Die Marienburg in Preußen
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MARIENBURG
Je ärmer die preußischen Niederungen an Allem sind, was dem Sinn für das Schöne und Erhabene in der Natur und Kunst gefallen könnte, je einförmiger dort die Physiognomie ist von Feld und Wald, um so angenehmer wird es überraschen, in einer solchen Gegend eine Prachtblüthe der alten Kunst zu treffen, die, wie eine Maleiche, welche ihre tausend Aeste hinauf und hinaus in’s Weite streckt, Bewunderung erregt. Nehmt der mittelalterlichen Geschichte Preußens seinen Deutschritterorden, nehmt den Ufern der Nogat und Weichsel Marienburg und Danzig, so habt ihr die schönsten Perlen weggenommen, und was übrig bleibt, ist Gewöhnliches und Nüchternes, an dem weder das Gemüth sich erheben, noch die Poesie hinaufranken kann. Wer freilich schon zufriedengestellt ist, sobald nur die materiellen Interessen gewahrt sind und blühen, und der Wohlstand gedeiht; wer sich von der Geschäftigkeit auf den Strömen, Chausseen und Schienenwegen in der fruchtbaren Niederung vorzugsweise angezogen fühlt und sich daran gewöhnt hat, sie als den wahren Ausdruck der Volksglückseligkeit zu betrachten; wer in dieser Zeit, welche den Eigenvortheil als einzigen Gott anbetet und in der Befriedigung der Sucht nach Genuß das Höchste des Lebens erkennt, mit sich einig geworden ist, in dem Idealen nur einen schädlichen Ballast des Geistes zu sehen, und in der Kunst, sobald sie über ihre Berechtigung, den Komfort zu dekoriren, hinaus geht, etwas Ueberflüssiges – der wird in der Trümmerherrlichkeit der Marienburg etwas sehr Gleichgültiges finden. Andere fühlen ihre Theilnahme nur durch den Gedanken getragen, daß der alte Bau doch brauchbares Material für andere Zwecke biete, und sie werden bei dem Anblicke der majestätischen Räume, ihrer edlen Pracht und ihres überschwenglichen Ornamentenreichthums vielleicht berechnen, wie viel Wispel Korn dort gelagert, wie viel Sträflinge dort untergebracht, wie viel Maschinen und Fabrikarbeiter dort beschäftigt werden könnten. Für solche Prosaiker des Lebens, welche den
[70] Bauch und den Mammon, das Nützliche und Rentable beständig in den Vorgrund schieben, oder ihnen allein Geltung zugestehen, für Jene auch, denen es allemal lieber ist, in den finstern Schacht einer Kohlengrube einzufahren, als durch ein kunstvoll gegliedertes Portal in das magische Dunkel eines Tempels Gottes zu treten, wird die Beschreibung der Marienburg so wenig Unterhaltendes haben, als für Diejenigen, welche bei dem Anblick eines solchen Werkes idealer Begeisterung und Kraft beständig an die Millionen denken, welche es gekostet haben mag, und seufzend berechnen, wie viel Kanäle und Spitäler, oder auch wie viel Kasernen, Marställe, Kadettenhäuser und andere Nothwendigkeiten des modernen Staatsglückes dafür zu bauen gewesen wären. Die Armen! fern liegt ihnen die Betrachtung: wie viel Herzen im Laufe des Jahrhunderts ein solcher Bau durch seinen Anblick und durch die geschichtlichen Erinnerungen, die sich an ihn knüpfen, gehoben, erwärmt, zu edlen Vorsätzen und großen Entschlüssen angeregt hat, und der Begriff ist ihnen verschlossen, daß Männer, die so ein Werk erdenken, anordnen und ausführen konnten, so gut zu den Wohlthätern und Erziehern der Menschheit gehören, als die großen Erfinder und Entdecker, die Dichter und Propheten des Geschlechts.
In den baltischen Ländern hat sich in der Frühzeit der Hansa und des Deutschritterthums der germanische Baustyl in einer ganz eigenthümlichen Weise ausgebildet. Die Herrschaft des deutschen Ordens in Preußen war der vorzüglichste Träger der Kultur und Kunst in diesen Ländern und der eigentliche Nerv ihres Lebens. Die Gewohnheit der Glieder jener kriegerischen Gemeinschaft, in fernen Ländern, zumal in Italien und im Morgenlande, Krieg und Abenteuer aufzusuchen, hatte Einfluß auf jene Ausbildung. Daher die sichtbare Verbindung maurischer und byzantinischer Elemente mit den germanischen in den wenigen großen Bauten, die noch aus jener Zeit übrig sind.
Es schließt diese Verschmelzung die majestätische Einfachheit in der Anlage nicht aus, welche den bezüglichen Monumenten der erwähnten Periode eigen ist. Sie tragen alle das Gepräge einer ruhigen Reflexion, erhabener und großer Ideen. Tritt auch zuweilen in der Gliederung des architektonischen Ganzen die rhythmisch bewegte Entwickelung seiner Theile gegen die Masse zurück, so drückt sich doch stets sowohl in der Kraft und dem Ebenmaß der Hauptformen, als in der großartigen Kühnheit aller Verhältnisse die Meisterschaft auf das entschiedenste aus, und die reichste, eigenthümlich gestaltete, Ornamentik wird man selten vermissen. Granit und gebrannter Stein, sehr oft in gemeinschaftlicher Anwendung, bilden das Material zu jenen Bauten. Es begünstigt diese Verbindung die reiche Dekoration der Außentheile, der Strebepfeiler, Friesen, Gesimse, Fensterblenden, Giebel, Zinnen und Thürme, und sie läßt, bei der Vielfarbigkeit der glasirten Ziegel, die höchste malerische Wirkung in eben der Weise erlangen, als in so manchen Bauten Oberitaliens durch die Anwendung verschiedenfarbigen Marmors. – Diese Eigenthümlichkeiten treten vorzugsweise in den Monumenten des deutschen Ordens – seinen Burgen, Schlössern und Kirchen [71] hervor, unter denen der berühmte hochmeisterliche Sitz, die Marienburg, obenan steht. – Kein Fürst des Mittelalters besaß jemals eine Wohnung für prächtigen und glänzenden Lebensgenuß, die edler und schöner gewesen wäre.
Den imposantesten Anblick gibt die Marienburg vom linken Nogatufer aus. Der Charakter des Werks ist Einfachheit und Hoheit; er macht auf den Beschauer einen unauslöschlichen Eindruck. Der vielfache Ein- und Anbau aus späterer Zeit, welcher in der Nähe die Betrachtung stört, verschwindet von fern in der gewaltigen Masse des Ganzen wie die Altäre der Pfaffen im römischen Kolosseum, wie die arabischen Lehmhütten in den Tempeln der Thebais. – Angeweht von dem Geiste einer reichen Erinnerung, der seine Flügel mächtig um diese hohen Zinnen schwingt, vergißt man leicht die Anachronismen, die ein späteres Barbarenthum, welches, um sich über seine eigene Leere zu trösten, so gern alle Form- und Bilderschrift einer charakteristischen Vorzeit auslöschte, auch an diesem erhabenen Werke angebracht hat. Die dem Blicke zugekehrte Westseite, des „mittleren Schlosses“, einst Residenz der Hochmeister, schaut noch, vom Vandalismus unbehelligt, in reiner, alterthümlicher Gestalt und in voller Majestät zu uns herüber. Vom Nogatufer aus läßt sich auch der Raum deutlich erkennen, welchen einst die Außenwerke der Ordensburg einnahmen; von jenem runden Wartthurm gegen Nord an bis weit über die Stadt hin, wohl eine Viertelmeile lang, streckten sich die Thurm- und Mauerkränze des gewappneten Hochmeister-Hauses aus, und noch häufig treten die Substruktionen derselben, zuweilen auch mit Buschwerk und Schlingkraut überwachsenes Mauerwerk, aus dem Grün der Umgebung hervor. Dem nördlichen Flügel des Schlosses gegenüber ist der Gasthof zum „Hochmeister“, die gewöhnliche Einkehr der Fremden. Man übersieht von den Fenstern desselben die ganze Nordfaçade, mit der Zugbrücke davor und dem Eingangsthore dahinter. Das sorgfältig restaurirte Hauptportal mit seinen Zinnen und den gothischen Spitzthürmen nimmt sich besonders prächtig aus. Zwischen letzteren gewahrt man das hochmeisterliche Wappen, ein schwarzes Kreuz mit goldener Einfassung und dem schwarzen Adler auf einem kolossalen Schild aus grauem Stein. Die Vormauern tragen einen langen Zinnenkranz; kräftig und zierlich zugleich geschnitten. Hinter demselben prangt die dreifache Reihe gothischer Fenster, welche die hohen Säle erleuchten. Die beiden Eckgiebel sind mit Spitzbogen und Knäufen verziert und um das ganze Dach laufen Zinnen; an jeder Giebelseite aber lugt ein altersgrauer Wartthurm über die Schloßmauer – zugleich spähend und drohend.
Ein hochgewölbtes Thor führt in den Schloßhof. Wir befinden uns vor dem Hauptbau. Dieser besteht aus zwei nebeneinander gebauten Burgen, großen Vierecken, welche Höfe einschließen, und die getrennt sind durch einen tiefen Graben, über den eine Zugbrücke führt. Die eine dieser Burgen, welche die Aussicht auf die Stadt deckt, ist das „obere“ oder „hohe Schloß“, vom Hochmeister Konrad von Thierberg 1275 als ursprüngliche Burgveste erbaut. Sie war in späteren Tagen die eigentliche Wohnung der Ritter. Die Schönheit ihres „Kapitelsaals“ rühmen alle [72] Chroniken. Im östlichen Flügel befindet sich die monumentenreiche Schloßkirche, unter welcher die St. Annengruft als Ruhestätte der Hochmeister sich wölbt, die von Dietrich v. Altenburg erbaut wurde. Das „hohe Schloß“, 1643 durch Brand hart mitgenommen, ward später durch Friedrich den Großen, im Interesse des Nützlichkeitssystems, in ein Heu- und Korn-Magazin umgewandelt. Neben der Schloßkirche steigt der „Pfaffenthurm“ empor mit den einst prächtigen Wohnungen der Geistlichen des Ordenshauses. Die nachherigen polnischen Herren machten ein Jesuitenkollegium daraus und der alte Fritz ein Zeughaus. – Die zweite Burg, das „mittlere Schloß“, besteht aus drei langen Schloßflügeln, die ein offenes Quadrat bilden. Den einen nimmt die „Bartholomäuskirche“ ein, an welche die Staatszimmer des Ordensfürsten und die Gastkammern für Fremde sich anschlossen. Auch dieser herrliche Bau ward 1803 zum Magazin und die Säle der Hochmeister wurden zu Schüttböden entwürdigt. Die mittlere Façade mit dem großen Portal enthielt links des „Großkomthurs Wohnung“, von besonderer Pracht, und rechts die „Herreninfirmerie“ oder das Ritterhospital. Diese ganze Partie der Burg wurde 1802 in Wohnungen für die Magazinbeamten verkehrt und man muß sogar an der Möglichkeit verzweifeln, sie wieder herzustellen. – Der westliche Flügel endlich enthielt die Wohnung für den Hochmeister, welche mit dem großen Konventsremter der Ritter zusammenhing. Er ist das eigentliche Residenzschloß. Dietrich v. Altenburg hat den Bau auch dieses Prachtbaues begonnen, doch die Vollendung desselben ist gewiß in die Zeit des großen Winrich zu setzen. Damals waren die Macht und der Reichthum des Ordens auf ihrer Höhe; die Mittel, den Bau so prachtvoll auszuführen, waren also in Ueberfluß vorhanden. Schon die äußere Ornamentik deutet auf die Majestät der Person, welche in diesen Gemächern ihren Wohnsitz hatte, und das Innere entspricht dem Aeußeren. Die ganze Façade erscheint wie ein lichtes Fenster. Das zierlich durchbrochene Mauerwerk wird von schlanken Granitpfeilern mit kolossalen Karyatiden auf Mauerbogen von Granit getragen, über die sich das Filigränwerk der durchbrochenen Zinnen, die als Brustwehr hoch über das Dach steigen, wie eine Krone gegen den Himmel abkantet. Drei Eingangspforten führen jede in eine andere Etage. Ueber der mittleren erinnert das in Stein gehauene Wappen der fürstlich Reußischen Familie an einen Ahn derselben, Heinrich von Plauen, der das Ordenshochmeisteramt in einer Zeit der schwersten Kämpfe und Bedrängnisse bekleidete.
Nicht minder stattlich ist der Anblick, wenn wir von der Zugbrücke des trockenen Grabens, der das Hochschloß vom mittleren trennt, die Südseite des hochmeisterlichen Palastes vor uns haben und den ganzen Bau vollständig von seinen untersten Geschossen an durch vier Stockwerke bis hinauf zu den hochragenden Zinnen in’s Auge fassen. Die riesige Kraft des unerschütterlichen Mauerwerks im Fundamente, der Ernst in den Anstalten zur Vertheidigung, die heitere Ansprache der Kunst in den mit den zierlichsten Skulpturen ausgestatteten Fensterbögen und Thürgewänden, die Kühnheit der Zinnenbrüstung und die Harmonie des Ganzen ist wunderbar schön! Tief aus dem [73] Boden, von den mächtigen Kellern an, die, wie der gebändigte Erdgeist, unwillig sich beugend, das Ganze tragen, erhebt sich der Bau, Pfeiler auf Pfeiler und Gewölbe über Gewölbe, wie der Thurm eines Münsters, immer höher, leichter und luftiger bis in die lichten Sterngewölbe, die das Ganze mehr überschweben als bedecken.
Aber den großartigsten Eindruck empfangen wir doch auf der Nogatseite des Schlosses. Stolz thürmen sich da die 4 Stockwerke des Baues über einander. Oben im höchsten ist der Prachtsaal, „Meisters großer Remter“, mit seinen weiten Fenstern und herrlichen Glasmalereien; über denselben die Brustwehr mit dem Zinnenkranze. Alle Fenster, welche in langen Reihen bis zum Erdgeschoß sich hinabsenken, sind durch zierliche, vorspringende Granitpfeiler von einander geschieden, und auch unter den mächtigen Eckbrustwehren oben treten solche Pfeiler aus der Masse hervor. Sie gleichen, aus der Entfernung gesehen, feinen weißen Stäben und die Steinverzierungen unterhalb der Zinnen hängen wie ein leichter Schleier über die Fenster hinab. Je höher der Bau hinaufsteigt, desto größer wird seine Kühnheit, und je höher das Gestein dort oben sich fügt, desto luftiger und leichter erscheint es, trotz seiner ungeheuren Masse. In der That wird man nirgendwo an einem weltlichen Gebäude so viel Größe und Würde, so viel Masse und Kraft, vereinigt mir Leichtigkeit und Freiheit im kühnsten Aufschwung, beisammen finden, als an dem Mittelschlosse der Marienburg. Dasselbe ist zwar nur ein kleiner Theil des großen Ganzen; doch offenbart sich in ihm am meisten der Kunstsinn des Baumeisters und eine Erhabenheit der Architektur, wie sie in Deutschland sonst nur an Kirchenbauten sichtbar wird. Links von diesem vorspringenden Schloßflügel schließt sich der untere „Konventsremter“ an, der einstige Speise- und Festsaal der Ritter. Er wird erhellt durch eine stattliche Reihe von acht großen, in Farben glühenden Fenstern mit reichen Ornamenten und über denselben verleiht ein langer Kranz von Zinnen dem Ganzen Ernst. Schade, daß den vollständigen Ueberblick späteres Flickwerk beeinträchtigt! Es ist eben im Plane, diese elenden Gebäulichkeiten, die bald auf den Stumpf eines alten Burgthurmes aufgesetzt, bald schief auf gebrechlichen Holzpfählen stehen, wegzureißen; und doch haben auch diese Hütten ihre Berechtigung, wie die Mistel auf dem abgestorbenen Eichstamm, oder das Eulennest auf dem zerbrochenen Thurme. Es liegt doch immer etwas Pathetisches darin, wenn sich Lebendiges an Todtes knüpft.
Der Anlage nach ist die Marienburg nicht nur das umfangreichste, sondern, seiner großartigen und originellen Konstruktion wegen, auch das schönste und erhabenste Schloßbauwerk des Mittelalters. Die kompetentesten Beurtheiler unserer Zeit sind dieser Meinung; Möller in Darmstadt, Schinkel und Quast in Berlin, auch Brown aus New-York, welcher erst unlängst, von Petersburg kommend, der Burg seinen Besuch abstattete. Der verwüstete Zustand vieler Theile spottet leider einer vollständigen Restauration; nie wird der Bau wieder in seiner ganzen Pracht hergestellt werden. Die vom Vandalismus der polnischen Herrscher und auf Friedrichs des Großen Befehl zertrümmerten [74] Prachtgewölbe und zerfallenen Thürme und Arkaden neu aufzuführen, das würde Hunderttausende kosten, und wo sind die Meister, welche es in der kunstvollen Ornamentik den Alten gleich thun könnten? Schon die Restauration der Hochmeisterwohnung und des Konventremters hat die Mittel sehr erschöpft; und doch galt sie nur dem vergleichsweise bester erhaltenen Theil des Ganzen. – Ein ganz eigenthümlicher Geist lebt in der Marienburg. In den deutschen Domen sehen wir die Kirche allein in einer großartigen Idee verkörpert. Im Hochmeisterschloß ist Religion und Heldenleben des Mittelalters in ein großes Gemälde gebracht. Wie der Ritter des Ordens Kreuz und Schwert trug, so ist in diesem Ordenshause auch überall eine Vereinigung des Heiligen mit dem Weltlichen sichtbar. Das Haus war eine Fürstenburg, eine Landeswehr gegen Feindesgewalt, es war der Palast eines mächtigen Herrschers; es war zugleich eine der Religion geheiligte Stätte. Nicht weniger als drei Kirchen und Kapellen befanden sich auf der Marienburg, und Kunst und Reichthum wetteiferten in ihrer Ausstattung.
Bevor wir uns von dem Orte trennen, wo so Vieles zum Herzen spricht und die Gedanken anregt, wollen wir noch ein Paar Einzelheiten beschauen. Wir folgen dem Kastellan zum „obern Gang“, der zu „Meisters großem Remter“ führt. Die hohen Gewölbe desselben ruhen in der Mitte kühn auf einem einzigen Granitpfeiler. Die gewaltigen Fenster, mit den zartesten Skulpturen, Laubgewinden und Thiergestalten, geziert und mit den schönsten Glasmalereien geschmückt, gewähren eine unermeßliche Aussicht in’s flache Werderland. Daß es in diesem Saale oft froh zugegangen sey, davon zeugen die prächtigen Schenkbänke aus Marmor, die an der Wand hinlaufen, und die Kloben an den Decken, an welchen die Kronleuchter hingen. Denkt Euch diese Gewölbe, Gurte, Pfeiler und zahllosen Ornamente im Wiederscheine der Kerzen, wie sie lebendig in einander ranken; denkt sie Euch, von draußen gesehen, bei dunkler Nacht, wie eine Riesenleuchte über dem stillen Lande thronend: es war gewiß schön! – Auch der 110 Fuß lange Konventremter mit seinen weißen, luftigen Sterngewölben, die von drei schlanken Granitpfeilern getragen werden, ist herrlich, zumal wenn die Abendsonne in den bunten Schildereien der acht hohen Spitzbogenfenster flammt und den farbigen Fliesenteppich mit phantastischen Blumen bestreut. Seine gewaltige Decke, die in kelchförmigen Wölbungen dreimal mit den Pfeilern zusammen wächst, verwandelt die schlanken Steinstützen gleichsam in Palmbäume, welche ihre Aeste in elastischer Biegung gen Himmel strecken und sanft zur Erde wieder zurückneigen, oder in kolossale Lilienkelche von Stein, denen des Meisters Hand Leben einzuhauchen schien. Es dürfte nicht zu viel behauptet seyn, die gesammte gothische Baukunst habe unter ihren Tausenden edler Bildungen kein Gewölbe hervorgebracht, welches an Leichtigkeit, Eleganz und schönem Verhältniß der Stützen zum Gestützten diesem Meisterwerke der Kunst gleichkommt. Alle frühern Gewölbekonstruktionen scheinen nur Vorbereitungen zu diesem Triumphe; alle spätern ein Hinabsteigen vom Gipfel.
Zum Schluß noch einen Blick auf ein Kunstwerk der Marienburg, das vielleicht das originellste des ganzen [75] Baues ist; ich meine die sogenannte „goldne Pforte“ – das Portal der Schloßkirche. Dieses Prachtthor war einst vergoldet. Der Figurenschmuck, die Laub- und Blumen-Ornamente an demselben sind von der edelsten Bildung; Anmuthigeres hat die Kunst niemals hervorgebracht.
Fragen wir nun, ehe wir der Marienburg unsern Scheidegruß zuwinken, wer ist der Baumeister dieses hohen Hauses? so bleiben wir ohne Antwort. Keine Tradition hat seinen Namen aufbewahrt. Ohne Zweifel haben (von 1280–1360) der Baumeister mehre daran gearbeitet. Der Hochmeister, unter welchem der Bau begonnen, kam von Venedig, und es kann daher nicht auffallen, daß man so vielfach durch Styl und Ornamentik an die alte Beherrscherin der Meere erinnert wird. Schinkel will auch Aehnlichkeit mit den Rathhäusern von Löwen und Brüssel; Böttcher mit der Alhambra und Bathalia erkennen; Alle stimmen aber in der Bewunderung des Werks überein. Wie von der Hochburg Athens das Bild der schützenden Göttin weithin gesehen wurde, so, wenn auch naiver, blickt die Umgegend nach der Schutzheiligen des Ordens. „Siehst du die Marienburg nicht?“ ist noch jetzt die sprichwörtliche Frage in des Volkes Mund, wenn das Auge das Nächste und Größte übersieht.
Das Licht einer großartigen Vorzeit umstrahlt die alten Mauern der Hochmeister-Residenz; – die Erinnerung an das große Leben eines vergangenen Geschlechts spricht noch mahnend aus den gewaltigen Gebilden der ehrwürdigen Ruine; die Umgestaltung eines heidnischen Landes in ein christliches, die Begründung eines deutschen Lebens am fernen Bernsteinmeere, die Grundlegung der Verfassung des heutigen Preußenlandes: – Alles führt auf die Marienburg zurück, und wenn die Burg, mit Künstleraugen betrachtet, auch bei weitem nicht so herrlich dastände, schon als geschichtliches Denkmal, als Ehrenmonument der preußischen Vorzeit, hätte sie Erhaltung oder Wiederherstellung verdient.
Der Verfall des Schlosses fing an, als der Orden nicht mehr fähig und würdig war, seine Herrschaft zu behaupten. Lange Jahre lag sie öde; erst in neuester Zeit ist sie, wenn auch nicht wieder geboren, aber doch von den entstellenden Zuthaten und dem Schutt, die sie verhüllten, theilweise gereinigt worden. Ich sage theilweise; denn noch viele Jahrzehnte werden dazu gehören, herzustellen, was Jahrhunderte verwüsteten. Nach Vertreibung des letzten Hochmeisters war sie hinabgesunken zum Wohnsitze polnischer Starosten. Dann kam die Burg an Preußens Friedrich, der, wie sein Nachfolger, Arges an ihr verschuldete, und in der That an der Marienburg in kurzer Zeit mehr verwüstete, als die polnische Zeit zuvor verdorben hatte. Hatte doch des dicken Wilhelms Minister, ein Herr von Schröter, 1804 schon den Befehl zum Abbruch des Schlosses erlassen, um aus dem Material Ställe zu bauen! Max von Schenkendorf war der Erste, welcher die Wiederherstellung des Baues anregte; aber Preußens unglückliche Lage nach dem Kriege von 1806–1807 versagte zu solchem Vorhaben die Mittel. Erst als im Brande von Moskau das blutige Morgenroth einer neuen Zeit der Ehre auf Preußen fiel, und die Herzen, von hohen Ideen [76] berührt, auch für die großen Erinnerungen der Vorzeit wieder empfänglich wurden, erst dann fand Schenkendorfs Saatkorn einen Boden, in dem es Wurzel schlagen konnte. v. Schön, der Oberpräsident, wies auf die verlassene Veste in einer ermahnenden Ansprache und auf die Pflicht hin, die Marienburg auferstehen zu lassen aus ihrem Grabe wie die Burg der Zollern. Der patriotische Mann fing das Restaurationswerk kühn mit leerer Hand an; er täuschte sich nicht. Von Nah und Fern wurden ihm Gaben zur Wiederherstellung; sie wurde eine That des Volks und ist bis heute volksthümlich geblieben. Städte und Korporationen wetteiferten in Uebernahme der Restauration bestimmter Theile; die eine stiftete einen Pfeiler, eine ein Gewölbe, die andere Fenster u. s. w. Der König gab die Mittel zur Herstellung des Fundamentalen, das Volk jene zum Ausbau und zum Schmuck. Noch heute dauern die Gaben und Stiftungen fort, damit das Herstellungswerk keine Unterbrechung erleide, und so erhebt sich das alte Ritterhaus allmählig zu neuer Herrlichkeit.