Die Elysée’schen Felder und der Präsidentschaftspalast in Paris

DCXIX. Schloss Nymphenburg bei München Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band (1850) von Joseph Meyer
DCXX. Die Elysée’schen Felder und der Präsidentschaftspalast in Paris
DCXXI. Erlangen
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LES CHAMPS ELISÉS
(Paris)

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DCXX. Die Elysée’schen Felder und der Präsidentschaftspalast
in Paris.
(Champs Elysées et Palais Elysée.)




„Ich wollte Dich eben abholen!“ rief, als ich aus der Hauspforte trat, der Maler R . . . mir entgegen und hing sich an meinen Arm. „Die Republik der Ordnung hat heute Jahrtag!“ Ich lächelte spottisch. „Du lachst; aber es ist doch so. Hätten wir Republikaner die Socialisten nicht zu Boden geschlagen, so wäre Europa eine Ruine.“ „„Euer Sieg wird es dazu machen;““ sagte ich. Der Maler aber erwiderte: „Wenn man dem Teufel einen Finger gibt, so nimmt er den ganzen Mann. Wir wollen nicht streiten. Wir können uns doch nie verständigen in diesen Dingen. Denken wir heute blos an das Vergnügen! Ganz Paris genießt diesen sommerlichen Nachmittag im Freien.“

Paris hat keinen Park wie London; keinen Prater wie Wien; keinen Thiergarten wie die Königsstadt an der Spree; es hat seine „Champs:“ – freie, weite Plätze nämlich, bepflanzt mit Alleen, die sich in verchiedenen Winkeln kreuzen. Die Zwischenräume sind den Restaurationen, den Buden für Seil- und Reitkünste, für Panoramen, Menagerieen, Puppenspielen, Jonglerien und hundert anderen Dingen überlassen, welche die Promenirenden unterhalten und belustigen. An den Nachmittagen und Abenden der schonen Jahreszeit sind die „Champs“ die Sammelplätze der Pariser Welt. Dann leeren sich Häuser und Werkstätten; ihre Bewohner ziehen aus, um frische Luft zu schöpfen und im Schatten der Bäume ihr Abendbrod zu verzehren.

Die Champs Elysées gelten in der Vorstellung des so leicht befriedigten und genügsamen Parisers wirklich für ein gebenedeites Stückchen Erde. In alter Zeit war’s eine Viehweide. Colbert ließ den Platz ebnen und mit Bäumen bepflanzen, die zum Theil jetzt noch grünen. Die elysée’schen Felder werden auf der einen Seite von den prächtigen Kayen der Seine, auf den übrigen von dem Garten des Palastes des Elysée, [30] von dem Concordienplatze und der prächtigen Chausée d’Antin umrahmt. Von den freieren Punkten hat man die imposantesten Blicke auf die Prachtpartieen der Weltstadt: die Tuilerien, den Dom der Invaliden, das Marsfeld mit der Militärschule und die zahlreichen Paläste und Brücken, welche vom Quai Conti bis zum Quai d’Orsay das andere Seineufer besäumen. Unter den Bäumen stehen unzählige Rohrstühle. Für einen Sou kann Jeder einen haben; der Pariser braucht aber immer ein Paar; den zweiten, um Füße oder Arme darauf ruhen zu lassen. Er ist luxuriös in solchen Dingen.

Wir fanden heute die „Champs“ in Gala. Das sonnige, wonnige Wetter hatte nicht Tausende, nein, Hunderttausende hinausgelockt, und überall, auf allen Wegen und Pfaden und Rasenplätzen wogte spazierendes, geputztes Volk, oder ruhete Gruppe an Gruppe. Auf dem breiten Fahrweg difilirten die glänzenden Equipagen, die stolzen Reiter und Amazonen. Alle Stände waren gemengt; alle Parteizeichen an Bändern und Farben waren gemischt: nirgends eine Spur von Sonderung. Legitimisten, Bonapartisten, Orleanisten, die Republikaner aller Schattirungen, vom reinen Weiß bis zum grellsten Incarnat, spazierten Arm in Arm und verfolgten ein Ziel, das Vergnügen. Hätten die Abzeichen das politische Glaubensbekenntniß nicht verrathen, so würde es Niemanden eingefallen seyn, unter diesen friedlichen, geputzten und heitern Menschen die Zerstörer der alten Gesellschaft und die Erben der Zukunft – die Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten – zu suchen. Und doch waren sie da, und doch wurde, wenn in diesem Augenblicke die Sturmglocke von Notre-Dame dem Pariser Volke das Zeichen „zur letzten Schlacht“ gegeben hätte, sich im Nu diese Menschenmasse aufgelöst haben und zwei Heere wären, zum Kampf auf Leben und Tod entschlossen, einander gegenüber getreten. –

Wir setzten uns im Schatten der Ulmen und ließen den Strom vorüberziehen. Mein Freund, ein eifriger Besucher der Nationalversammlung und der Klubbs, kannte fast jede hervorragende politische Persönlichkeit, und bezeichnete mir bald da bald dort eine interessante Erscheinung. „Siehst Du da drüben in der prächtigen Landau den gespreizten Kahlkopf mit der stolzen Miene voller Selbstgenügsamkeit? Das ist der große Odillon Barrot! Und dort in dem Staatswagen mit den galonnirten Jägern das kleine bewegliche Männchen mit der Brille auf der spitzen Nase? Seinen Schädel deckt schneeweißes Haar; aber sein Geist ist immer noch so burschikos, wie im Collège de France. Er grüßt rechts und links, nur damit man ihn wieder grüße. Das ist der Agamemnon der Ordnung – Herr Arthur Thiers, der, wenn einmal das Lumpenpapier 14 lange Tage säumen wurde, sich mit seinem Namen zu beschmutzen, sich gewiß erschießen würde; denn schon der Gedanke, 14 Tage lang vergessen zu seyn, brächte ihn zur Verzweiflung. Beide fahren in’s Elysée zum Ball des Präsidenten. – Und jener Herr da, inmitten eines Kranzes ältlicher Damen, – ich meine den Rothkopf mit der gelben Weste und dem scharf geschnittenen, edlen Gesicht, – das ist Berryer, der Legitimist. Jetzt winkt er einem [31] Herrn zu; er reicht ihm die Hand: die herrliche, hohe Gestalt mit dem ausdrucksvollen Kopfe, welcher halb an Achilles, halb an Aeschylos mahnt, die ist Lamartine. Und Der an seinem Arme – zwar an Körper weniger lang, aber um kein Haar kleiner an Geist, Charakter und Gesinnung, – dem Wissen und Weisheit aus allen Zügen sehen, – der ist Arago, der Philosoph, Mathematiker, Gelehrte, Staatsmann, der Stolz der Akademie, einst der Schmuck des Ministertisches und zu jeder Zeit, wann es gilt die Freiheit und das Recht der Nation zu vertheidigen, der erste der Volkstribunen und der geachtetste und gewaltigste.“ Noch Manche nannte mir der Freund – Victor Hugo, Cremieux und den von allen Parteien eben so gehaßten, als gefürchteten Girardin, diesen Mann, welcher schlecht, prinzipenlos und perfid gegen alle Parteien, denen er nach einander angehörte und die er alle nach einander verließ, durch die Größe seines Talents eine Macht für sich bildet und jeden Morgen durch sein Journal, „die Presse,“ vor Hunderttausenden predigt. –

Wir ließen uns Erfrischungen bringen, und schon war der Vollmond hoch herauf gestiegen, als wir uns trennten. Mein Freund wollte in die Oper, und ich übergab mich einer Menschenwoge, die gegen das Elysée hinwälzte. Am Gitter des kleinen Parks, den der Präsident sich zum Privatgebrauche reservirt hat, zerschellte sie und ich richtete meine Schritte nach dem Palast hin, dessen zierliche Formen die Candelaber des Portals beleuchteten.


Vor den Pforten blieb ich stehen. Aus den hohen Spiegelfenstern strahlte es wie Sonnenglanz und warf ein blendendes, flackerndes Licht in die Rue St. Honoré und auf die nahen Baumgruppen. Flammen schienen auf jedem Laub zu zucken und die bunten Schatten tanzten in den Zweigen. Equipagen, an- und abfahrend, rollten und rasselten ohne Unterlaß, und beim Kerzenlicht schimmerte das Dienervolk in Gold und Silber. Das Wiehern der Rosse, das Rufen der Lakeyen, die spähenden Polizeisergeanten, die polternden Munizipalgardisten und die summenden, auf und ab wogenden Volksmassen gaben der Szene Leben und Mannichfaltigkeit. Der Abend war so schön! Am tiefblauen Himmel glänzten Orion und Siebengestirn und im Westen stand der Vollmond, an dem silberhelle Wölkchen langsam vorüberzogen. Ich blickte hinauf, weiter wurde mein gepreßtes Herz und der Alp floh von meiner Seele. Warum ärgert’s dich, – rief ich mir zu, – daß Mücken spielen im Kerzenlicht? Blättere in den Leichensteinen dieses Hauses – denke seiner Vergangenheit! Und als ich das Haus wieder anblickte, lag ein Band Weltgeschichte aufgeschlagen vor meinen Augen. – Ich sah den wüsten Regenten, als er von einem Palaste des Vergnügens träumte; sah die Baumeister um ihn, sah die Mauern emporsteigen, die schlanken Säulen aufrichten, die Fenster wölben, sah alle Künste wetteifern zu seinem Schmuck, sah dann [32] einziehen die erste Besitzerin, – die Pompadour – mit ihren Priesterinnen der Schönheit und Sittenlosigkeit. Ich gedachte der wilden Feste, die hier gehalten wurden, in denen der Fürst seine und des Reiches Kräfte zugleich verschwendete; und vorüber gingen die zurückgekehrten Zeiten der Cäsaren, und mit ihnen Alles, was jene Tage befleckte. Hier in diesem Hause war der Pfuhl, in welchem zusammenfloß alles Abscheuliche; hier wurden die höchsten Beamten des Reichs, Kreaturen der Weiber und Intriguen, gemacht, um des Verderbens Saat in Gesellschaft und Staat zu tragen; hier wurden die letzten gesunden Organismen vergiftet. Und als die bodenlose Lüderlichkeit ausgespielt hatte, – da hielt der Raub seinen Einzug. Der Finanzmann und Generalpächter Beaujon speiste seine Gäste auf goldenen Tellern mit den Leckerbissen aller Länder, während seine Steuererheber der kranken Wittwe das letzte Kopfkissen pfändeten und den armen Häusler aus der Hütte warfen. Was die Verschwendung des Hofs verlangte, das drückte das fluchwürdigste Finanzsystem mit unersättlicher Gier dem armen Volke aus, und Beutelschneiderei, Ehrlosigkeit, Schelmerei und Betrug theilten mit der Monarchie das Produkt der Erpressung. – Dem Generalpächter folgte ein Oberpriester der Kirche. Es war ein Prinz von Geblüt und ein Kardinal. Der tonsurirte Fürst wälzte sich in den Lastern des Hofs, wie damals die meisten Großwürdenträger der Kirche, und er verrieth der Welt das Geheimniß, daß die Religion von ihren Wächtern nur als ein Werkzeug angesehen werde, um die Einfalt zu berücken und die priesterliche Sittenlosigkeit mit dem Mantel der Heiligkeit zu bedecken. Was damals im Elysée geschah, bereitete in Frankreich den Boden für jene materialistische Lehre vor, daß der Himmel in den Sinnen läge, die Moral in der Klugheit und die Glückseligkeit im Genuß: alles Andere aber nichts sey, als Pfaffentrug und Gaukelei. – Später, in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, wurde der Palast den königlichen Prinzessinnen als Wohnung überwiesen. Das Königthum hielt damals mit dem erwachten Volksgeiste seine ersten Kämpfe. Polizei und Kerker, Bastille und Verbannung, Schwert und Galgen, sollten ihn überwinden. Umsonst. Der Titan war erwacht und seine Regungen füllten die Monarchie mit Schrecken.

Der gute Ludwig XVI. bestieg den Thron in so verhängnißvoller Zeit. Seine Schwester, die trefflichste der Frauen, wohnte im Elysée. Ihr Rath wurde oft verlangt, und er hatte auf des Monarchen Entschluß, zur Rettung der Monarchie und des Reichs die Notabeln Frankreichs zu berufen, großen Einfluß. Die Ausführung dieses Entschlusses erhob den Widerstand des Volkes zur Berechtigung; er machte die Revolution legitim.

Und drei Jahre darauf schleppte die Revolution die Prinzessin auf’s Schafott.

Das Elysée wurde Eigenthum der Nation; aber nicht diese, die Geister des Bluts und des Schreckens nahmen Besitz: Marat und seine Genossen. Bald darauf stellte der Convent seine Pressen in den Sälen auf, und Robespierre, Danton und die Männer des Bergs schleuderten von da ihre Blitze in Proklamationen [33] und Aufrufen an die Nation und entzündeten sie zum Enthusiasmus, zum Heldenmuth, zur Raserei. – Die Kirchen wurden geschlossen, die Priester gemordet, die Guillotine gefeiert; aber auch jene Heere durch die Macht des Worts aus dem Boden gestampft, an welchen alle Armeen der verbundenen Dynastien des Welttheils zertrümmerten. Der Nimbus kriegerischen Ruhms, glänzender wie je einer gewesen ist seit der Zeit Alexanders, umstrahlte die Republik, und je mehr häusliches Glück verwüstet worden war, je trostloser und öde es in den innern Angelegenheiten des Reichs aussah, je höher schätzte die Nation das Eine, das ihr als Ersatz für alles Verlorene geboten wurde. „Gloire“ wurde der Abgott, den ganz Frankreich verehrte, und als er in Bonaparte den vollkommensten Ausdruck gefunden hatte, da mußte es diesem klugen und großen Mann leicht werden, den Ruhm über die Freiheit zu stellen und über die Republik – sein Ich.

Nun kamen die Männer des Schwerts und hielten Einzug in das Haus des Schicksals. Bonaparte wies die Pressen fort; er bedurfte ihrer nicht. Für das Talent und Wissen öffnete er andere Wirkungskreise. Das Elysée wurde Eigenthum Murat’s, seines Schwagers, dem er es geschenkt hatte.

Napoleon ordnete das Planetarium seiner Herrschaft. Als er damit fertig war, verlangte er eines Tags den Palast von Murat wieder. Murat zog aus, – Napoleon zog ein mit Josephinen.

Bonaparte, der hohe, einfache Mensch war untergegangen im Napoleon, dem Imperator und Halbgott; von Schlacht zu Schlacht, von Eroberung zu Eroberung eilend, kaltblütig das Leben und Glück von Millionen opfernd, niedertretend die Völker, Reiche bald zerstörend, bald aufrichtend, wie es seinen Planen gefiel, – war sein Herz allen zartern Gefühlen entfremdet worden. Zuletzt wendete sich seine frevelnde Hand auch gegen den Schutzengel selber, der ihn von den untersten Bahnen bis zur Oede und Höhe des Kaiserthrones begleitet hatte. – Marie Louise, die Habsburgerin, die Beute eines Feldzugs, führte der Tyrann als Kaiserin in’s Elysée, und die edle Josephine ward verstoßen.Damit war das Maaß seiner Schuld voll, die Vergeltung begann ihr Werk. Angeschmiedet an den Montserrat mit dem einen, an den Ural mit dem andern Arme, war dem Titan die Kraft genommen. Baylen, Moskau, Leipzig, Paris, Elba – waren die Stationen auf dem Passionsgang des Korsen von dem höchsten Gipfel irdischer Macht bis zum Sturze. Die Aliirten zogen in Paris ein; Baschkiren und Kosaken standen Wache in den Gängen des Elysée; Kaiser Alexander von Rußland hatte es sich zur Wohnung gewählt. – Nach ihm kam die Restauration. Von den Monumenten und Palästen verschwanden die Insignien des Kaiserreichs, und an ihre Stelle traten die königlichen Lilien. Das Elysée wurde eine Residenz der Bourbonen. Was die Revolution übrig gelassen hatte von den alten Adelsgeschlechtern, sammelte nun das Königthum um sich; die Ehrenträger des Kaiserreichs wurden mit Hoffähigkeit begnadigt und die Wände errötheten nicht, als jene Marschälle, welche an der Seite ihres [34] Alexanders drei Welttheile mit ihrem Ruhm beschrieben und auf jeder Seite der neuern Geschichte die Unsterblichkeit zurückgelassen hatten, im Hofkleide vor den schwachen Schößlingen eines morschen Königsstammes die Kniee beugten. Die Bourbonen selbst hatten im 25jährigen Exil nichts gelernt und nichts vergessen, und die Nation fühlte die Schmach solcher Herrschaft. Da schüttelt plötzlich der Adler auf Elba seine Fittige, und von ganz Frankreich mit Jubel empfangen, zieht Napoleon in Paris ein an der Spitze der Armeen, die ausgesandt waren, ihn zu vernichten. Noch einmal träumte der Korse im Elysée von Welteroberung und Unterjochung. Es war zum Letztenmale! Von Waterloo nach St. Helena war nur ein Wurf des Schicksals. – Die zweite Restauration schenkte das Elysée dem Herzoge von Berry, und als dieser Fürst gefallen war vom Dolche des Mörders, kam der Palast, als Erbstück, an den Herzog von Bordeaux. – Das Jahr 1830 brachte die Julitage. Der Thron der ältern Bourbons wurde vom entrüsteten Volke zerbrochen, – und mit dem Reiche ward auch das Elysée dem schlauen Orleans gegeben. Die Pflastersteine hatten Louis Philipp erhoben. Er verleugnete seinen Ursprung und – die Pflastersteine forderten seinen Erstgebornen, die Pflastersteine warfen sein Haus ein wie ein Kartenhaus und jagten seine Sippschaft aus dem Lande. Aus dem Elysée Bourbon machte die Republik Elysée National! aber damit die Farce der Tragödie auf dem Fuße folge, so wurde bei der ersten Ausübung des allgemeinen Stimmrechts von dem republikanischen Frankreich der verächtlichste aller Abenteuerer, der Prinz Louis Napoleon, zur höchsten Würde und Macht im Staate erhoben und ihm das Elysée zur Amtswohnung überwiesen. Da studirt nun der kleine Vetter die Rollen „des großen Onkels“ ohne Unterlaß, und es gibt nicht Wenige, die wirklich glauben, daß es dem Wichte noch möglich seyn werde, die Herkulesarbeiten eines Heros zu wiederholen. Sie sehen hinter dem Elysée nicht das Blutgerüste, sondern die Tuilerien; sie sehen in den albernen, kleinlichen Experimenten zur absoluten Herrschaft nicht das Aufstacheln der wilden Geister der Anarchie und des Umsturzes; sie sehen in jenem Menschen noch etwas Anderes, als das blinde Werkzeug des vergeltenden und rächenden Gottes; sie sehen in ihm mehr, als den Statisten des Schicksals, dem geboten ist aus der Verborgenheit zu ziehen an’s helle Tageslicht die gänzliche Zerrüttung, Unheilbarkeit, Unzulänglichkeit und Ohnmacht der alten staatlichen „Ordnung.“ Die Zeichen reden. Louis Napoleon wird der Todtengräber der Gesellschaft seyn; sein Gräberlohn aber das Schafott oder die Laterne.

So waren die Insassen des Elysée an mir vorüber gezogen! Jeder hatte eine Zeile oder ein Blatt Weltgeschichte geschrieben. Doch wie wenige unter ihnen leuchten als große Geister, und Menschensonnen, die mit ihren Strahlen Jahrtausende erwärmen, sah ich keine. Die meisten präsentirten sich als Mephistophelesgestalten, welche die wuchernde Saat ausgestreut haben, aus der sich jene Kräfte der Zerstörung entwickelten, welche, drängend von Umsturz zu Umsturz, erst im Chaos verenden werden.

[35] Ergriffen von diesem Gedanken, sah ich gen Himmel. Noch glänzten die Sternbilder im Aetherblau, und der volle Mond sah heiter und still heraus zwischen goldumsäumten Wolken. Der Engel des Friedens schien zu kosen mit der dunkeln Erde und mir war’s, als hörte ich ihn flüstern: Stürme reinigen die Völker; wenn aber vor den Stürmen Millionen fliehen, sind diese darum unglücklicher? wenn der Schrecken ganze Völker zum Wandern spornt und hinüber führt in die neue Welt, in die weiten ruhigen Länder voll Licht und Aerndten, ist das für die Menschheit ein Verlust? –

Ich wollte den Gedanken weiter ausführen; da faßte eine warme Hand die meinige: – es war Savoye’s. „Ich bin zur Soirée des Präsidenten geladen und habe eine Karte an einen Freund zu vergeben. Du warst nicht zu Hause. Begleite mich in’s Pandämonium!“ sagte er scherzend. Und wir gingen in den Palast.

Pracht empfing uns; Pracht, wie ich nie gesehen. Die Republik trug gleichsam schon den Kaiserornat. Die Säle waren auf das herrlichste dekorirt und in Feengärten verwandelt. Die Erleuchtung blendete das Auge und der Glanz nahm die Sinne gefangen. Musik schmetterte aus allen Räumen und jeder ward von Tänzern durchflogen, zwischen denen die Gruppen reicher, besternter Uniformen und der in Juwelen schimmernden Damen auf und ab wogten. Genie und Talent, Wissenschaft und Kunst erkannte man an dem einfachen schwarzen Kleid; sie verloren sich in den glänzenden Zirkeln. Diener in strahlenden Livréen trugen Erfrischungen auf silbernen Platten umher, und reich aufgeschirrte Jäger kredenzten den Damen während der Pausen des Tanzes. Der Präsident, als Festgeber, ging von Saal zu Saal, ein, zwei, drei Worte Jedem spendend, nach der Weise, wie es sein Ohm gethan. Er trug die Generaluniform der Pariser Nationalgarde, und an seinen Fersen hing sich der Queu seiner Getreuen: zunächst die fahrenden Ritter des Elysée, die einstens ihrem Kaiser im Herzogskostüm zu dienen hoffen, – sodann die alten Haudegen der großen Armee, einige Minister und Gesandten, und allerhand ächte und gemachte Orientalen in ihren glänzenden Costümen: Spahis, algierische Offiziere und arabische Häuptlinge in Bournous. Der kleine Vetter spricht schlecht, folglich spricht er lieber gar nicht. Selten blieb er stehen, um irgend einer Celebrität einige Worte mehr als den Andern zu sagen. Die unansehnliche Figur ward durch keinen geistigen Ausdruck gehoben; er sah abgemattet, fast abgestumpft aus. Als erster Magistrat eines großen Freistaates sollte er Ehrfurcht einflösen, als Gewalthaber und Aspirant zum Imperator imponiren: – er that weder das Eine, noch das Andere.

In jedem Saale schien sich der Kometenschweif hinter ihm zu vergrößern. Selbst Damen von hohem Range verschmähten es nicht, ihren Cicisbeo am Arm, in die Reihe zu treten. Das Ganze erinnerte an die Feste, welche in diesen Sälen Ludwig XV. am Arm der Pompadour feierte, und an Glanz gab die Soirée der Republik der des Königthums sicherlich nichts nach. Die bunten Lampen, die strahlenden Girandolen, welche ein farbloses [36] Sonnenlicht auf Dinge und Menschen warfen, die köstlichen Erfrischungen, welche mehr aufregten, als abkühlten, die Wohlgerüche der tausend Blumen und Essenzen, das dichte Gewühl der Gäste, – Alles zusammen machte das Klima in den Sälen zu einem tropischen, und eine lechzende Glut erfüllte Jeden, der in diesem Treibhause voll Lust und Genuß eine längere Zeit verweilte. Das Summen und Brausen der Conversation war so groß, daß, um sich den Zunächststehenden hörbar zu machen, Jeder mit lauter, erhobener Stimme sprechen mußte. – Wie die Stunden fortrückten, steigerte sich die allgemeine Aufregung. Diamanten, Gold, Flitter, kostbare Stoffe, Federn von Vögeln aller Zonen, Perlen, Sammt und Seide, blitzende Armbänder, strahlende Diademe, Blumen aus Juwelen, alle Zauberschöpfungen der sinnreichsten Toilettenkünste, glänzende Stickereien, schöne Füßchen, die kostbarsten Spitzen: kurz Alles, Alles, was Phantasie, gewählter Geschmack und verschwenderischer Luxus nur Reizendes, Schönes und Neues zu schaffen vermag, wogte um den Blick des Zuschauers wie Gebilde eines Feenmährchens. Aber selbst an diese Säle des rauschenden Vergnügens klopfte leise, wie ein ungeladener Gast, das – Elend. – Ein Paar verschleierte Damen standen an einem Pfeiler und vor ihnen stand eine silberne Schüssel. „Pour les malheureux, s’il vous plait!“ mahnte ihr Flötenton die Vorübergehenden; Viele gingen und hörten es nicht! Ich legte meine Banknote hin und trat erschüttert von dem Kontrast und den Vorstellungen, die sich daran knüpften, in die nächste Fensterbrüstung. – Mein Blick flog über die elysäischen Felder hin auf die Vorstädte, wo das Elend wächst in grauenvollem Grade, und Verzweiflung und Communismus an seinen Brüsten saugen; denn die Arbeit stockt, weil das Vertrauen auf die Zukunft fehlt und das Geld aus den Gewerben in die Keller der Bank sich verkriecht, oder, nach dem Beispiel des Elysée, dem Börsenspiel sich hingibt. Was kümmert aber das die höhern Kreise? Das vornehme Paris tanzt, die Salons glänzen, die Theater füllen sich: mögen die Faubourgs hungern! Die Erde zittert vom Grollen der unterirdischen Mächte: die große Gesellschaft macht Karneval trotz dem und begräbt jeden sorglichen Gedanken im Rausche der Freude. In dieser, von flackernden Gasflammen erleuchteten, prächtigen Rue St. Honoré floß das Blut in Strömen und die Wasser des Himmels haben die Spuren auf dem Pflaster noch nicht ganz vertilgt. Aber nur das Volk hat dafür Augen und Gedächtniß, und – das Volk liegt in Ketten. – Dennoch will von der Gewalt die Furcht nicht weichen. Mit Erstaunen wurde ich gewahr, daß die Volksmassen, die noch vor ein paar Stunden hin und her wogten, gänzlich verschwunden waren. An ihrer Stelle gingen Polizeisergeanten Arm in Arm auf den leeren Trottoirs, von fern glänzten Bajonnette im Lampenschein, und auf dem Platze vor dem Palaste selbst standen zahlreiche Gruppen gesattelter Pferde und Krieger im Cuiraß mit hohem Helmbusch. „Das böse Gewissen in diesem Hause des Schicksals hatte allezeit Argwohn,“ – dachte ich, und auf die Tanzenden sehend, fiel mir Salvandy’s Wort an Louis Philipp kurz vor seinem Sturze ein: – „wir tanzen auf dem Vulkan.“

[37] Fanfaren schmetterten! – Meine Aufregung war so groß, daß sie mir die Sinne verwirrte. Mir war’s, als hörte ich den Posaunenschall des letzten Gerichts! Ich fühlte den Boden wanken unter meinen Füßen. Ich eilte aus dem Palaste. Da stand ich vor den stählernen Cuirassiren, welche an den Seiten ihrer Rosse ihre Cigarren schmauchten. Die glänzenden Kriegergestalten kamen mir vor, wie lauernde Mörder, das Volk zu schlachten. Ich beflügelte meine Schritte. Immer wieder traf ich neue Soldatengruppen, Infanterie und Kavallerie, und an der Mündung der Rue d’Anjou drohten die Rachen aufgefahrener Geschütze. Wo ist das Volk hin, stammelte ich, – das unterdrückte, aufgewühlte, betrogene, vom Zorn entflammte? Warum ist’s geflohen vor der herausfordernden Gewalt? Warum nimmt’s den angebotenen Kampf nicht auf? – Da rief’s: „Die Zeit ist noch nicht reif.“

Und die Fanfaren brausten wieder und ich entfloh dem Jubel des Palastes bis auf den Bastillenplatz. Dort blinkte die Juliussäule im Mondlicht, wie der bleiche Geist der Gemordeten, und um die Katakomben der Märtyrer hingen zehntausend Kränze, und hungerndes, lumpiges Volk stand um das Gitter und hütete die Gruft seiner Heiligen und Helden. Mir schwoll das Herz. Dort im Palaste des Präsidenten die Blumengewinde der Tropengewächse aus dem Treibhause, und hier am Grabe des Volks die Cypressenkränze, welche Verehrung und Liebe zum Opfer brachten. Ich warf einen Blick nach dem Elysée hin; eine rothe Dampfwolke, wie sie über einem brennenden Dorfe schwimmt, bezeichnete seine Stelle. „Sie leuchtet euerem Untergang,“ dachte ich, und sah die Säule an. Auf der Spitze derselben schimmerte die Viktoria, des siegenden Volks Symbol, im Mondlicht. Neben mir aber stand eine schwarze Frauengestalt und drückte das gebeugte Haupt gegen das harte, kalte Eisengitter. Ein tiefer Seufzer wand sich aus dem martervollen Herzen. Regungslos stand sie, ein Bild des Grams und der Verlassenheit. Ich bückte mich zu ihr nieder und sagte leise: Weib, hoffe! es lebt ein Gott! – Sie wendete das Haupt, blickte mich an mit verworrenem Auge und rief: „O Herr, o Herr! Hier unten schläft mein Gatte mit meinen zwei Söhnen! und ich elendes Weib, ich lebe noch und die Republik läßt mich darben.“ – Als käme aber plötzlich der weichere Schmerz in ihre Seele, setzte sie, mit gefalteten Händen auf die Kniee sinkend, hinzu: Gott, Gott! vergib! laß mich leben um meiner Tochter willen! – Ich legte der Wittwe ein Goldstuck in den Schooß und die Hand auf die Schulter und sagte leise zu ihr: Hoffe!

Wann werden die Todten des Bastillenplatzes auferstehen und die bleichen Gerippe die Freudenglocke läuten? – Heute? Morgen? Uebermorgen? –