Die Sorbonne und die Universität in Paris
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LA SORBONNE
(Paris)
So lautet die Verheißung: „Nicht wieder soll die Menschheit ausgetilgt werden durch Wassersfluth; in des Geistes Flammen soll sie sich verwandeln und verjüngen. “ – Wenn die alte Kultur angesetzt hat die letzten Ringe, wenn sie vollendet hat ihre Bestimmung, dann streift die Menschheit sie ab, wie die Schlange ihre Hülle, und eine neue Lebensphase beginnt sie auf neuen Prinzipien, mit neuen Begriffen, in neuen Formen. Nur Diejenigen glauben nicht daran, die, vom Egoismus und Vorurtheil geblendet, in Finsterniß wandeln, während Licht die Welt erfüllt. Für Solche bleiben die Lotosblumen der Gegenwart immer geschlossen und die Mitternachtsstunde schlägt niemals aus.
Für solche Kinder des ewigen Schlafs habe ich nie geschrieben. Wer wach ist, wer die Gegenwart begreift, die von Gottes Blitz durchzuckte und von seinem Hauch erwärmte; wer das wilde Toben aller der Kräfte, welche die Gesellschaft durchwühlen, zu beuten weiß; wer sieht, wie sie in tausend Windungen sich aufzuringen strebt zu andern Zuständen; wer gewahrt, wie der Menschengeist Lebensfunken aussprüht nach allen Richtungen, ohne noch das Räthsel seiner Neugestaltung gelöst zu haben; wer im Jetzt und nächsten Künftig die Wehe- und Geburtsstunde erkennt eines höhern Menschendaseyns, daß Grauen eines neuen Schöpfungsmorgens: – dem wird auch diese Zeit mit ihrem Jammer und ihren Schrecken nicht eisig anwehen. Ihr Hauch wird ihm seyn wie kühle Morgenluft, in dem Zwielicht werden aufsteigen vor ihm dämmernde Gestalten, und ausfüllen wird er ihre undeutlichen Lineamente mit seinem Glauben und seinen Hoffnungen. Ihn stört es nicht, bricht das Firmament der Vergangenheit zusammen über seinem Haupte; denn über dem zerbrochenen sieht er gewölbt einen schönern Himmelsdom, geschmückt mit hellern Sternen.
Darum sollen wir mit dem Leib und Schmerz dieser Zeit uns zu vertragen wissen. Denke Jeder daran, daß sie eine Brücke ist zu einer neuen Zeit, daß sie folglich ein Losreißen von Allem verlangt, was dieser nicht angehört. Fordert sie, daß wir die größten, heiligsten und liebsten Güter zurück lassen, so hilft alle Trauer um dieselben nichts und alles Zagen mehrt nur den Schmerz um das Verlorne. Selbst die Vorrathskammern unserer Bildung sind nicht ausgeschlossen [175] von der allgemeinen Gefahr! Wir dürfen nicht hoffen, sie als ein ganz ungeschmälertes Erbe unsern Kindern und Enkeln zurückzulassen; denn auch auf dem Gebiete der Wissenschaft und Erziehung ist Auflösung und Neugestalten, und Vieles, was wir hoch halten und verehren, bleibt, verworfen von der neuen Zeit, in der Rumpelkammer der Vergangenheit zurück. Die Zeichen reden. Der tiefe Zwiespalt der Zeit in Grundsätzen, Ansichten, Glauben, Hoffnungen und Bestrebungen wühlt, wie auf dem Gebiete der Politik, so auf dem Gebiete der Erziehung, und stärkt sich durch jede neue Schlacht. Die alte Welt mit ihren Errungenschaften liegt in unversöhnlichem Streit mit jener andern, die jung aus dem Meere der Zeiten ragt, und der die Zukunft so gewiß gehört, wie jener die Vergangenheit. Beider Ansichten, Gesinnung, Thun und Trachten stehen einander schroff gegenüber. Es ist vergeblich, eine Einigung anzustreben; es ist dies so vergeblich, als wollte man dem Strom wehren, daß er nicht abwärts fluthe; oder dem Baum gebieten, daß er andere Frucht trage, denn die seinige; oder dem Sturm sagen: Fahre zurück, woher du gekommen bist! – Der Streit rast, die feindlichen Richtungen und Bestrebungen wogen auf und nieder; bald unterliegt die eine, bald erhebt sich die andere. Manche der Besten, Edelsten der Zeit sind zwar noch in dem Wahne befangen, daß bei der Lösung der großen Probleme der Neuzeit ihre Hand vermittelnd, versöhnend, ausgleichend eingreifen müsse. Eitle Vorstellung! Einen solchen Kampf endigt kein Friedensschluß, in der Vernichtung der einen Partei, oder der andern findet er allein das Ziel.
In zwei Hauptrichtungen wogt der Streit auf dem Gebiete der Erziehung. Man könnte sie die ideale und die materielle heißen. Die ideale betrachtet die gegenwärtige Bildung als einen von der Vergangenheit und ihren reichsten Geistern überkommenen Schatz, dessen Gebrauch an die Kunde der Sprachen, der Schicksale, der Zustände jener Zeiten, aus welcher er herstammt, geknüpft ist. Alles, wodurch wir geworden sind, was wir sind, liegt in ihrem Kreise: Christenthum, Poesie, Geschichte, Philosophie, kurz, alle Vorstellungen, Ueberzeugungen, Gewohnheiten, auf welchen die soziale und politische Ordnung der Gegenwart beruht. Alles, was Religion, Bildung und Staat begreift, zieht mit seinen Wurzeln hinab in die Jahrhunderte des klassischen Alterthums; es saugt aus ihm Nahrung und Gedeihen und es verdirbt und verdorrt, so wie jene Wurzeln durchhauen werden und sich die Gegenwart von der Vergangenheit ablöst.
Dieser idealen Richtung, welche Kraft und Trieb saugt aus der Vorzeit, ist jene materielle gegenübergestellt, die vorzugsweise auf Erwerb, Vermehrung und Gebrauch der äußern Güter gerichtet ist und für diese soziale Geltung und Ehre fordert. Sie will, daß man Das obenan stelle, was die Summe der äußern Güter vergrößert oder edler gestaltet, vor allem Das, was dem Einzelnen, der Familie, der Gemeinde, dem Staate Reichthum zuführt und ihr Wohlbehagen, ihre Glückseligkeit, ihre Macht vermehrt. Sie will auch, [176] daß die Berechtigung zur Erlangung dieser Güter die gleiche sey für alle Klassen, und tritt folglich der Bevorzugung einzelner Stände überall stracks entgegen. Dagegen ist ihr gleichgültig, oder gar eine Thorheit jedes Wissen, was sich nicht als nützlich für das praktische Leben erkennen läßt, oder es mittelbar fördert. Auf solcher Basis nun hat die neuere Pädagogik den Bau der Gegenwart begründet und den der Zukunft vorbereitet. Beschäftigung mit dem Alterthum, seinen Sprachen und seinem Geiste ist ihr eine entbehrliche Thätigkeit, die frühere Ueberschätzung der klassischen Bildung ist in das Gegentheil umgeschlagen, der Verkehr mit dem Alterthum überhaupt erscheint ihr als ein Widerspruch mit der Zeit, ja sie verdammt ihn wohl gar als ein Verderbniß für junge Geister, weil sie diese in gefährliche Träume versetze und sie unbrauchbar für die Erfüllung der Anforderungen mache, welche die Gegenwart stellt. Den Wissenschaften gibt sie eine neue Rangordnung, und angewandte Chemie, Physik und Mechanik nehmen in ihrem System des Unterrichts die vordersten Reihen ein.
Es ist nicht zu leugnen, daß bei der Stärke und Unwiderstehlichkeit, mit welcher das Gegenwärtige, das Greifbare, das Meß- und Zählbare mit ihren Herrlichkeiten in die Gemüther der Massen eingezogen sind, die Sympathien für die eigentlichen Geistesinteressen erkalteten. Daher die überall auftretende unerfreuliche Erscheinung steigender Gleichgültigkeit gegen die Religion, wie gegen alle höheren Bestrebungen auf dem Gebiete der Intelligenz und der Bildung. Selbst die gepriesene Neigung der Aristokratie, die bürgerlichen Gewerbe zu fördern, hat nur zu oft in der Adoration des neuen Erdengotts, des Geldsacks, seine schmutzige Quelle. Viele (gewiß die Meisten), die es nicht verschmähen, ihn als Hausgötzen in ihre Paläste einzuführen, denken inzwischen wohl nicht daran, daß sie damit in den Kreis hinuntersteigen, der weder der Geburt, noch der Bildung eine Vorzugsberechtigung zugesteht. Denn der neue Baalsdienst will von der Tradition nichts wissen, der Bildung, die in der Ueberlieferung wurzelt, versagt er die Anerkennung, und den herrlichen alten Kulturbau der klassischen Vorzeit, läßt er willig in Trümmer fallen wie die Säulenhallen und Tempel. Trauern wir um ihn! doch entmuthigen darf uns die Trauer nicht! Abwendend den Blick von dem Verlorenen, müssen wir ihn mit fester Zuversicht in die Zukunft werfen und vertrauen, daß auch die neue Zivilisation der Veredlung nicht entbehren und sie einst die Menschheit schmücken werde als lichter Ehrenkranz. Träumt nicht, wie Viele thun, von einem rückwärtsgehenden Prozeß der europäischen Kulturordnung! Wenn die alte Gesellschaft in ihre Atome sich auflöst; wenn die Stürme sie verwehen, wenn Throne und Staatseinrichtungen, Stände, Gesetz und Besitz zermalmt im Staube liegen, so bedenkt: es ist die rächende Nemesis mit den strafenden Blitzen, die sie zerschmettert. Und dann erwägt, ist nicht das oberste Gesetz alles neuen Lebens die Vernichtung des alten? Hatten die untergegangenen Kulturen früherer Zeiten weniger Berechtigung, als die heutige, und ist diese nicht auch auf dem Todtenacker jener emporgewachsen? – Meine Freunde! Der Strom des Menschengeschlechts zieht durch’s Meer der Ewigkeit, [177] und die Zivilisationsformen sind nur Wogen, die in demselben auf- und niedersteigen. Sie kommen, sie schwellen und sie vergehen, um – kommenden Platz zu machen. So ist’s gewesen von Anbeginn und so wird’s seyn in Ewigkeit.
Die Universitäten sind die Tragsäulen jener Kultur, welche, wurzelnd in den Ruinen der klassischen Welt, das ganze Mittelalter umfaßt und ihren Entwickelungsgang mit der Gegenwart abschließt. – Als das Weltreich Rom, das in seinem Schooße alle Völker, vom Ursprung des Euphrat an bis zum Ostseestrande, aufgenommen, aus den Fugen ging; als die Riesin, welche die Völker dreier Welttheile in Ketten schlug, nach langem Wüthen in ihrem eigenen Eingeweide, verblutet war; als ausgespielt waren die alten Götterspiele, ausgeträumt der alte Traum und ausgestorben das Leben in den starren Formen; als die Mordfackel der Barbaren die Verwüstung in die römische Welt getragen und das Schwert den Boden aufgerissen hatte: da warf das Christenthum in die bereitete Erde die Saat einer neuen Kultur. Das Kreuz war sein Symbol. Das Kreuz wurde aufgerichtet auf dem ruinenbedeckten kapitolinischen Hügel, und Rom wurde zum zweiten Male der Sitz der Weltherrschaft und der Mittelpunkt der jungen Zivilisation, wie es der der alten zuvor gewesen. Das christliche Rom that, was das heidnische gethan hatte. Es sandte Eroberer aus mit Kreuz und Schwert, sein Reich zu mehren, Apostels- und Heldennaturen, die gemacht sind, um Altäre und Reiche zu gründen und die Gesellschaft in neue Formen zu kleiden. Bonifazius und Carolus Magnus trugen auf Roms Geheiß das Banner der neuen Gesittung unter die Völker, und indem Letzterer, eingesetzt von dem Hohenpriester zum Erben der Imperatoren, die christliche Zivilisation auf der Spitze des Schwertes siegreich durch Europa verbreitete und für sie Propaganda machte in hundert Schlachten, wurde er zugleich ihr Haupt und ihr Apostel. Was er mit dem Schwert gepflanzt hatte, das suchte dieser große Mann durch zweckmäßige Institutionen auch dauernd zu befestigen. An die Nöthigung der Gewalt knüpfte er die Nöthigung der Lehre; an den großen Eroberer den größeren Organisator und Regenten. Wo Karl das Kreuz aufgerichtet, da richtete er Schulen ein, und wo er die Reste heidnischer Kultur zerstört hatte, da ließ er nicht ab, bis der Bau der christlichen herrlich emporstieg. In der Gründung von Unterrichtsanstalten sah er aber die dauerhaftesten und stärksten Pfeiler der neuen Gesittung, und er hat sich nicht betrogen.
Ehre, dem die Ehre gebührt! Es ist wahr, was ein anderer Beurtheiler gesagt hat: „Hätte das mit Carolus Magnus beginnende Mittelalter nichts weiter gegründet und hinterlassen, als diese in ihrer wahren Eigenthümlichkeit [178] den Alten noch unbekannten Institute, so mußten wir ihm schon dankbar seyn. Weder Schriftthum, noch Buchdruckerkunst, noch Literatur überhaupt haben eine so durchgreifende und mit den Zeiten immer wachsende Wirkung auf Denkart und Sitten nicht bloß der Gelehrten, sondern auch des Volks ausgeübt. Durch sie wurde zuerst die Idee der Wissenschaft als eines organisch gegliederten Ganzen zu immer allgemeinerem Bewußtseyn gebracht und sie waren es vor Allem, welche die Fesseln der Kaste, durch welche die wissenschaftliche Kultur in den Schulen der Geistlichen gelähmt war, sprengten und sie zum Gemeingut Aller machten. Gegenüber den Rittern auf den Schlössern und dem Edelmann an den Höfen traten jetzt die Ritter der Wissenschaft auf, und es entstand damit ein Adel, der zu gleicher Zeit der allgemeinste und der individuellste, recht eigentlich ein geborener war, weil er sich auf das angeborene Talent gründete.“[1]
Die Universität zu Paris ist eine der ältesten. Ludwig der Heilige stiftete sie. Sie hob sich schnell zu Ansehen, Einfluß und Macht. Viele Jahrhunderte hindurch war sie der Mittelpunkt der Gelehrsamkeit, die Quelle der höchsten geistigen Bildung und oft eine Festung der Freiheit. Bei stürmischen Entwickelungsschritten des Volkslebens, besonders in den Bürgerkriegen zu Paris, legte sie nicht selten ihr Wort neben das Volksschwert in die Wagschale und – entschied. Am einflußreichsten und von der Staatsgewalt am gefürchtetsten war die theologische Fakultät: die Sorbonne. So hieß dieselbe zu Ehren von Robert von Sorbon (einem Dorfe der Champagne), dem Kaplan Ludwigs des Heiligen, welcher sie als Bildungsanstalt für junge Weltgeistliche stiftete. Mit aller Anmaßung, deren die Vertreter der Interessen Gottes, des Himmels, der Ewigkeit, der Religion, der Kirche von jeher fähig waren, warf die Sorbonne das Haupt empor, sobald politische oder religiöse Streitigkeiten den Staat bewegten. Ungefragt und ungebeten trat sie als Richterin auf, und ihren Aussprüchen wußte sie Folge zu geben und jede Opposition zu vernichten. So kam es, daß endlich die Könige keine die Kirche oder Religion angehende Maßregel mehr trafen, ohne die Sorbonne vorher um ihren Rath gefragt zu haben, der gewöhnlich in der Form von Gutachten und Beschlüssen ertheilt wurde, die auf Geist und Gestaltung des Katholizismus in Frankreich von entscheidendem Gewicht waren. Ja weit über Frankreichs Grenzen hinaus reichte ihr Einfluß. Lange Zeit war Europa daran gewöhnt, in seinen religiösen Zweifeln und Zerwürfnissen bei der Sorbonne Rath zu holen, und ihren schiedsrichterlichen Urtheilen unterwarfen sich sogar fremde Universitäten.
Der Sorbonne Macht war eine Macht in der Hand des Volks; aus seinen Reihen gingen die Glieder der Sorbonne vorzugsweise hervor. Die Sorbonne hatte es Jahrhunderte lang in ihrer Gewalt, das [179] Glück des Volks, und nicht bloß des französischen, zu mehren und zu sichern. Denn, andern geistlichen Körperschaften unähnlich, wie sie nicht bloß mit dem Kreuze nach dem Himmel, sondern beherrschte auch die Volkserziehung und bot mit standhaftem Muthe der Krone wie der Tiara Trotz. Aber ihr Gebrauch von dieser hohen, gewaltreichen Stellung hat den Nationen nicht gefrommt. Die Sorbonne beschränkte ihre Machtübung auf das Gebiet ihrer Vortheile, ihr Vertheidigungemuth blieb innerhalb des Kreises der Rechte und Freiheiten der gallikanischen Kirche, kurz, sie erhob sich nie und nirgends über die Region hierarchischer Herrschsucht. Diese, kein höherer Geist, leitete sie in ihren Kämpfen erst gegen den Jesuitismus, dann gegen die Reformation; dieser Geist ließ sie zuerst die Schandthaten der Pariser Bluthochzeit gut heißen und dann in denselben Räumen für die Jansenisten gegen den Papst auftreten; dieser Geist trieb sie selbst auf die Seite der Jesuiten, nachdem Kardinal Fleury im Jahre 1729 hundert ihrer Doktoren verbannt hatte; und derselbe Geist führte sie endlich über die gefährlichste Brücke aller gesunkenen Größen, über die der Lächerlichkeit, in’s Land der Vergessenheit. Die Revolution zertrat die widerspenstige Sorbonne, konfiszirte 1792 ihre Güter und schloß ihre Räume.
Jetzt lebt die Sorbonne in der Universität fort; aber Universitäten überhaupt sind ihrer frühern Mission nicht mehr gewachsen. Zwar zieren Ehrenkränze ihre Scheitel; doch sind sie Greise. Das Institut hat sich überlebt. Schon „die äußere Architektur der vier Fakultäten entspricht längst nicht mehr der inneren Organisation der Wissenschaften.“ Das Volk macht endlich auch seine Ansprüche an die aus seinem Boden entsproßten Pflanzungen der Kunst und Wissenschaft geltend und verlangt Mitgenuß; es will nicht bloß aus der Ferne Blüthen sehen, es will auch Früchte erndten und selbst genießen. Und das von Rechtswegen. – Die Universitäten, Kinder des Mittelalters, entsprachen den Bedürfnissen ihrer Zeit. Sie waren – wer wollte es nicht dankbar erkennen! – die Träger der Bildung und der Kenntnisse, die das Leben schöner und nützlicher machen; sie waren es, die noch vor Erfindung des Bücherdrucks zur Ausbreitung derselben das wirksamste Mittel beherrschten: das lebendige Wort vor der großen Zuhörerschaft. Die Weisheit war damals auch nicht an den Lehrstuhl gefesselt: die Männer der Wissenschaft wanderten von Ort zu Ort, von Hochschule zu Hochschule, oft durch ganz Europa, um allenthalben zu lehren und durch Disputationen der Wahrheit ihrer Worte breiteren Eingang und festen Sieg zu verschaffen. Da fiel auch unterwegs manches gute Korn in fruchtbaren Boden.
Die großartigste Wirksamkeit der Universitäten zeigte sich durch die Reformation, welche nur durch den freien Forschergeist, der von jenen Instituten ausging, hervorgerufen werden konnte.
Aber unmittelbar nach dieser gewaltigen Kraftäußerung des Universitätslebens folgte auch Ermattung. Der Wettkampf um die geistige Freiheit an den Bildungsstätten der Reformatoren artete aus in kleinliche Zänkereien. Die Wortführer derselben nannten sich die Nachfolger jener großen Helden. – Die trübe Quelle dieser [180] traurigen Erscheinung lag nahe genug! Vor der Reformation hatte der Papst allein das Recht zur Gründung und Wiederaufhebung von Universitäten. Die Reformation entwand es ihm. Sie gab es dem Kaiser und den Fürsten. Es wurde eine Sache des Ehrgeizes oder der Eitelkeit, Hochschulen im eigenen, wenn auch noch so kleinen Lande zu besitzen. So stiftete man denn und dotirte und gab Privilegien, d. h. Freiheiten gegen Andere, namentlich gegen Stände unterhalb des Adels. Der Kastengeist wurde mit einem wissenschaftlichen Zaume umgeben; die Gelehrten gefielen sich auf dem isolirten Standes-Schaugerüste, daß sie mehr und mehr von dem Volke schied, und erklärten endlich die Höhe desselben für die der Wissenschaft, die nichts mit dem Treiben des Marktes gemein haben dürfe. Bei dieser Abschränkung von der Welt blieb es nicht. Während die Gelehrten vor der Reformation den Schatz ihrer Weisheit auf allen Feldern der Wissenschaft zusammengelesen, baute man nun die Schranken immer höher und thürmte endlich die Akten- und Foliantenstöße der monströsesten Forschungen so hoch auf, das Niemand mehr über eine Fakultätsmauer hinüber in die Nachbarwissenschaft blicken konnte. Da saß denn Jeder in seinem Kasten und theilte sein Fach wieder in Fächer und Fächlein, von denen er endlich wieder nur eines wählte, um ihm sein ganzes Leben zu widmen. Dieses haarspaltende Forschen mit dem Ameisenfleiß erwarb namentlich den deutschen Gelehrten jenen Ruf der Gründlichkeit, auf welchen sie so stolz sind, und allerdings durchschaute fast Jeder sein (freilich oft winzig kleines) Fachwerk so weit als möglich; aber auch die Natur behielt ihr Recht: „wer immer auf einen Fleck sieht, wird blind,“ sagt das Sprichwort, und blind waren diese Herren, sobald sie ihre Blicke aus ihren Büchern auf die Wege der Menschen richteten.
Selbst als die Nacht, welche dem dreißigjährigen Kriege in Deutschland gefolgt war, allgemach verschwand, als es die Philosophie bereits wagte, gegen Hexenprozesse und Tortur anzukämpfen, die beiden Schandsteine, auf welchen Theologie und Jurisprudenz in der Fakultäts-Toga so lange am Pranger gestanden, war es noch immer nur wenigen gelehrten Geistern vergönnt, ihren Blick abwechselnd am Leben und in Büchern zu schärfen, und die Lieblingsgegenstände ihrer Spekulationen aus der Luft auf die Erde herabzuziehen. Kaum etliche gingen aufrecht genug, um die Vorgänge um sich her zu prüfen und dem Unrecht, auf das sie stießen, unverzagt auf den Leib zu rücken. Ihre Zahl ist leicht zu übersehen. Sie ragen weit über die Mittelmäßigkeit empor und gehören zu den Ehrensäulen der Nation. Die große schwerfällige Masse der Gelehrten hingegen war mit einem so ausgebildeten Respektsgefühl gegen jede Autorität ausgerüstet, daß sie es kaum wagte, das Thun und Treiben der regierenden und hohen Herren mit kritischen Augen zu verfolgen. Daher konnten am armen Volke alle Schand- und Mordthaten von Fürsten und Fürstendienern, Edelleuten und Beamteten begangen werden, ohne daß, trotz all der vielen „Vesten der Wahrheit, der Religion und des Rechts“, eine Stimme zum Schutze der Unschuld laut geworden wäre. „Während die deutschen Philosophen sich auf den Universitäten in überschwengliche [181] Spekulationen vertieften, bekümmerten sie sich nicht darum, daß der Erzbischof von Salzburg einen Wilddieb für einen geschossenen Hirsch in eine Wildschweins-Schwarte einnähen und von seinen Hunden zu Tode hetzen ließ; bekümmerten sie sich nicht darum, daß ein anderer Bischof den unbefugten Jäger eines Hasen auf einen Hirsch binden ließ, bis dieser, von der ungewohnten Last geängstigt, Tage lang durch Wald und Dörfer laufend verendete; bekümmerten sie sich nicht darum, daß preußische Werber in allen Städten und Flecken des Vaterlandes an der deutschen Jugend ihr kniffiges Seelenverkäuferamt übten, und der Holländer seine Netze aufstellte, um für den Todtenacker in Batavia das Jahreskontingent unter Deutschlands Söhnen zu fangen; blieben sie stumm, da vor ihren Augen deutsche Landesväter ihre Landeskinder, das Stück zu so und so viel Thaler und Groschen, zum Mord der Freiheit auf die Schlachtbank nach Amerika verschacherten. Der gelehrteste Professor nannte sich schamlos dem lumpigsten Edelmann gegenüber „unterthänigster Knecht“. Bedienten-Demuth hatte auf den deutschen Universitäten ihren Stuhl aufgeschlagen, und so notorisch wurde am Ende die Schmach der, trotz ihres Nimbus, schon lächerlich gewordenen Kaste, daß sie die Verachtung des Volks auf sich lud. Sein Sprichwort: „Je gelehrter, desto verkehrter“, ist nicht im Scherz erfunden.
Erst im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts, als der warme Odem der Neuzeit, zuerst erregend, dann auflösend und zersetzend, die Völker berührte, erwachte auch auf den deutschen Universitäten wieder ein frischeres Leben. Als die Stürme der Revolution aus Westen brausten, entwickelte es sich. Aber bald hauchte fremde Gewaltherrschaft die Blüthenknospe eisig an, und noch einmal versank das Universitätsleben in langen Schlummer. Erst mit den Befreiungskriegen, die in diesem Sinne wahrhafte Befreiungskriege genannt zu werden verdienen, brach die schlummernde Knospe auf! Indem der Aufschwung, der die ganze deutsche Nation ergriff, sie von Philister-Feigherzigkeit, von Junkerübermuth und von der offenen und brutalen Tyrannei (an deren Stelle dann eine geheime und verschämte trat) befreite und niederriß den Ueberbau der Ständeschranken, hatte die gemeinsame Gefahr Alle einander näher gebracht, und der Sieg sah Gelehrte und Handwerker Arm in Arm in seinem Zuge.
Herrliche Zeit! Noch einmal glänzten die Universitäten in hellem Strahlenglanz! Sie waren die Herde gewesen, wo die Begeisterung für das Vaterland geschürt worden war. Dort war von der Jugend aus das Feuer in die Kreise der Lehrer und Gelehrten gedrungen und hatte endlich alle Stände erfaßt; von der Jugend war dem Alter das erstorbene Ehrgefühl für die Nationalsache frisch angefacht; die Sorge für das Staatswohl war eine Herzensangelegenheit der akademischen Jünglinge geworden, die vorher, zumeist mit Hunden, Humpen und Raufrappieren beschäftigt, selten mehr als einen Haufen Zuchtpflanzen im Mistbeete der Beamtenschaft vorstellten. Jetzt war abermals den Gelehrten die Gelegenheit geboten, groß für’s Volk zu wirken. Es war jener Begeisterungs-Augenblick, [182] wo es zum ersten Male auf allen Universitäten laut ausgesprochen wurde, daß man für das Volk, nicht für sich studiren solle, und daß alle Resultate des gelehrten Forschens dem Volke zu Gute kommen müßten. – Aber als die wenigen Männer, die an ihren Beruf in den Hörsälen den der Sprecher des Volks knüpften, nach schnell vorübergegangenem Freiheitsrausche entsetzt, verfolgt oder eingekerkert, verstummt waren, – da, nach „Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung,“ schlüpften die Bedientenseelen, die sich während des Sturms verkrochen hatten in der Angst ihres Herzens, wieder hervor, und der alte, das Volk verachtende Gelehrtenhochmuth, der die Servilität willig im Knopfloch trug, steckte sich gravitätisch seinen Zopf an und setzte sich die Lorbeerkronen auf, welche er sich selbst geflochten. Willig gingen die Meisten dem Despotismus im Gefolge, die Minorität aber bildete jenen vortrefflichen Kreis der Liberalen, welche Freisinnigkeit trieben, wie eine feine Lebensart, womit man fortkommt bei Groß und Klein und Gott dienen kann, wie dem Belial. –
Am demoralisirendsten hatten die beiden Restaurationsperioden vor und nach dem dreißiger Jahre auf die Akademien eingewirkt. Entsetzungen und Drohungen, öffentliche Gesetze und geheime Erlasse, Konduitenlisten und Spionierwesen hatten die Lehrer zu demüthigen Werkzeugen der Gewalt erniedrigt, während die Universitätsjugend entweder der Schmiegsamkeit und unentschiedenen Richtung der Mehrzahl bewußtlos folgte, oder in der nach Oben demüthigen und nach Unten hoffärtigen Bureaukratennatur der Landsmannschafter ihrer Selbstsucht fröhnte, oder endlich die Fahne der Gleichgültigkeit aufsteckte und als Brodstudenten nichts weiter erstrebte, als recht bald aus dem akademischen Hörsal in den Stall des Staats an die Krippe zu kommen. Und aus diesem stillen, stockenden, grünbeschlagenen Sumpfe, der so war, wie er auf vielen Akademien noch ist – gingen für die deutschen Landtage jene Vertreter hervor, denen von vorne herein mit dem Muth auch der gute Wille fehlte, ehrlich und treu für das Volk zu schaffen. Gleichwohl drängten sie sich an den Wahltagen herbei und schnappten nach einem Brocken der Volksgunst, um mit dessen Hülfe einen Sitz im Ständesaal, Diäten und die Notiznahme der Regierung zu erreichen. Da saßen sie denn (Ehre den Ausnahmen!) sie, die Männer der Wissenschaft, – im Herzen den Dünkel der Kaste und den Stolz öffentlicher Geltung, und vor sich die schöne Gelegenheit, sich des Ersehnten Mancherlei zu erwerben. Und in der Regel gelang es ihnen auch, mit dem bunten und glitzernden Merkmal ihrer Brauchbarkeit geschmückt, heimzukehren und ihren Wählern ad oculos zu beweisen, daß sie würdige Vertreter des beschränkten Unterthanenverstandes gewesen seyen.
So standen die Dinge. Das Volksurtheil wendete sich immer entschiedener von den Universitäten ab; Achtung und Bertrauen waren sehr gesunken. Da geschah Etwas, – ein Ereignis, eine mannhafte That, die mit einem Schlage die Volksstimmung umwandelte: – der Protest der Sieben von Göttingen! – Die sieben Professoren waren die Helden des Tags, in Millionen hob sich die Brust bei dem überschwenglichen [183] Lobe der Gefeierten, Universität und Volk waren sich wieder einander nahe gerückt. Und diese Beziehungen zwischen der Universitätswelt und dem Volke wurden immer enger, der Rapport immer stürmischer, je näher die vierziger Jahre kamen und je weiter diese dann vorrückten; das bisherige schwere Geschütz der Gelehrsamkeit, die dicken Bücher, blieben mehr und mehr vom Markte zurück und die Tagesschriften fesselten die Theilnahme, bis endlich auch die Sturmvögel der Revolution, die Flugschriften, ihre blitzähnliche Wirksamkeit in Deutschland entfalteten.
Außer den Naturwissenschaften, deren kundigste Forscher und Verbreiter als Förderer des Industrie- und Gewerbewesens mit dem Volke direkt in Berührung kamen, waren besonders die Religion und das Recht Gegenstände täglicher Besprechung in Zeitungen und Flugblättern. Der Kampf gegen den Ultramontanismus und das Muckerthum, die Gründung der deutschkatholischen Kirche und freier protestantischer Gemeinden, die Vertheidigung und Durchführung des öffentlichen und mündlichen Gerichtsverfahrens, endlich die würdigere politische Stellung und Vertretung des Volks – solche Fragen erfüllten alle Herzen, bewegten alle Zungen.
Dieses mächtige Regen und Ringen mit Wort und Schrift, dieser rührige Geisterkampf brachte im Volk das erhebende Bewußtseyn des Besitzes tüchtiger geistiger Streitkräfte hervor. Es erkannte in den Universitäten wieder feste Burgen der Freiheit; es suchte dort ihre tapfersten Vorfechter. Tausend eindringliche Stimmen beschworen die Tage Luthers und der Befreiungskriege in’s Gedächtniß des Volks herauf; die geliebtesten Namen der Nation hallten wieder aller Orten; der kommenden Umwälzung sah die Menge furchtlos, hoffnungsvoll, mit freudigem Herzklopfen entgegen.
Armes Volk! Endlich schien die rechte Ernte so theurer Aussaat für Dich gekommen und Du fühltest in Dir den Stolz auf Deine 20 Hochschulen und ihren Weltruhm. Aber nur zu bald wurden die Zeichen wieder trübe. Es kam ein Herzzucken über Dich, als Dein großes Oesterreich aus den höchsten geistigen Potenzen der Monarchie eine Akademie der Wissenschaften zu Wien errichtete, diesen höchsten Potenzen aber versagte, auch über Welt- und Staatsweisheit ein Wort mit zu reden. Es trat Dir das Roth auf die blasse Wange bei der Botschaft einer sächsischen Preßfreiheit für ABC- und Kochbücher. Und wen dies nicht aufrüttelte – den weckte aus dem Traume seiner Hoffnungsseligkeit gewiß jener große Klatsch von Berlin auf, welchen der höchste Geisterverein im „Staate der Intelligenz“ einem seiner berühmtesten Mitglieder, seinem eigenen Sprecher, auf den Mund gab, weil er einige wahre Worte gesprochen! Als nun vollends nicht eine einzige der deutschen Akademien die superlative Schmach, welche ihnen jener Bedientenstreich der Berliner angethan, rügte, als nicht einmal ein einziges Zeichen des verletzten Gefühls sich in der ganzen deutschen Gelehrtenwelt darüber kund gab: – wer war da nicht tief betroffen! – Jetzt aber, auf einmal, brachen sie los, überraschend und plötzlich, die Tage des Sturms, Tage, die von Jedem prophezeit, von Keinem berechnet werden konnten. Und es kam jene große, reine, fleckenlose [184] Thatenzeit der Nation, ihre Erhebung – da die Jahrhunderte lang getrennten und aufeinander gehetzten Volksstämme die Waffe erfaßten und den zertrümmernden Schlag auf das Zuchthausleben des alten Polizeistaats führten. Der wahrhaft große Anfang verdiente ein großes Ende. Und Volk! Du würdest ein solches erreicht haben, hättest Du weniger treu gehofft und weniger standhaft vertraut. Aber Du wähltest Deine Bauleute nach den Winken Deiner Gutmüthigkeit und Deiner angeerbten Hochachtung für den Ruhm der Gelehrsamkeit. Beamte, Pfaffen und Professoren füllten das erste deutsche Parlament, der Vorhang der schwarzrothgoldnen Volksherrlichkeit rollte auf und ein Schauspiel begann, wie nie eins war und nie eins wieder seyn wird auf dieser Erde.
Da saßen sie in der Paulskirche zu Frankfurt am Main, und während die Nation ein volles Jahr lang, bald bittend, bald ungeduldig und entrüstet, an die Pforten klopfte, während die Fürsten Tag und Nacht an zersprengten Fesseln so eifrig schmiedeten, daß die Erde davon erdröhnte, während tausend und aber tausend Zeichen zur Eile spornten, und die folgenschwersten Ereignisse Schlag auf Schlag sich folgten, – Schläge, laut genug, um Todte aufzuwecken: – da saßen sie behäbig, Deine gelehrten und beamteten Herren, die seit Jahrhunderten jedes deutsche Gesetz theoretisch fertig gesponnen und praktisch ausgeführt hatten, jedes Trauer- und Freudenfest in den Fürstenfamilien belauscht und bewacht, jeden deutschen Heller berechnet, jede deutsche Familie und jeden deutschen Hühnerstall geblutzehntet, jedes deutsche Kind getauft oder einregistrirt, jeden deutschen Lebenslauf gezügelt und geregelt, jeden Todten mit begraben, jede Arbeit kontrolirt, jede Gerechtsame bestimmen helfen, die alle Schlupfwinkel der deutschen Geschichte ausgekrochen, alle deutschen Stammbäume gezeichnet und mit schützenden Stacketen umgeben, jedes deutsche Wappen sich in’s Herz geprägt, kurz die an jeder Faser des deutschen Landes- und Volkskörpers gespäht, geforscht, geschnitten und gestritten hatten, – da saßen sie zwölf Monate lang und machten Deine – Reichs-Verfassung. Und als das Werk fertig war und mit Kanzleischrift auf Pergament geschrieben und unterzeichnet von Allen, die es gemacht hatten, da schwuren die Autoren hoch und theuer bei ihrer Ehre und dem Vaterlande, daß nur diese Konstitution für Deinen Körper tauge, und rührend war es, anzusehen, wie sie zusammenstanden und gelobten bei ihrer Seligkeit, daß sie für diese Verfassung in den Tod gehen und ihr opfern wollten Hab und Gut. Und, Volk, Du hast’s geglaubt und hast es nachgeschworen. Aber sieh’! Während noch das Echo Deine Eide nachrief über Berg und Wald und Thal, da waren Deine Gefeierten, jene „Edelsten, Besten und Ehrenfesten“, eines Anderen belehrt worden, und – gelehrig wie eine Wetterfahne – war ihnen ein Königsfußtritt genügend, um sie jenes große Werk auf der Eselshaut als eine „frevelhafte Verirrung“ reumüthig erkennen zu lassen und die Bußfertigen zu bestimmen, es zu verleugnen. Hintretend vor die Nation, nannten dieselben Männer, die sich vermessen hatten, vor aller Welt zu erklären: „Nicht ein Jota dürfe an Dem geändert werden, was sie, als deutsche Reichsverfassung, endgültig dem deutschen Volke übergeben“, – nun ihr Machwerk einen „lebensunfähigen und todtgeborenen“ Wechselbalg!
[185] Aber vor der Nachgeburt desselben, – der Konstitution, die die Könige gemacht hatten, – verneigten sie sich tief und demüthig. Sie verließen die Paulskirche, legten vor den Pforten derselben die letzten Skrupel ab und trugen ihre der Nation entwendete Ehre und Treue gen Gotha, wo sie dieselbe im Stillen noch einmal verpfändeten. Aus jener Gothaer Zusammenkunft ist nur das Eine hell an das Licht getreten: daß diese Herren nicht nur das Volk, sondern auch die Fürsten getäuscht haben. Das Volk vertraute ihnen, als seinen Weisen und Helden, sein Glück und seine Ehre an, und sie gingen damit durch, als sie die Pfänder des Vertrauens vertheidigen sollten; die Fürsten aber hatten gefährliche Leute in ihnen gefürchtet, und bewillkommneten nun mit dem gebührenden Hohne getreue Schafe auf der Rückkehr zum alten Stall. Das ist die Geschichte Deiner ersten Doktrinäre, deutsches Volk! Sie opferten Deine Hoffnungen, Deine Ansprüche, Deine Rechte, Deine Freiheit, Dein Glück: Alles ihrem Götzen: dem blinden Glauben an die Fürsten. Die Bestimmung des Lohnes für ihre Arbeit liegt in Deiner Hand und der Abrechnungstag bleibt nicht aus.
Ist Dir’s ein Trost bei Deinem Beinbruch, daß der Nachbar den Hals gebrochen hat, so kehren wir zu unserem Ausgangspunkte, zur pariser Universität zurück. Auch sie hat dort, wo ihr Name längst in zweifelhaftem Ansehen steht, ihren mittelalterlichen Geist lebendig zu erhalten gesucht. Weder Revolution, noch Restauration hat das pfäffische Schlingkraut mit der Wurzel auszureißen vermocht, und die Doktrinäre der orleanischen Zeit wußten, was sie pflegten, als sie dem Gelehrtendünkel Lorbeeren steckten, dem Jesuitismus einen stillen Winkel bewahrten und „Ruhe um jeden Preis“ zum Morgen- und Abendgebete des Philisters machten. Die Jesuiten haben ihren höchsten Sieg nach ihrem tiefsten Fall errungen; ihr System herrscht in Frankreich trotz ihrer Verbannung, ihre Saat steht in voller Blüthe trotz der Revolution. Durch eine meisterhafte Berechnung und Benutzung des menschlichen Egoismus und nationaler Thorheit ist die Demokratie in Frankreich für den Augenblick entwaffnet, der Volkswille gefesselt. Es liegen nun zwei Löwen büßend und gebunden neben einander: die französische und die deutsche Nation. Was wird länger halten? die Nationen oder die Fesseln?
Zum Schluß falle noch ein Blick auf den „Cerberus, der das Chaos bewacht,“ wie unser Humboldt die Pariser Universität in Bezug auf den öffentlichen Unterricht in Frankreich genannt hat. Die Revolution hob nämlich die Universität 1792 auf und verkaufte ihre Güter. Vom alten System blieben kaum einige Trümmer übrig. Nach Herstellung der Ordnung wurde ein Neubau nöthig, und schlau warfen sich die Jesuiten als Baumeister auf, welche sich inzwischen des Unterrichts bemächtigt hatten. Doch erst unter Napoleon feierte die Pariser Universität ihre eigentliche Wiedergeburt. Es war eine pomphafte Erscheinung; aber doch nur die Entwickelung des jesuitischen Prinzips unter fremder Firma. Kein Prinzip paßte besser für den Despotismus. Napoleon schob den hierarchisch-religiösen Charakter des jesuitischen Systems auf die Seite, setzte an dessen Stelle den streng-monarchischen des Kaiserreichs, und sein System war fertig.
[186] Zur Ausführung desselben ergriff er Mittel, wie sie einem Napoleon ziemten. Er berief 2000 Schulkandidaten aus allen Theilen des Reichs nach Paris und ließ sie auf Staatskosten 2 Jahre lang von den ausgezeichnetsten Männern im System unterrichten. Am 17. März 1808 erschien das weltgeschichtliche Dekret, welches den gesammten öffentlichen Unterricht im Kaiserreiche der Oberaufsicht der Pariser Universität ausschließlich unterstellte. In demselben hieß es: Keine Schule, keine Anstalt des Unterrichts in dem Reiche, von welcher Art sie auch seyn möge, kann außer der kaiserlichen Universität und ohne die Ermächtigung ihres Chefs gegründet werden. Niemand darf eine Schule eröffnen, oder öffentlich lehren, der nicht Mitglied der kaiserlichen Universität oder von ihr graduirt ist. Die höheren Lehranstalten wurden in Rangklassen geordnet, in: 1) Akademien (26), 2) Lyzeen (unsern Gymnasien entsprechend), 3) Collèges (écoles secondaires, höhere Bürgerschulen), 4) Institute und Pensionen für spezielle Zwecke, 5) Primär- oder Volksschulen. Der Großmeister der Universität ist das Haupt des ganzen Unterrichts, und innerhalb des Systems herrscht er wie ein Autokrat. Seine Arme und Augen sind die Inspektoren. Sie machen unaufhörlich Runde in den Provinzen und berichten ihre Beobachtungen an den Großmeister jede Woche. Ihre Rapporte sind maßgebend für alle Maßregeln zur Repression gegen Bestrebungen, vom System abzuweichen, oder es zu schwächen, oder die Uniformität des Unterrichts im Reiche zu hindern. Bei solcher Disziplin ist natürlich von Freiheit der Bewegung keine Rede mehr; alle Selbstständigkeit des Urtheils, der Forschung, alle Eigenthümlichkeit der Methode ist Null und aufgehoben. Der Lehrer ist Sklave der Regierung, und seine Funktion ist, willige Diener der Gewalt aus seinen Zöglingen zu bilden. Es ist das System der Despotie, und – dieses System ist beibehalten worden unter geringen Modifikationen von allen Inhabern der Gewalt. Es galt unter der Restauration, es gilt heute unter der sogenannten Republik, „dem Spott ihres Namens.“
In solcher Schnürbrust müßte der Geist gänzlich verkümmern und die Bildung völlig verkrüppeln, wenn nicht der Druck stets Gegendruck hervorriefe. Die Kraft des Widerstandes ist aber im französischen Volke um so heftiger, zäher und beharrlicher, je mehr seine Regierungsform mit diesem Sklavereiapparat des Unterrichts im Widerspruch sich befindet. Daher der stete Hader zwischen Universität und Lehrern, daher der fortdauernde stille Krieg, der das Unterrichtswesen, trotz aller scheinbaren Dressur, aus dem Zustande der Anarchie gar nicht herauskommen läßt. Berechnet ist das Druckwerk allerdings vortrefflich; der Theorie nach soll sich jeder Eindruck, jede Bewegung, die der Großmeister der Universität anordnet, bis in die letzten Räder und Ringe der Maschine fortsetzen; aber der Effekt ist in der Praxis viel geringer. Es ist zu widernatürlich, auf einem so rein geistigen Gebiete, wie das des öffentlichen Unterrichts ist, Verwaltungsformen einzuführen, welche schon in den gewöhnlichen Administrativbehörden Erstarrung und Tod bringen würden. Der Volksunterricht muß, wo er gedeihen soll, [187] frei seyn, nicht eingezwängt in feste Formen. Uniformität ist da ein Unding. Der Unterricht gehört der Welt des Gedankens an; er muß getragen, durchstrahlt, durchdrungen, befruchtet, belebt seyn von der Wärme des göttlichen Hauchs, der in den Organismen wirkt, um das Ganze der Vollkommenheit näher zu führen. Der Volksunterricht aber ist unter allen gesellschaftlichen Organen das größte und wichtigste; denn sein Produkt ist ja die Volksbildung, in der das Leben und Fortschreiten der Nationen, oder deren Verfall und Untergang den wahrsten Ausdruck finden. Das Reich der Intelligenz aber ist ohne Grenzen, folglich darf auch dem öffentlichen Unterricht kein streng geschlossener Wirkungskreis angewiesen werden. In Nordamerika, wo der Grundsatz der Lehrfreiheit ein Eckstein und Fundament des Staatsgebäudes ist, in welchem Bürgerfreiheit und Bürgerglück zusammenwohnen, hat sie sich seit drei Vierteljahrhunderten bewährt als ein unschätzbares Gut und eine Mutter tausendfachen Segens. Franklin’s Zuruf an feine Mitbürger im Kongresse vor 70 Jahren, als eine orthodox-kirchliche Partei die Emanzipation des Unterrichts bekämpfte: – „Gebt die Lehre frei, denn die freie Lehre schützt die Freiheit!“ ist eine Wahrheit, die dort von Allen erkannt wird, und von Allen hochgepriesen.
Der Stahlstich zeigt die Mittelpartie der weiten Pariser Universitätsgebäude: das prächtige Portal, welches zur Universitätskirche der Sorbonne führt. Den Grundstein für den unermeßlichen Bau legte am 15. Mai 1635 der Kardinal Richelieu. Lemercier war der Baumeister; er vollendete das Werk 1669. Die Kirche hat die Gestalt eines Kreuzes, Schiff und Chor sind von Seitenkapellen umgeben, korinthische Säulen tragen die Decke; über dem Ganzen erhebt sich eine schöne Kuppel, welche von Philipp de Champagne mit den Bildnissen der Kirchenväter geziert ist. Die zwei Stock hohe Façade sehen wir mit korinthischen und toskanischen Säulen geschmückt, die einem Fronton zur Stütze dienen. Richelieu’s Grabmonument, von Girardin, wurde während der Revolutionsstürme verwüstet, durch Napoleon aber restaurirt! Es steht im nördlichen Kreuzesarm. – In den Gebäuden der Sorbonne haben jetzt von den fünf Fakultäten der Universität die theologische, die Faculté des Lettres (Philosophie, französische und griechische Literaturgeschichte, Geographie und Geschichte, Beredsamkeit und Dichtkunst) und die Faculté des Sciences (Mathematik, Astronomie, Mechanik und Naturwissenschaft) ihren Sitz. Die Zahl der Studenten aller Fakultäten ist etwa 7000; in den glänzendsten Zeiten ihres Flors, im Mittelalter, damals, als (im 15. und 16. Jahrhundert) Paris die größten Denker und Gelehrten der Welt auf seinen Lehrstühlen vereinigte, zählte man zuweilen 20,000 Studenten, und die wissensdurstigen Schaaren aus allen Welttheilen pilgerten nach Paris, wie die Andächtigen nach dem heiligen Rom.
- ↑ In der deutschen Vierteljahrschrift für 1845.