Fiume (Meyer’s Universum)

Japan Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band (1860) von Friedrich Hofmann
Fiume
Eastport
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FIUME

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Fiume.




Unser Bild führt uns zu einem jener alten Völker des europäischen Ostens, welche ihrem Tag noch entgegen gehen, zu den Ungarn und Südslaven Oesterreichs. Wer an das Schicksal dieser Völker denkt, den nimmt es nicht Wunder, daß ihre heimathlichen Lieder nur tiefe Klagen athmen und ihre Melodien in Moll ertönen. Von drei Despotenreichen eingeschlossen und in eng geketteter Abhängigkeit gehalten, haben Ungarn und Südslaven Jahrhunderte lang unsägliches Elend erduldet. War erst der Türke der gefürchtete Verheerer ihrer Länder und konnte nur die unermeßliche Fruchtbarkeit des Gebiets der vier Ströme es verhüten, daß sie nicht gänzlich zur Wüste wurden, so erstand ihnen in der darauf folgenden österreichischen Herrschaft ein noch gefährlicherer Feind, der Unterdrücker ihres nationalen Charakters. So weit das Gebiet der Pforte an Oesterreich grenzt, wohnen dies- und jenseits der Grenzen sprach- und stammverwandte Völker. Eine gesunde, naturgemäße Staatsleitung hätte es zu ihrer Aufgabe machen müssen, diese von den Türken auf das Grausamste mißhandelten Stammgenossen des eigenen Reichs um so mehr unter ihren Schutz zu nehmen, als damit zugleich christliche Sympathien zu gewinnen waren. Statt dessen, wie man im eigenen Lande jeden einzelnen Erhebungsversuch jener Nationen mit eiserner Ruthe niederstreckte, so begegnete man auch den Befreiungsversuchen der gepeinigten Nachbarn und hetzte sie so geflissentlich in den allezeit offenen Schooß Rußlands. Innerhalb der eigenen Grenzen beging man einen noch schlimmern Dienst: man suchte mit Hülfe des österreichischen Deutsch aus den verschiedenen Nationalitäten der Monarchie einen Einheitsstaat herzustellen. Das Deutsche sollte die Regierungs- und Armeesprache werden, aber die Völker faßten das anders auf. Diese fremde Sprache ward ihnen von herrischen Beamten und rohen Soldaten-Zuchtmeistern entgegen gebracht, und mit Verachtung und Haß wurde unser als Polizeisprache gebrandmarktes Deutsch von ihnen aufgenommen. Deshalb mußte dieses unnatürliche [38] Treiben seine Absicht nicht nur gänzlich verfehlen, sondern sogar zum direkten Gegentheile führen: man klammerte sich mit aller Kraft des Patriotismus im jugendlichen Volksherzen an die bedrohte Nationalität an. – Freilich, zürnte man, ist ein ganzes Waisenhaus voll der verschiedensten Kinder mit dem Zuchtstock leicht zusammen zu halten, aber zu einer in Treue und Liebe glücklichen Familie gehören nur einer Mutter Kinder! – So sind denn auch diese Völker allgemach in ein feindseliges Verhältniß zum Gesammtstaat getrieben worden, und Niemand darf ihnen deshalb einen Vorwurf machen; sie folgten dem einfachsten, aber gewaltigsten Zuge der Natur, für welchen eben die Staatenlenker ein feineres Gefühl haben sollten.

Oesterreich hat überhaupt seinen großen Beruf nie erkannt; das vor allen Herrscherfamilien Europa’s fast unwandelbar glückliche Haus trug zu schwer an der deutschen Kaisererbschaft, die es sammt allen Gefahren und Irrthümern angetreten. Der schlimmste derselben war aber die unaufhaltsame Sehnsucht, mit der es jedem Winke zur Machtentfaltung in Italien folgte. Auch darin folgte es einem gewaltigen, aber traditionellen Zug, der einen Theil seiner Erbschaft ausmachte, und wenn schon zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts redliche und gelehrte deutsche Männer in historischen und patriotischen Schriften eindringlich daran mahnten, welch immer sprudelnde Quelle von Unheil Italien von jeher für die deutsche Nation gewesen und wie die Erfahrungen der Vergangenheit Deutschlands Gebieter auf bessere Wege führen sollten, so hatten die braven Männer zwar Recht, aber sie schrieben nur Geschichte und die Fürsten machten sie – nach wie vor. Und doch ward wenigen Staaten ihr Beruf durch die Natur so deutlich gezeigt, wie der Oesterreichs durch seine Donau, die sein Strom, seine Pulsader, seine das Reich von einem Ende zum andern durchziehende Binnenstraße zu sein bestimmt ist, nicht aber seine Grenze.

Mehr als einmal war Oesterreich die Gelegenheit geboten, alle verwandten Völker südslavischer Zunge mit Ungarn unter seinem Scepter zu vereinigen, aber stets ließ es durch Rücksichten einer falschen Politik sich verleiten, das dort siegreich Erworbene wieder aufzugeben. Oesterreichs Beruf nach dem Osten ist älter, als Rußlands Größe; anstatt aber in diesem Rußland seinen gefährlichsten Feind der Zukunft zu ahnen und sich mächtige Freunde gegen dasselbe zu sichern, führte es gemeinsam mit ihm die Waffen und erntete zu seinem Schaden nach jedem Siege den Katzenantheil. Es hat Oesterreich außerordentliche Opfer gekostet, bis Rußland so groß und mächtig an den Mündungen der Donau ward, und es selbst zog sich dann mit absonderlicher Gemüthsruhe aus dem Osten zurück, als ob alle sogenannten civilisatorischen Rechte und Pflichten dort Rußland allein oblägen.

Desto eifriger streckte es nach zwei andern Seiten seine gewaltigen Fühlhörner aus: nach Deutschland und, mit noch mehr Vorliebe, nach Italien. In Deutschland beschränkte es sich darauf, den politischen Fortschritt zu [39] hemmen; dazu bedurfte es keines andern Mittels, als des in seiner Hand ruhenden Bundestags. Nach Italien sandte es die Kerntruppen aus seinen deutschen, ungarischen und slavischen Ländern, und diese Basis genügte, um seinen politischen Einfluß von Oberitalien an bis zur Spitze der Halbinsel aufzubauen. So stand allerdings Oesterreich als ein mächtiger Staat des Erdtheils da, gepriesen wegen seines trefflichen Heers und selbst mit seinem Haushalte auf dem Wege der Besserung.

Und einen solchen Staat wankend zu machen, genügte ein einziger Schlag. Wie war das möglich? –

Die Erklärung ist einfach. Oesterreich hat den Schwerpunkt seiner Macht, der Ueberlieferung getreu, zwar in Deutschland gesucht, aber nicht in den Sympathien der Nation, sondern, genau wie in Italien, im Bunde mit den Fürsten. Es war von je sein Grundsatz und sein Stolz, dem Volke nie „Koncessionen“ gemacht zu haben. Da kam die Zeit der Freundschaftsprüfung, und siehe: die Nation erhob für den bedrängten Bundesstaat ihr Wort, aber die Uneinigkeit der Fürsten verhinderte die That. – Da mußte Oesterreich fühlen, daß es um den Schwerpunkt seiner Macht gekommen sei: er war nicht mehr in Italien, er war nicht mehr in Deutschland. Aus Grundsatz stützte es sich nie auf die Völker, und die Fürsten hatten es verlassen. Wo nun Rettung suchen?

Gerade in diesem verhängnißvollen Augenblick ist es wiederum das sprüchwörtliche Glück des Hauses Oesterreich, welches ihm Hülfe herbeiwinkt, aber vielleicht zum letzten Mal: sein Beruf im Osten wird ihm als Weg zur Rettung, zu neuer Machtentfaltung deutlich von den Ereignissen selbst vorgezeichnet.

Es gibt kaum ein glänzenderes Zeugniß für die politischen Fortschritte der Völker während des letzten Decenniums, als die jüngsten Kundgebungen der ungarischen Nation. Die Völker an der Donau, wie an den Apenninen und diesseits der Alpen haben sich sämmtlich von dem Wahne der rothen Fahne befreit, ihr Streben ist ein ernsteres, würdigeres geworden: alle trachten nach nationaler Entwickelung und Aller erste Sorge ist demnach die Sicherung der nationalen Selbstständigkeit. Der erste zu diesem Ziele gethane Schritt konnte nur einer gereifteren politischen Einsicht entspringen: die öffentliche Verbrüderung der Ungarn mit den Slaven. Beide Nationalitäten, die noch im letzten Kriege alle Greuel der Barbarei gegen einander verübten, fühlen jetzt die Nothwendigkeit eines festen Zusammenhaltens. Die vielgepflegte Hinneigung der Südslaven zu Rußland ist bekannt, aber Ungarn ist Rußlands Feind, weil dies die einzige Macht ist, durch welche seiner Nationalität die Gefahr des Untergangs droht. Das dermalige Oesterreich kann ihm eben so wenig Schutz gegen Rußland bieten, als seine isolirte Selbstständigkeit dies thun würde; den rechten Schutz, die rechte Macht sieht Ungarn einzig und allein in der Gründung einer großen magyarisch-südslavischen Monarchie, und diese hält es, den Großmächten gegenüber, allein möglich durch Oesterreich. Mit andern Worten: Ungarn will, daß Oesterreich den Schwerpunkt der Monarchie aus Deutschland nach dem alten Ungarreiche verlege.

[40] Der Gedanke ist so groß, daß er nur der einer kühnen Nation sein kann; aber eben so kühn erfaßt und in That verwandelt, ist er auch fähig, eine vollständige Umgestaltung von Südost-Europa herbeizuführen. Wenn zumal Oesterreich mit seinen bisherigen drei größten Feinden, der Glaubensfreiheit, der Verfassungsfreiheit und der Nationalselbstständigkeit, sich nicht nur versöhnt, sondern recht innig verbindet, wenn es in der durch eine solche Verbindung wohlverdienten Liebe und Treue der Völker seine Kraft potenzirt fühlt, wenn es aber auch die Weisheit besitzt, das ihm für immer entfremdete, in seinem Staatskörper nur Gift erzeugende Venetien freizugeben, – dann wird sich längs der Donau und ihren Nebenflüssen eine staatliche Macht entfalten, welche keinen äußern Feind mehr zu fürchten hat, weil kein innerer Feind mehr mit Verrath und Abfall ihr droht. Eine solche Macht muß aber an der untern Donau stehen, denn nur eine solche kann, wenn demnächst der kranke Mann dahin geht, den Donauvölkern ihr Erbe sichern, d. h. den Ausbau des großen magyarisch-südslavischen Reichs, zwischen Balkan und Karpathen, Pontus und Adria vollenden. – Wie werden dann die Häfen dieser beiden Meere aufblühen, wie werden die öden Wasserbecken Dalmatiens, Croatiens, Rumeliens und der Moldau sich mit wetteiferndem Leben füllen, wenn die Ketten des Binnenlandes zerrissen sind und für Alles, was Gottes Segen und des Menschen Fleiß schafft, sich freie Bahnen zu Land und Meer eröffnen! Nur auf den Schultern der Freiheit können Reiche der Zukunft entstehen, nur auf ihnen können die alten sich noch erhalten.

Zu diesem Reiche der Zukunft würde auch der Gegenstand unseres Bildes gehören: Fiume würde als wichtigster Adriahafen desselben den Rang einnehmen, welchen seine Nebenbuhlerin, Triest, auf der andern Seite des illyrischen Dreiecks behauptet.


Fiume liegt reizend im Winkel des Quarnero, der hier ein breites Becken bildet, zwischen den istrischen und ungarischen Festlandufern und von der See her von den schönen Inseln Veglia und Cherso umgürtet ist: Platz genug für künftige Größe. Im Hintergrund erheben sich die Wände und Spitzen der Julischen Alpen, welche dem Bilde Fiume’s große Aehnlichkeit mit dem von Triest verleihen. Aber weniger seine Schönheit, als vielmehr die Gunst der Lage für Industrie, Handel und Schifffahrt verspricht dieser Stadt große Bedeutung. Schon jetzt, wo die reichen Länderstrecken von Ungarn und Croatien mit Fiume noch nicht durch Eisenschienen verbunden sind, vermittelt die Achse des Fuhrmanns einen starken dort mündenden Verkehr. Für große industrielle Anlagen bietet die Recina, welche aus der im Hintergrunde unseres Bildes angedeuteten Schlucht hervorströmt, [41] unerschöpfliche Wasserkraft, deren Ausnutzung ebenfalls erst begonnen hat. Ebenso dient der Fluß Fiumana, von dem dieStadt ihren Namen empfing, der Schifffahrt durch den großen Kanal, zu dem er benutzt ist.

Es wird wenige Städte in solcher Lage geben, die so ganz und gar um den größten Theil ihrer Geschichte gekommen sind. Ein Triumphbogen von 60 Fuß Umfang in einem Gäßchen des alten Kommunalpalastes, zu Ehren des Kaisers Claudius II., des Gothischen, errichtet, und Trümmer einer Mauer, die sich vom Calvarienberge bis weit in das Innere von Krain hineinzieht und hier die Grenzlinie des morgenländischen und abendländischen Kaiserthums gebildet haben soll, beide graue Zeugen deuten darauf hin, daß Fiume römische Kolonie war. Zu diesen kommt eine Stelle in Muratori’s Annalen Italiens, nach welcher der König der Hunnen und Avaren, Cacanus, bei Tersaticca den Herzog Lupo von Friaul in einer großen Feldschlacht geschlagen. Tersaticca soll aber Fiume in alter Zeit geheißen haben; Tersatto heißt jetzt noch das alte Schloß und die Kirche auf dem Fels im Hintergrund unseres Bildes. Damit sind aber auch alle historischen Quellen über Fiume erschöpft bis zum Jahre 1510. In diesem Jahre brachte die Unersättlichkeit Venedigs, das Nichts neben sich aufkeimen ließ, was nicht ihm unterthänig diente, der Stadt den Untergang. Der venetianische General Angelo Trevisan gab sie den Flammen und der Verwüstung Preis und seine Soldschaaren vollbrachten dies so vollkommen, daß alles Alte vertilgt, keine einzige Urkunde gerettet wurde, so daß mit der neuen Gründung nun auch die Geschichte der Stadt von Neuem beginnt. Man weiß nur noch, daß Fiume lange Zeit ein Lehen der Patriarchen von Aquileja, später anderer Herren war. Zu Oesterreich kam es unter Kaiser Friedrich III., regierte sich über drei Jahrhunderte lang nach eigenen Statuten, die der Stadt vom Kaiser Ferdinand I. 1530 verliehen wurden, und hielt sogar auf mehren fremden Plätzen seine eigenen Konsuln.

Der blühendste Betriebszweig Fiume’s in der Gegenwart ist der Schiffbau; es leistet allein darin mehr, als alle übrigen österreichischen Küstenplätze zusammengenommen. Im Jahre 1855 wurden 40 Schiffe von einem Gehalt von 13,000 Tonnen vom Stapel gelassen, und dabei stehen die hiesigen Schiffe hinsichtlich ihrer Tragfähigkeit, Schönheit und Schnelligkeit im vortrefflichsten Rufe. Die wichtigsten Handelswaaren sind, aus dem Hinterlande, Cerealien, Wolle, Bauholz etc., von der Industrie Fiume’s vor der Hand hauptsächlich Mehl, Papier, Tabak etc. etc.

Der Kaiserstaat ist bemüht, Fiume in jeder Weise zu heben, und daß die Stadt dies anerkannt hat, zeigt ein schöner Brunnen mit des Kaisers Bildsäule. Im Jahre 1857 wurde die Marine-Akademie von Triest hieher verlegt; ein Militär-Erziehungsinstitut bestand schon. Neben diesen Bildungsanstalten besitzt Fiume noch ein Ober- und Untergymnasium, eine gute Bibliothek, eine Elementar-Hauptschule und eine Unterrealschule, sowie das nautische Institut, das Handels- und nautische Privatkollegium.

[42] Im Innern der Stadt tritt uns das Straßenleben in derselben Buntheit und Vielgestaltigkeit entgegen, wie wir es von Triest geschildert haben, nur daß das slavische Element der Volkssprache hier vorherrscht, während im Handel und Wandel von Triest das Italienische fast allein gehört wird. Das den Hintergrund überragende Felsenschloß hat Graf Nugent restaurirt und ihm durch Anlegung einer historischen und Naturaliensammlung Sehenswürdigkeit verliehen. Auf den Platz, wo wir die Kirche neben der Burg erblicken, hatte die Legende das berühmte Haus der Maria versetzt, welches „beim ersten Morgengrauen des 10. Mai 1291 von Engeln aus Palästina durch die Luft getragen und erst nach 3 Jahren von da, mit Mauern und Dach, gen Loreto entrückt ward“. Diesem Gnadenwunder wurde natürlich eine Kirche gestiftet, die sehr reich an kostbaren Geschenken von Gläubigen der entferntesten Länder ist, zumal sie das „Originalbildniß“ der Madonna vom Evangelisten Lucas besitzt und zur Verehrung ausstellt.

Der Ungläubige entschädigt sich leicht für die ihm abgehende Erbauung an diesen Herrlichkeiten mit einem Blick auf Fiume: in der Nähe der Mündung der Fiumana liegt ein grüner Hain, Scoglietto genannt, der anmuthige Lustwandelort der Fiumaner, weiter windet die Stadt selbst sich hin, die Campagnen steigen die Bergwände hinan, weiter das Thal, die schönen Straßen längs des Meers, der Hafen mit seinem geräuschvollen Leben, und in der Ferne die herrlichen Inseln des Quarnero, der Berg Caldiero, der Monte Maggiore in Istrien, von dessen Gipfel man bei heiterer Luft mit einem guten Fernrohre den St. Marcusthurm von Venedig erschauen kann. Auf dieser Stelle werden immer Herz und Auge sich laben, mag auch vor dem „authentischen“ Marienbild auf die Kniee sinken, wer will, und die Zukunft der Stadt und der Lande hinter ihr bis zum Pontus das Schicksal schmieden, wie es will.