Die Kapelle bei Sempach in der Schweiz
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Die KAPELLE bei SEMPACH
(Schweiz)
Um den Vierwaldstätter-See, in der Mitte der heutigen Schweiz, lebten seit uralter Zeit die Nachkommen der Cimbern und Teutonen, welche vor dem Römerjoch dahin geflohen waren. Ungestört weideten sie ihre Heerden auf unbekannten Bergen und Alpen. Jahrhunderte lang hatten sie nur eine einzige Kirche; sie stand im Muttathale. Dahin zog das Volk aus Schwyz, Unterwalden und Uri an Sonntagen und an Festen zu gemeinsamem Gebet. Die Leute dieser drei Gemeinden, alle von alten deutschen Stamm, mischten sich mit keinem andern. Ihre Obrigkeit wählten sie, nach hergebrachter germanischer Sitte, jedes Jahr aus erfahrenen redlichen Männern. Nur den Kaiser betrachteten sie als ihren Fürsten; unterthan waren sie Niemandem, denn dem Reich allein.
Erst im dreizehnten Jahrhundert, nachdem des Volkes mehr geworden war, trennten sich die Gemeinden in drei verschiedene Landschaften: Schwyz, Uri und Unterwalden. Jegliche erbaute sich eine Kirche, jede setzte ein eigenes Gericht ein, jebe kürte einen eigenen Schultheißen, Landamman geheißen. In allen wichtigen Dingen beriethen und handelten sie aber gemeinschaftlich, wie zuvor. Das war der ewige Bund der Eidgenossen.
Um den See steigen die Berge hoch hinan gegen das Himmelszelt, und aus den Firnen, die von ewigem Schnee und Eise glänzen, haben wohl an die hundert Gießbäche tiefe Thäler gehöhlt. Diese Hochthäler waren [146] um jene Zeit menschenleer. Sie gehörten Keinem. Man nannte solche Einöden Reichsboden; die Kaiser hatten das Hoheitsrecht über sie und gaben zuweilen an Ritter und Klöster welche zu Lehen.
So war es auch geschehen, daß der Kaiser der uralten und reichen Abtei Einsiedeln das Weiderecht in mehren Hochthälern verliehen hatte, ohne des Hirtenvolks zu gedenken, daß dort seit Jahrhunderten hütete. Als nun die Heerden des Abts in die Wildniß kamen und das Hutrecht allein ansprachen, gab es Streit. Es rief der Abt den Kaiser um Hülfe an, und Gleiches thaten die Männer von Schwyz. Ihre Boten sagten dem Kaiser ohne Furcht: Unser Recht ist älter und du hast unser Recht zu schirmen; thust du das nicht, so bedürfen wir deiner nicht! Das verdroß den Kaiser; er sprach dem Abt das Recht zu. – Hierauf berieth der Bund der Eidgenossen, und mit der Unerschrockenheit freier Leute beschloß er, dem Kaiser zwar gehorsam zu seyn in allem Recht, aber ihm nicht zu gehorchen im Unrecht. Sie hüteten ihr Vieh fort in den Hochthälern und Einöden und ließen dem Abt sagen, Gott lasse der milchreichen Kräuter vollauf wachsen auf den Alpen, und sie hätten Alle daran genug. Sie wollten sich mit dem Abte friedlich vertragen; wenn er aber Streit begehre, dann wollten sie allein in den Bergen hüten, wie ihre Vorältern gethan. Das wurmte den Abt. Er ging wieder an den Kaiser, und dem verdroß der freie Muth der Waldstätte und er sprach über ihren Bund die Reichsacht aus, und der Bischof von Konstanz warf zugleich den Kirchenbann über das Land. Keine Glocke durfte mehr geläutet werden, kein Priester durfte mehr die heiligen Sakramente reichen, weder Lebenden noch Sterbenden, und die Kirchen sollten geschlossen bleiben, bis gehorcht würde Dem, was der Kaiser geboten hatte. Doch deß erschraken die Männer der Berge nicht. Sie nöthigten ihre Pfaffen, Gottesdienst zu halten wie immer, und jagten die Widerspenstigen aus dem Lande. Es wäre gut, wenn spätere Zeiten ein Beispiel daran genommen hätten überall, wo die Pfaffenhand das Volk gängelt und es zwingen will in der unrechten Gewalt unehrlichen Dienst.
Der Kirche Fluch lag lange auf dem Lande; aber des Segens von Oben wurde darum nicht weniger, und auch das Volk nicht gottloser. Der Eidgenossen Heerden gediehen und ihre Alpen grünten, trotz des Bischofs Bann und des Kaisers Acht, und auch die Leute in Zürich und Aarau und in Luzern und im Berner Land kümmerten sich nicht darum, sondern verkehrten mit den Eidgenossen nach wie vor in guter Nachbarschaft. Das grimmte die Pfaffen und das grimmte den Kaiser; aber als plötzlich Tage kamen, wo der Kaiser in Noth gerieth durch die rebellischen Fürsten und den Trutz der Pfaffen: – da schickte er Boten mit Gruß an die Männer des ewigen Bundes und ließ ihnen sagen, er nähme die Reichsacht von ihnen, und sie sollten sich nicht kümmern um der Pfaffen Rede; aber zu ihm, ihrem Herrn, sollten sie stehen im Krieg gegen seine und des Reiches Feinde. Der Kaiser that wie seines Gleichen allemal gethan haben, wenn sie in Noth geriethen, und die Eidgenossen thaten auch, wie vom Volk allezeit geschehen ist, wenn die Fürsten im Pech saßen und Honigseim im Munde führten. [147] Es zogen 600 tapfere Bursche aus, die besten und kühnsten, zu des Kaisers Heerlager. Sie bluteten in seinen Schlachten. Wenige kehrten heim.
Um selbige Zeit lebte ein Herr im Schweizerland, der war hochgeehrt wie keiner im ganzen Reich. Sein Schloß stand auf dem Wüspelberge im Aargau, in der Mitte seiner Herrschaft. Selbige streckte sich über viele Gauen und Thäler aus. Graf Rudolph von Habsburg war zugleich auch Vogt und Schirmherr vieler Städte des Schweizerlandes; denn es bedurfte festen Zusammenstehens in jenen Zeiten, wo das Reid gespalten war durch inneren Zwist; wo weltliche und geistliche Macht in Unfrieden lebten; wo der raub- und herrschsüchtige Adel überall seine Streitaxt erhob, um den freien Landmann zu jochen und Flecken und Städte zu schatzen.
Die Eidgenossen hatten sich mit dem reichen und mächtigen Zürich gegen den Adel verbunden, der, des Reichs Verwirrung benutzend, von seinen Burgen niederstieg, um zu nehmen und zu schatzen überall, wo was zu haben war. Die Verbündeten aber wählten den Grafen Rudolph zu ihrem Feldhauptmann; denn der wollte von der ritterlichen Diebsgenossenschaft nichts wissen.
Da geschah es, daß die unter sich uneinigen Fürsten einen neuen Kaiser küren mußten. Keiner gönnte dem anderen die Ehre und die Macht, und keiner traute dem anderen: – da sagte der Kurfürst von Köln: „Suchen wir nach dem redlichsten Manne im Reich, der geliebt ist von Gott und den Menschen, nicht nach dem mächtigsten“. Und gewählt wurde Anno 1272 Herr Rudolph von Habsburg im Schweizerland zum römischen Kaiser und König über ganz Deutschland. Sitzend auf dem ersten Thron der Christenheit vergaß Herr Rudolph doch nicht die Lande und die Völkerstämme seiner Heimath. Er sicherte dem Landmann seine Freiheit, gab den Städten Rechte und Einrichtungen zum Schirm gegen den Adel, der sich überall herangedrängt hatte, um zu herrschen, und dem freien Bunde der Eidgenossen, Schwyz, Uri und Unterwalden, sicherte er Reichsunmittelbarkeit zu für ewige Zeiten. Ueberall in der Schweiz verbriefte er des Volkes Freiheit und Recht und stärkte den Sinn, diese größten Güter männiglich zu behaupten. Guten Fürsten hat noch jedesmal das Volk mit Dank und Liebe gelohnt. Auch die Schweizer ließen’s daran nicht fehlen. Sie gaben dem Kaiser freiwillig ihre Tapfersten zum Heer. Auf des Kaisers Zügen zur Züchtigung der widerspenstigen Fürsten und zur Ausrottung des Raubadels, den er verbrannte in seinen Schlössern oder aufhenkte an seinen Burgthoren, thaten sich die Schweizer mit angeerbter Tapferkeit hervor. Und wenn der Kaiser Geld brauchte, so ließ er es den in der Freiheit reich gewordenen Schweizer Städten wissen, und sie gaben ihm allezeit mehr in Lieb’, als die Gewalt je von ihnen hätte erlangen können.
Aber Rudolph starb, und sein Sohn Albrecht, der römische König, der Anwart der Kaiserkrone, war kein Rudolph. Nur auf die Vermehrung seiner Hausmacht war sein ganzes Dichten und Trachten gerichtet, und [148] jedes Mittel dazu war ihm recht, wenn es nur zum Ziele führte. Durch Heirath, Eroberung, Erraffen der offenen Reichslehen ward er der mächtigste Fürst in Deutschland. Jeder fürchtete, alle Welt haßte ihn. Am meisten war er den Schweizern widerwärtig, welchen mit Recht für ihre Freiheit bangte; denn in der Schweiz lagen ja Habsburg’s Stammgüter, und die Schirmvogtei, welche Rudolph so segensreich geübt hatte, suchte Albrecht zur Unterdrückung zu benutzen. Die Eidgenossen und viele Schweizerstädte und Stifter thaten sich daher mit den unzufriedenen Reichsfürsten zusammen und wählten sich den Grafen von Nassau zum deutschen Könige. – Parteiung und Krieg entstand nun aller Orten. Die Einen hielten zu Nassau, die Andern zu Habsburg. Alsbald kam Albrecht mit gewaltiger Macht herangezogen aus Oesterreich, um die Abgefallenen zu strafen und zu jochen. Zuerst war sein Zorn gegen den Bischof von Konstanz gerichtet, der sich an die Spitze des Nassauer Bundes gestellt hatte. Das herrliche Land am See wurde verwüstet. Als das die Eidgenossen hörten, sandten sie Boten in’s Lager des Oesterreichers, anzufragen, was sie von ihm zu gewärtigen hätten. Der aber antwortete barsch: er werde kommen und dann zusehen, was zu ändern sey. Das nahmen sich die Männer zu Herzen und versahen sich Schlimmes. – In der Schweiz ging’s jetzt drunter und drüber. Als Albrecht’s Heer heranzog, schlugen sich die Herren von Adel offen zu seiner Partei und fielen in Albrecht’s Namen über das Landvolk her, oder in der Städte und Stifter Gebiet, und sengten und brennten und schatzten: Alles zu Gottes und des Kaisers Ehre! – Da machten sich die Städte auf, Bern an der Spitze, und gaben Hieb um Hieb. Acht und vierzig Burgen und Schlösser der Adeligen wurden gebrochen, oder in Asche gelegt. Darauf rief der Adel den König Albrecht um Beistand – und der kam auch alsbald in’s Land herein mit Heeresmacht. Verwüstend drang er bis vor Zürich. Die Züricher aber waren gerüstet. Frauen standen in Waffen bei den Männern auf den Wällen und Mauern, die Kinder trugen Steine in die Häuser und auf die Thore. Die Züricher schickten nun Botschaft an Albrecht: sie wollten dem Kaiser gehorsam seyn, wenn er ihre Freiheit achte; wo nicht, so wollten sie in der Freiheit sterben. Als Albrecht diese Worte hörte, da erwiederte er: ich will der Stadt die Freiheit lassen und den Frieden geben; denn er wußte wohl, daß der Züricher Wort kein leerer Wind war, wie der deutsche Wind von heute und von gestern. Albrecht dachte aber: ich will die Schweiz im Frieden schon bezwingen! denn er war ein falscher und listiger Fürst. Den Eidgenossen, die auch durch Boten frugen, was er von ihnen begehre, ließ er vermelden: „seyd und bleibt die lieben Kinder Oesterreichs: dann will ich euch reich machen!“ Die Männer des Gebirges aber antworteten rasch: Wir wollen nichts, als daß du uns die Freiheit lassest und uns in unsern Rechten schützest. Und der Kaiser versprach’s lachend. Als er aber der Eidgenossen Land besetzt hatte, da setzte er Vögte darüber, wie über seine Erblande, und schickte den Eidgenossen die allerhärtesten Männer, daß sie den störrigen Sinn des Volkes brächen und es zur Unterthanenschaft geschickt machten. Es kamen nun die Geßler und die [149] Landenberge und ihres Gleichen, und sie bauten Zwingburgen und thaten, wie ihnen ihr Herr befohlen hatte. Und mit ihnen hielten’s die Adeligen, wie diese gemeinlich zu thun pflegen, wann es der Unterdrückung von Land und Leuten gilt. Da war kein Recht mehr beim Bürger und Bauer, und nur noch das Recht bei den Stärkern. Alle Ruchhlosigkeiten wurden an dem Volke geübt. Hohn antwortete auf jede Bitte, und jede Beschwerde wurde als Rebellion an Leib und Leben oder der Freiheit gestraft. Die Büttel und Henker hatten viele Arbeit und die Kerkermeister ihre goldene Zeit. – Sorglos hausten die Zwingherren, gestützt auf die kaiserliche Macht. Mit Ihren Rittern und Beamten sammelten sie glühende Kohlen auf ihren Häuptern, und sie thaten es lachend; das Volk aber knirschte mit den Zähnen und verließ sich auf den gerechten Gott, den Rächer aller bösen That und den Schützer der unveräußerlichen Rechte der Menschen. Sie lauerten auf die günstige Stunde, die nie ausbleibt, wenn ein Volk entschlossen ist, für den Wiederbesitz seines Rechts Leib und Leben zu wagen. Dazu waren die Eidgenossen bereit.
Und die Stunde schlug unversehends. Des Tell’s That fiel wie ein Funke auf den Zunder, den die lange Tyrannei aufgehäuft hatte. Am ersten Morgen des Jahres 1308 loderten die Feuer auf den Alpen. Auf stand das Volk. Mit den Männern von Schwyz zog Stauffacher, der auf dem Rütli mitgeschworen hatte, an den Lowerzsee, brach die Burg von Schwanau und vertrieb den Vogt. Gleichzeitig zogen die Männer von Uri aus und Geßler’s Zwinghof wurde eingenommen. Das war der Freiheit Neujahr.
Die Schweizer hatten ihr altes Recht zurückgenommen; aber was galt das dem Fürsten, der kein anderes Recht gelten ließ, als seine Willkür! Er that die Eidgenossen in die Acht, schalt sie Rebellen, und auf daß an ihnen ein Exempel statuirt werde, zog er aus mit Reißigen, Herren und Grafen: eine zahllose Schaar. Mit ihm war Johann von Schwaben, sein Vetter und Mündel, dem Albrecht sein väterlich Erbe treulos vorenthielt. Da geschah es, daß, als der Kaiser auf dem Schweizerzuge mit wenig Gefolge ritt, Johann, das Herz voll Rachsucht, den Augenblick wahrnahm und dem Herrscher den Speer durch die Gurgel mit dem Zuruf sties: „Hie Lohn des Unrechts!“ Nach vollbrachter That floh er und Alle, die mit ihm verschworen waren. Der Schwerverwundete blieb am Wege liegen. So fand ihn eine Bettelfrau. Der Kaiser der Deutschen starb in ihrem Schoose.
Die Schweizer hatten nun für den Augenblick Ruhe; denn den Angehörigen Abrecht’s lag die Blutrache näher an, als die Unterdrückung. Albrecht’s Kinder, Leopold von Oesterreich und Agnes, der Ungarn Königin, mit der Wittwe des Erschlagenen, Kaiserin Elisabeth, kamen nach der Schweiz, Blutgericht zu halten über Diejenigen, von denen man glaubte, sie seyen Mitwissende von Johanns Mord. Die Burgen der berühmtesten Geschlechter wurden geschleift, ihre Güter eingezogen. Die Männer, standrechtlich verurtheilt, wurden mit gebrochenen Gliedern lebendig auf’s Rad geflochten, den Vögeln zum Fraß, vor den Augen der winselnden Weiber und [150] Kinder, und als das Blut von den Martergerüsten träufelte, stellte sich Königin Agnes darunter und rief lachend: „Seht, ich bade mich im Maithau“. So rächte sich Habsburgs Geschlecht. Auf der Stelle des Kaisermords aber erbauten Albrecht’s Kinder die Abtei Königsfelden und die Güter der Geopferten wurden dem Kloster gegeben und Königin Agnes selbst ging hinein. Als einst ein armer Mönch vorüberging und die hohe Frau unter der prächtigen Pforte stand mit ihren Nonnen und sie ihn einlud, einzutreten und der Messe beizuwohnen, da antwortete der Mann Gottes: „Frau, es ist schlechter Gottesdienst bei Dem, der unschuldig Blut vergossen hat und mit dem geraubten Gute Kloster stiftet“. – Darob erbleichte Agnes und sank in ihre Kniee, so daß man sie wegtragen mußte. Der Mönch aber hieß Bertold Strebel, und jede ehrliche Seele gedenkt sein in Ehren.
Nachdem das Rachegericht vollendet war an Denen, die hoch gestanden, sollte es auch an das Volk selbst kommen. Leopold brach auf mit großer Macht, um den Eidgenossen zu beweisen, sein Recht. 2000 Ritter und Grafen waren in seinem Gefolge; 15,000 Lanzenknechte zogen ihm nach. Der Adel rund um die Waldstätte wappnete sein Gesinde und besetzte die Pässe im Rücken der Eidgenossen, damit Niemand entfliehen könne; denn Keiner, der einen Hirtenstab trug, sollte entrinnen! Leopold, Rudolf’s Enkel, führte 3 Leiterwagen voll Stricke mit sich, um daran aufzuknüpfen die Männer des Volks, welche von den Lanzen und Schwertern verschont bleiben würden.
In Todesgefahr zeigen sich Völker und Menschen groß. Wenn der rechte Sinn nicht fehlt, so wird dann das Wort der Bibel zur That: „Gott ist mächtig in den Schwachen“. Hat ein Volk die Freiheit recht in’s Herz geschlossen, so verliert der Tod seinen Schrecken und ein solches Volk wird ein Helden-Volk. Es entscheidet dann nicht mehr die Zahl und nicht mehr das größere Geschick im Kriege. Das zeigten die Griechen zu ihrer Zeit; das die Puritaner in der neuen Welt; daß die Schweizer; daß die Männer im Kaukasus.
Die Eidgenossen waren damals ein kleines Volk. Der Menschen in den Bergen und Thälern waren kaum ein Zehntel so viel, ale gegenwärtig. Nur 3 Tausend Familien zählte das Land. Als versammelt waren alle, welche die Waffen führen konnten, waren es viertehalb Tausend; und den größten Theil der Krieger mußte man zur Hut der Pässe im Rücken lassen. Leopold’s Heer entgegen zogen drei Hundert Männer von Schwyz, vier Hundert von Uri, drei Hundert von Unterwalden. Dazu kamen fünfzig Verbannte von Schwyz, die, einst der Sache des Vaterlandes untreu, jetzt, in dessen Todesgefahr, heimkehrten, um sich die Ehre der Eidgenossen wieder zu erkämpfen und ihr Verbrechen mit dem Tode zu sühnen. Als nun am 16. Tage des Novembers 1315 so viel Tausend geharnischte Ritter im blutrothen Strahl des Wintermorgens am Gebirg heraufzogen, da stellten die Eidgenossen ihre Fähnlein in Schlachtordnung, und nachdem sie den Herrn angerufen mit Inbrunst, [151] daß er ihnen Sieg verleihe um der Freiheit willen, – drangen sie unerschrocken auf die Reihen des zehnmal stärkern Feindes ein. Der versah sich solcher Kühnheit nicht und, weil unvorbereitet, geriethen seine dichtgedrängten Massen bald in Verwirrung. Unter den Morgensternen, Spießen und Hellebarden der Hirten sank des Adels Blüthe in den Staub. Das war die Schlacht von Morgarten, der Eidgenossen erster Sieg. Leopold selbst entkam. Auf der Flucht fanden aber noch viele Ritter und Herren im See ihren Tod, in den sie von einer luzerner Hülfsschaar gedrängt wurden. –
Und nun will ich Euch berichten von dem blutigern Streit in der Schlacht bei Sempach. Das soll Euch ein anderer erzählen, der es besser kann, als ich[1].
Das Haus Oesterreich hatte nach der Niederlage bei Morgarten allen Eidgenossen den Tod geschworen. Es hatte nicht Friede, so lange der Schimpf nicht ausgewaschen war mit Blut. Herzog Leopold, ein Enkel des bei Morgarten geschlagenen, kam mit dem burgundischen und deutschen Adel heran zum Rachewerke. – Die Schweizer standen gerüstet. Sie waren bereit zum Tod oder zum Sieg, je nachdem es Gott über sie fügte. Keiner fehlte, keinem brach der Muth.
Es war zur Erntezeit. Das Heer des Herzogs zog über die Reuß durch die freien Aemter Aargau’s hinan über Sursee gen Sempach, dem Städtchen an einem kleinen, grünen See gelegen, 3 Stunden von Luzern. Alles umher war Fruchtbarkeit. Die Kornfelder prangten noch in ihrem Reichthum und über ihnen stieg ein hoher Laubwald den Berg hinan. In dem Walde standen die Eidgenossen. Jede Schaar bei ihrem Banner.
Es war Montags Morgen am 9. des Heumonds 1386. Die aufgehende Sonne vergoldete die Berghörner. Der Wald rauschte sein Morgenlied. Da zitterte der Boden von den Hufen vieler tausend Pferde. Und von der Höhe jenseits sah man Helme und Panzer und Lanzenspitzen blitzen. Herzog Leopold war’s, der Rächer. Wohlgeordnet zog der Reitertroß hinab in’s Thal. Jede Knechtschaar mit ihrem Baron, jeden Gaues Reiter mit ihrem Bannerherrn; die Amtleute aus Oesterreich mit ihren Fähnlein; und ihnen nach wälzte sich in dichten Massen das Fußvolk, Haufe hinter Haufe, jeder sein Feldzeichen in der Mitte. Es war nicht zu zählen. Das Häuflein der Eidgenossen erschien gegen Leopold’s Heer wie ein Bächlein gegen den Rheinstrom.
Die Schweizer fielen auf ihre Kniee und riefen Gott an, daß er Recht und Freiheit schütze. Dann erhoben sie sich. Sie rückten heraus zum Saum des Waldes; vier Hundert von Luzern, neun Hundert aus den Waldstätten, Hundert aus Glarus, Zug, Gersau, Entlibuch und Rothenburg.
Als der Herzog Leopold die Bauern heranrücken sah, – da rief er mit Verachtung: Soll man sagen, daß wir sie mit ungleichen Waffen überwunden? Laßt uns absteigen und die Pferde den Knechten geben, auf daß diese von [152] ferne zusehen. Keiner sage, es sey ein unehrlicher Kampf gewesen! Und der Adel stieg von seinen Pferden, und gab sie den Dienern und stellte sich, enggeschlossen, wie eine stählerne Mauer, mit vorgehaltenen Lanzen in 4 Reihen hinter einander auf. Vergeblich warnte der alte kriegserfahrene Ulrich von Hasenburg: „Hoffahrt sey zu nichts nütze;“ er hatte Spott zum Lohn. Der Herzog ließ vielmehr dem v. Bonstetten, welcher das Fußvolk führte, sagen, er solle Halt machen; denn der Adel wolle die Bauern allein niederwerfen! Und als Andere doch Bedenken äußerten, daß man die Lanzknechte in so großer Entfernung hielt, und meinten, „daß auf Schlachtfeldern der unvorhergesehene Zufall oft Herr sey“ und Einer durchaus wollte, daß der Herzog sich hinter die Front begebe und nicht unmittelbar Theil nehme an der Schlacht, so rief er aus: Mit Euch will ich die Bauern erschlagen oder mit Euch umkommen!
Die Eidgenossen rückten herzu. Sie kamen in schmaler Ordnung und führten schlechte Waffen. Einige trugen die Hellebarden, mit denen bei Morgarten ihre Väter gestritten, andere die verrosteten Ritterschwerter, welche sie dort erbeutet hatten; andere trugen die Schilder der damals erschlagenen Ritter am Arm, oder an ihrem Leib Fetzen von Panzerhemden und Theile von Rüstungen, mehr sie hindernd, denn sie schützend. Es war ein elender Anblick und die Ritter Leopold’s lachten und spotteten. Hundert Schritt vor Leopold’s Schaar machten die Bauern Halt. Sie knieten auf den Boden nieder, legten die Waffen von sich und falteten die Hände und beteten ihr Schlachtgebet. Dann sprangen sie im vollen Laufe mit Kriegsgeschrei gegen die enggeschlossenen Reihen der Feinde. Der schmale Keil der Eidgenossen drang ein, sie hofften durch den Stoß die Eisenmauer zu durchbrechen. Vergeblich. Mann um Mann sank. Sechzig Leichen lagen am Boden. Von den Feinden keiner.
Die Eidgenossen prallten zurück. Ihr Muth war nicht gewichen; aber sie wußten sich nicht zu rathen.
Da erscholl Leopold’s Kommandoruf. Das Ritterheer gerieth in Bewegung. Mit Gerassel änderte es seine Schlachtordnung. Die hinteren Glieder verlängerten die Front – und im weiten Halbmond streckte sie sich aus, die Bauern einzuschließen.
In diesem Augenblick der Unschlüssigkeit und der Gefahr sprang jählings aus dem Fähnlein der Unterwaldner ein hoher starker Mann hervor und rief mit durchdringender Stimme:
Das war der Arnold Struthan von Winkelried. Und geradezu auf das Banner Oesterreichs stürzte er los – wendete sich noch einmal und sprach: „Liebe Eidgenossen, tragt Sorge für mein Weib und Kind!“ – Im andern Augenblick umschlang er mit seinen Armen so viel Lanzenspitzen, als er fassen konnte, begrub sie in seine Brust und drückte im Fallen sie mit der Wucht seines Körpers zu Boden. Nun stürmten die Eidgenossen über des Helden Leiche in die Lücke der feindlichen Mauer, trennten sie und die des Fußkampfes ungewöhnten, [153] schwergepanzerten Ritter geriethen in Unordnung. Es krachten unter den Morgensternen die Helme, blanke Panzer färbten sich blutigroth, und viele der Herren stürzten in dem Getümmel, oder wurden zertreten, oder erstickten in ihrem Rüstzeug. Zuerst fiel der Bastard von Brandis, ein trotziger Mann, so gefürchtet als zwanzig wegen seiner Stärke; bei ihm der lange Frieshard, welcher sich vermessen, die Eidgenossen allein zu bestehen. Das Hauptbanner Oesterreichs sank mit Heinrich von Eschenloh, die Fahne von Tyrol mit Ulrich von Ortenburg. Jenes rettete der von Aarburg; hoch schwang er’s, aber eines Bauern Axt zerschmetterte ihm Helm und Haupt. Als er fiel, rief er: Rette Oesterreich! Da sprang der Herzog selber herzu und entriß das Banner seines Landes der sterbenden Hand. Zum dritten Male erschien es über den Schaaren, blutroth, getragen von des Herrn Hand. Es sammelten sich die Ritter um ihn – nicht mehr, um zu siegen, sondern um mit Ehren zu sterben. Neben Leopold sank Habsburgs Banner mit seinem Träger, dem Ritter von Junkenburg, und das der Zollern; es fielen die Fürsten von Lichtenstein; die Mörsburg, 4 Brüder; der Eschenz mit seinen Söhnen; Markgraf Otto von Hochberg; die Ems, die Truchsesse von Waldburg, die Isny, der Thierstein: viele edle Geschlechter Alt und Jung. Kleiner und kleiner schmolz der Haufe der Ritter um den Herzog zusammen, der das Banner festhielt mit seiner Linken und mit der Rechten das Schwert zur Abwehr führte. Da nun aber der Fürst fallen sah immer mehre seiner Besten und Tapfersten, so ward er des Lebens müd und suchte den Tod. In’s dichteste Gedränge der Schlacht wandte sich seine hohe Gestalt; stolpernd und ausgleitend fiel er plötzlich zur Erde, und in dem schweren Rüstzeug, Schwert und Fahne nicht lassen mögend, konnte er nicht schnell genug empor. Ein unansehnlicher Mann aus dem Lande Schwyz fand ihn in dieser hülflosen Lage. Der Bauer erhob den Morgenstern; da rief der Herzog: „ich bin Oesterreich!“ aber der Schwyzer führte den Streich nur um so kräftiger, zerschmetterten Hauptes stürzte der Fürst rücklings zu Boden und hauchte seine Seele aus.
Die Augen der Ritter suchten vergeblich den Herrn von Oesterreich, suchten vergeblich dessen Banner: alle Fahnen waren gesunken, alle Führer lagen todt: da kam ein Grauen über die streitenden Männer; sie wandten sich zur Flucht. „Die Hengste daher! die Hengste hieher!“ schrieen die Ritter: aber das Dienervolk war schon davon geflohen mit den Pferden und das Fußvolk war weit zurück und konnte nicht helfen. Wenige entrannen. Die Blüthe des deutschen Adels sank auf dem Sempacher Felde, und die da geflohen, wurden noch auf der Flucht erschlagen. Bei 1000 vom Adel kamen um, Fürsten, Grafen und Herren und manches berühmte Geschlecht erlosch an diesem Sieges-Tage der Volksfreiheit.
Die Eidgenossen ließen es nicht bei der Niederlage der Ritter allein bewenden. Sie eilten den Fußvölkern nach, die auf dem Rückzuge waren, und erschlugen ihrer viele Tausend.
[154] Als aber die Sieger am Abend ihre Mannen zählten, da fehlte über die Hälfte. Ihre besten Männer sahen zwar die Schlacht, doch nicht den Sieg. Es waren gefallen: Konrad, der Landamman von Muri; Siegfried von Tiesselbach, der Landamman von Unterwalden; Konrad Grüninger von Glarus; diese drei wurden als die Tapfersten geehrt. Der Luzerner Schultheiß Petermann v. Gundoldingen, ein angesehener Mann, lag auf einem Hügel von Rittern, die seine Streitaxt gefällt hatte; er stöhnte verblutend an vielen Wunden. Ein Luzerner fand ihn so und rief ihm zu: „Schultheiß, sag’ mir Deinen letzten Willen für die Deinen“. Da rief Petermann: „Nichts den Meinen; aber unsern Mitbürgern sage: sie sollten keinen Schultheißen länger als ein Jahr im Amte lassen! –“
Das war der Tag von Sempach. Des Blutes war viel geflossen: aber tief wurzelte die Eiche der Volksfreiheit nun in dem befruchteten Boden, sie konnte trotzen allen späteren Stürmen.
Griechen und Römer verehrten die Stifter ihrer Freistaaten als Halbgötter, versetzten sie auf den Olymp und richteten ihnen Tempel auf. Die Republikaner der Schweiz stifteten denselben Kapellen und ordneten kirchliche Feierlichkeiten an zu ihren Ehren und Gedenken. So finden wir die Tellskapellen auf der Tellenplatte am Urnersee und neben Küßnachts hohler Gasse; so die Kapelle auf der Morgartner Matte; so die bei Sempach. Ein Gedanke hat sie alle gebaut: – mit Gott ward’s gethan, ohne seine Hülfe konnten’s die Menschen allein nicht!
Die Sempacher Kapelle steht auf der Höhe, wo die Schlacht war. Uralte, breitästige Bäume werfen ihre Schatten auf das weite Heldengrab. Ein alter Waldbruder wohnt neben der Bethütte, um den Reisenden als Führer zu dienen und die Kapelle zu öffnen. Im Innern steht auf einem kleinen Altar das Bild des Gekreuzigten. Zu beiden Seiten knieen Freund und Feind: Herzog Leopold auf der einen, der Luzerner Schultheiß Petermann von Gundeldingen auf der andern. Die Schweizer sagen: Ohne den Zwang hätten wir die Freiheit nicht, ohne Leopold keinen Winkelried! Und es ist ein hoher, einem freien Volke würdiger Sinn, der den ehrenhaften Feind noch nach seinem Tode so zu achten weiß.
Winkelried’s That ist über der Thüre des Kirchleins abgebildet. Man sieht den starken Mann, wie er die Spieße faßt und in seinen Leib begräbt; und unter der Tafel liest man:
| Arnold von Winkelried Macht den Seinen eine Gasse. – |
- ↑ Nach Johannes von Müller; doch nicht wörtlich.