Leon in Mittel-Amerika
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LEON
(CENTRAL-AMERICA)
„In einem der schönsten Länder der Erde, welches durch seine Weltstellung, seine Konfiguration, seine plastische Form, seine prächtigen Naturhäfen zu einem der blühendsten Reiche bestimmt ist, herrscht seit fast vierthalbhundert Jahren die hispanische Race, die nichts daraus zu machen wußte als eine Wildniß und Gaunerhöhle. Der große Kulturgeist der Zeit, welcher im angelsächsischen Stamm Beine mit Siebenmeilenstiefeln und eine derbe Faust gewonnen, duldet keine solche Versündigung mehr an der heiligen Mutter Erde, die hier so freigebig ihre schönsten Schätze spendet. Gewaltsam reißt er heute die schönen Länder aus den Händen ihrer unwürdigen Besitzer. Er wird daraus machen, was die Gottheit selbst angedeutet hat, als sie den weiten Kontinent Amerika’s hier zum Isthmus schmälerte, das Senkungsbecken eines großen Binnensees schuf und die hohe Mauer der Cordilleras durch ein Strombett bis zum Grund spaltete – das große Passageland der neuen Welt zum freien Verkehr für alle Völker! Die Macht, welche über den Geschicken der Menschheit waltet, heißt nicht mit Unrecht die unerforschliche. Sie verschmäht selbst Werkzeuge wie Walker und Genossen nicht zu ihren großen und wunderbaren Zwecken.“ So lauten schon jetzt die Berichte über die Vorgänge in Central-Amerika.
Es ist schwer, von unserem europäischen Standpunkt aus und mit unseren europäischen Augen dieses „Staatenbilden und Geschichtemachen auf eigene Faust“ richtig zu beurtheilen. Auf den Fußspitzen über die Schranken unserer Verhältnisse hinüber blickend in das Gewühl eines schrankenlosen Parteitreibens, eines unaufhörlichen Durcheinanders von List, Gewalt, Verrath und Verbrechen, finden wir den Faden nicht, an dem auch dort die Geister bestimmten Zielen zueilen, wir bewerfen mit dem schärfsten Urtheil die Kämpfe selbst, weil wir nur die wilde Leidenschaft der Kämpfer, nicht den Sporn, der sie treibt, und den Kampfpreis, der sie lockt, verführt oder begeistert, vor Augen haben. – Nichts in der Welt ist geeigneter, das Urtheil zu klären und zu mildern, als ein vergleichender Blick auf ähnliche Zustande in geographischer Nähe, wenn sie auch historisch uns fern liegen sollten.
Vorher setzen wir uns jedoch mit der Benennung dieser nordamerikanischen „Freischaaren“ in Ordnung. Die Presse Europa’s und Amerika’s nennt sie Flibustier, das ist ein aus Freebooters (Freibeuter), verkrüppeltes [22] französisches Wort (Flibustiers), also kurzweg Räuber, insbesondere Seeräuber. Der Ursprung desselben fällt in das 16. Jahrhundert. Das Glück der Spanier als Herren Westindiens und weiter Länderstrecken vom Festlande Amerika’s lockte ihnen Glücksbedürftige aller anderen Nationen, namentlich der Franzosen und Engländer, nach. Der Ansiedelung derselben setzten die Spanier den heftigsten Widerstand entgegen, die Nothwehr gab den Abenteurern die Waffen in die Hand, sie erkämpften sich auf der Nordküste von St. Domingo und auf Tortuga festen Boden, und bald stand eine Kolonie da von der seltsamsten Zusammensetzung. Ein Theil der Mitglieder widmete sich ausschließlich der Jagd auf Büffel und Bären und verhandelte Häute und Talg an die Holländer. Diese nannten sich Buccanier, d. h. Leute, welche Fische und Fleisch nach Art der Indianer dürren und räuchern. Ihnen fielen zugleich die Kämpfe und Raubzüge gegen die Spanier zu Lande anheim. Eine andere Schaar machte das Meer zu seinem Wald und Acker; sie erklärten alles spanische Gut, das ihnen zur See in den Weg kam, für freie Beute. Das waren die Flibustier. Alle des Jäger- und Räuberlebens Müde oder diesem Abholde ließen sich auf Tortuga als Pflanzer nieder, aber immer kampfbereit gegen alles Spanische. Zu diesen drei Kolonistenklassen gesellten sich zahlreiche neue Ankömmlinge aus Frankreich als verpflichtete Dienstboten. Ueber anderthalb Jahrhunderte war dieser Räuberstaat der Schrecken von ganz Amerika und aller dort seefahrenden Nationen. Die Buccanier, nach den furchtbarsten Kämpfen von den Spaniern aus St. Domingo vertrieben, verstärkten nun die Kampfschaaren der Flibustier und gingen bald auch dem Namen nach in diesen auf. Die Züge, Thaten und Verbrechen der Flibustier sind das Ungeheuerste von Allem, was die menschliche Verwegenheit, Kraft, Ausdauer und herzensstarre Bosheit ausgeführt hat. Ein späterer Artikel gibt uns Gelegenheit, Einzelnes aus der gräßlichen Bilderreihe der Schicksale einer Gesellschaft, die, ohne geregeltes System, ohne Gesetz, ohne Subordination, ohne bestimmte Einkünfte, die Furcht, den Abscheu und die Verwunderung ihres ganzen Zeitalters erregt hat, genauer zu betrachten. Erst mit dem Jahr 1722, wo nach einem furchtbaren Kampf mit „der Schwalbe des Kapitäns Ogle“ alle Flibustier, die nicht den Tod in den Wellen und durch das Schwert gefunden hatten, am Galgen starben, verschwinden sie sammt ihren Namen aus der Geschichte.
Da plötzlich, im Herbst 1851, steigt, und abermals über dem spanischen Amerika, der kohlschwarze Phönix aus der Asche. Narciso Lopez landet in Kuba. „Flibustier!“ ruft der Schrecken bis nach Spanien und noch weiter. Das Wort war wieder da, aber nicht das, was es bedeutet. Die neuen Flibustier nannten sich Befreier, nicht Räuber; die Garotte machte dem kurzen Drama ein Ende. – Kaum sind die Athemzüge der Erschrockenen wieder in geregeltem Gang, so erschallt der Schreckensruf von Neuem: ein Flibustier-General landet mit einer Flibustier-Armee in einem Staate Mittelamerika’s, gerufen als Retter für eine Partei und gekommen für Alle als Eroberer. Das ist Walker mit seinen Flibustiern.
[23] Suchen wir, um endlich zum Vergleichen zu kommen, nach ähnlichen Erscheinungen in Europa, so müssen wir weit zurückgehen in der Geschichte, zurück bis zu den Anfängen der Staatenbildung, – also in eine Zeit, wo Europa noch so jung war, als Amerika jetzt ist. Das ist es, was Niemand übersehen sollte, der seinen Stein aufheben will gegen das allerdings traurige, ja grauenvolle Kampfgewühl in dem zukunftwichtigsten Länderstrich Amerika’s, ein Kampfgewühl, das sein Ende finden und zu festen Zuständen hinführen wird, wie die Hunderte sammt und sonders unabsehbar gewesener Fürsten- und Völkerkriege Europa’s.
Als Europa’s erste Flibustier erscheinen die Argonauten. An diese Flibustier der Mythe schließen sich die Buccanier der Geschichte: die Römer, von denen sogar die Sabinerinnen geraubt werden. Bei der Gründung der vielen kleinen Staaten in Südost-Europa, der Königreiche, Republiken und Kolonien, erkennen wir, je nachdem das Land oder das Meer der Hauptkampfplatz ist, Buccanier- oder Flibustierzüge mit all der Auszeichnung von Tapferkeit, Grausamkeit und blutigem Humor, die wir in Amerika wiederfinden. Zahlreiche Ebenbürtige schwärmten an den Küsten und Grenzen des vorchristlichen Germaniens und Galliens, Skandinaviens und Britanniens. Die Ruhe dreier Welttheile – und nur deswegen nicht mehrer, weil man damals nicht mehre kannte – erschütterten sie zuerst im Geleite der Völkerwanderung, die mit den Hunnen aus Asien nach Europa kam und mit den Vandalen in Afrika endigte. Aber die Muster und Meister aller Flibustier in Europa und Amerika sehen wir im Jahre 449 nach Christo jene Flagge aufhissen, die – noch heute an ihrem Mastbaum flattert. Die Angeln und Sachsen, geführt von ihren Seeräuber-Häuptlingen Hengist und Horsa, gingen zu Schiff nach England, zu Hülfe gerufen von einer unterliegenden Partei, gerade so wie Walker nach Nicaragua, und sie eroberten jenes Land, wie vielleicht Walker dieses erobern wird, und behielten es. Aus ihrem Räuberwerk erwuchs das großmächtige britische Reich. – Es ist ein großes, stolzes, herrliches Volksleben, das in Englands Geschichte vor uns liegt. Das eigene Vaterland und den ewigen Lehrer rein menschlicher Weisheit, das klassische Alterthum, ausgenommen, verdient kein Volksleben eine so genaue innige Beachtung, als das britische, nach allen Phasen seines nationalen Bewußtseins und nach allen Radien, auf welchen die tausend Fühlhörner seiner Industrie- und Handelsspekulation vom kleinen England aus nach jeder Seite der Peripherie des Erdkreises hinaustasten. Der Engländer, der kluge und kühne Pilot und Rechenmeister Europa’s, er fand den archimedischen Punkt, der die Erde trägt, und legte auf ihr den Grundstein seiner Macht: an der langen, allumfassenden Kette der Bedürfnisse und der Civilisation schleppt er die Völker hinter sich her, Bedürfnisse und Civilisationsliebe schaffend und befriedigend gewann er die Herrschaft: die Weltherrschaft! Aber Flibustier ist er geblieben. Gehetzt von dem alten angelsächsischen Blut hat er bis in sein hohes ehrwürdiges Alter herauf immer von Zeit zu Zeit noch einen Flibustierzug ausgeführt, sei es gegen das Eigenthum (Kopenhagen 1807, Preußen 1807 etc.), sei es gegen den Gewerbfleiß [24] und die Aufstrebelust (Spanien, Griechenland, Aegypten etc.), oder sei es gegen genehme oder drohende Vorräthe, Pläne oder Verschlossenheiten (China, Rußland, Neapel etc.) seiner zeitweiligen guten Freunde, getreuen Nachbarn und desgleichen. Und wenn er einen seiner Buccaniergriffe in die Kronschätze und Perlenschreine schwacher indischer Könige vorhat, so zieht er incognito aus als ostindische Kompagnie. Das ist erst gestern wieder geschehen. Und das sind keine „Jugendstreiche“ mehr; gerade solchen gegenüber seht Ihr erst recht, was für ein alter Sünder dieser Engländer ist.
Und das ist der Vater des „Bruder Jonathan“. Ihn hat er ausgestattet mit allen seinen Tugenden und mit allen seinen Lastern, und dieser hat Beides ausgebildet mit der Energie einer urkräftigen Natur. Wir brauchen nicht weiter beim Gleichniß zu bleiben; alles Andere versteht sich von selber.
Etwas Anderes ist das Folgende. Wenn wir vor einem der höchsten Berge der Anden in der heißen Zone stehen, so haben wir vom Fuße bis zur Spitze alle Klimate und alle Abstufungen des Pflanzenreichs, von der Palme der heißen Sonne durch die Wein- und Getreideländer, die Lorbeerhaine und Eichenwälder, die Alpenmatten und Haferfelder, die Zwergkiefer und das Krüppelholz bis zum ewigen Schnee vor uns: wir sehen am Berge mit einem Blicke, was wir auf der Ebene von der Sahara durch Marokko, Spanien und Frankreich, die Alpen, Deutschland und Schweden bis nach Spitzbergen zusammensuchen müßten. Ebenso steht Amerika vor uns als Spiegelbild der 2000jährigen Geschichte Europa’s auf Einem Blatt. Wir sehen die Wilden im Urwald, die Pelzjäger, die Nomaden, die Ackerbauer, die Dörfer, die Städte bis zu den Eisenbahnen und Dampfschiffen der Flüsse und der Meere aneinander gereiht, wie im Kulturgeschichtsbuche. Dort ziehen die Argonauten nach Kalifornien auf kühn geschnäbelten Schiffen, dort die Mormonen durch die Wüste, die Völkerwanderung wogt von Nord nach Süd, vom Aufgang zum Niedergang, und das Kreuz hält seine Züge gegen die Heiden. Da hat die Monarchie ihr Panier aufgesteckt, konstitutionell, und Papst und Despot in Einer Person regiert in Paraguay den Priesterstaat wie nur je in Israel und Rom. Und droben steht die Republik, in sich Rom und Griechenland, Venedig und Hansa vereinigend, mit den höchsten Interessen der Gegenwart im Bunde, während dort die Angelsachsen ihr Flibustierschiff besteigen, vom Schicksal voraus getriebene Kämpfer, die für ein politisches Rechenexempel der Zukunft in den Tod gehen, derweil sie im europäischen Geschichtsbuch 1400 Jahre rückwärts gesucht werden müssen.
Wer Amerikanisches beurtheilen will, muß Jedes in das ihm entsprechende europäische Geschichtsfächlein stecken: dann wird das Urtheil gerechter, klarer, wenigstens menschlich nachsichtsvoller ausfallen.
Walker’s Expedition nach Central-Amerika kann noch kein Gegenstand unserer Darstellung seyn; das Universum wird das Ende derselben abwarten. Ueber Nicaragua, den Hauptzankapfel dieses Streits, seine Wichtigkeit [25] für den zukünftigen Weltverkehr und den Willen der Völker der Union, sich dieses Thor der einstigen Handelskönigin der Welt im „großen Passageland des freien Verkehrs für alle Völker“ von keiner Macht der Erde entreißen zu lassen, ist im Bd. XVII, S. 17 (Der See Nicaragua) und S. 141 ff. (Der See Managua etc.) ausführlich gesprochen. Dahin verweisend, übergebe ich die Leser der Führung J. Fröbel’s, welcher einen großen Theil Mittelamerika’s und namentlich Nicaragua im Interesse des Universums bereist hat. Er schreibt:
Leon, die Hauptstadt von Nicaragua, bedeckt einen weiten Raum auf einer der schönsten und fruchtbarsten Ebenen der Welt. Diese Ebene ist im Norden durch eine Reihe vulkanischer Gipfel begrenzt, welche fast wie riesenhafte Kunstwerke aus der bewaldeten Fläche emporsteigen. Südwärts ist sie von einem Zuge grüner Hügel eingesäumt, während sie im Osten sich am Fuße des Acsusco an den See von Managua anschließt, und gegen Westen und Südwesten sich ungehemmt bis an das stille Meer erstreckt. – Zwei kleine Flüsse durchschneiden, der eine im Norden, der andere im Süden der Stadt, in dunkelbeschatteten Schluchten die Fläche. In der trockenen Jahreszeit führen sie krystallhelles Wasser, welches aus starken Quellen hervordringt. Unter der Stadt vereinigen sie sich und erreichen, in einer Entfernung von sechzehn bis achtzehn Meilen, das Meer. Der nördliche von ihnen läuft zwischen der eigentlichen Stadt und der Vorstadt Guadelupe durch. Eine alte steinerne Brücke, die niemals vollendet wurde und wieder halb verfallen ist, spannt über das kleine Thal ihre von Gesträuch halb verhüllten Bogen. – Die Stadt ist regelmäßig gebaut, mit geraden Straßen und großen einstöckigen Häusern, welche, wie die Häuser aller Städte dieses Landes, mit ihren Höfen einen großen Raum einnehmen. Aber noch mehr breiten sich die zerstreuten Hütten der Vorstädte mit ihren Gärten zwischen Wald und Gebüsch aus, und da hinein gewährt unsere Stahlplatte uns einen Blick. Unter den öffentlichen Gebäuden lenkt die Kathedrale vorzugsweise den Blick auf sich. In jeder Ansicht der Stadt bildet sie den dominirenden Gegenstand. Sie ist ein massives Steingebäude, mit gewölbtem massivem Dache und mehreren Kuppeln, und gilt als das bedeutendste Bauwerk im ganzen spanischen Amerika. Ihre Erbauung fällt in die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts (1706–1743). Ihr vortreffliches Mauerwerk hat verschiedene Erdstöße ausgehalten, ohne eine Spur davon zu zeigen. In den Bürgerkriegen der zwanziger Jahre hat sich ihre Festigkeit nicht minder bewährt. In dieser Zeit der Verwüstung, aus der noch jetzt die Hälfte der inneren Stadt in Trümmern liegt, hat sie wiederholte Kanonaden ausgehalten, und 1823 haben dreißig Kanonen auf der Plattform ihres Daches gestanden. Ein Blitzstrahl jedoch hat in einem der letzten Jahre die Spitze des einen Thurmes zerschmettert und den Thurm gespalten. Das Panorama von dem Dache dieser Kirche gehört zu den prachtvollsten Sehenswürdigkeiten in ganz Central-Amerika. Zu den Füßen liegt die Stadt mit ihren geraden rechtwinkeligen Straßen, breiten Häusern, Ruinen, Höfen [26] und Fruchtbäumen, – umher die weite grüne Fläche, Fruchtgärten, Maisfelder, Wald – von Osten bis Nordwesten die Gipfel der Vulkane Acsusco, Las Pilas, Orota, Telica, Santa Clara und Viejo, an ihren Seiten von unten hinauf durch den in ihren Schluchten auslaufenden Wald, von oben herab durch alte Lavaströme streifig schattirt, – im Süden die waldigen Hügel der Küste, – und im Südwesten, bei klarem Horizonte, ein ferner Schimmer des stillen Meeres. – Ich habe schon erwähnt, daß ein großer Theil der Stadt aus der Zeit der Bürgerkriege, welche auf die Losreißung des Landes von der spanischen Herrschaft folgten, noch jetzt in Ruinen liegt. Leon ist damals der Schauplatz eines der hartnäckigsten und langwierigsten Kämpfe gewesen, welche in der Geschichte der Revolutionen vorgekommen. Straße gegen Straße, Haus gegen Haus haben die beiden Parteien der Liberalen und Servilen einen wahren Vernichtungskampf geführt. In einer einzigen Nacht sind tausend Häuser niedergebrannt worden. Geht man jetzt durch manche Straßen, wo die Zerstörung am stärksten gewüthet hat, so glaubt man kaum, sich in der neuen Welt zu befinden. Cactus und Agaven auf Trümmerhaufen, und Palmen, die sich über alte Mauern erheben, versetzen die Phantasie an irgend einen Punkt Südeuropa’s, Nordafrika’s oder der Levante, an welchem die Weltgeschichte verheerend vorübergegangen, und nur, wenn man wahrnimmt, daß die Ruinen nicht aus Stein, sondern aus Adobos (an der Luft getrockneten Lehmquadern) – einem leicht zerstörbaren Material – bestehen, verschwindet die Vorstellung eines ehrwürdigen Alters, und aus den vermeintlichen Monumenten werden niedergeschossene Lehmhäuser. – Das jetzige Leon wurde, an der Seite der alten indianischen Hauptstadt Subtiaba, welche noch jetzt als Vorstadt eine abgesonderte Gemeinde bildet, erst 1610 erbaut. Hernandez de Cordova, der Eroberer von Nicaragua, hatte im Jahre 1523 seine Hauptstadt Leon de Nagrando an der westlichen Spitze des Sees von Managua, am Fuße des Acsusco, gegründet, an einer Stelle Namens Ymbita, wonach noch jetzt die westliche Bucht des Sees die Bai von Moabita genannt wird. Die Bewohner scheinen durch die benachbarten Vulkane, wahrscheinlich durch den Momotombo, viel haben leiden zu müssen und dadurch endlich gezwungen worden zu sein, jenen Ort aufzugeben, worauf Leon an seiner jetzigen Stelle erbaut wurde. Hier traf die Stadt im Jahre 1685 ein anderes Unglück. Sie wurde von den Flibustiern unter Dampier überfallen, geplündert und zum Theil niedergebrannt. Nach einer Zählung vom Jahre 1847 hatte Leon mit Subtiaba 30,000 Einwohner.
So weit Fröbel. Leon zählte zur Zeit der spanischen Herrschaft gegen 60,000 Seelen, aber welche! Nach dem Paschaleben, das die Großen des Landes hier führten, hieß die Landschaft damals: „Das Paradies des Mohammed!“ Noch heute ist die indianische Bevölkerung in der Ebene von Leon die beste des ganzen Landes. Die Städte der Eingebornen, sagt derselbe Correspondent der Allg. Ztg., dem wir die Einleitungsworte zu diesem Artikel entlehnt haben, waren zwar nicht so groß und prächtig, wie in den Reichen der Quichen und Azteken, ihre Bewohner [27] standen aber doch auf einer gewissen Kulturhöhe, bauten sich reinliche Palmhütten, hatten ihre Tempel und bildeten unter ihren Caziken geordnete Staaten und Gemeinwesen. Unmenschliche Mißhandlungen von Seiten der Sieger und Herren haben die Eingebornen hier noch mehr als in Peru und Mexiko gezehntet und geistig gebrochen. Ohne Unterschied des Standes und Geschlechts mußten die Eingebornen hier Sklavendienste für ihre spanischen Herren verrichten. Adelige, selbst Caziken, Greise, Weiber und Kinder mußten als Peones (Tagelöhner, ein anderer Name für Sklaven) Tag und Nacht arbeiten, den Boden beackern, die Haciendas bestellen, schwere Lasten, Schiffbauholz etc. nach dem Hafen schleppen. Da erlagen Tausende den Anstrengungen und Leiden. Und wenn irgend einmal in einem Manne der Zorn aufbrauste zum Widerstand, da erwartete ihn die gräßlichste Rache. Man ließ solche auf dem öffentlichen Platze lebendig von Hunden zerreißen und überließ diesen die Leichname zum Fraß. – Die spanische Race aber verfaulte geistig und körperlich, sie ward ein des Wegfegens werthes Geschlecht. Und wo Gott und die Natur ein Land zu so Großem ausersehen haben, wie dieses Central-Amerika für die Völker der alten und der neuen Welt, da schickt die Nemesis ihre Schaaren gegen die nichtswürdigen Nachkommen unwürdiger Vorfahren, und Feuer und Schwert müssen Bahn brechen für Pflug und Anker thatkräftiger, arbeitseliger Menschen. – Auch in dieser Beziehung dürfen wir auf Europa zurückblicken. Auch hier hört die Poesie des Herumschlenderns auf in allen Staaten, die mit festem Schritt vorwärts gehen. Die Hand der Civilisation ist hart geworden, sie führt mit Gewalt, wo der gute Wille nicht mit Einsicht folgt. Es wird diesseits wie jenseits des Oceans die Zeit kommen, wo es innerhalb der Kulturstaaten nirgends mehr ganzen Klassen der Gesellschaft, wie Zigeunern und dergleichen, gestattet sein darf, den Mond für ihre Sonne zu erklären und jeden Wald für ihr Nachtquartier.