Karl Friedrich Schinkels Beziehungen zu Dresden
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Zahlreicher und bedeutender, als es manchem auf den ersten Blick scheinen möchte, waren die Beziehungen des berühmten Berliner Baukünstlers und Malers Karl Friedrich Schinkel zu Dresden und zu Dresdner Persönlichkeiten.
Den ersten nachhaltigen Eindruck von Dresden empfing der werdende Künstler im Mai 1803, als der damals zweiundzwanzigjährige in Begleitung seines Freundes Steinmeyer zu Beginn seiner ersten großen Kunstreise in Sachsens Hauptstadt den ersten längeren Aufenthalt nahm[1]. Seinem Entzücken über die hier geschauten Kunstschätze wie über die reizvolle landschaftliche Umgebung gibt er in einem auf der Weiterreise von Wien aus an seinen Vormund, den Apotheker Valentin Rose, gerichteten Briefe mit den Worten Ausdruck[2]: „Dresdens Schönheiten fesselten mich, unter beständiger Anschauung, vierzehn Tage; seine unendlichen Schätze sind bekannt genug. Die Galerie und die Antiken, welche ich in jeder müßigen Stunde besuchte, waren mir das Interessanteste. Die herrlichen Umgebungen der Stadt ließen mich auf kleinen Exkursionen manche frohe Stunde genießen. Eine der genußreichsten war die kleine Fußreise durch den Plauenschen Grund nach Tharand. Der Plauensche Grund, dieses allgemein geliebte Thal, wird dennoch von dem, in welchem Tharand liegt, bei weitem übertroffen; die Gebirge sind höher, üppiger bewachsen; das Thal ist geräumiger und durch mannigfaltige Seitenthäler abwechselnder. Im tiefen Grunde liegt die kleine Stadt mit dem Bade; in der Mitte des Thals erhebt sich ein steiler Hügel, auf dem man die Kirche des Orts und die Ruinen des alten Schlosses erblickt, das der Sage nach römischen Ursprungs sein soll.“ Während dieses ersten Dresdner Aufenthaltes dürfte das in Wasserfarben gemalte Schinkelsche Bild „Dresden und das Elbtal mit einem komponierten Vor- und Hintergrunde“[3]) entstanden sein.
Ein zweites Mal weilte Schinkel im Sommer 1811 in Dresden, um die Stadt, für welche er eine besondere Vorliebe hatte, seiner jungen Frau zu zeigen[4]. Zu künstlerischen Zeichnungen und Entwürfen fand er damals leider keine Zeit.
Das Jahr 1817 führte Schinkel nach dem idyllischen Seifersdorf bei Dresden. Hier entwarf er für seinen Freund und Gönner, den General-Intendanten der Königl. Schauspiele in Berlin und Herrn auf Seifersdorf, Grafen Karl von Brühl, den Plan zu einem Umbau des dortigen Schlosses[5].
In den folgenden Jahren wurde Schinkel durch seinen ihm geistesverwandten Freund, den Bildhauer Friedrich Tieck[6], auch mit dessen Bruder, dem Dichter [98] und Kritiker Ludwig Tieck, der im Sommer 1819 zu dauerndem Aufenthalte nach Dresden übersiedelte[7] und hier eine zweite Heimat fand, näher bekannt und befreundet[8]. Als nun Ludwig Tieck zu Beginn des Jahres 1825 zum Dramaturgen am Königl. Theater zu Dresden ernannt worden war[9], machte er, rührig und unternehmend, wie er war, noch vor Ablauf des ersten Jahres seiner neuen Wirksamkeit seinem Vorgesetzten, dem Generaldirektor des Hoftheaters, Wolf Adolph von Lüttichau, unter anderem auch den Vorschlag, baldigst eine Verbesserung und Erweiterung des seiner Zeit von Moretti ins Leben gerufenen, neben dem großen Opernhause bestehenden Theaters ernstlich ins Auge zu fassen und für diesen Plan womöglich Meister Schinkel in Berlin zu gewinnen, der nach der Erbauung des neuen Berliner Schauspielhauses in den Jahren 1818 bis 1821 und des Aachener Schauspielhauses im Jahre 1822[10] mit Recht sich des Rufes eines ebenso sachverständigen wie genialen Theaterbaumeisters erfreute. Von jenem hochstrebenden, den gegebenen Verhältnissen weit vorauseilenden Tieckschen Plane erfahren wir durch einen bisher unbekannten, im Besitze der Königl. Öffentl. Bibliothek zu Dresden befindlichen Brief[11], den Tieck am 10. Dezember 1825 an Schinkel richtete und den Herr von Lüttichau diesem in Berlin persönlich zu übergeben gedachte. Er lautet:
Dieses Erinnerungsblatt, durch welches ich mich in Ihr Gedächtniß zurückrufen möchte, erhalten Sie durch den Intendanten des hiesigen Theaters, den Hofmarschall von Lüttichau. Dieser Mann wünscht Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, um Sie wegen einiger Sachen, die uns hier nicht unwichtig sind, so unbedeutend sie Ihnen auch erscheinen mögen, um Rath zu fragen. Am schönsten wäre es freilich, wenn irgend eine Veranlassung, wäre es auch nur auf wenige Tage, Sie hierher führte: denn es handelt sich eigentlich darum, ob es möglich sei, ohne große Kosten und vielen Zeitverlust, dem hiesigen Theater eine bessere Gestalt zu geben, es zu erweitern und bequemer zu machen. Hier ist Niemand, dem wir vertrauen können, oder der es versteht: denn die Reparatur vor drittehalb Jahren, von der nichts wahrzunehmen ist, und die durchaus nichts verbesserte, hat damals so viel gekostet, daß man davon einen neuen Kasten dieser Art hätte bauen können. – Nur Freunden, und Sie werden wohl selbst der Meinung sein, nur vertrauten Freunden wagt man es, dergleichen Vorschläge zu machen. Zu Ihren Freunden rechne ich mich wenigstens, wenn auch nicht zu den vertrauten: so viel aber ist es gewiß, nur ein Künstler von Ihrem Genie könnte uns in unsrer Noth helfen. – Wenn Sie meinen Wunsch und meine Bitte auch ganz weit wegweisen sollten, so weiß ich doch, daß Sie mir darum nicht zürnen werden. Ist aber Ihr Genius gerade bei Heiterkeit, Muße und Laune, und gefällt es Ihnen, auf unsere Wünsche irgend Rücksicht zu nehmen, so ist es um so erfreulicher, auch um so verdienstlicher, daß ein Schöpfer großer Werke nicht verschmäht, ein Flicker und Verbesserer von unbedeutenden zu sein. Immer bleibe ich in Verehrung und Liebe
| Dresden, | |
| den 10. Dezember 1825 | Ihr ergebener Freund |
| L. Tieck. |
Die Schilderung, welche hier von dem Zustande des Morettischen Theaters oder, wie es damals hieß, des „Kleinen Schauspielhauses“ im Jahre 1825 entworfen wird, muß zum mindesten als stark übertrieben bezeichnet werden. Die von Tieck als völlig verfehlt und zwecklos hingestellte Erneuerung dieses Theaters hatte während der Sommermonate des Jahres 1821 stattgefunden[12]. Auf Antrag von Lüttichaus Vorgänger v. Könneritz erhielt damals die Bühne eine gänzlich veränderte bessere Maschinerie und hellere Beleuchtung, der Zuschauerraum eine neue Decke und bessere Sitze[13]. Für die genannten baulichen Veränderungen bewilligte König Friedrich August zunächst 2042 Taler und nachträglich weitere 861[14]. Die Bauleitung lag in den Händen des bewährten, allseitig gerühmten Oberlandbaumeister Christian Friedrich Schuricht[15], des Erbauers des ursprünglichen Belvederes[16], dessen fachmännische Kenntnisse und verdienstliche Leistungen auf allen Gebieten des Bauwesens Tieck in seinem Briefe an Schinkel offenbar sehr mit Unrecht herabsetzt. Jedenfalls wurden die großen Vorzüge des Umbaues bei der [99] Wiedereröffnung der Vorstellungen, wie es in der Abendzeitung[17] heißt, „vom Publiko mit dem innigsten Danke anerkannt“. Lüttichau und Tieck richteten übrigens mit ihren Vorstellungen bei Schinkel nicht das geringste aus. Das darf uns nicht wundernehmen, da der Berliner Meister eine viel zu besonnene und feinfühlende Natur war, um lediglich auf eine flüchtige Anregung hin seinem Dresdner Kollegen Schuricht zu nahe zu treten.
Etwa um die gleiche Zeit wie den Dichter Tieck lernte Schinkel den Dresdner Archäologen, Kunst- und Theaterkritiker, Inspektor der Königl. Antikensammlung Karl August Böttiger kennen. Die ersten Beziehungen zwischen dem Künstler und dem Gelehrten ergaben sich aus einem Meinungsaustausch über die bedeutsamen Entwürfe künstlerischer Theaterdekorationen, die Schinkel seit dem Jahre 1815 unter wachsendem Beifall des Grafen Brühl und der Theaterbesucher für die Berliner Hofbühne zeichnete und malte[18]. Insbesondere die eine Dekoration zum letzten Akt der 1817 erstmalig in Berlin aufgeführten Gluckschen Oper Alceste: Das Innere eines hypäthralen (d. h. ohne Dach über dem Innenraum) dorischen Apollotempels bildete für beide den Gegenstand lebhafter wissenschaftlicher Erörterungen, die ich anderwärts in einem in der Seemannschen Kunstchronik[19] erschienenen Aufsatze: „Karl Friedrich Schinkels bildliche Darstellungen griechischer Hypäthraltempel“ ausführlich behandelt habe. Weiterhin, im Jahre 1825, schickte Schinkel an Böttiger das 6. Heft seiner Sammlung architektonischer Entwürfe[20] mit nachstehendem Schreiben[21]
Anliegend beehre ich mich Ihnen das 6. Heft meiner architektonischen Entwürfe, welches den Bau des neuen Museums in Berlin[22] enthält, zu geneigter Aufnahme zu überreichen; ich wünsche dabei nichts mehr als daß dies Werk Ihrem Kennersinne einigermaßen entsprechen möge. Das Unternehmen ist zu groß und wichtig, als daß nicht die Zustimmung so ganz bewährter Männer den Muth des Künstlers dabei gar sehr erhöhen sollte, welches ihm in so manchen zweifelhaften Fällen, die ein solches Unternehmen mit sich bringt, höchst nötig ist. Von Herrn Dr. Hase erfahre ich mit großer Freude, daß es mit Ihrem Befinden ungleich besser geht, ich wünsche, daß das Bad[23] die beste Wirkung haben möge, und Sie recht verjüngt zurückgekehrt sind.
Rauch[24] empfiehlt sich Ihnen aufs beste, und ich bitte um fernere Freundschaft und Wohlwollen, indem ich mit der größten Hochachtung verharre
ganz ergebener Diener
Schinkel.
Herrn Doctor Hase bitte ich mich ganz ergebenst zu empfehlen.
Berlin, den 5. August 1825.
Der Dr. Hase, den Schinkel am Schlusse seines Briefes grüßen läßt, ist der seit 1820 auf Böttigers Vorschlag an der Dresdner Antiken-Sammlung als Unterinspektor angestellte Altertumsforscher Heinrich[25] Hase, der Bruder des ausgezeichneten, damals dauernd in Paris lebenden Gelehrten Karl Benedikt Hase, dessen persönliche Bekanntschaft Schinkel im Jahre 1826 auf seiner Reise nach Frankreich machen sollte[26].
Im Jahre 1826 erschien im Konversationslexikon von Brockhaus[27] aus Böttigers Feder ein längerer Artikel über Schinkel. Böttiger nennt sich zwar am Schlusse desselben nicht, doch vermutet Schnorr von Carolsfeld[28] mit Recht in ihm den Verfasser, da der Geschichtschreiber Friedrich Christian August Hasse in einem Briefe an Böttiger vom 9. April 1824[29] schreibt: „Auf umstehender Seite stehen die Artikel, die Sie entweder schon übernommen haben oder für die Sie sich verwenden wollen“, und auf der folgenden Seite heißt es dann: „Vorläufig aus der sechsten Lieferung Schinkel in Berlin“.
Eine persönliche Begegnung Schinkels mit Böttiger fand im August des Jahres 1829 statt, als ersterer mit seinem Berliner Kollegen, dem Maler und Akademieprofessor Karl Wilhelm Wach[30], zu einem dritten längeren Aufenthalte nach dem geliebten Dresden gekommen war. Von Schinkels bevorstehender Ankunft erfuhr der gerade zur Kur in Karlsbad[31] weilende Böttiger [100] durch einen Brief seines getreuen Hase vom 23. Juli 1829[32]. Es heißt dort: „Seine [des Kunstschriftstellers und Akademieprofessors Aloys Hirt] ehemaligen Kollegen Schinkel, Wach werden hier eintreffen“. In Dresden angelangt, nahm Schinkel, um sich von den großen beruflichen Anstrengungen gründlich zu erholen, im nahen Loschwitz Wohnung, von wo aus er an den augenblicklich gerade erkrankten Böttiger folgendes schrieb[33]:
ich sage Ihnen den verbindlichsten Dank für die gütige Übersendung des Klenzeschen[34] Briefs und freue mich im Voraus ihn mündlich bei Ihnen wiederholen zu können. Gestern schon war Ihnen mein Besuch zugedacht, ich erfuhr indeß von Herrn Hofrath Behrens[35] aus Berlin, den ich zufällig auf der Gallerie traf, daß Ihr Gesundheitszustand sich gestern leider verschlimmert hätte, und so wollte ich nicht wagen, Sie zu stören; ich hoffe aber, es wird nicht von längeren Folgen seyn. Sie erlauben mir daher wohl bei meinem nächsten Besuch in der Stadt anzufragen, ob ich das Glück haben kann, Sie zu sehen.
Mit wahrem Genuß und unter den wohlthätigsten Einwirkungen lebe ich hier in Ihren herrlichen Gegenden, was einem armen Berliner wohl einmal zu gönnen ist; sehnsüchtig sehe ich jeden kleinen Weinberg von Loschwitz an, ob er sich nicht eigne, daß man sich darauf einmal aus dem gehetzten Leben zurückziehen könne; und auch Hoffnungen und Bilder dieser Art haben schon eine heilende Kraft bei sich, ich erhalte mich möglichst offen dafür, um mit einer rechten Menge davon nach Berlin zurückzukehren, damit ich etwas zu zehren habe in unseren Wüsten.
Mit dem herzlichsten Wunsche, Sie recht bald hergestellt zu sehen und sprechen zu können, verharre ich mit wahrer Verehrung
Schinkel.
[Loschwitz], den 19. August 29.
NB. Den Brief vom 15. Aug. empfing ich erst gestern Abend, den 18. Aug.
Wie das Zusammentreffen der beiden sich gestaltete, wissen wir leider nicht[36]. Genau hingegen sind wir darüber unterrichtet, mit welchem Eifer Schinkel diesen dritten Dresdner Aufenthalt zu künstlerischer Betätigung in seiner Lieblingsbeschäftigung, im Zeichnen, benutzte. Damals entstand[37]:
- 1. Die Federzeichnung „Blick auf Dresden aus einer offenen Halle“, Entwurf für das später im Jahre 1839 gemalte Aquarellbild[38]
- 2. Die Bleistiftskizze „Dresden in der Ferne“.
- 3. Die Bleistiftzeichnung „Ansicht des Schlosses zu Dresden“.
- 4. Die Federzeichnung „Weißeritzbrücke im Plauenschen Grunde bei Dresden“.
- 5. Die Bleistiftskizze „Schloß Weesenstein bei Dresden“.
- 6. Die Federzeichnung „Burgruine bei Tharandt“.
Aus den gezeichneten Gegenständen ergibt sich übrigens, daß Schinkel 1829 wiederum einen Ausflug nach dem Plauenschen Grunde und nach Tharandt unternommen hat, wo es ihm bereits während seines ersten Dresdner Aufenthaltes so ausnehmend gut gefallen hatte.
Zu Beginn des Jahres 1830 trat an Schinkel die Aufgabe heran, seine hervorragende baukünstlerische Begabung erstmalig in Sachsens Hauptstadt zu betätigen[39]. In diesem Jahre sollte nämlich auf Befehl König Antons der Bau der Altstädter Hauptwache, der in den Jahren 1806/07 begonnen, während und nach den schweren Kriegszeiten aber länger als zwei Jahrzehnte völlig geruht hatte, wieder aufgenommen werden. Die dafür vom Militäroberbauamte gegen Ende des Jahres 1829 von neuem ausgearbeiteten Pläne wurden demselben vom König zurückgegeben, mit der Weisung, „die Architektur der neuen Hauptwache anders, nämlich nach dem neuesten architektonischen Style und wie es die neuere elegante Baukunst vorschreibt, auszuführen; über das Wie? möge sich das Direktorium des Militäroberbauamtes mit dem Königlichen Cabinetsminister Grafen von Einsiedel vernehmen“. Darauf hin richtete der damalige Director des Militäroberbauamtes Oberstleutnant Johann Karl Anton Ulrich, Kommandant des Königl. Sächs. Ingenieurcorps, im Einverständniß mit dem Minister an Schinkel, den genialen Erbauer der Berliner Hauptwache[40], das Ersuchen, künstlerische Entwürfe [101] zu den Fassaden des Dresdner Wachtgebäudes auszuarbeiten und einzureichen. Ulrichs Schreiben[41] an Schinkel, dem ein Riß des bereits in den Jahren 1806/07 fertiggestellten Grundbaues, sowie der in Aussicht genommenen inneren Einrichtung des im jonischen Stile geplanten Gebäudes beilag, beginnt mit den Worten:
Durch Ew. Hochwohlgebohren auch im Auslande bereits vielfach anerkannten Ruf im Fache der Baukunst überhaupt, vorzüglich aber auch im Fache der schönen Baukunst veranlaßt, sowie durch Ew. Hochwohlgebohren bekannte Humanität ermuthiget, nehme ich mir die Freiheit, so vielseitige Kenntnisse auch für den Staat und den Monarchen, welchen ich zu dienen die Ehre habe, in einer Angelegenheit in Anspruch zu nehmen, welche hier mehrseitiges Interesse erregt, und hoffe dabei um so mehr Ew. Hochwohlgebohren wohlwollende Nachsicht zu erhalten, als ja überhaupt die Begrenzung der Länder auf die Nützlichkeit des Wissens keinen Einfluß ausübt.“
Gefällig und uneigennützig, wie Schinkel allzeit war, schickte er Anfang März des Jahres 1830 bereits die gewünschten, nach seinen Angaben gezeichneten Risse[42]. Sie trugen, so lästig an sich das für den frei gestaltenden Künstler auch sein mochte, den gegebenen Verhältnissen nach Möglichkeit Rechnung. Doch hatte es sich, um die Anlage des Gebäudes künstlerisch zu gestalten, unbedingt nötig gemacht, den schon vorhandenen Grundbau wenigstens in der Weise zu verändern, daß die ursprünglich zurückliegende Mitte der Vorderfront vorgerückt wurde. Statt des beabsichtigten Ziegeldaches empfahl Schinkel ein ganz flaches Zink- oder Kupferdach. Ein an den König gerichtetes Schreiben des Militäroberbauamtes vom 29. März 1830 unterbreitete diesem die ebenso wohlerwogenen wie feinsinnigen Schinkel’schen Pläne. Ulrich urteilt darin über dieselben: „Der Entwurf dieser Risse zeichnet sich hauptsächlich durch Einfachheit und Reinheit des Styles und die dadurch entstehende feine Eleganz, die sich mit mäßiger Dehnung der Massen sehr schön vereinigen läßt, sehr vorteilhaft aus, und es wird daher ein solches Gebäude auch in der Nähe von so ansehnlichen und prächtigen Gebäuden, wie das Königliche Schloß und die katholische Hofkirche ist, nicht unansehnlich erscheinen“. Wie nicht anders zu erwarten war, entschied sich der König alsbald für Schinkel. Ein königlicher Erlaß vom 14. April 1830 wies das Militäroberbauamt an, den Bau der neuen Hauptwache unverzüglich nach Schinkels Vorschlägen in Angriff zu nehmen. Zum obersten Bauleiter wurde Oberstleutnant Ulrich ernannt. Als künstlerischer Berater sollte ihm auf Schinkels Vorschlag der seit 1827 an der Dresdner Akademie der bildenden Künste angestellte Professor Joseph Thürmer, der 1818 Griechenland bereist hatte und für einen gründlichen Kenner der griechischen Baukunst[43] galt, zur Seite stehen und insbesondere „die Vorzeichnung und Schablonierung der einzelnen Theile zu den Fassaden“ übernehmen. Am 21. April 1830 begann der Bau und ging genau nach Schinkels wohldurchdachten Angaben, die seine weitere Mitwirkung erübrigten, glatt von statten. Nur bezüglich der Ausschmückung des Vordergiebels wich die Bauleitung von dem Vorschlage des Meisters, der ihn durch eine Viktoria[44] geziert wissen wollte, ab und ließ dafür eine von dem Bildhauer Joseph Hermann modellierte sitzende Saxonia anbringen. Am 3. Dezember 1832 wurde die neue Hauptwache, ein von zwei Eckpfeilern eingeschlossener sechssäuliger jonischer Peristylos edelster griechischer Form, ein Meisterwerk Schinkelscher Baukunst[45], bezogen. Nicht unerwähnt mag noch bleiben, daß Schinkel für die nach seinen Angaben gezeichneten wertvollen Pläne nichts als „die Diäten der beim Auftragen der Risse angestellt gewesenen Bauconducteure“, im ganzen 31 Taler, erhielt. Um ihn persönlich zu ehren, wurde ihm durch die sächsische Gesandtschaft in Berlin ein Ring überreicht.
Einen unschätzbaren Dienst erwies Schinkel unserm Dresden schließlich noch in der Mitte der dreißiger Jahre. Als es sich nämlich im Jahre 1835 darum handelte, ob das große Opernhaus nach den Plänen des Berliner Oberbaurats Carl Gotthold Langhans und des Dresdner Hofbaumeisters Gottlob Friedrich Thormeyer bloß umgebaut, oder aber, wie Gottfried Semper, der auf Schinkels Empfehlung 1834 als Professor der Baukunst an die Kunstakademie zu Dresden berufen worden war[46], vorschlug, durch einen großzügigen völligen Neubau ersetzt werden sollte, war Schinkel derjenige, der sich nach reiflicher Überlegung mit aller Entschiedenheit für das letztere erklärte und [102] dank der Gewichtigkeit seiner Stimme dem genialen Semperschen Gedanken zum Siege verhalf[47]. Mit dem eingehenden Studium der Semperschen Pläne an Ort und Stelle beschäftigt, weilte der große Mann damals ein viertes und letztes Mal in Dresden, der Stadt, die, wie wir sahen, ihm allezeit außerordentlich wert und teuer war und die ihrerseits ihm viel zu verdanken hat.
- ↑ G. F. Waagen im Berliner Kalender auf 1844, 323 f. Aus Schinkels Nachlaß (Berlin 1862 ff.) I, 5. Anm.
- ↑ Ebenda I, 46 f.
- ↑ Ebenda IV, 444.
- ↑ Berliner Kalender auf 1844, 345; A. von Wolzogen, Schinkel als Architekt, Maler und Kunstphilosoph (Berlin 1864) 35.
- ↑ H. v. Krosigk, Graf Karl v. Brühl und seine Eltern (Berlin 1910), 337.
- ↑ Vgl. Berliner Kalender auf 1844, 330. 356. 362; A. v. Wolzogen a. a. O. 40.
- ↑ R. Köpke, Ludwig Tieck (Leipzig 1855) I, 383.
- ↑ Ebenda I, 380.
- ↑ Ebenda II, 35; R. Prölß, Geschichte des Hoftheaters zu Dresden (Dresden 1878), 444–449.
- ↑ Vgl. Aus Schinkels Nachlaß III, 170–187, IV, 270 ff., A. v. Wolzogen a. a. O. 59; Berliner Kalender auf 1844, 354 f.; H. v. Krosigk a. a. O. 335.
- ↑ Mscr. Dresd. e 90b I, 76.
- ↑ Letzte Vorstellung vor dem Umbau: Maria Stuart am 3. Mai 1821, vgl. Dresdner Abendzeitung auf 1821 II, Nr. 118 vom 17. Mai; Eröffnungsvorstellung nach dem Umbau: La donna del lago von Rossini am 29. September 1821, vgl. Dresdner Abendzeitung auf 1821 IV, Nr. 239 vom 5. Oktober.
- ↑ Dresdner Abendzeitung auf 1821 IV, Nr. 239, vom 5. Oktober.
- ↑ Vgl. Hoftheaterakten, Theatergebäude betr., Band 17.
- ↑ Vgl. den im „Neuen Nekrolog der Deutschen“, Jahrgang X, 1832 II, 578 ff., enthaltenen ausführlichen Lebensabriß des Mannes.
- ↑ Vgl. Die Bauten von Dresden, herausgegeben von dem Sächs. Ingenieur- und Architekten-Verein (Dresden 1878), 344; Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. Heft XXI–XXIII. (Dresden 1900 bis 1903), 528.
- ↑ Vgl. Anm. 13.
- ↑ Vgl. A. v. Wolzogen a. a. O. 89 f.; Joh. Valentin Teichmanns literarischer Nachlaß, herausg. von F. Dingelstedt Stuttgart (1863), 124; H. v. Krosigk, a. a. O. 335.
- ↑ Im XLIII, der neuen Folge XXI. Jahrgang 1910, Heft 34, S. 548–553.
- ↑ Tafel 37–48 enthaltend.
- ↑ In Band 174 der im Besitze der Königl. Öffentl. Bibliothek zu Dresden befindlichen Briefe an C. A. Böttiger.
- ↑ Vgl. darüber: Aus Schinkels Nachlaß III, 217 f.
- ↑ Gemeint ist Marienbad, das Böttiger einem Briefe der Elise von der Recke vom 26. Juli 1825 zufolge (in Band 158 der Briefe an C. A. Böttiger) in jenem Sommer aufgesucht hatte.
- ↑ Christian Daniel Rauch, der berühmte Berliner Bildhauer.
- ↑ Näheres über ihn im „Neuen Nekrolog der Deutschen“, Jahrg. XX, 1842 II, 790–792.
- ↑ Vgl.: Aus Schinkels Nachlaß III 9; A. v. Wolzogen a. a. O. 45.
- ↑ Vgl. Band XII, 2. Hälfte = Neue Folge Band II, 2. Abteilung, 38–41.
- ↑ Vgl. eine Bemerkung von seiner Hand zu Schinkels Briefen an Böttiger.
- ↑ Vgl. Band 74 Nr. 38 der Briefe an C. A. Böttiger.
- ↑ Vgl. den Berliner Kalender auf 1844, 357, 378.
- ↑ Vgl. den Brief des Oberhofpredigers von Ammon an Böttiger vom 12. Juli 1829 im 3. Bande der Briefe an C. A. Böttiger.
- ↑ In Band 73 der Briefe an C. A. Böttiger.
- ↑ Der bisher unveröffentlichte Brief befindet sich in Band 174 der Briefe an C. A. Böttiger.
- ↑ Gemeint ist der bekannte Münchner Architekt und Oberbaurat Leo v. Klenze.
- ↑ Wohl der mit Ludwig Tieck befreundete Berliner Arzt, vgl. R. Köpke, Ludwig Tieck I, 363.
- ↑ In dem in Böttigers Nachlaß befindlichen, mit Aufzeichnungen aller Art von seiner Hand versehenen „Neuen Haus- und Volkskalender für 1829“ ist gerade über Schinkels Besuch nichts bemerkt.
- ↑ Aus Schinkels Nachlaß IV 498 ff.
- ↑ Ebenda II, 343, Nr. 42.
- ↑ Die folgende Darstellung ist den im Königl. Sächs. Kriegsarchive befindlichen Akten (Loc. 2891 und 5614) entnommen. Sie bildet eine Ergänzung zu den von Eugen Schuricht veröffentlichten Aufsätzen: „Zum siebzigjährigen Bestehen der Altstädter Hauptwache in Dresden“ (Kamerad XL. Jahrg. 1902, Nr. 48, S. 25 f.) und „Zur Baugeschichte der Altstädter Hauptwache in Dresden“ (ebenda XLI. Jahrg. 1903, Nr. 40, S. 9 ff.).
- ↑ Die neue Wache, das erste öffentliche Gebäude, das Schinkel schuf, wurde von ihm in den Jahren 1816–18 erbaut. Vgl. F. Kugler, Karl Friedrich Schinkel. Eine Charakteristik keiner künstlerischen Wirksamkeit (Berlin 1842) 40 f.; Berliner Kalender auf 1844, 352 f.
- ↑ Das nur abschriftlich vorhandene Schreiben trägt leider kein Datum.
- ↑ Veröffentlicht in Schinkels Sammlung architektonischer Entwürfe, Heft XXIII, Taf. 144; vgl. Aus Schinkels Nachlaß IV 298 f.
- ↑ Vgl. über Thürmer H. Holland in der Allgemeinen Deutschen Biographie, Bd. XXXVIII (1894), 221 f.
- ↑ Die Mitte des Giebelfeldes der Berliner Hauptwache sollte nach dem ursprünglichen, nicht zur Ausführung gekommenen Schinkelschen Entwurfe gleichfalls eine Viktoria schmücken, vgl. Kugler, C. F. Schinkel, 40 f.
- ↑ Kugler a. a. O. 41; Berliner Kalender auf 1844, 404; Die Bauten von Dresden a. a. O. 258; Paul Schumann, Dresden (Leipzig 1909), 228, Abb. 120.
- ↑ Vgl. Paul Schumann, Dresden, 234.
- ↑ Vgl. R. Prölß, Geschichte des Hoftheaters zu Dresden, 491 f.; Die Bauten von Dresden a. a. O. 321.