Las Posas auf Cuba
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LOS PΟΖΑS
(Auf Cuba)
Wir haben unseren Lesern versprochen[1], sie auf „das Schlachtfeld von Las Posas“ zu führen, wo der Flibustierzug des cubanischen Agitators Narciso Lopez den ersten Kampf mit der spanischen Kolonial-Militärmacht auf Cuba bestand. Las Posas ist ein unbedeutender Ort zwischen Matanzas und Havannah, über welchen Nichts zu berichten ist, und Cuba selbst steht noch unter der alten vorzugsweise ausbeutenden Kolonialdespotie Spaniens, die mit derselben Beharrlichkeit an ihrem eigenen Untergang arbeitet, mit welcher die begehrenden Blicke der Nordamerikaner auf die schöne, reiche und merkantilisch wie strategisch höchst wichtig gelegene Insel gerichtet sind, über deren Zukunft jedoch auch die europäischen Seemächte im eigenen Interesse wachen. Unser Bild weist uns deshalb vor der Hand nur an, dem Leben, dem Zug und dem Ende des Lopez eine gedrängte Darstellung zu widmen.
Es ist ein tragisches Lebensbild, das in den hervorragendsten Scenen an uns vorüberziehen soll, das Bild eines in blutiger Schule groß gezogenen Helden und Staatsmanns, dessen Wirken nie frei werden konnte von dem schwarzen Hintergrunde des Schicksals unglücklicher Völker, und das im Kampfe gegen dasselbe seinen Abgrund fand. Das Tragische des letzten Ganges dieses Mannes wird weder gehoben, noch niedergedrückt durch die Thatsache, daß das Volk, für das er kämpfte, ihn nicht nur preis gab, sondern selbst in den Abgrund warf: ein Volk, dessen einer Theil vor Despotie und Hierarchie, vor den angedrohten Leibes- und Höllenstrafen erzitternd, nur aus Furcht vor der doppelten Peitsche duldet oder handelt, und dessen anderer Theil vor dem Gefolge der Freiheit erbebte, weil der Gott ihres Hausaltars, der Mammon im Kasten, und die von ihm gewährleistete Lotterlebensversicherung [54] dadurch in Gefahr kommen könnten, ein solches Volk entbehrt der Würde, die dem Tragischen im Lebensende eines Mannes Etwas zu- oder abzuthun vermöchte. Lopez starb, verfallen dem Gesetz der herrschenden Gewalt, nicht gefallen im Auge der Geschichte, deren Urtheilspruch kein spanischer Prokonsul zu diktiren hat.
Narciso Lopez, geboren 1798, war der einzige Sohn eines Spaniers in Venezuela, der außer ihm noch vierzehn Töchter hatte. Die Familie lebte glänzend von ihren reichen Besitzungen in den Llanos. Da begann der Kampf der „Patrioten“ gegen die spanische Herrschaft, der Bürgerkrieg, und machte Narciso’s Vater zum armen Mann. Das geschah 1812. Die Sorge für die Seinen zwang ihn, einen kleinen Handel anzufangen, und zur Unterstützung desselben schickte er Narciso nach Valencia (20 deutsche Meilen von Caraccas, Venezuela’s alter Hauptstadt). Der Krieg wüthete indeß fort, mit der Erbitterung stieg die Grausamkeit; als die Spanier es Bolivar versagten, das Leben gefangener Patrioten zu schonen, erklärte er den Freiheitskampf zur „Guerra a muerte“, zum Krieg auf Leben und Tod. Nach der Schlacht bei La Puerta rettete sich ein Theil der besiegten Patrioten nach Valencia. Inzwischen hatten die Spanier, jedes Mittel zur Unterdrückung der Empörung aufbietend, die schwarze Sklavenbevölkerung gegen die Patrioten bewaffnet, die thierischeste Scheußlichkeit zog hinter der spanischen Fahne her, und eine Rotte derselben, von den Spaniern selbst „die höllische Division“ genannt, lagerte sich unter Boves, dem furchtbarsten aller spanischen Anführer, vor Valencia. Nach tapferer Vertheidigung, an welcher der nun sechzehnjährige Narciso den eifrigsten Antheil nahm, ging die Stadt durch eine Kapitulation über, welche Boves vor beiden Armeen und nach gefeierter Messe und Kommunion im Angesicht des Allerheiligsten beschworen hatte. Trotzdem war der Spanier kaum Herr der Stadt, als er Alles, was Waffen getragen hatte, über die Klinge springen ließ. O Glaube und Treue! – Narciso entging dem Tode nur durch sein jugendliches Aussehen; er galt als Knabe, der noch in der Erziehung sei. Drei Jahre später war dieser Knabe Rittmeister, geschmückt mit dem San-Fernando-Kreuz höherer Ordnung, und nach anderen drei Jahren saß derselbe, kaum 23 Jahre alt, als Oberst mit in dem Kriegsrath, welcher die Räumung Venezuela’s von Seiten der spanischen Macht entschied. Die Noth hatte Narciso die spanischen Waffen in die Hand gedrückt, und er blieb ihnen treu, bis er in Cuba seine zweite Heimath und durch eine längere Lebenserfahrung ein anderes Ziel seines Strebens gefunden hatte. Die Revolution auf dem Festland war siegreich, die königl. spanische Generalkapitanerie Caraccas sammt dem Vicekönigreich Neu-Granada hatte sich in eine Republik Columbia verwandelt, anerkannt vom Kongreß der nordamerikanischen Union und befestigt durch Spaniens letzte unglückliche Hauptschlacht bei Carabobo, Mitte Juni 1823. Lopez schlug den Antrag, als Oberst in das republikanische Heer einzutreten, aus und begleitete den Rest der spanischen Truppen nach Cuba. Den aktiven Kriegsdienst verließ er hier jedoch, seit Ferdinand VII. die spanische Konstitution mit französischer Waffenhülfe vernichtet hatte. [55] Er heirathete eine reiche Dame und lebte unabhängig und hochgeehrt von Volk und Armee. In dieser Zeit gingen ihm die Augen auf über die Bedrückungen und Zurücksetzungen, welche die einheimische Bevölkerung Cuba’s von den Günstlingen der spanischen Krone zu erdulden hatte; es waren dieselben unerträglichen Zustände, die er in seinem Geburtslande als kampf- und ruhmbegieriger Jüngling so tapfer gegen sein eigenes Blut vertheidigt hatte. Er lernte Volk und Land lieben und nannte Cuba fortan seine zweite Heimath. Hier erkennen wir den ersten Schritt zu seinem letzten. –
Der zweite Akt dieses Lebensbildes versetzt uns nach Europa. Wir finden Lopez in Madrid, als Christine, an Ferdinands VII. Sarg vorbei, den Thron bestieg. Jedem Absolutismus Feind geworden, bot er der Königin seine Dienste an. Auch hier bewährte er sich als treuen und festen Kriegs- und Ehrenmann, der sich die Achtung von Freund und Feind erwarb, etwas unendlich Seltenes in Bürgerkriegen. Seine kühnen Thaten hoben ihn von Rang zu Rang, und als er den von den Carlisten eingeschlossenen Valdez durch ein verwegenes Durchbrechen ihrer Reihen Hülfe und dem ganzen, bereits dem Tod geweiheten Corps Rettung gebracht hatte, wurde er General. Aber auch hier war der Bürgerkrieg zur unmenschlichsten Würgerei ausgeartet und, noch schlimmer, der Soldat war Herr geworden: er erklärte den Krieg für seinen Krieg, entsetzte und verjagte die Offiziere nach Belieben und zwang die Feldherren zu Unternehmungen nach seinem Wohlgefallen. Auch Lopez ging, gezwungen, das Treffen bei Jadraque ein, wurde geschlagen und mit 600 Mann seines zersprengten Corps gefangen. Man brachte ihn auf die Bergveste Cantavieja, die gleich darauf von San Miguel belagert wurde. Da geschah Folgendes. Der Kommandant der Festung entsandte Lopez mit dem Auftrag an San Miguel, diesem zu verkünden, daß alle gefangenen Christinos über die Klinge springen müßten, wenn die Belagerung nicht sofort aufgehoben würde, und nahm ihm das Ehrenwort ab, unter allen Umständen in den Kerker zurück zu kehren. Lopez ging, richtete aus, was ihm aufgetragen war, ermahnte aber dann San Miguel, seine Angriffe mit verdoppelter Energie fortzusetzen, weil Cantavieja fallen müsse, und ging in die Gefangenschaft zurück. Wen erfreuen hier nicht die Athemzüge eines Regulus? Hier ruft man anders aus, als oben: o Glaube und Treue! Das Glück war dem Braven hold. San Miguel ward Herr der Festung, ehe die Carlisten ihre Drohung ausführen konnten, und Lopez war frei. – Wunden und harte Gefangenschaft hatten ihn jedoch unfähig gemacht, wieder das Schwert zu führen. Er bewarb sich um eine Abgeordnetenstelle und ward Mitglied der Cortes. Und hier stehen wir abermals vor dem Manne von Cuba. War ihm auf der fernen Insel der gerechte Jammer des Volks in’s Herz gezogen, so erkannte sein Verstand hier bald, daß eine harte Regierung der Kolonien den Spaniern zum Naturgesetz geworden sei. Auch die Cortes waren blind für jeden gerechten Anspruch der Cubaner. Es muß hier hervorgehoben werden, daß General Lopez den gesetzlichen Boden, auf dem er hier als Abgeordneter der spanischen [56] Nation stand, redlich benutzte, um Cuba’s Rechten gesetzliche Anerkennung zu verschaffen und den Spaniern die Augen zu öffnen für die Gefahren längerer Rechtsverweigernng. Vergeblich. Seine Reden verklangen, wie in der Wüste. Ja, man nahm ihn in Untersuchung, als er einst seiner Liebe zu Cuba einen zu feurigen Toast gewidmet hatte. Als man aber gar cubanische Abgeordnete aus den Cortes vertrieb, war sein Bruch mit dem spanischen Kolonialdespotismus und dessen Hütern innerlich fertig. Noch bedurfte man des Mannes und scheute ihn, deshalb fungirte er noch eine Zeit lang als Oberbefehlshaber der Nationalgarde von Madrid und als Gouverneur der Hauptstadt, bis er, auf Espartero’s Wunsch, letzteren Posten aufgab, um – welche Verirrung, oder welche Absicht der Regierung? – eine hohe Militärstellung in Cuba einzunehmen.
Im Jahre 1839 betrat Lopez zum zweiten Male seine liebe Insel, diesmal als Statthalter von Trinidad (Ciudad maritima de Trinidad) und Oberkommandant der militärischen Streitkräfte der Mitteldepartements; Statthalter der Insel war Valdez. Das Glück dauerte nicht lange. Auch die spanische Revolution griff nur verderbend auf Cuba über. Mit Espartero und den Progressisten in Spanien stürzte auch Lopez von seiner Höhe. – Die Wandlung war rasch und bitter. Geschieden von seiner Frau und ohne Vermögen mußte er nun, nachdem er eine wohlverdiente Ranghöhe erreicht, sich nach einer Erwerbsquelle umsehen. Er versuchte und wagte Mancherlei und ward endlich Minero, er trieb Bergbau. Hauptsächlich trieb er aber die Erhebung des Volks. Der spanische Undank hatte sich an ihm bis auf’s Aeußerste bewährt, und seine letzte Hoffnung auf friedliche Erlösung Cuba’s aus seinem Elend war längst dahin. Er machte sich vor Allem mit dem Landvolke vertraut, aus dem er eine tüchtige Reiterei zu bilden hoffte, setzte sich im Vertrauen der unteren Klassen mehr und mehr fest und verwendete Mittel für seinen Zweck, die oft über seine Kräfte gingen. Die Regierung beobachtete ihn und ließ ihn gewähren bis 1848, wo er plötzlich vor Gericht gestellt werden sollte. Rechtzeitig gewarnt, entfloh er nach Rhode-Island; die spanische Justiz schleuderte ihm ein Todesurtheil in contumaciam nach. Das war der dritte Trauerakt seines Lebens und – hätte der letzte sein sollen. – Ein Volk muß sich von innen befreien; jede Hand von außen bringt ihm Verderben. Cuba hätte durch Lopez frei und glücklich werden können, wie Nordamerika durch Washington. Spanien hätte längst auch diesen amerikanischen Verlust verschmerzt, wie England den seinigen, und viel Blut, das Cuba noch kosten wird, brauchte nicht zu fließen. Da aber Lopez nicht die Freiheit des Volks und die Unabhängigkeit der Insel allein im Schilde führte, sondern die Rache an Spanien einen breiten Raum davon einnahm, so mußte er zu Grunde gehen. Ohne dieses Ende wäre sein Erdengang nur ein scenenreiches Schauspiel gewesen; nun erst wurde es zum Trauerspiel und zwar mit vollendeter poetischer Gerechtigkeit.
[57] Wir eilen zum Ende. Cuba’s Befreiungsplan ward unrein, sobald die erste Yankeehand ihn betastet hatte. Aus begeistertem Kampfe für eines Volkes Glück ward ein berechnetes Geschäft zur Erwerbung und Ausbeutung desselben. Lopez ging auf dies Geschäft ein, er verpfändete das Glück der Cubaner an die New-Yorker Cuba-Spekulanten und setzte sich zu Schiff, um den Dividendenkönigen der Union die schönste und reichste Insel der amerikanischen Meere zu erobern. Im Herzen mochte er anders denken, andere Pläne hegen, andere Ziele verfolgen, vielleicht sehr antidividendische; aber die Welt sah es so, die Pfaffen predigten es so, das Volk glaubte es so, und das Schicksal strafte es so. – Nachdem Lopez schon im Mai 1850 einmal, aber ohne nachhaltigen Erfolg, Cuba mit einer Flibustierschaar betreten hatte, unternahm er 1851 seine zweite und letzte Expedition. Mit 600 Mann, von den 5000, die für ihn bereit gestanden haben sollen, landete er an der Küste von Morillo, am 13. August. Schon am folgenden Tag stieß er bei Las Posas, dem Gegenstande unserer Stahlplatte, auf spanische Truppen unter dem General Enna, den er in einem glücklichen Doppelgefecht schlug; viele Spanier bedeckten todt oder verwundet das Schlachtfeld. Während dieser Siege war eine andere Flibustierabtheilung von 52 Mann unter Oberst Crittenden gefangen und noch am 16. mit Pulver und Blei in Havannah hingerichtet worden: ein Schreckensmittel, das auf das Volk noch mächtiger wirkte, als der drohende Mahnruf der Geistlichkeit. Am 17. brach Lopez von Las Posas auf, schlug die Spanier bei Pinar del Rio, wo Enna fiel, dann auf den Höhen von Condelaria und, schon rings von feindlichen Kolonnen umstellt, bei Frias. Nach diesem Siege zählte sein Häuflein noch 220 Mann, die am 21. Morgens bei Maritorena, in den Gebirgen von Rosario, vom Regiment Corunna überfallen und mit dem Bajonnet auseinander gesprengt wurden. Das war das Ende der Expedition. Es folgte nur noch das Einfangen und Hinrichten der Umherirrenden. Lopez selbst schlug sich mehre Tage in den Wäldern herum, von Wurzeln und Kräutern lebend, bis er endlich, zum Tode erschöpft, von einem Haufen Bauern gefangen und den Truppen überliefert wurde, die, auf Seitenwegen marschirend, um den Andrang der von allen Seiten beiströmenden Menge der Neugierigen zu vermeiden, am 31. August mit ihm die Hauptstadt erreichten. Den Generalkapitän Concha spornte die Hast der Angst und Rache: schon am nächsten Morgen früh um sieben Uhr endete General Lopez am Fuße des Forts de la Punta durch die Garotte. Ein Mann und Held bis zum letzten Augenblick im Kämpfen und im Leiden, sprach er sein letztes Wort mit festem Herzen: „Ich sterbe für mein geliebtes Cuba!“ –
Narciso Lopez ist todt. Wird für Cuba je die Zeit kommen, wo es diesem Todten eine Ehrensäule setzt? – Welche Frage! – Hat denn Huß ein Denkmal? – Blickt auf Luther und Washington hin! Die Nachwelt begeistert sich nur für Siege und ist nur dankbar für Erfolge.
- ↑ Bd. XVI, S. 109, Artikel Havannah; Cuba ist schon Bd. VIII, S. 39 bis 44 übersichtlich dargestellt.