Erlangen (Meyer’s Universum)

DCXX. Die Elysée’schen Felder und der Präsidentschaftspalast in Paris Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band (1850) von Joseph Meyer
DCXXI. Erlangen
DCXXII. Civita Castellana in Italien
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ERLANGEN

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DCXXI. Erlangen.




Gleichheit gehört zur Trias, welche die Zeit auf die Standarte der Menschheit geschrieben hat. Aus der Ungleichheit des Bürgers, aus der Ungleichheit der Volker ist das Elend der Erde erwachsen, wie es bei dem Einzelnen aus dem gestörten Gleichgewicht der Kräfte hervorgeht. Die ganze Natur liegt in stetem Kriege mit der Ungleichheit, und die Geltung des Gleichheitsgesetzes herzustellen und zu befestigen, wo es verletzt oder gelockert wurde, sind ihre Kräfte immerfort wirksam. Daher Ebbe und Fluth in Luft und Meer, daher Donner und Blitze, Stürme und Ueberschwemmungen, Erdbeben, Pest und Mißwachs. Sogar in die tiefen Räume des Himmels ist der Kampf gedrungen: zertrümmerte Planeten fliegen um die Sonne und der unregelmäßige Lauf der Gestirne zeugt von der Störung des Gleichgewichts im Weltall.

Für die Völker des westlichen Europa war von jeher die Ungleichheit in Gesittung und Bildung die fruchtbarste Mutter ihrer Leiden. Sie ist der Wall, welcher jeden Fortschritt zu glücklichern Zuständen hemmt; sie ist die Mauer, welche den Despotismus schirmt: – eine Mauer, stärker, höher, unübersteiglicher, als die chinesische; sie ist die Nährmutter aller volksfeindlichen Mächte; der Zauberring, welcher die letztern nach jedem Niederwerfen wieder aufstehen macht mit größerer Kraft; sie ist die Klippe, an der die Freiheitsregungen der Völker fortwährend scheitern; und diese Ungleichheit ist’s, bei deren Betrachtung in jedem wahren Menschenfreunde die Hoffnung auf die Früchte von Katastrophen stirbt, welche uns in der nächsten Zeit bevorstehen. In dem unermeßlichen Abstand zwischen der Bildung jener erleuchteten Männer, welche den Völkern dienen als Wortführer und geistige Streiter für Freiheit und Recht, und der Masse des Volks selber liegt ein Abgrund, welcher unserer Zukunft die größten Gefahren bringt. Wo ist ein im Kampf mit dem Absolutismus und der Alleinherrschaft befangenes Volk in Europa, in dessen Masse ein vernünftiger Begriff von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vorhanden, festgewurzelt und wirksam ist im Denken und im Handeln? Nirgends! Der Absolutismus wußte wohl, was er that, als er die Staatseinrichtungen überall so regelte, daß die Bildung immer nur Wenigen ein Bedürfniß und zugänglich wurde und die Masse des Volks auf Unwissenheit und Helotendaseyn angewiesen blieb. Friedrich II. schrieb am Rande eines Schulreformplans, der [39] ihm vorgelegt wurde: „Es soll beim Katechismus und den 4 Spezies bleiben. Wenn ein Potentat seinen Bauern mehr lernt, so sägt der Narr den Ast selbst ab, auf dem er sitzt.“ – Diese Königslehre ist so alt, als die Monarchie selber. Mit dem Thun für’s Gegentheil ist’s nie rechter Ernst gewesen; Phrasen waren es meist, um die Leichtgläubigkeit zu täuschen.

Daher sehen wir, wo immer Volksfreiheit und Selbstregierung zur Herrschaft gelangen, daß der Steuerleute erste Sorge ist, den Volksunterricht zu reformiren und dem belehrenden Wort die Zunge zu lösen. Bildung ist jedoch kein Gut, das erworben wird über Nacht; sie ist kein Besitz, den man theilen kann unter Alle, wie Aecker und Wiesen, Haus und Geld, durch einen kommunistischen Machtspruch! Was der gebildete, wissensreiche Mann durch Lehrer, Bücher, eigenes Nachdenken, Umgang und Ideentausch mit andern Gebildeten in einer langen Reihe von Jahren errungen hat: seinen Schatz des Geistes, dieses Wissen und diese Reife, Richtigkeit und Schärfe des Urtheils über Begebenheiten, Menschen und Dinge: – das kann der in Unwissenheit geflissentlich auferzogene große Haufe nicht erlangen durch ein paar Jahre Zeitungs- und Bücherlesen, oder im Wirthshaus. Er hält sich vielleicht nach einem solchen Kursus für klug, weil er unklare Vorstellungen über Volksfreiheit und deren Rechte in sich aufgenommen hat; aber er ist so unfähig, als vorher, sich zum Vollbewußtseyn dieser Rechte zu erheben, und der Muth zu einer besonnenen, beharrlichen, mit Opfern verknüpften Vertheidigung derselben ist selten bei ihm zu suchen. In seiner Einfalt leicht aufzuregen zu unbesonnenen Streichen und nur zu oft ein Werkzeug für Jeden, der ihm schmeichelt und seinen albernen Begriffen von Freiheit dreist das Wort redet, überläßt er hingegen den Patrioten, der muthvoll, fest und treu die Heiligthümer des Volkes in den Tagen der Unterdrückung und Gewaltherrschaft Schritt für Schritt vertheidigt, nur zu häufig theilnahmlos den Verfolgungen und wagt es oft nicht einmal, ihn durch Zeichen der Liebe in seinem Kampfe zu stärken. Wie vielen Männern, die sich ihm aufgeopfert haben, hat er durch gänzliches Vergessen Dornen auf’s Haupt gelegt! – Der Stachel aber, der sie am meisten schmerzt, ist die Hoffnungslosigkeit. Wird die hereinbrechende Katastrophe Besseres thun, als – die Rache befriedigen? Wird sie zur Herrschaft der Freiheit und des Gesetzes führen? Wie Viele wagen es noch, das zu hoffen? denn die Rohheit begreift eine solche Herrschaft nicht und will nichts von ihr wissen.

Demungeachtet soll das belehrende Wort nicht müde werden, wäre es auch eine Stimme in der Wüste. Gerade in solcher Zeit muß die Wahrheit alle Schminke und alle Halbheit von sich thun und verflucht sey die Hand, welche den Rand des Abgrunds, auf dem wir wandeln, mit Blumen bestreut! Die Sache der Freiheit ist eine so heilige Sache, daß ihre Streiter sich lieber dem Untergang weihen müssen, als den Sieg suchen durch ungerechte Waffen, oder durch ein Bündniß mit den unsaubern Geistern, welche ganz andere [40] Ziele verfolgen. Ein unwürdiger Sieg würde an unserer Sache mehr verderben, als zehn Niederlagen. Nein, gerade jetzt, wo die Dinge getrieben sind auf’s Aeußerste und das Schicksal des gesammten Vaterlandes am Scheidewege steht: gerade jetzt sollen alle Männer, welche nichts mehr und nichts weniger wollen, als die Herrschaft des Gesetzes im freien Bürgerstaate, jeden Zweifel über ihr Streben von sich weisen. Sie sollen erklären: „Wir wollen das Reich der Freiheit als ein Reich des Gesetzes; wir wollen es als ein Reich der Gerechtigkeit und der Gleichberechtigung, der Ordnung und Wohlfahrt für Alle: nicht aber als ein Reich der Anarchie und Gewalt; wir wollen es als ein Reich der Toleranz und Duldung für jeden Glauben und für alle Meinungen und Ueberzeugungen: nicht aber als ein Reich der Verfolgung für Andersdenkende; wir wollen es als ein Reich der Liebe: nicht als ein Reich des Hasses und der Rachsucht; wir wollen es als ein Reich des Friedens, der Verträglichkeit, der Einigkeit und der Freundschaft aller Völker: nicht als ein Reich der Zwietracht und des Kriegs, – und wir sind entschlossen, in jeglichem Kampfe, der kommen wird, das Kleinod, das wir erstreben, zu erobern mit reinen Händen und gerechten Waffen, oder – unterzugehen.“

Als die Geißel Gottes – Attila – in Rom eingezogen war, um Rom von der Erde zu tilgen, da trat ihm der römische Bischof mit dem Kreuze entgegen, und vor der Macht des Symbols der Liebe sank dem Verwüster das schon erhobene Schwert aus den Händen. – Als die Menschheit, angekettet an den sterbenden Polytheismus, in Fäulniß zu verderben drohte, da weckte Christus Liebeswort das frische Leben und sein Kreuzestod versöhnte das Schicksal mit der Schuldigen. – Sollte denn nicht auch jetzt das zur Gerechtigkeit und Menschlichkeit mahnende Wort, wenn Jeder, der Fähigkeit und Beruf dazu in sich fühlt, das Apostelamt in seinem Kreise übt, wirksam seyn können? Vielleicht ist’s vergebens; denn auf dem Meere der Leidenschaften gehen die Wogen thurmhoch, und im tobenden Sturm mag auch der kräftigste Zuruf ungehört verhallen. Dennoch muß es versucht werden. Der pflichtgetreue Mann handelt nach dem innern Gebot, nicht nach dem Erfolge.

Völker eines Volks, Stämme einer Wurzel, Deutsche aller Länder! Söhne einer Mutter, geboren in einem Schooße, gesäugt an einer Brust, Ihr, die ihr einander jetzt gegenüber steht wie feindliche Brüder: – laßt das Schwert in der Scheide! Welcher höllische Wahnsinn will deutsche Völker in Streit gegen einander treiben, daß sie sich morden und verfolgen wegen fremder Interessen, oder wegen Meinen, Glauben und Hoffen? Warum, Preuße du, und du Schlesier, du Rheinländer, und du Mann aus der Mark und Westphalen, wolltest du dich mit dem Bayer, dem Franken, dem Schwaben schlagen, der mit gefalteten Händen zu demselben Gotte um die ewige Barmherzigkeit für sich fleht und um Freiheit und Ehre für das große Vaterland, zu dem auch du betest? Wendest du dich, Pommer und Mecklenburger, nicht auch gegen Osten zur aufgehenden Sonne und dankst der Güte des ewigen Weltgeistes, der deine heimathlichen Fluren segnet, eben so wie es der Hesse und Pfälzer thut, und [41] wenn der frohe Thüringer aus seinen Bergen schaut und das Auge des Ewigen sucht in den Sternen und Gottes Stimme in dem Donner des Gewitters; – und wenn der Holsteiner und Dithmarse der Verheißung lauschen in dem Brausen des sturmgepeitschten Meeres: – sucht dann der Tyroler und der Steiermärker nicht das Nämliche in der weiten, herrlichen Natur seiner Alpen? und horcht nicht mit denselben Gefühlen, wie jeder andere deutsche Mann, der Oesterreicher der Stimme Gottes in den Wogen seines großen Stromes und im Rauschen des Waldes „Seyd einig und frei?“ Und wo, in welchem Winkel des Vaterlandes, fände ein solcher Zuruf nicht ein Echo , und welcher deutsche Mund sagte nicht dazu: „Amen! Amen! Ja, ja, so soll’s geschehen?“ Jede untergehende Sonne nimmt aller Deutschen Wünsche für das Vaterland mit fort und jede aufgehende Sonne bringt sie wieder. Die deutschen Stämme alle, ja alle mit einander wollen eins und dasselbe: Frieden in der Freiheit, und in der Einheit und Einigkeit der Nation gemeinsame Ehre und gemeinsames Glück. Wer ist’s, wer ist’s denn nun, der blutdürstig die Waffen schleift gegen verwandte Herzen? Wer ist’s, wer ist’s, der euch den Mordstahl reicht gegen die Brüder? Wer ist’s, wer ist’s, der Deutsche gegen Deutsche hetzt? Wer ist’s, wer ist’s, der unser herrliches Vaterland, das ein Paradies seyn könnte durch Gesittung, Freiheit und Frieden, zur Mördergrube macht durch Haß und Habsucht, und die Nation, welche, unter dem Wahlspruch: „E PLURIBUS UNUM,“ das glücklichste, geachtetste Volk der Erde und das erste im Rathe der Nationen seyn könnte , zum unglucklichsten macht und zum Gespotte aller übrigen?! –

 
Auf jedem Blatte der Geschichte steht,
Auf jeder deutschen Stirn, in jedem Herzen
Die Antwort! – – –

Alles nationale Leid, alles deutsche Elend ist auf Eins zurückzuführen, auf die Uneinigkeit im Volke, und die Mutter dieser Uneinigkeit ist die Roheit des großen Haufens. Wo Erkenntniß die Masse des Volks durchdrungen hat, da hält es fest zusammen: denn Einigkeit macht stark; da ist die Tyrannei unmöglich: denn die Knechtung findet dann keine Werkzeuge. Nur ein unwissendes Volk läßt sich berücken und bedrücken; nur unter Unterwissenden haben Lüge und Arglist Spielraum, und nur ein solches Volk ist über seine eigenen Interessen so sehr zu täuschen, daß es sich verführen und mißbrauchen läßt zu Allem, was seinem Wohle schadet; und ein solches nur läßt sich zur steten Uneinigkeit verhetzen und kehrt seine Kraft und sein Schwert gegen sich selbst. An einem solchen Volke gehet auch jede bittere Erfahrung, jede Warnung, jede Züchtigung, jedes Unglück früherer Zeiten verloren. Wäre das deutsche Volk nicht der Masse nach so roh und unwissend, niemals hätte es gelingen können, die kleinliche Eifersucht und den elenden Neid der Stämme und [42] Stämmchen gegen einander zu der Höhe zu treiben, daß sie der Wurzel vergessen, welche sie Alle nährt und trägt und niemals wäre es möglich gewesen, die Glieder zum Groll gegen den Körper aufzustacheln, die Kinder zur Mißhandlung der gemeinschaftlichen Mutter zu verleiten, die Brüder zum Brudermord! Oder hatte es je dahin kommen können, daß man, wie es jetzt geschieht, die Nation nach den Weltgegenden abtheilt und von Interessen der Nord- und Süd-, der Ost- und Westdeutschen Völker spricht, als von so viel feindlich gespaltenen? So weit ist’s aber schon, daß die ebenbürtigen Sohne einer und derselben Familie nur noch in der gemeinschaftlichen Schande und in dem Unglück Aller die gleichen Rechte wieder finden! Dahin ist’s gekommen, daß Nord und Süd von ihren besondern Nationalheiligen sprechen und jeder seinen separaten Herrgott oder seinen separaten Teufel verehren mag! Man schimpft sich und klagt sich an; man verdammt sich wechselseitig und fühlt nicht, wie man sich dadurch nur der gemeinschaftlichen Verdammung würdig macht. Aller Spuk der vergangenen Zeiten, alle Verbrechen, und alle Schande, welche die deutsche Geschichte besudeln, sind schon wieder da, oder im Anzug; und was wir Alten schon einmal erlebt haben, das werden wir wohl noch einmal erleben müssen, das Allerabscheulichste: ich meine, daß Deutsche Deutsche erwürgen und brandschatzen deutsche Städte und verheeren deutsche Länder, und daß man dann Siegesfeste feiert und die Glockenthürme ihr Evohe! rufen und deutsche Priester Dankgebete an deutschen Altären stammeln und deutsche Kirchen vom Lobgesang über den deutschen Brudermord erschallen! Dann wird Festtag seyn in der Hölle! Aber, deutsches Volk, wenn die Strafe deinem Verbrechen auf dem Fuße folgt und die Blitze des verhöhnten Weltenrichters dich in den Abgrund schmettern, dann solst du auch nicht klagen; denn „Du hast’s verdient.“


Aber ich wollte Euch ja von der Eisenbahnfahrt nach Erlangen erzählen und hatte es rein vergessen. – Nun denkt mich in Plauen im Bahnhofe, wartend auf die Abfahrt. – Horcht! Die Lokomotive keucht und in der nächsten halben Stunde überfliegt der Zug schon die sächsisch-bayerische Grenze, und wir sehen die Thürme von Hof. –

„Diese Landesgrenze hat eine doppelte Bedeutung,“ bemerkte ein Reisegefährte; „sie scheidet Nord- von Süddeutschland.“ Das eiserne Band klammert beide fest zusammen, erwiederte ich. Aber traurig ist’s, daß man in dieser nüchternen Zeit für die Nothwendigkeit der Einigkeit zwischen Nord und Süd kein stärkeres Argument anzuführen weiß, als das schmutzigste, – den Handelsvortheil. Immerhin sind die deutschen Eisenbahnen stehende Proteste gegen die deutsche Uneinigkeit, obschon sie gegen den Bund von Hochmuth, Ehrgeiz, Habgier, Haß und Neid [43] in den Stämmen und Fürsten, kaum etwas ausrichten werden. Wenn sich Süd und Nord zerfleischen wollen, so geschieht es doch. –

Ich sah hinaus auf die Landschaft. Erz- und Fichtelgebirge schicken ihre Ausläufer weit umher und furchen das Land in liebliche kleine Thäler, auf deren smaragdgrünen Matten mit den klaren Forellenbächen sich das Menschenleben seine Stätten gebaut hat. Dann und wann kommt ein Rittersitz zum Vorschein; meist aber sind es kleine Häuschen, die oft dürftig aussehen. Die Eisenbahn selbst steigt nie in den Thalgrund nieder. Sie zieht an den Gehängen hin, die Lokomotive fliegt über die Schornsteine fort mit ihrem langen Wagenschweif, über enge Waldschluchten hinweg auf hohen Brücken, oder an schwindelnden Abgründen vorüber. Straßen und Wege steigen in diesem durchschnittenen Terain bald auf bald nieder; manchmal sieht man sie neben den Bächen im Thale hinlaufen, manchmal sich mühsam den Berg hinan winden. Für den eisernen Strang aber mußte der Mensch eine Ebene bauen in dem Hügelland, und es ist ihm auf der einen Seite gut gelungen. Ueber Hof hinaus aber, wo die Wassergebiete des Rheins und der Elbe sich scheiden, da stürzt das Gebirge so steil zum Maingrund herab, daß die Herstellung einer Bahnlinie mit gewöhnlichem Gefälle unmöglich wurde. Sie geht an den Rändern kleiner Thäler so widerspenstig hinunter, daß keine Bauwerke helfen konnten, sondern die Bahn in Curven hinabgeführt werden mußte. Das ist die berühmte „Schiefe Ebene,“ auf welcher die Lokomotiven mit ihren Zügen unter dem Bangen der Reisenden 400 Fuß tief nach Schorgast hinunter rollen. Von da läuft die Bahn, an den Abhängen des Fichtelgebirges fort, in’s Mainthal. Wunderschöne Aussichten öffnen sich auf dieser Strecke bald da, bald dort, bis die uralte Akropolis der weltberühmten Bierstadt Culmbach heranrückt und vor dem spähenden Auge das Frankenland seine Gauen aufthut. Dieses Franken ist ein gesegnetes Stück deutscher Erde voller Schönheit und Fruchtbarkeit, und die Romantik lugt von allen Höhen und Bergen. Klostertrümmer und Wallfahrtskirchlein stehen umher und die grauen Burgen gucken aus dunkelm Waldesgrün und erinnern an jene Zeiten, wo die reiche, fränkische Ritterschaft auf ihrer Reichsbank in Regensburg tagte und ihr Bund stark genug war, mächtigen Fürsten, die nach ihren Besitzungen verlangten, in langen Kriegen Widerstand zu thun. Fast alle Städte haben eine Veste zur Seite und Wälle und Mauern zum schirmenden Gurt; in ihrem Schooße aber blühen Handel und Wandel und lebt und webt ein tüchtiges Volk, die Enkel jener Bürger, welche die Künste pflegten im Frieden, aber wenn es galt, ihr Recht zu vertheidigen, mit Lanze und Schwert Schlachten schlugen, den tapfersten Rittern gleich, und alle Drangsal lieber duldeten, ehe daß sie ein Jota von ihrer Freiheit fahren ließen. Das wußten die Kaiser zu ehren mit Schenkungen, Verleihungen und Privilegien, und wenn sie des Landes Grenze betraten auf ihren Zügen gen Nürnberg, um Recht zu sprechen, oder Reichstag zu halten, da [44] ritten ihnen die Bürger im Waffenschmuck voran und gaben ihnen das Geleit. – Bis Bamberg ist die Bevölkerung meist katholisch. Von da ab wiegt die protestantische über, und die Reminiszenzen jener Zeiten, da die Zollern als Reichsbeamte und Grafen auf der Burg in Nürnberg saßen, hielten im Volke Sympathien wach, welche erst die neuesten Begebenheiten ausgelöscht haben. Die anti-weißblaue, preußisch-deutsche Partei ist jetzt fast verschwunden vor den bittern Täuschungen und Kränkungen, welche man in Potsdam so reichlich kredenzt hat, und jeder Franke fühlt es jetzt tief, wie nahe die Rettung Deutschland und der Wittelsbacher Größe lag, als in Berlin der 3. April so ewig denkwürdig für die Nation und das Haus Zollern endigte. – Wie stände es jetzt, wenn der Geist des großen Ahn in den König Max gelebt und er erfaßt hatte die Kaiserkrone, welche ein anderer Fürst so schnöde von sich warf? Aber das ist eben der Fluch dieser Zeit, daß sie mit ihren großen Schicksalslosen überall kleinen Menschen begegnete. Wäre Max der Mann gewesen, wie ihn die Zeit brauchte, dann hatte er das kostbare Kleinod sich nicht entschwinden lassen. Mit dem Kaisermantel angethan und getragen von der Begeisterung des mächtigsten Volks der Erde, hätte er dem Riesengang der Welt neue Bahnen angewiesen und dem Strom der Ereignisse einen neuen Lauf; und der Hyder, die alle Anstrengungen für’s Bessere lähmt, der hätte er den Kopf zertreten. – Aber dann hätte König Max seyn müssen, was er nicht war, ein großer Mann und er hätte den Beruf in sich fühlen müssen, etwas zu werden, was er nie seyn wird, ein Mann des Volks. Mit dem freien deutschen Volke einig zusammenstehend hätte er Deutschland zum Schiedsrichter der Welt erhoben.

Das edelste Pferd verlangt stets den besten Reiter; Esel aber können auch Kinder besteigen. Wenn ich des Falls gedenke, daß die Kaiserkrone auf das Haupt eines Mannes mit engem Herzen und beschränktem Verstande gekommen wäre, dann danke ich Gott, daß es nicht geschehen, obschon mir das Herz bei dem Gang der Dinge aus tausend Wunden blutet. Unter einem Haupte, das kleiner gewesen wäre, als seine Krone, hätte Deutschland das schmählichste aller Schauspiele mit ansehen müssen. Wahrlich! unser Unglück ist groß, und unsere Schmach nicht minder: aber dem allergrößten Wehe und der allergrößten Schande sind wir doch bis jetzt entgangen.

Schon bei Bamberg ist die Eisenbahn aus dem Mainthal in das der Regnitz getreten, und sie bleibt in demselben bis Nürnberg. Vor Erlangen drängen sich Straße, Strom, Kanal und der Altstädter Berg so enge zusammen, daß die Bahn durch den Berg geführt werden mußte, und im weiten Bogen geht sie von da zur Stadt. Von diesem Punkte aus (demselben, welcher zur Aufnahme unseres Bildes gedient hat) gewährt Erlangen, inmitten eines weiten, wohlangebauten Thals und eines Kranzes von Dörfern liegend, einen überaus freundlichen Anblick. Das Innere der Stadt straft ihn nicht Lügen. Die breiten, reinlichen, regelmäßig angelegten Straßen und die stattlichen, meist steinernen Wohnungen in gefälligem, oft zierlichem Styl rechtfertigen vollkommen den [45] Ruf Erlangens, eine der hübschesten Städte Deutschlands zu seyn. Aber stille ist’s, fast zu stille. Die Bevölkerung (etwa 10,000) scheint noch kleiner, als sie wirklich ist, in dem weiten, großstädtischen Gewande.

Die Universität ist für Erlangen gegenwärtig der Angelpunkt des geistigen und materiellen Lebens. Sie ist eine Stiftung des fränkischen Fürstenhauses und wurde bald nach ihrer Gründung (1732) von Baireuth hieher verlegt. Spärlich dotirt und von der Regierung eher zurückgesetzt als begünstigt, hat sie sich zwar niemals zu großem Glanze entfalten können; den Ruf aber, den strengen Geist der Wissenschaft zu bewahren und tüchtige Männer zu bilden, sich allezeit erhalten. Zwischen Lehrer und Schüler herrscht hier ein Ton, der gegen den auf manchen großen Universitäten eingeführten vortheilhaft absticht. Dem Studenten öffnen sich die geselligen Kreise der Professoren, er findet in den achtbarsten Familien leicht Zutritt: und unter diesem wohlthuenden Verhältniß, das seine sittliche Bildung fördert, wird er manchen Gefahren entrückt, welche da am schroffsten hervortreten, wo der Student durch vornehme Abgeschlossenheit der Lehrer immer wieder auf den Umgang mit seines Gleichen hingewiesen ist.

Die Universität Erlangen hat viele Männer gebildet, die als Sterne erster und zweiter Größe weithin glänzen: Martius, Steinheil, Liebig, Goldfuß, Bischoff brachen in den Naturwissenschaften neue Bahnen, und ihr Ruhm geht durch die Welt. Schelling in Berlin, Osann in Würzburg und der Dichter Rückert sind auch Zöglinge jener Hochschule. Die glänzendste Wirksamkeit hat sie jederzeit in den Naturwissenschaften geäußert; da steht sie an der Spitze des Fortschritts; nur die theologische Fakultät verfolgt seit einer Reihe von Jahren, leider! die entgegengesetzte Richtung, und seine bekannteren Lehrer stehen als ächte Zionswächter auf der Bresche des orthodoxen Glaubens.

Die Fakultät sollte des Schicksals von Loths Frau eingedenk seyn. – Wo wird der Sieg bleiben? auf der Seite des Rückwärts oder des Fortschritts, der Finsterniß oder des Lichts? Was hat größere Dauer? die Hülle oder der Geist? Wenn das fortrollende Rad der Zeit über das Dogma, das die Orthodoxen so hartnäckig vertheidigen, längst zermalmend hinweggegangen ist, so wird die freie Christuslehre bestehen und die Nacht erleuchten mit hellem Kerzenlicht. Das Christenthum bleibt dem frischen Leben und dem Fortschritt treu, trotz den Zionswächtern und ihres Gleichen. Ob sie den Glauben zu einem Symbol des Unbeweglichen machen wollen oder zu einem Schwerte des Absolutismus, über den sie den Segen sprechen: – so fruchtet das ihrem Zweck so wenig, als das Wasserschöpfen den Danaiden. Christus war am Schmerzenslager der geknechteten, siechen Menschheit nie ein Bußprediger, der den Leidenden das Fegefeuer als Vorhof des Himmels zeigte, sondern ein Tröster voll Hoffnung und Ermuthigung, der ihren Blick inmitten eines Himmels voll Liebe, Licht und Seligkeit richtete. Die Thoren! Wandelt nicht jede Gegenwart auf den Gräbern der Vergangenheit? und sie wollen auf dem Schutt [46] veralteter Dogmen stehen bleiben und hindern, daß er weggeräumt werde, um Platz zu machen zum Aufbau neuer Tempel? Das heißt nicht der Wissenschaft dienen, das heißt Todte galvanisiren.


Erlangen ist sehr alt; die Gründung der Stadt reicht in Karls des Großen Zeit hinauf, der überwundene Slavenstämme in diese Gegend versetzte. Neue, starke Lebenstriebe erhielt der Ort, als nach dem Widerruf des Edikts von Nantes Markgraf Christian die Stadt den aus Frankreich vertriebenen Protestanten als Asyl anbot. Sie erbauten die Neustadt und gründeten die Gewerbe, welche noch jetzt hier blühen: Spiegelfabrikation, Strumpfwirkerei und die Handschuh-Manufaktur, welche in ihrer blühenden Zeit allein tausend Hände beschäftigte. Veränderte Handelsverhältnisse und die Verstopfung gewohnter Absatzquellen haben die Fabrikthätigkeit jedoch in neuerer Zeit sehr geschmälert und dem früheren Wohlstand der Stadt tiefe Wunden geschlagen.