenen, vielfacher bunter Panoramen, wie sie von den Hochgipfeln deutscher Waldgebirge wohlfeilen Kaufs das Auge erfreuen, wird an dieser Stelle nichts fühlen, als Neue über sein Wagniß und Angst vor der Rückkehr, aber der weiten Brust, der die kleine Welt da unten zu eng geworden ist, dem höher fliegenden Geist, der die Natur in ihrem ernsten, großartigsten Wirken belauschen will, dem wird’s wohl und wohler werden in dieser reinen und leichten Luft der höchsten Höhen.“
„Nur einfach ist die Zeichnung der Natur entworfen, in groben, großen, scharfen, deutlichen Linien. Es ist die Plastik des Schnee’s im Großen, die uns da umgibt. Wer in seiner Heimath beobachtet hat, welche [93] Schneegebilde ein einziger von Sturm begleiteter schneeiger Wintertag an Bäumen, Abhängen, felsigen Bergrändern aufbauen kann und dem die Phantasie dazu ausreicht, möge sich ein Bild von den Werken tausendjähriger Winterstürme zwischen zum Himmel ragenden Felsenkolossen zu machen suchen – von den Gebilden der Ferner. Hier die grünblauen Stufen eines Riesen-Amphitheaters, dort eben so gefärbte phantastische Windungen; sie hängen, schweben, klettern, schwingen sich über Abgründe, um Wände, durch Nadeln hindurch; das Auge begreift nicht, wo die hängende Masse ihren Haltpunkt hat, es wartet jeden Augenblick auf den Einsturz, und im nächsten Jahr zagt sie noch immer, den kühnen, verderblichen Sprung zu thun. Dort erblickt das Auge an der senkrechten Wand die Falten eines zusammengeschnürten Gewandes, von den flatternden, an den Schärfen der Wände sich brechenden Stürmen gefältelt. In der Tiefe endlich, wo, nicht zufrieden mit seinen Eroberungen im warmen Klima, der ewige Winter seine Herrschaft noch weiter auszubreiten sucht und seine vordringenden Heere, die Gletscher, je weiter sie sich hinab wagen, mit desto festerem Eispanzer gegen die feindlichen Sonnenstrahlen umgibt, wird der Schnee durch die Stürme, noch mehr durch die sich losreißenden Lawinen aufgehäuft und sendet in Eis verwandelte blaue Ströme durch alle Schluchten hinab in’s Thal – seine Hülfstruppen zum Hauptheer.“
„Wir kehren nach solchen Abschweifungen der Phantasie zu uns selbst zurück. Kein Wölkchen trübt den Himmel, der Dunstkreis ist rein, und dennoch ruft es uns endlich zu: hier ist deines Bleibens nicht; du lebst in Raum und Zeit – hier ist die Wohnstätte der Ewigkeit und Unendlichkeit. Kein Zeichen verräth den Fortschritt der Zeit; der Himmel gleicht einer ehernen Decke, die Sonne haftet glanz- und strahlenlos an ihm, erstarrt ist die Natur, keine, auch gar keine Bewegung bemerkt das Auge, nicht den leisesten Schall vernimmt das Ohr. Das Gefühl der Einsamkeit übermannt das Gemüth, die eigenen Pulsschläge erschrecken, es treibt uns eine unwiderstehliche Sehnsucht zum Leben von dannen, hinab von den Zinnen dieser hohen Burg des Todes. Auch die Führer mahnen zum Aufbruch und jetzt erst, während sie Stricke uns um den Leib legen, denken wir der größern Gefahren des Hinabsteigens. Doch der Sinn ist kühner geworden und schneller, als wir erwarteten, erreichen wir den Rand des Ferners, der hier im Süden plötzlich in schwindelnde Tiefe abbricht. Hier oben im Lichtglanz der Schneewelt und der sich neigenden Sonne erscheint die schon im Schatten hoher Wände ruhende Thaltiefe als ein nächtlicher Abgrund. Erst nachdem wir die höchsten Abstürze hinabgeklettert, der blendende Schnee und die Sonne verschwunden, hellt sich unsern Blicken da unten eine neue Welt auf. Freudig begrüßen wir das erste niedere Sennendach und trotz der völligen Abgeschiedenheit dieses Thals erscheint es uns doch mit seinen wenigen Heerden und Hirten gegen die eben verlassene Bergeswüste ein bevölkertes Land. Nochmals versperrt ein Felsendamm den Ausweg, jedoch nach dem Ueberstandenen gibt’s für uns kein Wagniß mehr, auch auf den schauerlichsten Pfaden durchzudringen. Der Abendwind rauscht in den hohen Wipfeln ehrwürdiger Kastanien, als wir [94] hinaustreten in ein prächtiges breites Thal, kaum erkennen wir noch im röthlichen Dämmerlicht die unzähligen Burgen und Orte, Wohlgerüche des Südens umwehen uns, fröhliche Weisen dringen von Höhen und Tiefen an unser Ohr und durch ein Labyrinth von Weingärten eilen wir hinab in ein belebtes Städtchen, wo uns die Genüsse eines behaglichen Gasthauses erwarten.“
„Wir hatten vom Oetzthal aus die Fender Wildspitze erstiegen und waren Abends glücklich in Meran angelangt.“