Leipzig, das neue Museum

Faneuil-Hall in Boston Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band (1860) von Friedrich Hofmann
Leipzig, das neue Museum
Der Oetzthalgletscher
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LEIPZIG
DER AUGUSTUSPLATZ MIT DEM MUSEUM

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Leipzig, das neue Museum.




Als ob auf den Blut-Feldern und Aschen-Hügeln der Völker die Blüthe des Friedens am herrlichsten gedeihe, so glückliche Kraft ist in die Triebe des Wachsthums und Wohlstands dieser Weltstadt gefahren. Von allen Städten des deutschen Bundes steht ihr nur Triest an überraschender Kraftentfaltung gleich. Die älteren Leser unseres Universums erinnern sich der Schilderung jener Stadt im vierten Bande (S. 21–25). Seit der Zeit sind neue Stadttheile und neue Vorstädte entstanden und bedecken nun den Boden, auf welchem damals noch der Pflug ging oder der sinnige Erdenwaller in schönen Gärten lustwandelte. Ueber ehemaligen Sümpfen erheben sich Paläste, und während die Stadt immer längere Arme nach den umliegenden Dörfern ausstreckt, rücken diese selbst der Stadt immer näher, so daß sie an Bauten und Bevölkerung schon jetzt weniger das Ansehen von Dörfern, als von kleinen Fabrik-Städten bieten und zu Leipzig schon jetzt in einem vorstädtlichen Verhältniß leben; die Zahl der Bevölkerung Leipzigs, welche in diesen Dörfern wohnt und deren arbeitsfähiger Theil jeden Werktagsmorgen zu allen Thoren der Stadt einströmt, beträgt über 16,000. Die Einwohnerzahl der Stadt Leipzig selbst hat 77,000 längst überstiegen. Die Zahl der bewohnten Gebäude hat sich seit 1837 von 1600 auf ungefähr 2200 vermehrt.

Die Ursache dieses außerordentlichen Wachsthums ist nicht weniger außerordentlich. Wir erkennen sie als das Vorgefühl einer glücklichen Stadt, welche einen drohenden Verlust der Zukunft frühzeitig durch die Eröffnung neuer, reichthumsprudelnder Erwerbsquellen zu ersetzen sucht. Weder der Handel noch das städtische Handwerk allein, weder die Messen noch der Fremdenverkehr allein, weder der Beamtenstand noch die Universität und andere höhere Bildungsanstalten allein hätten ein so rasches Steigen der Häuser- und Bewohnerzahl zu bewirken vermocht, wie bevorzugt Leipzig auch durch all das Genannte vor seinen Nachbarstädten erscheint; hierzu bedurfte es einer totalen Charakterveränderung der Stadt, des Vertilgens besonderer Kennzeichen ihres Signalements, das wir noch in der oben citirten Schilderung des Leipzigs von 1837 in folgenden Worten bezeichnet finden: „Als [82] Fabrikort war Leipzig immer unbedeutend, und Manufakturen haben hier, nehmen wir wenige aus, niemals rechtes Gedeihen gefunden.“ Dagegen kann der „Führer durch die Stadt“ vom Jahre 1860 sagen: Leipzig ist auch ein wichtiger Fabrikplatz geworden. Von den Tabak- und Cigarren- bis zu den künstlichen Blumenfabriken, von den Spinnereien bis zu den großartigen Anstalten der graphischen Künste hätten wir Hunderte und Hunderte von Erwerbszweigen aufzuführen, die Menschenhände zu Tausenden beschäftigen und ihre Erzeugnisse im Werth von Millionen nach allen Welttheilen aussenden. Und dies ist die wahre Quelle des Wachsthums von Leipzig. Jeder neu aufsteigende Fabrikschlot zieht einen neuen Kreis arbeitender Hände herbei, und immer dichter ragen diese Industriethürme empor und rücken die Soldaten des Kapitals auf dem Kampffeld des Fleißes vor.

Wer gegen die Fortschritte der Gegenwart in staatsbürgerlichem und volkswirthschaftlichem Wohle nicht blind und undankbar sein will, muß zuweilen einen Blick in die deutsche Vergangenheit werfen und auf den dornenvollen Weg, auf welchem unsere blühenden Städte groß geworden sind. Zu Leipzigs Entwickelung trug allerdings noch der ihm eigenthümliche Charakterzug bei, daß es seit lange das Unglück seiner durch Lage oder Pflege früher begünstigteren Nachbarstädte mit mehr als kaufmännischer Schlauheit zu seinem Nutzen auszubeuten verstand. Für die Zeit bis zum dreißigjährigen Kriege muß der Stadt aber zugleich die Ehre zuerkannt bleiben, daß ihre Bürgerschaft auf die Tapferkeit ihrer Männer so stolz sein konnte, wie auf die Festigkeit ihrer Mauern. Sie trotzten und widerstanden mancher Gefahr glücklich, der ihre Nachbarstädte erlagen, und hat so durch frühere Kriegstüchtigkeit viel von dem Boden gewonnen und bewahrt, auf welchem die friedliebenderen Nachkommen mit spekulativer Rührigkeit weiter bauen konnten. Ueberblicken wir im Flug die interessantesten Phasen ihrer Geschicke:

Nachdem die Stadt im 12. Jahrhundert von außen durch Kriege und Belagerungen, im Innern durch die steigende Macht des ihr aufgezwungenen Mönchsthums viel gelitten, verdiente sie sich bessere Tage durch ihre siegreichen Kämpfe für Heinrich den Erlauchten (1263). Dessen Sohn Dietrich der Weise ertheilte ihr nicht nur eine freie Municipalverfassung, sondern begünstigte insonderheit ihren Handel, indem er fremden Kaufleuten für sich und ihre Waarenlager vollkommene Sicherheit selbst für den Fall gewährte, daß er mit deren Landesherren in Krieg gerathen würde: eine für jene Zeit, wo stets zunächst des Bürgers und Bauern Gut und Leben für die Unbill des Fürsten herhalten mußte, ganz außerordentliche Vergünstigung. Die Kämpfe Albrechts des Unartigen unterbrachen die Blüthe der Stadt, und erst 1320 kam wieder dauernder Friede über das Land. In dieser Zeit wurden die Burgen der Raubritter in ganz Sachsen gebrochen, die Sicherheit der Straße befestigte den Handel, Leipzig wurde Stapelplatz für polnische Waaren, erhielt das Recht, Lehngüter zu kaufen, und die Macht, dem Uebermuth der Priester und Mönche Zaum und Zügel anzulegen. Von 1350–1362 verheerte die Stadt der schwarze Tod, Priestermacht und Aberglaube stiegen und Glück und Wohlstand sanken. Da half 1387 Merseburgs [83] Unglück der Stadt plötzlich wieder auf: ein Brand legte jene Rivalin Leipzigs großentheils in Asche, und nun verlegten alle fremden Kaufleute, die bisher dort ihre Niederlagen gehalten, ihren Sitz hierher. Das erste Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts erhob Leipzig zur Universitätsstadt, es erhielt eigene Gerichtsbarkeit, sah seinen Schöppenstuhl zu hohen Ehren gedeihen, und während die Hussitenkriege das flache Land verheerten, flüchteten die fremden Kaufleute ihre Waarenlager in seine festen Mauern. Schon damals nahmen die Jahrmärkte an Jubilate und Michaelis den Charakter von europäischen Handelsmessen an. Die Hebung des Meßverkehrs datirt jedoch erst von 1497, wo ein kaiserliches Privilegium der Stadt das Stapelrecht in einem Umkreise von fünfzehn Meilen bestätigte, ja, Kaiser Max I. verlieh ihr 1507 noch ein erweitertes Privileg, weniger aus Liebe zu Leipzig, als um die geistliche Herrschaft niederzudrücken, die in Magdeburg, Erfurt, Merseburg etc. so warm saß. Das war der härteste Schlag für diese Städte zu Gunsten Leipzigs. Daß aber gerade diese Privilegien durch eine Bulle des Papstes ganz besonders gegen jeden Angriff gefeit wurden, sieht wie ein ironischer Streich der hierarchischen Politik aus. Offenbar muß Leipzig in dieser Zeit als ein besonderes Schooskind des Glücks und der Gunst der Mächtigen erscheinen. Es ging wohl vorbereitet den Stürmen entgegen, welche für Sachsen und ganz Deutschland aus der Reformation hervorbrechen sollten.

Es ist natürlich, daß der Handel nicht allein in Blüthe stehen konnte, ohne den Gewerben einen gleichen Flor zu verleihen. Zünfte und Gilden erhielten Vorrechte und standen im höchsten Ansehen. Und wie Leipzig selbst eine Spätfrucht ist unter den deutschen Städten und gleichwohl so gut zeitigt, so ist es auch mit der Buchdruckerkunst erst im Jahre 1480 bekannt geworden und hat in ihr dennoch allen Städten der Erde den Rang abgelaufen. Wie gerade kurz vor der Reformation und in den Reformatoren selbst der nationale Geist in Deutschland sich kräftiger, als seit langer Zeit, regte, so war auch das Schaffen und Streben des Bürgerthums ein erhöhteres. Die meisten deutschen Städte bieten in dieser Beziehung um die Zeit vor den großen Stürmen ein wahrhaft erhebendes Bild.

Da kam der dreißigjährige Krieg mit seinen Schlachten von Breitenfeld und Lützen und den unaufhörlichen Durchzügen, Gefechten, Belagerungen, Brandschatzungen, Plünderungen u. s. w. Die Stadt lag am Ende des Kriegs so tief herabgekommen da, der Meßverkehr hatte so ganz darniedergelegen, die Bevölkerung war so geschwunden, daß wieder viele kleinere und größere Nachbarstädte in Handel und Wandel an Leipzigs Stelle zu treten suchten, und manchen würde dies gelungen sein, wenn nicht im Jahre 1661 Kaiser Leopold I. alle Privilegien der Stadt neu bestätigt hätte. Der Rest des Jahrhunderts verlief ohne äußere Friedensstörung, aber desto reger wirthschaftete der Geist der Herrschaft und Selbstsucht in den Ortsbehörden und Geistlichen der Stadt. [84] Die Eigenmächtigkeit jener rang mit der Unduldsamkeit und bornirten Verketzerungs- und Verfolgungswuth dieser um den Schandpreis, und es gewannen ihn beide.

Das 18. Jahrhundert begann wieder mit Krieg. Karl XII. verfolgte den neuen Polenkönig, August den Starken, bis in seine deutschen Erbländer. Die klugen Schweden besetzten das friedliche Leipzig und schonten sein Blut, aber an seinem Gelde erfreuten sie sich ein volles Jahr. Man hätte mit den Kontributionen einen tapferen Krieg führen können; aber die Heldenperiode Leipzigs war längst vorüber, seine Festungsmauern gesunken, die Wälle in Promenaden verwandelt. Auch erhoben sich um diese Zeit die noch heute prangenden Prachtbauten der Stadt. Die Verbindung mit Polen führte neue Handelsvortheile herbei und die Zahl der Kaufleute wie der Meßbesucher stieg so sehr, daß im Jahre 1701 der erste Adreßkalender nothwendig wurde.

Hatten das Land Sachsen und die Stadt Leipzig schon unter August „dem Starken“ kein großes Kriegsglück erfahren, wie viel weniger war von seinem Nachfolger, August „dem Schwachen“ zu erwarten. Der Minister dieser gekrönten Null, der berüchtigte Graf Brühl, verschuldete unter tausend anderen dem sächsischen Volke angethanen Uebeln auch die feindselige Stellung Sachsens zu Preußen, und „der alte Fritz“ war der Mann dazu, auf fremdem Boden für seine Kriegskassen zu sorgen. Zu Anfang des siebenjährigen Kriegs 1746 bezahlte Leipzig an Preußen eine Kriegssteuer von 2½ Millionen Thalern, 1756 587,000 Thaler, 1757 2½ Tonnen Goldes und 2,100,000 Thaler, im Jahre 1758 nicht viel weniger, 1759 500,000 Thaler, 1760 300,000 Thaler, und von den im Jahre 1761 geforderten 1,100,000 Thalern und den für 1762 ausgeschriebenen 400,000 Dukaten gewährte der König nur einen Nachlaß. Neben diesen Kriegssteuern wurden noch die übrigen Abgaben und Lasten mit unerbittlicher Strenge beigetrieben, und dazu all die Einquartierungen, Durchmärsche, Krankenverpflegung, Seuchen und alle Leiden der Soldatenrohheiten im eroberten Lande! Das allein hätte genügt, die reichste Stadt zu ruiniren, zumal Leipzig, dem mit Störung seines Meß- und Handelsverkehrs noch besonders zu Leibe gegangen ward.

Fast noch verheerender, wie der Krieg, wurde für Leipzig der nun folgende Friede: das in den großen Staaten Oesterreich und Preußen eingeführte System hoher Schutzzölle sollte auch das kleine Sachsen beglücken! Ja, selbst die Durchfuhr belegte die Plusmacherei dienstwonniger Finanzleute mit schweren Abgaben, schnitt dadurch den Waarenzug von Leipzig sorgfältig ab und beschwerte den Speditions- und Transithandel mit lähmenden Ketten. Machte auch 1768 die Thronbesteigung Friedrich August’s III. solchem selbstmörderischen Treiben der sächsischen Staatsweisen ein Ende, so ward ja der Stadt nicht einmal Zeit genug gelassen, um sich aus der tiefen Verkommenheit ihres Wohlstandes wieder zu erheben, denn ehe nur die so gewissenlos verschütteten Quellen ihres Lebenserwerbs zur Hälfte wieder zugänglich und fließend gemacht waren, brachen die Kriege der [85] französischen Revolution herein, von welchen nothwendig abermals Deutschland den größten und Sachsen den wichtigsten Theil innerhalb seiner Grenzen mußte wüthen sehen: bei Leipzig stehen die Ehrensäulen vom letzten Kampfe dieser großen wilden Zeit.

Am Ende der Kriege war Deutschland frei – von den Franzosen, Sachsen um drei Fünftel seines Gebiets und die Hälfte der Bevölkerung kleiner, Leipzig durch die preußischen Zollgrenzen vom größten Theile von Deutschland und durch ein nagelneues Verbrauchssteuersystem sogar vom eigenen Inlande abgesperrt. Unter der Last solcher Verkehrsfesseln wandt sich die Stadt fast zwanzig Jahre lang keuchend vorwärts, denn auch der sogenannte mitteldeutsche Handelsverein von 1828 war mehr darauf berechnet, die Staatenfinanzen, als den Verkehr zu heben. Erst nachdem Sachsen dem deutschen Zollvereine beitrat (1833), ergoß sich frisches Blut in Leipzigs Adern, regte sich in allen Geistern und Händen der fleißigen Stadt ein neues, schaffensfrohes Leben.

Den wichtigsten Einfluß übten diese Anfänge zu einer deutschen Einigung zunächst auf die Leipziger Messen, von deren jetziger Großartigkeit man sich einen Begriff machen kann, wenn man bedenkt, daß durch sie jährlich an Gütern, namentlich Leder, Pelzwaaren, Tuchen, nicht weniger als 600,000 Centner nach Leipzig kommen, die von einer besondern Meßbevölkerung von 30,000 Menschen begleitet sind. Die ganze Stadt erscheint zur Meßzeit wie eine ungeheure Kunst-, Industrie- und Produktenausstellung, umringt von einem Gewühl von Kirchweihlust und Schaugepränge und durchwandelt von einem Durcheinander von Volksgenossen aller europäischen Zungen, Physiognomien und Trachten. Die Messen sind deshalb nicht bloß für die Männer des Geschäfts Tage der Arbeit und Spekulation, der Hoffnung und Sorgen, sondern für eine Menge schaulustigen Volks Tage des Genusses. Für das Leben Leipzigs sind sie die Lungen. Der Großhändler wie der Markthelfer, der große Hausbesitzer wie der kleine Hintermiether, der Fabrikherr wie der Waarenkrämer bauen ihre glänzendsten Hoffnungen auf die Zeit der Messe. Alle Unternehmungen, alle Einrichtungen werden nach den Messen gerichtet, die Meßtage sind die großen Feste im Kalender des Leipzigers, nach denen er rechnet und seine Zeit eintheilt; die Messen sind die Quellen seiner Freuden und Leiden, in der Meßzeit flieht ihn der Schlaf, da schlagen seine Pulse doppelt rasch, beflügeln sich seine Schritte, Alles tanzt gemeinsam um das goldene Kalb. Aber gerade diese Hast nach dem Erhaschen der reichsten Meßbeute grenzt bereits nahe an die Thorheit Desjenigen, der die Henne schlachtete, welche die goldenen Eier legte. Schon jetzt beschränken gerade die Meßfremden mit den vollsten Beuteln ihren Aufenthalt auf die kürzeste Zeit, ja, die wichtigsten Meßgeschäfte, die des Großhandels, werden abgeschlossen, ehe nur die Messe begonnen hat, und wenn die Centnerzahl der Meßeinfuhr auch gegen frühere Zeiten imponirt, so beweist dies nur eine Zunahme in der Summe des Geschäftsverkehrs, während der Geschäfte selbst jährlich weniger werden. Allerdings ist Leipzig’s Lage jetzt eine für den Handel sehr bevorzugte, an dem Zusammenfluß des [86] Verkehrs von fünf Eisenbahnen; aber weder Dampfkraft noch Telegraphie stehen im Dienste der Centralisation, beide verallgemeinern die Wohlthaten der großen Produktion und des ungehemmten Verkehrs. Deshalb, bei dem vorauszusehenden Verfall der Messen möchten wir es das gesunde Vorgefühl einer glücklichen Stadt nennen, welches Leipzig instinktmäßig antreibt, die Fabrikstadt kräftig aufzubauen, noch ehe die Meßstadt zu verschwinden beginnt.

Wie weit dieser große Wandel der Zeit auch auf dem zweiten Gebiete, auf welchem Leipzig nicht bloß für Deutschland, sondern für einen großen Theil Europa’s den Vorsitz führt, auf dem des Buchhandels und der Presse, seinen nivellirenden Einfluß ausüben wird, läßt sich noch nicht ermessen. In der Größe der literarischen Produktion suchen ihm seit Kurzem mehre Rivalen, wie Berlin, Stuttgart, den Rang abzulaufen, und selbst sein durch Herkommen fast monopolisirt gewesenes Speditionsgeschäft muß es bereits mit genannten Plätzen theilen. Einen Blick aber werfen wir gern auf dieses Gebiet, das in der That ein gerechter Stolz der deutschen Nation ist. Fremdes Unglück war auch hier Leipzigs Glück, denn ohne die allzutolle Wuth, mit welcher die im Jahre 1526 eingeführte und 1529 neu eingeschärfte allgemeine deutsche Reichsbüchercensur gegen Ende des 16. Jahrhunderts gehandhabt wurde, würde Frankfurt a. M. die Oberherrschaft über den Büchermarkt unverkümmert sich erhalten haben. Leipzig trat an seine Stelle, gab 1600 den ersten Meßkatalog heraus, hielt 1670 die erste Bücherauktion, begründete 1682 die ersten gelehrten Zeitschriften, 1789 die erste Modezeitung, 1796 die erste Literaturzeitung, zählte 1831 noch 79 und gegenwärtig 286 Buch-, Kunst- und Musikalienhandlungen, 45 Buchdruckereien, 99 Buchbinder, 16 Antiquare, steht hinsichtlich der Produktivität in periodischer Literatur (149 zugleich erscheinenden Zeitschriften) von keiner Stadt übertroffen da und zu den circa 16,000 Nummern seines jährlichen Meßkatalogs stellt es ein Kontingent von ungefähr einem Dritttheil.

Eine so großartige Werkstatt für die Apparate der Bildung konnte nicht ohne Einfluß auf den Stand der letztern am Orte selbst sein, und die Produkte des Buchhandels haben allerdings mehr zur Verallgemeinerung der Bildung im Volke beigetragen, als die Universität, die des konservativen Geistes ihrer Prager Begründer sich noch heute in offizieller Weise zu rühmen pflegt. Ueberhaupt ist die bessere Schulbildung auch in Leipzig neueren Datums und die Stadt verdankt sie weniger der Weisheit der Jünger ihrer Alma mater, als dem tüchtigen Bürgersinn, der endlich die wahre Quelle des Volksglücks erkannt hat und Allen zugänglich zu machen sucht.

Zu einem redenden Zeugniß solch tüchtigen Bürgersinns lassen wir uns schließlich von unserem Bilde führen.

Das stattliche Museum auf dem großen schönen Augustusplatze zu Leipzig verdankt seine Entstehung einzig und allein der großartigen Opferwilligkeit der Bewohner Leipzigs, und es verdient als die Schöpfung und die [87] That des ruhmwürdigsten Gemeinsinns eines gebildeten, tüchtigen und gesunden Bürgerthums seinen Ehrenplatz im Universum. Im Winter 1837 trat eine Anzahl Künstler und Kunstfreunde Leipzigs zu einem Kunstverein zusammen, der es sich zu einer seiner Aufgaben machte, den dritten Theil seiner Einnahme zur allmähligen Begründung eines Museums der Stadt zu verwenden. Die Theilnahme war eine allgemeine, und außer den Geldbeiträgen kamen auch bald Schenkungen von Gemälden dem Unternehmen zu Hülfe. Im November 1848 hatte man es bis zu 42 Oelbildern gebracht, die vereinigt mit jenen schönen alten Oelgemälden von Lucas Kranach, welche einst die Nikolaikirche geschmückt hatten, im ersten Stocke der ersten Bürgerschule für die Oeffentlichkeit ausgestellt werden konnten. Zu diesem kleinen Anfang kam die große Schenkung, welche den Bau des neuen Museums veranlaßte, ja überhaupt möglich machte: Heinrich Schletter, ein reicher Handelsherr, ernannte im Jahre 1853 die Stadt zum Erben seiner höchst werthvollen Sammlung von Gemälden der besten französischen Meister und dazu eines Grundstücks im Werthe von 45,000 Thalern, mit der Bedingung, „daß innerhalb von fünf Jahren ein für die Aufstellung der Sammlung passendes und würdiges Gebäude angekauft oder erbaut werde“. Dies geschah; mit einem, durch Zuschuß aus dem Kommunalvermögen der Stadt bis auf 160,000 Thaler erhöhten Baukapital ward, nach dem Plane und unter der Leitung des Professors Ludwig Lange in München, der Bau ausgeführt und am 18. November 1858 eingeweiht und eröffnet. Mit der Schletter’schen Sammlung besteht nun die Gemäldegallerie aus 231 Nummern, und hierzu kam bereits eine neue, der vorigen an Werth kaum nachstehende Schenkung eines andern Leipziger Bürgers, Karl Lampe’s, der dem Museum seine prachtvolle Kupferstichsammlung von mehr als tausend Blättern vermachte. Eine Sammlung von Gypsabgüssen von Werken der neueren und neuesten Kunst seit der Renaissance, im Erdgeschoß des Museums aufgestellt, ist im Entstehen.

Der Bau, sein Aeußeres wie Inneres, ist einfach in seinem Schmuck und tritt nicht mit der Prätension auf, selbst als ein Kunstwerk angestaunt zu werden. Es begnügt sich, die schlichte, jedoch würdige Wohnung der Kunst zu sein, und – mehr noch, wir holen uns aus diesen Hallen der Kunst einen politischen Trost: ein Volk, dessen Bürgersinn in solcher Art gebildet, aufopfernd, tüchtig und gesund ist, wird auch in der drohenden Zeit politischer Noth und Drangsal fest und wacker stehen bleiben; man beschaue sich nur recht die beiden Bilder, die an den entgegengesetzten Enden der Saalreihen hängen: des Paul Delaroche Napoleon auf der einen Seite, ein Bild des sittlichen und politischen Bankerotts, und ihm gegenüber Veit’s Germania. – Man wandelt in und um Leipzig auf dem blutigsten Grunde der deutschen Geschichte; nur Schlachtendenkmäler schmücken die Hügel der Ebene; es ist schwer, durch diese Flur zu gehen, ohne daß die Bilder der Verwüstung Deutschlands uns vor Augen treten; aber eindringlicher spricht zu den Deutschen kein Denkmal aller Kriege, als diese beiden Gegenstücke im Museum zu Leipzig. Nicht die Saxonia, nicht die Borussia oder Bavaria und wie die Dynastenfreundinnen in Stein [88] und Erz alle heißen, erheben den Schild vor solchem Gegner: Germania ist’s, die das Einheitsbanner über die getrennten Millionen der Deutschen entfaltet, ihr Adler wird sie führen, ihren Farben werden sie folgen, und es wird die Wahrheit durch drei und dreißig Länder gehört werden müssen: daß die Menschheit aus Nationen besteht, deren höchster Beruf das Emporstreben und Emporheben zum Menschenthum ist, daß dieser göttliche Beruf von keiner Nation reiner erkannt und treuer erfaßt wurde, als von der deutschen, und daß demnach keine Dynastie der Welt sich einbilden darf, ihr Bestehen sei nothwendiger, als das einer solchen Nation.