Faneuil-Hall in Boston
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FANEUIL HALL
IN BOSTON.
Ein weitläufiges Gebäude aus schlichtem Backstein, ohne besondere architektonische Schönheit, ohne Schmuck im Innern, mitten im Gedränge des belebtesten Stadttheils gelegen und umgeben von hundertjährigen Spuren der geschäftlichen Unruhe und Arbeit um die alltäglichen Bedürfnisse des Lebens – das ist Faneuil-Hall. Es hat keinen Reiz für die Phantasie des Künstlers, keinen für den Touristen, der ästhetische Eindrücke liebt.
Und doch ist dies schmucklose Gebäude der Stolz der Stadt Boston, und der Amerikaner, der die Geschichte seines Landes kennt, fühlt sich von Stolz und Ehrfurcht erfüllt bei dem Namen dieses Hauses. Und nicht bloß so in Amerika. Ueberall, wo patriotische Herzen für Vaterland und Freiheit schlagen, wo kühne Geister sich erheben gegen den Druck despotischer Gewalten, wo das Schwert gezogen ist zur Vertheidigung der ewigen Rechte der Menschheit – überall da wird der Name Faneuil-Hall verehrt wie ein Talisman heilbringender Bedeutung und entzündet in den Herzen die Flamme der Begeisterung, wie die Erinnerung an einen Washington, Frankin, Lafayette! – Warum dies?
Faneuil-Hall ist mit der Entwickelung des amerikanischen Volkes unauflöslich verwoben, es ist die „Wiege seiner Freiheit!“ In den Versammlungen, die in den Räumen dieses Hauses gehalten wurden, äußerte sich zuerst und in der entschiedensten Weise die Meinung des Volkes gegen die wachsenden Uebergriffe der britischen Krone; hier hatten die Vorspiele der Revolution statt, hier wurde der Widerstand geschürt, der sich bald über das ganze Land verbreitete, hier erschollen die patriotischen Reden eines Samuel Adams und James Otis, der eigentlichen Helden von Faneuil-Hall, die durch die Gewalt ihres Worts das Volk von Boston zu jener Freiheitsliebe entflammten, die sich im großen Revolutionskampf durch so heroische Thaten kund gab. – Das ist’s, was Faneuil-Hall dem Amerikaner theuer macht, theuer als ein Denkmal des Muthes und der Aufopferung, mit der seine Vorfahren [76] für die Sache der Menschenrechte und der nationalen Unabhängigkeit stritten, und so lange man Liebe zur Freiheit unter die edelsten Regungen der Menschenbrust zählen wird, so lange wird darum auch Faneuil-Hall als eine geweihte, der Menschheit heilige Stätte verehrt werden.
Verweilen wir einige Augenblicke bei den Tagen, in welchen Faneuil-Hall seine glorreichste Rolle gespielt hat. Eine der frühesten Veranlassungen zur Kundgebung des Volksunwillens über die Anmaßungen der königlichen Macht war, wie bekannt, die Einführung der berüchtigten Stempeltaxe. Diese Maßregel, die nichts als die Erpressung neuer Einkünfte für die Krone bezweckte, erregte allenthalben die stärkste Erbitterung und rief an mehren Orten Demonstrationen der entschiedensten Art hervor. In Newyork wurde das Stempelpapier öffentlich verbrannt, in Philadelphia läutete man die Trauerglocken. Nirgends aber so stark wie in Boston zeigte sich, von welch energischem Willen man erfüllt war, seine wohlverbrieften Rechte und Freiheiten zu schützen. Schon die erste Kunde von dem neuen Gesetz versetzte die Bevölkerung in allgemeine Aufregung. Als darauf – im August 1765 – die Stempelbeamten wirklich ernannt wurden, faßte man in großer Versammlung den Beschluß, die Durchführung des Gesetzes mit Gewalt um jeden Preis zu verhindern, und einige Tage später sah man, vor der Stadt auf einem öffentlichen Platze, die königlichen Beamten in effigie an einer hohen Ulme aufgehängt. Es war das Werk von bostoner Handwerkern, „Söhnen der Freiheit“, wie ein damaliger weitverbreiteter politischer Verein sich nannte. Fast alle Geschäfte waren an jenem Tage geschlossen. Unermeßlich war der Zudrang der Menschen nach der improvisirten Richtstätte; die Behörden vermochten nichts dagegen zu thun. Am Abend trug man das Konterfei in Prozession durch die Stadt nach einer Anhöhe, verbrannte es hier mit feierlichem Pomp, demolirte das zum Stempelgebäude bestimmte Haus, schlug mehren Beamten die Fenster ein und kühlte in noch andern Akten der Gewalt seinen Unmuth. – Ein zweiter Auftritt von ähnlichem Charakter folgte wenige Wochen später.
Die Einsichtigern und Edlern unter Bostons Bürgern hatten mit diesen Excessen nichts gemein. Sie sprachen bei den Versammlungen in Faneuil-Hall ernst und entschieden ihren Abscheu aus vor allen unüberlegten gewaltsamen Vorgängen, die der Sache der Freiheit nur schadeten, und sie verpflichteten sich gegenseitig, allen Einfluß anzuwenden, um ähnliche Unordnungen für die Zukunft zu verhindern. Sie wußten, daß mit ungeduldiger, nervöser Hast nichts ausgerichtet werde, sondern daß nur ruhig besonnenes, auf Ueberzeugung gegründetes, festes und energisches Handeln zum Ziele führen könne. Die Grundsätze des ewigen Rechts, die Gebote des Gewissens waren die Richtschnur für ihre Handlungen, nicht die Leidenschaften des Augenblicks oder die vorübergehenden Interessen des Individuums.
[77] Aus der Schaar dieser wackern Patrioten, die, von solchem Geiste erfüllt, die Leitung der Opposition in Faneuil-Hall in ihre Hand nahmen, heben sich zwei Gestalten besonders achtunggebietend und einflußreich hervor. Es sind James Otis und Samuel Adams, die durch ihre gewaltige Beredsamkeit bald mahnend, bald warnend, bald anfeuernd und begeisternd, immer aber unwiderstehlich auf das Volk von Boston einwirkten. Der Erstere, Otis, war gebürtig aus Barnstable, einer alten Stadt auf Cape Cod, und seine leidenschaftliche Natur scheint Nahrung gesogen zu haben aus den wilden Stürmen und den erhabenen Bildern des Oceans, in dessen Angesicht er aufwuchs. Mit der ganzen Energie seiner Feuerseele ergriff er die Sache des Volkes und behauptete seinen Posten an der Spitze der Patrioten, so lange er nur Kraft hatte, seine Stimme zu erheben. Der Lebensnerv in seinem Wesen war Haß und Opposition gegen jene Willkür-Herrschaft, die bereits einem englischen Könige den Kopf, einem andern den Thron gekostet hatte; dabei aber beseelte ihn eine so rein sittliche Begeisterung, daß er das theuerste Gut des Lebens zu opfern fähig war, wenn das Vaterland es gebot. Seine Reden rissen hin, entflammten, überwältigten. Wohl niemals hat das Gewölbe von Faneuil-Hall von ergreifendern Worten wiedergehallt, wie an jenem Tage, da James Otis die göttliche Gerechtigkeit anrief als Bundesgenossin der Sache der Volksfreiheit. – Eine Persönlichkeit von anderem Gepräge war Samuel Adams. Seine Erscheinung in den Versammlungen von Faneuil-Hall glich der eines Propheten. Er beherrschte die Meinung des Volkes durch den Ernst und die Tiefe seiner Ueberzeugung, durch die Würde seiner Rede und seines Benehmens, durch die Reinheit und Uneigennützigkeit seines Wandels. Jefferson nennt ihn einen großen Mann, weise im Rath, fruchtbar an Mitteln, unerschütterlich in seinen Vorsätzen. In Boston geboren, war Adams im Glauben und den Gebräuchen der Puritaner erzogen und blieb ihnen zeitlebens treu. Reichthum, Ehren, Ruhm hatten keinenReiz für ihn. Aus innerem Antrieb aber widmete er sich der Sache des Vaterlandes. Seine Liebe zur Freiheit war gegründet auf den Felsen seiner Ueberzeugung, und nichts vermochte diese zu erschüttern. Dabei war er frei von jener Rauhheit und Strenge der Gemüthsart, die mit ähnlichen Charakterzügen so oft verbunden ist. Von seinen Lippen flossen die Worte der Ueberredung. Keinem lauschte man in den stürmischen Versammlungen von Faneuil-Hall mit größerer Aufmerksamkeit als ihm. Mit dem vollen Glauben an seine Person nahm das Volk seine Darlegungen auf, und selten wurde von ihm eine Maßregel in Vorschlag gebracht, die man nicht beifällig angenommen hätte.
Die Volksversammlungen unter der Leitung solcher Männer mußten bald bedeutungsvoll werden. Die erste wichtigere wurde durch die Nachricht veranlaßt, daß das britische Ministerium eine Truppenabtheilung nach Boston zu legen beabsichtige. Sie fand statt am 12. September 1768. Bei der Liebe zu religiösen Gebräuchen, welche der puritanischen Bevölkerung Bostons eigen ist, wurde dieselbe mit feierlichem Gebet eröffnet. Einer der hervorragendsten Geistlichen jener Tage, der beredte Cooper, gleich sehr erfüllt von Patriotismus wie von Frömmigkeit, [78] legte die Leiden des Vaterlandes vor dem Throne des Himmels nieder und verknüpfte auf diese Weise die Sache des Volks mit Gottes Gerechtigkeit. Präsident der Versammlung war Otis. Nach allgemeinem Beschluß wurde eine Deputation, Samuel Adams an der Spitze, an General Gage, den Befehlshaber der englischen Truppen, abgesandt, um nach den Gründen zu fragen, aus welchen ein Truppenkörper nach Boston beordert sei. Die Antwort des Generals war unbefriedigend; er machte Ausflüchte, gab vor, in die Absichten der Regierung nicht eingeweiht zu sein. Die Stadt Boston wollte indessen nicht länger auf’s Ungewisse hin warten, und sofort wurde eine zweite Versammlung in Faneuil-Hall veranstaltet. Jetzt traf man ernstere Maßregeln. Man wählte Abgeordnete zu einem Generalkonvent, um über den Frieden und die Sicherheit der Provinz zu berathen, und forderte in einem Rundschreiben alle Städte einzeln auf, ebenfalls Deputirte zu schicken. Zugleich empfahl man dem Volke, sich „männiglich mit wohl eingerichteten Schießgewehren und der nöthigen Munition auf alle Fälle zu versehen“.
Noch ein wichtiges Ereigniß aus der Vorgeschichte der Revolution, das zu Faneuil-Hall in genauester Beziehung steht, wollen wir erwähnen: das Blutbad vom 5. März 1770. Die englischen Truppen waren bereits seit einem Jahre in Boston eingezogen, aber Frieden und Ruhe war nicht mit ihnen eingekehrt, und eine feindselige Gesinnung herrschte fortwährend zwischen dem Militär und den Bewohnern der Stadt. Die Folge davon waren zahlreiche Reibungen zwischen beiden Parteien, bei deren einer – es war am 22. Februar des genannten Jahres – ein junger Mann aus dem Volke war getödtet worden. Das Leichenbegängniß desselben gab den Bürgern wiederum zu einer großartigen Kundgebung ihrer patriotischen Gesinnungen Anlaß. Ausgehend vom berühmten „Freiheitsbaum“, den man wie ein heiliges Symbol geschmückt hatte, und an dessen Fuß der Sarg auf einer Bahre ruhte, bewegte sich der Zug feierlich und würdevoll durch die Hauptstraßen der Stadt. Inschriften, die Freiheit verherrlichend und voll Haß gegen die Tyrannei, waren am Sarge angebracht. 500 Schulknaben schritten demselben voran; 6 derselben, die Kameraden des Gefallenen, halfen das Bahrtuch tragen. Eine große Anzahl von Bürgern folgten zu Fuß den klagenden Verwandten; Reichere beschlossen in 40 Wagen den Trauerzug. Diese Scene, welche der in den Herzen des Volkes schon lange brennenden Flamme neuen Brennstoff zuführte, war das Vorspiel zu ernsteren Auftritten. Die Erbitterung des Volkes wuchs und erreichte den höchsten Grad. Die Morgenblätter des genannten verhängnißvollen Tags (5. März) enthielten Berichte von mannichfachen Zusammenstößen zwischen Volk und Militär. Alles schien auf eine Katastrophe hinzudrängen. Die britischen Offiziere, einen Ausbruch fürchtend, ließen die Truppen früher als gewöhnlich ihre Quartiere beziehen. Gegen 9 Uhr Abends geriethen einige junge Leute mit einem Wachposten zusammen; man wurde handgemein, und einer der ersteren erhielt eine leichte Kopfwunde. Der Lärm hatte bald einen Haufen Menschen auf dem Platz versammelt, die Aufregung [79] stieg, die Straßen füllten sich mehr und mehr, und als jetzt vollends die Glocken zu läuten anfingen, strömte das Volk von allen Seiten bei. Die Menschenmassen drängten dichter auf das Militär ein; man warf nach ihnen mit Holz und Schneeballen. Da fordern ein paar unberufene Stimmen sie auf, zu feuern. Die Soldaten, in der Meinung, das Kommando gehe von ihren Offizieren aus, und ohne Zweifel gereizt durch wiederholte Beleidigungen, gaben Feuer. Zwei oder drei schossen in die Luft, die übrigen verfehlten ihr Ziel nicht. Drei Männer blieben auf dem Platze todt; zwei andere erhielten tödtliche Wunden, an denen sie binnen Kurzem starben; noch andere wurden schwer verletzt. Jetzt kannte die Wuth des Volkes keine Grenzen mehr. Andern Morgens Volksversammlung in Faneuil-Hall! Alles eilte hin, die weite Halle war noch nie so gedrängt voll gewesen. Wie früher, eröffnete auch diesmal der patriotische Prediger Cooper mit andächtigem Gebete die Versammlung. Dann nahm das Volk die Sache in seine eigenen Hände und schritt, dem vor den Thoren stehenden Heere zum Trotz, zur Untersuchung der Vorgänge am verflossenen Abend, Verschiedene Zeugen wurden vernommen; es stellte sich heraus, daß tödtliche Drohungen von den Soldaten ausgegangen waren. Man stellte das Votum, „daß die Stadt unter allen Umständen von den Soldaten befreit werden müsse“ – und eine Deputation ging ab, dem Befehlshaber der Truppen und den königlichen Civilbehörden dieses entschiedene Verlangen vorzutragen. Wirklich erreichte man seinen Zweck. Der kommandirende Offizier gab sein Wort darauf, daß die Truppen zurückgezogen werden sollten, und die Stadt sah sich bald von ihrer lästigen Bürde befreit.
Wir verfolgen nicht weiter die einzelnen Ereignisse, welche die Volksversammlungen in Faneuil-Hall als eine Vorschule der Revolution erkennen lassen, und berühren nur noch mit wenigen Worten die übrige Geschichte des Gebäudes. Seine Entstehung verdankt Faneuil-Hall einem französischen Hugenottenabkömmling, der, mit irdischen Gütern reich gesegnet, sein Glück im Wohlthun und in heilbringenden Stiftungen fand. Er ließ das Gebäude in den Jahren 1740–42 errichten und machte es der Stadt zum Geschenk, um sie mit einem angemessenen Marktplatz zu versehen, an dem sie bisher noch Mangel gelitten. Dieses ursprüngliche Gebäude wurde 20 Jahre später ein Raub der Flammen, von der Stadt jedoch sogleich wieder neu aufgebaut und endlich 1805 durch Anbauten und Hinzufügung eines dritten Stockes vergrößert. Nun hat es etwa 100 Fuß Länge und 80 Fuß Tiefe. Von den drei Geschossen wird das untere durch Waarenläden verschiedener Art eingenommen; im zweiten Stock befindet sich die große Halle von 76 Fuß in’s Geviert, 28 Fuß hoch, mit Gallerien, die auf dorischen Säulen ruhen. In dieser Halle, dem Schauplatz der Volksversammlungen, hängt Washingtons lebensgroßes Bildniß. Im dritten Stocke befindet sich ein geräumiger Saal, in welchem die Landwehr sich in den Waffen übt.
Seinem, vom Gründer ihm vorgeschriebenen Zweck: für alle Zeiten den öffentlichen Angelegenheiten gewidmet zu sein, hat man das ehrwürdige Gebäude treu erhalten. Alles, was seit 80 Jahren, auch nach der Revolution, [80] in Nordamerika’s Freistaaten sich Großes begeben hat, fand in Faneuil-Hall einen Widerhall; jedem Gefühl gaben dort große Redner einen Ausdruck; alle Parteien haben dort ihre Lehren und Ansichten auseinander gesetzt. Noch gegenwärtig ist Faneuil-Hall Zeuge der Triumphe der Beredsamkeit und des Patriotismus, und bei Gelegenheit irgend großer und wichtiger Fragen versammelt sich in seiner Halle die Bevölkerung Bostons. Wollt ihr eine Volksversammlung kennen lernen, die euch einen Begriff von der „strammen Demokratie“ der alten Zeiten gibt, da irgend ein großer Redner mit „unwiderstehlicher Beredsamkeit“ das Volk hinriß, so tretet ein in Faneuil-Hall am Abend irgend einer wichtigen Wahl. Dann ist die weite Halle von einer wogenden Menschenmenge bedeckt, wie von einem „Meer von Köpfen“, Stunden lang geduldig lauschend einem Lieblingsredner des Tages, oder den Moment abpassend, bis irgend ein weiser Nestor ihrer Partei die Tribüne besteige. Die Gallerien sind von einer lebhaften, ungeduldigen und vorlauten Menge von Zuhörern und Recensenten erfüllt – während die milden Züge Washingtons von der Leinwand herabschauen auf das leidenschaftliche Getreibe der Parteien, als ob kein Sturm jemals die majestätische Ruhe seiner Seele trüben könne. Möge, wie in alter Zeit, immer nur die Wahrheit und das Recht den Sieg davon tragen in Faneuil-Hall! Möge man noch lange in seinen geweihten Mauern die Beredsamkeit des Herzens vernehmen, die Gedanken großer und edler Geister, die Weisheit erleuchteter Menschen! Möge man nie vergessen, daß die Atmosphäre der Freiheit Lebensbedingung ist für alle nationale Wohlfahrt!