Bremen (Meyer’s Universum)

DCXXXXIII. Lübeck Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band (1850) von Joseph Meyer
DCXXXXIV. Bremen
DCXXXXV. Stettin in Pommern
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BREMEN

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DCXXXXIV. Bremen.




Im Juli, es war an einem Sonntagmorgen, hatte ich mich in Nienburg eingeschifft; ein Zufall brachte Aufenthalt und der alte Schiffer klopfte nach Mitternacht die Knechte wach, um noch vor dem ersten Läuten am Bremer Kai anzulegen. Er war verdrießlich. „Am Tage des Herrn lass ich sonst kein Ruder rühren“, sagte er; „doch meine Ladung sollte schon gestern in Bremen seyn und Noth geht über Gebot!“

Das Getrappel der Schiffsknechte auf dem Deck, das Plätschern der schweren Ruder, das Knarren des Steuers machten meinem Schlaf ein Ende. Ich kroch aus meiner Koje und aus dem niedrigen, kleinen, schwarz-geräucherten Stübchen mit dem fußgroßen Fensterchen, das damals Kajüte hieß, auf’s Deck. Der Vollmond stand noch im Westen über dem Horizont; die Sterne funkelten; die Milchstraße spannte ihren Bogen aus Billionen Welten durch die Mitte des Himmels; nur im Osten schimmerten ein Paar Wölkchen röthlich, des Tages erste Boten. Das Mondlicht warf die langen Schatten der schlanken Erlen und Pappeln, die gruppenweise das Ufer säumten, über das Wasser, und phantastisch wankten die Gestalten auf den Wogen hin und her: es war eine der schönsten Fahrten, die ich je gemacht habe. – Ruhig gleitete das Schiff den breiten Strom hinunter. Allmählig wuchs die Dämmerung, der Mond ging unter, bleich wurde der Himmel, die Sterne löschten einer nach dem andern aus und die Nebel des Morgens spielten auf dem Pfade des Fahrzeugs. Die Stille der Nacht machte allmählig dem Leben des Tages Platz. Vögel schwirrten scheu an uns hin, dann und wann passirten wir ein träges Holzfloß, oder es überholte uns ein leichter Kahn. Kirchthürme und Schornsteine guckten neugierig über die Uferdämme der Marsch, und die blauen Rauchwölkchen über jedem Dach waren wie Morgenopfer und Morgengruß zugleich. Fischerkähne lagen da und dort in grünen Buchten, oder größere Schiffe mit gerefften Segeln: stil, einsam, melancholisch, wie Menschen ohne Freundschaft und ohne Liebe. – –

Rothes Gold säumte jetzt die Wolkenstreifen im Osten. Bis zum Zenith herauf glühten die Nebel und es errötheten die flockigen Wölkchen, welche, wie Schäfchen, am Himmel weideten. Lichter und lichter wurde es, bis es heller Tag war. Durch den blauen Morgendampf des Stroms und über den Wipfeln der Bäume sahen wir endlich in der Ferne bewimpelte Masten und hohe Thürme. – „Morgenstund’ hat Gold im Mund“, sprach zufrieden der Alte. „Wir kommen in Bremen frühzeitig vor Anker“. –

[136] Die Sonne stieg nun herauf in all ihrer Pracht. Die ganze Landschaft, im Morgenthau gebadet, funkelte. – Wie ist’s schön hier, dachte ich, in diesem wegen seiner Häßlichkeit und Einförmigkeit so verschrieenen Lande! – Die lichten Wellen warfen ihren Abglanz auf Bäume und Büsche, melodisch rauschten die wogenden Gipfel im Morgenwind, kreischende Wasservögel strichen über den Strom, die Klänge der Frühglocken aus den Ortschaften rechts und links begegneten sich über dem Wasser und luden ein zum Morgengebet. Hie und da sahen wir Schaaren von Kirchengängern auf den Kronen der Dämme hinziehen, oder schäkernde und jubelnde Gruppen von Kindern: Alles war Sonntag und Sonntagsandacht und Sonntagsfreude; und als endlich rechts und links dicht an einander geschaarte Landhäuser, die auf den Strom hinausschauten, ihre glänzenden Stimmen zeigten; als am Ufer Masten an Masten und Segel an Segel sich drängten, die, dem Sonntag zu Ehren, flaggten; als aus der Tiefe des Häusermeers die Thürme auf unser Fahrzeug herabschauten: da konnten wir nicht mehr zweifeln, am Ziele zu seyn. Und so war es wirklich. Die Schiffsknechte drehten das Fahrzeug nach einer offenen Stelle am Kai, sie zogen die Ruder ein, schoben ein Bret vom Deck auf den Steindamm: – wir waren im Bremer Hafen.

Vierzig Jahre fast sind seitdem vergangen. Damals gab es noch keine Eisenstraßen und Dampfschiffe. Man brauchte zu einer Wasserfahrt von Münden nach Bremen 7 Tage. Auf dem Postwagen reiste man nicht viel schneller; von Hannover nach Bremen mußte man 3 Tage durch die Heide fahren. Jetzt durchfliegt sie das Dampfroß in 6 Stunden. Wenn man zu jener Zeit eine Reise von Bremen nach Amerika unternahm, so machten vorsichtige Leute ihr Testament: jetzt ist’s eine Spazierfahrt. Die Erde ist kleiner geworden; der Mensch nicht glücklicher.

Bremen, als Stadt, ist gerade nicht sehr schön. An die vornehme, imponirende, prätensiöse äußere Erscheinung deutscher Residenzen ähnlicher Größe ist nicht zu denken. Bremen hat Besseres. Es hat den ansprechenden Ausdruck einer frischen, kräftigen, fleißigen, frohen, behaglichen Bürgerlichkeit. Es sagt nicht: schau’ mich an und bewundere! – Aber das Gemüth heimelt’s an, es wird dem Menschen wohl in dieser Stadt, wo Ehrbarkeit, Zucht, Fleiß und Sitte neben Bildung und Weltkenntniß in so anspruchslosen Formen sich bewegen. –

Der breite Strom der Weser, welche 14 Meilen weiter abwärts in die Nordsee mündet, theilt Bremen in 2 Hälften von ungleicher Größe: – in die Alt- und Neustadt. Aus dem bevölkerteren Theile, der Altstadt, führen steinerne Brücken zum linken Ufer. Außerhalb der ehemaligen Wälle strecken sich die Vorstädte in’s Land. Der Umfang der Stadt mit den Vorstädten ist etwa 3 Stunden. Auf dem Raum der ehemals starken, zu Anfang dieses Jahrhunderts geschleiften Festungswerke ist ein Park angelegt, welcher die Altstadt in einem Halbkreise umfaßt, der an den beiden Enden die Weser berührt. Diese Anlage wetteifert mit den schönsten städtischen Umgebungen Deutschlands. Promenaden wechseln ab mit fließenden Wassern, Licht- mit [137] Schattenpartien, Buschwerk mit Hochwald, und die prächtigen Blumenparterre’s werden mit holländischer Sorgfalt gewartet und gepflegt. Die schönsten Straßen münden an ihrem Saume, die stattlichsten Häuser stehen an ihrem Rande, und viele Punkte geben freundliche Fernsichten über Fluß und Stadt, Wiesen und Gärten. – Die Bauart ist in der Altstadt alterthümlich, ächtes deutsches Stadtgepräge, wie es uns in Nürnberg, Augsburg, Lübeck u. s. w. erfreut: Häuser mit schmalen Fronten, die hohen Giebel den engen, krummen Straßen zugewendet, Erker an den großen Gebäuden: Alles solid von Stein, höchst reinlich und wohlerhalten. Die alte, reiche Hansastadt guckt noch ganz anmuthig aus ihrem stattlichen Kleid. – Heiter, selten prächtig und anmaßlich, ist die Bauart der Neustadt. Die Häuser derselben streben nach Schönheit und Wohnlichkeit, und sie ehren, mit wenigen Ausnahmen, den Geschmack der Bauherren. Paläste, wie sie sich Hamburgs reiche Kaufleute in der neuen Zeit errichteten, an denen eine glänzende Dekoration die Ideenarmuth der Erbauer und den Ungeschmack der Zeit umsonst zu verhüllen trachtet, sieht man in Bremen wenige, und der verständige Sinn der Bremer Geldleute schützt vor der Sucht, nachzuahmen Das, was Manchem verderblich werden könnte. – Gegenwärtig zählt Bremen etwa 7000 Häuser mit einer an die 60,000 reichenden Bevölkerung.

Die Stadt nimmt rasch zu. Es treibt und sproßt in ihr ein jugendlicher frischer Geist, und trotz der 1000 Jahre, die sie in Ehren zählt, ist an keine Schwäche und an kein Rückwärtsgehen zu denken. Alles ist Wachsen und Entfalten, faßt wie in einer jungen Stadt der neuen Welt. Daß der Einfluß des ununterbrochenen und innigsten Verkehrs mit dem jugendlichen Nordamerika auf Bremen anregend und belebend zurückwirkt, ist nicht zu verkennen und für Bremens Entwickelung von Bedeutung.

Plätze von besonderer Schönheit besitzt Bremen nicht. Markt und Domhof sind, jener wegen des Rathhauses, dieser wegen des Doms, merkwürdig. Der Dom, ehrwürdig als eine der ältesten Stätten des christlichen Kultus in Deutschland, ist weder sehr groß noch sehr schön; aber durch seine Krypta (vom Volk Bleikammer genannt), ein unterirdisches, von Pfeilern und gewaltigen Mauern getragenes Todtengewölbe, weltberühmt; denn es hat die noch nicht befriedigend erklärte Eigenschaft, daß die in demselben beigesetzten Leichen nicht verwesen, sondern in den Särgen allmählig zu Mumien vertrocknen. Als ich da war, standen an 30 offene Särge in Reihen geordnet: – Kinder, Jünglinge, Männer und Greise, Frauen und alte Mütterchen schauten heraus, als ob sie nur schliefen! Gesicht und Hände waren fast vollkommen erhalten, die Haut glatt und pergamenten. Mehre mochten Jahrhunderte da seyn, denn die Todten trugen vielerlei Trachten aus vielerlei Zeiten. – Unter den übrigen Tempeln ist die Angarikirche mit ihrem 324 Fuß hohen Thurme (dem höchsten Bremens) die sehenswertheste. – Die Hansazeit findet im alten Rathhaus ihren monumentalen Repräsentanten. Vor demselben steht eine kollossale Statue Rolands, des Helden der deutschen Sage, ein Kunstwerk [138] uralter Zeit, ungeschlacht und roh von Form und Arbeit. Die größte Merkwürdigkeit des Rathhauses ist aber, wie die des Doms, unter der Erde: der Keller, mit den köstlichsten und ältesten Rheinweinen, deren Tropfen sich nach Pistolen berechnen; denn wenn der Hochheimer von 1624, welcher hier lagert, im Ankauf auch nur 500 Thaler das Stück kostete, so kömmt er, Zins auf Zins gerechnet, der Republik jetzt auf etwa 15 Millionen Pistolen, oder 150 Millionen Gulden zu stehen! Kein Kaiser und kein König kann sich eines solchen Besitzes rühmen, und eine originellere Idee über nützliche Anlage der Staatsgelder ist wohl selbst Laws Haupt nicht entsprungen. Die berühmteste Abtheilung in dieser vortrefflichen Staatsanstalt heißt der Apostelkeller; deshalb so benannt, weil auf jedem der zwölf mit den besten Gewächsen vergangener Jahrhunderte angefüllten Riesenfässer das Bild eines Apostels, als respektiven Schutzheiligen, ausgeschnitzt ist. Als Kuriosum zeigt man auch wohl die Stelle, wo einst ein Treppchen aus dem Sessionszimmer herabging, das die Väter der Stadt zu den Fässern führte. Jene gute Zeit ist auch vorüber und das Treppchen längst vermauert; Wein und Lust aber sind geblieben; daß sie demokratisch geworden sind, macht sie beide nicht schlechter. Jeder mag jetzt für sein Geld den ächten rheinischen Sorgenbrecher an der lautersten Quelle nippen, und es kommt keine Notabilität nach Bremen, der die Gastfreundschaft in jenen Hallen nicht eine Güte thäte. Gesang und Spiel tönen dann oft durch die weiten Gewölbe, bis der Hahnruf die Zecher fortscheucht. –

Noch heben sich durch ihre Bestimmung oder Bauart hervor: die Börse, die Schüttung (Versammlungsort der Bürgerausschüsse), der alte erzbischöfliche Palast (jetzt das Stadthaus), die Seefahrt (Schifferhospital), die Post und die Wasserkunst auf dem Inselchen zwischen Alt- und Neustadt, welche Bremen mit Wasser versorgt. – Die Gebäude, in welchen die Wohlthätigkeit ihre Anstalten hat, – Kranken-, Wittwen-, Irren-, Taubstummen, Waisen- und Arbeitshäuser, – machen sich weniger durch äußere Schönheit, als durch gute Einrichtungen geltend. Die Pflicht, den Armen und Leidenden unserer Brüder beizustehen, fand von jeher in Bremen die werkthätigste Uebung. – Für Wissenschaft und Kunst ist der Sinn in Bremen jetzt mehr entwickelt, als man gemeinlich annimmt, und eine Menge Anstalten pflegen sie, ohne viel von sich reden zu machen. Die neue Kunsthalle ist ein würdiges Gebäude, das Theater ist in der Regel gut besetzt, und in dem schönen Gebäude der Union mit seinen großen Konzertsälen findet die Musik sorgfältige Ausbildung. Das Museum, eine ältere Gründung, gibt, wie die Bibliothek der Union, der Bildung eine solide Unterlage und macht Lektüre und Studium Jedem zugänglich und bequem. Die Museums-Bibliothek besitzt über 70,000 Bände, und keine wichtige Erscheinung der neuern Literatur wird man vergeblich in derselben suchen. Die Stadtbibliothek hilft in Betreff der ältern Werke aus. Der Kunst- und Naturaliensammlungen, der physikalischen Kabinete sind mehre hier und alle leicht zugänglich. Die Sternwarte des berühmten Olbers, den Bremen mit einem [139] Marmor-Standbilde von Steinhäuser in Rom (auch ein Bremer), geehrt hat, ist jetzt verwaist. Für die Schulanstalten ist in neuerer Zeit Vieles und Großes geschehen, und Bremen steht in dieser Beziehung keinem deutschen Gemeinwesen nach. Ihr Einfluß auf die jüngere Generation ist unverkennbar. Wissenschaftliches Streben ist in allen Klassen wach und wird allgemein geschätzt. Die höhere Hauptschule mit Vorschule, die Gelehrten-, Handels-, Gewerbs- und Schifffahrtsschule und das Seminar sind musterhaft eingerichtet und gut geleitet. Bremen ist stolz auf manchen berühmten Namen im Reiche der Geister; ich nenne Adam von Bremen, Treviranus, Heeren und Olbers.

Handel und Schifffahrt sind die Axe des Bremer Lebens; sie verhalten sich zu demselben wie Kopf und Herz zum Körper. Bremens vortheilhafte Lage an einem schiffbaren Strom, mit dem es bis in die Mitte Deutschlands reicht, der Unternehmungsgeist und die Solidität seines Kaufmannsstandes, welchem von Generation zu Generation die Erfahrungen, das praktische Wissen und der merkantile Aplomb zu gute kommen, die in Jahrhunderten erworben werden, haben gemeinsam eine Handelsgröße gegründet und gepflegt, welche in Deutschland nur von der Hamburgs und Triests überragt wird. Die Behauptung dieser Stelle ist für Bremen nicht leicht und das Ziel dauernder Anstrengung. Hamburg mit seinem dreimal größern Hinterlande und zehnmal größern Kapital erwirbt leichter; Triest, dem bevorzugten Lieblingskinde der Regierung eines großen Reichs, fällt der reiche Gewinn gleichsam von selbst in den Schooß; die Bremer hingegen müssen sich’s sauer werden lassen und den Erwerb suchen. Gerade dadurch aber hat sich ihr Blick geschärft und ist ihr Spekulationsgeist kühn und großartig geworden. Der Bremer Kaufmann zieht alle Punkte der Erde in seine Kombinationen, wie auch seine Flagge auf allen Meeren weht. Während der Triester sich mit der gefahrlosen, einträglichen Rolle des Vermittlers und Kommissionärs begnügt, dem die Absatz suchenden Nationen ihre Waaren in’s Wagazin bringen und auch Hamburgs Geschäfte zum großen Theil dem Kommissionshandel dienen, muß der Bremer die seinigen meist auf eigene Gefahr machen. Er durchforscht unverdrossen alle Winkel der Erde, um sich einen Vortheil auszukundschaften. Als der Alp des Monopols zugleich mit der spanischen und portugiesischen Herrschaft von Amerika abgeworfen wurde, da waren die Bremer die Ersten, welche die neueröffneten Kanäle des Verkehrs versuchten; als Australien zugänglich wurde, waren sie vor allen andern dort; ehe noch Hamburg an seine erste Ausrüstung nach Kalifornien dachte, ankerten schon Bremer Schiffe in San Francisco, Monterey und Mazattan. Ihre Fahrzeuge besuchen die Grönländischen Gewässer und die Davisstraße, fahren regelmäßig auf Archangel, nach Odessa und den Häfen des Mittelmeers; sie transportiren die Pilger des Orients, die nach Mecca und Medina ziehen, auf dem rothen Meere, und auf der ganzen Ost- und Westküste Amerika’s ist kein Hafen, den sie nicht besuchen und wo nicht Bremer Interesse durch ein Bremer Handelshaus, oder einen Bremer Konsul wahrgenommen und vertreten wäre. In den [140] Vereinigten Staaten ist die Bremische Flagge nach der Englischen die frequenteste und steht in hohem Ansehen und Vertrauen. Die überseeische Handelsmarine Bremens ist fast so groß, als die des ganzen übrigen Deutschlands; selbst die Hamburgs steht gegen die seinige weit zurück. Von alle dem macht man aber in Bremen wenig Redens und Aufsehens und man ist, nach Holländer Art, zufrieden, wenn auch der Neid der Nachbarn nichts davon reden mag. Der Bremer ist der Mann der That Auch als Deutscher hat er das bewiesen. Als Deutschland mit gebundenen Armen für die deutsche Sache in Schleswig-Holstein sammelte, da gab Bremen 100,000 Thaler, während das zehnmal größere Hamburg kaum 10,000, das achtmal größere Berlin kaum ein Zwanzigstel so viel gesteuert hat.

Der tüchtigste Kern und Halt dieser braven und derben Gesinnung, die durch alle Stände geht, liegt im Bremer Kaufmann. Er ist in der Regel weit gereist, er hat das Leben der Völker von vielen Seiten kennen gelernt, und sein praktischer, beobachtender Blick weiß das Gute und Schlechte mit seinen Ursachen schnell und leicht zu finden. Fast jeder hat einige Jahre in den Freistaaten Nordamerika’s gelebt; und solche Männer können niemals so beschränkte und vernagelte Köpfe seyn, wie die meisten Stubengelehrten oder Kollegienmenschen, welche an der Scholle kleben und Lebenserfahrung in ihren Büchern und Akten suchen. Dabei verliert er nie den soliden Sinn; er hat gesehen und erfahren, daß die Wind- und Wortmacherei überall nichts frommt. „Vorwärts!“ ist und bleibt sein Wahlspruch, aber sein Vorwärts geht nicht in Bockssprüngen, sondern kräftigen, gemessenen Schritts, weil er überzeugt ist, daß nur das allmählig und mühsam Errungene festzuhalten ist, so im Leben des Staats, wie im Leben des Einzelnen.

Der Bremer Kaufmann ist der Mann der Vorsicht, und deshalb sieht er auch jedem Vorschlage und jeder Maßregel der Regierung scharf auf die Finger, und wie „Trau, schau, wem?“ sein Kompaß und sein Grundsatz ist im Handel, so mag er auch von den politischen Schwärmern und Schwindlern nichts wissen, die die alte Welt einreißen wollen bloß darum, um den Bau einer neuen zu probiren. Als ordentlicher Mann will er die Freiheit nur mit der Ordnung. Renommisten, Glücksritter und Projektenmacher, deren Element Unordnung ist, – solche finden niemals seine Unterstützung.

Begreiflicher Weise stehen unter den Gewerben Bremens Rhederei und Schiffbau obenan. Beide werden in Bremen auf das Großartigste betrieben und geben einer Entwickelung zu, die noch keine Grenzen hat. Manches hiesige Haus besitzt jetzt 30 eigene Schiffe auf den Meeren und macht den Frachtfahrer für viele Nationen. Die Rhederei fand neuerlich eine Hauptstütze und eine Haupttriebkraft für ihre Entfaltung in der deutschen Auswanderung. Der nach Amerika gerichtete Menschenstrom geht fast zur Hälfte über Bremen und es würde, wäre die Eisenbahnverbindung zwischen Nord- und Süddeutschland von Bremen ab nicht auf der [141] Strecke von Eisenach bis Lichtenfels, in Ermangelung einer Werrabahn, unterbrochen, der Emigrantenzug nach Bremen aus Bayern u. s. w. noch einmal so stark seyn. Die leichtere Verbindung auf Main und Rhein führt jährlich 20 bis 30,000 Deutsche den niederländischen Häfen und Havre zu, die sonst Bremen gewiß vorziehen würden, wo Gesetze, Behörden und Vereine zusammengreifen, um das Loos der Auswanderer bis zur Einschiffung und auf der Ueberfahrt erträglicher und besser zu machen und sie vor Uebervortheilungen und Prellereien zu sichern. – In neuester Zeit entfaltet für diese Zwecke in Bremen ein Nachweisungsbureau für Auswanderer, dem ehrenfeste Männer vorstehen, eine segensreiche Wirksamkeit; es ertheilt Rath und Belehrung Jedem, der es anruft, unentgeltlich. – Das Auswandererhaus in Bremerhafen, von wo die Schiffe nach Amerika abgehen, ist die großartigste Anstalt ihrer Art zur wohlfeilen und bequemen Unterkunft der Auswanderer auf dem ganzen Kontinente. Die Bremer Rheder stehen in dem Rufe großer Solidität, und sowohl in Betreff der Anzahl der Passagiere, als auch der Qualität und Quantität der Lebensmittel hält der Staat scharfe Ueberwachung. Die in Havre und Antwerpen so häufig vorkommenden Unfertigkeiten gegen Auswanderer sind daher in Bremen selten.

Für die Auswanderung nach Brasilien, Australien, Kalifornien und Mittelamerika ist ein regelmäßiger Schiffsdienst schon eingerichtet oder im Entstehen. Zwei große Dampfschiffe fahren von 4 zu 4 Wochen zwischen Bremen und New-York; die Dampfer zwischen Bremen und England gehen wöchentlich mehrmals und eine Dampfschifffahrt auf der Weser erleichtert die Verbindung mit dem Innern von Deutschland. Landeinwärts endigt die Wasserstraße bei Wanfried an der Werra, während sie von da bis Meiningen und auf der Fulda bis Hersfeld fortgesetzt werden könnte, wenn für Rektifikation und Austiefung der Flußbetten und für die Entfernung der Mühlen das Nöthige geschähe. Die Holzflöße zum Schiffbau gehen von Werningshausen unterhalb Meiningen direkt bis Bremen. Weiter aufwärts führen im Herbst und Frühjahr die Werra und ihre Nebenflüsse die Hölzer des Thüringerwaldes in kleinern Flößen herbei. – Die von dem Schiffbau abhängigen Gewerbe, Reepschlägerei etc., sind groß und blühend. Zu einer erstaunenswerthen Wichtigkeit ist in neuerer Zeit ein Gewerbe aufgewachsen, welches noch vor 25 Jahren wenig Beachtung hatte, jetzt aber 10,000 Hände und ein Kapital von Millionen beschäftigt: – die Cigarrenfabrikation. Bremen bietet diesem Geschäftsgang eigenthümliche Vortheile dar, welche die Spekulation, als das Cigarrenrauchen allgemeiner wurde, schnell zu benutzen verstand. Bremen ist namentlich der größte Tabaksmarkt in Europa und folglich kann der hiesige Cigarrenfabrikant immer die bequemste und reichste Auswahl des Materials treffen. Der Werth des Cigarrenexports steigt schon jetzt auf 3 Millionen Thaler. Bremer Cigarren gehen sogar in Menge nach Nordamerika. Dagegen ist die zwar immer noch große Fabrikation von Schnupf- und Rauchtabaken im Abnehmen. – Die Zuckerraffinerien sind nicht mehr so [142] bedeutend, als ehedem, bevor der Rübenzucker in den Hinterlanden zu so großem Verbrauch kam. Bierbrauerei ist ein gutes Gewerbe; viel Porter wird ausgeführt. Für die Bereitung von Essig, Bleiweiß, Leder, Fischbein, für Oelraffinerie und Thransiederei sind einige bedeutende Anstalten vorhanden.

Bremens Handelsgröße ruht auf der festesten Grundlage: dem eigentlichen Waarenhandel. Während Hamburg sich vorzugsweise im Besitze des deutschen Binnenhandels hält (sein Hinterland reicht bis nach Oesterreich), hat Bremen den größten Theil von Deutschlands Verkehr mit den nordamerikanischen Freistaaten an sich gezogen. Preußens Versuche, dieses großartige Geschäft theilweise nach Stettin zu leiten, sind gänzlich mißglückt, und auch Hannover hat die früheren Experimente, Emden zur Rivalin von Bremen zu erheben, nicht erneuert. Der Hauptartikel von Bremens Ausfuhr war ehedem der große Stapelartikel Leinewand; aber nachdem durch die Einführung der Maschinenspinnerei sich England der Leinen-Fabrikation bemeisterte, ist dies sonst so kolossale Geschäft gesunken und hat kaum noch ein Fünftel des früheren Werths. – Die gesammte Waarenausfuhr seewärts ist etwa auf 12 Millionen Thaler zu veranschlagen. Die Einfuhr seewärts ist bedeutend mehr. Bremen ist ein großer Markt für Kaffee und Zucker der westindischen Kolonien und Brasiliens, für Reis der Vereinigten Staaten: für Droguen und Kolonialerzeugnisse überhaupt; für Thran und Oel, für Getreide, Rapsaat, Mehl, Schinken, Speck, Butter, Lumpen, Knochen etc. etc.; für Rum, Spriet und französische Weine; für Hanf, Leinsaat; für das Blei vom Harz und das Holz des Thüringer Waldes. – Die hiesigen Seeassekuranzgesellschaften stehen im besten Rufe. Es werden in Bremen jährlich 20–25 Millionen Thaler versichert, und das Geschäft ist noch im Wachsen. Die Bedingungen sind billig, zeitgemäß und geben vollkommene Sicherheit. – Eine seit 1815 in Bremen bestehende Girobank und das nützliche Institut einer Diskontokasse erleichtern die Platzgeschäfte überhaupt. – Von der demoralisirenden Agiotage, von dem Handel und Schwindel in Staatspapieren und Aktien hat sich die Bremer Börse, zu ihrer Ehre und ihrem Heil, bis jetzt frei zu halten gewußt. –

Ein großer Uebelstand der Bremer Schifffahrt, und hinderlich ihrer Entwickelung, war früher der Mangel eines eigenen Hafens an der Wesermündung, da nur solche Schiffe herauf an die Stadt gelangen können, die weniger als 7 Fuß Wasser ziehen. Im Jahre 1829 kaufte Bremen von Hannover für Tonnen Goldes Land an der Wesermündung zu einem Hafen, und es grub ein Bassin von 2600 Fuß Lange, 300 Fuß Breite und 18 Fuß Tiefe aus, das eine ganze Flotte großer Seeschiffe aufnehmen kann; es bauete Magazine und Docks und steckte den Grund zu einer schnell aufblühenden Stadt aus. So entstand Bremer-Hafen, das großartigste und nützlichste Denkmal der Energie und des Gemeinsinns der kleinen Republik.

[143] Die Entwickelung des freistaatlichen Lebens von seinen Anfängen an zu betrachten, ist in diesem Buche kein Raum. Es ist ein reiches Leben voll Strebens, Reibens und Kämpfens von jeher gewesen, und des Aenderns und Flickens an dem Staatskleide, je nach dem das aristokratische oder demokratische Element überwog, war kein Ende. – Eine lange Periode unbedingter Patrizierherrschaft legte die Gewalt des Staats erblich in die Hände weniger Familien, und die Mitgliedschaft des souveränen Raths ging in lange voraus bestimmten Reihenfolgen umher unter gewissen Namen, wie ein Lehen. Das was des Raths goldene Zeit. Er theilte alle Süßigkeiten der Herrschaft unter sich und ließ die Uebrigen für sich selbst sorgen. Die französische Unterjochung machte dieser Wirthschaft ein Ende. Die Restauration von 1816 gab zwar dem Patriziat einen Theil seiner früheren Vorrechte wieder; die Rathsgewalt wurde jedoch beschränkt, und ihre Versuche zur Erlangung größerer Unabhängigkeit von dem demokratischen Einflusse der Bürgerschaft scheiterten an der Bewegung von 1830 und schlugen in den Revolutionstagen von 1848 in das Gegentheil um. Bremen hat seitdem eine reformirte Verfassung mit überwiegenden demokratischen Institutionen empfangen. An dieser Verfassung nun versucht die Reaktion durch das Patriziat, welches im Senate noch die Majorität hat, seine Künste, und daraus ist ein Kampf der Parteien erwachsen, heftiger wie irgendwo in Deutschland.