Lübeck (Meyer’s Universum)

DCXXXXII. Neusatz in Ungarn Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band (1850) von Joseph Meyer
DCXXXXIII. Lübeck
DCXXXXIV. Bremen
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LÜBECK

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DCXXXXIII. Lübeck.




Der Blick auf Lübeck schlägt ein Stück Weltgeschichte auf; denn Lübeck war das Haupt der Hansa, jener mittelalterlichen Großmacht ohne Land, Fürst und Reich. Die Hansa ist vergangen mit ihrer Zeit; ihre Vesten sind zerbrochen, ihre Faktoreien sind verlassen, ihre Heere sind begraben, ihrer Kriegsflotten Staub hat längst der Wind verweht, ihre Institutionen und Ordnungen sind unsern Tagen fremd geworden; doch des todten Bundes Glieder, seine Städte, treiben, grünen und blühen fort, wenn auch der starke und kühne alte Geist in den verweichlichten Enkeln kaum mehr ist, als ein Schatten.

Die deutschen Hafenstädte an der Nord- und Ostsee hatten lange schon vor ihrer Vereinigung zum Hansabunde durch Schifffahrt und Fischfang Bedeutung. Bremer und Lübecker führten deutsche Kriegerschaaren in den Kreuzzügen an die syrischen Küsten, und der Orden der deutschen Herren zur Bekehrung der heidnischen Völkerschaften an den Gestaden der Ostsee, woran sich die Ausbreitung der deutschen Herrschaft bis zum finnischen Meerbusen knüpfte, fand in jenen Städten Stützpunkte und wirksamen Vorschub. Lübeck war damals vor allen andern Städten mächtig. Seine Kaufleute folgten den Eroberungszügen der deutschen Ordensritter auf dem Fuße. Sie richteten Faktoreien in den besetzten Landstrichen ein und machten sich zu Herren des russischen und polnischen Handels, der sie mit Reichthümern lohnte. Die freie Reichsstadt stand schon im 12. Jahrhundert in solchem Ansehen, daß die norddeutschen Fürsten sie zum Bündniß gegen die Dänen einluden, und als diese auf [127] ihren Raubzügen an den deutschen Küsten lübecker Gebiet antasteten und lübecker Schiffe molestirten, erklärte die Stadt mit dem Stolze und dem Muthe freier Männer, die sich ihres Rechts und ihrer Kraft bewußt sind, den Krieg. Die Dänen, damals die größte und gefürchtetste Macht im Norden des Welttheils, sandten ein Heer ab, um die Lübecker zu züchtigen. Da zog aus der Stadt Alles, was ein Schwert heben und eine Streitaxt schwingen konnte, den Dänen entgegen, und in der Schlacht am 22. Juni 1227 wurde durch die Bürger ein Sieg erfochten, so herrlich als Männer jemals für Recht und Freiheit über fremde Unterdrücker einen erkämpft haben. Aufgestachelt von Stolz und Rachsucht, schickte hierauf Dänemark Heer auf Heer und Flotte auf Flotte, die Lübecker zu vernichten; diese aber setzten mit ausdauerndem Heldenmuth ihr Alles, ihr Leben und ihr Gut, an die Behauptung der Freiheit. Sie riefen ihre Handelsschiffe aus allen Meeren heim, bewaffneten sie und machten daraus eine Kriegsflotte, stark genug, um den dänischen Geschwadern entgegen treten zu können. Im Jahr 1234 schlugen die Lübecker die erste Seeschlacht. Einen ganzen Tag dauerte das Ringen; Wunder der Tapferkeit geschahen von beiden Seiten; doch endlich siegte der Deutschen unbezwinglicher Muth und die dänische Flotte wurde vernichtet. Da gab Dänemark den Kampf auf, und es schloß Frieden mit der kleinen Republik, an deren eisernem Muthe der Unterjochungsversuch gescheitert war.

Lübeck’s Ansehen war durch den Ausgang dieses bewundernswürdigen Kampfs hoch gestiegen. Die norddeutschen Städte, von Königsberg bis nach Amsterdam, schickten Ehrenboten nach Lübeck, und dieses, die günstige Zeit benutzend, schlug den Städten ein Bündniß zur gemeinschaftlichen Vertheidigung ihrer Freiheit, ihrer Rechte und ihres Besitzes gegen die Bedrückungen der Fürsten und des Adels und zur Abwehr äußerer Feinde, so wie auch zur Förderung ihrer Handelsinteressen vor. Auf diese Weise ist der Bund der Hansa im Jahr 1241 zu Stande gekommen, dem sich nach und nach die größten Handelsstädte Norddeutschlands, der Niederlande, Polens und Kurlands anschlossen. Mit Neid und Eifersucht betrachteten die Fürsten einen Bund freier Bürgergemeinden, der den Uebergriffen ihrer Autorität entgegentrat und ihre, auf Vernichtung der bürgerlichen Freiheit gerichteten Pläne durchstrich. Selbst nicht stark genug, den Städtebund, welcher durch seine Geldkraft und durch die gemeinschaftliche Wehrverfassung über gewaltige Mittel zum Kriege gebot, offen zu befehden, hetzten sie an Dänemark so lange, bis dieses Reich, das seine von den Lübeckern erlittenen Niederlagen nicht verschmerzen konnte, endlich den Krieg wieder aufnahm. Dies geschah 1249. Der Dänenkönig Erich IV. ließ durch seine Kriegsschiffe die friedlichen Kauffahrer der Lübecker kapern, er ließ ihre Bemannung in Ketten nach Dänemark schleppen, die in seinen Staaten reisenden lübecker Kaufleute gefangen setzen, ihre Güter konfisziren und durch Einfälle und Raubzüge lübecker Gebiet plündern und verheeren. Da zog Lübeck abermals mit einer Flotte von 200 Schiffen unter Kommando seines Admirals und Bürgers Soltwedel aus und fuhr, unbekümmert um die dänischen Geschwader [128] an seinen Küsten, direkt gen Kopenhagen. Erstürmt wurde die Königsstadt, verbrannt das Königsschloß, der Dänen Hauptstadt geplündert und Schatzung erpreßt zum Entgelt für alle erlittene Unbill. Als der Züchtigung genug schien, fuhren die Lübecker, mit Geißeln und Beute beladen, vor Stralsund, das damals auch ein dänischer Besitz war und für die zweite Stadt des Reichs gehalten wurde. Auch Stralsund wurde erstürmt, die dänische Besatzung dem Schwerte hingegeben, die Stadt dem Feuer. – Das wirkte. Die Dänen machten Frieden und hielten Ruhe lange Zeit. Die nun folgende Friedensperiode wurde von den Lübeckern zur Pflege und Ausbreitung ihrer Handelsverbindungen mit derselben Kraft und Willensstärke benutzt, welche ihnen zum Siege im Kriege verholfen hatte. An den Ruhm knüpfte sich der Reichthum. Lübecks Ansehen theilte der ganze Bund; er schloß sich enger und fester zusammen und seine Organisation wurde vervollkommnet. Große Rollen spielten Riga und Köln in demselben, als Grenzpunkte der Hansa nach Nord und West, und auch Hamburg und Bremen blühten unter dem Bundesschutz rascher auf, als Lübeck angenehm war. Der hanseatische Verkehr wuchs in’s Unermeßliche. Alle Glieder des Bundes nahmen daran größern oder kleinern Theil. Der ganze Großhandel des Nordens gerieth in die Hände der Hansa, und ihre eigensüchtige Handelspolitik, von der Macht gestützt, welche Muth, Geld, Flotten und Heere gaben, ließ keinen Nebenbuhler aufkommen und räumte aus dem Wege Alles, was ihrem Handelsvortheil hemmend oder nachtheilig werden konnte.

„Der Bund hat vier Herzen“, sagte der damalige Volkswitz; er hatte nämlich 4 Hauptniederlagen (Faktoreien): eine in Norwegen zu Bergen, eine in Rußland zu Nowgorod; eine in England zu London; eine in den Niederlanden zu Brügge. Die bergener Fattorei sicherte ihm den Besitz der großen Fischerei. Von Bergen aus wurde der Walfischfang betrieben, der sich zu jener Zeit auf die arktischen Gewässer um Grönland und Spitzbergen beschränkte; Heringe, Stockfische und Kabeljau aber lieferten die norwegischen und lappländischen Küsten fast ausschließlich in jenen Jahrhunderten, wo von den Fischereien an den amerikanischen Gestaden noch keine Rede seyn konnte. Die ganze Christenheit wurde dadurch gleichsam an die Hansa tributpflichtig, denn ihre Fischwaaren konnte man als Fastenspeise nirgends entbehren. Die bergener Faktorei okkupirte die Hälfte der ganzen Stadt. Die Hansa unterhielt in derselben 3000 Beamte und Arbeiter und beschäftigte von Bergen aus über 300 Schiffe. Filialfaktoreien, von der Bergener abhängig, waren in mehren Häfen Norwegens, Lapplands, Islands und Grönlands errichtet.

Das zweite Hauptetablissement der Hansa war Nowgorod in Rußland. Durch dasselbe und durch das Filial zu Moskau eröffnete sie sich die Wasserstraßen der Wolga, des kaspischen und schwarzen Meeres nach Centralasien, Indien und China. Europäische Manufakturen, Goldmünzen und Silberbarren dienten als Tauschmittel. Es war dies ein höchst ausgedehnter Handel, den Traktate mit den moskowitischen und tatarischen Herrschern sicherten. Die Ausfuhr der Produkte Rußlands und der tatarischen Länder nach Europa, [129] von Pelzwerk, Leder, Häuten, Hanf, Flachs, Wachs (ein Hauptartikel in den katholischen Zeiten!), Honig (der damals den Zucker vertrat), Kupfer, Haufenblase, Talg etc., geschah nur durch Vermittlung des Hansabunds und eben dadurch wurde die Handelsverbindung mit den Hanseaten nothwendig für alle seefahrenden Nationen. Ihre Faktorei in Nowgorod unterhielt 4000 Arbeiter und Beamte. Sie war, gleich einer Festung, mit hohen Mauern und Gräben umgeben; nur zu gewissen Stunden durften Russen hinein; des Nachts war sie geschlossen und in den Gräben hielten Bären, Hunde auf den Wällen Wacht. Ueber die ungeheuern Vortheile, welche die Hansen aus diesem Handel zogen, bewahrten sie das tiefste Geheimniß. Sie setzten es sogar in den deutschen Ostseeprovinzen (Kurland und Liefland) durch, daß keinem Nichthanseaten, oder Ausländer, die russische Sprache gelehrt werden durfte. Erft 1494 ging, unter Iwan dem Schrecklichen, der die Faktorei zu Nowgorod plünderte und die Hanseaten in den Kerker warf, das Etablissement verloren.

Die dritte Haupt-Position der Hanseaten für ihren Welthandel war die Faktorei in London. Noch ist der, die halbe Thames-Street einnehmende, Stahlhof (Steel Yard) mit seinen Speichern und Magazinen hanseatisches Eigenthum, – ein Riesenkreuz gleichsam auf ein Hühnengrab. Die Privilegien der Hanseaten in England und ihre Thätigkeit lieferten ihnen die wichtigsten Geschäftszweige in die Hände. England war damals berühmt, wie später Spanien es war, wegen seiner Wolle. Die niederländer und flandrischen Tuchfabriken, deren Erzeugnisse überall hin verfahren wurden, verarbeiteten vorzugsweise englische Wolle und die Hanseaten lieferten dieselbe. Sie exportirten jährlich 100 bis 150 Tausend Ballen aus England, und dieses empfing dafür von ihnen das Eisen und den Stahl Schwedens, die russischen Produkte, die norwegischen Fische und die Erzeugnisse Indiens. Drei Jahrhunderte blieb dieser gewinnreiche Großverkehr ungestört; in der Mitte des 15. Jahrhunderts entspann sich aber eine Fehde mit den Briten, hanseatische Schiffe wurden von den Engländern geplündert, hanseatische Kaufleute in den Kerker geschleppt oder ermordet, die Faktorei in London geschlossen. Da schrieben die Lübecker eine Versammlung aus für alle Städte, welche dem Bunde angehörten, und trugen darauf an, daß man an England thue, wie ihre Väter vordem an Dänemark gethan hatten. Sie wollten, daß man alsbald mit dreihundert Schiffen in die Themse fahre, London einnehme, den Tower zerstöre, Geißeln hole und Ersatz erzwinge für allen Schaden bei Mark und Pfennig. Das geschah nun zwar nicht; aber drei Kriegs-Geschwader wurden an die englische Küste gesendet, um die englischen Schiffe wegzunehmen, die Häfen zu zerstören und den jungen, kräftig aufwachsenden britischen Handel zu vernichten, der den Hanseaten ein Dorn im Auge war. Zweihundert britische Fahrzeuge wurden weggenommen, die Mannschaften in Ketten geworfen, die Küstenstädte verbrannt, die Magistrate als Geißeln fortgeschleppt oder an die Mastbäume geknüpft; und so lange schwangen sie die Ruthe über Britannien, bis es zu Kreuz kroch. Sein König Eduard IV. schloß im Jahre 1474 einen Frieden, [130] durch den er nicht nur die alten Privilegien der Hanseaten bestätigte und erweiterte, sondern ihnen auch Ersatz für allen durch den Krieg gehabten Verlust und 10,000 Pfund Sterling (damals eine ungeheure Summe) noch darüber hinaus zu zahlen versprach, als Sühngeld. Er ließ zu, daß die Hansen ihren eigenen Gerichtshof in London errichteten; er sicherte ihnen Befreiung vom Strandrecht, Befreiung von Zöllen und Geleit und sie bekamen dadurch ein solches Uebergewicht über ihre Konkurrenten im Handel, daß sie denselben fortan wie ein Monopol trieben. Das waren noch Zeiten, wo die deutsche Flagge Herrin war auf dem deutschen Meere, wo man dem deutschen Reichsadler, der jedem Hanseatenschiff am Topmast flatterte, Respekt erwies auf allen Meeren und an allen Küsten und wo deutsche Städte eine ihnen angethane Schmach zu rächen wußten männlicher als jetzt manche Könige thun. Als einmal Dänen, Franzosen und Englander es gewagt hatten, hanseatische Schiffe, die in Strandnoth gerathen, anzuhalten und zu besetzen, forderte Lübeck in aller Hanseaten Namen, daß, „so lange eine Katze oder ein Huhn auf einem deutschen Schiffe zu finden sey, dasselbe von keiner fremden Macht angetastet werden dürfe“, und die Könige unterschrieben, was die deutschen Bürger forderten.

Das vierte Haupt-Etablissement der Hanseaten war Brügge. Brügge war damals die reichste Stadt der Welt nach Venedig. In Brügge war der Ausfluß des orientalischen Handels; es war der große Stapelplatz Venedigs, Genua’s, Pisa’s, von Florenz und von Mailand. In Brügge fanden die Hanseaten den größten Absatz für die Produkte des Nordens und für die Wollen Englands; hier fanden sie auch den größten Markt und die reichste Auswahl für ihre Bedürfnisse zur Versorgung der Länder, deren Verkehr sie in Händen hatten. – Für die Faktorei in Brügge wirkten 300 hanseatische Agenten. In Brügge wurden bei den reichen flandrischen Kaufherren von hanseatischen Rhedern zuerst Schiffe und Ladungen gegen Seegefahr versichert. Die dortige hanseatische Schule für Kaufleute war berühmt, – erst nach 10 Jahren rückten in derselben die Lehrlinge zum Range des Dieners auf. Das war eine harte Schule und die Methode fing mit den niedrigsten Arbeiten an. Aber die Leute lernten und erfuhren viel und sie waren tüchtig, wenn sie selbstständig in’s Leben traten. Die reichsten Handelsherren in Lübeck, Hamburg, Riga, Danzig und Bremen rechneten es ihren Söhnen zur Ehre an, in dieser Schule gebildet zu werden. – Bis in’s 14. Jahrhundert dauerte ein gutes Vernehmen zwischen Flandern und der Hansa fort. Da wurden die Brüggener Kaufleute eifersüchtig. Die Handelsprivilegien der Hanseaten wurden beschränkt. Als die Gegenvorstellungen nichts fruchteten, verlegte Lübeck, unter Zustimmung der übrigen Bündner, die Faktorei nach Dortrecht und verbot allen hanseatischen Städten den Verkehr mit Flandern gänzlich. Das half. Es erschienen 1389 flandrische Abgeordnete in Lübeck und 1391 willigte der Herzog von Flandern in alle Bedingungen, welche die Hanseaten vorschrieben. Diese waren: der Herzog zahlt 11,000 Pfund Silber Entschädigung, garantirt von 24 Handelsherren in Brügge [131] und Antwerpen; 100 ehrbare Bürger von Brügge thun vor den hanseatischen Abgeordneten öffentlich Abbitte; die Stadt schickt 16 ehrbare Männer wallfahrten gen Sankt Jakob zu Compostella und vier ehrbare Männer gen Jerusalem zum heiligen Grabe, und läßt sie beten für das Wohl des Hansabundes! Alles das wurde buchstäblich vollzogen, und die Boten Lübecks kehrten heim unter Ehrengeleit flandrischer Ritter und Lübecks Bürger zogen ihnen im Waffenschmuck entgegen. Das waren Tage der Größe und Ehre für deutsche Bürger. Lübeck trug die Krone; aber das ganze deutsche Volk strahlte von ihrem Glanze wieder. Lübeck hatte damals fast 100,000 Einwohner. Unter den Städten aller Länder der Ostsee war es die reichste, größte, berühmteste. Ihr Name flößte Königen Furcht ein, Venedig schickte ihr Gesandte zu, mächtige Fürsten suchten ihre Freundschaft.

Und jetzt?

Hin ist der hohe Sinn der alten Zeit bis auf die letzte Spur; und an seine Stelle ist mit den neuen Verhältnissen ein anderer Geist eingezogen, der sich demüthig in die Zeit schickt, die Wahrung des eigenen Vortheils über Alles stellt und sich das ruhmlose Leben so behaglich und genußreich als möglich zu machen sucht.

Das Alter trägt wohl am meisten die Schuld und muß das Urtheil darüber mildern. Alter macht schwach und selbstsüchtig und die Schwäche macht furchtsam; wenn nun die alte Matrone mit der großen Politik nichts mehr zu schaffen haben mag und sich nur um ihre eigene Wirthschaft bekümmern will, so ist’s ihr am Ende so sehr auch nicht zu verargen. Als gute Hausfrau ist sie doch in Ehren zu halten, und man darf auch zugeben, daß ihr stattliches, altes Kleid ihr noch gut zu Gesicht steht. Sie hält es mit Sorgfalt ganz und rein und ein ächt bürgerliches Kleid ist es, das das Aug’ erfreut. Mit Hamburg freilich, der hoffärtigen, stolzen Schwester, kann sie sich nicht vergleichen. Dort wohnen die Kaufleute in Palästen wie die Fürsten; in Lübeck hingegen ist ein Haus mit 10 Fenstern Breite schon eine Seltenheit. Wie in den alten flandrischen und süddeutschen Städten sind seine Häuser schmal und sie kehren ihre Giebel den oft engen Straßen zu; sie erscheinen unansehnlich auf den ersten Anblick; doch bald werden Aug’ und Sinne durch die Mannichfaltigkeit ihres Styls, ihres Schmucks, ihrer Verzierungen und Verhältnisse angezogen und sie fesseln am Ende die Aufmerksamkeit dauernder, als die geistlosen Pracht-Neubauten Hamburgs. Man sieht’s dem alten Lübeck an, daß seine Erbauer sich die Welt beschaut haben; denn solcher Geschmack, solcher Reichthum in eigenthümlichen, oft phantastischen Formen waren in den deutschen Bauhütten des Mittelalters nicht zu Hause. Wenn man die lübecker Ziegelbauten mit den Hautereliefs aus glasirten Backsteinen betrachtet, so kann man sich der Vorstellung nicht entschlagen, daß die Bauherren die Muster aus den Dogenstädten Venedig und Genua holten; freilich mit dem Unterschiede, daß Das, was sie dort in Marmor ausgeführt sahen, sie in der Heimath nur aus Thon nachahmen konnten; denn anderes Material hatten sie nicht. – Ein offener Sinn für das Schöne der Natur ist dem Lübecker eigen und sucht im Leben mannichfachen Ausdruck. Um die Blumen und Ranken von Stein an den breiten Fenstern [132] schlingt er lebendiges Grün und von den Gesimsen läßt er die bunten Kinder der Flora auf die Vorübergehenden freundlich niederschauen. Pflege der Blumen ist eine Lieblingsbeschäftigung der Lübecker, und wer keinen Garten am Hause hat, der putzt sich doch sein Fenster zum Gärtchen aus, sey es auch nur ellengroß.

Die Stadt ist für ihre gegenwärtige Bevölkerung (28,000) zu groß und sie erscheint daher, mit Ausnahme des Marktes und einiger Hauptstraßen, ziemlich leblos. In dem weiten Raume streckt sich Jeder so behaglich als möglich aus und die meisten Häuser sind nur von einer Familie, viele nur im ersten Stock bewohnt. Die Giebelfenster, welche sich mehrfach über einander reihen, erhellen Speicher und Böden; keine wohnbaren Räume. Am lebhaftesten ist die Breitenstraße, welche die Stadt in der Mitte durchschneidet und die stattlichsten Gebäude hat; ferner die Mühlen- und die Holstenstraße. Auf den Kaien der Trave, welche die Stadt im Halbkreise umschließt, ist des Gewühls viel, wenn die Schifffahrt geht, und bei der Holstenbrücke, am eigentlichen Hafen, mahnt dann das rege Treiben manchmal an Lübecks große Zeit. Im Mastenwalde flattern die Flaggen aller Nationen des Nordens. Man hört da russisch, schwedisch, lettisch, finnisch, dänisch, holländisch und englisch reden von den gebräunten, ausgewetterten, untersetzten, stämmigen Männern in den Theerjacken. Deutsche Matrosen aus allen Häfen von der Memel an bis zur Ems lungern umher und die schwarzmonturten „Träger“ und Hafenarbeiter heben und rollen die Güter an’s Land oder in die Fahrzeuge hinein, und die Kärrner sind beschäftigt, Fässer und Ballen aufzuladen und in die Stadt zu bringen, oder kommen vollgepackt zum Kai in langem Zuge. Lübeck hat, als selbstständiger Markt, wenig Bedeutung mehr; als Speditionsplatz aber ist es immer noch der wichtigste der Ostsee. Durch Dampfer unterhält es einen regelmäßigen Verkehr mit Kopenhagen, Kiel, Stockholm, Petersburg und den kurländischen Häfen.

Rhederei und die ihr dienenden Gewerbe, Reepschlägerei und Schiffbau beschäftigen viele Hände und auf den am jenseitigen Ufer der Trave gelegenen Werften sind allezeit Schiffe im Bau oder in Ausbesserung. Holstein, Mecklenburg, Ostpreußen liefern dazu das Holz; Schweden und England das Eisen; Rußland das Kupfer zum Beschlag.

In einer Stadt, welche das Gewand einer an Ehren und zeitlichem Gut so reichen Zeit wohlerhalten mit in die Gegenwart nahm, kann es an merkwürdigen Gebäuden nicht fehlen. Zeugen der alten Herrlichkeit sind die Kirchen und vor allem das Rathhaus mit seinen Erkern und dreizehn minaretartigen Thürmchen. Da ist noch der Saal zu sehen, in welchem die Hansa tagte und Beschlüsse faßte, die als Gesetz galten bis in die öde Lappmark und im Kreml und an den Ufern des Tajo erwogen wurden. Lübecks herrlichste Zierde aber ist die Marienkirche, deren über 400 Fuß hohes Thurmpaar auf zehn Stunden weit zu sehen ist und Lübecks Schiffern schon vom Meere aus die Heimath erkennen läßt. Wenige Kirchen der Christenheit machen einen imposantern [133] Eindruck. Das Kolossale ihrer Masse und ihre Einfachheit wirken dafür zusammen; Schmuck und Zierrath ist wenig an ihr zu finden. Das Mittelschiff ist 134 Fuß boch und wird von einer Wölbung geschlossen, deren Kühnheit in Erstaunen setzt. Der Bau ist Ziegel. Er datirt aus Lübecks größter Periode, aus dem 14. Jahrhundert. Besonders schön ist die Vestibüle des Haupteingangs. Sie ruht auf schlanken Monolithen von Granit, die aus der Insel Bornholm gebracht wurden. Sie heißt die Briefkapelle: deshalb so, weil hier die Ablaßbriefe an die Gläubigen vertheilt zu werden pflegten. Am merkwürdigsten ist die Todtenkapelle. Sie ist mit dem berühmten Todtentanze ausgemalt, den man lange Zeit für ein Werk Holbeins hielt. Er ist aber viel älter. Er fast 20 Bilder, in denen der Tod vom Papste abwärts bis zum Bauer alle Stände und Lebensalter tanzend zum Grabe geleitet. Bei jedem sind erklärende Reime. Unter dem des Wiegenkindes:

„O Dot, wie sal ick dat vorstan?
Ick sal dannsen und kann nich ghan!“

Eine Menge Gemälde der alten niederdeutschen und flandrischen Schule von großem Werthe hängen über Altären und an den Wänden, und auch zwei berühmte Meisterwerke unserer Zeit haben sich zu diesem Bilderschatz gesellt: Overbecks Grablegung des Heilands in der Gallinenkapelle, und sein herrlicher Einzug Christi in Jerusalem in der Beichtkapelle, wo der Kunstfreund überdies die Glasmosaiken florentiner Meister aus dem 15. Jahrhundert zu bewundern hat. Das Kunstwerk aber, was beständig ganze Schaaren von Beschauern aus dem Volke herbeizieht, ist die astronomische Uhr, 1405 vollendet, – ein Werk unbegreiflichen Fleißes. Unter anderm gibt sie alle bis zum Jahr 1860 eintretenden Mond- und Sonnenfinsternisse genau an. Jeden Mittag, mit dem Schlage 12, setzt sie ein Glockenspiel in Bewegung, eine Pforte öffnet sich und heraus reitet der Kaiser mit den Sieben Kurfürsten gemessenen Schritts vor dem Gekreuzigten; sie halten an und verneigen sich in Demuth.

Das Leben in Lübeck ist anspruchsloser als in andern deutschen Städten gleicher Größe und mit dem Hamburgs gar nicht zu vergleichen. Die Vermögens- und Erwerbsverhältnisse gestatten nur wenigen Familien den Aufwand für großen Luxus, und der Sinn für Häuslichkeit läßt ihn auch nicht aufkommen. Man sieht ein, daß man mit den vielfach geschmälerten Quellen des Gewinns sparsam wirthschaften muß, um mit Ehren zu bestehen, und die Menschen befinden sich wohl bei diesem verständigen Sinn. Lübeck hat, trotz seiner endlich gelungenen Anstrengung, sich des großen Agenten des Verkehrs – der Eisenbahnverbindung mit Deutschland – zu bemächtigen, – doch wenig Aussicht, sich wieder empor zu schwingen. Sein Aktivhandel ist kaum noch nennenswerth; nur sein Speditionsgeschäft ist groß. Selbst wenn das Gesammtvaterland zur Einheit gelangen sollte, würde Lübeck doch mit andern Städten von jüngeren Kräften eine schwere Konkurrenz zu bestehen haben. Das Alter, das Bewußtseyn [134] der Schwäche, drückt das Geschlecht, verengt den Sinn und schmälert den Muth. Die Lübecker sind zu bequem geworden, der große und weite merkantile Blick, welcher die Konjunkturen zu verstehen und kühn zu nutzen weiß, ist getrübt, weltumfassende Spekulationen liegen außerhalb des Kreises ihrer Strebungen und ihres Thuns. Auch die aus den mittelalterlichen Zeiten überkommenen Einrichtungen stören die freie Bewegung der Bürger in mannichfacher Weise und an das verknöcherte Wesen der Zünfte und Korporationen klemmt sich der Eigennutz mit Beharrlichkeit, erschwert das Wegräumen ihrer Schranken oder macht es, auf sein Recht pochend, unmöglich. Deshalb ist auch Zwist und Hader in der Gemeinde nicht selten und schon seit langer Zeit ist das staatliche Leben durch zwei Parteien gespalten. Die eine vertheidigt das Alte und Herkömmliche. Sie will das Bestehende, das Ueberlieferte, das wohlerworbene Privilegium allein anerkennen und trägt vor allem Werdenden und Neuen eine tiefe Scheu in ihrer Seele. Ihre Hauptstärke hat sie im Arbeiter- und Handwerkerstande; mehr in der Faust als in der Bildung. Sie mag an den Formen nicht gerüttelt wissen, aus denen das Leben auf den Schwingen der Zeit längst entfloh und schleppt sich mit einer Leiche bis zur Verwesung fort. Jeder zur Aenderung dringenden Thätigkeit rückt sie das historische Recht entgegen und die Institutionen, welche die große Vorzeit hinterlassen hat, sind der Inbegriff ihrer Achtung und Anhänglichkeit. – Die andere Partei ist geringer an Zahl, aber stärker durch Intelligenz, Reichthum und Einfluß. Sie ist jetzt die mächtigere. Mit der verlebten Vergangenheit hat sie gebrochen. Sie will von den Gestalten des Mittelalters nichts mehr wissen, die an Gräbern wandeln und kein Todtenopfer herein in’s frische Leben beschwört. Sie sieht ein, daß eine unübersteigliche Kluft das Jetzt vom Einst scheidet. Sie erkennt an, daß eine andere Zeit andere Sitte und Gesinnung, andere Denkungsweise, Verhältnisse, Rechte und Bedürfnisse, auch neue Strebungen und neue Formen des öffentlichen Lebens fordere und daß in der neuen Welt, die an die Stelle der alten trat, und in dem jungen Leben, das auf den Hügeln des gestorbenen grünt, das Geschlecht die Verpflichtung hat, sich klug anzubauen mit den Seinen und sich behaglich einzurichten. Im Charakter der fortschreitenden Geschichte will das junge Lübeck vorwärts in den Dingen des Staats, der Gemeinde und der Geschäfte und seine Thätigkeit richtet sich eifrig auf das Eine hin: auszufüllen den neuen Kreis, der offen ist, und sich loszuwinden von Dem, was fesselt, – von den alten Institutionen, bei denen kein Verlaß mehr ist, nicht Würde noch Sicherheit nach außen, nicht Gedeihen noch Glück nach innen.

So ist denn, spät zwar, doch nicht zu spät, das lübeckische Leben in’s Treiben und Bewegen gekommen, und wenn der Spruch:

Jede Zeit soll handeln in dem Geiste, der sie geboren

sein Motto bleibt, so wird auch Lübecks Stern nicht untergehen.