Hohenstaufen (Meyer’s Universum)

DXXX. Das Neckarthal mit seinen Ritterburgen bei Neckarsteinach Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DXXXI. Hohenstaufen
DXXXII. Luzern
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HOHENSTAUFEN

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DXXXI. Hohenstaufen.




Das „Mene Thekel Phares,“ in den französischen Blutstrom der Schreckenszeit geschrieben, warnt jedes Volk, das in einer Revolution begriffen ist und sich neu gestaltet. Es mahnt zur Besonnenheit inmitten des Streits, zum Maaßhalten nach dem Siege. Wenn ein Volk, trunken vom Erfolge, sich nicht zu bezähmen weiß, wenn es niederreißt die Grenzpfähle der Nemesis und zu Boden wirft die ethischen Schranken des Rechts und der Billigkeit; wenn es ohne Haltung, seines Zwecks vergessen, die Tyrannei der Vielheit an die Stelle der Tyrannei des Einzelnen setzt: so müssen für ein solches Volk jene mahnenden Flammenzüge zu Gottes Richterspruch werden und es wird die Sentenz an ihm zur unerbittlichen Vollziehung gelangen. Das Weltgesetz „alles Maaßlose drängt zum eigenen Mord“ ist so ewig wie Gott selber.

Das soll auch in Deutschland nicht vergessen werden. Nachdem die Nation ihre Schmach, die sie viel zu lange ertrug, abgeschüttelt hat, nachdem sie offenbart hat das Geheimniß der Unmacht ihrer Fürsten und eingestürzt hat den alten Bau der Willkür und des Unrechts, muß sie den Staat neu bauen zu einer Wohnung des allgemeinen Glücks durch Gerechtigkeit und Freiheit. Leidenschaftlichkeit hat nichts dabei zu schaffen. Ruhigen und festen Thuns sollen die berufenen Bauleute das große Werk aufführen, welches den Meister lobe. Jeder aber ist als Arbeiter berufen, der mitwirken kann. Die Vokation kommt von Oben; nicht durch Brief und Siegel. Wer Tüchtiges kann, der thu’s. Nicht blos in Frankfurt wird getagt für das große Tagewerk. Getagt soll werden aller Orten, wo gesinnungstreue, verständige Männer sind, die es redlich meinen mit dem Volke. Jetzt, wo die Nation aufgefordert ist, die Männer ihres Vertrauens zur konstituirenden Versammlung zu erkiesen, ist es unerläßlich, daß das Wort der ächten Volksfreunde überall laut werde, daß es in alle Schichten der Gesellschaft dringe, die Geister erleuchte, die Herzen erwärme und belehrend an den Kreuzwegen stehe, um vor Verirrungen zu wahren und vor falschen Wegweisern zu warnen.

„Ein Kaiser und Ein Reich!“ so riefen vor dreißig Jahren die Männer, welche für die Rettung des Vaterlandes ihr Leben einsetzten, so riefen die Dichter und die Jünglinge; so klang aus den Liedern Körners, Schenkendorfs, Arndts und anderer geharnischten Sänger. Derselbe Ruf erscholl von den Höhen der Wartburg, als der schöne edle Traum der Burschenschaft in dem Geist der Jugend schwärmte, und derselbe Ruf klopfte mahnend an die Thüre des Wiener Fürstencongresses. Man dachte sich damals, ein Kaiser müsse auf’s Neue an [50] die Spitze des Reichs treten und die Würde erblich seyn, so lange das Geschlecht bestehe; man dachte die Herzoge des Reichs, die Fürsten und Standesherren um ihn versammelt zu einer Pairskammer; die Nation aber in einer zweiten Kammer als Reichsparlament mit der Initiative der Gesetzgebung. Diese Verfassung hielt man damals fast einstimmig für die einzige, welche lange Zeit dauern könne und für diejenige, welche dem deutschen Charakter und der deutschen Sinnesart paßlich sey.

Der Wiener Congreß jedoch konnte sich zu einem so großen architektonischen Plane nie erheben und der Schmutz der fürstlichen Partikularinteressen, welcher die Versammlung dominirte, konnte nichts Besseres gebühren, als die schlechte Bundesakte und den schlechten Bundestag: – die Quelle unserer Unterdrückung und unserer tiefsten Erniedrigung seit 30 langen Jahren. Die Vorsehung hatte ein Anderes beschlossen. Nicht aus den verdorrten Baumkronen, nicht von Oben herab sollte ein mattes Scheinleben sich gestalten; auf anderem Wege, aus dem frischen Leben von unten herauf sollte die Idee grünen und in die Höhe treiben, und, wenn die Stunde der Reife gekommen wäre, sich offenbaren und zur That gestalten. Ein Kaiser und Ein Reich ist nun von Neuem ein Losungswort geworden; es hallt weithin durch’s Land, und dieser Ruf, der ehedem Verbrecher machte, welche Jahre lang im Kerker büßen mußten für die unerhörte Frechheit, dem deutschen Bund die deutschen Farben, dem deutschen Fürstenverein einen gekrönten Präsidenten, oder den acht und dreißig Köpfen eine gemeinsame Krone aufdringen zu wollen, findet jetzt an den Stühlen der Bundesfürsten selbst das lauteste Echo. So ändern sich Zeiten und Menschen! Dreißig Jahre des schmählichsten Drucks, ein dreißigjähriger Krieg des Geistes der Freiheit gegen die nächtlichen, das Schlachtfeld unterminirenden Angriffe der Herrschsucht und des Knechtsinns, dieser gefährlichsten Koalition gegen Glück und Ehre der Völker, und so viel edle, nutzlos verbrauchte Thätigkeit – waren nicht vermögend, den Ruf: „Ein Kaiser und ein Reich!“ zur Anerkennung zu bringen; und jetzt reichen 14 kurze Tag, hin, um ihn, dem gewaltigen Rufe nach Republik gegenüber, als Ruf der Loyalität zu bezeichnen, ja ihn zum Rettungsanker zu machen, welchen das lecke Fahrzeug der Familienherrschaft in Deutschland halten soll in dem Sturme, der es umtobt und mit gänzlicher Vernichtung bedroht.

Vor einem solchen Abschnitt in der Geschichte des deutschen Volks ist es gut, einmal dessen Kaisergestalten vergangener Zeiten zu mustern und nach Idealen zu suchen, die auf jeden Fall die große Gegenwart noch mehr bedarf, als jede frühere deutsche Zeit. Finden wir aber diese Ideale? Wo sind denn die großen Männer strengen Sinns, jene eisernen Naturen, in Widerwärtigkeit stahlhart ausgehärtet, daß sie mit der Sense des Schwerts und mit der Schneide des Worts das dürre Heu wegmähen, damit daß junge Leben Raum gewinne? In welchem Geschlechte stehen denn wahre Helden, Riesen an Muth und Willenskraft und Körperstärke, die die deutsche Krone trugen über Alle und von denen deutsches Volk singt und sagt bis an der Zeiten Ende? – Einen Einzigen trägt als solchen das Volk im Munde. Der Rothbart war’s, von dem die Sage umgeht, er werde, wenn der Freiheit rechte Stunde geschlagen, herabsteigen von seinem Kyffhäuser und Deutschland groß machen [51] über alle Reiche der Erde. Das war in Hohenstaufen. In dem Geschlecht der Hohenstaufen allein hat die Idee deutscher Reichseinheit, kaiserlicher Machtfülle und imposanter Stellung gegen Außen, den Hauptbedingungen der Größe des Vaterlandes, seine Erscheinung gefunden. Es war aber nur eine persönliche Erscheinung: die Idee hat die Sage dazu gethan.

Als die Hohenstaufen den deutschen Reichsapfel erfaßten, litt das Reich an schweren Gebrechen. Die Reichseinheit war untergraben, am Stamm des Nationlebensbaums nagte damals schon das Gewürm, unter dessen rastlosen Treiben im Völkerwalde Europa’s kein einziger Baum zu reiner und voller Blüthe gelangen konnte : Fürstenaristokratie und Pfaffenherrschsucht zehrten an ihrem Marke. Die Herzöge, Fürsten und Grafen des Reichs hatten die Schranken des Beamtenthums, innerhalb welcher noch die Ottonen und die ersten Kaiser aus dem salischen Hause sie fest zu halten gewußt, schon unter Heinrich V. niedergerissen. Denn nachdem ihnen dieser Kaiser die Erblichkeit ihrer Aemter und Würden zugestanden hatte, war die Theilung der öffentlichen Gewalt nur ein zweiter Schritt; mit dem dritten erhob man die Getrenntheit der Macht zum Prinzip. Der eifrigste Beförderer dieser Zersplitterung war das Papstthum, oder, wie Priestereitelkeit und pfäffische Anmaßung sich noch heute mit Gewicht ausdrücken – die Kirche. In früheren Zeiten hatten Klerus und Kaiser gemeinschaftlich gegen die Machtentwickelung der weltlichen Großen angekämpft. Beiden zum Heil, so lange der Kaiser das Scepter über den Krummstab schwang, so lange es in seiner Machtvollkommenheit stand, Männer seiner Wahl auf die höchsten und wichtigsten Kirchensitze zu führen. Gregors VII. Sieg über Heinrich IV. warf das Scepter unter des Papstes Pantoffel: mit der Aufhebung der Investitur, d. i. der Belehnung der Geistlichen durch den Kaiser mit Ring und Stab (das wichtige Symbol der Lehnsabhängigkeit des Klerus von der weltlichen Macht!) war das Band, welches bisher den Klerus in der Unterthanenschaft des Staats festgehalten hatte, zerrissen: aus dem starken Bundesgenossen im Kampfe gegen die Unabhängigkeitsgelüste der Fürsten war der gefährlichste Feind der Reichseinheit hervorgegangen: die Priesterschaft im Dienste der Hierarchie. So hatten sich die deutschen Fürsten und der römische Papst in die Hände gearbeitet, jene, um im Reichsschiff nach Belieben zu walten, dieser, um das Wrack nach seinen Plänen zu lenken. Nicht zu verkennen ist, daß noch ein Drittes mächtig beitrug, des Papstes Krone zu einer dreifachen zu machen: der Geist der damaligen Zeit. Es war eine neue Weltanschauung im christlichen Europa zur Herrschaft gelangt: „das Innerliche hatte über das Aeußerliche, das Spirituelle über das Sinnliche, das mystisch-religiöse Gemüth hatte über den klaren Verstand“ den Sieg davon getragen. Religion, Kirche und Leben waren damals so in Eins zusammen geschmolzen, daß keine menschliche Thätigkeit ohne dieses Motiv groß und erhaben genannt werden durfte: denn wie die Wissenschaft nur darum in Ehren stand, weil sie die Lehren der Kirche auch durch die Vernunft als unzweifelhaft wahr und göttlich zu begründen suchte, so fand die Waffenführung ihr höchstes Ziel im Kampf für die Kirche: das Ritterthum begann seine schwärmerisch-religiösen Heldenthaten, und bewährte sich am glänzendsten und [52] großartigsten in den Kreuzzügen, welche Millionen Krieger in den Dienst der Kirche und den Papst auf seine höchste Höhe stellten; er war fortan das unbestrittene Oberhaupt jener großen, von den mächtigsten Fürsten und Staaten in Bewegung gesetzten Eroberungs-Wallfahrten.

Papst, Klerus und Reichsfürsten – sie standen dem Kaiserthum und der Reichseinheit feindlich gegenüber; und das Volk? – Verlangst du Antwort auf diese Frage? – Die Feder sträubt sich, sie niederzuschreiben: „Schon damals“, heißt sie, „war es so weit gekommen, daß von einem eigentlichen freien deutschen Volke keine Rede mehr seyn konnte.“ –

Und wer trug die Schuld? Der Erbfeind des alten germanischen Gemeinwesens (dessen Grundmauern vollkommene persönliche Freiheit und unmittelbarer Güterbesitz gewesen), das Erbübel war’s, welches noch diesen Tag an der großen Mehrzahl unsers Volkes nagt, jene eigentlichste Erbsünde, die auf den socialen und politischen Verhältnissen der meisten europäischen Nationen lastet: das Lehenswesen! – Abhängigkeit und Aftereigenthum – beide herbeigeführt durch die vereinten Bestrebungen des Klerus und der Fürstenaristokratie und bis zum menschenentwürdigenden Extrem durchgesetzt durch den unwiderstehlichen Einfluß jenes auf alle Verhältnisse der Familie und die trotzige Gewalt dieser über alle Verhältnisse des Staats – ich sage: Abhängigkeit und Aftereigenthum entfremdeten die Masse des Volks dem nationalen Gemeinleben, vernichteten die tiefgewurzelte Ehrfurcht vor der Reichskrone und zerbrachen die mächtigste Stütze des deutschen Kaiserthrons. Und so sind wir an der Hand der Geschichte zu der traurigen Wahrheit hingeführt worden, daß die Selbstsucht und die Herrschgier der Pfaffen und Fürsten jene Zustände des deutschen Reichs verschuldet haben, welche es sieben Jahrhunderte lang zum Spielball innerer Privatinteressen und äußerer Eroberungspläne erniedrigten, welche es möglich machten, daß Saft und Kraft der edelsten Nation der Erde während dieser langen Zeit von einer Anzahl Familien ausgebeutet werden konnten, und welche endlich ihren schmählichen Triumph darin fanden, daß der verfaulte Körper des Kaiserreichs den Fußtritten der schwächern Nachbarn wehrlos bloß gestellt und daß er der Gegenstand des Hohngelächters von ganz Europa wurde.

Ehe jedoch die Hohenstaufen den Kaiserthron bestiegen, hatten sich aus diesem Chaos drei Elemente ausgeschieden, welche, klug und energisch benutzt, dem Schicksal der deutschen Nation eine andere, eine glücklichere Wendung gegeben haben würden. Aus dem Stande der alten Gemeinfreien hatten sich zwei Stände vor gänzlicher Abhängigkeit gerettet: die Ritterschaft und das Bürgerthum: jene aus denjenigen Gemeinfreien entstanden, welche dem Kriegsdienst zu Roß pflichtig waren; diese aus denjenigen Gemeinfreien hervorgegangen, welche, zu schwach, um einzeln ihre Freiheit zu behaupten, sich in größeren Gemeinden zusammen thaten, und durch Bildung, Gewerbfleiß und Handel bald zu Ansehen gelangten. Das dritte Element stieg aus dem Schooße der Geistlichkeit empor: die freie Thätigkeit, welche man der menschlichen Vernunft gestattet hatte, um die Uebereinstimmung ihrer Forschungen und Resultate mit den Aussprüchen der Kirche darzuthun, hatte diese [53] enggezogenen Grenzen überschritten und es war aus dem Vertheidiger ein Angreifer geworden. Bis dahin felsenfest auf der öffentlichen Meinung ruhend, sah die mittelalterliche Kirchenlehre und mit ihr die Macht der Hierarchie sich plötzlich Grundsätzen gegenüber, welche nicht blos von Einzelnen, sondern von Massen vertreten wurden und mit dem Glauben an die Untrüglichkeit der Kirche Ansehen und Macht der Priesterschaft erschütterten. Abailard, Arnold von Brescia, die Waldenser erhoben sich als Kämpfer des freien Geistes: „die öffentliche Meinung, die Hauptstütze des Papstthums, begann zu wanken.“

Und diese Ritterschaft, dieß Bürgerthum, diese reformatorischen Bestrebungen bildeten die Trias, welche naturgemäß zum Kaiser hielt: die Ritter brauchten des Kaisers Schutz, um von ihren weltlichen und geistlichen Lehnsherren nicht zu bloßen rechtlosen Waffenknechten herabgedrückt zu werden; die Bürger, um für ihre demokratische Entwickelung einen starken Schild gegen die Fürstenaristokratie zu gewinnen; die reformatorischen Streiter, um ihr aufgehendes Licht hinter dem Schirm des Kaisers gegen die Gewaltmaßregeln der Hierarchie gewahrt zu wissen. Wir wollen nun sehen, wie die Hohenstaufen, schon Kaiser, diese Elemente der Macht, diese starken Waffen zum Kampf gehandhabt haben. –

Der Stammvater des Geschlechts, Friedrich von Büren, war ein einfacher Rittersmann, der um 1056 die Burg erkaufte. Eine sonderbare Fügung hob seinen Sohn Friedrich zur höchsten Würde, die der Kaiser zu verleihen hatte: Friedrich von Staufen wurde der Schwiegersohn des Kaisers Heinrich IV. und erhielt Schwaben, das Herzogthum, zu Lehen. Schon die Söhne desselben, Friedrich und Konrad, traten, nach Heinrichs V. Tod, als Thronbewerber auf. Sie erfüllten die Regierungszeit Lothars mit Bürgerkriegen. Dasselbe that Heinrich der Stolze von Bayern und Sachsen, als statt seiner Konrad III., als erster Hohenstaufe, den Kaiserthron bestieg. Mit dieser Feindschaft entspann sich jener Kampf zwischen Hohenstaufen (Ghibellinen) und Welfen (Guelfen), welcher Deutschland und Italien in eine lange Reihe blutiger Bürgerkriege verwickelte. Konrad würde, wäre er nicht der Erste des Hohenstaufenschen Hauses, ohne Auszeichnung in der Geschichte stehen. Er war ein schwacher Fürst und Deutschland verlor unter ihm nach Innen und Außen. Seine vortrefflichste That war die, daß er, an sich selbst erkennend, was dem Reiche noth thue, die Nachfolge auf dem Throne seinem eigenen Sohn entzog und seinem Neffen Friedrich von Schwaben zuwandte. Er, der Barbarossa (Rothbart), wie ihn die Italiener nannten, war die eigentliche Heldengestalt des Geschlechts. Während Friedrichs vierzigjähriger Regierung stand Deutschland wieder als die erste und gewaltigste Macht Europa’s da, unter deren Oberherrschaft die slavischen Reiche, die Wenden, Böhmen, Polen, die Ungarn, die Burgunder und Italiener und selbst die Dänen sich fügten. Friedrich’s große Persönlichkeit that’s allein, nicht seine Politik. Seine vielen Kriege in Italien erregten vielmehr die Unzufriedenheit Deutschlands und zwangen ihn, die Fürsten durch Machtvergrößerung für sich zu gewinnen, während er gegen seine Hauptfeinde, den Papst und die italienischen Städte, nie zu vollständigem Sieg gelangte. An die Heranbildung einer Großen und dem Klerus überlegenen Macht [54] in einem dem Kaiser und Reich unmittelbar untergebenen Volke hat Barbarossa nie gedacht. Das schlimmste Geschenk warf dem Reiche 1186 die Verheirathung seines Sohnes Heinrich mit Konstanze von Neapel zu, denn Unteritalien hat Deutschland Gut und Blut in Menge gekostet und das Hohenstaufengeschlecht selbst zum Untergang geführt. Schon dieser Heinrich VI. verbrachte den größten Theil seiner Regierungszeit im Kampfe um dieses Königreich. Noch weiter von dem rechten Wege, auf welchem Deutschlands Glück lag, kam Heinrichs VI. Bruder, Philipp von Schwaben ab. Erst in Heinrichs VI. Sohn sehen wir wieder einen großen Kaiser als Friedrich II. Er gehörte zu den genialsten Männern seines Jahrhunderts. Wissenschaft und Kunst waren heimisch an seinem Hofe, er war Meister mit der Leier wie mit dem Schwerte; an politischem Scharfblick und energischer Thatkraft war er seines Großvaters Ebenbild. Aber auch er irrte: in seinem Herzen lebte das schöne Italien, das Land, wo er geboren und erzogen worden war, und so konnte auch ihn weder die feinere Bildung noch die freiere Weltanschauung von der für Deutschlands Interesse falschen Politik seines Hauses ab und auf den rechten Weg hinführen. Zu spät für Deutschland und sein Haus erkannte Friedrich, „daß er den selbstsüchtigen Tendenzen der geistlichen und weltlichen Fürsten ein anderes Element entgegensetzen müsse“ – er wurde ein Freund des Bürgerthums; – aber eben zu spät! Das Unglück brach über ihn, über Deutschland und über sein Haus so plötzlich herein, daß er, nach wenigen Jahren voll der bittersten Erfahrungen, des tiefsten Wehes in Familie und Staat, mit gebrochener Seele starb.

Nachdem Friedrich, der größte Hohenstaufe, begraben war, ließ der Untergang des Geschlechts nicht lange auf sich warten. Konradin eilte über die Alpen, um Neapel dem französischen Usurpator zu entreißen, verlor die Entscheidungsschlacht und legte sein blühend schönes Jünglingshaupt auf den Block. Er war der letzte Hohenstaufe. Der alte germanische Zug nach Italien hatte die Kraft auch dieses Geschlechts gebrochen, und geblieben ist jener Zug die Quelle des Verderbens für deutsches Volk und deutsche Herrlichkeit bis auf den heutigen Tag.

Der Berg, auf dem die Burg Hohenstaufen stand, liegt im würtembergischen Amte Göppingen, im Donaukreise. An seinem Fuße bewahrt ein Marktflecken noch den Namen des Kaisergeschlechts. Zerstört wurde die Burg 1525 im Bauernkriege. Sie wurde niedergebrannt und der Erde gleich gemacht. Das einzige Merkzeichen vergangener Größe ist am Fuße des Schloßbergs zu suchen. Dort liegt eine kleine Kirche, durch deren niedere Pforte Friedrich Barbarossa täglich zur Messe schritt. Sie trägt die Inschrift: Hic transibat Caesar.

Aber was ist nun durch diese Betrachtung der hervorragendsten Gestalten im langen Kaiserzuge für den loyalen Ruf: „Ein Kaiser und Ein Reich!“ gewonnen? – wenig! Die Nation dagegen fragt, und sie fragt mit Recht: „Wenn das am grünen Holze geschah, was haben wir am dürren zu erwarten?“ –