Dresden im Schmalkaldischen Kriege (1547)

Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912) Totenschau Dresden im Schmalkaldischen Kriege (1547) (1909) von Oswald Artur Hecker
Erschienen in: Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912)
Sachsenbriefe aus der Paulskirche
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Dresden im Schmalkaldischen Kriege (1547).
Von Dr. phil. O. A. Hecker.

Der Schmalkaldische Krieg 1546/47 brachte bekanntlich den ersten kriegerischen Zusammenstoß zwischen Kaiser Karl V. und dem Schmalkaldischen Bunde unter der Führung des Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen und des Landgrafen Philipp von Hessen. Nachdem der unglückliche Ausgang des Donaufeldzugs 1546 schon Süddeutschland dem Kaiser preisgegeben hatte, erhoffte man in den norddeutschen protestantischen Kreisen doch noch eine glückliche Wendung des ganzen Krieges, als der Verbündete des Kaisers, Herzog Moritz von Sachsen, vor der Übermacht des heimkehrenden Kurfürsten überall zurückweichen mußte.

Ganz Deutschland blickte in den ersten Monaten des Jahres 1547 nach dem albertinischen Sachsen, wo für viele die wettinischen Vettern den letzten Kampf um Herrschaft oder Untergang des Protestantismus auszufechten schienen. In Wort und Schrift nahm vor allem die protestantische Geistlichkeit für den Kurfürsten gegen Moritz Partei und verhetzte die breiten Schichten des Volkes immer von neuem gegen den „Judas Ischariot“ an der evangelischen Sache. Bald machte sich denn auch die allgemeine Erregung in tollen Pamphleten und häßlichen Schmähgedichten Luft, die jede Maßnahme des jungen Herzogs in derbster Weise bekrittelten und beschimpften.

Man sollte nun meinen, bei einer so allgemeinen Aufmerksamkeit auf alle Vorgänge in Herzog Moritz’ Landen dürfte die Aufgabe nicht schwer fallen, das Schicksal der Elbresidenz Dresden in dieser bewegten Zeit zu verfolgen und festzustellen. Aber bei näherem Zusehen erweist sich diese Hoffnung nur zu bald als trügerisch.

Das gedruckte Material liefert nur wenig Ausbeute, denn die „Verfassungsgeschichte der Stadt Dresden“ von Otto Richter kann sich ihrer ganzen Anlage nach mit diesem Thema nur vorübergehend berühren, und die anderen Geschichtswerke über Dresden von Hasche und Lindau folgen mit ihren Angaben aus dieser frühen Zeit durchgängig der bekannten Beschreibung Dresdens von A. Weck, die aber leider gerade für die Zeit des Schmalkaldischen Krieges nur ganz notdürftige Notizen aufweist.

Noch kärglicher ist der Ertrag bei der Suche nach verläßlichen handschriftlichen Quellen aus dieser Zeit, und so ist es ein großes Glück, daß uns in dem Handelbuche (d. i. Tagebuch) des sächsischen Rates Dr. Melchior von Ossa wenigstens die Schilderung eines unmittelbaren Zeugen des Schicksals Dresdens im Schmalkaldischen Kriege erhalten geblieben ist, die Anspruch auf selbständige Bedeutung erheben darf.

Weit reicher ist das offizielle Aktenmaterial, das im Hauptstaatsarchive ruht und das uns einen vollen Einblick in die herzogliche Kriegführung und Politik gestattet. Wir lernen hier im Briefwechsel zwischen Herzog Moritz und seinen Räten in Dresden alle die Sorgen und Nöte kennen, die in jenen stürmischen Winter- und Frühjahrswochen über das albertinische Sachsen hereinbrachen und auch die Residenz Dresden schwer gefährdeten.

Es ist natürlich, daß ich mich bei dem Mangel an andern ursprünglichen Quellen in der Hauptsache auf diese Berichte der Räte stützen muß, aber damit [2] ergibt sich auch als weitere Folge, daß dadurch mehr nur die kriegerische und politische Bedeutung Dresdens für den ganzen Feldzug in den Vordergrund tritt, denn die Räte äußern sich selbst fast nur über die politischen und militärischen Fragen des Tages.

Ganz kurz kann ich mich unter Hinweis auf die Verfassungsgeschichte Dresdens von Otto Richter in der Schilderung des Umfanges Dresdens zur Zeit des Schmalkaldischen Krieges fassen. Es genügt, wenn man sich vor Augen hält, daß die eigentliche Stadt Dresden damals im wesentlichen die Ausdehnung der jetzigen inneren Altstadt hatte und daß sie durch eine starke Stadtmauer, Festungsgraben und einen befestigten Vorwall geschützt wurde. Fünf Stadttore und ebensoviel Zugbrücken vermittelten den Verkehr mit den Vorstädten und dem platten Lande.

Ganz genau ist im einzelnen für 1547 schon nicht mehr die Stärke und Lage der einzelnen Festungsteile anzugeben, da ja Herzog Moritz bereits seit 1546 mit der großartigen Umgestaltung der Festungswerke begonnen hatte, die dann in ihrer Neuanlage als gradlinige Steinwälle länger als zwei Jahrhunderte allen feindlichen Angriffen Trotz bieten konnten. Von dem eigentlichen Dresden scharf zu trennen ist damals noch das auf dem rechten Elbufer gelegene Altendresden.

Unmittelbar hinter dem Elb- oder Brückentor nach Norden zu hörte bereits das Weichbild der Stadt Dresden auf. Die Elbbrücke bildete ein eigenes Rechtsgebiet, in dem der Brückenmeister unter Aufsicht des herzoglichen Amtmanns die Gerichtsbarkeit ausübte[1]. Die Brücke war zu beiden Seiten mit Häusern bebaut und trug in der Mitte ein Wärterhäuschen. Sie wies 1547 wohl schon durchgängig steinerne Pfeiler auf, aber die Verbindung zwischen den einzelnen Pfeilern wurde mindestens in der Mittelbrücke nicht durch steinerne Bogen, sondern durch einfache eichene Holzverplankung hergestellt[2]. Den Zugang zu der Brücke auf Altendresdner Seite beherrschte eine stärkere turmartige Verschanzung.

Altendresden selbst war nur ein unbedeutendes dorfähnliches Städtchen von höchstens 1350 Einwohnern, dessen Ausdehnung sich etwa durch die Linien der heutigen Straßenzüge: Große Meißnerstraße, Körnerstraße, Fleischergasse, Ober- und Niedergraben, Kasernenstraße, Jägerhofgäßchen, Große Klostergasse bestimmen läßt. Altendresden hatte weder Mauern noch Türme, sondern nur einen bewallten Stadtgraben[3] und stand durch 6 Tore mit der Außenwelt in Verbindung. Wohl hatte Herzog Moritz 1546 durch Anlegung eines neuen Stadtgrabens den Versuch zu einer stärkeren Befestigung des rechtselbischen Städtchens gemacht, aber die Arbeiten konnten infolge der Überlastung mit andern Ausgaben nicht vollendet werden, und so hatten die Truppen des Kurfürsten Johann Friedrich im Frühjahr 1547 ein leichtes Spiel mit dem unbewehrten Orte, den sie denn auch im ersten Ansturm nahmen.

Es ist unter diesen Umständen wohl ohne weiteres begreiflich, wenn sich unser Hauptinteresse auf das Schicksal der linkselbischen Stadt Dresden konzentriert. Freilich, auch diese Stadt darf sich in der Zeit des Schmalkaldischen Krieges an Bedeutung noch nicht messen mit Leipzig, der weitberühmten Handels- und Universitätsstadt, und selbst Freiberg als Mittelpunkt des sächsischen Silberbergbaus macht ihr noch den Rang streitig in der Wertschätzung des Landesherrn. Das lag zum größten Teil wohl an der ganzen Entwicklung der Einwohnerschaft. Zwar zählte nach der Berechnung von Otto Richter die eigentliche Stadt im Jahre 1546 die für jene Zeiten schon recht stattliche Summe von 4156 Einwohnern, mit der Neustadt (den Straßenzügen um die Frauenkirche) und den Vorstädten sogar 5152, aber die überwiegende Mehrheit der Bewohner bestand noch aus schlichten Ackerbürgern und Handwerkern, die im Gegensatz vor allem zu den Leipzigern, bei denen schon damals Wissenschaft und Handel gleichmäßig eifrig gepflegt wurden, wenig mit der Zeit fortschritten und eigentlich erst durch die spätere großartige Bautätigkeit der Kurfürsten Moritz und August und die damit verbundenen vielfachen Anregungen aus ihrem Phlegma aufgerüttelt wurden.

Wie wenig höheres Interesse hier vorhanden war, das wird uns recht klar, wenn wir versuchen, uns ein Bild von dem geistigen und kulturellen Leben in Dresden eben in der Zeit des Schmalkaldischen Krieges zu verschaffen. – Verlorne Mühe! – Vor dem Jahre 1549, wo der Stadtschreiber Weiße seine Chronik anzulegen beginnt, dringt keine Kunde zu uns von dem Leben und Treiben der Bürger jener Tage. Kein einziger schreibgewandter Mann findet sich wie in den deutschen Städten des Westens und Südens, der mit lebendiger Teilnahme die Geschicke der Vaterstadt verfolgt und seine Gedanken und Glossen zu den Zeitereignissen, seine Hoffnungen und Wünsche, seine Schmerzen und Sorgen dem Papier anvertraut. Nur ganz kärgliche kalendarische Vermerke finden sich hier und da verstreut – wie das Dresdnische Zeitregister von 994 (!) bis 1657 im Hauptstaatsarchiv und Müllers Annales des Hauses Sachsen –, die von Hochwasser und Epidemien, von Teuerungen und ähnlichen Schicksalsschlägen melden, aber alle nicht viel Glauben verdienen, weil der Schreiber gerade für die früheren Zeiten nur zu oft seiner Willkür die Zügel schießen läßt.

[3] Ich habe mich vergebens im Hauptstaatsarchiv, auf der Königl. öffentlichen Bibliothek und im Ratsarchiv nach unmittelbaren Zeugnissen aus jener Zeit umgesehen, außer dem schon erwähnten Handelbuch des Melchior von Ossa und den später – vielleicht nach verloren gegangenen Quellen – gemachten Aufzeichnungen A. Wecks findet sich eben nichts von Belang. Schließlich blieb nichts anderes übrig, als das Kriminalregister der Stadt Dresden im Hauptstaatsarchiv zu Rate zu ziehen, um wenigstens in etwas mit dem Fühlen und Denken der Dresdner jener Tage vertraut zu werden. Aber natürlich, man muß bei der Ausbeutung dieses Materials mit der äußersten Vorsicht verfahren, um nicht lediglich ein Zerrbild zu liefern.

Als das charakteristischste und von unserer heutigen Anschauung am meisten abweichende Moment erscheint in dieser Zeit noch die gegen das Mittelalter zwar schon etwas gelockerte, aber immerhin noch ungemein starke Gebundenheit des Bürgers in staatlicher, sozialer und kirchlicher Beziehung. Einen starken Nährboden fand diese Bevormundungssucht in der von Luther so streng betonten unbedingten Gehorsamspflicht gegen alle Obrigkeit, die auch in den höchsten Fragen, die das Menschenherz kennt, dem Untertan keine selbständige Stellungnahme zugestehen wollte. Allerdings, das Ideal jeder Obrigkeit sollte nach Luther sein, die Untertanen zu einem ernsten, christlichen Lebenswandel anzuhalten, aber wie oft verbanden sich nicht Herrschsucht und Unduldsamkeit unter dem Anschein christlicher Frömmigkeit!

In Dresden speziell waren die Anschauungen gerade in dem religiösen Punkte nicht allzu einseitig, da man noch von den Zeiten Herzog Georgs des Bärtigen her in Erinnerung hatte, wie schwer man damals selbst unter den Gewissenszweifeln gelitten, die einerseits die Gehorsamsverpflichtung gegen den katholischen Landesherrn und andrerseits die Hinneigung zur neuen Lehre hervorriefen. Natürlich war man schon in den 40er Jahren streng lutherisch, und gerade im Schmalkaldischen Kriege äußerte sich diese Gesinnung in der allgemeinen Abneigung gegen den Krieg mit Johann Friedrich, aber immerhin scheint man in den ersten Jahren der lutherischen Lehre in Dresden, wenigstens nach dem Fehlen prozessualer Verfügungen gegen Andersgläubige zu schließen, nicht so unduldsam wie an andern Orten gewesen zu sein. Freilich, die üblichen Ermahnungsstrafen bei unchristlichen Wandel, wie bei gotteslästerlichem Fluchen, geringem Kirchenbesuch u. a. m. fehlen nicht, aber diese gehören ja ebensogut auch schon einer früheren Epoche an wie die Wirtshaus-, Zutrunks-, Kleiderverbote und ähnliche staatliche Maßregelungen des privaten Lebens.

In die ruhige Fortentwicklung der Stadt kam wohl schon ein schnelleres Tempo, als 1546 Herzog Moritz mit der Ausführung seiner baulichen Erweiterungspläne begann, aber den entscheidenden Anstoß zu einer völligen Umgestaltung Dresdens brachte doch erst der Schmalkaldische Krieg in seiner letzten Etappe von 1547. So ist es für den Lokalhistoriker wohl interessant genug, sich einmal genauer mit diesem Abschnitt der Geschichte Dresdens zu beschäftigen.

Bekanntlich sah sich Herzog Moritz nach langwierigen diplomatischen Verhandlungen mit Kaiser und König im Herbst 1546 doch gezwungen, seine bisherige neutrale Haltung aufzugeben. Am 27. Oktober fertigte er den Verwahrungsbrief[4] an Johann Friedrich ab, worin er ihm anzeigte, daß er auf kaiserlichen Befehl und um die Rechte des Hauses Sachsen zu erhalten, die kurfürstlichen Lande einnehmen müsse, damit sie nicht in fremde Hände fielen. In raschem Vorstoß warf er sich zunächst auf Zwickau, das sich nach einigem Zögern ergab und dessen Beispiel dann weithin wirkte. Ohne weiteres folgten ihm Altenburg, Werdau, Crimmitschau, Borna, Grimma, Wurzen, Eilenburg, Torgau. Alles geschah ohne Blutvergießen, und überall leisteten die Bürger den verlangten Huldigungseid anstandslos, wenn auch wohl vielfach mit innerem Widerwillen. Am 22. November legte er auch Beschlag auf Halle, das Ziel seines heißesten Ehrgeizes. Im Dezember widerstanden nur noch Wittenberg und Gotha, und Herzog Moritz richtete sich schon darauf ein, sein Winterlager in des Kurfürsten Land zu halten. Aber da kam der jähe Umschlag. Kurfürst Johann Friedrich hatte das Lager vor Giengen verlassen und zog heran, um das Erbe seiner Väter vor dem begehrlichen Vetter zu retten. Am 24. Dezember stand er schon vor Langensalza und nahm die Stadt kampflos ein; 300 Reiter und 2000 Mann herzoglicher Lehnstruppen mußten sich ihm ergeben. Am 27. Dezember fiel auch die starke Feste Heldrungen[5], und nun gingen Schlag auf Schlag neue Schreckenskunden bei Herzog Moritz ein.

Der Albertiner hielt sich um diese Zeit gerade in Leipzig auf. Er war eben erst von einer kurzen Reise nach Prag zurückgekehrt, wo er mit König Ferdinand die gesamte Lage besprochen und noch eben beruhigende Auskünfte über die geringen Machtmittel des heimziehenden Kurfürsten empfangen hatte. So hatte er eine solche Nähe der Gefahr gar nicht erwartet. Aber trotzdem ließ er sich auch jetzt nicht einschüchtern. Kaum gingen die ersten bedrohlicher lautenden Nachrichten von den Fortschritten Johann Friedrichs ein, so begann in der Kanzlei des Herzogs eine fieberhafte Tätigkeit, um alle die nötigen Befehle so schnell als möglich auszufertigen.

[4] An den Kaiser und König, wie an den Kurfürsten von Brandenburg ergingen eilige Hilferufe[6]; Leipzig wurde sofort mit genügenden Truppen versehen und so stark als möglich ausgerüstet, um eine Belagerung aushalten zu können. Die Räte in Dresden wurden ebenfalls schon ermahnt, alles Getreide aus der Umgegend aufzukaufen und sich auf die Möglichkeit einer Belagerung vorzubereiten. Der Meißner Adel wurde nach Grimma aufgeboten. Überall ins Land hinaus flogen die Befehle, gute Wachsamkeit zu halten[7].

Es war klar, mit seinen wenigen Truppen konnte Moritz nicht an Kampf im offenen Felde denken. Es blieb ihm vorderhand nur die Möglichkeit, die festen Plätze zu halten und den Feind so lange davor zu beschäftigen, bis die erwarteten Verstärkungen eintreffen würden. Als Verteidigungsstellung kam eigentlich nur die Linie Leipzig, Grimma, Dresden mit Zwickau, Chemnitz, Freiberg im Hintergrunde in Betracht, denn der Verdacht lag zu nahe, daß der Kurfürst versuchen werde, die sächsischen Silberbergstädte zu erobern und mit den ihm freundlich gesinnten Böhmen in Verbindung zu treten. Herzog Moritz tat denn auch alles, um diese Linie so stark als möglich zu machen. Nachdem er Leipzig wohlbesetzt verlassen hatte, zerstörte er den Muldenübergang bei Grimma und hielt sich dann mit seinen Reitergeschwadern den ganzen Feldzug über bis zum April in der Gegend Roßwein, Chemnitz, Freiberg auf, von wo er sofort schnell nach jedem etwa bedrohten Orte seiner Verteidigungsstellung eilen konnte.

Dresden bildete also den östlichen Endpunkt der herzoglichen Operationsbasis. Die Stadt war der Schlüssel sowohl zu dem Zugang nach dem reichen Freiberg wie nach Böhmen bei einem Angriff von der Lausitz her. Kein Wunder, daß man die wichtige Elbefestung so stark machen wollte, daß sie dem Angriff jedes Feindes ohne Gefahr trotzen konnte. Leider sind die Nachrichten über die wirklich hier vorhandenen Truppen Anfang Januar 1547 durchaus unbestimmt.

Am Neujahrstage noch sprach Moritz in einem Briefe an seinen Bruder August[8] die Hoffnung aus, in den nächsten Tagen selbst nach Dresden kommen zu können, aber er zog es dann doch vor, um Colditz und Roßwein auszuharren, bis er Gewißheit über Johann Friedrichs weitere Absichten hatte. Jedoch auch dann, als er dessen Entschluß zur förmlichen Belagerung Leipzigs erkannte, war es ihm zunächst noch mehr um die Sicherung der Bergstädte zu tun und er schob den Ritt nach Dresden einstweilen wieder hinaus.

In Dresden stand seit den letzten Dezembertagen sein eigener Bruder August, und um ihn waren so treffliche Berater wie Georg von Carlowitz, Heinrich von Gersdorf, Simon Pistoris und der erprobte Graf Johann Baptist Lodron, der Befehlshaber über einige Fähnlein böhmischen Kriegsvolkes und 7 Feldgeschütze[9] Da mochte Moritz wohl meinen, daß seine Anwesenheit in der Elbefestung jetzt nicht unbedingt nötig sei. Sein Vertrauen in die Rührigkeit der Dresdner Befehlshaber täuschte ihn auch nicht. Als in den ersten Januartagen von 1547 die Gefahr eines Überfalls für die Residenzstadt nahe gerückt war, herrschte dort emsige Geschäftigkeit, um die Festungswerke in guten Verteidigungszustand zu setzen. Überraschend hatte sich nämlich damals die Kriegslage geändert.

Nachdem Herzog Moritz die Belagerung von Wittenberg hatte aufgeben müssen, um Leipzig retten zu können, war das bis dahin dort eingeschlossene kurfürstliche Besatzungskorps unter Bernhard von Mila frei geworden und sein kühner Kommandant hatte sofort einen Streifzug in die Lausitzen unternommen, der auf herzoglicher und königlicher Seite besonders deswegen sehr bestürzte, weil er bewies, daß der Feind vor Leipzig nicht völlig in Anspruch genommen war und weil man sich danach auch noch weiterer Überraschungen versehen mußte. Am 5. Januar fiel Sonnenwalde in die Hand des Feindes und alsbald mußte auch Dresden mit der Möglichkeit eines Angriffs rechnen. Gleich auf die erste Kunde hin ließen die Räte alle Brücken über die schwarze Elster abwerfen und ordneten für Dresden den Ausbau der noch nicht kriegsgemäßen Befestigungen an. Man vermied es allerdings, wie die Räte an Ernst von Miltitz schrieben, „viel einzureißen und also wie zu Leipzig zu handeln, dann es macht das volk unwillig, feige und sterk den feind“[10]. Diese Rücksicht wird begreiflich, wenn man erwägt, wie sehr die Befehlshaber auf den guten Willen der Bevölkerung angewiesen waren. Denn an geschultem Kriegsvolk scheint zunächst in Dresden außer den böhmischen Fähnlein Lodrons gar nichts vorhanden gewesen zu sein, wenn wir von 18 gerüsteten Pferden absehen, die Herzog August unter seinem Befehl hatte. – So mußte man sich also vor der Hand ganz auf die Bürgerschaft stützen. Nun bestand von altersher wohl eine militärische Einteilung der Bürgerschaft, die zusammenfiel mit der lokalen Viertelsteilung zu Verwaltungszwecken. Aber die lange Zeit ungetrübten Friedens war zweifellos nicht von gutem Einfluß auf die Entwicklung kriegerischen Geistes in der Bürgerschaft gewesen. Daher mochten [5] die Räte berechtigten Zweifel an der Wehrhaftigkeit dieses Notaufgebotes hegen, und es nimmt nicht Wunder, wenn wir sie die ganze folgende Zeit über unermüdlich darauf bedacht sehen, wirklich brauchbares Kriegsvolk aufzutreiben.

Herzog August stellte dem König Ferdinand von Böhmen am 6. Januar vor[11], daß Dresden wohl der geeignetste Ort zu einem Sammelpunkt seiner bereits angekündigten Hilfstruppen sei; Pistoris forderte im Namen der Räte am 5. Januar von Ernst von Miltitz[12], der mit 500 Reitern in Grimma lag, im Falle eines feindlichen Angriffs Dresden zu Hilfe zu kommen, und der alte Carlowitz trat am 6. Januar bereits mit einem umfassenden Plane an Herzog Moritz heran. Der Sechsundsiebzigjährige, der in diesen Tagen der Not an Unermüdlichkeit und Frische seinem jungen Herrn gleich kam, hatte zunächst dem Herzog August zu einer Umfrage bei allen größeren Städten, wie Freiberg, Annaberg, Chemnitz, nach ihrer Stellungnahme in der jetzigen Notlage geraten, die recht günstig ausgefallen war und die ihn nun veranlaßte, das Aufgebot des zweiten oder dritten Mannes in diesen Städten zu befürworten. Allerdings sollte Herzog Moritz selbst mit seinen Reisigen bei dem Volke bleiben, um jeden Abfall zu verhüten. Aber dann hielt Carlowitz auch mit den Besatzungen von Dresden und Leipzig und der Hälfte der Bürger beider Städte seinen Fürsten für stark genug zu einer kräftigen Offensive. Nur wollte er für den Fall der Ausführung des Planes einen tüchtigen Befehlshaber wie etwa Otto von Dieskau nach Dresden gesetzt wissen[13]. Nichts charakterisiert dabei den alten Fuchs besser, als die Art und Weise, wie er durch die Mitnahme der halben Bürgerschaft ins Feld die andere Hälfte zum Ausharren daheim zwingen wollte. Freilich, das Mißtrauen in die gute Gesinnung der Bürger war auch nur zu berechtigt, denn überall im Lande regte sich heimlich und offen die Sympathie für den Kurfürsten, meist noch gemehrt durch die evangelischen Prediger, die fast alle in ihm den Verfechter der reinen Lehre sahen. Herzog Moritz war sich dieser Gefahr wohl bewußt und ergreifend klingt seine Klage an den römischen König, als er am 7. Januar um schnelle Hilfe bat: „dann ich meinen eigenen untertanen in den stedten und was uf dem land von fußvolk ist, gar nichts vertrauen darf, sunder mich vor denselben selbst befahren [muß], weil sie alle zugleich dem feinde mehr als mir anhangen und alle toll und unsinnig sein, weil sie sich des bereden lassen, daß dies meins vettern furnehmen zur handhabung des evangeliums beschehe; derhalben ich bisher das gemeldt mein fußvolk im land nit hab dorfen versammlen noch zusammenbringen, damit ich nit meinen eigenen feind versammle.“[14] In der Tat ließ der Herzog auch die Mahnungsbriefe erst ergehen, als er sicher auf das baldige Eintreffen des fremden Kriegsvolkes rechnen konnte und dadurch alle aufrührerischen Gelüste niederzuschlagen hoffen durfte.

In Dresden suchte man sich zu behelfen, so gut es ging. Man arbeitete eifrig an der Verbesserung der Verschanzungen und suchte dem Feinde den Zugang auch dadurch zu erschweren, daß man den zugefrorenen neuen Graben mit 1500 Eggen unzugänglich machte. 72 Geschütze auf Rädern standen unter der Bedienung von 80 Geschützmeistern zur Verfügung, so daß Herzog August am 21. Januar aus Freiberg zuversichtlich dem Bruder schrieb: „Der Dick (Spottname für Johann Friedrich) kümm wann er wolle, soll er rechtschaffen empfangen und abgefertigt werden“[15]. Aber dies Vertrauen teilten die meisten Räte in Dresden leider nicht.

Bernhard von Mila hatte sich zunächst wieder nach Wittenberg zurückgezogen, und so bestand eigentlich keine unmittelbare Gefahr eines Angriffs. Trotzdem scheinen die Zustände in der Stadt höchst unerquicklich gewesen zu sein, wenigstens nach dem trüben Stimmungsbilde zu schließen, das Ernst von Miltitz in seinem Briefe an Herzog Moritz vom 12. Januar entwirft[16]. Er war auf des Herzogs Befehl mit seinen Reitern hierher gezogen und fungierte nun als Statthalter, aber fühlte sich offenbar in dieser Rolle nicht wohl, denn er bat den Herzog dringend (wie übrigens mit ihm auch die andern Räte am gleichen Tage[17]) wenigstens auf einen Tag nach Dresden zu kommen „zu besehen, wie die dinge allenthalben bestallt. Dann ob ich wohl E. F. G. sonst noch mehr zu schreiben, so ist es doch der feder nicht zu vertrauen. Bitte aber nochmals E. F. G. wollten selbst bedenken, was E. F. G. an dieser E. F. G. Stadt Dresden gelegen und sich mussigen zu sehen, wie es bestallt.“ Er bat ferner ausdrücklich um Verbrennung des Briefes, damit er nicht unter die Leute komme, und gab der Überzeugung Ausdruck, daß die Reiter unter den jetzigen Umständen nicht so bald abgefordert werden dürften.

Es verstärkt nur den Eindruck einer allgemeinen pessimistischen Stimmung, wenn die Räte am 17. Januar zusammen mit den Erforderten von der Ritterschaft[18] [6] den Herzog bitten, das Landvolk nicht in die Städte hineinzulassen, um nicht die unzufriedenen Elemente zu vermehren und eine Empörung heraufzubeschwören, und wenn außerdem Räte wie Ritterschaft am gleichen Tage einer Verständigung mit dem Kurfürsten in ganz auffallender Weise das Wort reden.

Kann es da wundernehmen, wenn Herzog August in dem bereits erwähnten Briefe vom 21. Januar seinem Bruder über die Räte schreibt: „Wir befinden sie aber etwas unschlussig und kleinmutig, wissen schier selbst nicht was sie tun sollen“, wenn er im Gegensatz dazu den vielangefeindeten Grafen Lodron, dessen Mut aber auch seine Feinde nie zu leugnen wagten, dem Bruder gegenüber warm verteidigt: „Wir konnen leichtlich abnehmen, daß an E. L. uber den von Loderon allerlei klagen gelangen, nu han wir ihne noch bis anher nit anders dann redlich erkannt. Derwegen geruhen E. L. nit, eins jeden anbringen stattzugeben, noch sich wider ihne zu bewegen lassen.“

Herzog August hatte eigentlich gehofft, seinen Bruder in Freiberg zu treffen, aber dieser war von dort bereits weggeritten. Es ist höchst wahrscheinlich, daß sich die fürstlichen Brüder umgangen haben und daß Moritz gerade am 20. oder 21. Januar Dresden aufgesucht hat, um sich selbst vom Stande der Dinge in seiner Residenz zu überzeugen. Dafür spricht ein Brief von diesem Tage an den Herzog von Liegnitz mit der Bitte um schnelle Hilfssendung, während keinerlei Briefdaten einen andern Aufenthaltsort des Herzogs für diesen Tag bezeugen. Ferner hat ein Schreiben der Räte an den Herzog vom 22. Januar den Ordinarius Dr. Fachs zum Verfasser, der bis dahin immer in der Umgebung des Landesherrn bezeugt ist, so daß also die weitere Vermutung nahe liegt, daß der vielgewandte Mann mit Moritz zusammen nach Dresden gekommen und nun seinen Amtsgenossen zur Unterstützung zugeordnet worden ist. Doch kann sich Moritz keineswegs länger als einen Tag in Dresden aufgehalten haben, weil dagegen wieder andere Briefdaten sprechen. Daß er aber wirklich hier gewesen sein muß, geht aus einem Briefe der Räte vom 25. Januar[19] hervor, worin sie sich ausdrücklich auf seine persönlichen Anordnungen in Dresden beziehen, die den Marsch des böhmischen Fußvolks über Pirna nach Dippoldiswalde dirigiert hatten.

Hauptsächlich wird es sich bei dem kurzen Aufenthalt um die weitere Organisation der Proviantzufuhr und das Aufgebot der Mannschaft in den Städten und Amtern gehandelt haben; denn gerade auf diese Punkte beziehen sich die am 21. Januar noch ausgefertigten Beilagen, die in einem Briefe der Räte am nächsten Tage[20] dem Herzog noch nachträglich zur Genehmigung vorgelegt wurden. Wahrscheinlich sind an diesem Tage auch die Anordnungen wegen des Wachtdienstes in der Festung getroffen worden, die O. Richter in seiner Verfassungsgeschichte Dresdens[21] im Auszuge wiedergibt.

Auf das böhmische Kriegsvolk scheint allerdings die Anwesenheit des jungen Fürsten nicht sehr nachhaltig gewirkt zu haben. In dem Briefe vom 22. Januar mußten die Räte nämlich zugleich von einer Meuterei zweier Fähnriche melden. Da ist es wohl begreiflich, wenn sie Sorge trugen, die Miltitzschen Reiter aus der Stadt zu lassen, die immer noch ein verläßliches Gegengewicht gegen das unzufriedene böhmische Volk bildeten, und wenn sie dafür lieber die neuankommenden böhmischen Truppen alle nach Meißen legen wollten, dessen Besetzung damals Herzog Moritz dringend wünschte, weil er sonst einen Vorstoß Johann Friedrichs von dort her befürchtete. Am 27. Januar[22] begegnet wieder die Klage über das zügellose Verhalten der Böhmen. Diese hatten sich nun schon zu einem nächtlichen Plünderungsversuche auf das Haus Antons von Schönberg verstiegen, und es war zu nächtlichen Straßenkämpfen gekommen. Man sah sich daher zu scharfen Gegenmaßregeln gezwungen, nachdem sich auch der Rat von Dresden in einer Eingabe an die herzoglichen Räte bitter über diesen Vorfall beschwert und dabei ziemlich unverhüllt bei weiteren solchen Vorkommnissen die fernere Mitwirkung der Bürger an der Verteidigung nach außen aufgekündigt hatte.

Herzog August und die Räte erließen darum zunächst eine strenge Verordnung[23] zur Aufrechterhaltung der Ruhe in der Stadt. Es heißt da: „Nachdem sich allerlei Verdrießlichkeiten zwischen dem fremden Kriegsvolk und dem Adel und seinen Knechten zugetragen haben, mahnen wir hiermit die Unsern ernstlich zur Ruhe. Kommen wieder Ausschreitungen des fremden Kriegsvolkes vor, so soll unser und der Obersten Richtspruch abgewartet werden. Wir bestimmen aber zur Verhütung weiteren Tumults „daß nihemands, wes standes der sei, nach des seigers acht schlege ufn abend uf der gaß gehen oder die seinen schicken soll. Hette aber jemands ursach, die seinen nach 8 horen zuverschicken oder selbst uf der gassen zugehen, der soll brennend fackeln oder latern mit angezunden lichten haben [und] der wache, do ihnen die betrifft, guten bescheid geben. Ahne das und do jemands ahne licht nach 8 horen uf der gassen antroffen wurde, hat die wache befehl, wes sie sich mit einziehen u. a. gegen denselben halten soll, daruf auch gebuhrliche straf erfolgen wirdet.“

[7] Es wurde auch bei ernster Strafe jedes Abschießen von Büchsen in der Stadt verboten. Am bezeichnendsten aber ist die Stelle, wo man mit religiösen Gründen den Unruhstiftern aller Art beizukommen sucht: „Nachdeme auch die strafe gottes vor der hand, so begehren Seine fürstl. Gnaden, samt statthalter und reten, daß sich ein jedermann gottslesteriger fluche, schwehrens und worte, vollsaufens und anderer unchristlicher laster, sonderlich unzuchtiger worte, gebehrde und geschreies gegen frauen und jungfrauen, und sonst anderer dergleichen ungottselligen wandels mit worten und werken enthalten und in gottes forcht und sonst allenthalben erbahrlich, stille und zuchtig wandelen wollten, wie sie for gott und aller ehrbarkeit zuforderst in diesen leuften schuldig seind.“

Aber selbst diese energische Maßnahme nutzte nicht viel; die Klagen über die Böhmen wollten auch jetzt nicht verstummen. Zweifellos sah man schon deswegen im ganzen Lande mit scheelen Augen auf sie, weil man insgeheim doch mit dem Kurfürsten sympathisierte und gerade in ihnen dessen gefährlichste Feinde erkannte. Die Böhmen mag aber oft auch wirklicher Mangel zur Plünderung veranlaßt haben, denn nur allzu schlecht gingen die Besoldungsgelder ein. Ja, es kam vor, daß die Hauptleute das wenige noch vorhandene Geld für sich verspielten und obendrein Schulden machten. So mochte es den Dresdnern wohl ganz recht sein, als Ende Januar die veränderte Kriegslage den Herzog Moritz veranlaßte, die Stadt fast von allen Truppen zu entblößen, um sich in Freiberg und Chemnitz eine starke Position zu schaffen.

Johann Friedrich hatte am 27. Januar die Belagerung von Leipzig als aussichtslos aufgegeben; Moritz vermutete alsbald einen feindlichen Vorstoß gegen Zwickau oder Chemnitz und konzentrierte daher alle seine verfügbaren Truppen um Freiberg und Chemnitz, wo er selbst sein Hauptquartier zusammen mit Markgraf Albrecht von Brandenburg nahm. In Wirklichkeit aber schlug der Kurfürst sofort sein Winterlager vor Altenburg auf, und fast den ganzen Februar über lagen sich nun die beiden Gegner bis auf einige unbedeutende Scharmützel tatenlos gegenüber, wobei allerdings wohl auch die strenge Kälte die Angriffslust beider Teile in etwas lähmte.

Man sollte nun meinen, daß in dieser Zeit der Ruhe, die nur auf diplomatischem Gebiete durch verschiedene Aussöhnungsversuche beider Landschaften, des Kurfürsten von Brandenburg und vor allem der unermüdlichen Herzogin von Rochlitz unterbrochen wurde, den albertinischen Räten das Vertrauen zur Sache ihres Herrn zurückgekehrt sei, aber beinahe das Gegenteil ist der Fall. Gerade die in Dresden verbleibenden Räte, vor allem der Kanzler Pistoris, verraten immer wieder eine recht pessimistische Auffassung der Gesamtlage, und selbst der Vertrauensmann des Herzogs, Dr. Fachs, scheint davon nicht ganz frei geblieben zu sein. Dieser zeigte wenigstens am 1. Februar dem Dr. Türk in des Herzogs Umgebung an, daß ihm ein „gelehrter in der astrologei“ prophezeit habe, daß der Herzog nur noch bis zu seinem Geburtstage – am 21. März – Kriegsglück erhoffen dürfe, von da ab werde er nur Martem adversum, das heißt einen ungnädig gesinnten Kriegsgott haben. Zwar bestreitet Fachs, daß er dieser Voraussage Glauben beimesse, aber es klingt doch wieder wie leiser innerer Zweifel, wenn er schreibt: „Und wiewohl ich davone nichts halte und rate, daß man nichts temere [leichtsinnig] oder uf ein ungewiß wegen vorneheme, dann die astra [Sterne] incliniren wuhin oder drowen was sie wollen, So weiß ich, daß aller sieg bei unserm lieben gotte stehet, der wird uns nicht im Stich lassen.“ Auch den Tod des Kaisers sagte übrigens der unheilsfrohe Sterndeuter für den 15. Februar voraus, freilich nicht ohne sich vorsichtigerweise für diesen kürzeren Termin eine wohlfeile Rückzugsmöglichkeit zu sichern. Wieviel Unheil mag seine Weisheit wohl in den Köpfen der biederen Dresdner angerichtet haben, wenn selbst der gelehrte Fachs sich einer abergläubischen Anwandlung nicht ganz entziehen konnte! Wirkte doch der Unglückskünder bereits auf Pistoris so intensiv, daß sich dieser Komerstadt gegenüber sogar zu dem Satze verstieg: „und so ichs also eher gewußt, wollt ich mich nicht also weit haben eingelassen, doch stehet es bei gott[24].“

Wenn sich solche Gedanken schon der Feder seines Kanzlers entringen konnten, dann hatte der junge Fürst wohl gegründeten Anlaß dazu, daß er dem gemeinen Manne, der in ihm unter den Einflüsterungen der Prediger den Feind des Evangeliums argwöhnte, nirgends glauben und trauen zu können vermeinte. Und nicht übertrieben scheint es, wenn Georg von Carlowitz immer und immer wieder vor der aufrührerischen Gesinnung der ganzen Bevölkerung warnt, wenn er die kriegerische Tüchtigkeit des aufgebotenen Landvolkes mit den drastischen Worten beleuchtet: „es ist aber unser volk, wenn man mit ihm redt, so zweifelhaftig; sie haben immer sorge, sie fallen durch die erde“[25]. Mit solchen Leuten ließ sich natürlich nichts unternehmen, und es ist vollkommen verständlich, wenn Moritz sich auf kleine Streifzüge beschränkte und im übrigen in Chemnitz ruhig abwartete, bis er an wirklichem Kriegsvolk stark genug sein würde, um eine Schlacht wagen zu können.

Am 17. Februar eilte er nach Aussig zu einer Unterredung mit dem König und dem Kurfürsten von [8] Brandenburg und weilte auf der Rückkehr am 21. Februar wieder vorübergehend in Dresden, ohne daß aber anscheinend diesmal viel von Belang gehandelt wurde. Die Truppen lagen immer noch um Freiberg und Chemnitz konzentriert, und so wird jetzt in Dresden die alte Stille geherrscht haben, wenn nicht auch hier wie überall im Lande schon die Sage von des Kaisers Tod umging und die Sorge von Haus zu Hause schlich, ob man nicht besser täte, schon jetzt dem Kurfürsten offen zuzufallen. An aufwühlenden Worten wird es gewiß nicht gefehlt haben, wenn der alte Carlowitz sich veranlaßt sieht, vertraulich an Türk am 28. Februar[26] zu schreiben: „Des Kurfürsten tat stehet uf dem ufstand des volkes, daß he [er] gern ein gemeen ufstehen erwecken wurde; wenn ihm das nicht gelucket, so ist he verdorben. Man merkets an den pfaffen, an ihren predigen wohl worauf sie umgehen.“

Aber die Anwesenheit der herzoglichen Räte hielt doch wohl die heimlich schwelende Glut nieder, daß sie nicht zu offener Flamme emporschlug. Als dann der römische König Ferdinand vom 1. bis 23. März sein Hauptquartier in der Stadt aufschlug, da vermochte selbst die weithin zündende Kunde von der Niederlage Markgraf Albrechts von Brandenburg bei Rochlitz (2. März) in Dresden nicht mehr gefährlich zu werden. Auch stand wohl der Rat auf Seiten des Landesherrn, denn wir haben keinen Grund, die Ergebenheitsversicherung des regierenden Bürgermeisters Peter Biener gegenüber Dr. Komerstadt (21. März)[27] anzuzweifeln.

Der Versuch zu einer kräftigen Offensive seitens des Herzogs Moritz war mit dem Tage von Rochlitz allerdings endgültig gescheitert, und es wurde immer klarer, daß erst die Ankunft des Kaisers die Entscheidung bringen könne. König und Herzog einigten sich denn auch während des Märzes über den weiteren Feldzugsplan dahin, daß man nur die festen Plätze besetzt halten und mit allen übrigen verfügbaren Truppen dem Kaiser nach Böhmen entgegenziehen wollte, um dann mit ihm gemeinsam den entscheidenden Schlag zu führen. In meisterlicher Weise wurde hauptsächlich auf Rat des listenreichen Carlowitz der Sühneversuch der ernestinischen Landschaft benutzt und durch einen mehrtägigen Waffenstillstand Ende März die nötige Zeit gewonnen, um die beabsichtigten Truppenverschiebungen in aller Stille und unauffällig vornehmen zu können. Bevor aber Moritz selbst nach Böhmen zum Kaiser ging, eilte er noch einmal nach Dresden zu persönlicher Rücksprache mit König Ferdinand und um die letzten Anordnungen für einen kräftigen Widerstand im Falle einer Belagerung selbst zu treffen. Fünf Fähnlein unter Otto von Dieskau und Graf Lodron wurden in die Stadt gelegt, wo nach A. Wecks Angaben auch noch Landvolk lag. Bereits Mitte März hatte man durch wiederholte Ausschreiben den Adel der Umgegend nach Dresden eingefordert, und wirklich waren nach den vorhandenen Listen gegen 120 vom Adel dem Rufe gefolgt. Ende März oder Anfang April suchte dann u. a. auch Herzog Moritzens Mutter in der Festung Schutz, und gleich ihr flüchteten viele vom platten Lande hinter die schützenden Mauern.

Wahrscheinlich hat diesmal der Aufenthalt des Landesherrn vom 23. bis 28. März gewährt, denn wie der erste Tag, so sind auch der 27. und 28. März uns durch Briefdaten einwandsfrei bezeugt. Sehr wichtige Dinge traten noch einmal an den jungen Fürsten heran, der sich anschickte, sein Land auf mehrere Wochen zu verlassen. Die Instruktion für die Räte zu der Unterredung mit der ernestinischen Landschaft, für die Gesandten, die eine Werbung des Kaisers zu einem großen kaiserlichen Bund in Ulm anhören sollten[28] und für Dr. Komerstadt, der die Versöhnung des Landgrafen von Hessen bei dem Kaiser selbst anbahnen sollte, waren Aufgaben von der höchsten Bedeutung. Alle wurden umsichtig und zweckmäßig gelöst, ehe der Herzog unter dem Schutze des Waffenstillstandes aus dem Lande schied.

Aber kaum war der Waffenstillstand zu Ende, so brachen drei schwere Wochen über die albertinischen Lande herein. Am 3. April trat Johann Friedrich von Geithain, wo er seit einem Monat stillgelegen hatte, den Vormarsch auf Dresden an und nirgends stieß er auf Widerstand. Chemnitz hatte sich bereits am 3. April an Reuß von Plauen ergeben, und nun öffneten ihm nacheinander Döbeln, Lommatzsch und Oschatz ihre Tore. Als am 5. April auch Meißen fiel, da erkannten die Räte in Dresden die Gefahr, die nun gegen die so lange verschont gebliebene Stadt heraufzog. In aller Eile suchten sie noch an Truppen zu sich heranzuziehen, was in der Umgebung irgend verfügbar war; u. a. beorderten sie zwei in Pirna liegende Fähnlein zu sich, was aber später von Moritz als Feigheit scharf getadelt wurde. Angesichts des Vorrückens des Kurfürsten scheint in der Tat auch die alte Zaghaftigkeit wieder über die Räte gekommen zu sein, denn auf die Kunde von Meißens Fall baten sie am 5. April den Herzog sogleich dringend, nun nicht mehr nach Böhmen zu gehen, sondern Dresden zu entsetzen. Dazu war aber keine Möglichkeit mehr, seit sich am 4. April zu Eger schon die Vereinigung der herzoglichen, königlichen und kaiserlichen Truppen vollzogen hatte.

[9] Am Karfreitage, dem 8. April, tauchte zuerst ein plänkelnder Haufe vor den Mauern der Festung Dresden auf und feuerte einige Schuß in das herzogliche Schloß, so daß die Leute erschreckt aus der Predigt auf die Straße liefen[29], aber er zog dann, ohne weiteren Schaden zu tun, ab. Man atmete in der Stadt schon wieder auf, als am 13. April in aller Morgenfrühe die Kundschaft einging, der Kurfürst ziehe auf beiden Elbufern in drei Heeresabteilungen von Meißen her mit allem Geschütz gegen Dresden heran[30]. Man konnte nicht länger zweifeln, die Belagerung stand unmittelbar bevor. In „höchster Not“ schickten die Räte nochmals eine Botschaft an den Herzog und baten um schnellen Entsatz.

Man sollte meinen, daß schon der Handstreich vom 8. April die Verteidiger zur größten Vorsicht gemahnt hätte, aber dazu will es nicht stimmen, wenn man liest, wie überraschend leicht sich der Angreifer des Zugangs zur Elbbrücke versicherte. Von Altendresden zwar durfte man bei dem durchaus offenen Charakter des Städtchens keinen langen Widerstand erwarten, aber was soll man dazu sagen, wenn auch der Turm am Eingang der Elbbrücke im ersten Ansturm genommen werden konnte, weil er nur mit einer geringen Anzahl Knechte besetzt war, die leicht überwältigt und erschlagen wurden? Und vollends wie soll man es von so kriegserprobten und erfahrenen Befehlshabern wie Otto von Dieskau und Lodron verstehen, daß sie vergessen haben sollten, die Schanzkörbe bei den Verteidigungswerken auf der Brücke füllen und die eichene Verplankung der Mittelbrücke abwerfen zu lassen, wodurch doch sofort dem Feinde der glatte Übergang über die Elbe abgeschnitten worden wäre. Die einzige Vorsichtsmaßregel, die die Kommandanten nach den Berichten von A. Weck, Melchior von Ossa und dem Dresdner Zeitregister[31] – wo übrigens fälschlich der 6. April als Tag der Beschießung angegeben – ergriffen hätten, soll der noch dazu als übereilt und nutzlos getadelte Befehl zum Niederbrennen der Vorstädte gewesen sein, der dem gründlich verhaßten Grafen Lodron in die Schuhe geschoben wurde.

Aus dem offiziellen Aktenmaterial ergibt sich nun klar, daß Dieskau und Lodron zusammen die Abbrennung einiger Häuser in der Vorstadt vorm Wilischen Tore beschlossen hatten. Das war aber für die damalige Zeit, bei dem engen Anschmiegen der Vorstädte an die eigentliche Stadt eine durchaus notwendige Maßnahme, um gegen den Angreifer freies Schußfeld zu erhalten; bei Leipzig und Zwickau war man nicht anders verfahren. Und als am Morgen des 13. April die alarmierende Kunde von dem Anzuge des Kurfürsten in Dresden eintraf, da verlautete ganz bestimmt, daß der Feind sein Geschütz über Briesnitz heranführe, so daß also gerade der Hauptangriff vor dem Wilischen Tore drohte, wodurch sich ohne weiteres diese Anordnung der Kommandanten erklärt. Es war nicht ihre Schuld, wenn ein ungünstiger Wind das Feuer rasch verbreitete und wenn dann Bubenhände auch in der Stadt das Zerstörungswerk fortsetzten. Dieskau meldete selbst am 14. April dem Herzog den Brand. 15 Häuser (Weck gibt 21 Häuser an), die neue Hofmühle und die Ratsmühle seien in Rauch und Flammen aufgegangen. „Es ist Feuer in mehreren Häusern gelegt gewesen, daß nicht ein kleine verreterei in der stadt ist“. Die Stimmung des kleinen Mannes war gewiß nicht willig und die Disziplin unter dem böhmischen Fußvolk ließ viel zu wünschen übrig. So wird es sich auch erklären, daß die höheren Ortes wahrscheinlich längst angeordneten Sicherheitsmaßregeln und Befehlseinteilungen entweder gar nicht, oder nur widerwillig, oder willkürlich in eigenem Interesse durchgeführt wurden.

Gleich die ersten Schüsse des Feindes verursachten eine entsetzliche Verwirrung in der Stadt. Plündernde Horden durchstreiften die Gassen, während die Sorge um ihr Hab und Gut die Bürger bei den Löscharbeiten zurückhielt. Aber es ging alles schnell vorüber. Schon am nächsten Morgen, am 14. April zwischen 9 und 10 Uhr früh, zog der Kurfürst, ohne einen Sturm zu wagen, wieder nach Meißen zurück. Der Tumult in Dresden dauerte freilich nach Ossa noch zwei Tage an, aber bald lagen auch diese Schreckenstage wie ein wüster Traum hinter den Bewohnern Dresdens. Wie tief aber der Eindruck der erlebten Szenen auf das Gemüt eines Melchior von Ossa wirkte, das mag seine lebendige Schilderung der Belagerung selbst zeigen. Ossa beginnt mit dem Abzuge des Herzogs nach Böhmen.

„Aber in des ward dem feinde rahum [raum] gelassen, daß das ganze land Meißen bis aufm Stolpen [und] Dippolswalde geplundert, die stedte eingenommen und gebrandschatzt [wurden], dann der Kurfürst rückte gegen Meißen und ließe am Karfreitag [April 8] auch Dresden berennen vor mittage. Da liefe jedermann aus der predigen und nahm des feindes gewahr. Indes nahm bemelter Kurfürst den Hain ein, geschach den 10. tag aprilis. Und auf den mittwoch in Ostern, war der 13. tag aprilis, ward Dresden von feinden belegert und schlugen ihr leger in die alten stadt Dresden, gegen deme schloß uber das wasser, und schossen den tag sehre uber die Elbe, aber man verschoß den tag gegen dem feinde ungefehrlich bis in 60 ctn. pulver. Aber den torm an der brucken bei Alten-Dresden, der do besatzt [10] war, stormten und gewonnen die feinde, erschossen und erworgten gute Knechte darob und, do mitten auf der brucke das holzwerk nicht abgeworfen, were es nuhe worden. Man ordente aber ein gut fehnlein Knechte auf die brucke, der worden viel beschedigt, aus dem, daß die schanzkorbe aus versehen der befehlsleute nicht gefullt waren. Und weil man also mit deme feinde zuschaffen hatte, ginge bis an 7 aber 8 feuren in der stadt auf und neben meinem hause, dorin ich war, brannten 3 starke heuser abe und fing mein haus an zweien orten an zu brennen. Do kam ich in große angst und not, dann ich war ganz schwach und hatte, was mir lieb war, weib, kind, barschaft, silbergeschirr, bucher etc. in diesem hause. Die kinder worden geflohet in Bartel Pragers hinterhaus, dorin ware zu der zeit Dr. Martin Trompecke, und kamen die 3 doctores Stramburger, Badehorn und Trompeck zu mir und holfen mir treulich arbeiten im brande. Ich lage den ganzen tag hinieden im hause, war matt; man mußte mich dornach hinauftragen. In deme erschrecken lief ich selbst 3 treppen [h]erabe. Und do die not am größten war, kamen 3 landsknechte gegangen, sagten, es were eine jungfrau im frauenzimmer erschossen, die hieße die Ossin; dann man schosse durchs frauenzimmer [h] erdurch, daß die kugeln drinne blieben liegen. Von solcher zeitung erschrak mein liebes weib uber die maße sehr; wie froh ich wurde, ist wohl zu bedenken[32], aber es ware gottlob nichts daran. Desselbigen tages ließ der graf von Lodron, welcher domals zu einem obristen in der stadt an herr Otto von Dieskau statt verordent ware, die vorstedte um Dresden abbrennen, tate den armen leuten einen treffenlichen schaden ahn alle not, dann der feind lage jenseit der Elbe, so brannt er auf dieser seiten abe, und ware ein boser verhurter mensch und hette doch anheims eine fromme ehrliche grefin. Uf fulgenden dornstag aber den 14. aprilis frue zwischen 9 und 10 zoge der feind wieder abe nach Meißen. Folgendes freitags den 15. aprilis sturmten mir heuptmanns Diefstetters knechte mein haus gewaltiglich uf anleitung des von Lodron quartermeisters, Hansen Schonau, und wollten ehe das Haus einnehmen, mich [h]erausstoßen und ward der lerm so groß, daß ich mich beschedigung an leib und gut des orts erwegte [erwog]. Endlich do der von Lodron auf mein ansuchen kein einsehen haben wollt, rettet mich gott der allmechtige noch durch fromme leut. Es war ein sichtlich wunderzeichen. Nachdeme die haustore alt und schwach, kein riegel hatte, die ich allein aufzustoßen genugsam sein wollte, durch so viel leute, die mit großer anzahl, mit großen kleftrigen beschlagenen beumen doran liefen nicht aufgehen wollte. Forwahr, gott der allmechtige hielt die zu durch sein kraft, sunst were es ein unmoglich ding gewest, der sei hierum gepreiset in ewigkeit!“

Es ist kein Zweifel, wir haben es hier mit einer klarspiegelnden Quelle zu tun, die das Bild des Mannes mit allen seinen Schwächen und Vorzügen scharf zurückwirft. Der Drang nach Wahrheit ist unverkennbar, aber er wird bisweilen überwuchert von einer Sucht, in allem persönlichen Mißgeschick immer den Ausfluß der Tätigkeit eines bestimmten Feindes zu sehen, eine Charaktereigentümlichkeit, die sich bei ihm später noch schärfer ausbildet und die ein gewisses Gegenstück findet in dem Glauben an einen persönlich helfenden gütigen Gott. In diesem Falle richtet sich sein Haß unveränderlich gegen Lodron und noch als dieser mit seinem Kriegsvolke am 4. Mai endgültig Dresden verließ, begleitete er seinen Abmarsch mit den grollenden Worten: „zoge von Dresden hinweg der rattenkonig mit seinen meusen, das war der oberste der von Lodron mit seinen knechten und seinen huren, der 4 und wohl herausgestrichen waren, fuhren auf einem leberfarben behangen wagen, vergaß seins frommen gemahels anheim. Die von Dresden und ihre kinder werden an diesen gast gedenken.“ – Es ist natürlich schwer zu entscheiden, ob der Vorwurf der Unzucht den Grafen so schwer trifft, wie Ossa meint; in seinen kriegerischen Fähigkeiten hat er ihn zweifellos viel zu ungünstig beurteilt. Wir wissen ja, wie er auch bei Herzog August in einer ganz anderen Wertschätzung gestanden hat. (Brief an Moritz, Jan. 21.)

Nach dem Abzuge Johann Friedrichs am 14. April hörte eigentlich in diesem Feldzuge die militärische Bedeutung Dresdens für Herzog Moritz auf, wenn er auch vorerst noch keineswegs die Stadt ganz von Truppen entblößt wissen wollte. Als aber die Heereshaufen Johann Friedrichs am 24. April auf der Lochauer Heide im ersten Ansturm überrannt wurden, als der Kurfürst selbst gefangen in des Kaisers Hände fiel, da entschloß sich Moritz am 2. Mai alle Truppen aus der Festung abzurufen, um sie unter Dieskaus Befehl gegen die noch unbezwungenen kurfürstlichen Streifkorps im Erzgebirge zu verwenden. Mit dem Abzuge der Besatzung schloß dann der letzte Akt des kriegerischen Schauspiels, das die Stadt seit den ersten Januartagen von 1547 geboten und das sich am 13. April zu tragischer Höhe gesteigert hatte.

Aber der eine Schreckenstag sollte für Dresden zur Quelle reichsten Segens werden. Der Flügelschlag einer großen Zeit hatte das stille Landstädtchen an der Elbe gestreift und unter seinem Hauche erwachte es nun zu reicherem Leben. – Wohl hatte sich keine der großen Entscheidungen des Feldzuges vor seinen Mauern abgespielt, aber der Blick des Landesherrn [11] war erneut geschärft worden für die hohe strategische Bedeutung des Platzes. Gleich nach dem Schmalkaldischen Kriege begann Moritz den Ausbau der Festungswerke in so genialer Weise durchzuführen, daß er auf Jahrhunderte hinaus den Ruf Dresdens als einer Festung ersten Ranges begründete. Auch sonst entfaltete er eine großartige Bautätigkeit. Das Schloß ward nun zu einem weitbewunderten Fürstensitze; die Elbbrücke wurde durchgängig mit steinernen Bogen versehen; kurz, überall spürte man das Walten seines vorwärtsdrängenden Geistes.

Die Rückwirkung auf die Bevölkerung blieb nicht aus. Die Bürgerschaft gewann wieder Vertrauen zu ihm. Die Einwohnerzahl wuchs zusehends, Wohlstand und Bildung zogen in Dresden ein. 1549 wurde auch Altendresden mit Dresden zu einer Stadtgemeinde verschmolzen, beiden Städten zum Heile, denn mancher nachbarliche Hader ward mit dieser Verbindung begraben.

So darf man wohl mit Recht sagen, daß gerade der wegen des Schmalkaldischen Krieges auch in Dresden so viel angefeindete Moritz erst den Grund legte für die spätere glänzende Entwicklung und hohe Bedeutung der Stadt.


  1. O.Richter, Abriß d. geschichtl. Ortskunde von Dresden 13.
  2. Wilh. Schäfer, Chronik d. Dresd. Elbbrücke 29, Anm. 6.
  3. O. Richter, Abriß 14.
  4. E. Brandenburg, Polit. Korresp. d. Hz. u. Kf. Moritz II, 902.
  5. G. Voigt, Moritz von Sachsen I, 245/46.
  6. Brandenburg, Polit. Korr. II, 987 ff.
  7. Vgl. hierzu: Brandenburg, Korr. II, 987/991 m. Anm. 1 u. 3. Ebenda 996, 1001, 1009, 1012/15.
  8. Konz. Dr. H. St. A. Loc. 9141 Der Rete zu Dresden . . . . Bl. 1.
  9. Brandenburg, Polit. Korr. II, 929 947.
  10. Dresden, 1547. Jan. 5. H. St. A. Loc. 9139 Kriegshendel: Bl. 364.
  11. Or. Wien Saxonica 1 d.
  12. Wie oben Anm. 10.
  13. Carlow. an Moritz. Dresden, 1547, Januar, 6. Or. Loc. 9141 Der Rete zu Dresd. Bl. 22.
  14. Colditz, 1547 Jan. 7. Konz. (Türks Hd.) Loc. 4409. Instruktion und Werbung. Bl. 48/50. Gedruckt: Ranke, dtsch. Gesch. im Zeitalter d. Ref. 6. Aufl. VI. S. 238/40.
  15. Hz. August an Hz. Moritz Freiberg 1547, Jan. 21. Or. Dr. Loc. 9141 Der Rete zu Dresden, Bl. 14.
  16. Or. eigenh. Dr. Loc. 9141 Der Rete zu Dresden Bl. 9.
  17. Or. wie Anm. 16; Bl. 7.
  18. Or. (Pistoris Hd.) wie Anm. 16; Bl. 33.
  19. Or. Dr. Loc. 9141 Der Rete zu Dresden Bl. 78.
  20. Or. (Fachs’ Hnd.) wie Anm. 19; Bl. 64 u. 69.
  21. Richter I, 305.
  22. Or. wie Anm. 19; Bl. 80.
  23. Dr. Loc. 9140 Handl. zwisch. des Kurf. Bl. 16 u. 19.
  24. Brief vom 2. Febr. 1547. Or. (eigenh.) Dr. Loc. 9139 Allerlei Schreiben Bl. 15.
  25. Karlowitz an Dr. Turk. Febr. 2. Or. Dr. Loc. 9141. Der Rete zu Dresden. Bl. 96.
  26. Or. wie Anm. 25; Bl. 126.
  27. Dr. Komerstadt an Hz. Moritz, Dresden 1547, März 21. Konz. Dr. Kopial 186. Bl. 60/61.
  28. Vgl. Hecker: Karl V. Plan zur Gründung eines Reichsbundes. Leipzig 1906.
  29. Handelsbuch des Melchior von Osse.
  30. Voigt: Moritz von Sachsen, I, 359.
  31. Im H. St. A.
  32. Eine Tochter Osses war Hoffräulein.