Marseille (Meyer’s Universum)

DLVIII. Der Dom zu Magdeburg Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DLIX. Marseille
DLX. Der Trajansbogen in Benevent
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MARSEILLE

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DLIX. Marseille.




Wenn irgend ein Theil der Menschheit auf seiner Wanderschaft durch die Jahrhunderte einer neuen Pforte der Entwickelung entgegen schreitet, so gilt es vor Allem das rechte Wort zu finden, welches die Riegel sprengt. Das rechte Wort war stets der halbe Sieg: das rechte Wort ist Fahne und Schwert zugleich! Tausend Beispiele der Geschichte sagen uns, wie edle und starke Kräfte, wie treffliche Menschen, wie herrliche Schaaren im Kampfe gegen das verschlossene Thor einer neuen Zeit verzweifelnd untergegangen sind, weil sie das Zauberwort noch nicht gefunden hatten, vor dessen Schall sich allein des Thores Flügel öffnen. Jedes Land, jedes Volk, jeder Geschichtsabschnitt trägt ein Wort an der Stirn, das einmal das rechte war, und manche dieser Worte behaupten ihren Ehrenplatz auf den Kapitolien des Friedens oder auf den Fahnen des Kriegs durch viele Jahrhunderte. Wer gedenkt hier nicht vor Allem an die Zehn Gebote der Kinder Israel, deren Tafeln Millionen zu Sieg und Ehren führten und nach dem tiefsten Fall ein in so viele Fetzen, als es Nationen gibt, auseinandergerissenes Volk dennoch als ein Glaubensganzes zusammen ketteten und aufrecht erhielten bis zu unseren Tagen, wo die lange Nacht Israels endlich vorübergeht. Noch heute, nach Jahrtausenden, zieren die Tafeln, darauf Moses das rechte Wort für sein Volk geschrieben, die Stirn jedes jüdischen Tempels. – Das Christenthum hat auch sein ewiges Wort: das Vaterunser. So weit das Kreuz aufgerichtet wurde, war das „Gebet des Herrn“ der Stern und der Stab der Bekehrten, und so lange das Kreuz erhöhet bleibt, werden die hehren Laute jener Worte den Gläubigen durch das ganze Leben führen. Sie empfangen ihn in der Wiege, begleiten ihn als Morgen- und Abendsegen durch die Jahre der Kindheit, grüßen ihn am Altar und werden gebetet über seinem Grabe. Durch alle Zonen der Erde, in allen Zungen ertönt es und wirkt es mit seiner belebenden Kraft. Es hat die stärksten Thore gesprengt auf dem großen Entwickelungsgange der Menschheit durch ganze achtzehnhundert Jahre. – Das rechte Wort hatte auch jener arabische Sohn der Wüste gefunden, als er seinen Schaaren den Schlacht- und Glaubensruf in den Mund gab: „Allah ist Gott und Mohammed sein großer Prophet!“ Er hatte damit seinen Bekennern den Schlüssel gegeben, mit welchem sie die Pforten von Afrika und Europa öffneten und dem Halbmond einen Weg bahnten, der strahlt von tausend Siegen.

[150] Das rechte Wort schrieb Martin Luther auf die Fahne des Protestantismus: „Eine feste Burg ist unser Gott!“ Mit diesem Jubelchor des gereinigten und befreiten Glaubens führte er seine Gemeinde in eine neue Zeit herüber durch den dreißigjährigen Schlachttag. Das Wort war dem Irren ein Wegweiser, dem Müden und Bangen ein Stab, dem Muthigen ein Schwert; es war Aufrichtung, Trost und Ermuthigung den Geschlagenen und den Ueberwindern eine Quelle der Demuth und des Erbarmens gegen die Ueberwundenen. In der Kirche wie in der Schlacht ertönt noch heute Luther’s tapfere Melodie; der Verfolgte um seines Glaubens, den die Unduldsamkeit von der heimathlichen Erde vertreibt, stärkt sich an dem Wort in der Fremde, die Gedrückten hält es aufrecht, die Bedrängten ermannt es zum Widerstand, es schwebt über die Lippen der verlassenen Armuth auf ihrem Strohlager und sterbender Helden auf dem Bette der Ehre. Unzertrennlich verbunden mit den Begriffen Reformation und Protestantismus zeigt dieses rechte Wort besonders in unseren Tagen seine Kraft: es zerreißt das Netz, das die alte Kreuzspinne Roms über die deutsche Christenheit ausbreiten will, und bleiben wird es das donnernde Signal der Glaubensfreiheit, so lange es Deutsche und Protestanten gibt.

Auch die Revolution, welche die Fesseln abschlägt geknechteten Völkern, – auch sie, welche „Sklavenheerden zu Nationen erhebt“ hat ihr rechtes Wort gefunden. Die Hymne der Freiheit ist die Marseillaise! – Aus den gewaltigsten Stürmen der ersten Umwälzung brauste sie hervor – ihr begeisterndes „Allons, enfans de la patrie!“ trieb die Nation todesfreudig in die Schlachten; es war der Zauberer, welcher die Heere aus dem Boden stampfte, den Sieg an jede Niederlage reihete und Helden schuf und Heldenthaten verrichtete, welche die Welt mit Bewunderung erfüllt haben. Die Marseillaise begleitete die Revolution auf allen ihren Eroberungs-, Sieges- und Trauerzügen und bildete mit der Trikolore und der Freiheit eine unzertrennliche Trias. An die Marseillaise knüpft der Franzose der Freiheit Daseyn; mit ihr geht sie, mit ihr kömmt sie wieder. Wenn sie verstummt, so triumphiren die Feinde; wenn sie erschallt, so zittern sie, es wanken die Throne, es steigen die Könige von ihren Sitzen herab. Aber sie straft auch unerbittlich Jeden, der auf ihren Fittigen sich erhob und auf der Höhe ihre Bundesgenossenschaft aufgab. Als Napoleon von ihr abfiel und damit verleugnete seine Sendung zur Befreiung der Welt von den Fürsten, da war sein Gang nur noch ein Gehen zum Abgrund. Die Bourbonen, die sie mit Füßen traten, stieß sie vom Thron, und Louis Philipp, den sie erhob und der sie verrieth wie ein gemeiner Schurke, den schickte sie mit dem Bündelchen unter dem Arme aus den Tuillerien, und sie warf auf den Scheiterhaufen den Thron, welchen der Bürgerkönig wie ein Taschenspieler geschändet hatte. Und so wird sie fortfahren, jeden ihrer Verräther zu verderben so lange, bis kein Verrath an der Freiheit mehr gewagt wird.

Das rechte Wort für die Freiheit im Glauben haben wir gefunden; aber für die Freiheit im Leben, wo ist das? – Was singen und sagen wir? – „Heil Dir im Siegerkranz, Vater des Vaterlands“ – „Gott erhalte unsern etc. etc. – „Sie sollen ihn nicht haben etc. etc. – – Sprich, Michel! was ist von dem Allen dein rechtes [151] Wort? Du schämst dich und wirst roth und schlägst die Augen nieder und bleibst die Antwort schuldig. Armer Michel! das fremde Wort war mächtig genug, auch dir das Thor der Freiheit zu öffnen: aber Pah! da stehst du, das rechte deutsche Wort fehlt dir, und der Sturmwind der Reaktion wirft dir die Flügel vor der Nase wieder zu.

– – „Allons, enfans de la patrie!“ – –

Ist denn die deutsche Sprache so arm und das deutsche Dichtergefühl so kalt und so zahm, daß beide das rechte Wort nicht finden können! Einen nur weiß ich, der’s wohl fände:

Singe Du, Freiligrath, Dichter „der Todten“ die Hymne der Freiheit,
     Welche dein träumendes Volk weck’ zur begeisternden That.
Thaten bedarf es; – denn des Unthiers so innig verschlungene Häupter
     Trennt die streichelnde Hand nimmer vom scheußlichen Rumpf.
Hätte das bittende Wort die Hyder von Lerna bezwungen?
     Hätt’s den nemeischen Leu? oder den kretischen Stier?
Hätt’ er zum Schweigen gebracht der Unterweit bellenden Hüter?
     Hätten den Augiasstall tausend Adressen gefegt? –
Herkules selbst, er fand durch den Kampf nur den Weg zu den Göttern,
     Und noch nie hat ein Volk kampflos die Freiheit erlangt.


Die Stadt Marseille blüht seit drittehalb Jahrtausenden. Ihr, unverwüstliche Lebenskraft hat die Stürme und Umwälzungen, welchen Reiche und Völker erlagen, überdauert. Nach jeder Verheerung, nach den furchtbarsten Schlägen erhob sie sich immer wieder und gelangte in vergleichsweise kurzer Zeit zu Glanz und Reichthum. Dies dankt sie zumeist ihrer Lage und ihrem herrlichen Hafen, welche beide den Handel immer wieder zurückführten, wenn er auch zuweilen verscheucht wurde von den Würgengeln des Kriegs und der Revolutionen.

Als Gründer von Marseille treten die Phozäer auf, der griechische Heldenstamm, welcher die französische Küste um das Jahr 600 vor unserer Zeitrechnung zu kolonisiren begann, und der älteste Stadtname Massilia erhielt sich bis zum Verfall des Römerreichs. Die Niederlassung wuchs schnell an Kraft und Ansehen; sie erweckte frühe die Eifersucht Karthago’s. Die Versuche dieses Staats, sich an Galliens Südküste festzusetzen, scheiterten stets an der Wachsamkeit der Phozäer und übten deren kriegerischen Geist. Massilia brachte sich in Besitz einer Kriegsflotte, mit deren Hülfe sie sich der Karthager erwehrten und ihren Handel schützten. Als Rom den Vernichtungskampf gegen die afrikanische Nebenbuhlerin begonnen hatte, schloß es mit den Massiliern ein Bündniß, deren Flotte Rom auch auf dem Meere stark machte und den Transport der Heermassen nach Afrika ermöglichte. Damals war Marseille in höchstem Glanze.

[152] Es hatte einen öffentlichen Schatz in der Burg und in dem Dianatempel, und dieser füllte sich mit der reichen Beute der Siege. Der Reichthum seiner Kaufleute war märchenhaft groß. Als Rom durch Brennus belagert wurde, konnten die Massilier ihrer Bundesgenossin ungeheure Summen verschießen, die sie zurück erhielten, als Camillus die Stadt gerettet hatte. Von dieser Zeit an dehnten sich die Unternehmungen immer weiter aus. Die Stadt wurde die Mutter vieler Kolonien an den Küsten Galliens, Italiens und Spaniens, und sie gründete im Innern des gallischen Landes eine Menge Orte. Alle diese wurden wieder zu Märkten für den Handel der Massilier, und ihn zu erleichtern und zu befördern wurden keine Kosten gescheut. Die Rhonemündungen wurden schiffbar gemacht, Ströme ausgetieft, die Flußschifffahrt im Binnenlande eingerichtet, Kanäle gebaut und die Küstenfahrt geregelt. Als Tyrus unter der Macht Alexanders des Großen zusammengebrochen war, theilte Massilia nur noch mit Karthago die Herrschaft über den Handel des Mittelmeers, und noch ehe Alexandria einen Theil dieser Herrschaft an sich gerissen hatte, trugen die Massilier ihre Handelsflagge über die Säulen des Herkules hinaus. Sie begannen an der Westküste Afrika’s einen einträglichen Sklavenhandel, entdeckten den Weg zu den Kassiteriden, holten Zinn von Cornwall und öffneten sich die Straße durch Sund und Belt in das baltische Meer, um den im Alterthum so hochgeschätzten Bernstein an der preußischen Küste zu holen.

Marseille, vom griechischen Mutterlande längst getrennt, bildete damals mit seinen Kolonien eine mächtige Republik, und das Ansehen derselben erreichte den höchsten Gipfel im Kampfe mit Rom gegen Karthago, als diese herrlichste Stadt Nordafrika’s dem italischen Schwerte erlag. Fortan, um des unermeßlichen Gewinnes willen, mit Rom auf’s Engste verbündet, leitete sie zu sich hin die Schätze des großen Reichs, unter dessen Schutz sie keinen Nebenbuhler mehr zu fürchten hatte. Aber gerade aus dieser Sicherheit keimte das Verderben. Massilia vernachlässigte, was sie gehoben hatte, die Pflege ihrer eigenen Streitkräfte. Ihre Kriegsflotte kam herab; denn ein Feind zur See war nicht mehr zu bekämpfen; und ihr Landheer verminderte sich auf das an Rom zu stellende Bundeskontingent. Die unermeßlichen Kräfte des Staats und Volks versumpften allmählig in Schwelgerei und Luxus. In diesem Zustand der Entartung überraschte sie der Bürgerkrieg zwischen Pompejus und Cäsar. Massilia hatte für Ersteren Partei ergriffen. Cäsar aber züchtigte es furchtbar nach tapferem und langdauerndem Widerstand, während dessen der Handel floh, und knickte seine Kraft. Zwar ließ der Sieger die Stadt im Besitze mancher Privilegien; doch die blühenden und zahlreichen Kolonien, die Quellen des Reichthums, trennte er ab und führte dadurch den raschen Verfall ihres Verkehrs herbei. Einen Schein von Unabhängigkeit behielt sie dennoch und auf der Stätte des Handels ließ sich nun die Wissenschaft nieder. Sie wurde eine Nebenbuhlerin Athens.

Als die Freiheit in Rom zu Grabe getragen war, als dort die monarchische Verfassung an die Stelle der republikanischen trat, begann der Verfall des Weltreichs. Während der Kaiserzeit erhielt sich in Massilia zwar noch [153] die stille Blüthe der Kunst, Gelehrsamkeit und Bildung; aber im vierten Jahrhundert welkte auch diese und das Christenthum fand Eingang. Anfangs der griechischen Kirche zugethan, schloß sich im folgenden Jahrhundert die Gemeinde dem römisch-katholischen Bekenntniß an. Es war im Jahr 420, unter Papst Bonifazius, als der Uebertritt erfolgte. Inzwischen waren die Gothen Herren Galliens geworden. Auch Massilia’s. Kriegsstürme und die Barbaren verheerten und schatzten. Die Lehrsäle der Wissenschaft verödeten gänzlich. Unter Theodorich war Marseille eine Munizipalstadt. Zur Zeit des Karl Martell suchte ein Statthalter mit Hülfe eingedrungener Sarazenen die unabhängige Herrschaft über die Stadt an sich zu reißen. Das Unternehmen mißlang, und in diesem Kampfe verlor Marseille durch Plünderung und Feuer den Rest seiner alten Blüthe. Erst unter Karl dem Großen kam in den Handel und die Gewerbthätigkeit der Stadt ein neues Leben. Karls Reich erschloß ihrem Unternehmungsgeiste frische Quellen des Reichthums. Es richtete sich ein unermeßlicher Verkehr mit Katalonien, Italien und der Levante ein. Aber Bestand war nicht in diesem schnellen Glück! Schon unter Ludwig dem Frommen, unter dessen Regierung grenzenlose Anarchie die Kräfte des Staats zersplitterte, setzten Schwärme von sarazenischen Piraten die Küsten der Provence in Furcht und Schrecken, nahmen die Schiffe weg, drangen in das Innere und sengten und mordeten, so weit ihr Arm reichen konnte. Der Handel Marseille’s schrumpfte wieder ein und viele der reichsten Kaufleute zogen weg nach Venedig und Genua, die sich jetzt erhoben. Die späteren Schicksale von Marseille knüpfen sich an die der Provence. Nachdem die Capetinger ganz Frankreich unter ihren Zepter vereinigt hatten, theilte es mit ihrem Reiche das Auf und Nieder im geschichtlichen Leben. Höchst großartig war der Handelsflor der Stadt im 16. u. 17. Jahrhundert. Der Verkehr mit dem Türkenreiche war damals ganz in ihren Händen; sie führte an Tuchen allein für 30 Millionen Livres dahin jährlich aus. Nach der Abschaffung des Königthums wechselte sie Wappen und Farben mit Frankreich bis diesen Tag, und während der ersten Revolution sandte sie die entschiedensten Männer in den Konvent, die kühnsten, wildesten Streiter in die Straßenkämpfe von Paris. Die Hymne der Revolution trägt ihren Namen durch alle Zeiten. –

Marseille ist die Perle der Provence und die Provence heißt die Perle Frankreichs. Prächtig nimmt es sich vom Meere her aus. Man erblickt die Stadt als Amphitheater und dahinter einen weiten Bogen von Höhen und Geländen mit etwa fünftausend kleinen funkelnden Landhäuschen und stolzen Villen besetzt, umgeben von Weingärten, Olivenhainen und Baumgruppen. Den Vorgrund bilden die Leuchtthürme auf ihren Felsen und der Mastenwald des Hafens; dann die unermeßlichen Lagerhäuser, die Docks, die Werfte; dahinter die Häusermassen, über welche die stattlichen Thürme und weit gespannten Dome sich erheben. Rechts und links in größerer Entfernung liegen Dörfer und Städte auf hohem Gestade und bei klarer Luft blinken ostwärts die schneeigen Häupter der Meeralpen – jene ewigen Vesten der Erde, die aus dieser Ferne wie leichte lichte Wölkchen erscheinen, mit denen der West spielen möchte.

[154] Die Kayen sind schön, ja prächtig, und das Gewimmel geschäftiger Menschen auf denselben von allen Tinten und Trachten sagt dir sogleich, daß du eine Welthandelsstadt von erstem Range vor dir hast. Die mächtigen Steinmassen der Häuser, das Solide, Derbe, Bürgerliche ihrer Bauart, die Bläue des provenzer Himmels, die Heiterkeit und Offenheit der Physiognomieen machen einen Eindruck, der wohlthut und befreundet. Diesem entspricht auch das Innere. Die größte Reinlichkeit in den Straßen und Häusern, die Fülle der Waaren in den unzähligen Läden und ihr heiterer Aufputz versöhnen mit dem Winkeligen und der Enge vieler Gassen, und die Bilder des Fleißes, der Rührigkeit, der Wohlhabenheit, die Einem auf jeden Schritt begegnen, befriedigen Auge und Herz zugleich.

Marseille ist gegenwärtig der erste Seehandelsplatz Frankreichs. Bordeaux, Havre, Rouen stehen ihm bei Weitem nach. Sein Handelsgebiet sind die Küsten des Mittelmeers und der mit diesem zusammenhängenden Gewässer. Am transatlantischen Handel hat es geringen Theil und nur wenige seiner Schiffe passiren die Meerenge von Gibraltar. Seine Rivalen: Triest, Genua, Livorno und Venedig, überragt es an Kapitalkraft alle. Marseille empfängt und versendet jährlich 18 bis 20,000 Schiffsladungen im Werth, von 300 bis 400 Millionen Franken; es zahlt auf seine Importen zur Zollkasse an 40 Millionen! Fast sein ganzes Handelskapital, das auf eine halbe Milliarde geschätzt wird, steckt im Waarenverkehr und in den sich daraus herleitenden Wechselgeschäften. Jene kreditverwüstenden Parasiten – das Spiel in Aktien und Fonds – haben hier noch nicht gewuchert.

Die Hauptbasis des Marseiller Handels ist die französische Manufaktur. Unermeßlich groß ist der Export französischer Tücher und Lyoner Seidenwaaren in die Levante: und die Dinge der Bequemlichkeit und des Luxus: Möbeln, Glaswaaren, Porzellain, Spiegel, Modewaaren, Parfümerien etc. beziehen Konstantinopel, Kairo, Smyrna etc. fast ausschließlich von Marseille. – Je mehr sich der Orient die europäische Sitte und die abendländischen Formen der Civilisation aneignet, je größer wird dieser Verkehr, dessen Werth mit den Produkten des Ostens: Baumwolle, Wolle, Getreide, Kamelgarn, Wachs, Gummi, Talg, Baumöl, Droguen etc. bezahlt wird. Seitdem Frankreich seine Herrschaft in Nordafrika begründete, ist auch Algerien eine Goldgrube für Marseille geworden, und sie wird ergiebiger in dem Maße, als die Kolonisation des eroberten Landes fortschreitet. Der Verkehr im Allgemeinen wird durch die Dampfbootlinien begünstigt, welche mit allen Hauptplätzen des mittelländischen Meers eine regelmäßige Verbindung erhalten. Eine Eisenbahn geht nur bis Avignon. Allein durch Fortsetzung derselben bis nach Lyon wird Marseille in das ganz Frankreich überspannende Bahnnetz eintreten und dadurch erhält es eine neue Bürgschaft für weitere Ausdehnung seines schon so ungeheuern Verkehrs. Unter so günstigen Verhältnissen mögen des Dichters Worte auf Marseille Anwendung finden:

Zeus hat auf dieses Geschlecht, des Herakles Wurzel entsprossen,
Gütig des Landes und Meers Reichthum für immer vererbt.