St. Jakob bei Basel

DCLX. Elberfeld Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band (1850) von Joseph Meyer
DCLXI. St. Jakob bei Basel
DCLXII. Rendsburg
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ST JACOB
bei Basel.

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DCLXI. St. Jakob bei Basel.




Es war im Hochsommer Anno Zehn, als ich mit der rothen Diligence von Straßburg nach Basel reiste. Wir waren vor Tag aufgebrochen, und die Postillone, welche den blanken Kaiseradler auf der Jacke trugen, waren nicht gewöhnt, auf der vortrefflichen Straße den muthigen Thieren etwas zu schenken. Dennoch war die Sonne schon untergegangen, als uns die Thürme und Mauern von Hüningen anstarrten, jenes gewaltigen und gefürchteten Thors von Frankreich, jenes Zwing-Uri’s an den Grenzmarken der Schweiz und Deutschlands. Der nachherige [214] Völkersturm, welcher das Kaiserreich niederwarf, machte auch dieses Riesenwerk der Befestigungskunst von der Erde verschwinden. Es wird wieder erstehen, wenn das Imperium aufersteht. Wunderlich dreht sich das Rad der Geschicke im Strome der Zeit!

Jetzt trat das altersgraue Basel in den Vorgrund. Königlich lag es da, gefärbt vom letzten Abendroth, mit seiner ehrwürdigen Kathedrale und seinen zahlreichen, schlanken Thürmen. Jenseits, fern in Süd und Ost, schimmerten rosig im letzten Strahl des Tags die Gipfel der Alpen; links aber, tief unten, glänzte ruhig und geheimnisvoll der Rhein. Noch prangt mit frischen Farben das schöne Bild in meiner Erinnerung.

Der Mond, fast voll, stand hoch, als die Diligence vor dem Posthause hielt. Auf meine Frage: „wann geht der Wagen nach Schaffhausen?“ wurde mir der Bescheid: „In 3 Stunden!“ – „So führ’ mich“, – sagte ich zu dem Jungen, welcher mich in einen Gasthof bringen wollte, – „hinaus nach St. Jakob!“ „Um Verzeihung, bester Herr! daß ist nur eine Kneipe!“ – „Nicht dorthin; zur Kapelle auf dem Kirchhof will ich!“ fuhr ich den Kleinen an; „weißt Du den Weg nicht?“ – „Verzeihen’s, Herr!“ sagte der Junge und trollte voran. – Zwischen Häusern und Gärten, Rebstöcken und auf schlängelnden Wegen, an weiß schimmernden Villen und an altersgrauen Gnadenbildern vorüber geleitete mich der Führer und ich folgte; aber mein Geist war bei der großen vergangenen Zeit. – Da warf der Mond seinen breiten, fast brennenden Spiegel auf die nächste Landschaft: – ein Kirchlein, ein Siechhaus, einzelne Hütten, drum und dran umhägt mit Gemüsegärtchen: es war ein Bild der Ruhe, der Stille, der Einfalt und der Zufriedenheit. Ich blieb stehen. „Das ist St. Jakob“, sagte der Junge.

„St. Jakob! Also stehe ich vor den Thermopylen der Schweiz!“ rief ich in heftiger Erregung. Schauer der Ehrfurcht durchrieselten meine Knochen, ich stand auf den Gräbern von Helden. Meine Knie zitterten. Da kam mir der Gedanke: das helle stechende Mondlicht erwecke die Todten. – Mir war’s, als hörte ich Getöse in der Tiefe und in der Höhe, als sahe ich bewaffnete Männer ringen und kämpfen mit einander, als kämen die Erschlagenen dahergeritten auf Geisterrossen durch die Lüfte, als hörte ich das Röcheln der Sterbenden und das Wimmern der Verwundeten. Meine Seele glühte, mein Athem stockte, mein Herz pochte laut, meine Pulse fieberten, meine Phantasie hauchte der Scenerie ihr eigenes Leben ein, und doch war sie so still, – ein wahres Friedhofbild der ewigen Ruhe. Was doch der Mensch für Zauberkünste treibt mit seinen Vorstellungen! Als Jüngling ist’s mir oft begegnet und noch manchmal läuft die Phantasie mit dem alten Mann davon. Doch genug von den Träumen und Schäumen. Setzt Euch zu mir und laßt Euch wiedererzählen von den Thaten bei St. Jakob.

[215] Im Jahre des Herrn 1444 hatten sich Oesterreich und Frankreich verbündet, der Eidgenossen Freiheit auszulöschen und das Land zu theilen. Ihre Heere rückten an die Grenzen, und blankes Gold und schlaue Ueberredungskunst stifteten Unfrieden im Herzen der Eidgenossenschaft. Da war der Gefahr mehr, als der Hoffnung; aber Muth und Gottvertrauen verließen darum die Schweizer doch nicht. Die Basler, die der Einfall der feindlichen Schaaren zunächst bedrohte, schickten ihre junge Mannschaft hinaus auf die Landwehr, welche das königliche Frankreich von der freien Schweiz schied. Die ältern von Denen, welche Waffen führten, blieben zur Hut der Stadt daheim. Ihrer 600 waren es, die hinauszogen; wenige gegen viele; denn die Zahl des unter der Führung des Dauphins von Frankreich anrückenden Heers war an 70,000. Lange war eine so große Kriegsmacht nicht gesehen worden.

Basel schickte Boten auf Boten zu den Bundesgenossen um Zuzug. Diese spotteten aber der Furcht der Basler und meinten, die Feinde würden’s sobald nicht wagen. Da fuhr der basler Bote – Seevogel hieß er – auf und sagte: meine Kundschaft ist richtig, der Feind überfällt uns: aber ihr werdet sehen, wo der Muth ist. Bleiben die Meinen ohne Hülfe, so werden sie sich doch schlagen.

Als nun den Schweizern von Liestal neue Kunde wurde, daß der Feind schon im Münchensteiner Felde liege, da entbrannte im Lager der Eidgenossen, welche zu der Zeit Zürich berannten, um es für seine Widerspenstigkeit zu züchtigen, unaufhaltsam die Gier nach Waffenthat. Die Hauptleute aber wollten die Belagerung nicht aufgeben und riethen, den Einfall abzuwarten. Darüber erhob der gemeine Mann misbilligendes Geschrei: „der Schweizer warte nicht erst ab, daß der Feind angreife. Es sey eine Schmach, die Basler allein zu lassen – sie wollten den Tod oder den Sieg mit ihnen theilen“. Also machte die Stimme des Geringen die Führer wankend. Diese willigten ein, daß 3 Fähnlein, zusammen 900, sofort aus dem eidgenössischen Lager zu den Baslern stießen, die übrige Mannschaft aber die Züricher zwänge und züchtige; denn sie meinten nicht mit Unrecht, der innere Feind sey der gefährlichere. Also ward die eidgenössische Schaar an der basler Grenze auf 1500 verstärkt.

Früh des Morgens vor Tagesanbruch, am 26. Tage des Augustmonats Anno 1444, stellte sich Frankreichs und Oesterreichs Heer – 60,000 Streiter, darunter die Blüthe des Adels – in Schlachtordnung auf. Die Schweizer verrichteten ihr Morgengebet zum Lenker der Schlachten, ordneten hierauf ihre Fähnlein und erwarteten den Feind festen Fußes. Den Angriff eröffneten die Armagnaken. Um acht Uhr waren sie mit den Schweizern handgemein. Es war das erste Mal, das Eidgenossen und Franzosen mit einander kämpften. Der Marschall Graf Dammertin führte diese; den Schweizern standen Anton Rüß, Heinrich Matter und Seevogel, jener Bote von Basel, voran. Furchtbar war der Feinde Anprall; aber der Widerstand war noch gewaltiger, und nach gelungener Abwehr griffen [216] die Schweizer nun selbst an. Keine Tapferkeit, keine Kriegskunst vermochte Etwas gegen der Eidgenossen Ungestüm, sie schlugen die Franzosen von Stand zu Stand und bedeckten auf eine halbe Stunde Wegs das Schlachtfeld mit Leichen. So viel Tausend, als ihrer Hundert waren, zeigten vor den Schweizer Streitäxten den Rücken. Der Staub der Flucht verdunkelte, was jenseits vorging; die Eidgenossen, prangend mit erbeuteten Bannern, Pferden, vielen Wagen mit Schießbedarf, Geld und kostbarem Feldgeräthe, siegestrunken, außer sich, waren unaufhaltbar und wollten das feindliche Lager erstürmen, zu dessen Seite der Dauphin von Frankreich selbst in Schlachtordnung stand mit dem Hauptheer von 50,000 Mann. Als der Fürst die Erfolge der Eidgenossen sah und von ihrem verwegenen Vorsatz Kunde erhielt, sagte er, auf seine ungeheure Uebermacht pochend: „die Bauern will der Herr in’s Verderben locken, denn er macht sie übermüthig“. Darauf schickte er einen Heerhaufen von 8000 nach dem bei Basel liegenden Dorfe Gundoldingen, damit sie den vorgedrungenen Schweizern den Weg nach der Stadt verlegen sollten. Als dies die Basler von den Thürmen sahen und die List merkten, traten die obersten Bürger zu einem Kriegsrath zusammen und sie beschlossen, allesammt, ihrer bei 3000, auszuziehen, den Feinden entgegen, um den Eidgenossen den Rücken frei zu machen. Die Bewachung der Mauern sollten die Frauen übernehmen. Diese willigten auch ein mit freudigem Muth. Doch sobald der Ausmarsch der Basler von den Franzosen bemerkt wurde, entsendeten sie einen starken Heerhaufen in solcher Richtung, daß jene ebenfalls abgeschnitten werden möchten, und zugleich kam ein anderer mit Sturmleitern heran, die Mauern zu ersteigen. Mit den schwachen Frauenhänden gedachten sie leichtes Spiel zu haben. Da wendeten die Basler wieder um, um die größere Gefahr abzuwehren. Sie zogen in die Stadt zurück und überließen die 1500 Eidgenossen draußen, die von der Stadt abgeschnitten waren, ihrem Schicksal. Unverzagt vertraute die verlassene Schaar dennoch ihrem Muth und versuchte das Unmögliche. Sie wadete durch die reißende Birs, welche die französische Fronte deckte, und drängte jenseits hinan. Auf der Höhe hatte die ganze französische Artillerie ihr Geschütz aufgestellt, über 100 Feuerschlünde. Als nun die Schweizer heranrückten, brannten sie auf einmal los. Viele der Tapfern warfen die Kugeln nieder, und nun rasselten 8000 gepanzerte Reiter, die Garden des Dauphins, gegen die Schweizer los. Ihre Reihen wurden nicht von der größern Tapferkeit der Menschen, sondern von der größern Wucht der Pferde durchbrochen. Eine Menge wurden niedergetreten, die übrigen wendeten sich zum Rückzug nach der Stadt; doch nicht, ohne daß sie noch mehrmals suchten Stand zu halten. Immer von Neuem ordneten die Führer ihre schwindenden Fähnlein; aber durch die zahllosen Massen der Feinde wurden die Schaaren endlich dergestalt getrennt, daß sie in kleinen Haufen von 10 bis 20 Mann, umringt von 1000 und mehr Feinden, kämpfen mußten. Aller Aussicht auf menschliche Hülfe beraubt, ermüdet vom Siege und erschöpft vom beständigen Kampfe, des Todes gewiß, entschlossen, unbezwungen, suchte endlich der Rest der Eidgenossen nur noch eine Wahlstatt für den letzten, [217] herrlichen Todeskampf. 500 an der Zahl sammelten sie sich im Garten des Siechenhauses bei St. Jakob, um da für des Vaterlandes und der Freiheit Ehre als Helden zu sterben.

Der Dauphin, durch so beispiellose Tapferkeit erschüttert, wünschte die Männer zu retten. Er schlug seinen Feldherren vor, den Schweizern, wenn sie die Waffen niederlegen würden, die Erhaltung des Lebens zu zusichern. Aber der Adel, der vielen erschlagenen Ritter eingedenk, die auf der Wahlstatt lagen, verhinderte es. Er verlangte, daß man das Leben Derer nicht schone, die so Vielen Trauer gebracht. Da stand der Dauphin von seinem menschlichen Vorhaben ab.

Als in der eingeschlossenen Stadt die verzweifelte Lage des Häufleins ruchbar wurde, erhob sich ein Wehklagen und Zetergeschrei der Weiber und Kinder, welches das Waffengetöse übertäubte. Aber für Rettung wußte Keines Rath. Da sammelte sich ein Haufe alter Männer auf dem Markte und sie fielen auf die Knie und erflehten von Gott, daß, wenn es in seinem Rathe nicht anders sey, als daß die Streiter draußen auf St. Jakob der Schweizerischen Freiheit ein Opfer fallen müßten, – Er ihnen Beistand leihe mit seiner Kraft und Herrlichkeit, auf daß ihr letzter Kampf der Eidgenossen würdig sey und Keiner sich mit Furcht oder Schwäche beflecke. – Helden ergeben sich unter Gott; gewöhnliche Menschen meinen, durch Niederträchtigkeit dem Schicksal zu entweichen.

Um sich selbst sorgenfrei, und Alle zum Tod entschlossen, schlagen die bei St. Jakob den dreimal erneuerten Sturm von einem 60mal stärkern Feind dreimal ab. Zweimal fielen sie heraus mit übermenschlicher Anstrengung, Verderben und Schrecken verbreitend, so daß der Feind erstaunensvoll wich, bis, entflammt zu erneuerter Wuth, der Angriff von Neuem versucht wurde. Als die Mauern des Gartens gebrochen waren durch die Kugeln der Feldschlangen, da schichteten die Eidgenossen die Leiber der Erschlagenen zu einem Wall und schleuderten von oben herab ihre Streitkolben auf die Pickelhauben der andrängenden Feinde. Als der Thurm des Siechhauses von den Kugeln auch eingestürzt war, deckten die Eidgenossen das Dach ab, um auf demselben einen letzten Halt zu suchen; aber die Franzosen legten Feuer unter die Treppe und begruben alle, die oben standen, in den Flammen. Als nun kein Fußbreit Boden auf Gottes Erde mehr da war, auf dem ein Schweizer stehen konnte, zogen sich ihre Letzten, alle verwundet und kaum 90 an der Zahl, in den Keller des Siechhauses zurück. Ein Theil wurde durch das einstürzende Gewölbe erschlagen; die andern vertheidigten sich an den Eingängen fort. Gefühllos für den Schmerz der Wunden, für die Schwere der an ihnen hängenden Pfeile, lange selbst die Entkräftung der Verblutung besiegend – schossen sie, stachen sie, schlugen sie, rechts, links, mit Pfeilen und Lanzenspitzen aus ihren eigenen Wunden, der mit nur noch einer Hand, jener nur noch auf die Knie, der auf den Arm gestützt, also, daß keiner ohne die Gesellschaft fünf oder sechs todt herumliegender Feinde sich dem Tod unterwarf – so daß nach zehnstündigem [218] Kampf außer 10 Mann, welche bei dem Uebergang über die Birs der Zufall abgetrennt hatte, und die sich auf verborgenen Pfaden zur Stadt retteten, alle bei St. Jakob und an der Aue gestandenen Eidgenossen, eilf hundert und neunzig Männer, todt oder auf den Tod verwundet auf der Wahlstatt liegen blieben. Der Feinde aber starben an diesem Tage 8000 von der Eidgenossen Hand. Der Dauphin – seines Sieges nicht froh – denn von seinen Feldherren waren die, welche ihm am liebsten gewesen, erschlagen und Trauer und Entmuthigung schlichen durch das ganze Heer – enthielt sich nicht, zu bekennen, daß er solche Männer noch nie gesehen habe, und daß, wenn dieses Volk größer sey, für dasselbe wohl die Welt zu klein ware. Weiter wollte er es nicht versuchen; zu Ensenheim schloß er mit den Eidgenossen Friede.

Dies ist der Tag von St. Jakob, welchen die Geschichtschreiber der Thermopylenschlacht gleichachten und von dem die Schweizer mit Recht rühmen, daß an demselben der Tod sie glorreicher gemacht habe, als vordem der Sieg in allen Schlachten. Das Glück auf dem Wahlplatz ist nur zu oft der Uebermacht gegeben; aber der Wille, den Heldentod zu sterben, gehört der Tugend allein.