Luzern (Meyer’s Universum)
| Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig. |

LUZERN
Luzern, das finstere Jesuitennest, und Luzern, wo der erste Funke hinfiel, dessen Brunst weit über den Gesichtskreis der Alpen hinaus leuchtete, die schlafenden Völker weckte und ihnen zeigte, daß das Maaß gefüllt war bis zum Rande und die erzürnte Nemesis ihr Werk beginne. In Luzern ward der Damm zuerst durchbrochen. Der erste Freischaarenzug zur Vertreibung der Jesuiten war die erste blutige That, in welcher unsere Hoffnungsgedanken sich versammelten. Mit diesem Zuge, dessen Motive Jeder billigte, der die Freiheit liebt, wenn auch das Ereigniß selbst vielen Hader in der Meinung entzündete, erwachte im deutschen Volke das Gefühl von der Nähe der ewigen Gerechtigkeit zur Aenderung unerträglich gewordener Zustände. Er warf helles Schlaglicht auf die schmachvollen Verhältnisse im Vaterlande; er spornte die allgemeine Theilnahme an der Sache der Freiheit und den Haß gegen die Werkzeuge, die zur Unterdrückung jener dienten. Ernst war über die öffentliche Meinung gekommen, und von der Diskussion materieller Interessen sprang sie über zur Erörterung der geistigen. Durch das Blut, welches vor Luzern um der Jesuiten willen floß, war ein fruchtbares Ferment in alle Gemüther gefahren. Das machiavellistische System, welches die Völker Europa’s umspannt hielt, es hatte seinen Schleier abgezogen; es trat in seiner ganzen Scheusalsgestalt vor das erzürnte Auge. In vielen tausend Köpfen kam damals die Ueberzeugung auf, daß uns keine Gewaltthat zu groß, kein Opfer zu theuer seyn müsse, um jenes schmähliche Netz zu zerreißen, über welches der nicht mehr verhaltene Volksgrimm sich täglich entschiedener und strenger äußerte. Und so ist jener erste Luzerner Fehdetag auch für uns Deutsche eine folgenschwere Stunde geworden, die Wehestunde für die Geburt einer verhängnißvollen Zukunft: – einer Zukunft voller Glück oder Unglück, je nachdem die guten oder bösen Sterne überwiegen.
Daß unser Glück noch in Frage steht und daß noch der Zweifel eine Zuflucht findet – das eben ist der Jammer in dieser großen Zeit! Viel, ungeheuer Viel hat das deutsche Volk gewonnen und errungen in diesen wenigen Wochen: aber – wir dürfen es uns nicht verhehlen – es hätte wohl noch mehr gewonnen werden können, und gesichert ist von all dem Errungenen noch äußerst wenig. Wir wollen uns nicht täuschen. Die guten Geister sind zwar herauf beschworen, aber auch die bösen sind mit heraufgestiegen und Jene, die das Schlimme verschuldet haben von vorn herein, – sie – wir sehen’s ja! – sie zittern vor den guten und liebäugeln mit den bösen! – Ja, spreche ich’s nur aus: sie tragen neue Täuschung in der falschen Brust. Ablehnend [56] in der Mehrzahl, was die Zeit begehrt, ausweichend Dem, was das Volk als sein gutes Recht beansprucht, jedes Zugeständniß als ein erzwungenes und darum nicht zu Recht bestehendes betrachtend, oder es fälschend mit Advokatenkünsten und ihm mit diplomatischer Kniffigkeit Hinterthürchen anhängend, ohne Wahrheit und ohne Ehrlichkeit im Herzen, das Unveränderliche ihrer Natur erkennen lassend und zur Ueberzeugung nöthigend, daß ein Abkommen mit ihnen nicht mehr möglich sey: – werden sie nicht eher ruhen, als bis sie ein zweites, furchtbareres Gericht über die Fürsten, über sich selbst und über Deutschland herbeigeführt haben. Die Reaktion, eingedenk des Spruchs: „Theile und herrsche!“ sorgt schon dafür, daß es zu keiner Verständigung der Meinung komme; sie verhindert die Einigung der Volksmänner, nährt die Zwietracht, stürzt Alles in Verwirrung. So sehen wir, wie beim Thurmbau in Babel, wenn Mörtel verlangt wird, Steine herzutragen, und Holz bringen, wenn die Andern Ziegeln fordern. Die Sprachen sind ein solches Durcheinander geworden, daß Keiner mehr den Andern versteht. Nicht eine Idee ringt sich zur Herrschaft auf. Was heute gegolten, das wird morgen verworfen, und was gestern Beifall gefunden, fällt heute in Vergessenheit. Jeder folgt seiner eigenen Ansicht, Jeder will die Welt nach seinen Phantasien oder für seine Interessen bauen und die Berathungen sind öfters nur ein Zeugniß der Rathlosigkeit. Unstät, ohne Steuermann und ohne Compas, rollt das schwere deutsche Orlogschiff auf den Wellen, zürnend hüllt sich der rettende Gott in seinen Wolkenschleier und die hellen Sterne verschwinden an unserm Himmel, einer nach dem andern. Es dunkelt schon und in dem Zwielicht sind die wühlenden, die junge Freiheit unterminirenden Kräfte geschäftig und tausend und aber tausend Hände knüpfen emsig die zerrissenen Fäden wieder am Webestuhl der begrabenen Willkürherrschaft.
Gottlob! der begrabenen; und darum ist auch all dieß reaktionäre Thun ein Werk der Hoffnungslosigkeit. Was unsere Revolution nicht vollendet hat im ersten Akt, das wird sie, wenn man sie zum zweiten treibt, in diesem sicher vollbringen. Aber – dringe doch dieser Zuruf den Fürsten in’s tiefste Seelenmark! – in Blut wird sie waten in diesem zweiten Akte, die Brunst der Städte wird ihren Gang beleuchten und unter die Füße treten wird sie das Glück von Millionen. Und wenn dann Ihr, Ihr Fürsten, als Opfer an des Siegers Rachewagen gebunden, umhergeschleift werdet und das wüthige Volk Eure Glieder umherstreut wie die Medea die Glieder des Absyrtes, – welch ein klägliches Schauspiel für Gott und die Menschen!
Trätet ihr, Fürsten! der Reaktion entgegen – Satan selbst mit seinen Gesellen könnte euch in Deutschland nichts anhaben! Aber ehrlich müßtet ihr’s meinen mit der Zeit und mit dem Volke. Ihr müßtet die neue Saat, welche die erstorbene Welt wieder grün machen soll, einstreuen in den frisch gerodeten Boden, rein von Tollkorn und bösem Unkraut. Ihr müßtet, wie die Adler, dem Volke vorfliegen und den Weg zur Sonne zeigen, – nicht wie Geier das Volk umschwärmen, gierig ihm die Krallen in den Leib zu schlagen, sobald es, müde geworden, sich wieder zum Schlummer niederlegt. – Erwägt es wohl! Ihr wäret Alle, nicht einer ausgenommen, in des [57] Volkes Hand – es vertraute zum Letztenmal euerm Fürstenwort und ließ euch kein Haar krümmen. Trauernd und zögernd würden eure noch nach den bittersten Täuschungen treuen Völker die Diademe von euern Häuptern ziehen; – aber, haben sie sich einmal losgesagt, ist die Pietät erstorben, der alte Glaube mit der Wurzel ausgerissen und geschwunden die letzte Zauberkraft der Gewohnheit: dann hat auch die Mitternachtsstunde eurer Herrschaft für ewig ausgeschlagen. – – Die deutsche Revolution hat nur einen Weg. Den geht ihr mit dem Volke, oder das Volk geht ihn ohne euch. Wählt! In eurer Wahl liegt euer Bestand – liegt eure Vernichtung. –
Der Orden der Jesuiten, sein bescheidener Anfang, seine unermeßliche Machtentwickelung und sein Jahrhunderte langes Fortbestehen, trotz des Hasses, den alle, wenn auch nur von einem Schimmer der Wahrheit und Freiheit erleuchteten Völker auf ihn geworfen hatten, sein Einfluß auf die Fürsten und durch die Zügel der Jugendbildung auf die Blüthe der Völker – diese ganze Erscheinung ist eine der großartigsten in der Weltgeschichte: sie ist der Sieg der Schlechtigkeit über die wohlgepflegte Schwachheit der Einzelnen wie der Massen. Pfaffentrug und Fürstenlist sind die Träger des Jesuitismus. Pfaffentrug und Fürstenlist, durch das schmutzige Band des Eigennutzes und der Selbstsucht auf das Engste verbunden, brüteten den Grundsatz: „der Zweck heiligt die Mittel,“ ein Prinzip, das die Menschheit in eine Heerde von Raubthieren verwandeln würde, wenn er allgemeine Anerkennung fände. Allerdings hatten es die Pfaffen auch ohne Jesuiten weit gebracht in der angestrebten Vernichtung des gesunden Menschenverstandes, in der Knechtung des Willens und in der Fesselung des Gedankens; alle ihre Errungenschaften sind jedoch dem Jesuitismus gegenüber ein Werk spielender Irren und Verirrten neben den Resultaten der scharfsinnigsten Spekulation. Loyola selbst, der Begründer des Ordens, war der spätern, so verderblichen Richtung desselben vielleicht fremd; doch war sie immerhin eine Folge seiner Satzungen. Als Ordenszweck verkündigte er: ausschließlichen Dienst Gottes und seines Stellvertreters auf Erden, und fügte zu den gewöhnlichen drei Mönchsgelübden, Gehorsam gegen den Ordensoberen, Keuschheit und Armuth, noch den vierten: unbedingten Gehorsam gegen den Statthalter Jesu hinzu. Hauptaugenmerk sollte seyn: Bekehrung der Ketzer und dadurch sich der Orden zu einer zuverlässigen Stütze des wankenden päpstlichen Stuhls heranbilden. Auch den Bildungsweg der Jesuiten schrieb schon Loyola genau vor und eben so die Gliederung der Gesellschaft. Er schuf vier Ordensklassen: Novizen, die noch ohne Ordenskleid umhergingen und in einem besondern Noviziathause hinsichtlich ihrer Fähigkeiten beobachtet wurden. Sie kamen hierauf in ein Probationshaus, um eine zweijährige, strenge Prüfung zu bestehen. Dann erst wurden sie Scholastiker und leisteten die drei ersten Mönchsgelübde. Die dritte Klasse bestand aus den geistlichen und weltlichen Koadjutoren, die in Kollegien und Missionen, Residenzen [58] und Profeßhäusern vertheilt waren. Sie bildeten die Gehülfen oder vielmehr Werkzeuge der vierten Klasse, der Professi, die sämmtlich zu Geistlichen ordinirt seyn mußten, in alle Geheimnisse des Ordens eingeweiht, in Besitz der höhern Aemter und Vorrechte waren und aus denen die Oberen, Superioren, Präfekte, Rektoren, sowie der Ordensgeneral mit seinen Assistenten hervorgingen. Sie allein leisteten das vierte Gelübde. Nur bei einer solchen hierarchischen Gliederung des ganzen Baues war ein planmäßiges Zusammenwirken in gleichem Geiste und zu gleichem Zwecke möglich; erreicht wurde es durch die völlige Hingebung jedes Einzelnen an die Gesammtheit. Das Wachsthum der Gesellschaft war außerordentlich. Beim Tode des Stifters zählte der Orden bereits über tausend Glieder, die als Heidenbekehrer, Prediger, Beichtväter, Jugendlehrer, Geschäftsmänner und Schriftsteller alle religiösen und weltlichen, kirchlichen und wissenschaftlichen Kreise durchdrangen und vor Allem Glauben und Gewissen der Fürsten und Völker in starre Formen zu zwängen suchten. Die mächtigsten Waffen der Jesuiten waren ihre Pädagogik und der Beichtstuhl. Hier wurde das Gift ausgegossen, das auf Herz und Geist gleich zerstörend wirkte und alle sorglos Gläubigen dem Ordensinteresse blindlings dienstbar machte; denn wo die Grundmauern alles Gemeinde- und Staatslebens fehlen, wie soll sich da ein Bau des Segens erheben? Die Jesuiten erkennen ja keine feststehenden Gesetze und Pflichten der Moral an, ihre Moral ist eine Lehre der Klugheit, je nach Zeit und Umständen mit Zusätzen und Ausnahmen versehen. Sogar die Religion ist nur da, um das Ordensinteresse zu fördern. Im Beichtstuhl wußten sie Herren zu werden durch ihre Nachgiebigkeit gegen Laster und Verbrechen. Beide hatten eine willkommene Stütze an der jesuitischen Lehre von der Sünde; denn darnach ist nur Derjenige straffällig, welcher von dem Bösen, das er thun will, im Augenblick der That deutliche Erkenntniß oder wenigstens vorher einige Zweifel und Gewissensbisse hat. Ein Verbrechen, das man ohne Ueberlegung und ohne an Gott zu denken, begeht, ist demnach keine vor Gott straffällige Sünde. Die Menschen, so lehren die Jesuiten ferner, bedürfen keiner wahren Gottesliebe, da die Furcht vor der Hölle genügt, um Gott wegen einer Sünde zu versöhnen. Auch die heimlichen Vorbehalte, nach welchen man nur etwas Anderes denken durfte, als man sagte oder that, um wegen der gröbsten Sünde vor sich gerechtfertigt zu seyn, und tausend andere Schurkereien galten diesen Jüngern Jesu für Mittel, welche der Zweck heiligt. – So ist auch ihre Behandlung der Wissenschaften von Schlauheit und Perfidie durchdrungen. Stets waren sie bemüht, in einzelnen Zweigen des menschlichen Wissens sich als Lehrer und Schriftsteller auszuzeichnen; daher eine Reihe berühmter Jesuitennamen, aber durchaus nur in Fächern, welche nicht unmittelbar zur reinen Aufklärung des Verstandes in der Religion und Theologie, in der Politik und Moral führen. Außerdem bearbeiteten sie alle Wissenschaften in einer Weise, welche ihre Zöglinge weit vom freien Denken und Forschen abführte, und wußten aus ihren theologischen und historischen Verträgen Alles zu entfernen, was ihrem Systeme zuwider lief. Auf solchen Wegen gelangte der Orden zu einer die ganze Erde umspannenden Macht. Er stand auf deren höchstem Gipfel in der [59] Mitte des vorigen Jahrhunderts. Damals zählte der Orden 22,589 Mitglieder, 24 Profeßhäuser, 335 Residenzen, 273 Missionen, 176 Seminarien, 61 Probationshäuser, 669 Kollegien. Für den Orden bestanden keine Schranken, keine Grenzen auf der Erde, als die er selbst geschaffen. Er theilte alles Land in 39 Provinzen und trachtete nach nichts Kleinerem, als nach Erhebung des Ordens zu einer wahren Weltherrschaft.
Wie alles Maaßlose im Streben den Widerstand erregt, so geschah es auch hier. Von jener Zeit an häuften sich die Angriffe gegen den Orden, seine Herrschbegierde erschien auch den Fürsten gefährlich, seine Einmischung in die Politik erregte den Unwillen der Völker, die schamlose Wahl der Mittel zu seinen Zwecken rief Haß und Verachtung über ihn. Das Uebel war zu einer so ungeheuern Größe angeschwollen, daß nichts mehr retten konnte, als ein Schlag zur augenblicklichen Vernichtung der Jesuiten. In Rom saß auf dem päpstlichen Stuhle damals ein Mann, der den Muth hatte, diesen Schlag zu wagen: es war Ganganelli. Am 21. Juli 1773 hob er durch die berühmte Bulle „Dominus ac redemtor noster“ den Orden auf.
Vierzig Jahre blieb die Bulle in Kraft und der Orden eine Leiche. Aber seine Zeit war noch nicht aus, so wenig wie die Zeit des Lugs und Trugs in der Politik, der Tyrannei der Großen und des Knechtssinns der Völker. Es ging in Erfüllung, was Franz von Borgia, der General des Ordens, prophezeit hatte: „Wie Lämmer haben wir uns eingeschlichen, wie Wölfe werden wir regieren, wie Hunde wird man uns vertreiben, aber wie Adler werden wir uns verjüngen“. Zur nämlichen Zeit, als die Könige das Pergament der heiligen Allianz den Völkern als die Urkunde ihres Glücks und ihrer Freiheit hinhielten, wie das Buch der Apokalypse mit den sieben Siegeln, – geschah, auf Metternichs Anregung, die Wiederherstellung des Ordens (am 7. August 1814) durch die Bulle „Sollicitudo omnium ecclesiarum.“ Wirklich setzte sich der Orden in den meisten katholischen Staaten Europa’s wieder fest, theils duldete man seine Rückkehr, theils rief man ihn sogar in’s Land. Bei dem ihm besonders günstigen reaktionären Geist der Zeit erholte er sich zusehends von seinem tiefen Fall und wucherte unter der Herrschaft Metternichs, jener fluchbeladenen Periode der europäischen Völkergeschichte, üppig empor. Die Julirevolution lähmte zwar seine Thätigkeit in Frankreich, verhalf ihm aber durch die Errichtung eines belgischen Königreichs zu einem Centralpunkt im Norden, von dem aus er seinen Einfluß auf’s Neue gleichzeitig über Deutschland und Frankreich ausbreitete.
Wie Belgien für den Norden das jesuitische Hauptlager war, so war die Schweiz es für den Süden. Hier waren die Jesuiten aus Italien eingedrungen. Sie hatten in den sog. Urkantonen, wo die katholische Geistlichkeit das Volk beherrschte, einen empfänglichen Boden gefunden. Die Schweiz, obwohl ein Staat von republikanischen Formen, litt unter kleinlichen Verhältnissen, Parteiintriguen, Konfessionszwisten, mehr aber noch unter aristokratischen Resten aus ihrer früheren Geschichte und unter den allgemeinen Einflüssen der reaktionären Politik der europäischen Kabinette, so viel, wie jedes andere Land, während weder die Tagssatzung von Innen, noch die [60] Neutralität von Außen ein festes Band um so viele und so kleine, mit größter Eifersucht bewachte Kantonalsouverainetäten zu ziehen vermochte. Alle aus diesen Mißständen hervorgebrochenen, wenn anscheinlich noch so regen Bewegungen waren in der Regel nur ein Wühlen in einem faulen Boden. Warum sollten Leute, wie Metternich und die Jesuiten, die für sie so treffliche Gelegenheit, einem um des Prinzips der Freiheit willen gefürchteten und gehaßten Gemeinwesen einen Zaum anzulegen, unbenutzt lassen? – Oesterreich vertheidigte die Souverainetät der kleinen Urkantone und diese, Luzern voran, beriefen die Jesuiten, kraft ihrer Souverainetät. Das ist, nachdem die Aargau’sche Klosteraufhebung wieder die erste Brandfackel zwischen die beiden Hauptconfessionen der Eidgenossenschaft geschleudert hatte, der einfache Beginn der Wirren, welche, nachdem in zwei Freischaarenzügen gegen Luzern viel Bürgerglück zerstört, viel Bürgerblut vergossen worden war, und nachdem das monarchische und despotische Europa eine in einen Sonderbund und eine Eidgenossenschaft zerfallene Republik gesehen und ihre Theilungsplane bereits im Stillen angefertigt hatte, durch eine großartige Erhebung des Gesammtwillens des Schweizervolks gegen das Einzelinteresse der Sonderbündler und ihres österreichischen und jesuitischen Anhangs in den glorreichen Novembertagen des vorigen Jahres vollkommen beseitigt worden.
Aber nicht der Entscheidungskampf an der Gislikon-Brücke am 23. November, nicht der bürgerwürdige Einzug der Sieger in Luzern und die versöhnende Haltung des gesammten Volks würde diese vollkommene Beseitigung jener Wirren in so kurzer Zeit möglich gemacht haben. So lange in der politischen Atmosphäre Europa’s die Riesenschlange des Jesuitenthums noch wohlgemuth athmen konnte, konnte das Volksleben nicht zu dauernder Gesundheit kommen. Die Luft kann reiner werden, nicht das Jesuitenthum: „Sint, ut sunt, aut non sint!“ (Sie müssen bleiben, wie sie sind, oder sie gehen unter! Dieses Motto setzte der Geschichte der Jesuiten ihr eigener General Laurentius Ricci!). – Die weltgeschichtlichen Ereignisse, welche seit den großen Pariser Februartagen und den Wiener und Berliner Märztagen die gebildete Menschheit erschüttern und bisher hermetisch verschlossene Volkskerker aufreißen und zertrümmern, diese von allen Freunden der Freiheit seit langen Jahren auf den Knien erflehten Stürme voll reinen, neu belebenden Gotteshauchs – sie sind es, welche die politische Atmosphäre ausfegen und mit dem Moder und Gestank der verfaulten Diplomatie auch die Leibknechte derselben, die politischen und religiösen Jesuiten, vom gereinigten Boden des Volkslebens vertilgen. Land auf Land stößt sie von sich und noch während wir schreiben, ist ihnen für Europa bereits der Leichenspruch gesetzt: „Pius IX. trieb die Jesuiten aus Rom.“ Sie werden nicht wiederkommen. Wir aber geben ihnen das Abschiedszeugniß: Der Jesuitenorden hat durch sein aufregendes Wühlen im Geiste der Reaktion für die Befreiung Europa’s mehr gewirkt, als alle Propaganden und radikalen Vereine der Welt zusammen.
[61] Luzern, die in diesen Kämpfen schwer geprüfte Stadt, geht nun, von ihrem drückenden Alp befreit, einer besseren Zukunft zu. Die aristokratisch-hierarchische Rinde, welche früher alles Staats- und Familienleben umgürtet hatte, fällt Stück vor Stück ab und der heitere Sinn der Bewohner, der in Gefahr stand, vom Pfaffenthum erstickt zu werden, steigt wieder hervor in die treuherzigen, so lang, in schwerer Täuschung befangen gehaltenen Augen. Unser Bild zeigt uns die Stadt mit ihrem erhabensten Schmuck, dem spiegelklaren Vierwaldstädtersee, aus welchem hier die Reuß hervorströmt, und dem majestätischen Pilatus. Zwischen Berg und See rings um Luzern tritt uns ein Landschaftsbild voll Pracht und Lust entgegen, das das Herz mit gleicher Kraft zum Himmel erhebt und an die Erde fesselt. Die Stadt selbst, einfach und glanzlos gebaut, wird durch die Reuß in zwei Theile geschieden, aber durch vier stattliche Brücken wieder verbunden; von diesen ist die sogenannte Kapellbrücke tausend Schritt lang und mit einem alten Thurm und Gemälden (einer Kopie des Baseler Todtentanzes) geschmückt. Die vielen Mauer- und Kirchenthürme lassen die Stadt aus der Ferne größer erscheinen, als sie in der Gegenwart ist; sie zählt in 800 Häusern etwa 8500 Bewohner. Als eine beachtenswerthe Merkwürdigkeit zeigt man in der hiesigen Haupt- und Stiftskirche zu St. Leodegar die größte Orgel in der Schweiz. Möge sie fortan nur Gesänge der Eintracht, des Friedens und der Liebe aus Herzen und Mund zum Thron des Ewigen emporgeleiten!