Schlesische Landwehr vor Dresden 1813

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Erschienen in: Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912)
Dresdner Rats-Sitzungsprotokolle aus den Jahren 1527–1532
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Schlesische Landwehr vor Dresden 1813.[WS 1][WS 2]

Unter dem Titel „Meine militairische Laufbahn geschrieben für meine Kinder im Jahre 1830[1]“ hat der Landwehrmajor Johann Carl Theodor Doercks Erinnerungen aus den Befreiungskriegen hinterlassen, die viel Merkwürdiges über den Zustand und das Verhalten der schlesischen Landwehr, insbesondere auch in den Schlachten bei Dresden und bei Leipzig, enthalten.

Doercks war 1794 bei der Festungs-Artilleriekompanie in Cosel, bei der sein Vater als Feuerwerker stand, als Gemeiner eingestellt worden und 1801 zum Oberfeuerwerker, 1806 zum Leutnant aufgerückt. Als solcher diente er 1806 und 1807 im schlesischen Festungskriege. 1810 nahm er seinen Abschied und erhielt die Stelle eines Kreiskassen-Kontrolleurs in Namslau. Im April 1813 bei der Erhebung Preußens meldete er sich wieder zum Kriegsdienst und wurde zum Hauptmann beim 7. Schlesischen Landwehr-Infanterieregiment gewählt. Er schreibt:

„So wurde denn auch zu jener Zeit die Landwehr unter Leitung des General v. Scharnhorst organisirt und aus sämtlichen waffenfähigen Mannschafften des Landes mit Ausschluß der angesessenen Wirthe durch’s Loos die Vertheidiger des Vaterlandes bestimmt, die Offiziers aber durch einen besondern aus Edelleuten, Bürgern und Bauern bestehenden Ausschuß in jedem Creise erwählt, als welcher letzterer auch für die Bekleidung und sonstige Armirung der Mannschafft (außer Gewehren und Munition, so der Staat lieferte) sorgen muste. Sämtliche pensionirte und im Civil versorgte Offiziers waren schon früher bey Errichtung von Reserve-Regimentern und Batterien aufgerufen worden, sich zum Wieder-Eintritt zu melden und so hatte auch ich mich gemeldet, war aber Seitens des Artillerie-Cheffs dahin beschieden worden, daß ich als Gesichtsschwach von einem Wiedereintritt entbunden seye. Allein dem ohnerachtet wählte man mich von gedachtem Ausschuß und übertrug mir eine Compagnie in dem zu errichtenden Bataillon. Leicht war mir es nun wohl, diesen Antrag durch meine anerkannte Invalidität abzulehnen, allein mächtig ergriffen von dem damals jeden Preußen beseeligenden Gefühl, die erlittene Schmach an den Franzosen zu rächen, entschloß ich mich für mein Vaterland zu kämpfen und Blut und Leben für dasselbe zu opfern, da ich besonders gesund und im kraftvollsten Alter von 36 Jahren mich befand und glaubte, daß mein geschwächtes Augenlicht dem Dienst als Infanterist nicht sonderlich hinderlich sein werde. Schwer wurde mir zwar der Entschluß, indem der Creis-Landrath, der mich wegen denen bedeutenden Lieferungen des Creises als Rechnungsführer besonders gut brauchen konnte, mir annoch eine gute Zulage bot, wenn ich zurückbliebe, als wodurch ich denn Frau und Kinder gut ernähren konnte, die ich dahingegen bei meinem Eintritt dem Schicksal Preis gab, falls uns das Kriegsglück abermals zuwider war und ich ihr keine Unterhaltung anweisen oder gar bleiben konnte, allein meine Begeisterung war zu groß und das Vertrauen auf Gott stärkte auch meine gute Frau, die zwar erst von einer Krankheit genesen war und die ich außer meiner damals 6 jährigen Tochter Linna mit einem Säugling, meinen Sohn Julius, verließ, jedoch als deutsche Frau meinem Willen sich ergab und mich nicht hinderte, an die Vaterlandsvertheidiger mich anzureihen.

[151] Ich erhielt Anfangs Aprill 1813 160 Mann überwiesen und 4 Offiziers, worunter zwei Oeconomen, ein Forstschreiber und ein Gens d’armes-Unteroffizier war, aus denen ich eine Compagnie formiren sollte. Die Aufgabe war nicht klein, da unter der Mannschafft niemand war, der bereits gedient hatte und ich die Unteroffiziers nolens volens daraus wählen und denen, die selbst nichts verstanden, Corporalschaften zutheilen muste. Eben so wenig wusten die Offiziers aus dem Civil, die noch mit einer Art Unlust eintraten, und ich hatte mit dem ehemaligen Gens d’armes (Lieutenant Lecher) wohl unsäglich zu thun, um nur einigermaßen eine militairische Ordnung und Disciplin einzuführen. Es war daher des Instruirens kein Ende, wobey uns jedoch ein heraus gekommener Kriegs-Catechismus gute Dienste that. Auch wurde mit Exerziren der Anfang gemacht, welches ich aber erst selbst erlernen muste, da ich als Artillerist nie ein Schießgewehr in der Hand gehabt und das Marschiren und die übrigen Evolutions gegen 1806 dermalen eine große Veränderung erlitten hatte. Alle Wochen kamen wir 2 mal zusammen, wo wir Offiziers das mittlerweile durch die Gens d’armes Erlernte wiederum unseren Untergebenen mittheilten, und mittlerweile wurde denn auch die Mannschafft mit Montirungs-Stücken versehen. Bey dieser Bekleidung beobachtete nun aber der diese Angelegenheit leitende Creis-Ausschuß eine besondere Oeconomie. Das Tuch zu denen Litefken (ein kurzer Überrock) war sogenanntes Halbtuch und nur auf den Sommer berechnet, die Beinkleider von weißer Kaufleinwand, für Schuhwerk, Wäsche und Mäntel hatten die Gemeinden zu sorgen, allein diese sorgten sehr schlecht und leider bekamen die Leute Mäntel von allen möglichen Couleuren so, daß wir putzig genug aussahen. Wegen Halsbinden wurden die Damen in Namslau in Anspruch genommen und lieferten solche dergleichen ohnentgeldlich von alten Trauerkleidern, die jedoch von keiner sonderlichen Dauer waren. Die Cavallerie wurde übrigens mehr wie die Infanterie begünstigt, denn sie erhielt egale Mäntel, von was aber? Von denen Leichenträgermänteln der verschiedenen Zünfte, die man in Beschlag nahm und mit gelben Kragen versah, welche aber auch, wie man sich denken kann, vom Zahn der Zeit sehr mitgenommen waren . . . .

Unsere Armirung war übrigens so, daß nur zwei Glieder Gewehre hatten, das eine aber mit Lanzen (versehen mit eisernen Spitzen) bewafnet war. Bey diesem Gliede hatte man denn, nach welcher Bestimmung ist mir unbekannt geblieben, jedem sogenannten Pickenirer eine Schaufel und ein Beil angehangen, gleichsam als wenn wir die Franzosen wie die Füchse ausgraben sollten, und so armirt, montirt und jeder Mann mit einem Tornister von grauer Futterleinwand, die eben auch nicht die Beste war, versehen, passirten wir die Spezial-Revue vor dem Ausschuße. Obgleich ich nun meine Mühe nicht gespart, die Unteroffiziers möglichst gebildet, ja selbst die Tambours trommeln gelernt hatte, so war ich doch von meinen Offiziers und einem versoffenen Feldwebel (einem cassirten Offizier, den ich bald nach dem Ausmarsch wieder degradiren muste) wenig unterstützt worden und unsere Dressur konnte daher noch nicht weit sein, als wir dem ohnerachtet Befehl erhielten, zur Belagerung von Glogau auszurücken, wo wir denn am 14. May 1813 unter dem hier beygefügten Liede[2] ausmarschirten und dadurch sowie durch Trommelschlag unsere Gefühle beim Abschiede von den Unsrigen zu betäuben suchten.“

Nach Schilderung der Märsche des Regiments berichtet Doercks über das Kantonnement im Städtchen Mittelwalde und die weiteren Erlebnisse:

„Hier in Mittelwalde sind wir bis zum 27. Juny stehen geblieben und haben fleißig exerzirt und nach der Scheibe geschossen, auch war kein Zaun um die Stadt vor uns sicher, den wir nicht mit unseren Lanzen niedergerannt hätten. Es wurden nämlich Kreidepuncte an diesen Zäunen gemacht und diese Puncte, die Franzosen vorstellten, musten im Sturmlauf mit Hurrah getroffen und ohne Erbarmen durchstochen werden. Ein Glück war es für uns, daß wir diese Waffen endlich los wurden und auch für dies Glied Gewehre bekamen, denn wir wusten nicht, wo wir diese Lanziers hinstecken sollten. Erst stellten wir sie ins Vorderglied und musten selbige, wenn die andern beiden Glieder chargirten, auf ein Knie niederfallen und die Lanzen fällen, wobey selbige aber weidlich auf die Köpfe geschlagen wurden, dann postirten wir sie im Hintergliede und hier waren sie uns wieder bey denen Evolutionen im Wege. Obgleich unsere Gewehre auch von mehrerley Calibre waren, so war es doch in aller Art besser, so wie uns der Verkauf der Lanzen an den Landsturm, der im Glaetzer Creise aus allen männlichen Einwohnern von 15 bis 60 Jahren gebildet wurde (deren Exerziren aber ohne Lachen nicht angesehen werden konnte), ebenfalls Vortheil brachte, da wir aus dem dafür und für die nunmehr auch abgeschafften und veräußerten Schaufeln und Beile (von denen wir das nötige Schanzzeug für eine Section behielten) gelösten Gelde das Schuwerk etwas repariren lassen konnten . . . . .

Während unseres Hierseins besah der Major v. Natzmer, Flügeladjutant Seiner Majestät des Königs, [152] unsere ganze Brigade, die außer unserm Bataillon aus denen Bataillons Graf Dohna, v. Burgsdorf und v. Waldow bestand, bey Habelschwerdt. Eine Beschämung wurde uns hier erspart, denn die andern Bataillons musten die aus ihren Creisen mitgebrachten Fahnen (als mit einer solchen uns unser Creis-Ausschuß nicht electrisirt hatte) ablegen und wurden bedeutet, sich erst dergleichen vor dem Feinde zu verdienen. Wir hatten übrigens einen neuen Brigadier Major v. Falkenhausen erhalten, der uns brav exerziren ließ und mit uns über steile Berge und Sturzacker manoeuvrirte, sodaß wir endlich zu einer General-Probe reif wurden, die der General v. Gneisenau mit uns abhielt und zu der wir den 28. nach Alt-Wilmsdorff und den 29. über Glatz nach Bischkowitz marschirten. Der Herr General waren sehr gnädig und frugen jeden Offizier nach seinem Nahmen und bisherigen Geschäft. Einer derselben, der früher Soldat, zuletzt aber bürgerlicher Schneidermeister war, erwiderte ihm: „I nu, kennen Sie mich denn nicht, ich war ja ihr Compagnie-Schneider!“ War das nicht naiv? Überhaupt waren mitunter Offiziers bei der Landwehr gewählt worden, daß man zu jener Zeit es noch bedauern muste, zu dieser Classe zu gehören. Doch der Fehler war geschehen, der Kern der Nation, gebildete Männer und Jünglinge waren als freywillige Gemeine eingetreten und zu Führern der Landwehr fehlte es demnächst an tauglichen Subjecten. Später suchte man es nun wohl zu redressiren und schon während des Waffenstillstandes wurden freiwillige Jäger, die bereits bei Lützen mitgefochten hatten, bey uns als Offiziers eingestellt und dagegen krank sein wollende Landwehr-Offiziers entlassen, die wir auch gern verlohren, da ihr Heroismus nur Maulmacherey gewesen war und sie froh waren, heimgehen zu können . . . . .

Am 15. July hatten wir die letzte Parade und zwar vor dem General v. Kleist, der uns unsers guten Exerzirens wegen Felddienstfähig fand. Andere Bataillons, die nicht so weit waren, wurden zu Reserve-Bataillons bestimmt. Da uns nun bekannt wurde, daß wir zur Armee stoßen und baldigst marschiren würden, so erhielten wir auch endlich alles nöthige Feldgeräthe und was das Nöthigste war, Schuhe, da bisher alle Paraden hatten gröstentheils barfuß abgehalten werden müssen, wo wir befohlnermaßen nur das erste Glied und die Flügelleute der andern Glieder beschuht vorstellen konnten. Den 23. July marschirten wir nun ab und zwar bis Wartha, wo ich vom Brigadier Befehl erhielt, sogleich mit Fouriers abzugehen und für den andern Tag in Töpliwoda ein Lager abzustecken. Eine dergleichen Lager-Absteckung war in der Folge nicht mehr nöthig, denn wenn und wo es dem commandirenden General gefällig war, ließ er halten, einschwenken, Gewehr abnehmen und Gewehr zusammen setzen, wo dann das Lager sich von selbst bildete, wenn man sich dahinter legte. Den 24. übernachteten wir in diesem Bivouaque unter dem gräßlichsten Regen und im Kothe, da kein Halmen Stroh geliefert wurde. Es schien, als wenn man uns an dergleichen Partien gewöhnen wollte. Den 25. marschirten wir bis Heidersdorff, wo uns der General v. Klüx besah, zu dessen Brigade wir kamen. Dieser Mann fiel uns allen außerordentlich auf und wir versprachen uns, von seinem Adlerblick durchdrungen und von seiner imposanten Art im Ausdruck schüchtern gemacht, nicht viel Gutes von ihm, zumahl wir zu bemerken glaubten, daß ihm der Zuwachs seiner Brigade durch uns nicht sehr angenehm war, weil er uns besonders lächelnd fixirte, als wir ihm unsere früheren Verhältnisse nennen musten, wo sich nun freilich alle Stände, ehemalige Offiziers, Gens d’armes-Unteroffiziers, Offizianten, Theologen, Juristen, Bauverständige, Oeconomen, ja sogar ein Portraitmahler, ein Apotheker und ein Leinweber (welcher letzterer sich aber Leinwand-Fabrikant nannte) meldeten.

Unser bisheriger Brigadier erhielt ein Streifcorps und die Brigade desselben, nämlich wir 4 Landwehr-Bataillons wurden jetzt das 7. Landwehr-Regiment genannt, dessen Commando unser bisheriger Bataillons-Commandeur Major v. Kickpusch bekam und wogegen ich interimistischer Bataillons-Commandeur wurde. Wir marschirten nach der Besichtigung über Nimptsch nach Poseritz, wo wir abermals bivouaquirten. Den 26. [Juli] über Ober-Lauden nach Jelline bey Strehlen, wo wir einquartirt wurden und bis zum 6. August cantonirten. Hier ging nun mein Leiden als Bataillons-Commandeur an, denn dem Herrn General v. Klüx hatten wir in unserem Aufzuge nicht gefallen und wir erhielten jede Compagnie einen Mann als Modell von der Linie, nach dem unsere Leute sich formiren und packen sollten. Unsere leinenen Tornister wurden nun mit Kasten von Schindeln versehen (wo denn nach einigen Tagen schon die Ecken durchgebohrt waren), die Feldflaschen und Brotbeutel gehörig geordnet, die Mützen gesteift und die Mäntel rollen gelernt, kurz ein Befehl jagte den andern, doch aber konnte man es dem General ansehen, daß wir ihm bey allem unserm guten Willen zuwider waren. Exerzirt wurde nun auch dabey mit großer Strenge, allein wir marschirten immer zu krumm und wir Offiziers konnten nun doch leider die Rücken der mitunter alten Landwehrmänner nicht grade machen . . . . .

Den 5. August muste ich das Dorf umzingeln und alle Pferde in Beschlag nehmen und nach dem Haupt-Quartier[WS 3] senden. Hierdurch wurden wir nun so zu sagen mobil gemacht, alle Kapitains erhielten jeder 1 Reit- und ein Packpferd (letzteres mit zur Aufnahme der Mäntel der jüngeren Offiziers) und jedes Bataillon [153] erhielt 3 Wagen, einen Oeconomie-Bagage-, einen Patronen- und einen Caßen- und Medizinwagen. So erhielt ich nun auch 2 Pferde, welche mir mein Bursche, jedes an einem Strick, überbrachte. Kein Zaum, kein Sattel wurde uns geliefert, und da ich nun als Ritter von der traurigen Gestalt an meine Parthie bey Pohlnisch-Steine 1806 dachte, wo mich das Pferd beim ersten Schuß abgeworfen hatte, so nahm ich lange gar keine Notiz von meiner Cavallerie, sondern mein Bursche sorgte für selbige. Doch dieser wuste sich zu helfen, beim Einmarsch in Böhmen fand er in jedem Nachtquartier etwas, heute einen Zaum, morgen einen Sattel, übermorgen eine Schaberacke, so daß in 14 Tagen beide Pferde bekleidet waren. Zum Glück kam kein Kläger und ich konnte nach einiger Zeit, wo wir (jedoch erst nach der Dresdner Schlacht) das Mobilmachungsgeld erhielten, diese 50 Rthlr. meiner Frau anweisen, auch da ich bemerkte, daß mein Pferd ruhiger Natur sey, versuchte ich endlich zu reiten, und fand, daß es sich doch besser schlecht reiten als gut und weit gehen läßt . . . . .

Den 23. marschirten wir unter unaufhörlichem Regen bis Dorf Nassau im Sächsischen Erzgebürge, wo wir mitten unter den Wolken (der Himmel war ganz verfinstert) und unter Regenströmen campirten. Unsere armen Leute fingen an krank zu werden, und da keine Kranken nachgefahren wurden, blieben sie ihrem Schicksal überlassen und konnten sich nach Böhmen zurückschleppen, wenn sie die Aerzte für krank anerkannten. Ueberhaupt waren unsere Landwehrmänner sehr zu bedauern, Kartoffeln und Wasser war ihre Nahrung, die leinenen Hosen blieben immer naß am Leibe und die alten Mäntel waren nicht hinreichend zur Bedeckung in den kalten Nächten, und dann waren sie noch der übelsten Behandlung ausgesetzt. Früher wurden kraftlos gewordene zurückgelassen, bis selbige nachkommen konnten. Jetzt wurde beinahe alle Stunden angehalten und die Leute nach dem Rapport vom General nachgezählt, und da sich nun das Zurückbleiben ergab, die Arriergarde von einer ganzen Compagnie angeordnet, die eine halbe Stunde später abmarschirte und alle malade auffangen und beim Einrücken ins Bivouaque ins Hauptquartier transportiren muste, wo es alsdann Prügel gab; denn leider war die Landwehr, nachdem einige Leute bey Durchmärschen sich etwas zu ihrer Bekleidung zugeeignet hatten und weil der General sah, daß die Mannschafft nicht in ihren Gliedern blieb, sondern z. B. bey Erblickung eines Brunnens um zu trinken auseinander lief, in folle in die 2. Classe nolens volens versetzt und wir Offiziers zum Prügeln angewiesen. Freilich war dies alles sehr bitter, allein später sahen wir ein, daß diese Strenge doch durchaus nothwendig war. Da die Diarrhöe unter uns einreißen muste, so war es bey Austretenden beschwerlich und zeitraubend, bis sie ihre Sachen ab und nach Verrichtung ihrer Nothdurfft wieder aufgepackt hatten. Es wurden daher Löcher in das Hintertheil der Beinkleider geschnitten, um das natürliche Bedürfniß schneller zu verrichten, und die vielfältigen Dechargen musten uns freilich bey allen unsern Leiden oft zum lachen machen. Noch muß ich bemerken, daß in unserm erbärmlichen Aufzuge, wo wir uns langsam fortwälzten, wir noch öfters große Musterungen hatten, besonders beim Durchmarsch von Städten, wo entweder der General v. Kleist, als Cheff des Corps, oder der Brigadier Prinz August als Prinz vom Hause bey sich vorbey marschiren ließ. Dann hieß es in Parade vorbey marschirt, und wir sahen aus wie die Dreckschwalben s. v., doch musten wir berittenen Offiziers von den Pferden und salutiren. Nahm der Herr General v. Kleist die Parade ab, so zog Prinz August den Degen und passirten wir die Revue vor dem Prinzen August, so entblöste der General v. Kleist sein Schwerdt.

Den 24. blieben wir auf jenem hohen Berge bey Nassau stehen bis Mittag, dann marschirten wir bis vor die Stadt Dippoldiswalde, wo wir des Nachts 1/212 Uhr ins Bivouaque rückten. Es war eine so schreckliche Finsterniß auf diesem nächtlichen Marsch und in diesen Gebürgen der Weg so schlecht, daß ganze Colonnen untereinander geriethen und daß des Rufens und Schreiens der Commandeurs, die ihre Bataillons, Compagnien etc. benannten, kein Ende war, und viele Leute fielen und stürzten übereinander her, die Artillerie muste Zündlichter anbrennen und so muste endlich gehalten werden, wo wir, nämlich unser Bataillon, an eine Berglehne zu stehen kamen, an der die Landwehrmänner nur terrassenartig, das Gewehr zwischen den Beinen haltend, sich niedersetzen konnten, bis es denn tagte und wir weiter marschirten. Glücklicherweise wurden wir hier etwas gestärkt, 24 Mann erhielten ein Brodt. Es war freilich nicht viel, aber doch besser wie gar nichts, da wir besonders nie auf andere Art etwas lucriren konnten, und wenn wir Brodt in Vorbeimarsch durch Ortschaften begehrten, nur immer die Antwort bekamen „is alles schun weg, lieber Harre“. Den 25. gelangten wir in die Gegend von Maxen, wo wir abermals im Hafer bivouaquirten, es regnete aber wieder unaufhörlich. Ich hatte das Glück, mit meinem Bataillon einen Weg zu durchschneiden und an diesem stand eine Capelle, auf deren Schutz ich mich nun recht herzlich freute, aber so eben hatte ich dem darin stehenden Heiligen meinen Säbel umgehangen und wollte mich auf einem Haufen Haber commode machen, als mein Herr Regiments-Cheff mich delogirte, der mich zwar bey sich zu behalten erklärte, welches ich aber, da ich sein fürchterliches Schnarchen kannte, höflichst ablehnte. [154] Meine Leute bedauerten mich und brachten von dem zusammengeschleppten Holze einige Bretter herzu, die sie über mir an einander stellten, um mich etwas für dem Regen zu schützen; allein diese Nacht war nun schon unglücklich, zu keiner Rückwand hatten die Bretter nicht gelangt und war solche aus Hafer-Garben gebildet worden; meine hinter mir angebundenen Pferde hatten sich jedoch losgemacht und diese Rückwand teils gefressen, theils ruinirt, so daß ich aufwachte und nun gar einen fürchterlichen Gestank empfand, der daher entstand, daß jene Bretter einem Mistwagen zugehörten, die sich durch den Regen abgespült hatten. Hiebey muste ich doch noch herzlich lachen über einen Lieutenant meiner Compagnie Nahmens Krusche, der Verwalter gewesen war und den ich an meiner Hütte hatte Theil nehmen lassen, als er ganz trocken für sich sagte: „Wie’s doch dem Menschen gehn kann, hätte mein Vogt für den Hofhund keine bessere Hütte besorgt, dann würde ich ihn hart angelassen haben, Ergo, bin ich jetzt schlechter als ein Hofhund.“

Den 26. [August] langten wir früh vor Dresden an, wo 4 Mann ein Brodt bekamen. Auch war, nach dem wir so lange geschmachtet hatten, Geld und Schuhe angekommen. Das Geld bestand in lauter harten Thalern vom Jahre 1813. Ich erhielt an 120 Rthlr. die ich denn theilte, 1/3 in meinem Leibgurt vernähte, 1/3 in meinen Mantelsack verpackte und 1/3 in meinem Koffer auf dem Oeconomie-Bagage-Wagen asservirte. Die Bagage ging jedoch bald retour und wir stellten uns colonnenweise in Schlachtordnung. Unser General berief alle Staabsoffiziers zu sich, wobey ich noch ein Compliment bekam, weil ich Interimisticus auf meinem Karrengaul nicht so geschwind, als die andern etatsmäßigen Staabsoffiziers auf brillanten Pferden nach dem Rendezvous galoppiren konnte, welches dahin lautete: „Herr! wenn Sie nicht reiten können, so laufen Sie.“ Doch für dergleichen Artigkeiten war man nun schon abgestumpft worden und ich vernahm denn, daß wir jetzt stürmen, will’s Gott aber des andern Tages in Dresden die Mittagssuppe einnehmen würden. Wir waren jedoch im Corps der Reserve und avanzirten und retirirten nach dem die vordern Bataillons vorwärts oder rückwärts rückten. Unsere Artillerie chargirte lebhaft, so wie auch der Feind. Der Angriff unsererseits ging nach dem großen Garten. Es trafen uns nur zuweilen Kugeln die ricochetirten, der Regen aber goß in Strömen und selbst mein Pferd konnte den schneidenden Wind dabey nicht aushalten, sondern machte alle Augenblicke mit mir Kehrt. Bey diesem schrecklichen Wetter sahe ich denn doch (man sollte es kaum glauben) einige Offiziers in der Mitte der Colonne, wo auch die Tambours stehen, auf einer Trommel mit Thalern Kopf oder Adler spielen, dagegen aber auch Gemeine das Gewehr in einer, das Gebetbuch in der andern Hand recht andächtig beten. Schon waren wir weit rechts vorgedrungen und der große Garten war Preußischerseits erstürmt, so wie die Oesterreicher, links vorgerückt, die Dippoldiswalder Schanze erstiegen und mehrere verbollwerkte Gebäude erobert hatten, und mehrere Truppen waren schon in der Vorstadt, so daß Dresden unser zu sein schien, als leider Bonaparte, der mit seiner Macht aus Schlesien dieser Festung zu Hilfe gekommen war, beim anbrechenden Abend aus den Thoren herausfuhr und unser Bundesheer angriff. Hiebey muste unsere Brigade zum Succurs vorrücken, brennende Dörfer leuchteten uns und so kamen wir zum erstenmal ordentlich ins Feuer, jedoch unsere Artillerie chargirte blos und wir schützten nur solche, wobey aber viel Canon- und Tirailleur-Kugeln unter uns einschlugen und wir mehrere Todte und Verwundete bekamen, wodurch Geschrey und Unruhe unter unsern Leuten entstand, auch manche Lust zum Ausreißen bekamen. Jedoch der General Klüx befahl sämtlichen Offiziers die Colonne einzuschließen und sofort todt zu stechen, was weichen wollte. Das erstere geschah nun, das letztere aber nicht, dagegen wurde alles, was nicht in den Reihen blieb, herein gehauen, wo es denn fürchterliche Ritterschläge setzte. Einige Stunden lang mochte dies gedauert haben, als die gröste Finsterniß der Sache ein Ende machte und wir auf unserm Standplatz verbleiben musten, uns aber, das Gewehr in der Hand behaltend, niedersetzen durften.

Mit Tagesanbruch den 27. retirirten wir auf die Höhen hinter Striesnitz, wo wir uns abermals in Schlachtordnung stellten und auch alsbald an diesem trüben Morgen wieder angegriffen wurden. Die Kanonade ging wieder an und dauerte den ganzen Tag, allein wir blieben wie am vorigen Tage in der Reserve und fingen allmählig an uns rückwärts zu manövriren. Zwei Tage nun immerwährend unter dem Gewehr gestanden, keinen Bissen Brodt habend und nicht nur ganz durchnäßt, sondern auch im leimigten Boden bis über die Fuß-Knöchel steckend, wo es nicht möglich war, die Schuhe zu erhalten, daher auch viele hundert Paar dort stecken geblieben sind, war es wohl kein Wunder, wenn die Natur unterlag. Der herannahende Abend machte dem Feuern ein Ende, eine schwarze Regennacht begann wieder, und wir hielten Erlaubniß per Compagnie 10 Mann und einen Offizier nach den naheliegenden Dörfern zu schicken, um etwa Holz, Stroh, oder einige Lebensmittel zu bekommen. Allein wer nicht wieder kam war dieser Offizier. Dieser junge Mann Nahmens Kleinert, ein 17jähriger Jüngling, hatte die Burschen, die nur für ihr eignes Ich sorgten, nicht zusammen halten können, sondern sie waren ihm entlaufen. Er abgemattet, blieb auch liegen, und bey der darauf folgenden [155] Retirade retirirte er auch mit, allein nur ein bischen zu weit, denn um sich ganz aus der Affaire zu ziehen lief er bis Guttentag in Schlesien, wo er zu Hause gehörte. Sein Vater, ein Ehrenmann, litt ihn nicht daheim und so kam er denn den 25. Dezember wieder zu uns, wo aber kein Offizier mit ihm mehr dienen wollte, ihm der Proceß gemacht und er auf Befehl Seiner Majestät des Königs mit einem schlichten Abschiede entlassen wurde. Im Jahr 1815 stand er bei den Fockschen Jägern als Gemeiner.

Doch wieder auf unser Unglück zu kommen, da wir nun weder Lebensmittel noch Stroh bekamen, so warf sich alles unmuthig in den Koth, einer diente dem andern zum Kopfkissen, der Obere drückte den Unteren noch tiefer in den Koth, wurde aber durch letzteren vor dem Regen geschützt. Einige Burschen hatten am Tage ein Stück Krautfeld gesehen, allein ohnerachtet mir ein paar Strünke, die mir mein Bursche holte, gut mundeten, so durfte ich doch das Weglaufen nicht zugeben und steuerte dasselbe, so viel ich konnte. Allein sobald es finster war, schlichen sich die Leute doch fort und ich stand Todesangst aus, wie es früh mit meinem Bataillon aussehen werde, doch warf ich mich endlich auch in den Morast, zufrieden, daß mir mein Bursche einige Krautblätter unter den Kopf legte. Plötzlich, als der Morgen kaum graute, kam der Regiments-Commandeur und rief: Auf! Auf! Es wird in der Stille retirirt. Es wurden nun mit Mühe die Verschlafenen aufgerufen und eiligst zum Gewehr gegriffen, allein mit Erstaunen sah ich, daß eine Menge derselben stehen blieben. Später ergab sich, daß die Summe derselben 181 betrug, wo die Mannschafft inclusive der nach Holz commandirten Leute sich wie ich vermuthet in der Nacht wegbegeben hatte.

Die Retirade, so der commandirende General Fürst von Schwarzenberg unternahm, weil er in dem üblen Zustande der Truppen dem Feinde nicht mehr widerstehen konnte, auch an 12 000 Oesterreicher bereits das Gewehr hatten strecken müssen, ging nun den 28. vor sich. Allein nicht lange, so war auch der Feind hinter uns her, und ich bemerkte, daß unsere Brigade, die unter dem General v. Klüx aus 1 Linien-, 1 Reserve- und unserm Landwehr-Regiment bestand und 2 Regimenter Cavallerie und die nöthige Artillerie mit sich führte, nunmehr die Arriergarde bildete. Mehrere feindliche Grenaten fielen unter uns und unsere Artillerie chargirte dagegen, indem wir fortwährend Quarrees bildeten und ein Treffen sich immer retirirend durch das andere zog. Wir die Infanterie wurde nicht handgemein mit dem Feinde, doch machte die feindliche Cavallerie bei Postendorf einen Choque auf unsere Artillerie, wo sie aber vom Schlesischen Uhlanen-Regiment derb zurückgewiesen und in unserem Angesicht eine Menge feindlicher Cavalleristen niedergehauen und auch Gefangene gemacht wurden. So ging es bis gegen Mittag und der Feind rückte uns immer näher auf den Leib, als ich auf einmal Befehl erhielt, mich mit meinem Bataillon durch ein Dorf (es hieß glaube ich Elend) zu ziehen, dergestallt, daß 3 Compagnien an den Zäunen und Gärten zerstreut tirailliren, eine Compagnie in der Mitte als Soutien aufgestellt werden und so das Ganze auf diese Art retiriren, das Dorf aber so lange als möglich behauptet und nur langsam fechtend der Rückzug geschehen sollte. Zum Glück hörte der Regen etwas auf und wir konnten feuern. Der Feind unterhielt nur ebenfalls ein Tirailleurfeuer, indem er das Dorf stark besetzt glaubte, die ganzen übrigen Truppen der Brigade zogen sich jedoch fort, und ich bemerkte später, daß ich mit meinem Bataillon den Rückzug derselben decken und, wahrscheinlich weil meine Leute Pollacken waren, aufgeopfert werden sollte. Nachdem nun der Feind mir immer näher kam, zogen auch meine Leute sich von Haus zu Haus und Garten zu Garten fechtend zurück, und so hatten wir nach mehreren Stunden das Ende des Dorfes erreicht, als ich feindlichen Trommelschlag am Eingange des Dorfes hörte. Hier wurde es nun aber finster und ich lies meine Leute zusammenblasen und retirirte in dieser Finsterniß unangegriffen aufs Gerathewohl weiter, wo ich denn noch das Unglück hatte, daß meine eigenen Leute, die auf das Blasen sich sammelten, sich für Feinde gegenseitig haltend auf einander schossen. Zu unserm Glück kam ein Jäger, welcher fragte, was für Truppen dies wären, und als ich ihm sagte, daß es das erste Bataillon 7. Landwehr-Regiments sey, erwiderte er, wie er vom General v. Klüx abgesandt sey, sich nach uns umzusehen, indem er befürchtete, daß wir gefangen wären. Gegen 11 Uhr Nachts stießen wir unter der Leitung dieses reitenden Jägers in einem Walde, wo der General in einem Försterhause sich befand, zur Brigade, und nach einer Stunde Rast ging es weiter über steile Höhen und Thäler in ein Bivouaque bei Dippoldiswalde, wo wir den 29. einrückten, bis Nachmittag unter dem Schutz unserer Batterien, die einige Höhen besetzten, stehen blieben und so glücklich waren, einige Kühe in dem nahen Dorfe Nolde wegzunehmen, die man sogleich schlachtete, das Fleisch vertheilte und fast roh verzehrte. Während dieses Mahls hörte man den feindlichen Trommelschlag schon in der Ferne und gegen 3 Uhr wurden wir vom Feinde wieder angegriffen, wir formirten aber retirirend wieder Quarrees, indem die Artillerie auch chargirend sich zurückbewegte, ich jedoch erhielt Ordre, auf einen Berg zu marschiren, den darauf und daran befindlichen Busch zu besetzen und den Feind durch Tirailleur-Feuer aufzuhalten. Das zweitemal war ich daher zum Opfer erkohren und [156] deckte die Flanke, indem sich die Brigade seitwärts des Berges zurückzog. Unter dem heftigsten Kugelregen gewann ich unter Verlust mehrerer Mannschafft den Berg und focht mit meinen Leuten gegen die feindlichen Tirailleurs bis es finster ward und das Feuer des Feindes aufhörte, wo ich mich dann auch zurückzog und nachdem ich das Bataillon gesammelt gegen 9 Uhr die Brigade ausruhend erreichte. Mein Adjutant vertheilte hier ein Brodt stückweise an uns Offiziers, welches er an diesem Tage in einem Dorfe Beute gemacht hatte. Wie dies schmeckte, könnt ihr lesenden denken.

Einige Stunden noch verweilend, marschirten wir diese Nacht so wie den darauf folgenden 30. weiter, zusammengeklemmt in den schrecklichsten ungangbarsten Wegen und Schluchten der Gebürge, kämpfend mit Feinden, die uns seit- und rückwärts immer verfolgten, unter Mangel an Lebensmitteln und unter anhaltendem Regen. So wanden wir uns denn nach Böhmen zurück, annoch in der Angst, daß das ganze Corps werde capituliren müssen, denn leider muste die Brigade oft Kehrt machen und wir schlugen einigemal ganz entgegengesetzte Richtungen im Marsch ein. Landleute als Führer wurden gewaltsam herbeygeschafft und durch Soldaten mit gespanntem Hahn escortirt, um sie am Weglaufen zu hindern. Die Canonen musten über steinige Anhöhen gehoben, ja einige Geschütze demolirt werden, da die Achsen brachen und Pferde liegen blieben, wo die Röhre vernagelt, die Affuitage unbrauchbar gemacht und die Munition ins Wasser oder Koth geworfen wurde. Krautstrünke waren zuweilen unsere einzige Nahrung, an Brandwein war nicht zu denken, obgleich einigemal sich rußische Marketender zeigten, vor denen wir uns aber fürchteten, da sie Kalkwasser für Schnaps verkauften, auch so theuer waren, daß ich selbst sah, wie ein Cavallerie-Offizier einem dergleichen Marketender einen harten Thaler für einen Schnaps gab, als ihm der letztere aber nichts wieder geben wollte oder konnte, ersterer ihm eine derbe Ohrfeige gab und abritt. Gegen Abend kamen wir nach einem Eichenwald bey Töplitz in Böhmen, doch aber sehr spät, da eine Menge todter Pferde, zerbrochener Wagen und Karren unsern Marsch hinderte, und bezogen wir hier ein Bivouaque.

Den 31. blieben wir hier stehn, das Verfolgen des Feindes hatte aufgehört und wir erhielten Brodt und Schnaps, wir Offiziers sogar rothen Wein, und erfuhren, daß während dem wir, die Klüxsche Brigade, den Rückzug gedeckt hatte, unser commandirender General v. Kleist den Feind bey Culm geschlagen habe und der feindliche General Vandamme gefangen worden sey. Meine Freude darüber war groß, überhaupt über unsere Rettung, denn schon hatte ich gedacht, daß mein Loos abermals nicht anders sey, als gefangen zu werden . . . . .

Den 1. September rückten wir mit unserm Bivouaque etwas weiter und hatten Ruhetag. An diesem Tage wurde ich meines interimistischen Bataillons-Commandos entledigt, indem mein Bataillon, welches von 600 Mann zuletzt nur 200 Mann stark war, denen andern Bataillons unsers Regiments einverleibt wurde, wo ich denn eine Compagnie beim 2. Bataillon bekam, welches unter Commando des Major von der Wense stand. Ich muß gestehen, daß es mir nicht ganz gleichgiltig war, obgleich ich einer Menge Geschäffte überhoben wurde und auch vielleicht nicht Chef geblieben wäre. Allein da ich das Bewustsein hatte, meine Schuldigkeit gethan zu haben und nicht dafür konnte, daß durch Wind und Wetter, Hunger, Durst und Ermattung meine sonst brav gewesenen Landwehrmänner nicht gleich alten Kriegern ausgedauert hatten, zumal auch durch die Exponirung meines Bataillons ein bedeutender Abgang an Getödteten und Verwundeten entstanden war, so tröstete ich mich denn und hatte noch mehr Ursach dazu, als ich erfuhr, daß einem Bataillons-Commandeur Capitain v. Trebra in jener schrecklichen Nacht vom 27. zum 28. sein ganzes im Beuthner Creise gebildetes Landwehr-Bataillon weggelaufen war, wofür er später 2 Jahr auf Festung kam – und er hatte doch die Leute auch nicht halten können . . . . .“

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Daß sich die schlesische Landwehr während der Schlacht bei Dresden nicht gerade mit Ruhm bedeckt hatte, war bei der geschilderten mangelhaften Ausrüstung und Einübung wahrlich nicht zu verwundern. Um so erstaunlicher ist es, was die preußische Heereszucht in den nächsten Wochen aus diesen Truppen zu machen verstanden hatte. In der Schlacht bei Leipzig kämpfte das 7. Landwehrregiment heldenmütig in vorderster Reihe und ward nahezu aufgerieben. Die Schilderung, die Doercks von diesem blutigen Kampfe gibt, ist ergreifend. Mit 1 400 Mann in die Schlacht gerückt, bestand das Regiment nach dem Viktoriaschießen noch aus 61 Mann! Das kleine Häuflein tapferer Männer wurde dem Könige Friedrich Wilhelm vom General v. Klüx mit dem Bemerken vorgeführt, daß dieses Regiment wert wäre, unter die königliche Garde aufgenommen zu werden, worauf der König der Mannschaft persönlich dankte, da sie viel zum Erfolge der glorreichen Schlacht beigetragen hätte.

O. R.

  1. Schlesische Kriegstagebücher aus der Franzosenzeit 1806 bis 1815. Namens des Vereins für Geschichte und Altertum Schlesiens herausgegeben von Hermann Granier. Breslau 1904. Gegenwärtiger Auszug daraus erscheint mit freundlicher Einwilligung des Herausgebers.
  2. Mein Vaterland du hast gerufen,
    Heil jedem Braven, der es hört!
    Ich eil’ an deines Altars Stufen,
    Gern bring’ ich alles, was mir werth,
    Mein Gut und Blut in der Gefahr,
    Mein Leben selbst zum Opfer dar usw.

Anmerkungen (Wikisource)