Sachsenbriefe aus der Paulskirche

Dresden im Schmalkaldischen Kriege (1547) Sachsenbriefe aus der Paulskirche (1909) von Otto Richter
Erschienen in: Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912)
Ein Apotheker-Lehrvertrag 1718
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Sachsenbriefe aus der Paulskirche.
Mitgeteilt von Dr. O. Richter.

Der im Jahre 1875 verstorbene Historiker Professor Gustav Helbig, der Geschichtslehrer Heinrich von Treitschkes an der Kreuzschule[1], hat sich in den bewegten vierziger Jahren als Mitglied des Deutschen Vereins lebhaft auf politischem Gebiete betätigt. Mit besonderer Anteilnahme verfolgte er die Bestrebungen zur Herstellung der deutschen Einheit, die sich in der Nationalversammlung zu Frankfurt verkörperten. Er benutzte seine Beziehungen zu einzelnen Mitgliedern des Parlaments, um sich aus erster Hand über die Aussichten und den Fortgang des Einigungswerks unterrichten zu lassen. Solche briefliche Berichte von Abgeordneten finden sich mehrere in seinem handschriftlichen Nachlasse, den die Dresdner Stadtbibliothek aufbewahrt. Sie sind, ohne gerade zur Kenntnis der Tatsachen etwas Neues beizutragen, doch von Interesse als Stimmungsbilder aus jener hochstrebenden, wenn auch mit Unfruchtbarkeit geschlagenen ersten deutschen Volksvertretung und sollen deshalb hier Platz finden; vorausgesetzt wird dabei freilich die Bekanntschaft des Lesers mit dem geschichtlichen Hintergrunde, dessen Aufrollung hier zu weit führen würde.

Der erste und umfangreichste dieser Parlamentsbriefe rührt her von dem Rittergutsbesitzer Dr. jur. Paul Hermann auf Weidlitz bei Bautzen. Dieser, am 17. April 1809 als Sohn des Stadtsyndikus und späteren Bürgermeisters Dr. Hermann in Dresden geboren, war ein Jugendfreund Helbigs. Er hatte in Leipzig und Berlin die Rechte studiert, war dann in der Sächsischen Generalkommission für Ablösungen und Gemeinheitsteilungen beschäftigt gewesen und bewirtschaftete seit 1842 die vom Vater ererbten kleinen Rittergüter Weidlitz und Pannwitz. An der Gründung des Landwirtschaftlichen Kreisvereins zu Bautzen und des Zweigvereins „am Schwarzwasser“ hatte er den Hauptanteil, in beiden führte er bis zu seinem Tode den Vorsitz. Von 1854 bis 1862 war er Mitglied der II. Kammer des Landtags und stellvertretender Vorsitzender des Landeskulturrats. Er starb am 17. August 1862[2]. Sein Brief lautet:

„Frankfurt a. M., 31. August 1848.
Lieber Helbig!

Für Deinen Brief vom 26. d. Dir herzlichst dankend, antworte ich folgendes darauf: Linkes und rechtes Zentrum stehen sich hier so nahe, daß im rechten Zentrum manche mehr links sind als im linken, und umgekehrt, obwohl man in der allgemeinen Richtung den Unterschied schon herausfindet. Man hat sich hauptsächlich nach dem Interesse für die Mitglieder zusammengeschart, und ich fand im rechten Zentrum, da solches auch eine weit stärkere Partei ist, mehr Mitglieder, für die ich mich interessierte, als im linken. Du könntest also, wenn Du hier wärest, ebenfalls im rechten Zentrum Platz nehmen. Man muß jetzt überhaupt die Sache im Auge haben und die praktischen Verhältnisse und nicht mit der Liberalität liebäugeln und spielen, wie es hier manche Professoren tun, die ihrer Studenten wegen liberaler tun als sie sind und eine Farbe annehmen, die ihrer sonstigen Einsicht nicht entspricht. Doch machen hiervon Beseler, Duncker, Dahlmann, Waitz, Droysen, Edel, Michelsen, Raumer und Zachariä rühmliche Ausnahmen. Wir haben jetzt wirklich Freiheit genug und können sie nur sichern, wenn wir ihr durch weise Beschränkung Maß und Grenzen setzen. – Wenn alle Wahlen so ausgefallen wären wie die sächsischen, so wäre es mit der Nationalversammlung längst aus. Wer Izstein an die Spitze von Deutschland setzen, die wegen des Aufstandes in Baden Verhafteten bei den jetzigen Verhältnissen amnestieren, [12] den Hecker in die Reichsversammlung aufnehmen, das deutsche Posen den Polen preisgeben wollte, der hat keine Liebe zum Vaterland; wer so stimmt, muß auch wollen, daß so entschieden wird, eine solche Entscheidung führte uns aber nicht zur Einheit und Macht, sondern zum Bürgerkrieg und Untergang, und so dumm sind diese Leute nicht, daß sie hier nicht das voraussehen mußten, wenn auch sonst die Königlich Sächsischen Republikaner durch Wissenschaft und politische Bildung sich eben nicht auszeichnen. Hätte man, bei der damals vorherrschenden Richtung, in Dresden nur Köchly[3] gewählt, so war dies doch ein geistreicher, wissenschaftlich gebildeter Mann, aber welche schwache Geister vertreten Sachsen! Ich kann keinen für fähig halten, einen Staat zu organisieren, etwas Dauerndes zu schaffen, doch nehme ich hiervon Biedermann und Koch[4] aus, da diese zu den Republikanern nicht gehören. Wie Blum[5] so eine Geltung erlangen konnte, begreife ich nicht, ich habe hier noch nichts von ihm gehört, was das Verfassungswerk von Deutschland nur irgend gefördert, und doch hat er sich ganz ausgegeben. Ruge[6] hat doch noch Wissenschaft und Geist und seine Reden geben immer Stoff zur Gegenrede, obwohl dem, der im praktischen Leben steht, dabei völlig klar wird, daß so ein Philosoph ebensowenig wie ein Dichter (Uhland) zum Staatsmann paßt. –

Das rege Leben in den deutschen und konstitutionellen Vereinen Sachsens tut sehr not, wir haben noch eine gehörige Schule durchzumachen, um den Forderungen der neuen Zeit gewachsen zu sein. Die „Deutschen Blätter“ hat man hier nicht.

Nicht allein Weib und Kind ziehen mich nach Haus, sondern auch meine Wirtschaft und meine Verhältnisse zu unserm landwirtschaftlichen Vereinswesen. So eine Wirtschaft geht ohne den Herrn nicht auf längere Zeit fort, und die Geschäfte bei den Vereinen konnte ich bei meiner plötzlichen Abreise nicht so ordnen, daß ihr gehöriger Fortgang gesichert war. Ich bin daher in diesen Sachen unersetzlich, hier aber ersetzlich, kann deshalb zu Hause nützlicher wirken als hier, und der Mann muß stets so nützlich als möglich wirken. Du schreibst, mein Stellvertreter könne vor Weihnachten nicht eintreten, ohne zu bemerken warum, ich kann dies also nicht verstehen.

Du schreibst, man solle möglichst zu vermitteln und zu versöhnen suchen. Einem Feinde darf man nie Konzessionen machen, zumal einem, der mit ungleichen Waffen kämpft. – Die Preußen sind hier mit die tüchtigsten Leute, ihre Besonnenheit und Zähigkeit hat die Versammlung gehalten. Ein Stockpreußentum ist hier nicht zu erspähen, und Sonderinteressen zeigt nur hier und da ein Österreicher.

Über die Brentanosche Sache sowie die Amnestiefrage und den Skandal dabei findest Du einen recht guten Aufsatz in Nr. 22 und 23 der Flugblätter aus der Nationalversammlung. Ein Blatt, was ich Euch dringend empfehle. Maß hält schon die Versammlung, sie kann auch jetzt nur ihr Ansehen erhalten, wenn sie so gemäßigt wie möglich auftritt. Nur der Gelehrsamkeit und Redseligkeit ist mehr Maß zu wünschen; was muß hier das deutsche Volk noch lernen, ehe es praktisch wird für die neuen Verhältnisse. Hätte man doch die Grundrechte in der Fassung vorgelegt, wie sie der Dahlmannsche Entwurf des deutschen Reichsgrundgesetzes im Art. IV § 25 gibt, in einem Paragraphen fast alles, was die Zeit verlangt! und jetzt legt man 48 Paragraphen in zwölf Artikeln vor und über jeden Paragraphen wird oft mehrere Tage verhandelt und bei der Abstimmung noch so viel hineingebracht, daß man, wenn das Ding fertig ist, wohl fragen muß: können denn die Deutschen ein Gesetz machen? und sind doch so lang bei den Römern in die Schule gegangen! Da wirft man Gesetz und Ausführungsbestimmungen bunt durcheinander, und mit der Zeit könnte wohl in betreff mancher Bestimmungen auch hier das Sprichwort wahr werden: allzuviel ist ungesund. Wie ganz anders hatte Dahlmann dies alles gefaßt, der nur die Grundrechte hintereinander aufstellte, welche das Reich dem deutschen Volke gewährleistet und welche der Verfassung jedes einzelnen Staates zur Norm dienen sollen. Sonach war hier die weitere Ausführung der Gesetzgebung den einzelnen Staaten überlassen, welche hierbei zugleich Gelegenheit hatten, ihre Sonderinteressen zu berücksichtigen, und die Reichsversammlung verhandelte nur über das Prinzip; damit wär man zur rechten Zeit fertig worden, wenn aber soll die jetzige Arbeit fertig werden? Jetzt verhandeln wir schon wieder zwei Wochen über das Verhältnis der Kirche zum Staat, und wie erheben die Ultramontanen hierbei ihr Haupt; so viel Ultramontanes hatt’ ich hier nicht vermutet und welche Ansichten über den Staat tauchen von dieser Seite auf, über den Staat, der nur die Kirche geknechtet, während doch die Kirche Gottes Werk fördere und der Staat nur das Irdische! Nun, die Ultramontanen können leicht eine schöne Zukunft haben. Sie denken, dehnt ihr nur das Wahlrecht aus bis in die untersten Schichten des Volkes – wo es noch uns gehört – führt überall das Einkammersystem ein – dann brechen wir das Gegengewicht [13] der Besonnenheit und Bildung gegen die Dummheit und einfältige Schwärmerei – gebt das Assoziationsrecht in vollkommenster Freiheit – dann kann uns niemand mehr hindern, das Land mit unseren Orden zu überziehen, dann wollen wir eine Priesterherrschaft gründen, wie sie die Welt noch nicht gesehen. So bauen auch diese Ultramontanen, wie die sogenannten Republikaner, auf die breitesten demokratischen Grundlagen, und erstere sind dem Staat noch gefährlicher, denn sie sind noch schlauer, noch enger verbunden und haben hier in den Rheinlanden eine noch größere Masse hinter sich. – Mit welchem Pomp traten sie in Köln auf beim Dombaufest; ich war froh, wie ich diese Mauern wieder hinter mir hatte. Doch denk ich: „er wird nicht vollendet, der Kölner Dom.“

Wenn ich all die Vorlagen erwäge, die wir bis jetzt erhalten, so hat mir noch keiner so gefallen wie Dahlmanns Entwurf. Was enthalten diese 30 Paragraphen und in welcher klassischen Fassung. Wie ist man aber über diesen Entwurf hergefallen, sogar von seiten der sächsischen Vaterlandsvereine! Dies beweist nichts als den Mangel an Einsicht in unsere deutschen Verhältnisse. Hätte dieser Entwurf im Volke den Anklang gefunden, den er verdient, wäre es möglich gewesen, ihn in den ersten Monaten der Reichsversammlung durchzubringen, so wären wir vielleicht noch vor Ablauf des zweiten Jahrhunderts nach jenem Westfälischen Frieden zur definitiven Volks- und Staatseinheit gelangt. Die Zeit war günstig wie noch nie in der deutschen Geschichte. Jetzt ist sie es nicht mehr. Jetzt müssen wir den langen Weg der Gründlichkeit durchmachen und können gar nicht voraussehen, wenn wir zum Ziele kommen. Ja, es ist sogar rätlich, jetzt langsam zu gehen und abzuwarten, wie Preußen und Österreich sich gestalten, von denen das letztere in einen für die deutsche Sache sehr bedenklichen Zustand wieder geraten ist. – Nun, wir müssen wieder hoffen. Vorwärts muß es gehen, denn rückwärts geht’s nicht mehr und – was lange währt, wird gut.

Wenn in Sachsen neue Wahlen stattfinden sollten, was noch manchmal kommen kann, da, wenn nicht besondere Ereignisse eintreten, die Sachen hier wohl unter zwei Jahren nicht beendet werden, so wäre es recht gut, wenn Staatsmänner wie z. B. Carlowitz[7], Spitzner[8], Leute, die schon einem Staat vorgestanden und wissen, was dazu gehört, hierherkämen. Es fehlt hier so an solchen Leuten, daß man nicht einmal die Gesandten zusammenbringt, ja wie gering war die Auswahl für die Reichsministerien.

Was die Sachen fördert, ist, daß das Parteiwesen sich immer mehr entwickelt und durch dasselbe mehr und mehr parlamentarischer Takt (Komment) in die Sache kommt. Aus dem linken Zentrum und mehreren tüchtigeren Mitgliedern der Linken hat sich jetzt ein neuer Klub gebildet, von der Westendhall, ihrem Versammlungsort, die Westindier genannt. Es sind darunter viel tüchtige Leute, es wäre zu wünschen, wenn durch ihn die bisherige Linke, die sich jetzt sehr zurückhält, mehr und mehr gesprengt würde und dieser Klub an ihre Stelle träte. Dann hätten wir eine Linke, der man Konzessionen machen könnte. Das Leben erinnert sehr an das Studentenleben, es wird jetzt immer heiterer, je mehr man miteinander bekannt wird; es fehlt nicht an Witz und Laune, nicht an Kneip-Genies und auch nicht an Skandalen. Das ist alles recht gut, das Leben muß frisch sein für solche Aufgaben, das neue junge Deutschland bedarf eines jugendlichen Sinnes und wer siegen will, darf auch den Kampf nicht scheuen.

Nun leb wohl, grüß Deine liebe Frau recht schön von mir. Hoffentlich sehen wir uns bald.

Dein Hermann.“

Weiter liegen zwei Briefe von dem bekannten Leipziger Geschichtsprofessor Heinrich Wuttke (gest. 1876) vor, der als hervorragender Redner im öffentlichen Leben Leipzigs und ganz Sachsens neben Robert Blum eine Hauptrolle spielte und nach dessen Erschießung im November 1848 als sein Ersatzmann in die Nationalversammlung eintrat. Während der gemäßigt liberale Hermann dort dem rechten Zentrum angehörte, schloß sich der radikalere Wuttke dem linken Zentrum an und neigte, während jener mit den Preußen sympathisierte, mehr auf die Seite der Österreicher. An der in diesen Briefen hervortretenden großdeutschen Gesinnung hielt er auch später, als sie durch die Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich gegenstandslos geworden war, unentwegt fest und ward dadurch in der Politik ein völlig vereinsamter Mann[9]. – Helbig hatte ihn als befreundeten Fachgenossen aufgefordert, sich um die erledigte Stelle des Vorstandes des Dresdner Hauptstaatsarchivs zu bewerben; die Eingänge der beiden Briefe, in denen von dieser Angelegenheit die Rede ist, können hier wegbleiben. Über den Stand der Dinge in Frankfurt, nach dem sich Helbig erkundigt, schreibt Wuttke:

„Mein lieber Helbig,

. . . . . . . . Von Frankfurt kann ich Ihnen Tröstliches und Leidiges melden. Viel tüchtige Männer sind hier vereinigt und sie haben den entschiedenen Willen, die Einheit Deutschlands zustande zu bringen. An Freisinnigkeit [14] fehlt es wahrhaftig nicht, eher mangelte bisher – es sind echte Deutsche, die hier tagen – die rasche Tatkraft. Trauen Sie ihnen dafür zähe Beharrlichkeit und Ausdauer, die ja alles überwindet, zu. Größere Entschlossenheit, als sie im Grunde besitzen, gibt ihnen die Überzeugung, daß die Reaktion keine Beständigkeit mehr haben kann und daß ihr augenblickliches Übergewicht den endlichen Sieg der sogenannten Demokraten nach sich ziehen würde. Sie fühlen, daß sie das Verfassungswerk glücklich durchführen müssen, um der roten Republik den Weg zu verlegen. Darum verdrießen sie die Schwierigkeiten sehr, welche in neuester Zeit die früher willigen Regierungen und Dynasten angefangen haben, ihnen entgegenzusetzen, sie erkennen ihren großen Fehler, die allerkostbarste Zeit mit Schwätzen und übelangebrachter Gründlichkeit versäumt zu haben, und wollen daher jetzt nach Möglichkeit eilen, nicht reden, nicht hören, nur beschließen, fertig werden. Nebenbei sehnt sich wohl auch mancher Strohwitwer nach seinem Weibe und manches Ehgemahl, das der Eheherr hat kommen lassen, nach ihrem Haushalt.

So ist die große Mehrheit. Die äußerste Linke ist schwach und verachtet und daran schuld. Unsere Sachsen sind in gräulichem Verrufe. Davon schreibt sich wohl auch ihre große Erbitterung gegen das Parlament. Die meisten haben gespürt, daß sie unter solchen Männern, wie jetzt neben ihnen stehen und in Zukunft doch auch geschickt werden dürften, niemals eine sonderliche Rolle spielen können. In den stenographischen Berichten liest man bisweilen die Namen und Reden sächsischer Abgeordneter: glauben Sie aber nicht, daß dies in den Sitzungen irgend etwas anderes bedeute, als Zeitaufwand. Man hört und achtet nicht auf sie, spottet bloß über den wichtigtuenden Wigard[10] z. B., von dem man doch die Ansicht des gemeinen Mannes kennen lerne u. dgl. Ich sitze im linken Zentrum und habe da schon gute Gelegenheit zu solchen Wahrnehmungen.

Leidiges, denn die Oberhauptfrage spaltet das Haus, die Stamminteressen regen sich und dahinein ist die schwierige österreichische Frage, der politische Ruf Gagerns und der Bestand des ganzen Ministeriums gezogen – leider! Um den ersten Sturm sich legen zu lassen, hat man eine Woche die Sitzungen ausfallen lassen. Die Schuld tragen die Stockpreußen und die noch ärgeren Schleswig-Holsteiner, Dahlmann voran.

Leben Sie wohl und empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin.

Frankfurt a. M., 28. Dezember 1848.
H. Wuttke.“


„Frankfurt a. M., 20. Januar 1849.
Verehrter Freund,

. . . . . . . „Der Beschluß zu Gagerns Gunsten hat sehr erfreulichen Eindruck gemacht“, schreiben Sie mir – wenn er nur auch erfreuliche Folgen, nicht für den Augenblick, sondern für die Zukunft hat. Geht aber alles so fort, wie es sich anläßt, so wird

1. die Lostrennung Österreichs von Deutschland erfolgen,
2. ein preußisches Erbkaisertum über Deutschland errichtet,

und in beiden vermag ich kein Glück zu erkennen. Sie sehen, ich habe – nach schwerem inneren Kampfe – gegen Gagern gestimmt.

Die Lostrennung von Österreich ist eine Trennung auf immer, darüber darf man sich nicht täuschen. In Österreich wohnen (nach Tebeldi) 7 833 175 Deutsche bei einer Gesamtbevölkerung von 36 Millionen, unter diese gemengt, gegenüber 17–18 Millionen Slaven. Österreich bekommt notwendig einen anderen Schwerpunkt. Weil man auf der unausführbaren „reinen Personalunion“ besteht – sie ist unausführbar, denn wie soll Flotte, Staatsschuld usw. geteilt werden – statt eine Realunion zuzulassen und die Union, welche Gagern mit ganz Österreich abzuschließen hofft, mit den nichtdeutschen Provinzen Österreichs einzugehen, treibt man Österreich aus. Beachten Sie wohl, bis auf ein paar, die ihrer Stimme sich enthielten, haben alle Österreicher gegen das Gagernsche Programm gestimmt, und es sind unter ihnen sehr ehrenwerte Männer. Lesen Sie Welckers Rede in der Oberhauptsfrage (es war die beste Rede, die ich hier gehört habe, gedruckt wird sie sich freilich nicht so gut ausnehmen, weil da die Lebendigkeit verloren geht) und knüpfen Sie daran Wydenbrugks Betrachtungen bei der Verhandlung über das Gagernsche Programm. Auch ich sehe, wie Welcker, in der Durchführung der Ansicht von Gagern eine Zerreißung und Teilung von Deutschland.

Das preußische Erbkaisertum kann ich ebensowenig für ein glückliches Ende halten. An die Hoffnung, daß mit demselben der preußische Staat aufgelöst werde, kann ich nicht glauben, glaubt so mancher erfahrene Staatsmann hier nicht. Sehr große Schwierigkeiten müßten vorher überwunden werden. Und mindestens ebenso wahrscheinlich ist es, daß infolge desselben alle deutschen Länder preußische Provinzen werden: gewiß aber ist es, daß kirchliche und Stammesgegensätze die dauernde Übertragung der obersten Leitung, vorausbestimmt für alle Zeiten, zu einer Quelle ewiger Veruneinigungen und innerer Reibungen machen werden.

Ich bin dafür, daß jetzt, für eine gewisse Zeit, die Führung an Preußen übertragen wird, aber ich [15] bin dagegen, daß man jetzt, in einer Zeit solchen Schwankens, wo noch so vieles zu ordnen, noch so vieles im Sichgestalten ist, über eine ferne Zukunft vorausbestimmt, sondern will, daß man je nach den Wechselfällen der Zeiten Änderungen offen läßt.

Ja, schlimmer, ich habe die Überzeugung, daß eine Partei, um ein preußisches Erbkaisertum möglich zu machen, Österreich absichtlich herausdrängt. (Dahin rechne ich den ehrenwerten Gagern nicht.)

Dies wird Ihnen meine Abstimmungen erklären. Ich kann nicht läugnen, ich bin in sehr niedergeschlagener Stimmung. Möge die Ihrige zuversichtlicher sein.

Ihr ergebenster
H. Wuttke.“

  1. Vgl. Dresdner Geschichtsblätter 1904 S. 247
  2. Nach freundlicher Mitteilung seines Sohnes, des Herrn Rittergutsbesitzer Dr. Friedr. Hermann auf Weidlitz.
  3. Professor Hermann Köchly, bis zum Dresdner Maiaufstand Lehrer an der Kreuzschule, gest. 1876.
  4. Professor Karl Biedermann (gest. 1901) und Bürgermeister Karl Wilh. Otto Koch (gest. 1876) in Leipzig.
  5. Robert Blum, Theatersekretär in Leipzig, erschossen am 9. Nov. 1848 in Wien.
  6. Schriftsteller Arnold Ruge, gest. 1880.
  7. Albert von Carlowitz, damals sächsischer Justizminister, gest. 1874.
  8. Gustav Friedr. Adolf Spitzner, Geh. Regierungsrat in Dresden, gest. 1870.
  9. Vgl. Allgemeine Deutsche Biographie Bd. 44 S. 569.
  10. Franz Wigard, damals Vorstand des Königl. Sächs. Stenographischen Instituts, nach seiner Absetzung Arzt in Dresden, gest. 1885.