Japan (Meyer’s Universum)
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SIMODA IN JAPAN
Japan, das schöne Reich des Sonnenaufganges, – denn das ist die Bedeutung des Wortes Nipon, – mit seinen 3511 Inseln, hat seit nun fünf Jahren den Nordamerikanern und Europäern seine Thore eröffnet. Lange waren sie verschlossen, nur an einem Außenwinkel, ganz im Süden, gestattete die nicht ohne Grund mißtrauische Politik des Kaisers, welcher in Jeddo thront, den Holländern einen sehr beschränkten Verkehr, und auch die Chinesen durften alljährlich nur mit einer genau bestimmten Anzahl von Handelsschiffen japanische Häfen besuchen. Japan wollte und konnte sich selbst genügen, blieb freiwillig abgeschlossen von der Außenwelt, wurde in keine Kriege mit derselben verwickelt und erfreute sich eines in vieler Beziehung sehr beneidenswerthen Wohlstandes.
Aber dem Umschwunge gegenüber, welchen der Weltverkehr in unseren Tagen durch den Dampf und die Telegraphen erfahren hat, konnte die Vereinzelung und Absperrung Japans nicht ferner behauptet werden, und sie hatten auch unter ganz veränderten Verhältnissen ihre Berechtigung verloren. Als nun die kühnen Seefahrer aus dem Abendland erschienen und an die Pforten Japans pochten, wurden diese aufgethan; hätte man sie nicht mehr oder weniger gutwillig geöffnet, so würden sie gesprengt worden sein. Wer würde noch vor wenigen Jahren [28] geglaubt haben, daß eine aus Prinzen bestehende Gesandtschaft des japanischen Kaisers Nordamerika und Europa besuchen würde! Eben jetzt rüstet sie sich, um auf der Powhatan, einem Kriegsdampfer der Vereinigten Staaten, sich einzuschiffen, der sie nach der Westküste Nordamerika’s bringen soll, von wo sie die Vereinigte Staaten-Regierung feierlich einholen und nach Washington geleiten wird, wo sie im März dieses Jahres eintreffen soll.
Die Japaner bilden eines der interessantesten und gebildetsten Völker der Erde. Sie gehören jener Menschengruppe an, welche man unter der Gesammtbezeichnung der mongolischen Raçe zusammenfaßt. Diese begreift den dritten Theil des Menschengeschlechts, sie lagert sich mit ihren etwa vierhundert Millionen Seelen über den größten Theil des Nordens von Asien hin und nimmt auch den ganzen Osten und Südosten dieses größten aller Erdtheile ein. Sibirien und China, Siam und Birma, Tonkin, Kambodscha und Annam, die weite Mongolei, die Mandschurei und Japan, alle diese ungeheuren Länderstrecken vom Polarmeere bis weit über den Wendekreis hinaus, beherbergen Menschen, deren Körpergestaltung und Gesichtsform sie als Angehörige einer großen und eigenartigen Menschengruppe erscheinen läßt. Allerdings finden wir innerhalb dieser Raçe viele Abstufungen im Ausdrucke des Antlitzes, in der mehr oder weniger dunkel gefärbten Haut, die vom lichten Weizengelb bis in’s Bräunliche und Kupferröthliche spielt; das Auge ist mehr oder weniger schräg geschlitzt, auch ist die geistige Anlage und die seelische Begabung bei den vielen Gruppen der zahlreichen Familien sehr verschieden. Es verhält sich mit den Völkern der mongolischen Welt ähnlich wie mit jenen unserer sogenannten kaukasischen Raçe, deren einzelne Gruppen, zum Beispiel Germanen, Romanen und Slawen, einen ganz verschiedenen Gang geschichtlicher Entwickelung genommen haben. Diese ist aber viel weniger durch geographische Verhältnisse bedingt worden, als durch die angeborene und urthümliche Anlage und Begabung, welche so wesentlich auf den Nationalcharakter einwirkt.
So verhält es sich auch in Asien. Wie verschieden vom Mongolen der Steppe ist sein Stammverwandter, der Chinese! Jener lebt noch heute als Nomade in der Wüste, ist ein Viehzüchter auf den Grasebenen, dieser hat seit Jahrtausenden ein geordnetes Staatswesen und mannichfach gegliederte bürgerliche Verhältnisse. Ein solches finden wir auch in dem alten Kulturreiche Japan, aber es weicht sehr wesentlich von der chinesischen Staatsordnung ab, und ist viel mannichfaltiger und lebendiger, wie denn auch das Inselreich von Natur ungleich vielseitiger gegliedert ist, als die kontinentale, einförmige Masse des chinesischen Landes.
Man hat Japan wohl als das asiatische Großbritannien bezeichnet, und in einigen Beziehungen kann man diesen Vergleich gelten lassen. Das japanische Volksleben ist wie verknöchert, Land und Volk sind unter allen asiatischen am wenigsten orientalisch; auch darf man die Herrschaft des Kaisers von Jeddo nicht als eine despotische bezeichnen, und die japanische Gesellschaft ist keineswegs öde und einförmig, wie in andern asiatischen [29] Staaten, in denen lediglich der Wille eines Einzelnen gilt. Japan hat eine einflußreiche politische Aristokratie der Geburt, welche den Chinesen fehlt; diese haben dagegen die Bureaukratie bis auf das äußerst Mögliche hinaufgeschraubt. Das Volk in Japan erfreut sich gesetzlich festgestellter Rechte, wie denn überhaupt im Lande die Herrschaft des Gesetzes gilt, und nicht jene der Willkür. Schon aus diesem Grunde müssen wir dem Reiche Japan einen gebührenden Platz unter den civilisirten Staaten anweisen. Nicht bloß in materieller Entwickelung sehen wir die Japaner auf einer sehr hohen Stufe, sie gehören nicht bloß zu den besten Ackerbauern, Gärtnern und Gewerbsleuten in der Welt, sondern nehmen auch in Bezug auf geistige Ausbildung einen hervorragenden Rang ein. Ihre Literatur ist reich und mannichfaltig, sie zeigen einen sehr feinen und ausgebildeten Sinn für die schönen Künste, sie sind regsam, erfinderisch, tapfer als Krieger zu Lande und unerschrocken auf der See, ihr Familien- und Gesellschaftsleben bietet mannichfache Uebereinstimmung mit unseren europäischen Verhältnissen.
Griechen und Römer waren ohne Kunde von diesem fernen Lande; erst im späten Mittelalter drangen einige Angaben über dasselbe durch den venetianischen Reisenden Marco Polo nach Europa. Als in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Portugiesen und mit ihnen die Jesuiten nach Japan kamen, waren sie in hohem Grade betroffen über die Vortrefflichkeit von Regierung und Volk in jenem östlichen Inselreiche. Der heilige Xaverius nannte die Japaner in einem Briefe an Ignaz Loyola „sein Entzücken und seine Herzensfreude.“ Als die Europäer erschienen, wurden sie gastlich empfangen und willkommen geheißen, das ganze Land stand ihnen offen und sie durften in jedem beliebigen Hafen Handel treiben. Noch mehr, es war ihnen nicht verwehrt, Grundeigenthum zu erwerben, Häuser zu bauen und ihre Religion nicht nur frei auszuüben, sondern dieselbe nach Belieben unter den Eingeborenen zu predigen und zu verbreiten. Die japanischen Kaiser zeigten sich duldsam und aufgeklärt, während Europa von Religionskriegen zerfleischt wurde und Herzog Alba in den Niederlanden wüthete. Japan befolgte eine freisinnige Handelspolitik, als Europa nur Monopole und Privilegien und Ausschließungen kannte. Die Lehre der Christen gewann schnell viele Bekenner, deren Zahl nach einigen Jahrzehnten schon auf einige Millionen angewachsen war. Der Kaiser hatte erklärt: „Es kommt mir nicht darauf an, ob eine Religion mehr im Lande verkündigt wird, da deren ja schon 32 vorhanden sind.“ Aber die christlichen Mönche wurden bald übermüthig, ihre Anhänger bildeten eine politische Partei, und die Jesuiten strebten danach, die Krone auf das Haupt eines ihnen ergebenen Prinzen zu sehen. Der Kaiser erfuhr von den Uebergriffen und Gewaltthätigkeiten, welche die Spanier und Portugiesen sich in andern Ländern Asiens und in Amerika zu Schulden kommen ließen; er sah in den europäischen Priestern nur noch Aufwiegler und wurde in dieser Ansicht von den protestantischen Engländern und Holländern bestärkt. Endlich brach ein Verfolgungskampf gegen die Christen aus, der zu einem Vernichtungskriege wurde. Nach entsetzlichen Grausamkeiten wurden die Christen völlig ausgerottet.
[30] Es muß aber wohl beachtet werden, daß diese Verfolgung nicht etwa ein Ausfluß religiöser Unduldsamkeit war, sondern daß sie einer politischen Partei galt, welche der Herrscher für staatsgefährlich hielt. Die Fremden waren Ruhestörer und deshalb wurde beschlossen, sie alle von dem Inselreiche fern zu halten, mit alleiniger Ausnahme der Holländer, welche für ungefährlich galten, weil sie sich nicht um die inneren Angelegenheiten des Reiches bekümmerten, sondern nur Handel trieben. Ihr Gouverneur schrieb an die Regierung: „Wenn Seine Majestät den Entschluß gefaßt haben sollten, keine Christen mehr in Ihr Land einzulassen, um dort Handel zu treiben, so werden wir uns danach einrichten, sobald wir es wissen; wir sind bereit zu gehen und zukommen.“ Sie durften bleiben. Nichts desto weniger wurden sie mit großem Mißtrauen überwacht und ihr Handel allmählig mehr und mehr eingeschränkt. Anfangs konnten alljährlich zehn mit Waaren beladene Schiffe nach Firando kommen, um zu handeln; später wurde dieser Hafen ihnen verschlossen und man beschränkte sie auf die kleine Insel Dezima bei Nagasaki, wohin sie jährlich nur zwei Schiffe senden durften. Die japanische Regierung steigerte allmählig die Einfuhrzölle, überwachte den Verkehr ängstlich und unterwarf die Holländer manchen lästigen Förmlichkeiten.
Nachdem der Kaiser sein Hausrecht geübt und gefährliche Gäste entfernt hatte, war Japan auf sich selbst angewiesen und von der übrigen Welt so gut wie abgeschlossen, denn auch die Chinesen durften, wie schon bemerkt, jährlich nur eine bestimmte Anzahl von Schiffen schicken. Nun hätte man meinen können, daß durch eine solche Absperrung von der Außenwelt die japanischen Zustände versumpft oder verknöchert wären, aber gerade das Gegentheil ist der Fall gewesen. Unter dem Schutze eines zweihundertjährigen Friedens schwang die Kultur des in seiner ganzen Anlage tüchtigen Volkes sich zu einer solchen Höhe empor, daß dasselbe als das gebildetste Asiens da steht. Es verschaffte sich durch die Entwickelung des eigenen Kunstfleißes den größten Theil der Bedürfnisse, welche es früher von anderen Völkern erhalten hatte, und machte in der Industrie großartige Fortschritte; die Roherzeugnisse stiegen an Werth, Landbau und Gewerbe blühten empor, der Anbau von Baumwolle, Zucker, Seide und Färbestoffen nahm zu, der Wohlstand ist bis heute unablässig gewachsen. Japan bildete eine Welt für sich allein.
Und wie haben nun die zahlreichen Europäer und Nordamerikaner, welche während der letztverflossenen Jahre dieses schöne und fruchtbare Inselreich besuchten, die Zustände Japans gefunden? Alles, was sie sahen, überraschte sie und flößte ihnen Achtung ein; sie fließen über vom Lob des Landes und Volkes, so sehr übertrieben, daß es uns mit zu glänzenden Farben aufgetragen erscheint. Gewiß ist, daß die Japaner keine Barbaren sind, sondern ein hochgebildetes, für allen Fortschritt empfängliches Volk; die Engländer erklären, daß man sie nicht anders denn als „Gentlemen“ bezeichnen könne. Alle Beobachter stimmen dahin überein, dieses Volk sei voll [31] Erfindungstalent von Mark und Kraft, geistig reich begabt, gewerbsam, fleißig, voll Geschmack und mit einem hohen Sinne für Zierlichkeit ausgestattet, ausdauernd, duldsam, wißbegierig, scharfsinnig, erfüllt mit Achtung vor Wissenschaft und Kunst. Aber der Japaner ist auch stolz, ehrgeizig, rachsüchtig; im Verkehr findet man ihn rechtschaffen, er beobachtet den Anstand mit großer Förmlichkeit; er ist ungemein sauber, und bei dem allgemeinen Wohlstand ist die Zahl der Bettler gering. Jedermann lernt lesen und schreiben.
Wir haben besonders hervorzuheben, daß unter allen Asiaten nur allein die Japaner eine Gesellschaft im europäischen Sinne kennen. Nur bei ihnen hat die Frau eine nicht unwürdige Stellung; sie ist nicht Dienerin des Mannes, sondern dessen Hausfrau, Gattin und Lebensgefährtin, und wird mit Achtung behandelt. Japan kennt ein Familienleben, und auf die Erziehung der Töchter wird Sorgfalt verwandt. Allerdings haben manche reiche Leute mehr als eine Frau, aber die erste Frau ist Herrin des Hauswesens und die Einweiberei überwiegt bei weitem die Polygamie. In China gilt das Weib für gar Nichts, das Gesetz nimmt keine Kunde von ihm, außer um drückende Verfügungen einzuschärfen. Der Chemann darf seine Frau schlagen, kann sie Hungers sterben lassen, verkaufen oder auf eine ihm beliebige Zeit vermiethen; die Knechtschaft der chinesischen Frau ist im Hause und im öffentlichen Leben gleichsam dreifach besiegelt. Aber in Japan erweist man ihr Ehrerbietung, sie hat eine gewichtige Stimme in allen Angelegenheiten des Hausstandes abzugeben und die freie Bewegung bleibt ihr unverkümmert. Sie ist nicht von der Gesellschaft ausgeschlossen, sondern bildet einen wesentlichen Bestandtheil derselben. Die Japanerin hat nicht selten feine Formen, sie zeigt große Lebhaftigkeit, ohne den Anstand zu verletzen, tritt sicher auf und ihr liebenswürdiges Temperament wird allgemein gerühmt. Freilich ist es ein in den Augen des Europäers häßlicher Brauch, daß die Japanerin, sobald sie sich verheirathet hat, die Zähne schwarz färbt; auch ist sie nach unsern Begriffen zu klein, um uns schön zu erscheinen; das starke Einbinden vermittelst breiter Gürtel wirkt nachtheilig auf das Ebenmaß des Wuchses und gibt den Füßen eine Haltung nach einwärts; die Japanerin hat deshalb keinen hübschen Gang. Aber das Mädchen prangt in frischer Farbe, und der Teint ist durchschnittlich nicht eben viel dunkler wie bei den Südeuropäerinnen.
Auch führen die Japanerinnen ein geselliges Leben. DerMann hindert die Hausfrau und seine Töchter nicht, den Freundinnen Besuche zu machen; sie gehen spazieren, denn man verkrüppelt ihnen die Füße nicht, wie in China, und lassen sich von einer Dienerin begleiten oder in einer Sänfte tragen. Betrachten wir uns eine Dame der mittleren oder höheren Stände in einer Theegesellschaft. Nachdem sie eingetreten ist, reicht man ihr die Tabakspfeife, denn auch die Damen rauchen; es gehört zum guten Ton, daß die Frau vom Hause der Freundin, welche zum Besuche kommt, die gestopfte Pfeife anrauche und mit verbindlichen Worten überreiche. Dann wird der Thee gegeben, welchen die Japanerin sehr sorgfältig bereitet. Sie nimmt die feinsten Blätter von der [32] ersten Pflückung, die Frühlingsknospen des Strauches, läßt diese trocknen und zu Pulver zerreiben. Von diesem reicht ein Löffel voll für eine Kanne aus. Man gießt siedendes Wasser auf und schlägt die Mischung mit einem mehrfach gespaltenen Bambusstäbchen, bis Schaum an der Oberfläche erscheint. Das Getränk hat dann einen köstlichen Duft, ist aber sehr erhitzend. Man hält viel auf alterthümliches Geschirr, Rococcotassen und Töpfe; man macht mit schweren silbernen Löffeln Staat, gerade wie bei uns; die kleinen Servietten sind von Seide. An der Wand des Zimmers hängt das Gemälde eines Kranichs, denn dieser Vogel ist ein Sinnbild des Glückes; und eben so wenig fehlt das Porträt des Zauberers Darmi, denn er ist Schutzherr der Theebereitung. In den Theegesellschaften haben auch Herren Zutritt, sie rauchen und trinken Sakki, japanisches Reisbier, das warm genossen wird. Es ist eine Eigenthümlichkeit des Volkes, daß es eine Abneigung gegen kalte Getränke hat. Den jüngeren Damen liegt es ob, die Anwesenden zu erheitern, sie spielen die Zither und singen dazu. Bei festlichen Zusammenkünften herrscht große Fröhlichkeit, und Liebhabertheater fehlen nicht. Namentlich in der Winterzeit drängt eine Gesellschaft die andere, aber Karten spielt man nicht. Pfänderspiele dagegen sind beliebt. Handschuhe kennt die Japanerin nicht; des Fächers weiß sie sich mit großer Gewandtheit zu bedienen, trotz der ungraziösen schweren Schuhe, mit welchen sie am Boden hinschleift; im Hause vertauscht sie diese unbequeme Fußbekleidung mit leichten, zierlich geflochtenen Strohpantoffeln. Leider legt die Japanerin weiße Schminke auf Brust und Hals und die Lippen werden roth gefärbt. Mit Ohrringen, Spangen, Armbändern und Fingerreifen befaßt sie sich nicht, aber auf den Kopfputz verwendet sie große Sorgfalt. Die Zimmer sind einfach, in ihnen darf Nichts überladen sein; man hält auf geschmackvolle Matten und Fußteppiche, auf eine ansprechende Verzierung der Decke und des Getäfels, und das ganze Haus macht einen saubern, behaglichen Eindruck.
Ueber Jeddo, die kaiserliche Residenz, entnehmen wir dem Briefe eines Engländers, welcher Lord Elgin dahin begleitete, im Auszug Folgendes: „Die prächtige Lage der Stadt und ihr stattliches Aeußere konnten wir nicht weniger bewundern, als die allenthalben musterhafte Ordnung im Innern, die trefflich gehandhabte Polizei. Die ungeheure Volksmasse, welche in den Straßen dieses zweiten London wogte, war durchgängig sauber und von Wohlstand zeugend; nirgends fanden wir Spuren von Armuth oder Verfallensein. Amtswohnungen und Tempel zeichnen sich durch gefällige Bauart aus, die viele Meilen langen Hafenbauten durch Solidität und Zweckmäßigkeit. Wir mußten uns mit Beschämung sagen, daß bei den Japanern die Batterien und das Geschütz besser gehalten waren, als jene zu Malta und Portsmouth noch vor wenigen Jahren. Häufig begegneten uns Edelleute mit ihrem Gefolge, und auch dabei trug Alles das Gepräge des höchsten Anstandes. In den kaiserlichen Kommissären fanden wir lauter sehr unterrichtete Männer; wir sahen, daß sie beflissen waren, alle kaiserlichen Befehle genau zu vollziehen, und doch in jeder Beziehung sich höflich, gerecht und verständig zu benehmen. Im [33] Bazar zu Nagasaki sahen wir die mannichfaltigsten Fabrikate, namentlich lackirte und Porzellangegenstände von solcher Schönheit und Vollkommenheit ausgestellt, wie sie in Europa nicht erreicht werden. Alle diese Artikel, sowie Glas, Kanonen und Dampfmaschinen läßt der Feudalfürst verfertigen, zu dessen Gebiet Nagasaki gehört. Die Japaner liefern vortreffliche Uhren, in Jeddo werden Barometer und Thermometer, sowie genaueste optische Instrumente verfertigt, und längst schon besitzt das Land elektrische Telegraphen; viele Fürsten haben dergleichen in ihren Palästen und wissen sich des Fernschreibens trefflich zu bedienen. Wir sahen bei Jeddo zwei Segelschiffe, die nach Muster der Klipper, aber lediglich von japanischen Zimmerleuten, ganz vorzüglich gebaut waren. Bessere Baumschulen als Japan hat ganz Europa nicht aufzuweisen und noch weniger so sorgfältig angebaute Aecker. Die Gärten sind wahre Juwele von Sauberkeit, kein Zweig ist außer Ordnung, jeder Gang vorzüglich gehalten, und etwas Lieblicheres als die japanischen Landhäuser kann ich mir gar nicht denken. Nehme man dazu das heitere, glückliche Volk, und man hat ein Bild, wie wir es wohl einmal im Traume, aber noch nie zuvor in der Wirklichkeit gesehen hatten.“
Der Art waren die Eindrücke, welche die Engländer empfingen. Wir können hinzufügen, daß alle Klassen sich den Ausländern freundlich genähert haben. Der Japaner sucht den Verkehr mit den Fremden und freut sich dessen; auch ist der Wunsch allgemein, daß die Regierung das Reisen in’s Ausland wieder freigeben möchte; denn seit länger als zweihundert Jahren (seit 1637) ist dasselbe verboten. Vor den Bürgerkriegen, welche durch die Missionäre und die einheimischen Christen erregt wurden, war das Wandern keinem Japaner verwehrt und japanische Fahrzeuge schifften bis in den bengalischen Meerbusen; aber die Regierung wollte alle Berührungen mit Europäern vermeiden, weil dieselben nur Unsegen für das Land gebracht hatten, und wir begreifen sehr wohl, weshalb sie sich mit unerschütterlicher Folgerichtigkeit gegen alle Zumuthungen der Ausländer, welche Einlaß und Zugang verlangten, ablehnend verhielt. Aber seit dem Anfang unseres Jahrhunderts klopften die Fremden unablässig wieder an die verschlossenen Pforten des Landes. Engländer und Franzosen, Dänen, Russen und Nordamerikaner erschienen mit Kriegsschiffen, und unter ganz veränderten Welt- und Handelsverhältnissen war die Absonderung des Inselreiches auf die Dauer nicht mehr durchzuführen. Japan sollte und mußte eröffnet werden, und diese Eröffnung steht in innigem Zusammenhange mit der neuen Bedeutung, welche die Südsee, der große Ocean zwischen Asien und Amerika, in unsern Tagen gewonnen hat. Dieses ungeheure Wasserbecken wird von der Behringsstraße bis in die Nähe des antarktischen Eismeers, von Centralamerika bis Australien ununterbrochen durch Tausende von Fahrzeugen belebt. Kein Punkt dieses ungeheuren pacifischen Gebietes bleibt unbesucht und alle Gestadeländer desselben werden durch ein unabwendbares Verhängniß in die große europäisch-amerikanische Bewegung hinein gerissen. [34] Dagegen hilft kein Widerstand, der ganze Zug der Zeit drängt darauf hin und zwingt den Asiaten im fernen Osten eine neue Rolle auf der Bühne der Kulturgeschichte auf.
Auch in Japan begriff man, daß man sich diesem Verhängniß nicht mehr entziehen könne. Früher war eine Abweisung der Fremden von Erfolg gewesen, als aber 1853 die Nordamerikaner in den japanischen Gewässern erschienen und entschlossen ihren Willen kundgaben, mit dem Kaiser einen Freundschafts- und Handelsvertrag zu schließen, trug dieser der gegen früher völlig veränderten Weltlage Rechnung und fügte sich, nicht wie die Chinesen, widerwillig und steifnackig, sondern in würdiger und angemessener Weise. Der Vertrag von Kanagawa, vom 31. März 1854, welcher den Nordamerikanern bedingten Zulaß gewährte, brach das Eis und eröffnete die Schleußen; Japan trat in Verkehr mit der übrigen Welt und damit in einen neuen Zeitabschnitt seiner Geschichte.
Dieser wichtige Vertrag enthält noch eine Menge vorsichtiger Klauseln, mit denen man vorerst Zeit gewinnen wollte, um sich auf Weiteres vorzubereiten, das nicht ausbleiben konnte. Man wollte den Uebergang zu einem ganz neuen System ohne große Störung in den bisherigen Verhältnissen vermitteln, und that wohl daran. Gleich nach den Nordamerikanern unter Commodore Perry erschien ein englisches Geschwader unter Admiral Stirling; mit diesem wurde am 14. Oktober 1854 zu Nagasaki ein Vertrag abgeschlossen. Am 9. November 1855 wurden den alten Freunden Japans, den Holländern, neue wesentliche Vortheile und Erleichterungen im Verkehr bewilligt; sie waren fortan nicht mehr auf die kleine Insel Dezima beschränkt, sondern konnten in der Stadt Nagasaki frei Handel treiben, ihren Gottesdienst ungehindert ausüben und Grundbesitz erwerben. Auch die Russen erschienen; nachdem sie den Chinesen das Land am Amur weggenommen hatten und unmittelbare Nachbarn der Japaner geworden waren, wurden sie von diesen sehr zuvorkommend empfangen; der Statthalter von Nagasaki eröffnete dem Admiral Putiatin, die kaiserliche Regierung sei entschlossen, fortan eine durchaus andere Richtung in Bezug auf den Verkehr mit dem Auslande zu befolgen. Sie wünsche, der neuen Politik gemäß, mit allen Seemächten ausgedehnte Verbindungen zu unterhalten und hege die Absicht, künftig auch Repräsentanten Seiner Majestät an den großen europäischen Höfen zu beglaubigen.
So sehen wir denn, daß Japan es versteht, mit den Thatsachen umzugehen, und Alles zu würdigen, was in den Umständen Zwingendes liegt. In den neuen Verträgen mit England vom 1. Juli 1859, mit Nordamerika vom 18. Juni 1858, mit Holland vom Oktober 1857, mit Rußland vom 28. Juli 1858, sind eine Menge von Beschränkungen weggefallen, welche noch in den frühern Traktaten enthalten waren. Am 1. Januar 1860 wurden noch mehr Häfen eröffnet, 1863 sollen deren noch einige dem freien Verkehr erschlossen werden. Von 1862 an dürfen Fremde sich auch in der Hauptstadt Jeddo niederlassen. Der Handel ist ungehindert, nur das verderbliche Opium darf nicht in’s Land gebracht werden. Die meisten Waaren, jene von Wolle und Baumwolle [35] eingeschlossen, zahlen nur fünf Procent Eingangsgebühr, und der Ausfuhrzoll für japanische Waaren ist nach demselben Verhältniß bemessen.
Japan hat die letzten fünf Jahre vortrefflich benutzt, um fortzuschreiten und den neuen Verhältnissen gewachsen zu sein. Es zeigt sich entschieden als ein Land des Fortschrittes, und nimmt von den Fremden manches Zweckmäßige an und auf. Zunächst nahm die Regierung holländische Ingenieure, Schiffs- und Maschinenbauer in Dienst, gründete eine Navigationsschule und ließ große Segelfahrzeuge und Dampfer nach den besten europäischen und amerikanischen Mustern bauen. An die Spitze stellte sie vier holländische Seeoffiziere und ließ für fünf Millionen Gulden Materialien aller Art für die neue japanische Kriegsflotte als Proben und Muster aus Holland kommen; seit 1858 kann sie aber der Beihülfe des Auslandes entbehren, da durch die Geschicklichkeit der einheimischen Werkleute Alles in derselben Vollkommenheit geliefert wird. Alle seit drei Jahren vom Stapel gelassenen Dampffregatten sind von Japanern allein gebaut worden und nur von ihnen allein bemannt. Mehre große Maschinenfabriken und Dampfhämmer sind in unausgesetzter Thätigkeit; als Arbeiter in denselben findet man viele Söhne aus vornehmen Familien; sie gießen Eisen, drehen, schmieden, feilen und setzen die Maschine zusammen. In der Gießerei zu Nagasaki steht das Modell eines Dampfers, welchen ein junger Japaner von Rang lediglich nach Zeichnungen, die er in einem holländischen Buche fand, eigenhändig verfertigt hat. Die holländischen Ingenieure waren über die vorzügliche Arbeit in nicht geringem Grad erstaunt; Alles war richtig und es bedurfte nur einiger geringer Nachbesserungen, um den Gang der Maschine zu beschleunigen. Eine holländische Grammatik der englischen Sprache, die vor einigen Jahren zu Amsterdam erschien, ist in Jeddo nachgedruckt worden; aus ihr lernen die Japaner Englisch. Alle höher Gebildeten verstehen Holländisch. Seit 1858 befinden sich nicht weniger denn drei und vierzig Offiziere der holländischen Flotte in Japan als Lehrer; sie unterrichten im Land- und Seekriegswesen, Schifffahrtskunde, Geschützwesen; auch Vorträge über Volkswirthschaft, Handelsgeschichte, Arzneikunde und holländische Literatur werden an mehren höhern Lehranstalten gehalten, und manche in denselben gebildeten Zöglinge sind als Professoren an die Gymnasien in den Provinzen vertheilt worden.
Unsere Leser sehen, welche Stelle unter den Kulturvölkern die Japaner einzunehmen berechtigt sind: möchten nur die christlichen Völker sich dieser Nation würdig zeigen! Aber schon jetzt hat Kaiser Foen Tsigo (Sohn des im August 1858 gestorbenen Taïkun) sich bitter beschwert, daß sie bereits falsches Geld und Opium in’s Land gebracht und mit Bekehrungsversuchen begonnen haben!
Auch vaterländisches Interesse nimmt Theil an der Oeffnung Japans. Preußen hat zum Frommen der deutschen Industrie eine Expedition ausgerüstet und mit einer militärischen Eskorte ausgesendet, welche nicht verfehlen wird, der preußischen Flagge in den japanischen Häfen Achtung zu verschaffen. Unser Freund, der Maler [36] W. Heine, der in Begleitung der beiden amerikanischen Expeditionen schon zweimal Japan besucht hat und dem wir außer dem beigehefteten Küstenbild noch weitere interessante Gaben für’s Universum zu verdanken hoffen, ist der preußischen Expedition zugeordnet. Wir wünschen ihr, die seit einem Monat unterwegs ist, eine glückliche Fahrt; möge sie Preußen wohlverdiente Ehre und dem deutschen Handel reichliche Früchte heim bringen!
Simoda, ein Städtchen von ungefähr 1000 Häusern, liegt an der äußersten Südspitze der Insel Nipon, nahe dem Kap Idzu, im Hintergrund eines geräumigen Bassins, das von allen Seiten, mit Ausnahme der engen Einfahrt, von hohen malerischen Bergen umgeben ist und für die größten Schiffe selbst in unmittelbarer Nähe des Ufers guten Ankergrund gewährt, ein Umstand, der dem an und für sich unbedeutenden Ort Wichtigkeit verleiht. Die Charakteristik einer japanischen Stadt, in ihrem Aeußern und Handel und Wandel, sparen wir uns für eine ergiebigere Gelegenheit auf. Unser Stahlstich ist nur ein Charakterbild der anmuthigen Küstenscenerien des wunderbaren Insellandes.