Innsbruck (Meyer’s Universum, 1860)
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INNSBRUCK
Nirgends im Süden unsres Vaterlandes geht’s der Freude am Dasein so schlecht, als in Tirol! Von Thal zu Thal verfolgt sie der trübe finstere Geist, der in seinem blinden Antagonismus gegen alle „Weltlust“ die beste Nahrungskraft der Seele aus den Herzen der Menschen reißt, und was diesem finstern Geiste entgeht, das ächzt unter dem allgemeinen Drucke, unter welchem in dem ganzen großen Oesterreich nun einmal kein rechter Mann des Lebens froh werden kann.
Diese Thatsache ist nicht das Werk eigenen Verschuldens; sie ist ein Unglück, dessen Spuren in der Geschichte des Landes nicht weiter zurückreichen, als seine lebendige Erinnerung.
Wie jedes Land, das sich herabgekommen fühlt, spricht auch Tirol von seiner guten alten Zeit und verlegt diese in das vorige Jahrhundert. In dieses zieht es auch die Herrlichkeiten früherer Tage mit herein und erhöht mit ihnen den schon in der Wahrheit liegenden Glanz jener Vergangenheit, der vorzugsweise fürstlichen Ursprungs war. Glanz und Glück wohnten allerdings geraume Zeit mit einander in Tirol. Habsburgische Erzherzoge hielten prächtig Hof in Innsbruck, Bergwerke und lebhafter Zwischenhandel machten reiche Leute zwischen den Bergen, andere Tiroler holten ihren Wohlstand „draußen im Reich“ und weiter, sei’s wie die Imster, durch Kanarienvögel, oder wie die Tesineser durch Heiligenbilder, die Märkte zu Bozen und Hall blühten, und die Stände hatten noch ein gewichtiges Wort zu reden in allen öffentlichen Angelegenheiten der gefürsteten Grafschaft. Damals hieß es „ein stolzes Leben im Ländl.“
Dieses Glück stieg bergab, noch ehe das Jahrhundert geschieden war, aber nicht so steil, als seit dem weltberühmten Erhebungsjahre, seit „Anno Neun.“
Wer heute auf der Wanderung zwischen den Bergen bei älteren Leuten sich nach jener Zeit erkundigt, in der Hoffnung, ein Paar Worte voll tirolischen Selbstgefühls aus gehobener Brust und mit leuchtenden Augen [111] aussprechen zu hören, dem wird eine Täuschung widerfahren. Trüben Blicks, mißmuthig gebeugt, spricht man über Tage und Männer, die uns anderen Deutschen noch heute von der Glorie nationalen Märtyrerthums umflossen erscheinen, ja man grollt dort der großen Erhebung, wie dem Ausbruche sammt allen Folgen einer großen Thorheit.
Die Treue, mit welcher die Tiroler zum österreichischen Kaiserhause hielten, ist sprüchwörtlich geworden, sie tritt mit fast rührender Erhabenheit in des Landes Geschichte auf. Es ist nicht bloß dichterische Phrase: „das treue Land Tirol.“ Diese Treue entzündete auch die Kriegsflamme von „Anno Neun“, sie hielt die Fahne am Berg Isel und stürzte die Leichen von Tausenden, Franzosen, Bayern, Sachsen und anderen Dienstpflichtigen Napoleons, in die Abgründe. Die Geschichte kann sich von dem Schmollen der Gegenwart über jene Zeit nicht beirren lassen, sie wird den Lorbeer der Helden rein erhalten. Der Schmutz der Folgen fällt auf andere Häupter.
Hätte aber auch nicht die Treue in Tirol die Stutzen von der Wand gerufen, so würde es die ungeschickte Weise gethan haben, mit welcher Bayern von dem Lande Besitz genommen. Der gute Wille des Königs Maximilian stand gedruckt und geschrieben auf dem Papier, aber wie führten seine Beamten und Offiziere ihn aus! Anstatt die durch den aufgezwungenen Herrenwechsel tief verletzten Gemüther versöhnlich zu behandeln, verfuhr die Brutalität wie in einem feindlich eroberten Land, und selbst wo die bayerische Regierung Akte wahrhafter Wohlthaten für das Volk anordnete, verwandelte die Rohheit der Ausführung sie in ihr Gegentheil. Man wollte jesuitische Finsterniß ausrotten, riß deshalb die für überzählig erklärten Heiligenkapellen und Kruzifixe nieder – und verkaufte das durch den Glauben geweihete Trümmerwerk an die Juden. Man führte das Impfen ein, aber nicht, indem man mit beruhigender Belehrung voranging, sondern indem man die Kinder den Müttern mit Gewalt entriß. Man führte die Konskription ein mit noch viel gewaltsameren Maßregeln; durfte doch ein Oberst Dittfurt sich öffentlich vermessen: „daß er mit seinem Regiment allein das ganze Tiroler Lumpenvolk in Unterwürfigkeit erhalten wolle.“ Eine vereinfachte und bessere Justiz und Verwaltung würde wohl wenig Widerstand gefunden haben, wenn nicht das altbayerische Landrichterthum die Zugabe gewesen wäre. Wo möglich noch verhaßter wußten sich die Rentbeamten bei der Einführung des neuen Steuersystems zumachen; ein solcher scheute sich nicht, laut zu drohen: „er wolle die Tiroler so aussaugen, daß sie zuletzt Heu fressen müßten“, – und es war sicherlich, nach dem Siege der Tiroler, eine gelinde Strafe für ihn, daß er im Angesicht der triumphirenden Bauern ein Büschel Heu als Mittagsmahl verzehren mußte. Endlich, um das Maß des Unrechts und der Kränkung voll zu machen, wurde, gegen das königliche Versprechen, der Tiroler Landtag aufgehoben und endlich sogar der Name Tirols von der Völkerkarte ausgetilgt, das Land „Südbayern“ genannt und, um den kräftigsten Trumpf auf diese Verhöhnung des Volksgefühls zu setzen, das Stammschloß Tirol an den Meistbietenden verkauft. Hätte die bayerische Regierung die Absicht gehegt, das Herz des Volks im höchsten Grade gegen sich zu erbittern und es [112] mit allem Zündstoff einer Rebellion anzufüllen, so konnte sie die Maßregeln dazu nicht sinniger treffen, als dies ihren Dienern bei der Ausführung der königlichen Regierungsbefehle gelang.
Da kam das Jahr 1809, und die Rachesaat trug ihre Ernte. Das Tiroler Trauerspiel ist unsern Lesern bekannt, es hat unter Dichtern und Geschichtschreibern seine verherrlichenden Männer gefunden. So großartig das Schlachtfeld, so großartig waren die Heldenthaten des Bergvolks, bis Beides, Land und Volk, dem Interesse der „höheren“ Politik zum Opfer gebracht wurden, denn nie hat diese höhere Politik sich der niedrigsten Streiche geschämt, wenn dadurch die Folgen einer Verkehrtheit unschädlicher gemacht werden konnten, oder, wie man in preßfreien Ländern sich ausdrückt: wenn eine höhere Dummheit durch eine diplomatische Schlechtigkeit zu verdecken war.
Der Verlauf des Kriegs hat neben einer Reihe ewig denkwürdiger Thaten eine noch längere Reihe von Unmenschlichkeiten aufgestellt; mit dem Wüthen der Bayern gegen die Tiroler kann in neuerer Zeit nur das der Türken gegen die Griechen sich messen. So oft die Bayern siegten, ging ihr soldatisches Kämpfen in Zertrümmern, Vernichten und Morden aus thierischer Gier über. Feuer und Blut bezeichnete ihre Bahn. Auf Napoleons Befehl behandelte man die tapfern Tiroler Bauern als Räuber; Chefs de brigands hieß man ihre Anführer. Hunderte wurden an Bäume gehenkt und vielen Anderen die Hand auf den Kopf genagelt. So grausam zeigten sich die Tiroler nie, wie denn überhaupt das Volk in seinem Zusammenwirken sich immer edler beweist, als die geborenen Herren. Dagegen lag es in der Erbitterung, wie in dem neckischen Charakter der Tiroler, daß sie die Wuth der Bayern, die durch die vielen Verluste schon hinlänglich gereizt war, noch erhöheten. Dies entschuldigt jedoch höchstens den gemeinen Mann, nicht die dem entsprechende Aufführung der Offiziere und gar der Befehlshaber, und deshalb mag der Lorbeerkranz auf der Wrede-Statue in der münchener Feldherrenhalle noch so hell im Sonnenlicht des eitlen Ruhmes glänzen, das Blatt für seine Heldenthaten in Tirol bleibt ewig schwarz.
Nach dem großen Jahre kam, wie wir oben sagten, „der Schmutz der Folgen“, oder, wie Ludwig Steub sagt: „es endete über zerknickten Hoffnungen, gebrochenen Herzen und beweinten Leichen.“ Ein Theil Tirols ward wieder bayerisch und bildete nun den Innkreis. Die Regierung that jetzt vernünftigere, menschlichere Schritte, sie legte sich nicht wieder allein auf’s Abzapfen in einem Lande, das aus tausend Wunden blutete. Der damalige Oberkommandant des Inn- und Salzachkreises, der Kronprinz (König Ludwig) mit seiner schönen Gemahlin suchten mit demselben Eifer Versöhnung und Liebe im Volke zu verbreiten, mit welchem Freiherr von Lerchenfeld des Landes Verwaltung leitete. Der an sich natürliche Zusammenhang Tirols mit Bayern, der durch die gegenseitigen Bedürfnisse geradezu bedingt ist, würde durch die Macht der Interessen und der Gewohnheit befestigt worden sein, wenn die abermalige Scheidung nicht zu bald gekommen wäre und wenn man dem Lande und [113] Volke die Ehre des alten Namens gelassen hätte. Man glaubte eben in den höchsten Kreisen noch an die große Thorheit, daß es nur nöthig sei, einen Namen zu ändern, um ein Volk auszuwischen.
Das Jahr 1814 zeigte, daß Tirol noch lebte trotz der bayerischen Namensübertünchung; die Wiederkehr zu Oesterreich wurde mit unendlichem Jubel gefeiert, und als gar im Jahr 1816 Kaiser Franz nach Innsbruck kam, schien das ganze Land ein goldnes „G’wandl von Glückseligkeit“ zu tragen. Aber wie bald verblaßte sein Schimmer!
„Die fromme Kirchlichkeit des Volks“ war unter der bayerischen Aufklärungsbureaukratie am meisten gekränkt worden, und da die Priester und die Weiber bei jedem Volke von gewichtiger Stimme sind, so kehrte viel Freude ein, als die Klöster und Abteien sich wieder mit Kutten aller Art bevölkerten und die vielen bisher abgeschafften Feiertage wieder zu Ehren kamen. Dabei hatte es aber auch mit der Rückkehr zum Alten vor der Hand sein Bewenden. Die verhaßte Konskription ward offenbar von Oesterreich als ein willkommenes bayerisches Geschenk betrachtet, denn Kaiser Franz beeilte sich nicht nur nicht mit ihrer Abschaffung, sondern konskribirte selbst ein Tiroler Jägerregiment von fünfthalbtausend Mann, neben welchem immer noch 20,000 Mann bei Landesgefahr bereit sein müssen, denen, wenn’s die Noth gebietet, das Volk in Masse als Landsturm nachfolgt. Dies, sowie die kostspieligen Befestigungen bei Brixen und Finstermünz brachten sehr bald manchen Tirolerkopf zum Schütteln. – Im Gerichtswesen hatte Bayern den Organismus dadurch vereinfacht, daß es die, neben den57 landesfürstlichen Gerichten, damals bestehenden 36 Pfandschafts-, 47 Lehen- und 31 Eigenthums-, zusammen also 114 Patrimonialgerichte aufhob. Oesterreich stellte sie alle wieder her und erhielt sie, bis sie selbst ihre Existenz für unnütz erkannten und allmählig aufgaben. –
Am schlimmsten ward den Tirolern mitgespielt, als sie über die unter Bayern stattgehabte Aufhebung ihrer alten Stände Klage führten, die im Jahre 1790 zum letzten Male von Kaiser Leopold zusammenberufen worden waren. Kaiser Franz stellte allerdings 1816 der Tiroler alte Verfassung wieder her und zwar „aus Gnade“, jedoch „mit denjenigen Verbesserungen, welche die veränderten Verhältnisse und das Bedürfniß der Zeit erheischen.“ Aber so traurig sind diese Verbesserungen für die alten Freiheiten der Tiroler ausgefallen, daß der große Ausschußkongreß, der fortan die Stelle des offenen Landtags vertrat, und aus den vier Ständen der Geistlichen, Ritter, Bürger und Bauern unter obrigkeitlicher Aufsicht und Führung zusammengewählt und kaiserlich auf Lebenszeit für jeden Repräsentanten bestätigt war, dahin lebte, ohne im Volke Wurzeln schlagen zu können. „Das köstliche Kleinod“ der alten Rechte war dahin, aber von Allem drückte nichts so schwer, als der Verlust des Steuerbewilligungsrechts. Wie oft und dringend auch der kaiserlichen Regierung dargelegt wurde: „daß Tirol für Oesterreich keine finanzielle, wohl aber eine große strategische Wichtigkeit habe und daß auf [114] diesem Grundsatze, den die erleuchtete Staatsweisheit aller früheren Regenten und Staatsmänner anerkannt, den die Geschichte so vieler Jahrhunderte und ganz vorzüglich die neueste Zeit als unwidersprechlich bewährt habe, die alte tirolische Verfassung beruhe“, – man predigte in Wien tauben Ohren. Es blieb dem Lande kein anderer Trost, als das mit den andern Provinzen gemeinsame Schicksal, und die böhmische Klage: „Oesterreich braucht zu viel!“ – Die Steuern wuchsen, wie überall, mit dem Staatsbedürfniß. Zu den vielen alten Gefällen kam 1818 der (früher von Tirol abgelöste) Papierstempel, eine Erwerbs- nebst einer Klassen- und Personalsteuer, 1821 das Tabaksmonopol, 1829 für die Klassen- und Personal wieder eine allgemeine Verzehrungssteuer u. s.w. Außerdem blieb es den Gemeinden überlassen, die Kriegsschulden für das Jahr 1809 selbst zu bezahlen, und schließlich stieß die Weinausfuhr Südtirols nach Bayern fortan wieder an hohe Zollschranken.
Wer sich zwischen die grollenden Tiroler Landleute dieser Zeit noch das zahlreiche Personal der „Finanzler“ (Gefällaufseher) zu denken vermag, dem wird es klar werden, wie im ganzen Lande das „Jahr Neun“ um allen schönen Glanz kommen konnte. „Um wie viel sind wir nun besser daran, als Anno Acht?“, so hörtest du fragen, und als einst ein Junger das viele umsonst vergossene Blut beklagte, brummte ein Alter: „O, laßt das Blut, – aber die Kosten!“ – Das ist allgemeine Volksstimmung geworden, und sie gilt auch von den Städtern und „Herren“, nur von letzteren in der Beziehung, daß sie froh sind, von dem „Bauerntrubel“, der sie seiner Zeit so sehr gestört hat, nun gar nichts mehr zu hören. Es wird sich nun auch Niemand wundern, daß die jährlichen Sitzungseröffnungen des landschaftlichen Ausschußkongresses schließlich nur noch ein Schauspiel für die Kinder in Innsbruck abgab. Und als das Volk sich nach fast zwanzig Jahren zum ersten Male um den Kongreß bekümmerte, ein öffentliches Anliegen im Ständesaal zur Berathung kam, geschah dies weder zum Glück noch zur Ehre für Tirol.
Trotz des sechszehnten Artikels der deutschen Bundesakte und trotzdem Oesterreich das Präsidium des Bundestags führt und Tirol offiziell zu den österreichischen Staaten des deutschen Bundes gezählt wird, sollte die dort verheißene Glaubensfreiheit hier ihre Ausnahme finden. – Im Zillerthale gab es einige versteckte Dörfer, in welchen das Lutherthum sich in etwa hundert Familien insgeheim ausgebildet und forterhalten hatte. Diese trugen Verlangen nach einem Seelenhirten ihres Glaubens; – und Das war die ungeheuere Erscheinung, welche plötzlich den Landtagskongreß aus dem langen Schlaf erweckte. Denn eben weil sogar Kaiser Franz im Jahre 1832 bei abermaliger Anwesenheit in Innsbruck den Zillerthalern Das versprochen hatte, was ihr Recht war, religiöse Duldung, oder vielmehr Schutz ihres Glaubens innerhalb ihrer Heimath, so war der einzige wirklich geschehene Rückschritt zur guten alten Zeit bedroht. Fand sich nun auch im Landtage für die Zillerthaler ein warmer Vertreter in dem edlen Bürgermeister Maurer von Innsbruck, so erlag er doch dem Gegner derselben, dem Herrn [115] von Giovanelli, und dessen Kraftspruch: „Besser die Zillerthaler zum Henker, als ein lutherisches Tirol!“ – Dies ward denn auch der Wille der getreuen Stände (in welchen „viel unmännliche Herzensschwäche und viel sanfter Servilismus“ herrschend geworden war), dem der Kaiser seine Genehmigung ertheilte. Im August 1837 zogen 399 Seelen, Männer, Weiber und Kinder, vom geliebten Land der Väter fort nach Schlesien, wo Preußens König ihnen eine neue Heimath geöffnet hatte, der sie in treuer Erinnerung den Namen Hoch-, Mittel- und Nieder-Zillerthal beilegten.
Ein Jahr nach diesem traurigen Tiroler Seitenstück zu den Salzburger Auswanderungen des vorigen Jahrhunderts erhielt Tirol für seine christliche That ein entsprechendes Geschenk: die Jesuiten, und das verdankte es demselben Freiherrn von Giovanelli, dem damals der ihn vortrefflich charakterisirende Ausspruch in den Mund gelegt worden ist:
„Selbst Kaiser Franz war mir noch zu josephisch,
Die Klerisei ist mir zu wenig pfäffisch,
Der Papst auch ist mir nicht genug Papist,
Und Christus selbst mir fast zu wenig Christ.“
Auf sein und eines andern Jesuitenfreundes, eines Grafen Reisach, Betreiben ward im Jahr 1838 nicht nur die Theresianische Ritterakademie, sondern auch das Gymnasium zu Innsbruck ihrer Leitung übergeben, wozu im Jahr 1844 noch ein neugebautes und gestiftetes Konvikt für 300 Zöglinge kam. Fünf Väter waren im Jahr 1838 „schlechtgenährt, demüthig, anspruchslos“ zu Innsbruck eingezogen, und schon 1845 waren es ihrer achtzig „wohlgehaltene, machtbewußte, ausgreifende Herren.“
Im Jahre 1840 betrug die Zahl der Geistlichen in Tirol 2924, darunter etwa 500 Mönche; außerdem noch 400 Nonnen. Wie hat diese fromme Schaar in dem Volke und für das Volk, zu dessen Seelenheil sie verpflichtet ist, in der That und Wahrheit gewirkt bis zur Gegenwart? Was hat ihnen in diesen 20 Jahren das Volk Tirols zu danken? Welches Ziel hat sie mit ihm verfolgt?
Mit kurzen Worten: Ihr Ziel war das des Hofs und Beide erkannten als den besten Zustand des Alpenvolks – „einen tiefen, aber seligen Schlummer, über dem das mütterliche Auge der Regierung wacht.“ Und um dieses Ziel zu erreichen, gab es keine besseren Mittel, als: – „Beschwichtigung jeder innern Erregung, hermetische Abschließung gegen außen und eine entsprechende Erziehung durch Kirche und Schule“. Das Ergebniß dieser Bemühungen ist – das Tirol der Gegenwart.
[116] Der Zustand dieses Alpenvolks ist eine Trauer für ganz Deutschland. Denn wenn irgendwo im Bauer ein gesunder Kern zu finden, so war dies in Tirol. Hier mußte nicht, wie in vielen anderen Theilen Deutschlands, spät erst das Joch der Leibeigenschaft und anderer Knechtschaft abgeschüttelt werden, frei saß der Mann auf seinem Eigen, die Pflicht der Landesvertheidigung erhielt ihn wehrhaft und gab ihm das rechte Bewußtsein der selbstständigen Kraft, er verschaffte seinem Stande Achtung und war stolz auf ihn. Legt man zu dieser innern bildungsfähigen Selbstständigkeit ein frisches, kräftiges Volksleben, mit Allem ausgestattet, was dazu gehört, mit sinnigen Ueberlieferungen, schönen Gebräuchen, heitern Festen, so kann man leicht der Ansicht werden, daß der Tiroler Bauernstand viele Aussicht hatte, ein Musterschlag zu werden, wenn man zu rechter Zeit seiner vernünftigen Entwickelung ihren Weg gelassen, seine geistigen Kräfte gefördert, seinen Bildungstrieb entfaltet hätte. –
Von alle Dem geschah das Gegentheil. – Man überlieferte dieses so glücklich begabte Volk einer Priesterschaft, die in ihrer geistigen Armseligkeit sich zu keiner höheren Ansicht zu erheben vermochte, als der: daß das ganze reiche Volksleben in Tirol ein Verderbniß sei. Der Spruch „Ora et labora“ sollte fortan die ganze Lebensregel für das Volk enthalten, aber in der Verdeutschung: „Arbeite und bete, alles Andere ist vom Uebel“.
Es ist für ganz Deutschland eine gerechte Klage, daß eine lange Zeit hindurch für die Verkümmerung des geistigen Lebens unseres Landmannes zu viel gethan wurde, und es ist dies nicht Alles auf das priesterliche Kerbholz zu schreiben. Auch das weltliche Regiment half dazu, und am ungünstigsten wirkte in dieser Richtung die Einführung eines fremden Rechts. Sein Recht, selbst mit ein Urtheilsprecher zu werden, und seine Pflicht, das Recht mit zu wahren, mußte er hingeben an den Zwang, fremden Richtern blind zu gehorchen; zu dem blinden Gehorsam gesellte sich aber die schlimmste Zugabe: daß der Bauer keine Idee mehr hat von den Gesetzen, unter denen er lebt, und jedem Schreiber anheim gegeben ist, der ihn ausbeuten will. – Mit der edlen Gewohnheit des Volks, die Ueberlieferung seines Rechts zu hüten, ging auch die Sorge um andere Ueberlieferung verloren, namentlich um die der Sagen und Geschichten der Vorfahren und all der reichen Schätze der Volkspoesie, die in alten schönen Sitten und Gebräuchen wurzelte. Hier riß man viel Herrliches mit der Wurzel aus, um das verödete Feld des Volkslebens für immer brach liegen zu lassen. Es hat viel Mühe gekostet, den Bauer, der einst so gut wie der Edelherr der Träger der geistigen Errungenschaft der Nation war, hinab zu drücken bis zu der Stufe der Beschränktheit in allen geistigen Dingen, auf welcher er so lange stand und in vielen Ländern noch steht.
Kehren wir von dieser allgemeinen Bemerkung zu unserm Tirol zurück, so finden wir sie gerade hier am meisten bestätigt. Dort ist Alles, was außerhalb der Kirche liegt, von gar keinem Werth, und die Sinnigkeit [117] des Volkslebens gilt für sündhaft. Erst begann dort die „Aufklärung“ ihr Zerstörungswerk gegen all die heidnischen Sagen und Geschichten. Dann kehrte man sich eben so feindlich gegen alles Eigenthümliche in den Sitten und Gebräuchen. Hier wie dort trifft diese Volkserziehung der Vorwurf mit Recht: aus der Physiognomie des Landes viele schöne Züge weggestrichen zu haben. Aber das ist noch lange nicht das Schlimmste. Die Geistlichkeit verlangt, nachdem die Aufklärung das Ihrige gethan, mehr: das Tiroler Volk soll von allem Irdischen abgewendet und aller Lebensfreude entwöhnt werden. Man predigt im ganzen Lande gegen das Sündhafte weltlicher Freuden, deren vorübergehender Reiz mit langen Jahren im Fegefeuer, mit höllischen Flammen und unter den Martern der Teufel abgebüßt werden müsse, man verbietet der Jugend des Landes, sich an der süßen Wehmuth der Zither zu erfreuen, man sagt dem Bauern, seine Lieder, selbst die unschuldigsten, seien dem Seelenheil gefährlich, man hat fast überall im Lande den Tanz verboten – so prahlt jetzt mancher Pfarrer in Tirol, daß man in seinem Sprengel außer der Kirche das ganze Jahr hindurch keine Geige höre. Selbst bei den Hochzeiten hat eine lautlose Völlerei die heitere Fröhlichkeit von ehemals verdrängt. Das alte, frische, saftige Leben, Kraft, Regsamkeit und freudiges Selbstgefühl werden zum größten Theile dahin gegeben, um stumpfer Ruhe und gedankenloser Abspannung die Stelle zu überlassen; es ist darauf abgesehen, daß der „lustige Tirolerbue“ bald anfange, eine Fabel zu werden.
Aber gelingen wird es dennoch nicht, weil es nicht gelungen ist, alle Fenster gegen Deutschland zu verrammen, denn von dort dringt mancher Lichtstrahl störend in das Priesterwerk des Alpenlandes ein. Es konnte den helleren Köpfen im Volke nicht entgehen, daß vor dem zunehmenden äußeren Gottesdienste, vor den das gesammte öffentliche Leben beherrschenden Wallfahrten und Prozessionen, Andachten und Missionen die Schule nützlicher Bildung verkümmere, daß Schreiben und Rechnen vor Katechismus und Gebetlein zurücktreten müssen; und immer mehr bricht sich in dem jüngern, strebenden Geschlecht die Ansicht Steub“s Bahn: erstens, daß sich ein Volksleben, daß sich Bildung und Entwickelung durch den Kirchendienst, durch Andacht und Frömmigkeit nicht ersetzen lassen, und zweitens: daß auch hinsichtlich Tirols die Regierung am besten thäte, sich mit der Intelligenz der Zeit aufrichtig zu verständigen. Erst wenn nicht mehr das priesterliche Wort gilt: „daß man ohne die da draußen in Deutschland am besten fortkomme“, – wenn nicht mehr der wahre Freund unseres Alpenvolks unter Schillers „Auf den Bergen wohnt Freiheit“ den Seufzer setzen muß: „Ja, aber so hoch oben, wo der Mensch nicht mehr fort kommt“; – wenn nicht jeder neue politische Schritt vorwärts von Seiten der Gebildeten durch die Priester dem Volke als religionsgefährlich verdächtigt werden kann; – wenn nicht mehr vom Volke in jedem Gebildeten ein „Herrischer“ gehaßt wird; – wenn die Bauern nicht mehr (wie noch 1849) gegen Konstitution und Preßfreiheit gestimmt werden können, weil das nur „ein Profit für die [118] Herren“ sei; – und wenn nicht mehr die Tiroler in Kriegsgefahr (wie 1859) schmollend und bedingungsweise für ihren Kaiser zur Waffe greifen: erst dann wird auch die Lebenslust wieder frei einher gehen zwischen den Bergen, sie wird die verdüsterten Herzen besser, die Augen heller machen, den Ruhm der Helden von „Anno Neun“ wird nicht mehr der Schimpf der Enkel besudeln, und ganz Deutschland wird sich wieder seines lieben, treuen, biedern Tirols freuen, wo jede Lippe für deinen Gruß keine Klage mehr hat, sondern das frohe Wort: „Es geht jetzt alm besser!“ –
Kommen wir aber endlich zu Innsbruck selbst, dem Oenipontium der Alten! Sein Aeußeres kennzeichnet es sogleich als ehemaligen Sitz regierender Fürsten und Lieblingsort eines wohlgehaltenen Priesterthums. Schlösser und Kirchen sind der Hauptschmuck der Stadt. Zur Rechten des Inn liegt die Altstadt, die uns ganz das ehrwürdige Bild einer alten Stadt bietet: schmale hohe Giebel, vorspringende Erkerfenster, reicher plastischer Schmuck verleihen den Gebäuden den Charakter altpatriarchalischer Wohnlichkeit und anmuthiger Gemüthlichkeit. In der Bauweise der Neustadt dagegen macht sich moderner, italienischer Einfluß geltend, und sind die meisten Straßen in stattlicher Breite angelegt. Die Neustadt und die Kohlstadt sind mit der Altstadt durch mehre Brücken verbunden, deren jede dem umschauenden Wanderer ein freundliches Bild entrollt: vor seinen Augen laufen an beiden Ufern des Inn, in welchen hier der Sillbach einströmt, die Reihen heller Häuser und voller Baumgruppen dahin, während über all die Dächer und Thürme empor die Wächter des Thals ragen, die Bergriesen, auf deren Häuptern in 7- bis 8000 Fuß Höhe oft noch im Juni der Schnee in der Sonne glitzert.
Ein Gang durch die Straßen bietet dem Freunde der Kunst und Geschichte des Anregenden genug. Bald stehen wir vor Denkmälern, die uns in der That zu denken geben, wie die Triumphpforte mit den Brustbildern der Maria Theresia, ihres guten Franzl und ihres Sohnes Joseph, der trotz allerlei noch immer die alte Liebe Oesterreichs ist. In der Mitte zwischen zwei Brunnen erhebt sich die ebenfalls aus carrarischem Marmor errichtete Annensäule, und auf dem großen Rennplatz (in der Altstadt) reitet der Erzherzog Leopold V. auf seinem ehernen Pferde. Ein Tiroler, Kaspar Gras, hat die Statue geformt und Heinrich Reinhard sie in Erz gegossen, Alles zu Anfang des 17. Jahrhunderts. In zahlreicher Versammlung finden wir die ehernen Herren in der Hofkirche zum heiligen Kreuz (Franziskanerkirche). Hier hat die Kunst fleißig gearbeitet, freilich, wie in allen alten Dynastensitzen, vorzugsweise im Dienste fürstlicher Eitelkeit. Den Kirchenbau (1553 bis 1563) leiteten Nikolaus Thuring und della Bolla, an Kaiser Maximilians I. berühmtem Monument (sein Leichnam ruht in wienerisch Neustadt) ist die Erzstatue des Kaisers von L. del Duca, die 24 Basreliefs sind von Alexander Collin aus [119] Mecheln und den Gebrüdern Abel aus Köln, die 28 gigantischen Erzstatuen von männlichen und weiblichen Vorfahren oder Verwandten des großen Habsburgers, die zu beiden Seiten und zu Häupten des Sarkophags aufgestellt sind, rühren von Georg Löffler und dessen Sohn her. Nicht weniger beachtenswerth erscheinen die Grabmäler der schönen Philippine Welserin und ihres Gemahls, in der sogenannten silbernen Kapelle, und die Denkmäler des Andreas Hofer und anderer seiner Kampfgenossen. Auch die übrigen zahlreichen Kirchen und Kapellen haben manches werthvolle Kunstwerk aufzuweisen.
Unter den weltlichen Gebäuden ragt vor allen die kaiserliche Burg hervor, gegründet von Kaiser Max (1494), ausgebaut von Maria Theresia (1766). Sie birgt den gewöhnlichen Schlösserschmuck von Familienbildern. Am Stadtplatz sehen wir das berühmte „goldene Dachl“, ursprünglich die Residenz Friedrichs mit der leeren Tasche. Um dieses Schimpfnamens willen, den seine Feinde ihm beigelegt hatten, ließ er das kupferne Dach seines Schlosses vergolden und wandte daran die für seineZeit außerordentlich hohe Summe von 200,000 Dukaten. Sauer verdientes Geld muß es nicht gewesen sein, sonst hätt’ er ohne Zweifel etwas Gescheidteres damit angefangen.
Innsbrucks Lage ist eine günstige für Industrie und Handel, beide blühen auch nach den gegebenen Verhältnissen, d. h. soweit Blüthe möglich ist in einem Zustande allgemeiner Vertrauenslosigkeit. Die rechte Blüthe wartet auf den Sonnenschein des freien Geistes. Die Zeit ist vorüber, wo man das Materielle pflegen und dabei den Geist zu Grunde gehen lassen kann; sie erheben sich und sinken mit einander: die Industrie erstarkt nur an der Wissenschaft, und die Wissenschaft gedeiht nur in der Freiheit. Das sind uralte, schon tausend Mal verbotene Wahrheiten, und sie sind Wahrheiten geblieben, während die tausend Verbote sich immer schließlich als Ausgeburten der Thorheit erwiesen haben.
Fast übersehen hätten wir die „Universität“ mit den obligaten wissenschaftlichen Sammlungen, Bibliothek, reichhaltigem Kupferstichkabinet etc. – Wir sind in Deutschland nicht verwöhnt, am wenigsten vom politischen Glück, aber die Ehre der freien Wissenschaft haben wir uns bewahrt, und ihr Einfluß auf das Leben und Schaffen der Nation ist unser gerechter Stolz. Wie wäre es möglich gewesen, von Heidelberg, Erlangen, Jena, Bonn zu reden und deren Universitäten nur als „Sehenswürdigkeiten“ namentlich anzuführen? In Innsbruck ist aber die Hochschule der Wissenschaft nur ein leerer Schall, während sie die Seele jener Städte ist und die Liebe, der Stolz und Schmuck ihrer Länder. Der wissenschaftliche Ruhm dieser Länder hat in ihnen seine Wiege, die geistigen Wohlthäter derselben stiegen dort aus der Schule an das Licht. Der Bürger kennt die großen Namen, selbst dem Landmann treten sie immer näher, und die gesammte Jugend, nicht bloß die studirende, hat sie als edle Vorbilder vorliegen, erhebt sich an ihnen. Gilt auch den Bauern Tirols, ja gilt den Bürgern [120] von Innsbruck die einzige Universität des Landes als eine solche Perle, als ein so allgemein geliebtes Kleinod? – Nein, ja mehr als nein – das Gegentheil steht vor uns, ein erschütterndes, abschreckendes Bild: die Pflanzstätte ihrer Dränger, der „Herren“, weiter sehen sie nichts in Innsbruck, und wer ermessen will, was Das bedeutet, der muß wissen, daß des tiroler Bauern heißester Wunsch in der Verzweiflung stets gewesen und noch ist: das „Herrn’derschlagen!“ – Und so wird es bleiben, so lange man die Pfaffenschaft der Wissenschaft zum Wächter stellt, und so lange das Gotteswort: „Es werde Licht und es ward Licht“ von der Priesterschaft versteckt und verleugnet wird. – Und gerade so lange wird Deutschland Trauer anlegen im Geist, so oft es an sein liebstes Alpenland gedenkt, an sein armes, schönes Tirol.