Partie im Richmondpark bei London

DLXXXIV. Der Eisenbahnviadukt bei Gotha Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band (1848) von Joseph Meyer
DLXXXV. Partie im Richmondpark bei London
DLXXXVI. Die Rosstrappe im Harze
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PARTIE im RICHMOND-PARK
bei London

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DLXXXV. Partie im Richmondpark bei London.




„Da habe ich den Schurken!“ rief mein Freund, als der sorgfältig erhaltene Kiespfad um eine klafterdicke Steineiche bog, deren schwachbelaubte Aeste in belebten Figuren auf den Sammetrasen des Richmondparts schatteten; – „da ist er, der alte Jude, der Gott und die Welt betrogen!“ und damit hob er seinen Stock auf und zeigte nach einem alten Manne, der am Arm einer schwarzgekleideten Dame und gefolgt von zwei Dienern unter den Ulmen lustwandelte, welche das Ufer des nahen kleinen Sees einfaßten. „Land und Volk hat der Bösewicht verrathen und den Krater der Revolution neu geöffnet, dessen Flammenfluth und Aschenregen den Frieden eines Erdtheils begraben und Glück und Vermögen von Millionen verschütteten, – und das Alles um der schmutzigen Selbstsucht willen, die in ihm zu Thron saß! Auch meinen Ruin hat er verschuldet, – fuhr er fort, – mein Fluch folge ihm in den Orkus!“ Und mit glühendem Gesicht und steigender Stimme rief er laut: „Es komme der Geist, welcher die Kronenträger und Juden ausrottet und die Menschheit von den Teufeln der Alleinherrschaft erlöst! Eher wird’s doch nicht besser, als bis die ganze Höllenbande in’s Exil geschickt ist und Ferien hat, wie dieser Louis Philipp“ – „oder ein Brutus auf jeder Seite unsers deutschen Volkskalenders roth gedruckt steht!“ setzte er nach einer kurzen Pause hinzu, als habe er sich eines Bessern besonnen. „Du wirst doch nicht an dem alten Exkönig auch zum Heiligen werden mögen?“ fragte ich den fast drohend und mit erhobenem Stocke dem Laubgang Zuschreitenden scherzend. „Und wenn ich’s wollte! – es wäre nicht die unverdienstlichste unter den Thaten, welche die Kanonisation erworben. Einen alten Wolf zu erschlagen, ist nie ein Verbrechen. Und glaube mir, dieser Graukopf spinnt noch immer Fäden des Unheils so gut wie jener andere in Brighton, der die Hampelmänner auf den deutschen Theatern tanzen läßt. Die Politik wird dem deutschen Volke vorgemacht, während es sie selbst zu machen glaubt. Metternich ist noch immer das Orakel der Fürsten. Ich sage dir: Keine Erlösung ohne Brutusse, – selbst das Exil bringt keine Rettung vor den Diplomaten und Königen.“ Und die Kuttenbrüderschaft – was beginnst du mit dieser? „Die stirbt an der Aqua Toffana der Freiheit,“ erwiederte Karl lachend. „Du zweifelst? so blicke nach Nordamerika! Die Volkshoheit ist das ganze Geheimniß der Volkserlösung. Sey deines Volkes Apostel, wenn du zurück kommst, predige das Geheimniß auf Märkten und Gassen in deiner Heimath; – du hast ja die Grundrechte mit freiem Vereins- und Versammlungsrecht, prächtig verbrieft vom souveränen Parlamente! – Was schüttelst du? [69] Kannst du die Heimath nicht finden? Kannst du das neue Einheits-Deutschland nicht mehr erkennen in der verschossenen Blouse? Ich sage dir, du kannst nicht fehlen: wo zerlumpte Trikoloren auf dem Rathhausboden stehen, wo die Kerker angefüllt sind in jedem Städtchen und auf jedem Gericht die Untersuchungsakten zu Bergen anwachsen, – da ist deine Heimath, und wo der Belagerungszustand die Regel ist in den Residenzen der Landesväter, – da ist das freie deutsche Reich. Geh’, es ist gut predigen vor dem Idus des Märzes. – Sag’, Politikus, wird Michel wieder Alpdrücken haben und im Schlafe von Revolution sprechen?“ So fragte der Spötter. – Ich aber entgegnete verdrießlich: Träumen wird er nicht wieder; doch der März bleibt nicht aus.


Der erste Park der Erde war – das Paradies, und das erste Verbot, und der erste Ungehorsam, und die erste politische Untersuchung, und die erste Ausweisung – die waren ebenfalls im Paradiese. Und so alt wie das Paradies ist, so alt ist der Kampf der nach Erkenntniß ringenden Menschheit, und so starr tritt schon in ihrem ältesten Buche die Priesterlehre gegen das Streben nach den Früchten des Wissens und für den blinden Gehorsam auf.

Die Menschen wurden aus dem Paradiese vertrieben. Die Sorge und die Noth ergriff sie mit kalter Hand und führte sie der rücksichtslosen Natur in die Arme, die ihre besten Früchte hinter Arbeit und Gefahr verbirgt. Und das war gut. Denn fortan war der Mensch frei in seinem Forschen nach Erkenntniß; das Ringen nach den Früchten des einst verbotenen Baums wurde die Pflicht, die Aerndte, der Lohn auf Erden, und die Rückkehr der Seelen in den Garten des ewigen Friedens die schöne, fromme Hoffnung der Menschheit, eine Hoffnung, welche alle Völker belebt und jedem Glauben alleinseligmachende Kraft verleiht.

Das Bild von der Herrlichkeit des Paradieses behielt aber seine Farbenfrische in der Erinnerung und Sehnsucht auch der spätesten Geschlechter.

Das wahre Eden ist im Menschen. Jene, welche der Mensch um sich pflanzt, sind anderer Art. Sie sind die Blüthe hoher Kultur, und nur bei den gesittetesten Völkern sind sie zu finden. Der Mensch muß in der Erkenntniß der Natur und ihrer Gaben und Kräfte sehr weit vorgeschritten seyn, bevor er zum Nothwendigen und Nützlichen das Schöne gesellt, von dem Bedürfniß zum Angenehmen übergeht und die heiteren Regeln der Kunst auch auf die Gestaltung der sie umgebenden Landschaft anwendet. Er sucht dann die auf weiten Länderstrecken zerstreuten Schönheiten der Natur dichter zusammen zu drängen, schafft Gärten, paßt die bis dahin nur ihren eigenen Regeln gehorchende Natur den Anordnungen seines geläuterten Geschmacks an, und so entsteht das, was wir Park nennen: – eine Vereinigung des Naturschönen im engern Raum.

[70] Im Morgenland, wohin wir Abendländer unwillkürlich das Auge richten, wenn wir die Spur des Paradieses suchen, finden wir die erste Kunde von Nachahmungen desselben durch Menschenhand. Die Beherrscher des altpersischen Reichs in der Zeit seiner höchsten Blüthe umgaben ihre Schlösser und Burgen mit ungeheuern Gärten, die gleichsam die Scheidewand bildeten zwischen ihren prachtvollen Wohnungen und dem Lande, deß Volk sich ihrem Willen beugte. Noch weiter reichte der Arm der „Söhne des Himmels“, der chinesischen Kaiser. Sie wandelten nicht nur die Gefilde um ihren Residenzen in viele Quadratmeilen umfassende anmuthige Parks um, sondern bedeckten auch weite Strecken fruchttragenden Landes um dichtbevölkerte Städte mit Lustgarten-Anlagen. Diese Sitte schlug auch im Abendlande Wurzel, und zwar zunächst bei den Römern; die Gärten eines Pompejus, Hortensius und namentlich des Hadrian bei Tivoli werden noch heute in ihren Schilderungen und in ihren Ruinen bewundert.

Was wir von diesen Anlagen wissen, führt zu dem Gedanken, daß diese Gärten nichts weniger als ein Paradies für die Völker gewesen seyn können, auf deren Kosten sie erstanden, sondern daß sie bloß ein Paradies für die Herren waren, von denen das Volk ohnedies glaubte, daß sie schon auf Erden ein Leben wie im Himmel hätten.

Warum verfielen die alten Griechen nicht auf solche Parkschöpfungen? Waren sie ihrem gesunden Natursinn oder ihrem ausgebildeten Kunstsinn zuwider? Bedurften ihre architektonischen Werke keiner besonders berechneten landschaftlichen Umgebung? War ihre Kunst so aus der Natur ihres Landes herausgewachsen, daß beide schon an sich stets ein harmonisches Ganzes bildeten? Genügte ihnen die Natur in ihrer Natürlichkeit? Diese Fragen mag ein Anderer beantworten; aber Thatsache ist’s, sie wußten von Parkanlagen nichts.

Die Parks der Gegenwart, welche wir bald als weite über Wiesen und Wälder ausgedehnte Gärten, bald um große Landsitze ausgebreitet, bald um ganze Städte herumgezogen oder zur Verbindung von fürstlichen Stadt und Landschlössern angelegt sehen, fanden ihren Ursprung in England. Sie waren zuerst Thiergärten oder Jagdparks. Denn als die Kultur mit Beil und Pflug in die Urwälder brach, feste Wohnungen erstanden, Heerstraßen die Länder durchschnitten, Wälder gelichtet und Seen und Teiche ausgetrocknet wurden, sahen die großen Herren ihre Jagdlust gefährdet und waren zu guter Zeit besorgt, ihr eine ungestörte Zufluchtsstätte zu bereiten. Wenn die alten Chroniken Recht haben, so war der englische König Heinrich I. der Mann, welcher die Thiergärten erfand, – auch ein Fall, daß ein König etwas Dauerhaftes erfunden hatte. Er ließ nämlich bei Woodstock in Oxfordshire einen wildreichen Waldraum mit einer sieben (engl.) Meilen langen Mauer einschließen. Sein Beispiel fand Nachahmung. Adel und Geistlichkeit gründeten Jagdparks in Menge; der einzige Bischof von Norwich hatte vierzehn dergleichen. Die Erfindungen der Edelleute gehen leicht in fremde Länder über; diese kam zunächst nach Deutschland, der zweiten Heimath der noblen Passionen, wo sie auch ihre weiteste Verbreitung gefunden hat, ohne jedoch die englischen Originale an Größe, Pracht und Naturfrische erreichen zu können.

[71] Auch in diese Zufluchtsorte der Waidmannslust griff mit der Zeit veredelnd die Hand der Kultur. Die Gartenkunst drang in den Jagdpark ein; sie bahnte Wege, pflanzte Blumen, zwang die Baumgruppen, sich in Farbe und Form nach ästhetischen Regeln zu gestalten, und nöthigte die Natur, dem Lustwandelnden bei jeder Wendung des Pfads, bei jedem Ruhepunkte eine neue Aussicht oder eine überraschende Ansicht zu zeigen. Mit der französischen Revolution, mit den Ideen der Freiheit, für welche sie Propaganda machte, gelangte auch der verschrumpfte Sinn für Naturschönheit wieder zu Kraft und Recht in Deutschland. Die freie englische Gartenkunst zog ein und die gefesselte französische aus. Der revolutionirte Geschmack warf Alles weg, was bis dahin nach französischen und holländischen Mustern die Natur verunstaltet hatten. „Wo Le-Notre Fontainen springen ließ und die Bäume zu Fratzen verschnitt, schuf man Wasserfälle und ließ die Eiche sich in ihrer ganzen Herrlichkeit entfalten; wo der Holländer Tulipanen pflanzte, ließ man wilde Rosen wuchern, und wo Statuen gestanden, sprang das Reh, oder weideten Hirsche. Die Blumen aber lachten dem Auge da entgegen, wo sie ihm am wohlsten thaten; sie waren wieder lustige und prächtige Kinder, bald wie durch Zufall, bald wie nach den Winken der Schönheit in die Natur hineingestreut, sie waren keine holländischen Soldaten mehr, in Reih’ und Glied mit Wappen und Aufschrift.

So hat sich denn der Mensch mitten in die rücksichtslose Natur hinein wieder seine Gärten des Friedens, seine Paradiese gebaut, wohin er eilt, wenn er ausruhen will von den Arbeiten und Gefahren, die ihn jenseits der Umfriedigung verfolgen.

Ist das wahr? Leider nur für Wenige und für diese kaum! – Die Mehrzahl bringt in die Paradiese ihren Jammer mit und findet ihre Schlange, und Andere finden den Engel mit dem Flammenschwerte: den Neid, der ihnen die Pracht und das Wohlleben der sogenannten Glücksmenschen der Erde zeigt. Er ist es, welcher tagtäglich Tausende aus den Paradiesen der Zufriedenheit und Genügsamkeit vertreibt und Millionen das Geheimniß verschlossen hält, sich am Kleinen zu erfreuen und im Besitz des Wenigen das Glück zu finden.


Richmond-Park, ein britisches Krongut im Themsethale, etwa 8 englische Meilen oberhalb London gelegen, ist eine der größten und reizendsten Gartenanlagen der Welt. Der Park hat 4 Stunden in Umfang (sein Areal mist 3000 Morgen) und enthält in der lieblichsten Abwechselung Alles, was Natur und Kunst in einem solchen Raume Schönes zusammenstellen konnte: Berg und Grund, Wälder und Triften, Felsen und Wasserfälle, Schluchten und freundliche Thäler, Seen und Bäche, Dörfer und Meiereien, Schlösser und Hütten, Ruinen und Kapellen, Heerden und Wildgehege, – und durch das Ganze windet sich der prächtige Strom, Jahr aus [72] Jahr ein wimmelnd von Barken, Dampfern und Handelsschiffen, welche die Erzeugnisse des Landes mit den Waaren der Hauptstadt tauschen. Der Glanzpunkt ist Richmondhill mit seinem Schlößchen und seinen entzückenden Aussichten nach Windsor, Harrow, Hampton-Court, Twickenham, Petersham und den durch die unzähligen Villen der reichen Londoner und die sorgfältigste Kultur geschmückten näheren Umgebungen; – stromabwärts aber deutet eine schwarze Rauchwolke die Lage Londons an, des Babylons der neuen Zeit,

„Die Stadt der höchsten Tugend und der ärgsten Laster,
Voll Glück und Elend, Krösussen und Bettlern.“

Selten sieht man mehr als die Spitzen der 700 Thürme der Weltstadt wie Masten über das Dunstmeer ragen, und die Kuppel der Paulskirche mit ihrem leuchtenden Kreuze in ruhiger Majestät im Aether glänzen – ein Symbol des höhern, geistigen, ewigen Seyns über das qualmige Erdenleben der Tiefe.

Richmond-Schloß war lange Zeit ein Lieblingsaufenthalt englischer Könige bis herab zum dritten Wilhelm, der gewöhnlich die Lenzzeit hier in der lieblichsten und mildesten Natur genoß und dann einen Kreis der edelsten und geistreichsten Männer des Reichs um sich versammelt hielt. Thomson, der in Richmond seinen Frühling dichtete, starb und er schlummert auf dem Friedhofe unter Rosensträuchern. Der große Herschel baute dem Könige, seinem Zöglinge in der erhabensten aller Wissenschaften, hier ein Observatorium. Manche der wichtigsten Entdeckungen im Weltraume datiren von dieser Stelle, und der König, welcher am Tage die Kronenlast des Weltreichs getragen, diente in sternenheller Nacht dem großen Meister unverdrossen als Famulus. Noch in ältern Tagen, als alle Herrscherträume ausgeträumt und schon die bleiche Asphodilblume tiefer, unheilbarer Schwermuth in seiner Seele sproßte, war die Erinnerung an jene Richmondnächte dem greisen Könige eine Aufheiterung, und er sprach von ihnen oft, als wollte er seine innerlich erstorbene Welt wieder grün machen. Armer Wilhelm! Ich hab’ sie noch gesehen, diese gewaltige König Lear-Gestalt mit dem weißen Lockenhaupte, wie sie auf der Terrasse des Windsorschlosses auf- und abging, die großen blauen Augen stier auf dem Boden geheftet, wie ein Geist, der umgeht in einer Welt, der er nicht mehr angehört. Ihm hatte die ungeheuere Last die Sinne verwirrt, und in zwanzigjährigem Wahnsinn hatte er seine edle Seele als Sühne hingegeben für jene Schuld, die im Ursprung aller Alleinherrschaft wurzelt.

Der Rache-Engel, welcher Ludwig Philipp aus Frankreich trieb, machte diesen alten Herrn im vorigen Sommer zu einem Bewohner Richmonds, wo ihm Luft und Wasser besser zusagten, als in Claremont, das ihm sein Schwiegersohn, der Belgier-König Leopold, als Zufluchtsstätte eingeräumt hatte. Strom der Geschichte! wunderbar sind deine Windungen! Um der Bourbons willen schmiedet England den Titanen aus Korsika an den Felsen; dann gibt es [73] den Napoleoniden wieder eine Freistätte; diesen folgen die ältern Bourbonen und diesen die jüngern, – damit wieder ein Napoleonide an die Spitze Frankreichs trete, dieses Frankreichs, das von streitenden Meinungen durchwühlt, von Blitzen durchschossen, vom wilden Toben unheimlicher Kräfte durchbebt, vom flammenden Lavastrome umronnen, nicht zur Ruhe kommen kann und nur des Winkes harrt, loszulassen den Typhon über den Welttheil, der zwar noch im Abgrund gebunden liegt, aber, wenn die Stunde des Weltgerichts geschlagen hat, die Sünde der Fürsten und Völker, seit Jahrhunderten begangen, an den Lebenden heimsuchen wird. Wehe dem Geschlecht in dieser Stunde; denn die Gebeine der Erwürgten wird die Fluth zu Hügeln aufwälzen und die schweren, riesenhaften, grauenvollen Träume, die Viele der Schlafenden jetzt umfangen, werden zur Wirklichkeit werden. Doch auch diese Sündfluth, glaubt es, findet ihre Arche und ihren Ararrat, und wenn sie verronnen ist und die Taube den Oelzweig gebracht hat, werden der Völker Dankopfer gen Himmel steigen.