Die Alhambra
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DIE ALHAMBRA

SÄULENGANG in der ALHAMBRA
„Ich kenn’ euch wohl, ihr leichtgeschwung’nen Bogen,
Ihr Säulen euch, voll räthselhafter Zier;
Euch hat des Mauren brauner Arm gezogen;
Denn einst als Herr gebot der Maure hier.
Ja, diese Halle ward von ihm gegründet,
Einst seinem Fürst ein prächtig Haus zu sein,
Hier diese Säule ward von ihm geründet,
Und einst sein Hauch belebte diesen Stein.“
(Prutz.)
Viele, viele Jahre hindurch hatte mich ein Zauberwort von der iberischen Halbinsel angeklungen und jedesmal, wenn dieser Klang in meinem Innern ertönte, eine Sehnsucht, unendliche Sehnsucht in mir wachgerufen, die ich weder zu deuten, noch zu bekämpfen vermochte: „Alhambra“ hieß dieses Zauberwort! Endlich waren meinen Wünschen die Schwingen gewachsen. Ich war mit meinen Reisegenossen und Freunden schon durch ein gutes Stück des dichtungsreichen Landes gezogen und wallte der liedgekrönten Granada zu. Vor uns stiegen die Thürme und Häuser der Herrlichen auf, und die Wahrheit des spanischen Sprüchworts:
„Quien no vio a Granada
No vio nada“ [1]
sollten wir Alle heute noch erkennen.
Das gepeitschte Zehngespann vor unserem Wagen jagte aus einer Straße durch die andere und hielt endlich keuchend vor dem Ziele seines heutigen Weges, einem alten, schlechten Hause, in welchem sich die [10] Schreibstube der Eilwagengesellschaft befindet. Führer, Lohndiener, Marktschreier und Bettler drängten sich wie gewohnt massenweise um uns, und es kostete diesmal wirklich Mühe, ihnen zu entgehen. Jedes Kind in Granada aber konnte uns dorthin geleiten, wohin unsere Sehnsucht jetzt uns trieb.
Durch bald breitere, bald engere Straßen und Gassen zogen wir langsam dahin, mehr und mehr ansteigend. Endlich bogen wir in ein fast düsteres Gäßchen ein, dessen alte, verfallene Häuser schon im Voraus uns künden wollten, daß wir von nun an mit vergangenen Jahrhunderten Zwiesprache halten würden. Wir kamen durch dies Gäßchen in die „Cuesta de Gomeles“ (Aufstieg der Gomelen), den eigentlichen Weg zur Burg, zum Schlosse der maurischen Könige. Und wiederum alte Häuser, verfallene Höfe, vermauerte Säulenknäufe, wie sie nur die braune Hand des Mauren gearbeitet haben konnte: klarer und beredter werden die Zeichen der Vergangenheit. Aber zwischen Häusern und Mauern und Höfen lachen Blumen herab, ziehen sich kleine Gärtchen an den steilen Wänden empor; auch die Gegenwart spricht ein Wörtchen mit, um den hier Emporsteigenden nach und nach vorzubereiten und die in seiner Seele schlafende Dichtung zu wecken. Und oben, gerade vor und über dem Auge des gemächlich Wandelnden, erheben sich stolz und kühn wie früher, nur hier und da benagt von der Alles vernichtenden Zeit, Thürme und Mauern und Wälle. Alles strebt, steigt nach oben; scharfe Umrisse zeichnen die Bauwerke vom dunklen Himmel ab; selbst die Nacht, die verhüllende, Schweigen gebietende, läßt sie noch klar und verständlich erscheinen, reden und klagen, wenn auch ohne Worte. Freundlich klettert und rankt sich der Epheu an dem Gemäuer der rothen Thürme hinan; er will sie mit einem neuen Arabeskennetz umflechten, auch auf sie Blätter und Blüthen legen.
Vor dem Siegesbogen, welchen Karl V. an die Stelle des alten maurischen Thores Wechar setzen ließ, standen wir still, als ob wir die Wahrheit nicht glauben, der Sehnsucht nicht folgen dürften. Aber die Lust, die ganze, große Herrlichkeit, welche Reisende und Dichter geschildert und unser Geist noch köstlicher ausgemalt hatte, trieb uns vorwärts. Unsere Seele jubelte laut auf, unsere Schritte geleiteten uns durch das Bogenthor, und in demselben Augenblick verstanden wir, daß der Name Alhambra ein herrliches Gedicht ausspricht.
Uns hatte ein Ulmenhain aufgenommen, so köstlich, so dicht, so schattig, so waldig-lebendig, wald-fröhlich, wie ich noch nie in Spanien einen gesehen hatte, und nirgends mehr sehen konnte. Die dunklen Stämme hoben sich nordisch-schlank empor; ihre Kronen waren so dicht und laubig, wie nur irgendwo in der frischen, grünen Heimath; der Epheu rankte sich mährchenhaft lieblich an den düstern Stammsäulen hinan und seine dunklen Blätter schienen zu spielen mit dem theilweise schon gelblichen Laubwerk der Ulmen: denn sie mischten sich wunderbar mit diesem, um Sträuße und Rankennetze zu binden. Rosengebüsche liehen dankbar dem sie umschlingenden Epheu ihre Blüthen zum Schmuck, und hunderterlei andere Blumen lachten aus Hecken und Dickichten hervor. [11] Das war ein herzerfüllender Anblick! Und dennoch stand der kostbare Lustwald nicht mehr in seiner Blüthe; der Monat Oktober hatte ihm bereits so viel von seinem Schmuck geraubt! Wenn er auch hier und da anstatt der Blumen Blätter in Roth und Gold und anderen Herbstesfarben erblühen ließ, und wie gesagt noch nicht alle Blüthen vernichtet hatte: den Frühlingsduft, welchen er genommen, konnte er ebenso wenig ersetzen, als den Frühlingsklang. Der Sängerkönig Ruisenor war längst dem heißen Süden zugeflogen und hatte so manchen seiner Unterthanen mit sich genommen; keines der reichen Liebeslieder dieses einzigen, den verödeten Hallen treugebliebenen Minnesängers klang uns mehr entgegen, wie im Frühjahr, wo er noch immer singt und erzählt von den alten Zeiten. Nur nordische Bekannte, die der in ihrer Heimath einziehende Winter hierher vertrieben hatte, sandten uns ihre Liedergrüße zu. Aber dennoch hatte der Wald auch jetzt noch seine eigenen Weisen: das Wasser murmelte, flüsterte, rauschte, sang sie uns zu.
Der Hauptweg theilt sich bald in breite, allmählig sich erhebende, sorgsam gepflegte Gänge, zu deren beiden Seiten aus Ziegelsteinen zusammengesetzte Wassergraben hinlaufen. In ihnen fließt beständig das überflüssige Wasser des künstlich auf die Höhe des Königsschlosses geleiteten Darro seinem ursprünglichen Bette zu; aber wie! Man muß erst wissen, was es sagen will, den traulichen Klang des murmelnden und rauschenden Wassers auf Monate zu entbehren; man muß Wüstenstrecken durchwandert haben und in nackten, wald- und wasserleeren Gebirgen von der Sonnengluth erdrückt worden sein, wenn man das Murmeln und Rauschen des Wassers verstehen will. Ich verstand heute Alles, was das geschwätzige erzählte. Es murmelte von den alten, vergangenen Zeiten und Minnen, welche es erlebt, von dunklen, glühenden Augen, welche in ihm sich beschaut, – und rieselte fast schmachtend dahin, wie jene Liebesworte von den blühenden Lippen der früher hier hausenden Schönen Afrika’s; es sprach aber auch von Haß und Neid, von Krieg und Mord, von Blut und Seufzern, Todesstöhnen und Kampfgebrüll: d’rum rauschte und klagte, zürnte und brauste es hier und da so heftig. Fast schien es, als fürchte es, seine Geheimnisse alle zu verrathen; dann eilte es schnell von dannen und rauschten seine Töne mir vorüber: wirr und unklar, wie eine Geschichte, welche die Sage erzählt, vielleicht wollte es dieselben gern zum Meere hinabtragen, um sie in dessen Tiefe zu versenken.
Vor Zeiten rieselte das Wasser nicht von hier hinab zur Tiefe, zu der Zeit nannte man den Berg, auf dem sich die Alhambra erhebt, den „rothen Hügel“. Granada war damals bereits die Perle unter den Städten Andalusiens, sein König ein mächtiger Sultan, geliebt von seinem Volk, gefürchtet von seinen Feinden; aber er besaß noch keinen Palast, welcher seiner würdig gewesen wäre. Der rothe Hügel war überwuchert von dem Gebüsch der immergrünen Eiche und dieses von Brombeeren durchrankt und durch Dornen- und Stachelgewächse undurchdringlich geworden. Der Berg selbst hatte ein wüstes Aussehen; er war rauh, steinigt, hin [12] und wieder dürr und verbrannt, aber von lebhafterem Roth, als die übrigen Berge: daher wohl sein Name. An seinem westlichen Gehänge erhob sich ein alter Thurm von zweifelhaftem Ursprung, wahrscheinlich ein Wachtthurm; auf der südlichen Seite sah man die Trümmer eines römischen Tempels.
Im Jahre 1240 lebte hier der gerechte und mächtige Sultan Mohammed-Ibn-Abd-Allah-Ibn-Jussuf-Ibn-el-Hamar-el-Nassr, der Herrliche, Fürst und Herr aller Gläubigen, welcher die ersten Meister der Künste und Wissenschaften um sich versammelt, sehr glückliche Kriege geführt und große Schätze angehäuft hatte. Dennoch war er nicht glücklich, denn das Weib seiner Liebe, die Sultanin Lëila el Radtïeh, war ihm geraubt worden; – – doch die Sage, die auf dem Wasser rauscht, erzählt davon nichts weiter und fährt fort, wie dann dieser Sultan für die Braut seines Sohnes, die „weiße Jungfrau“ ein prächtiges Schloß auf dem rothen Hügel erbaute, weil dort der Ruisenor alllenzlich so viel Schönes von Liebe sang, und dieses Schloß „Rubinenpalast“ nannte. Es behielt später diesen Namen nicht bei; El-Hamars Nachkommen gründeten neue Hallen, Thürme und Wälle, und nannten die nach und nach entstandene Burg zu Ehren ihres Gründers „Khassr-el-Hamra“ – Alhambra.
Die Gefährten waren mir weit vorausgekommen; ich ließ sie ziehen. Mir war, als habe jeder Stein besonders mit mir zu reden; ich wußte ja, daß er es gekonnt hätte, deshalb schlenderte ich langsam und träumend die herrliche „Alameda“ hinan. In der „Fonda de los siete Suelos“ traf ich die Freunde wieder und saß bald mit ihnen im Gärtchen vor dem Gasthause, beim goldenen Weine aus Malaga, des Ortes und der Aussicht mich freuend. Für heute war es zu spät zu einem Besuche im Königsschlosse; deshalb genossen wir einstweilen in vollen Zügen Das, was wir vor uns hatten: – und wir hatten Vieles! Sollte der Wanderer hier auch Manches vermissen, was er im lieben, schier überfeinerten Deutschland eben nicht missen will, so wohnt er dafür innerhalb der Ringmauern des Schlosses selbst und lauscht, wenn es Frühling ist, der Nachtigall ihre süßen Minnelieder und dem Wasser seine alten Sagen ab, sieht Festtags die Alameda in ihrem schönsten Schmucke prangen, wenn die dunkeläugigen Schönen Granada’s hier lustwandeln, hat Bettler und Zigeunerinnen in Hülle und Fülle, Ruhe und Stille oder auch Jubel und Becherklang unter dem tiefdunklen, klaren Himmel, wie er es eben erwählt.
Schon der erste Sonnenstrahl des folgenden Tages fand uns wach, und mit dem Frühesten waren wir auf dem Wege zum Schlosse. In mir tauchten alte Erinnerungen auf: das Volk vom fernen Osten, mit dem ich so lange zusammengewohnt hatte, wallte vor meinen Augen wieder aus und ein auf der verödeten Stätte, die die Kunst seiner Baumeister geweiht hatte. Doch kaum hatte ich die oberhalb des alten „Thores der Gerechtigkeit“ in die Mauer gebrochene Pforte durchschritten, so wurden diese mir gar freundlich erscheinenden Bilder der Vergangenheit [13] durch trübe Empfindungen verscheucht. Ein eigenthümlich trauriges Gefühl erbebt in der Brust, wenn man seinen Fuß auf die Trümmer großartiger Werke der Vergangenheit setzt: wenn man aber weiß, daß Barbarei solche Werke in Trümmer schlug, dann gesellt sich zur Trauer der Unmuth, zu dem Unmuth der Groll.
Gleich beim Eintritt in die Burg hat man das Schloß Karls V. vor sich. Es steht auf derselben Stelle, welche früher der Winterpalast der maurischen Könige einnahm. Dieser soll die jetzt noch vorhandenen Ueberreste aus der Maurenzeit an Pracht und Schönheit bei Weitem übertroffen haben. Der christlich-kirchliche Hochmuth der Sieger kannte aber keine Grenzen; er artete in Barbarei aus. „Meine Rosse sollen den Boden zerstampfen, auf denen die Könige der Heiden wandelten,“ soll Karl gesagt haben – und ließ, sein Wort zur Wahrheit zu machen, eine Reitbahn im Innern des Schlosses anlegen! Die seither verflossenen Jahrhunderte haben diese unsinnige und rohe Zerstörungswuth bestraft; die maurischen Künstler sind gerächt. Man kann das Schloß nicht unschön nennen; man fühlt, daß es einem freien Platze in der Stadt gewiß zur Zierde gereichen würde: hier oben aber verunziert es das Ganze und stört den Gesammteindruck. Ob das die späteren christlichen Könige auch gefühlt haben? Möglich; warum auch hätten sie es sonst verfallen lassen? Es liegt schon halb in Trümmern; kein Maler nimmt sein Bild mit sich hinweg; kaum Einer der Tausende, welche alljährlich hierher pilgern, würdigt es der Anschauung. An ihm gehen Alle kalt vorüber – und Allen wird das Herz warm, wenn sie vor der Pforte des maurischen Schlosses stehen. Die Zeit ist gerecht.
Auch ich empfand den Fluch der Barbarei; auch ich fluchte ihr. Und so oft ich später in der Burg umher ging, immer wurden dieselben Empfindungen in mir rege. Ich vergaß hier, wo mich dieselbe Zauberei, die Dichtung der Denkmale aus alter Zeit so recht in Mitten des Lebens der Erbauer jener stolzen Gebäude trug, allen meinen christlichen Stolz und beklagte nicht das Erlöschen des Islam in diesem Theile der Erde, wohl aber die mit dem Volk des Südens vertriebene Dichtung der Blüthenzeit der Alhambra. Und so kam es, daß gar eigne, sogar recht unchristliche Wünsche in mir laut wurden. Ich wünschte, daß der Palast des christlichen Kaisers doch recht bald in Trümmer fallen möge – und betrauerte jeden Stein, jede Gypsplatte, welche in den Mauern und Gewänden des „Khassar“ (Alkazars) fehlte! Ich wünschte alle Spanier, die ich hier oben sah, hinaus, weit, für immer hinaus aus diesen Mauern, welche gegen sie errichtet worden – und wünschte dafür die edlen Turbanträger wieder herein, die sie erbaut hatten; ich wünschte ein erbärmliches Machwerk spanischer Baukünstlerhinweg, trotzdem daß es eine Kirche ist, und begehrte dafür die alte hochgethürmte Moschee wieder an ihre Stelle; ich wünschte alles der Neuzeit Angehörige hier, gerade hier nicht zu sehen, und hätte so gern allem Alten hier seine eingebüßte Berechtigung wieder gegönnt.
[14] Nach einem vorläufigen Rundgange durch die gewöhnlichen Besuchern zugänglichen Theile der Burg kamen wir zur Eingangspforte in das Schloß der Saladine, welches wir vorzugsweise unter dem Namen Alhambra verstehen; wohl deshalb, weil es alle Pracht und Schönheit der noch erhaltenen Ueberreste in sich vereint. Die Spanier begreifen, wie vormals die Mauren, unter „Alhambra“ die ganze Burg.
Diese Eingangspforte wird von einem Thürsteher gehütet, dem zugleich das Geschäft obliegt, die Besucher herumzuführen. Auch wir durchwanderten in seiner Begleitung die Höfe, Hallen und Säle des Schlosses; aber der Mann eilte uns Allen viel zu sehr, und wir mußten deshalb noch oft wiederkehren, ehe wir zu einigem Verständniß des Ganzen gelangten. Ich will versuchen, zunächst den Eindruck und die Bedeutung des Ganzen und sein Gepräge zu schildern und dann erst zur Aufzählung und theilweisen Beschreibung der einzelnen Räumlichkeiten übergehen.
„Das Königsschloß der Alhambra ist ein morgenländisches Liebesgedicht in Stein.“ Ich will diese Worte buchstäblich verstanden wissen; sie drücken die ganze Beschreibung des Mährchenbaues aus, der in der That Alles und Jedes enthält, was solche Dichtung enthalten muß. Der volle Reichthum, der kühne Flug der Gedanken, die Tiefe, Frische, Innigkeit, Anmuth und Zierlichkeit, die Pracht der Farben eines morgenländischen Minnesanges finden sich sämmtlich wieder in diesem schönsten Denkmal der höchsten Blüthe der arabischen Baukunst. Das fühlt auch der nüchternste Mensch unwillkürlich heraus. Aber die Alhambra ist noch mehr. Der ganze Bau ist wirklich und wahrhaftig ein Buch der Lieder; seine Wände sind die Blätter dieses Buches; auf den Knäufen der Säulen, in den Nischen, an den Gesimsen, überall schimmern Buchstabenreihen aus dem durch Blüthen geschmückten Rankennetz der Arabesken hervor und diese Buchstabenreihen einen sich zu Gedichten und Liedern. Der Stein ist lebendig geworden: er spricht; was er aber redet, sind Worte der Dichtung.
Es gibt keinen Baustyl weiter, welcher, wie der maurische, die Dichtung im Wort zu seinem Schmuck bedürfte. Gewöhnlich ruft die Baukunst nur ihre beiden Schwestern Malerei und Bildhauerei zu Hülfe, wenn sie bilden will. Der Dreibund ist mächtig genug: – dem maurischen Künstler aber genügt er nicht. Er zieht eine vierte Schwester in jenen Verein, die Dichtkunst. Und diese ist wahrlich nicht die am wenigsten Wirkende; denn gerade ihr müssen die übrigen Schwestern dienstbar werden. Die Baukunst bildet das Blatt, auf welches der Dichter durch den Bildhauer seine Worte schreiben läßt; dann kommt der Maler noch hinzu und beide Letztgenannten schmücken und zieren die Worte. Diese freilich sind wiederum Schmuck und Zierde des Ganzen – nicht bloß dem Geiste im Wohlklang erkennbar, sondern das Auge allein schon durch ihre Wohlgestalt erfreuend: selbst sinnlos noch würden die Reihen der Buchstaben eine Zierde des Baues sein. Um sie herum und durch sie [15] hindurch schlingt und rankt der Künstler sein wunderbares Arabeskennetz, welchem der Maler die volle Farbengluth seiner Palette ertheilt; und so erscheinen alle Gedichte von drei anderen Künsten getragen, umkränzt und gekrönt. Dankbar dafür preist und erhebt die Dichtung den schönen Verein; sie wetteifert im Wort mit der Leichtigkeit und Zierlichkeit der Baukunst, mit dem Schwung und der Fülle der Bildhauerei und mit der Gluth und der Farbenfrische der Malerei. Im Saale der beiden Schwestern liest man ungefähr folgende Worte in diesem Sinne:
„Du, der Du hereintrittst zu meinen Thoren,
Sieh in mir das schönste Werk des Mohren!
Meines Baues unendliche Schönheit
Hat sich das Volk zum Sprichwort erkoren,
Und wenn mein Name den Lippen entflieht,
Zum Gedicht wird er in Aller Ohren.
Sogar die Steine, die hier verwendet,
Haben die Rauhheit in mir verloren,
Sind wiederleuchtend in meinem Licht,
Als Edelgesteine neu geboren.
Ich bin die Wohnung des Morgenrothes;
Die Sonne beeilt die Flucht der Horen,
Um ewigen Schatten mir zu verleihn
Und selbst die Sterne haben geschworen,
Wenn sie nicht müßten die Welt durcheilen,
Sie zögen herein zu meinen Thoren.“
Das sind einige von den hunderttausend Versen, welche die Wände der Alhambra bedecken von unten bis oben. Wo sich nur immer ein passendes Plätzchen fand, wurde ein Gedicht zur Freude des Auges wie des Herzens mit erhabenen Buchstaben an die Mauer geschrieben. Alle größeren Gedichte sind selbstständig und rühmen entweder die Alhambra selbst und ihre Erbauer oder preisen die Liebe und ihre gewaltige Zaubermacht. Dazwischen aber sieht man, wie an allen maurischen Werken, fromme Sprüche hervortreten, und namentlich der eine von ihnen geht durch das ganze Haus. Er ist der Denk- und Wahlspruch, der Grund- und Schlußstein der Alhambra, das Vorgebet und die Danksagung über den Bau selbst: Wala rhálib ila Allahu hí („Kein Sieger außer Gott der Herr!“) – Dieser Spruch findet sich in der Alhambra überall, in mehr als tausendmaliger Wiederholung und mehr als zwanzigfacher Abänderung in Schreibart und Größe der Buchstaben. Er ist der Grundgedanke jeder Verzierung. In kufischer und arabischer Groß- und Kleinschrift läuft er um die Thürgewände, [16] an den Gesimsen, Knäufen oder glatten Wänden hin, bald reich mit Arabesken durchwebt und umflochten, in erhabenen Schriftzügen aus dem Spitzengewebe der Gypsverzierungen hervortretend; bald alle Balken der Wappenfelder oder Mittelpunkte der Rosetten zierend; bald einfach, sich selbst genug, eine eigene Kante an den Wänden und der Decke bildend. Mag er auch wechseln in Schrift und Anordnung, mag sich auch der leichte Reigen der arabischen Schönschrift, welchen er zusammensetzt, durch die ernsten und schweren kufischen, sich oft verkehrt einander gegenüberstehenden oder doppelgesichtigen Buchstaben, die ebenfalls zu ihm sich einen, hindurchwinden: er ist und bleibt derselbe, allgegenwärtig wie der Gott, zu dessen Anbetung er mahnt, überall vor die Augen tretend, dem Könige im Saale der Gerechtigkeit in die Seele redend, ihn im Schlafgemach zum letzten Gebete des Tages mahnend.
Gewiß, die Alhambra spricht mit tausend Zungen; jeder ihrer Steine hat seine Worte und alle Worte werden zu Gedichten. Und darum nenne ich sie ein morgenländisches Liebesgedicht in Stein!
Warum aber gerade ein Liebesgedicht? Nicht wegen der unzähligen lieblichen Lieder der Minne, mit denen sie den Verstehenden anspricht; denn der ernsten Gedichte sind mehr als jener. Auch nicht weil die Sage, wie oben angedeutet, die Liebe den ersten Grundstein zu dem Feenschlosse legen läßt; denn der Sage fehlt das Zeugniß der Wahrheit. Wohl aber deshalb, weil der ganze Bau auch ohne Sage, ohne Lied und ohne Worte unverkennbar nur der Liebe Sinnbild ist. So wie ein gothischer Säulenchor einem Choral verglichen wird, auf dessen Schwingen sich die andächtige Christenseele wiegt, und ein gothischer Dom ein Sinnbild ist des Glaubens, der emporstrebt zum Himmel und seinen Engeln und Heiligen, und unter sich die Hölle schaut sammt deren Teufeln, Drachen und andern Ungeheuern: so ist ein maurischer Bau ein Lied, ein Sinnbild der Liebe, selbst dann noch, wenn er dem Gläubigen den Pfad zum Paradiese weisen soll; denn dieses Paradies ist ja eben ein Garten der Liebe, leider sogar der sinnlichen Liebe. Deshalb vermißt man in der Alhambra auch das Großartige nicht, welches, bei dem gothischen Bau mit der Schönheit der Form vereint, die erhabene Stimmung der Seele in uns hervorruft; man fühlt, daß es sich dort um etwas Anderes handelt. Die Alhambra ist nicht großartig, nicht riesenhaft; aber sie ist zierlich, überaus zierlich und mährchenhaft. Sie ist, wie der Muselmann selber, ernst und würdevoll von Außen, blühend und bilderreich im Innern.
Alle Räume des Schlosses reihen und ordnen sich um drei freie Plätze: den Mirtenhof, den Löwenhof und den Garten der Lindaraja, welche wie die Winkel eines Dreiecks auseinander liegen. Die hohen und luftigen Gemächer sind zu ebener Erde angelegt; nur die Bäder und einige andere Räume liegen unter ihnen, halb über, halb unter der Erde. Alle innern Wände sind mit Gypsplatten getäfelt, von denen Tausende in einer Form gegossen worden sind. Manchmal entsteht erst durch die Zusammensetzung vieler Platten ein Ganzes, und [17] dieses ist dann im hohen Grade reich an Mannichfaltigkeit des Einzelnen, welches aber immer im vollsten Einklange mit dem Uebrigen steht, mag es an und für sich auch noch so verschieden erscheinen. Die Verzierungen sind erhaben und gewöhnlich unbemalt, wogegen man die Farben in den Vertiefungen auftrug. Dadurch erscheinen die Arabesken und Buchstabenreihen wie die Maschen eines über eine bunte Fläche gelegten Spitzengewebes. Alle einfarbigen Flächen sind mit Arabesken übersponnen, alle glatten Flächen dagegen, namentlich die Sockel in den Säulengängen und Zimmern aus gebrannten und verglasten Thonsteinen zusammengesetzt, welche buntfarbige Bilder darstellen. Die Säulen bestehen aus Marmor, sind ungemein schlank und tragen zierliche Knäufe. Selten lastet der schwungvolle Hufeisenbogen auf einer Säule allein; es treten vielmehr gewöhnlich ihrer zwei und in den Ecken wohl auch ihrer drei und vier zusammen, um einen Bogen zu stützen. Die Decken sind entweder aus Holzgetäfel zusammengesetzt, oder Kuppeln mit einem Hängewerk aus Tropfsteingebilden.
Der Mirtenhof ist der Vorhof zu den noch erhaltenen Theilen des Schlosses und war es früher auch für den Winterpalast. Man hat die Eintrittshalle zu letzterem zu seiner Rechten, das Thor zum Saale der Gesandten zu seiner Linken, gerade vor sich aber die Thüre nach dem Löwenhofe; der Mirtenhof ist klein; seine Länge beträgt nur 150, seine Breite etwa 80 Fuß. Ein länglich viereckiges Steinbecken, an dessen beiden Längsseiten die Mirtenhecken hinlaufen, läßt von dem Hofe eigentlich bloß breite Seitengänge übrig. Aber gerade dieses Becken ist seine Schönheit; es ist ein wahrer Zauberspiegel, gleichsam dazu bestimmt, den Geist auf alles nun Kommende vorzubereiten. Der Darro füllt es, wie alle übrigen Wasserbehälter der Burg, mit klarem, frischem Wasser an, und Hunderte von Goldfischen treiben darin ihr lustiges Spiel; aber die Mirtenhecken werfen einen wunderlieblichen, grünen Duft auf seine Oberfläche und dieser legt sich dann wiederum als Zugabe auf das herrliche Spiegelbild, welches die Bogengänge und Eingangshallen der beiden schmalen Seiten in dem niemals von einem Windhauche berührten Wasser hervorzaubern. Ich weiß noch heute nicht, ob das Spiegelbild nicht noch schöner ist, als die Gebäude selber; denn mir kam es immer vor, wie ein wonniger Traum gegenüber der Wirklichkeit, deren Farben vor denen eines Traumbildes gewöhnlich erbleichen müssen. Wir Alle haben lange, lange still gestanden und in’s Wasser geschaut und sind fast trunken geworden im Anschauen dieser Zauberei in Stein und Wasser.
Zwei Hufeisenbogen, in denen ein ganzes großes Zauberwerk von Gyps hängt und schwebt, wie die Arbeiten der Berggeister in Tropfsteinhöhlen, fesseln demnächst das Auge. Wenn man eines der durch sie überwölbten Thore durchschreitet, gelangt man in den rings um den Löwenhof laufenden Säulengang und schaut durch den von 20 schlanken Marmorsäulen getragenen, mit einer reichen Holzkuppel überdachten Vorbau auf den Löwenhof mit seinen Brunnen, den tempelartigen Säulenhof des Saales der Gerechtigkeit und die beiden Thorhallen des Saales der Aben-Serragen und der zwei Schwestern. Es blitzt und leuchtet, flimmert und glänzt in die [18] Augen, daß man Zeit haben muß, um zu wissen, fest davon überzeugt zu sein, das Ganze werde sich nicht in Nichts auflösen und wie eine schillernde Seifenblase zerplatzen. Doch nein! Einer der Feenpaläste aus Tausend und Einer Nacht steht wirklich und wahrhaftig vor dem Beschauer, als verkörpertes Bild arabischer Dichtung, als ein Gedicht in Stein. Der Geist räumt das schwere Dach, welches die zierlichen Säulen zerdrücken möchte, leicht hinweg und sieht nur den durch eines Zauberkünstlers Hand belebten Stein, der ihn mit seinen Wundergaben entzückt, sieht den Bau wie er ist und wie er war zur selben Zeit. Man will es nicht glauben, daß dieses Schloß nur als todtes Ueberbleibsel vergangener Tage voll Pracht und Schimmer und Ruhm und Glanz erscheine; denn ohne daß man weiß, wie es geschehen mag, kommt zu dem Leben im Stein noch Leben in Bildern. Die Seele malt sich jene Tage aus, in denen arabischer Klang hier laut wurde, und schmückte ihre Traumgebilde treulich mit der Frische und den uns fast unverständlichen Farben, welche eben nur das Morgenland erzeugen kann.
Der Löwenhof ist 126 Fuß lang und 73 Fuß breit. 146 Säulen tragen den Rundgang und die beiden sich gegenüberstehenden Vorbaue; 3 Springbrunnen an jeder der schmälern Seiten und einer unter jedem Vorbau kühlen ihn und diese, der große Löwenbrunnen den Hof selbst. Leider spielen die Wasserwerke jetzt nur bei seltenen Gelegenheiten. Ich hatte das Glück nicht, sie in ihrem Perlenglanze zu sehen.
Früher waren die Säulen des Löwenhofes unbedingt die schönsten der Alhambra, noch schöner als jetzt: der maurische Bildhauer hatte auch ihre Schäfte mit seinen Arabesken übersponnen. Nun kam aber eine böse Zeit für das herrliche Schloß: Zigeuner nahmen Besitz von ihm. Und als dann die spanische Regierung den Verfall aufhalten und das Beschädigte wieder herstellen lassen wollte, wurden die mit dieser Arbeit Beauftragten anstatt zu Erhaltern, zu Zerstörern, als müßten die Spanier noch heute der auf die Alhambra geschleuderte Fluch sein oder ihn wenigstens vollziehen. Die von Madrid hierher gesandten Bildhauer fanden nämlich die Wiederherstellung des Arabeskenschmucks zu schwierig und vertilgten deshalb einfach die dem Stein anvertrauten Dichtergedanken der maurischen Künstler: sie schabten die Säulenschäfte glatt! So erscheinen diese jetzt noch schlanker, als sie früher gewesen sind – jedoch, da man nicht ahnt, was sie verloren, noch immer vollkommen schön. Sie sind 10 Fuß hoch und haben nur 8 Zoll im Durchmesser; deshalb machen sie fast den Eindruck, als ob sie zu zierlich, zu gebrechlich wären: aber gerade darin mag wieder das Wunderbare des Gesammtbildes liegen. Jeder Vorbau ruht auf 20 ihrer Gattung; die meisten stehen paarweise; in den Ecken treten ihrer wohl auch 3 und 4 zusammen. An jeder einzelnen liest man den Wahlspruch und die Worte: „An lamu lahna ibn Abd-Allah“ („Der Sohn Abd-Allahs hat uns gegründet“). Der Bogengang ist mit einfachen und verglasten Ziegeln geplattet und mit Holz gedeckt. Jedes Feld ist anders, jedes ist verschieden; aber jedes ist gleich kunstvoll und steht mit dem Ganzen durchaus im Einklange. Die Uebereinstimmung der sehr reichen Verzierungen ist so groß, daß man die [19] Unterschiede der einzelnen Felder erst heraussuchen muß, obgleich man augenblicklich gewahrt, daß man etwas Neues vor sich hat, wenn man ein neues Feld betrachtet. In den Winkeln des Säulenganges sieht man wieder jene wirklich fabelhaften Tropfsteinkuppeln, welche eben nur ein arabischer Geist sich ausdenken, eine arabische Hand zu bilden verstand. Man wandelt hier wie träumend auf und nieder; jeder Schritt bringt ein neues Bild vor das Auge, welches zuletzt wirklich ermüdet. Es ist gar nicht möglich, alle Einzelheiten zu betrachten: sie beschreiben zu wollen, würde ein immer mißlingendes Unternehmen sein. Die gröbsten Umrisse kann man vielleicht wiedergeben: mehr aber gewiß nicht!
Jedes einzelne Bauwerk, welches der Löwenhof enthält oder dem Beschauer erschließt, ist ein vollendetes Kunstwerk in seiner Art. Auch der Löwenbrunnen ist es, obgleich die 12 Träger der gewaltigen Marmorschale nur entfernt dem Könige der Wildniß gleichen; denn der Koran verbietet mit dem Bibelworte: „Du sollst Dir kein Bildniß machen!“ eine naturgetreue Darstellung der Löwen. Die Brunnenschale schmücken arabische, des Khalifen Ruhm verherrlichende Verse längstvergessener, namenloser Dichter. Mehrere Male geht man in den Säulenhallen des Hofes auf und nieder; dann aber sucht man nach Ruhe und wendet sich einem der Räume zu, in der Hoffnung, sie dort zu finden. Vergebens! Die Ruhe der Uebersättigung erlangt man, nicht aber die Ruhe des Schauens. Denn wiederum tritt so viel Neues vor das Auge und das Neue ist so schön, daß man sich immer wieder damit beschäftigen muß. Augen und Geist finden hier Beschäftigung, nicht bloß für Stunden, sondern für Tage und Wochen.
Wir treten zunächst in den Saal der Aben-Serragen ein. Ein gleichseitiges Viereck bildet die Grundgestalt; rechts und links schließen sich ihm gleichlange, aber schmale Zimmerchen an, welche nur durch zwei in der Mitte auf einem Säulenpaare ruhende Bogen von ihm getrennt sind. Nach oben verwandelt sich das Quadrat in einen achtstrahligen Stern. Wie aus der Mauer geboren und nur noch an die Mutter sich anlehnend, lieblich leicht, der sicheren Stütze bewußt, treten aus den Winkeln Vierecke, aus der Mitte jeder Wandseite Dreiecke hervor, um diesen Stern zu bilden; so sicher schweben sie, daß sie unten noch ein ganzes Heer von Gypsgebilden halten können; frei, kühn steigen sie auf, um die Kuppel zu tragen; doch nein, nicht eine Kuppel, sondern eine Menge von in- und nebeneinander schwebenden Kuppeln in Stern- und Kreisform, und Gypsgehänge, eingesenkte Arabeskentafeln, – ich weiß keine Worte weiter für alle die verschiedenen Gestalten dieser Tropfsteinnachbildungen – tragen sie und Alles hängt fest an- und untereinander, oder Eines schwebt in und über dem Andern. „Schweben“ ist hier der bezeichnende Ausdruck, denn der Gedanke des Schwebens spricht sich deutlich genug aus. Damit die Kuppel recht erleuchtet sei, damit Licht und Schatten hier den Reigen führen und zu der Zauberei in Stein noch die in Farben kommen könne, läuft unter der eigentlichen Wölbung noch eine [20] Reihe von Fenstern um die Kuppel und zwischen diesen Fenstern springen Halbsäulchen aus der Mauer hervor, welche einzig und allein jenen Gedanken verkörpern sollen. Sie sind nicht bestimmt, Lasten zu tragen; denn jede Last würde sie zerdrücken; haben sie ja doch nicht mehr als zwei Zoll im Durchmesser! Aber dafür trugen und tragen sie heute noch aus längstvergangener Zeit den kühnen Gedanken des arabischen Baumeisters in unsere Tage hinüber: „Die Kunst beherrscht die Welt; sie gibt dem Stein Leben und Flügel, besiegt das Gesetz der Schwere und wird dafür zum Träger der plumpen Last.“ – Das Ganze läßt sich nicht beschreiben, – vielleicht kaum mit dem Pinsel wiedergeben. Man muß diesen Saal selbst gesehen haben; man muß in ihm gewesen sein, wenn der letzte Schimmer der Abendröthe durch seine Fenster fällt und jene Malerei einer Vollmondsnacht beginnt, welche ich aller Welt gern beschreiben möchte, – wenn mir Jemand die Worte dazu gäbe. Der Saal der Aben-Serragen gleicht in Wahrheit
| „einem Truggesicht der Wüste, blendend, schimmerreich!“ |
mag man nun den Blick auf einer seiner Wandflächen haften, in der Kuppel sich verirren oder durch die Thür und den Löwenhof hinweg nach dem Saal der zwei Schwestern hinüber schweifen lassen.
An einem Theile der Wand hat man die alten Farben wieder aufgefrischt und damit dem Beschauer einen Begriff der alten Herrlichkeit und Pracht des maurischen Zimmerschmucks zu geben versucht, zu dessen Verständniß man in der That erst durch diesen Farbenreichthum gelangt. Aber auch das arabische Gedicht, dessen ich früher gedachte, lernt man verstehen: weil hier jeder Stein wirklich zum Edelsteine geworden ist. Und wenn man dann beim Scheiden noch nach dem Saale der beiden Schwestern hinüberblickt, wo 6 Bogen hinter einander stehen, von denen der entferntere immer kleiner ist, als der vorhergehende – damit auch kein Theil seiner Schönheit dem Auge entzogen werde: – trägt man sicher das schönste Mährchenbild und vollen Glauben an dasselbe mit sich hinweg; denn das Gesehene ist ja nichts Anderes, als ein von den Mauren im Abendlande zurückgelassenes, versteintes arabisches Mährchen.
Daß diesen Raum die Sage sich erkor, um zu der Dichtung in Stein noch die in Worten zu fügen, ist leicht erklärlich. Aber diesmal ist die Sage nicht so freundlich als der von ihr erwählte Ort. Sie weiß zwar von zarten Liebesworten und der Minne süßem Lohn zu erzählen, aber sie berichtet auch vom Blute, welches eben dieser Liebe wegen vergossen wurde. Ob die Sage wohl Recht hat zu behaupten, daß der Saal seinen Namen zum Gedächtniß der blutigen Rache des letzten Königs von Granada tragen soll? Ob es wohl wahr ist, daß der Emir und Wahli Ibn-Achmed, der Tapferste und Ritterlichste aller Aben-Serragen, seine Blicke zu den dunkelblauen Augen der Sultanie Soraïde erhob und von diesen himmlisch schönen und so seltenen Augen [21] begnadet wurde? Und ob es begründet sein mag, daß Beide dann unter der weltberühmten Cypresse im Garten des Generaliefe Liebesschwüre tauschten, weshalb der Baum noch heute die Cypresse der Sultanin heißt? – Aber die Segries, jene Erzfeinde der Aben-Serragen, kündeten dem Könige, daß der schönste und edelste Mann Granada’s das Herz der Königin und mit ihm Alles errungen habe, was er, der Herrscher, vergeblich ersehnte. Denn Soraïde liebte ihn nicht; Boabdil hatte sie gegen ihren Willen zur Sultanïe erhoben und war ein wüster Schwächling, den sie verachten mußte. Ibn-Achmed aber war Fürst, wie der Sultan selber, sein Blut floß eben so rein, als daß des Königs: – und alle Schönen Granada’s hatten ihn längst gekrönt in ihren Herzen. Boabdil raste vor Wuth, als er die Liebesmähr erfuhr, und schwur bittere Rache. Er ließ den tapfern Mann und seinen ganzen Anhang in sein Schloß bescheiden – und im Saale der Aben-Serragen auf die erbärmlichste Weise meuchlings umbringen. Das Blut der Königin Soraïde mischte sich mit dem ihres Geliebten!
Zwar leugnen die Geschichtsforscher auch diese Sage; aber das Volk, gläubiger als sie, läßt es sich nicht nehmen, daß mehre dunkle Flecken auf den Marmorplatten im Saale, welche man noch heute den Fremden zeigt, von dem damals vergossenen Blute herrühren. Auch ich will ihnen ja gerne Glauben schenken.
Der Saal der Gerechtigkeit stößt an die hintere, schmälere Seite des Hofes. Drei Haupteingänge führen zu ihm; vor dem mittleren erhebt sich eine der beiden tempelartigen Thorhallen. Einfache oder mit Gypshängewerken verzierte Bogen scheiden ihn in 10 Abtheilungen. Die so abgegrenzten Räume sind klein; aber sie stören den Gesammteindruck nicht. Einige Theile bilden Zimmer für sich und sind auch mit eigenen, wundervollen Holzkuppeln überdacht, während in den übrigen Räumen Tropfsteindecken vorhanden sind. Die Holzkuppel des Zimmers, in welchem der Richtersitz des Königs gestanden haben soll, ist vergoldet und zeigt die ziemlich rohen Bilder von 10 Richtern in der Tracht der damaligen Zeit; zwei andere kleine Kämmerchen zu beiden Seiten begrenzen die Thronnische und sind in ähnlicher Weise verziert; man sieht im Deckengewölbe mangelhafte Darstellungen von Kämpfen maurischer Helden mit christlichen Rittern und wilden Thieren. Wenn man sein Auge der unnachahmlichen Gypsbildnerei zuwendet, übersieht man gewiß die fehlerhafte Malerei.
An diesen Raum reiht sich der Saal der beiden Schwestern an: dasjenige Gemach, welches dem gegenüberliegenden Saale der Abencerragen seinen Rang streitig machen kann. Jedenfalls ist er das würdigste Seitenstück desselben, in vieler Hinsicht übertrifft er ihn wohl noch. Er zeigt sich ganz als das Prunkgemach eines Königs, aber eines morgenländische Pracht liebenden Königs. Der Eingang zu ihm und seine Kuppel sind gleichsam sprechende Zeugnisse des Siegesjubels der Kunst nach vollkommen errungener Herrschaft über die Masse. Es hält sehr schwer und ist jedenfalls mehr oder minder einseitig, in der Alhambra von schön und schöner zu [22] sprechen: aber die hinter einander stehenden, immer kleiner werdenden Thorbogen, welche man von drüben aus übersieht, sind doch gar zu wunderbar, als daß man ein neues Aufjauchzen über alle dem Auge gebotene Pracht unterdrücken könnte. Man möchte hier alles Gesehene vergessen können, um nur der Vergleichung überhoben zu sein; denn dieses ewige Vergleichen stört die wohlige Ruhe der Betrachtung. Man fühlt, daß es hier keinen Maßstab gibt, das Schöne zu messen, und quält sich gleichwohl, einen zu suchen, um ihn anlegen zu können. Nur Eines wird beim Vergleichen deutlich: daß der in seinen Verhältnissen kleine Raum großartig werden kann, wenn, wie hier, die reichste Bildnerei gewirkt und Zierlichkeit an die Stelle des Riesenhaften gesetzt hat. Mag man die arabische Baukunst auch auffassen, wie man will, Eines muß man ihr lassen: ihren, uns Nordländer förmlich verwirrenden Reichthum oder ihre Bildungsfähigkeit. Der Saal der beiden Schwestern ist nicht minder reichhaltig in seinem Schmuck, als sein Seitenstück, und doch wieder ganz anders. Die Grundgestalt des Raumes ist dieselbe hier wie dort; die Kuppel des Saales der beiden Schwestern fußt auch auf einem achtstrahligen Stern, und an den untern Theil des Gemachs reihen sich ebenfalls kleine Nebenzimmer an; und gleichwohl ist er wieder ein besonderes Stück des großen, durch und durch einhelligen Ganzen, eine neue Ausführung des geistvollen Grundgedankens. An Gedichten ist er fast überreich. Außer den oben erwähnten finden sich in ihm noch Hunderte von Sprüchen und Reimen.
Er führt seinen Namen von zwei großen, sich vollkommen gleichenden Marmorplatten des Fußbodens, welche neben dem keinem Zimmer fehlenden Springbrunnen liegen. Von seinen drei Nebengemächern ist der Saal der Lindaraja mit seinem Erker unbedingt das schönste. Der über dem Fenster des letzteren sich wölbende halb vortretende, äußerst reiche Bogen schließt die Reihe der erwähnten 6 Wölbungen, welche man vom Hofe aus sieht. Durch die von ihm gekrönten Fenster schaut man in den Garten der Lindaraja hinab, in welchem die weltberühmten Rosen der Alhambra das ganze Jahr hindurch blühen und allen Reisenden sich selbst zum werthvollen Erinnerungszeichen bieten. Diese Rosen in dem heimlichen, so recht im Herzen des Schlosses liegenden Garten sind mir als eigentliches Sinnbild der Alhambra erschienen. Denn wie wir jede einzelne Rose besonders lieben und dadurch erst ihr ganzes Geschlecht mit der Krone des Königthums unter den Blumen begaben und schmücken: so erscheint uns auch jeder einzelne Raum der Alhambra einer besonderen Bewunderung oder Liebe werth, und erst aus der Vereinigung aller Eindrücke erlangen wir das zauberhafte, unser ganzes Wesen und Sein umstrickende und fesselnde Gesammtbild des ganzen Schlosses. Jede einzelne Rose erscheint mir wie ein lieber Mensch, und jedes einzelne Zimmer der Alhambra wie eine Rose. Deshalb finde ich es auch so schön gedacht, sich diese Blumen zum Wahrzeichen an wunderbare, reiz- und glanzvolle Stunden mit in die Heimath zu nehmen. An den Rosen der Alhambra haftet noch nach Jahren ein unaussprechlich lieblicher Duft: die [23] ganze Dichtung des Wunderschlosses selbst. Diese Kleinode leuchten aus dem außerdem noch mit goldenen Orangen und Citronen geschmückten Garten nach dem Erker der Lindaraja herauf und bringen ihm noch neuen Schimmer und Glanz zu dem alten. Daher mag es wohl kommen, daß jeder Reisende hier wieder lange, lange festgehalten wird. Doch ist der Saal mit seinem Erker auch ohne die blühenden Rosen unten im Garten reich an selbsteigener Schönheit. Da er lang und schmal ist, überdeckt ihn keine Kuppel, sondern nur ein Tonnengewölbe mit Tropfsteinnachgebilden; aber in diesem Gewölbe bringen 13 kleine, zugleich verschiedene Kuppeln eine außerordentliche Mannichfaltigkeit hervor. Die kufische Schrift bildet auch hier wiederum den Rahmen zu der arabischen oder tritt selbstständig als Schmuck der Gesimse auf. Die übrigen Nebengemächer sind zierliche Schlafzimmerchen.
In der einmal begonnenen Richtung weitergehend, gelangt man, nachdem man einige dunkle Gemächer durchschritten und dem Gefängniß der wahnsinnigen Königin Juana einen Blick geschenkt hat, zu dem Erker der Königin und damit zu einem neuen Theile der Alhambra; denn nunmehr hat man zu dem Blicke auf das Innere auch den nach Außen. Der Erker ist auf Befehl der Königin Isabella der Katholischen verstümmelt worden, indem die arabischen Zierrathen mit Gyps überworfen und durch einfache Wandgemälde ersetzt wurden. Zu Zeiten der Mauren diente er dem Könige als Betzimmer und hat sicherlich seinem Zwecke entsprochen, wie selten ein anderer Raum. Denn wenn die Stunde des Frühgebetes den König hierherberief und er, sich nach Osten wendend, seine Augen erhob, sah er von hier aus die schimmernden Gipfel des Schneegebirges überhaucht von dem ersten Golde des Morgens, mit ihren silbernen Kuppeln gleichsam Schriftzeichen auf purpurnem Grunde bildend, welche nur die Worte: „Rüste Dich zum Gebet!“ enthalten konnten. Wenn zur Mittagszeit der Muëddihn den Glaubensspruch vom schlanken Thurme der Moschee herabrief, und er hierher zum Beten ging, mußte er wohl einen Blick auf die im Mittagssonnenglanze unter ihm liegende Stadt werfen, und gewiß webte sich das empfangene Bild seinem Gebete als Mahnung ein, ein gerechter Herrscher sein zu wollen über Die da unten. Und wenn er nach vollbrachtem Tagewerke ein Dankgebet mit vollem Herzen bringen konnte, woben sich ihm hier die Strahlen der untergehenden Sonne als schönste Königskrone um das Haupt; ja selbst zur Zeit des Nachtgebetes noch sah er von hier aus nach Westen hin den Himmel golden glühen. Dieser Erker war noch ein würdigerer Ort zum Beten, als er jetzt zum Ausschauen ist: doch darf es uns nicht Wunder nehmen, daß die christliche Königin den ersteren Zweck vergaß und nur des letzteren gedachte. Die Anschauung der damaligen Zeit sah selbst in den heiligsten Orten der Mauren nur Götzentempel des blinden Heidenthums und gestaltete sie sich nach Laune und Bedürfniß beliebig um. Nun war und ist das alte Betzimmer gerade ein herrlicher Platz, um Umschau zu halten: deshalb erwählte ihn Isabella vor allen andern dazu, die eroberte Stadt mit Herrschergenuß zu übersehen. Das damalige Granada, die heutige Vorstadt Albaicín, lag gerade gegenüber und bot sogar das [24] Innere seiner weißen Häuser zur Schau; aber der Blick konnte auch die ganze herrliche und zur Maurenzeit noch weit köstlichere Fruchtebene erfassen und in einem Umsehn von deren fernen farbenreichen, blauüberdufteten Grenzgebirgen zu den höchsten Zinnen der Halbinsel schweifen. Das war und ist wohl ein Ort, wie sich ihn eine Königin wählen mag, ihr Auge zu ergötzen.
Ein einfach gehaltener Gang führt von hier aus nach dem Saale der Gesandten, dem größten und höchsten Raume des Schlosses. Eine Holzkuppel überdeckt ihn. Sie ist sehr schön, steht jedoch den Tropfsteingehängen der übrigen Kuppeln nach. Der Saal ist überhaupt weniger zierlich, als die übrigen Räume, dafür aber großartiger, ächt königlich und ganz geeignet, dem eintretenden Botschafter fremder Herrscher einen hohen Begriff von der Macht und dem Reichthum des ihn empfangenden Königs zu geben. Er wird durch 9 große und eben so viele kleine Fenster erleuchtet, von denen sich je 3 auf jeder Seite befinden. Die letzteren laufen unter dem oberen Sims dahin; die ersteren stehen in besonderen, wundervollen Nischen; je das mittelste einer Reihe ist ein durch eine schwache Marmorsäule geschiedenes Doppelfenster, und die Nische über ihm stets mit einer Holzkuppel bedeckt, während die der anderen nur eine einfache Holzdecke trägt. Ueber jedem größeren Fenster sind noch zwei kleinere oder vielmehr nur Gypsplatten mit verschiedenartigen gerad- und kreislinigen Einschnitten angebracht, durch welche Oberlicht in den Saal fällt. Auch die Wandverzierungen entsprechen dem allgemeinen Gepräge dieser Halle. Sie zeigen sich nur in den Nischen in der ganzen Lieblichkeit der Alhambra; sonst sind sie ernst und ruhig, ja fast streng. Um die Thor- und Fensterbogen, um das Hauptgesims, und mit kufischer Schrift abwechselnd auch um das mittlere, läuft der bekannte Wahlspruch, während man in kleinen Kreisen und Ellipsen die Worte liest: „Der Sultan Abu el Hadjadj hat mich erbaut; möge Gott für ihn siegen!“
Man muß sich in dem Saal der Gesandten einen seiner längst vergangenen Tage vergegenwärtigen. Der Fürst und Herr aller Gläubigen, der Sultan und Herrscher der königlichen Stadt Granada, saß hier auf seinem Throne, umgeben von den Großwürdenträgern seines Reiches. Seine Unterthanen, Fürsten, Kriegsoberste, Richter und Koranverständige umstanden ihn im reichen und prächtigen, von Perlen und Edelsteinen glänzenden Waffenschmuck; schwarze und weiße Diener bewegten sich zwischen der Menge oder harrten im Vorgemach des christlichen Botschafters, welcher im einfachen, mit dem Kreuz gezierten Eisengewande hereintrat, um Krieg oder Frieden zu bringen. Es galt ihm gegenüber Pracht und Glanz zu entfalten; und sicherlich geschah dies auch in so vollem Maße, daß folgende Inschrift des Saales nicht allzukühn erscheinen mochte:
„Nachkomme der Könige, Deiner Höhe vergleichen
Sich selber die Sterne nicht in den himmlischen Reichen.
Dies Schloß, welches, o Herrscher, Du hier Dir erbauet,
Macht stumm des Tadelnden Mund, Deine Feinde schweigen.
Es ist ein redendes Sinnbild Deiner nie endenden Macht,
Von Deinem unsterblichen Ruhme das Ehrenzeichen! –
Du hast des Propheten Gesetze geehrt und erleuchtet,
Allen Gläubigen willst Du Gnade und Huld bezeigen:
So bist Du des Glaubens Leuchte, der Gerechtigkeit Stütze,
Der Feinde Entsetzen – mögen vor Dir sie erbleichen!
Erhalte Dir Gott, unser Herr, Deinen Ruhm, Deine Milde,
Und möge sein Segen von Deinem Hause nie weichen!“
Durch eine reich geschmückte, wahrhaft pomphafte Eingangshalle und den Saal der Comares hindurchschreitend, gelangt man wieder in den Mirtenhof und hat damit seinen Rundgang beendet. Die übrigen Zimmer, wie die Bäder, ein in eine Kapelle umgewandelter und dadurch verbauter Saal, und andere Räume sind unbedeutend im Vergleich zu den bereits durchwanderten Sälen und Hallen.
Aber im Uebrigen bietet die Veste und ihre nächste Umgebung dem Besucher noch reichen Stoff für Tage und Wochen. Innerhalb ihrer Ringmauern gibt es gegenwärtig eine Menge von bewohnten Gebäuden, Gasthäuser, Schenken, Kramladen, ja selbst Gefängnisse etc.: doch sie sind es nicht, welche uns noch beschäftigen. Außerhalb des herrlichen Schlosses sind zwei Gebäude der Veste besonders merkwürdig, das eine wegen seines großartigen Baustyls, das andere wegen seiner Geschichte, welche heute noch wie ein geöffnetes Buch vor die Seele tritt, wenn man das platte Dach des Baues betritt: ich meine das „Thor der Gerechtigkeit“ und den „Thurm der Wacht“.
Ersteres bildete den Haupteingang zur Burg und war deshalb zugleich als festes Bollwerk nach außen gerichtet. Zwei Hufeisenbogen überwölben den Eingangsraum: sie sind einfach in ihrer Pracht, prächtig in ihrer Einfachheit. In dem Schlußsteine des äußeren Bogens sieht man eine Menschenhand, in dem des inneren einen Schlüssel eingemeißelt: beide Sinnbilder sind noch immer dunkel geblieben. Am äußeren Bogen liest man in großer arabischer Schrift die Worte:
„Gelobt sei der Herr, der Allerbarmende und Alleinige;
Gelobt sei sein Prophet. Allah allein ist der Sieger!“
über der Schrifttafel des inneren, welche unleserlich geworden ist, steht steif und verlassen ein Muttergottesbild. Der Name dieses Eingangsthores klingt hell und freundlich aus alter Zeit zu uns herüber. Hier wurde vom Kadi oder vom Könige selbst wirklich und wahrhaftig Recht gesprochen am Freitage vor allem Volk, nach erzväterlichem [26] Gebrauch: des Morgenlandes; – und wenn auch hier leider Blut vergossen worden ist: es sind nur Tropfen gewesen gegen die Ströme, welche die späteren Beherrscher der Veste „von Rechtswegen“ oder zur „Ehre des Alleinigen“ vergossen haben! Deshalb klingt dem ehrlichen Spanier der Name dieses Thores heute noch wie Hohn auf sein Volk und seine Zeit.
Der Wachtthurm liegt auf der Westseite der Veste, gerade über dem heutigen Granada. Der Besucher, welcher sein flaches Dach betritt, steht auf derselben Stelle, von welcher am 2. Januar 1492 der Graf von Tendilla das erste spanische Banner aufpflanzte und der Kardinal Mendoza mit lauter Stimme herniederrief:
wie eine in der Mauer eingefügte Gedenktafel erzählt. Ueber ihr hängt eine Glocke, welche bloß am Jahrestage dieses hochwichtigen Ereignisses ihren ehernen Mund aufthut, während der übrigen Zeit des Jahres aber nur des Nachts in Zwischenräumen von höchstens drei Minuten den Klang einer bestimmten Anzahl von Schlägen über die Fruchtebene entsendet, um dort die Bewässerung zu regeln. Diese Glocke, das Wasser und die Nachtigall im Verein muß man hören: da steigen tausend Bilder vor dem geistigen Auge auf! – Von dem platten Dache des Wachtthurmes genießt man eine entzückende Aussicht über Granada und seine Ebene, zumal zur Zeit des Sonnenuntergangs, wenn die östlichen Gebirge sich in ihren rosigen Schimmer kleiden: – doch, wo käme ich hin, wollte ich mich hierbei aufhalten. Ich darf ja nur Namen nennen, wo ich beschreiben möchte! Noch gar Vieles hätte ich zu berichten von den übrigen Gebäuden und Plätzen der Alhambra, von den Thürmen, Mauern, Plätzen, unterirdischen Wasserbehältern und anderen Sehenswürdigkeiten, kurz von Allem, was aus der alten Maurenzeit herüber zu uns spricht: aber ich muß und will mich beschränken.
Doch von Einem kann ich nicht schweigen: von dem köstlichen Garten, „Djenne el ârífe“ – liebliches Paradies nannten ihn die Mauren, und ein liebliches Paradies ist er; hundert Sagen reden von ihm, und hundert Mährchenbilder werden in der Seele Dessen wach, welcher in ihm wandelt. Gegen Abend muß man in ihm weilen, kurz vor Sonnenniedergang von ihm aus auf Granada niederschauen. Da begreift man, daß dieser Ort das stille Heiligthum glühender Herzensliebe sein konnte, ja sein mußte; da werden alle die Mährchensagen zur vollgültigen glaubwürdigen Wahrheit. Wenn die Sonne niedergeht und ihre goldenen Strahlen in das Blattgrün der Fruchtebene einwebt; wenn die Stadt unten erglüht und noch einmal aufjauchzt im Sonnenlicht; wenn die Lichtmalerei auf den Bergen rundum traumartig-feenhafte Bilder wachruft; wenn unten sich der Nebel auf Thal und Ferne legt, während über dem westlichen Ringgebirge, auf den Zinnen der in der Vogelschau vor den Blicken liegenden Alhambra, und in dem Paradiesesgarten noch paradiesisches Leuchten schimmert; wenn endlich die Nachtigall [27] anhebt zu flehen, zu bitten, zu erzählen, zu jauchzen, zu jubeln: da zieht nur ein Gefühl durch die Seele, bewältigt alle andern Gedanken und herrscht gewaltig: es ist das Gefühl einer unendlichen Liebe, ohne daß man zu ergründen vermöchte, welchem Gegenstande sie gilt. Und wenn dann der letzte Schimmer hier oben erbleicht und die Nachtigall gleichwohl noch immer fortfährt in ihren Beschwörungen: da beginnt in den dunklen Cypressengängen, in allen Winkeln und Grotten, in den schäumenden und brausenden Wassern und in den noch im Dunkel marmorweiß schimmernden Säulenhallen ein geisterhaftes Wehen und Rauschen, und Sage und Dichtung gewinnen Gestalt und Leben. Aus der stillen Tiefe herauf aber klingen einzelne Laute der Guitarre oder ertönt ein ferner Gesang, bis von dem Thurme des Domes herab eine Glocke zu sprechen anfängt und bald alle übrigen mit einstimmen zu dem einen Klang: Ave Maria! – – –
- ↑ Wer Granada nicht sah, hat Nichts gesehen.