Elberfeld (Meyer’s Universum)
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ELBERFELD
Unter Tiberius war es ein todeswürdiges Verbrechen, Brutus geliebt zu haben. Caligula verdammte Die zum Tode, welche ruchlos genug waren, vor dem Bilde des Kaisers das Haupt zu bedecken. Als Nero das Verbrechen der verletzten Majestät erfunden hatte, wagte Niemand zu sagen, daß es eine mildere Strafe verdienen könnte, als Kerkerhaft in Eisen oder den Tod, ohne sich selbst eines politischen Vergehens schuldig zu machen. Als der christliche Fanatismus das Verbrechen der beleidigten Majestät Gottes erdichtete und sich aufwarf zum Rächer der Ehre der Allmacht – da bot man ihr das Blut des Beleidigers als Sühne dar, und indem man also den Gott der Liebe und Barmherzigkeit auf gleiche Stufe mit den Rasenden stellte, die ihm seine Kinder, die Menschen, opferten, so glaubte der tolle Wahn ihn zu ehren. Als Sulla gesiegt hatte, sagte er dem römischen Volke: – „Alle, welche gegen mich die Waffen getragen haben, verdienen den Tod;“ und das Blut der Ueberwundenen und wehrlosen Gegner rann in Strömen. – Griechenland aber war nicht glücklicher, als zu der Zeit, da in seinen Republiken die Todesstrafe unbekannt war. Rom war am ruhmreichsten, als die Lex Portia die von den Königen und den Decemvirn erlassenen strengen Strafgesetze aufhob, und nie ist’s unglücklicher und elender gewesen, denn in der Zeit, als die Tyrannen durch einen mit Blut geschriebenen Strafkodex die unschuldigsten Handlungen zu Verbrechen stempelten, als die Polizei in allen Ecken und Winkeln stand und in alle Häuser und Familien drang, um auf Sünder gegen Staat und Religion zu fahnden.
Wenn der Bürger aufgehört hat, in der Gesetzgebung eine Quelle seines Glücks und seiner Sicherheit zu erblicken; wenn er in seinem Strafgesetzbuch etwas anderes findet, als Gerechtigkeit und Vernunft, – dann verwirren sich in dem Herzen der Bürger die Ideen von Recht und Unrecht, und es keimen im Schooße der Gesellschaft wilde Leidenschaften, welche neue Kathegorien von Verbrechen erzeugen. Wenn der Mensch daran gewöhnt wird, Todesurtheile und die härtesten Kerkerstrafen von der Staatsgewalt täglich über Handlungen verhängt zu sehen, die in den Augen der Menge vielleicht nicht einmal als Verbrechen betrachtet werden: – dann hört der Mensch am Ende [208] auf, für den Menschen ein heiliger Gegenstand zu seyn; das sittliche Urtheil wird stumpf, er sinkt in seiner eigenen Vorstellung immer tiefer und er hält sich selbst für ein geringeres Wesen, wenn die Gewalt so leicht mit dem Menschenglück und Menschenleben spielt. Die Vorstellung des Mordes verliert ihre Schrecken, wenn er täglich von vollzogenen Bluturtheilen liest und hört, und die Scheu vor dem Verbrechen schwächt sich, sobald er gewahrt, daß der Mächtige unerbittlich ein Vergehen mit einer That züchtigt, deren Grausamkeit sein Herz verabscheut. Die öffentliche Moral wird allemal milde Strafgesetze mit ihrer ganzen Macht unterstützen; ein grausamer Strafkodex aber hat das öffentliche Urtheil wider sich und er kann ein ganzes Volk verwildern.
Es ist in der Natur der Dinge begründet, daß die Vernunft sich mühsam Bahn bricht und langsam vorschreitet in den Begriffen und Vorstellungen der Massen. Der Unvernunft hingegen sind alle Wege und Köpfe offen. Darum finden auch die Vorspiegelungen politischer Gauner und Schwindler, gleichviel auf welcher Seite sie stehen, so leicht Glauben und Anhang. Wäre die Vernunft in den Massen mächtiger, so würden die Apostel des Kommunismus z. B. so gewiß tauben Ohren predigen, wie die Wortführer des Despotismus, und alle Seiltänzerkünste der Einen wie der Andern waren vergebliche Produktionen: sie fänden Spott, keine Bewunderung. Bevor aber vernünftige Begriffe über Staat und Gesellschaft, über gegenseitige Pflichten u. Rechte, über Das, was durch den Staat für das Wohl Aller erreicht werden kann, allgemeiner geworden sind und sich befestigt haben, sind auch die Massen nicht fähig, das volle Maß der bürgerlichen Freiheit zu ertragen, und so lange ist es Thorheit, es zu geben. Wohin das verfrühete Greifen nach der Himmelsgabe führt, sehen wir an allen Völkern, welche, eben so unfähig, das Kleinod der Freiheit voll zu würdigen, als feig und ungeschickt, es zu vertheidigen, ihre Ketten brachen, als sich dazu die Gelegenheit bot. Die Erklärung der Menschenrechte, die Proklamirung der Republik, die Annahme einer freien Verfassung – sind bei solchen Völkern Meteore: sie leuchten in der Nacht und vergehen. Sie sind nicht das Sonnenlicht, welches dauernd erhellt, belebt und erwärmt, und wenn sie, wie Blitze, die Throne niederschmettern, so kann doch die Selbstregierung, welche aufgerichtet wird an ihrer Stelle, nicht wurzeln, Blüthen treiben und gute Früchte zeitigen. Es ist leichter, die bürgerliche Freiheit auf das Papier zu schreiben, oder sie in Erz zu graben, als in den Herzen und Köpfen ihre heiligen Züge wieder herzustellen, welche die Unvernunft, die Dummheit, die Selbstsucht, die Rohheit längst verwischt haben. Ist die Gleichheit der Rechte in der Brust der Menschen nicht zu finden, kann sie dann in einer Verfassung zur Wahrheit werden? Wenn die Selbstsucht die Gesellschaft beherrscht, wird dann der Despotismus mit der Alleinherrschaft verschwinden? Wird er nicht unter der Vielherrschaft sein Haupt noch frecher und verletzender erheben und wird er dann nicht die Schwachheit, die Tugend, die Unschuld unterdrücken im Namen der Republik und im Namen der Freiheit selber? Wer schützt die himmlische Jungfrau vor der Profanation in den unreinen Händen, die, von einer rohen, verwilderten Menge zur Gewalt [209] erhoben, sich nur dadurch eine Zeit lang bei derselben erhalten können, daß sie die Gesellschaft verwirren, die zu ordnen sie ohne Geschick sind, daß sie niederreißen, weil sie nicht bauen können, daß sie, untüchtig zum Regieren, eine Schreckensherrschaft üben? Wenn die Völker über den natürlichen Gang der Revolutionen nachdächten, würden sie sich seltener herbei lassen, Denen zu folgen, welche dazu anspornen, und sie würden der Verlockung und der Gelegenheit dazu öfterer widerstehen. Sie würden für die entarteten Schüler der Fourier, St. Simon und Cabet nicht Zuchthäuser, sondern Narrenhäuser bauen und die Spitzbubenlehre: Mord und Raub seien Tugenden und das Eigenthum Diebstahl in’s Schlaraffenland verweisen. Jeder Arme würde dann wissen, daß solche Schwindeleien des verbrannten Gehirns das Elend, das sie erleichtern sollen, nur erschweren, und die Arbeiterklassen würden erkennen, daß eine Gesetzgebung, wie sie die blut- und wuthschnaubenden Manifeste aus London und Paris zur Beglückung der Gesellschaft erwarten lassen, die Reichen arm, jedoch nimmermehr die Armen reich, gewiß aber die Arbeiter brodlos machen würde. Jene Gaukler und Betrüger, welche dem Proletariat die Freiheit in der Kommunisten-Republik als eine Henne vorspiegeln, die ihnen alle Tage goldne Eier legt, würden vernichtet werden noch mehr durch ihre eigene Lächerlichkeit, als durch die allgemeine Verachtung. Die Freiheit würden die Völker auf ganz anderem Wege suchen. Der Bürger wurde die Reformen bei sich selbst beginnen; er würde ernst und beharrlich zuerst an dem Sturze seiner eigenen Tyrannen, seiner Selbstsucht, Dummheit und Unwissenheit, arbeiten, er würde die Grundsätze der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in seinem Privatleben üben und in seinem Verkehr mit Andern zur Geltung bringen.
Alle Fürsten Europa’s sind jetzt einverstanden, die Völker zu überwachen und sie mit den Mitteln, über die ihre Autorität verfügt, am gewaltsamen Zerbrechen ihrer Bande zu hindern. Sie täuschen sich nicht mehr über Das, was bei einer neuen Revolution auf dem Spiel steht. Seitdem sie die Springfedern derselben niederhalten mit vereinter Anstrengung, wissen sie, daß sie es thun für ihre gemeinsame Erhaltung und für die Erhaltung der Fundamente und Principien, auf welchen die Gesellschaft ruht. Sie wissen, daß eine siegreiche neue Revolution tabula rasa machen würde; der ganze Bau der modernen Civilisation würde aus den Fugen gehen, und auf den Trümmern würde die Barbarei ihren Thron erheben, wie sie einst ihren Stuhl gesetzt hat auf den Schutt des Cäsarenthums und ausgerottet das Leben und die Gesittung des alten Roms bis auf die Zeichen, welche sie nicht zerstören konnte. Und wer die Geister kennt, welche ihren Freibrief von der nächsten Revolution erwarten, kann der sagen, der Fürsten Furcht sey unbegründet und sie sähen Gespenster?
Nein, es sind etwas mehr als wesenlose Schatten, und wenn sie sich täuschen, so täuschen sie sich nicht in Bezug auf das Uebel, sondern auf das Heilmittel. Mit Entschlossenheit haben sie zur Strenge gegriffen, als glaubten sie, daß der Schrecken die Achtung vor der Autorität und die Ehrfurcht vor ihren Trägern neu beleben und kräftigen [210] könne, als wäre es möglich, durch den unbedingten Gehorsam gute Bürger zu ziehen und durch die leidende Unterwürfigkeit den werkthätigen Patriotismus zu ersetzen, der für die Ehre und das Daseyn des Staats bereitwillig Habe und Leben einsetzt.
Sollten sie nicht irren? Sollte nicht die kranke Gesellschaft doch andere Heilmittel verlangen, als den Strang, das Pulver und das Blei, die Kasematten und den Kerker? Nachdem die drastischen Mittel der Gewalt alle verbraucht sind, wird der Gedanke der Regierungen unabweislich darauf hingeleitet werden, die heutigen Zustände und Uebelstände bis in ihre Grundursachen zu verfolgen. Das Faktum, daß, trotz der handgreiflichen Verrücktheit der kommunistischen Lehren, diese die arbeitenden und besitzlosen Klassen vergiftet haben, liegt klar am Tage; diese Thatsache aber ist eine Folge der socialen Leiden; denn sonst wäre sie gar nicht möglich. Die Regierungen sind daher genöthigt, die Basis einer geregelten, lebensfähigen Gesellschaft der Zukunft zu erforschen, und statt, nach dem System mancher Staaten, die Gesellschaft mit Gewalt im Schlamm des herkömmlichen Alten immer wieder fortwaten zu lassen, bis sie versinkt, werden sie besser thun, die Initiative zu ergreifen und den Aufbau selbst zu beginnen. – Dies und nur dies ist das Mittel, die kranke Gesellschaft zu heilen; dies allein ist der Weg, um die Wiederkehr der Barrikadenzeit zu verhindern und den Tollköpfen, welche auf dieselbe spekuliren, die Rechnung zu durchstreichen.
Zu dieser ernsten Betrachtung hat mich die Ueberschrift dieses Artikels verleitet. – Elberfeld, als der hervorragendste Repräsentant der deutschen Fabrikindustrie und Arbeit, ist folgerecht auch der rechte Vertreter des Proletariats. Das deutsche Lyon hat’s vor einigen Jahren bewiesen, daß es noch etwas mehr, als die bloße Fertigkeit lernte, seiner größern Schwester an dem Webstuhl nachzueifern. Auch Elberfeld hat Barrikaden aus Pflastersteinen und Baumwollenballen und aus den Karossen und Prachtmöbeln seiner Fabrikherren gesehen, und es waren Tage, wo die Kanonen auf seinen Höhen, welche vordem bloß friedliche Feste gefeiert, in ganz anderer Weise ihre donnernde Musik mußten vernehmen lassen. Das Andenken ist noch frisch – und das Faktum ist eben so merkwürdig, als lehrreich. So albern es für manche Ohren klingen mag, so sage ich dennoch: die damalige Arbeiterrevolution hat die Decke über einem Vulkan gelüftet, der noch nicht erloschen ist. Jene Aufstände, die in so vielen Fabrikorten sogleich Nachfolge fanden, find die Ruf- und Denkzeichen hinter der socialen Frage. Löst man diese vernünftig und menschlich, dann – nicht früher! – werden auch jene Zeichen verschwinden.
Elberfeld ist für die industriereichste Gegend Deutschlands Das, was Manchester für den blühendsten Fabrikbezirk Englands ist: – der Kopf und das Herz. Das ganze Wupperthal in der Länge von drei [211] Stunden gehört zu Elberfeld und es trägt nur die Namen verschiedener Städte und Orte; denn sie hängen alle an einander wie Westminster, Southwark, Islington und die 30 oder 40 anderen Städte und Flecken, die jetzt der Name London zusammenfaßt. Das eigentliche Elberfeld zählt 50,000 Einwohner; der ganze Ortskomplex des Wupperthals aber, der unmittelbar mit jenem verbunden ist, über das Doppelte. Man berechnet, daß in einem Umkreise von 4 deutschen Meilen um Elberfeld nicht weniger als 120 Fabrikorte liegen, die mehr oder weniger mit Elberfeld ein gemeinschaftliches industrielles Daseyn haben, oder doch in dieser Stadt die Kraft finden, welche ihr eignes Leben bedingt. –
Nur wer die großen Fabrikstädte Englands und Frankreichs gesehen hat, wer in Manchester war, oder in Lyon oder Rouen, kann sich einen angemessenen Begriff von dem Bilde der menschlichen Thätigkeit und des Fleißes machen, das ihm im Wupperthale begegnet. Fabrik reiht sich an Fabrik, Weberei an Weberei, Spinnerei an Spinnerei, und die hunderte von umgehenden Radwerken und die Thurm-Essen, welche schwarze Rauchwolken ausstoßen, verrathen die großen mechanischen Kräfte, welche die Menschenhand in diesem Schaffen der mannichfaltigsten Art unterstützen. Die Elberfelder Fabrikation ist nicht einseitig. Sie ist in dieser Hinsicht von der englischer Fabrikorte unterschieden. Sie umfaßt eine Menge Industriezweige und Erzeugnisse und verarbeitet zu gleicher Zeit mehre der wichtigsten Rohstoffe zur Bekleidung des Menschen. Oben an steht die Baumwolle, ihr folgt die Seide, beide im Jahreswerth von 6 bis 8 Millionen Thaler. Die Erzeugung dieser Rohstoffe in allen Theilen der Erde gibt wohl an hunderttausend bedürftigen Menschen Arbeit und Brod, und nicht weniger beschäftigt der Transport der fertigen Waaren und ihr Vertrieb an die Konsumenten, welche der nie rastende Spekulationsgeist der Elberfelder in allen Zonen und auf allen Märkten der Welt aufsucht und findet. Der betrachtende Geist beugt sich in Achtung vor den Männern, die durch ihre Betriebsamkeit Großes, Nützliches und Wohlthätiges für ihre Brüder schaffen und wirken, und die Achtung steigert sich, wenn man in Erwägung zieht, mit wie vielen persönlichen Opfern die Meisten ihr unverdrossenes Wirken erkaufen müssen, oder wenn man die Entbehrungen kennt, welche sich an dasselbe knüpfen. Wer zählt die in Sorge durchwachten Nächte, die in Kummer über mißlungene Unternehmungen und erlittene Verluste, über widrige oder bedrohliche Ereignisse und Konjunkturen, welche kein Geschick und keine Anstrengung meistern kann, durcharbeiteten Tage; wer den Jammer, den der humane Fabrikherr empfindet, wenn er, trotz allen den Opfern, die er bringt, seine Arbeiter doch nicht völlig beschäftigen kann, oder wenn er durch den schlechten Gang der Geschäfte gezwungen ist, den Lohn zu schmälern wider seinen Willen; wer mißt ihm die Kränkungen nach, denen alle Tage sein Herz durch die Undankbarkeit, Rohheit oder Untreue seiner Arbeiter ausgesetzt ist, welche den Mann, der ihnen Erwerb schafft, vielleicht neiden um Dinge willen, auf die er selbst keinen Werth legt und die er gern um einen geringen Theil der Sorglosigkeit tauschen möchte, welche vielen der geringsten [212] seiner Diener die arbeitsfreien Stunden würzt. – Der Elberfelder Fabrikherr, welcher mit seinen Erzeugnissen auf der ganzen Erde Absatz sucht, folglich auch mit den Fabrikanten aller Länder den Kampf der Konkurrenz zu bestehen hat, muß, um dies mit Erfolg thun zu können, sich beständig nach den neuesten Verbesserungen in seinem Fabrikationszweige umschauen. Sobald er eine bemerkt, darf er keine Mühe und keine Kosten scheuen, sie sich anzueignen. So geht z. B. die Verbesserung der Spinn- und Webmaschinen beständig fort. Seit den Zeiten Hargreave’s, Arkwrights, Cromptons, Whitney’s, Watts und Jacquards, welche Männer alle ein großes Stück in das unermeßliche Räderwerk der Baumwoll- und Seidenindustrie, der Spinnerei und Weberei fügten, hat fast jedes Jahr irgend eine unerwartete, außerordentliche und folgenreiche Erfindung und Verbesserung gebracht. Bei einer Wanderung durch die Werkstätten der berühmtesten Elberfelder Industriellen wird man sie alle wiederfinden. Man wird mit Erstaunen hören, wie oft für eine ganz kleine und geringfügig scheinende Qualitätsverbesserung, oder um eine Kostenersparniß zu erzielen, die auf das einzelne Fabrikat die Fraktion eines Pfennige beträgt, die kostspieligsten und umfangreichsten Maschinen angeschafft werden, und man wird noch mehr erstaunen, wenn man vom Fabrikherrn vernimmt, daß von jener winzigen Verbesserung, oder von dieser kleinen Ersparniß an den Herstellungskosten die Konkurrenzfähigkeit seines Fabrikats, folglich das Bestehen der Fabrik und die gewerbliche Existenz aller seiner Arbeiter abhängt, die sich davon freilich nichts träumen lassen und es ihrem Herrn auch nicht glauben würden, wenn er es ihnen sagte. Wie Manche bilden sich ein, die neue Maschine, welche der Fabrikant anschafft, mache den Arbeitgeber unabhängiger von ihrer Handgeschicklichkeit und gefährde darum ihren Erwerb, während sie gerade das Mittel ist, dem Arbeiter seinen Erwerb zu sichern und überhaupt möglich zu machen.
Die Zahl der in Elberfeld selbst beschäftigten Fabrikarbeiter ist etwa 16,000; aber im ganzen Wupperthale rechnet man ihrer über 38,000 – ein Heer! Die Baumwollweberei (baumwollene Stoffe sind bei Weitem die wichtigsten hiesigen Erzeugnisse) setzt in der Stadt und in der Nachbarschaft mehr als 10,000 Stühle in Betrieb. Ihre Fabrikation umfaßt fast alle Arten baumwollener, gefärbter und gedruckter Zeuche und Bänder. – Die Seidenweberei zählt 2000 Stühle. Die Mannichfaltigkeit ihrer Fabrikate ist unendlich, vom seidenen Pfennigschnürchen an bis zum schwersten Sammt. Nahe an hundert meist großartig eingerichtete Druckereien, Zeuch- und Garnfärbereien unterstützen diese Gewerbe. Die Türkischroth-Garnfärberei ist die berühmteste auf der Welt und liefert das vollkommenste Produkt, welches auf allen Märkten durch seine Qualität die Konkurrenz mit Erfolg bekämpft. Der jährliche Fabrikationswerth dieser Garnsorte ist allein ein Paar Millionen Thaler. Zahlreiche Etablissements der höhern Technik, Graviranstalten, Maschinenbauwerkstätten, Gießereien etc. unterstützen die Fabrikthätigkeit und erleichtern die Herstellung ihrer Einrichtungen. – Der Handel ist überaus groß, lebhaft und mannichfach; [213] er vertreibt viele Erzeugnisse des Elberfelber Kunstfleißes und seine Vermittelung kommt vorzugsweise den kleinern aufstrebenden Industriellen zu gut, die weder die Fonds, noch die sonstigen Mittel besitzen, sich rasch eine hinlängliche Kundschaft in der Fremde zu erwerben. Die hiesigen Bankgeschäfte sind von großem Umfang. Ihr Umsatz ist jährlich 30–40 Millionen Thaler und gibt den Maßstab für die Größe der hiesigen Verkehrsthätigkeit im Allgemeinen; denn Elberfeld ist kein eigentlicher Wechselplatz und die Transaktionen der Bankiers gehen selten über das Bedürfniß des Orts und der Gegend hinaus.
Elberfeld ist weder schön, noch regelmäßig gebaut, obschon einzelne Privatgebäude durch Größe und Pracht, im Aeußern wie im Innern, imponiren. Die zum Theil engen und meist langen Straßen ziehen sich thalauf- und thalabwärts; oder sie klettern von Terrasse zu Terrasse den Höhen zu, die, mit den schönsten Gärten und geschmackvollen Landhäusern bedeckt, der Gegend das Gepräge jener Heiterkeit und Lebensfrische geben, welche man so ungern an dem durch Fleiß erbeuteten Wohlstand vermißt. Das Leben in Elberfeld ist großstädtisch; die reichen und hervorragenden Familien der Kauf- und Fabrikherren geben den Ton an. Ihnen gegenüber kann die Beamtenschaft begreiflicher Weise eine bevorzugte Stellung in der Gesellschaft nicht ansprechen, und wer sich nicht darein zu finden weiß, zieht sich unbeachtet in kleine, abgeschlossene Kreise zurück.