Zwingli’s Haus bei Wildhausen in der Schweiz

DCXI. Die Münze in Paris Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band (1848) von Joseph Meyer
DCXII. Zwingli’s Haus bei Wildhausen in der Schweiz
DCXIII. Die Sorbonne und die Universität in Paris
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ZWINGLI’S HAUS

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DCXII. Zwingli’s Haus bei Wildhausen in der Schweiz.




Es war ein frischer, glänzender Maimorgen. Die Nebel waren von den Bergen in die Tiefe gestiegen und füllten die Thäler wie ein wogendes Meer. Die Sonne aber sah mit hellem, feurigem Auge der Liebe auf die weißen Wogen und suchte die Erde. – Wir waren herabgestiegen von der Wildhäuser Höhe. Da erhob sich ein Luftzug, die Nebel verschwanden, und entschleiert lag vor uns ein idyllisches Landschaftsbild. Auf fetter Alp, auf der einige Rinder grasten, zwischen kleinen Gärten und schossenden Kornfeldern, stand ein zwar altes, aber doch noch wohl erhaltenes, von großen Holzstämmen sauber gefügtes Haus. Haselsträucher streckten an der einen Seite ihre Arme bis zum Dach hinan, und die Holzwände waren mit Epheu übersponnen, das an den Vorsprüngen und Gesimsen im Winde flatterte. Auf dem Schindeldache lagen große Steine, nach schweizer Sitte, zum Schutz gegen die Stürme. Um den niedrigen Holzzaun des Vorgärtchens schlang sich das Geisblatt, und auf einem langen Blumenbeete, unter den Fenstern der Giebelseite, standen in buntgemalten Töpfen, sorgfältig gereiht, allerhand Gewächse zur Zier. Vor dem Hause, dem man die Behäbigkeit und Ordnung im Innern schon von Außen ansah, spielten um ihre Aeltern liebliche Kinder auf dem Rasen, während ein stämmiger Bursche, der aus dem nahe vorbeirauschenden Bergwasser zwei Eimer gefüllt hatte, dem Hause zuschritt, begleitet vom kläffenden Hofspitz. Welch ein heimliches, wohlthuendes Bildchen! sagte ich zu meinem Begleiter. Der aber nickte sinnend und sagte fast verwundert: Du weißt wohl gar nicht, wer hier in diesem Hause gelebt hat? wer auf dieser Felsbank gesessen? welche Gedanken hier geboren wurden zu ihrer Wanderung über die weite Erde? welche Geisteskraft in dieser Bergeinsamkeit zu einer Zeit wirkte, die Gott auserkoren hatte als die erste Wehestunde der neuen Zeit, welche noch ungeboren im Schooße der Zukunft liegt? Hier in dieser Hütte wohnte der Mann, der mit Luther durch die Geschichte geht bis zum letzten Menschentage; der Mann, der die Weltherrschaft Roms erschütterte; der Mann, der der päpstlichen Allmacht tiefere Wunden schlug, als alle Kaiser und Könige; der Mann, dessen Name unter den Besten und Größten glänzt, ewig, herrlich und fleckenlos, wie das schönste Gestirn am Himmel. In dieser grauen Hütte lebte – Zwingli.

Und wem schwölle nicht das Herz beim Klange dieses Namens? Wenn wir das kleine Haus betrachten und der Größe gedenken der noch beständig fortwirkenden Ereignisse, welche hier ihren Ausgangspunkt fanden, werden wir dann nicht von dem Gedanken betroffen, daß nicht nur das Schicksal dem Menschen seinen Weg macht, sondern daß auch zuweilen der Mensch selbst die Geschicke zügelt? Moses, Christus und Mohammed, Luther und [170] Zwingli, Washington und Bolivar, selbst ein Cäsar, ein Karl der Große und Napoleon, waren nicht bloß Werkzeuge! Aus eigener Kraft wirkten sie nach ethischen Gesetzen und machten sich die Verhängnisse und Verhältnisse unterthan. Ja, der Mensch ist groß! Und der Keime zu großen Menschen leben zu jeder Zeit tausende in dunkler Vergessenheit, die bei rechter Entwickelung einwirken konnten auf das Loos des Geschlechts für lange Zeiten. Jede Lebensstellung gibt dazu Gelegenheit, jeder Wirkungskreis ist dazu geeignet. Erforsche nur Jeder seine Seelenkräfte, dann bilde er sie aus, dann übe er sie!

Zunächst gilt dieser Zuruf der Jugend. Wenn Du aber wissen willst, junger Freund, ob Du Beruf von Oben, d. h. geistige Kräfte, in Dir trägst, für der Menschheit große Zwecke mitzuwirken, – ob Du auch Das wirklich besitzest, was dazu erforderlich ist: – so prüfe ernst. Sprich zu Deiner Seele: Was erkennst Du als ein würdiges, hohes Ziel Deiner Wirksamkeit? Wie willst Du es erreichen? Was weißt Du, das Andern anliegt, auch zu wissen? Was sind Deine Gesinnungen und Ueberzeugungen, die Du Andern einprägen oder mittheilen möchtest? sind sie edel, tugendhaft und geeignet, die Menschen glücklicher, größer zu machen? Wohl kann ein Menschengedanke Gebirge versetzen und Schranken anweisen dem Weltmeere; aber das Streben nach irdischer Größe ist’s nicht, das ich meine; denn aller Ruhm, der nicht die Ewigkeit des geistigen Wirkens zur Quelle hat, ist doch nur wie ein Blatt, das grünt, welkt und abfällt.

Bist Du aber der Kräfte und des Willens sicher: – ehe Du wagst den ersten Schritt nach dem Tempel wahrer Ehre und Menschengröße, – dem Tempel, wo die glänzenden Gestalten Dir winken, die vor Dir eingegangen, – läutere Deine Seele von jeder Schlacke. Entschließe Dich, nie der Selbstsucht und der Unwahrheit auf Deinem Pfade die Hand zu reichen. Stelle Dir auch alles Wehe und Mißgeschick vor, was über Dich kommen kann bei Deinem Streben durch Ereignisse, Zufall und Menschen. Lies die Lebensbeschreibungen großer Menschen und gewöhne Dich an die Vorstellung ihrer Schicksale. Ihr Loosungswort war, und Dein Loosungswort muß werden: – Thue das Gute um des Guten willen, – ohne Ruhm und ohne Belohnung.

Stecke Dir niemals ein Lebensziel, das, erreicht, für die Menschheit einen mehr schimmernden und eingebildeten, als wahren Werth hat. Eine dieser Ziele, das strebende junge Geister so häufig sich stecken, ist der Ruhm großer Fachgelehrsamkeit. Wie viele Tausende gingen diesen Weg, und was wurden sie? Pedanten, voll unfruchtbaren Wissens und unbrauchbar für’s Leben. Unsere wissenschaftlichen Systeme und Meinungen beruhen auf wenigen einfachen Grundsätzen. Bemühe Dich, sie herauszuziehen, und Du hast dann Etwas, das den Wechsel der Zeiten überlebt und das alle Jahrhunderte verstehen. – Mische Dich nie in gelehrten Zank. Es ist neunundneunzigmal in 100 Fällen der Zank von Thoren. – Noch Eins! In der heutigen Welt führt der berechnende, kalte, herzlose Verstand das Steuer; es ist der Kanzler des Teufels Selbstsucht, welcher diese Zeit [171] beherrscht und verdirbt. Opfere ihm niemals. Und laß Dich niemals um Dein Gefühl betrügen. Gelingt’s der Welt damit, dann bist du verworfen vom Meister; beim Bau der Menschheit kann er keine Egoisten brauchen. Aber hüte Dich auch vor siechender Empfindelei, wie nicht minder vor dem tollen Hinausstürmen ohne Vorsicht und ohne Klugheit. Ein Tollkopf kommt nie an ein weitgestecktes Ziel.

Werde nie kleinmüthig und entehre Dich nicht und Dein Streben, wenn Dich gemeine Menschen spotten, Dein Thun verleumden, oder schlechte Motive ihm unterlegen. Solche Urtheile zeigen Dir, daß Du höher stehst, als Jene; also müssen sie Dich nicht niederdrücken, sondern ermuthigen. Wecke Deine Tugenden, wenn sie schlummern wollen; rede das Zutrauen zu Dir selbst; ehre Dich selbst.

Und ehre und vertraue dem Meister. Ehre ihn durch die Reinheit des Willens und erforsche ihn durch die Betrachtung seiner Schöpfung. Lerne ihn lieben. Wenn für Dich die Natur den Reiz verliert und ihre Betrachtung nicht mehr Deine Seele erhebt und kräftigt; wenn weder das Morgen- noch das Abendroth Dich mehr entzückt; wenn Du gleichgültig vorübergehst an der blühenden Rosenhecke, oder der Choral der Wälder Dich kalt läßt: dann erkenne, daß Du gesunken bist zum gemeinen Menschen und verdammt bist, mit dem Haufen zu gehen und zu vergehen. Dann schleiche in’s Wirthshaus, oder fahre in’s Bad, oder setz’ Dich an den Spieltisch, oder eile an die Börse, oder häufe Zins zum Kapital; dann genieße oder erwerbe. Wenn Du aber gleichgültig geworden bist gegen die Hundsvötterei auf Erden, wenn es Dich nicht mehr empört, das Unrecht im Rechtsmantel zu sehen, die Sklaverei unter dem Titel der Freiheit, die Niedertracht am Ministertisch, die Feigheit mit dem Ehrenkreuz, und die Tapferkeit und den Edelmuth im Kerker oder auf dem Richtplatz; wenn Dir nicht mehr der Zorn die Stirn runzelt und die Wange röthet bei jedem Blick auf die heutigen Zustände der Gesellschaft, die Satan modelte und der Antichrist gesegnet hat „als Pfaff!“ – wenn Du sie entschuldigst und sagst: „es war von jeher so!“ – dann ist’s Zeit, daß Du Dich verachtest. Dann spotte über Dich und Deine Entschlüsse, und dann erkenne, daß die Empfindung, aus der Dir der Vorsatz zu Besserem und Höherem strömte, nichts gewesen war, als Eitelkeit und Dünkel.

Noch einmal! Bist Du wirklich geschickt für ein wahrhaft großes Werk, – so pflege vor allem jene Kraft und fleckenlose Sittlichkeit des Gefühls, mit der Du als Jüngling den ersten Gedanken faßtest, den ersten Plan entwarfst, den ersten Stein zu seiner Ausführung herbeitrugst. Nähre Deine Seele täglich im Umgang mit Gott, durch Betrachtung seiner Schöpfung, durch ein beharrliches Erforschen seines Planes mit den Menschen, durch die Schriften der Weisen, und kräftige Dein Herz und Deine Vorsätze, so oft es seyn kann, an der Urne eines großen Mannes. Ein großer Mensch ist ein Modell nach der Zeichnung Gottes, aufgestellt auf Erden!

So Zwingli. - Nicht was von den irdischen Thronen, nicht was vom Siegesschwert des Feldherrn, nicht was aus den Schatzkammern der Großen hervorgegangen, ist das Größere, oder kann sich nur vergleichen [172] mit dem Wirken eines solchen Mannes der grauen Hütte. Was ist von den Heldenzügen eines Alexander, Cäsar, Attila übrig, als ein leeres Andenken und die Spuren von Menschenelend im Staube verwüsteter Städte und Länder? Was ist übrig von den Gründern der Staaten, von den Eroberern der Reiche, ihren Feldherren und Staatsweisen? Ihre Schöpfungen sind vergangen bis auf die Namen, und von ihnen selbst ist in den meisten Fällen nicht einmal das Kleinste, der Name, mehr übrig. Aber die großen Ideen eines Moses, Plato, Sokrates, die Werke Christi und seiner Jünger, die Gedanken eines Aristoteles und Newton, eines Keppler und Galilei, die Werke eines Homer und Schiller, eines Shakespeare und Aeschylus, die Erfindung eines Gutenberg, die Entdeckung eines Columbus, die Thaten eines Luther und Zwingli: – diese leben und wirken fort ohne Ende. „Auf dem Erdball ist die Menschheit ein Geisterreich, geistig ist ihr Wesen und ihr Schaffen. Alles Irdische und Materielle ist nur todtes Werkzeug. Tonnen Goldes, Throne, Heere, Flotten, Tempel und Altäre sind nur Mittel, vergänglich und ohne Werth. Landesfürsten empfangen auf dem Erdfleck, wo sie herrschen, für einen Augenblick Vergötterung des Staubes. Geisterfürsten geben der Geisterwelt, welche den Stern des Erdballs bewohnt, Vergöttlichung. Sie gebieten in ihr ewig.“ –


Papst und Pfaffenthum hatten Christus hehren, freien Gottestempel zum finstern Hause des Aberglaubens gemacht, und christliche Liebe, Tugend, und Wahrheit zum Sumpf des Hasses, des Lasters und der Lüge. Der letzte Funke des christlichen Geistes war ausgetrieben worden, und was zurückgeblieben, war widerliches Pflegma. Sankt Peters Stuhl war beschmutzt vom Laster, und das Siechthum des Hauptes verbreitet in allen Gliedern. Der Geist war dem Fleische dienstbar geworden. In Italien, in Spanien, in Portugal, in Frankreich war die Geistlichkeit das Apostelthum der sittlichen Verderbniß. Die Völker empfingen die Ansteckung, und dem moralischen Gift unterlagen die edlen Kräfte des Widerstands. – Nicht so in Deutschland. Hier war ein festerer Kern im Volke, der von der römischen Fäulniß nicht so bald zerstört werden konnte. Treuherzig hatte der Deutsche immer die Religion ernstlich genommen, und da das römische Pfaffenthum endlich die Larve abzog, und er sah, welch ein frevelhaftes Spiel Unglaube und Betrug mit seiner Einfalt getrieben hatten, da erwachte jener ethische Ingrimm, der unser Volk von jeher zum Werkzeug der Nemesis gestempelt hat. Kühne deutsche Männer traten dem Papstthum entgegen: doch überwältigt von seiner Macht, von seiner Tücke, Bosheit und Arglist, büßten die ersten Helden der Glaubensfreiheit ihr Beginnen mit dem Flammentode. Noch einmal gelang es der Hölle, ihr Reich auf Erden zu festigen. – Aber was aus der äußeren Erscheinung verschwand vor dem Henkerschwert und dem Scheiterhaufen – das fraß sich nun in den Herzkammern des Volkes ein, wühlte in seinem Geiste und hoffte und harrte nur des Augenblicks, wo es, mit Aussicht [173] auf Erfolg, hinaustreten konnte an’s Tageslicht mit siegender Kraft. Die Zeit war damals für die religiöse Freiheit ganz so, wie sie jetzt für die politische ist. Man ertrug das Unerträgliche nur darum – weil Niemand an eine Dauer desselben glaubte.

Das 15te Jahrhundert war zu Ende. Die Wetterwolken hingen rabenschwarz über dem schuldbeladenen Sündenbau. Der Sturm heulte, Konzilien auf Konzilien wurden gerufen. Sie eiferten, sie tünchten, sie festigten: – aber der Sturm heulte fort, die Sparren knarrten, die Fugen öffneten sich, die Mauern spalteten. Konzilien wurden nun nicht mehr gerufen: sie hatten ihre Kraft verloren, der Zauber ihrer Macht war mit dem Glauben verschwunden. Aus Gutenberg’s Hand hatte Deutschland das Geschenk des Himmels empfangen, das die Mittel der Erkenntniß in jede Hütte trug, und die Idee der Glaubensfreiheit keimte und trieb in allen Herzen. Es brauchte nur eines Winkelrieds, der ihr eine Gasse bahnte, und sie konnte eine Welt erobern.

Und der Winkelriede erschienen zwei auf einmal: Luther und Zwingli. – Zwingli, der in der stillen Hütte der Alpen sich bereitet hatte zu seinem kühnen Unternehmen, bestieg im Jahre 1516 die Kanzel zu Glarus, und auf sein begeisterndes Wort zerrissen Hunderttausende die Fesseln Roms.

„Große Geister“ – bemerkt der treffliche Zschokke über Zwingli’s Wirken – „stehen über ihrem Jahrhundert. Kein Wunder, wenn sie dieses nicht begreift und ihnen den Dornenkranz auf’s blutende Haupt drückt, welchen erst die Nachwelt zum Siegeskranz macht.“ – Ein solcher Geist war Zwingli. Schon hatte er Rom besiegt in vielen Geisterschlachten, da wurde er durch die Arglist und Niedertracht seiner Feinde ein Gegenstand des fanatischen Hasses des Volks, das er aus den schmählichsten Fesseln erlösen wollte. Man verfolgte ihn, mißhandelte ihn, verwüstete seine Wohnung, und eine Zeitlang begleitete ihn auf jedem Schritt Lebensgefahr. In Bildern und Flugschriften wurde er dargestellt als der Antichrist, als der Satan im Gewande eines Volksverführers, um das Volk zu verderben. Es erging ihm, wie es den Helden in unsern Tagen ergeht, die für die Befreiung der Völker gegen die Tyrannen kämpfen. – Aber Zwingli ertrug diese Zeit des Hasses einer fanatisirten Menge mit der Gelassenheit seines ewigen Vorbildes und Meisters, – und eben so wenig erregte später die öffentliche feurige Bewunderung und die Verehrung, die ihn unausgesetzt bis zum Grabe begleitete, seinen Stolz. Er trug die Last der Liebe, wie er das Kreuz des Hasses früher ertragen hatte: mit christlicher Geduld. – Zwingli war human. Niemals hat er Andere verketzert und selbst seinen Feinden versagte er nicht das Zeugniß der Achtung, wenn sie deren werth waren. Ueber Andersgläubige hatte er die erhabendsten Begriffe. Weit über sein Zeitalter ragten sie hinaus, und selbst von Luther wurden sie mißverstanden. Er schrieb: „Ich erkenne auch in den Lehren, Thaten und Tugenden der großen Griechen und Römer, die nichts gewußt von Christo, Offenbarungen Gottes.“ Und ein andermal: „Gottes Haus wurde nicht in Palästina allein gebaut: denn nicht Palästina hat jener himmlische Schöpfergeist allein geschaffen, allein geliebt, sondern – das Weltall.