Tintellust

Elbogen (Meyer’s Universum) Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band (1859) von Friedrich Hofmann
Tintellust
Der Rhein bei Caub
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TINTELLUST
(Afrika)

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Tintellust.




Man war früher immer geneigt, sich die Sahara als einen einförmigen ungeheuren Sandgürtel zu denken. Man schloß eben von der Beschaffenheit ihres Ost-, Nord- und Westrandes – die Südgrenze kannte man nur auf kleine Strecken hin – auf das Innere. Allein die Reisenden der Neuzeit, vor allen Anderen Barth und Vogel, haben uns hinlänglich nachgewiesen, daß das große Meer des Sandes von einer großen Unterschiedenheit des Bodens und der Formation und nie geahnter Mannichfaltigkeit der örtlichen Erscheinung ist. Namentlich sind es die Inseln des Sandmeeres, die freundlichen Ruhepunkte für das dort umhertreibende Leben, die unter sich gar mannichfache Verschiedenheit bieten.

Im Osten und Norden, jenen Strichen, in denen es niemals oder nur höchst selten regnet, ist zur Bildung einer Oase eine Einsenkung des Bodens unerläßliche Bedingung, und das Wasser muß mühselig dem Schooße der Erde abgerungen werden, um eine solche Mulde nothdürftig zu begrünen; im Süden ist es anders, hier sind die Gebirge die bebaubaren Strecken der Wüste.

Ein solches Gebirgsland ist Ahir oder Aßben. Es liegt hart an der Südgrenze, „der Unermeßlichen“, wie der Araber seine Wüste nennt, in einer durchschnittlichen Höhe von 1800′ über dem Meere, umgeben und durchzogen von Gebirgen, welche bis zu 5000 Fuß und höher noch aufsteigen. Das belebende Wasser sendet während der Regenzeit bis zu ihnen seine regenschwangeren Wolken – und hat damit dem Sande sein Recht, der Wüste ihre Macht genommen. Ringsum eingefaßt von der Wüste, liegt es da wie ein blühender Garten, wie ein fruchtbares Paradies inmitten des todten Sandmeeres. Durch das Wasser hat es einen Frühling gewonnen, während die Wüste nur einen einzigen, aber gluthheißen Winter hat; durch den Himmelssegen ist es belebt und geschmückt worden.

Der vom Norden her einwandernde Reisende betritt das Gebirgsland durch einen schmalen Paß, welcher für diese Gegenden als eine Pforte des Sudan angesehen wird, und gelangt, auf rauhen, unebenen Wegen weiter ziehend, allgemach in immer freundlichere, lebendigere Gegenden. Die starre Oede der Wüste verschwindet, die Landschaft wird malerisch. Herrlich geformte, im vollen Licht der Sonne schwelgende Berge umsäumen die Thäler; [109] anmuthig gelegene, aus ächt innerafrikanischen Strohhütten erbauete Dörfer, unter künstlicher Bewässerung frischgrünende Felder und reicher Pflanzenwuchs beleben sie. Jedes einzelne Thal scheint das andere an Schönheit überbieten oder mit ihm wetteifern zu wollen, sei es nun durch die scharf geschnittenen, wechselvollen Bergesgipfel, oder den Reichthum an Pflanzen und Thieren, oder aber durch seinen merkwürdig verschlungenen Lauf, welcher dem ihm folgenden Wanderer zauberisch ein Prachtbild nach dem andern aufrollt.

Aßben ist gleichsam als eine Einleitung zu den Tropen mit all ihrer Fülle und ihrem Reichthum anzusehen. Die Mimosen haben ihr kärgliches Ansehn verloren und die ihnen nur in den Tropen eigene üppige Ausbildung erlangt; ihre gewaltigen Kronen blühen golden und duften balsamisch, hierdurch einer ganzen Welt von Geschöpfen Leben und Unterhalt gewährend. Die Tompalme bildet kleine Wälder; die Dattelpalme erhebt hoch über die übrigen Pflanzen ihr königlich Haupt. Saftig grüne Capparissträucher, fußhohe Grasarten bedecken den Boden; um die Wipfel weben und wirken die märchenhaften Schlingpflanzen ihre Blüthengewinde und Netze, an den Stämmen und auf den Gipfeln wuchern Schmarotzerpflanzen. Hier und da vereinigen sich solche Pflanzengruppen zum Haine, an einigen Orten sogar zum Wäldchen.

Eine reichhaltige Thierwelt hat sich in und zwischen ihnen angesiedelt. In dem Gezweig der Bäume und dem Geklüft der Felsen treiben die ernst-munteren Affen boshaft neckisch ihr wechselvolles Spiel und rauben und plündern in der unverschämtesten Weise mit einem Bewußtsein, als wären sie Herren der Schöpfung; zwischen Gras und Gebüsch versteckt lauert der überaus zierliche, großohrige Wüstenfuchs auf seine Beute; auf freieren Grasflächen begegnet man der schnellfüßigen Gazelle und Schaaren verschieden gearteter Antilopen; in den Gebirgsschluchten wohl auch dem merkwürdigen Klippschliefer, der Zwerg aus der Familie der Riesen, Elephanten und Nashorn. Zur Nachtzeit vernimmt man nicht selten das donnernde Gebrüll des mähnenlosen Löwen; der gelenkige, buntfleckige Leopard, der Schrecken aller Sudanesen, umschleicht dann die Hütte des Eingebornen; Hyänen und Schakale heulen ihre Nachtlieder. Das Volk der Vögel ist in noch bunterer und reicherer Menge zu finden. Auf den höheren Felsenzinnen und in den größeren Wäldern hausen Adler und Edelfalken; um die Hütten fliegen wieder die Schwalben, wie im Fruchtlande; auf den höheren Zweigen sonnen sich die buntfarbigen, sanften und fröhlichen Bienenfresser, und spähen und lauern auf vorüberziehende Kerfe; prächtige Ammern und Finken, Wittwen und Kernbeißer zwitschern lustig in den Baumwipfeln; Turtel- und Lachtauben girren und rucksen an denselben Orten; Wiedehöpfe stolziren ernsthaft auf dem Boden umher; zahlreiche Ketten von Perlhühnern huschen durch Gras und Gestrüpp, und große Flüge von Wüstenhühnern finden sich in den steppenartigen, breiteren Thälern. Mit dem Dunkelwerden vernimmt man das katzenähnliche Geheul der Eulen und das gemüthliche Spinnen der Ziegenmelker, – auch dann noch ist Leben. Selbst die [110] niedere Thierwelt steht diesem Reichthume an Organismen, dieser Fülle und Ueppigkeit nicht nach, welche Aßben zu einem gar anmuthigen Stück Land in der Wüste machen.

Seine tropische Natur zeigt sich namentlich während der Regenzeit, welche hier ganz auffallende Erscheinungen im Gefolge hat. Die Regengüsse des Frühlings – denn nur mit diesem kann die Regenzeit verglichen werden – sind überall in den Tropen so heftig, daß sie an Orten, wo ihr Wasser zusammengedrängt wird, also namentlich in Gebirgsthälern, die furchtbarsten Ueberschwemmungen nach sich ziehen müssen. Dr. Barth beschreibt eine solche durch mehrstündige Regengüsse hervorgerufene Ueberschwemmung mit folgenden Worten:

„Es war etwa vier Uhr Nachmittags, als in unserem Lager, welches in einem fast 2000 Schritte breiten Thale aufgeschlagen war, der Ruf vernommen wurde: „die Fluth kommt!“ Eine breite, mit weißem Schaum bedeckte Wassermasse wälzte sich von Süden her zwischen den Bäumen das Thal entlang. Binnen kurzer Zeit war dieses in ein Flußbett und unser Lagerplatz in eine Insel verwandelt. Anfänglich, fast ausgedorrt von Hitze und Dürre, betrachteten wir dies außerordentliche Schauspiel mit einer fast kindischen Freude; allein bei Zeiten mußte ich an Vorsichtsmaßregeln mahnen: denn es begann einen drohenden Charakter anzunehmen. Am folgenden Tage zeigte derselbe Strom ein großartiges Bild der Zerstörung, wohl geeignet, uns in lebhafter Weise die Sündfluth zu vergegenwärtigen.

„Während der Nacht und am folgenden Morgen ergoß sich der Regen ununterbrochen in Strömen. Das Wasser im Thale schwoll immer höher und drohte den Schwellpunkt des Thalbodens, wo wir unseren Lagerplaz gewählt hatten, zu überfluthen. Unsere Leute machten nun spät einige kindische Versuche, uns durch einen Damm oder Deich zu schützen. Es ward endlich nothwendig, unseren Lagerplatz zu verlassen und einen höher gelegenen Punkt aufzusuchen. Die Kamele waren schon vom Strom fortgerissen und konnten sich nur mit Noth an größeren Baummassen halten, die daraus hervorragten. Doch das Wasser stieg immer höher und schäumte zuletzt über den Rand der Insel, ihn stets mehr und mehr unterwühlend; der Strom führte losgerissene Bäume mit sich fort; theils einzeln, theils in floßartigen Verbindungen wurden sie an uns vorübergetrieben, während wir von unserem Halt aus das wunderbare Schauspiel anschauten. Schritt für Schritt mußten wir nach dem höheren Mittelpunkt dieser kleinen Zufluchtsstätte zurückweichen. Endlich blieb kaum noch Platz für unsere ganze Gesellschaft übrig, und wir konnten schon berechnen, wie wenig Zoll das Wasser noch zu steigen brauche, um unser ganzes Gepäck zu zerstören und unser Leben selbst zu gefährden.

„Da erreichte zu glücklicher Stunde die Ueberschwemmung ihre Höhe; wenigstens schwoll das Wasser nicht weiter an, und die Fluth hielt sich für einige Zeit auf gleichem Standpunkte. – Später sahen wir an verschiedenen Stellen die Ruinen von Häusern, die von den Fluthen zerstört worden waren.“

[111] Aehnliche Regengüsse und Ueberschwemmungen sind in Aßben während der, regelmäßig Anfangs September eintretenden, Regenzeit nicht selten. Der furchtbare Aufruhr der Natur bei tropischen Gewittern zeigt sich schon hier in seiner vollen Stärke und Majestät, während in den Nilländern unter gleicher Breite kaum noch an Regen gedacht wird. Die wüthendsten Orkane pflegen dem Regen voraus zu gehen; sie kommen, wie in den oberen Nilländern, aus Südwesten. Gewitter, mit jenem ohne Unterbrechung rollenden, unbeschreiblichen Donner und kaum unterbrochenen Blitzen, mit jenem namenlosen Brausen, Pfeifen, Rauschen und Tosen, wie ich solche so oft im östlichen Sudan durchlebte, scheinen jedoch seltner zu sein. Aber wie hier, sind auch in Aßben die Regen die Erwecker des durch die Gluth der Zeit der Dürre eingeschläferten Lebens. Mit jedem Tage macht dann das Wachsthum der Pflanzen reißende Fortschritte, und schon nach wenig Wochen ist das ganze Land ein einziges blühendes, wirkliches Paradies, in welchem Thiere und Menschen aufleben in höchster Fülle der Lust. –

Die Bewohner dieses glücklichen Gebirgsländchens gehören zu dem großen Volke, welches wir Berber nennen, und zu dem Stamme der Kelowi. Diese sollen um das Jahr 1740 vom Südwesten her hereingebrochen sein und das Land mit Waffengewalt erobert haben. Ihr Name bedeutet „Angesessene“ – im Gegensatze zu den frei herumschweifenden Beduinen und andern Nomaden oder den Tibbos, den rast- und ruhelosen, leicht beweglichen „Vögeln der Wüste.“ Sie leben auch wirklich in feststehenden Strohhütten, – nicht in willkürlich bald hier, bald dort aufgeschlagenen Zelten oder jenen zierlichen Hütten aus Matten, welche die Tagama des Westens oder die schönen, leichtfertigen Hassanie als Wohnungen benutzen.

Bei ihrer Eroberung rotteten die Kelowi die ursprüngliche Negerbevölkerung des Landes nicht aus, sondern vermischten sich mit ihnen. Wie bei den griechischen Ansiedlern in Lycien, wurden jedoch bloß die eingebornen Frauen eines solchen Vorrechtes theilhaftig, die eingebornen Männer aber unterdrückt und nach und nach beschränkt leibeigen, da ihre Kinder wenigstens nicht außer Landes verkauft werden dürfen. Die Kelowi haben in Folge ihrer wiederholten Verbindungen mit dem weiblichen Theile der früheren Bevölkerung verloren und gewonnen. Ihre schöne, hohe und edle Gestalt, das scharf geschnittene Gesicht und ihre lichte Hautfarbe büßten sie nach und nach ein; dafür aber nahmen sie den leichten, kindlich fröhlichen Sinn der Innerafrikaner an. Sie sind heut zu Tage als Mischlinge anzusehen, sowohl körperlich, als geistig. Die Strenge der Sitten ihrer Stammesgenossen ist einer fast allzuleichten, ächt innerafrikanischen Lebensanschauung gewichen und Leichtfertigkeit in jeder Hinsicht ihr allgemeines Besitzthum geworden.

Heut zu Tage noch herrschen eigenthümliche Gebräuche in Folge dieser früheren Bevorzugung der eingebornen Frauen. Der Kelowi, welcher heirathet, nimmt seine Frau nicht mit sich in sein Heimathsdorf, sondern [112] siedelt sich in dem ihrigen an; der Häuptling kann rechtmäßige, seiner Würde theilhaftig werdende Kinder nur mit einer schwarzen Frau oder Sklavin erzeugen. Das Recht der Erblichkeit dieser Würde beruht auf nicht minder eigenthümlichen Grundsätzen. Nicht der Sohn des Häuptlings folgt ihm als Herrscher, sondern der Sohn seiner Schwester. Denn der Schwestersohn hat unzweifelhaft wenigstens etwas von dem reinen Geblüt des Häuptlings in sich, der eigene Sohn kann möglicher Weise dem fürstlichen Blute ganz fremd sein. Ein Araber würde den geringsten Zweifel an der Ehre und Treue seiner Gattin als die höchste Beleidigung ansehen, welche ihm nur immer zugefügt werden könnte; ein Türke würde solchen Frevel mit dem Tode strafen; ein Quilimid betrachtet die Sitte seiner Stammverwandten als überaus schmachvolle Einrichtung: der Kelowi findet sie, wie viele Stämme Innerafrika’s und Indiens, ganz vernünftig. Die übrigen Berber blicken aber freilich mit höchster Verachtung auf den Kelowi herab und nennen ihn selbst einen „Sklaven.“

Dieser eine Gebrauch kennzeichnet den Charakter und die Sitten des Volkes von Aßben; er darf uns jedoch nicht verleiten, die Verachtung der reinen Berberstämme zu theilen. Denn der Mensch jener Länder, deren Himmel die Sinnlichkeit nur allzusehr begünstigt, kennt die Schranken nicht, welche Bildung und Gesittung ziehen, sondern folgt rückhaltslos dem Triebe des Augenblicks. Daher stammen seine lockeren Ansichten über das Zusammenleben beider Geschlechter, und nach solchem Maßstabe sind sie zu beurtheilen. Der Kelowi steht in unseren Augen noch immer weit höher, als der Hassanie des Ostens, welcher sich bei der Verheirathung vertragsmäßig verpflichtet, seiner Gattin jeden dritten Tag freie Verfügung über sich und ihre Reize zu gestatten. –

Auch im Uebrigen entspricht ihr Wesen dieser leichtfertigen Anschauung der Dinge. Sie haben die lockersten Ansichten über das Recht des Eigenthums und bestehlen oder betrügen den Fremden oder sich gegenseitig, wo sie nur immer können, ohne dabei an Unrechtthun zu denken. Vielmehr sehen sie Erpressung oder selbst Diebstahl als etwas ganz Vernünftiges, die Ueberlegenheit ihres Geistes Beweisendes an. Nur in einer Hinsicht urtheilen sie strenger: im Bezug auf Glaubenssachen. Sie bekennen sich zum Islam und haben mit ihm auch das Bestreben angenommen, Andersdenkende zum „alleinseligmachenden Glauben“ zu bekehren: allein jedenfalls würden wir ihnen großes Unrecht thun, wenn wir annehmen wollten, daß sie glaubenswüthiger, unduldsamer und verfolgungssüchtiger wären als – wir Christen es sind.

Einige Familien haben durch ihre Besitzungen und ihre geistige Ueberlegenheit ein gewisses Uebergewicht erlangt und können als Adelige unter den Uebrigen angesehen werden. Gegenwärtig gehört der Oberhauptling der Familie Irholang an, welche mehr als zehn Dörfer bewohnt. Annur, einer der Häuptlinge, haust in dem Dorfe Tintellust, welches unsere Abbildung uns zeigt; die übrigen wohnen in den Dörfern Asaneres und Tamar, der Sultan oder Oberhäuptling aber residirt in dem Städtchen Agades. Nur selten vereinigen sich [113] mit den Genannten auch die übrigen Häuptlinge zu gemeinschaftlichen Kriegszügen; gewöhnlich handelt jeder Einzelne nach eigenem Ermessen, ohne sich viel um den Sultan zu kümmern. Alle Häuptlinge zusammenmögen 8–10,000 Krieger in’s Feld führen können: diese Zahl dürfte aber alle waffenfähigen Männer Aßbens in sich begreifen.

Das Ländchen könnte, würden seine Thäler sorgfältiger angebaut, weit dichter bevölkert sein, als gegenwärtig, wo der größte Theil aller Bedürfnisse der Bevölkerung eingeführt werden muß. Der schwunghaft betriebene Salzhandel mit Bilma, welcher Tausende von Kamelen beschäftigt und ganze Länder Innerafrika’s mit dem hier ungemein hoch geschätzten Erzeugnisse der Wüste versorgt, gibt den Einwohnern Aßbens die Mittel zum Tausche. –

Tintellust ist ein kleines Dorf, welches nur aus wenigen Strohhütten besteht. Sie haben im Allgemeinen die Gestalt und Einrichtungen der Wohnungen, welche man im ganzen Innern Afrika’s findet. Auf einer runden Wand aus Pfählen und Querstangen, welche mit Steppengras oder Durrahstroh bekleidet ist, erhebt sich das rundliche oder kegelförmige, sehr dichte Strohdach, welches besonders gefertigt und von einigen Männern auf die es tragende kreisrunde Wand gesetzt wird. Diese Hütten sind den Verhältnissen der Binnenländer Afrika’s durchaus angemessen. Zwar jagt der Wind Staub und Sand nach Belieben durch die Wände und die einzige Oeffnung, die Thüre, in’s Innere, aber er kühlt dasselbe auch wiederum und verwehrt die Bildung jener ungesunden, dumpfen Luft, wie man sie in Lehmhäusern während der Regenzeit regelmäßig findet; das Dach hält den Regen trefflich ab, während die Lehmhütten von demselben nicht bloß durchweicht, sondern sogar eingerissen werden; die im Vergleich zu letzteren Wohnungen immer noch lichten Wohnungen werden weniger von Schlangen, Skorpionen und Termiten aufgesucht: kurz, die Strohhütten sind entschieden zweckdienlicher, als die Lehmhäuser.

Von fern kann man ein Strohhüttendorf freilich kaum von dem Grase der Steppe unterscheiden: in der Nähe gesehen, nimmt es sich ganz stattlich aus. Die Einzelheiten treten dann deutlich hervor und verleihen dem Gesammtbilde einen eigenen Reiz. In den Tropenländern bewahrt sich das freundliche Völkchen der Flechten und Moose sein altes Recht, selbst solchem dürftigen Gebäude seinen Schmuck aufzulegen; oder aber Schlingpflanzen umranken und umschoonen die einzelnen Hütten. Dann wird es, wie Schreiber aus Erfahrung versichern kann, selbst dem Nordländer ganz heimlich zu Muthe; und er lernt sich auch in solchem Dorfe behaglich fühlen.

Bei Tage geht es still in und zwischen den Hütten her, das eigentliche Leben erwacht erst mit der Nacht. Die ewig lauten Hunde, welche behend auf den Dächern herumklettern, liegen während der Hitze im Schatten; [114] die Menschen haben sich in’s Innere der Hütte zurückgezogen. Hier liegt der Mann auf dem elastischen Lagergestell, welches in keiner Hütte fehlt, halb oder ganz nackt in träger Ruhe, während die Frau oder die Sklavin sich um das Feuer oder am Reibsteine mit Zerkleinern der Brodfrucht beschäftigt. – Außer diesem Lagergestell, den wenigen Töpfen, dem Reibstein, den Waffen des Mannes, Reitzeug und Hirtengeräthen, einigen Matten, Kürbisflaschen, Mulden und höchst einfachen Spielereien gewahrt man selten anderweitige Hausgeräthe im Innern der Hütte; denn das Getreide wird unter der Erde aufbewahrt, und das Hauptbesitzthum grast auf der Weide. Gleichwohl wird Einem die Hütte werth, wenn man durch längeren Aufenthalt gezwungen worden ist, aller Bequemlichkeit zu entsagen und sie als Wohnung anzusehen: man kommt dann zur Ueberzeugung, daß sie Alles enthält, was der Mensch bedarf.

Zur Nachtzeit gewinnen Dorf und Hütte ein ganz anderes Gepräge. Ueberall ist es lebendig geworden; die Zeit der Unterhaltung hat begonnen. Große Feuer werfen ihre Strahlen nach allen Seiten hin und rufen grelle Bilder hervor. Die Hunde sind wach und rührig und lärmen und bellen; die Menschen scheinen es ihnen nachthun zu wollen. Um das Feuer sammeln sich nach und nach Gruppen dunkler Männer und Frauen. Bettelnde und lungernde Musikanten handhaben die Trommel; ihre Klänge wecken ein dumpfes Echo in den Bergen. Gellende Stimmen von außen hallen dazwischen, die Hyänen umschleichen das Dorf und heulen mit den Schakals um die Wette. Nicht selten vernimmt man auch wohl den Donner des Löwen in den Bergen. Das Feuer wehrt einem Ueberfalle der Raubthiere, drum sind die Menschen unbesorgt und heiter. Hier schafft die Trommel eine Gruppe, welche sich zum Tanze ordnet, dort vertreibt sie Leute, die lieber allein sein wollen. Die Liebe schleicht ihre heimlichen Wege; das Diebsgesindel naht sich verstohlen. Bis Mitternacht währt das Getreibe; dann wird es stiller. Einer nach dem Andern geht seiner Hütte zu. Die Hunde halten die Wacht; unablässig lauschen und spähen sie hinaus in die Nacht. Die aber wird stiller und stiller; nur der Ziegenmelker noch spinnt seine Nachtgesänge weiter. In herrlicher Reinheit leuchten die Sterne herab von dem dunkeln Himmel auf die jetzt so schöne, stille Welt.