Marathon

DCCLXXVIII. Widdin Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band (1856) von Joseph Meyer
DCCLXXIX. Marathon
DCCLXXX. Die Innenansicht den Walhalla
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MARATHON
(GRIECHENLAND)

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DCCLXXIX. Marathon.




An der Ostküste Attika’s, von Athen und Euböa 5 Meilen entfernt, auf einer von Bergen eingeschlossenen, etwa 3 Geviertmeilen großen Ebene, welche ein Flüßchen in mäandrischen Windungen durchrieselt, steht ein Dörfchen, von Hirten bewohnt. Marathon ist sein Name. Auf dieser Ebene wurde von Miltiades mit seinen Atheniensern die Heldenschlacht gegen das zehnfach größere Heer der Perser geschlagen und jener unsterbliche Sieg erfochten, welcher als die erste in der Reihe von Großthaten glänzte, welche die Geschichte Griechenlands verherrlicht haben.

Es war im Jahr 490 vor unserer Zeitrechnung, als Darius Hydaspes, der große König des Perserreichs, zur Unterjochung Griechenlands entschlossen, seine Heere über den Bosporus sandte. Der Schrecken ging dem unermeßlichen Zuge voran. Thracien und Macedonien unterwarfen sich ohne Widerstand; die meisten griechischen Städte – freie Gemeinwesen – sandten ihre Boten den Feldherren entgegen und gelobten Unterwerfung; Sparta zauderte; Athen aber, das mächtige, mit ihm das kleine heldenmüthige Platäa, wiesen stolz jeden Gedanken an Unterwerfung zurück. In allgemeiner Volksversammlung gedachten die Athenienser, „daß zu sterben aller Menschen Loos, groß zu handeln aber der Auserwählten Vorzug sey“, – und ihre Männer und Jünglinge, zu siegen oder zu sterben bereit, unter 10 selbstgewählten Führern, Miltiades der erste unter diesen, zogen den persischen Heermassen entgegen, die sie auf der Ebene von Marathon erwarteten. 12,000 Griechen fochten hier gegen 120,000 Perser, ungerechnet ihren zahllosen Troß. Im Rennlauf stürzten sich die Griechen auf den Feind, Mann gegen Mann kämpfend durchbrachen sie seine enggeschlossenen Glieder und ihr kurzes breites Schwert würgte so fürchterlich, daß endlich Schrecken und Entsetzen die Perser erfaßte. Niemals wurde mit höherer Begeisterung gefochten, niemals ein glorreicherer Ausgang erkämpft und niemals knüpften sich so unermeßliche Folgen an einen Sieg. Hätten die Perser bei Marathon gesiegt, so wäre die Blüthe der griechischen Kultur in ihrem ersten Entfalten zerknickt worden. „Alsdann hätte kein Phidias und kein Praxiteles den Marmor beseelt, kein Pindar hätte durch hohe Gesänge entzückt, kein Euripides süße Thränen entlockt, kein Herodot, kein Xenophon hätte große Thaten verkündet, kein Plato, kein Aristoteles hätte Schätze der Weisheit gegraben, kein Sokrates und kein Epaminondas hätte durch hohe Tugend geglänzt. Die schönsten Vorbilder freier Verfassungen wären, bevor sie Früchte getragen, von der Erde verschwunden, [90] und der wilde Römer, wäre er aufgekommen gegen der Perser Macht, hätte keine Sänftigung durch griechische Weisheit und Gesittung erhalten; – er hätte dann wohl die Erde erobern können, nicht aber sie civilisiren, und die neue Kultur, die Tochter der Alten, wäre nicht entstanden“. So viel lag daran, daß bei Marathon die Freiheit siegte.


Seit dem marathonschen Siegestage ist Fluth und Ebbe dreimal verheerend durch Hellas Zeit gegangen. Wird sie zum vierten Male heran und herniedersteigen? Wird Hellas mit den Türken in Byzanz die Rolle wechseln? wird der Anlauf der Begebenheiten jenen Geist noch einmal erwecken, der so groß und herrlich sich vor einem Vierteljahrhundert geoffenbart hat, auf daß er im Sturmschritt die alte Pforte niederwerfe, deren Grundfesten schon so lange unterwühlt sind? Eilig schreiten die Schicksale dieser Zeit; aber Pythia bleibt stumm auf ihrem Dreifuß sitzen. Die Diplomatie hat Christus und Mohammed zu Milchbrüdern gemacht, und bevor die Ernte der ausgesäeten Todsünde reif geworden, kann das Kreuz auf der Stirn der hellenischen Jugend und in den Fahnen seiner Heerschaaren seine rechte Bedeutung nicht gewinnen. –

Drei verhängnißvolle Städte gibt es – dem „Fragmentisten“ das Wort entlehnend, – drei Weltringe, an die sich die Schicksalsfäden des menschlichen Geschlechtes hängen: Jerusalem, Rom und Konstantinopel. Das eine ist die Wiege, das andere der Herrschersitz, das dritte der Gegensatz des universellen, weltbeseligenden Christenthums. So lange das geschichtliche Menschengeschlecht die Erde bewohnt, ist und bleibt es unauflösbar dem magischen Schimmer der drei ewigen Städte unterthan. Biographie der Menschheit ist das Christenthum; denn jene hat keine höhere Aufgabe als Lebendigmachung, Inkarnirung des himmlischen Geschenkes in dem Wechselspiel irdischer Verhältnisse. – Alle Geschichte seit bald achtzehn Aeonen ist nur Resultat des Kampfes der beiden Grundelemente, in welche das Christenthum von Anbeginn aus einander ging: beweglicher Lebensprozeß auf der einen Seite und formlos unausgegohrenes Insichverharren auf der andern. Sinnbild des ersten ist die ewige Roma mit dem ganzen dahinter liegenden Occident, Sinnbild des andern Konstantinopel mit dem erstarrten Morgenland. Alle Kraft, alles Leben im Reiche der Geister wie in der Natur, hat von Anbeginn, wie die Weltweisen sagen, einen erblichen, durch nichts auszugleichenden Widerpart. Und folglich ist es ein Gesetz ewiger und höherer Nothwendigkeit, was die beiden Hauptquartiere des ringenden Menschengeschlechts in Auffassung der christlichen Idee nicht weniger als der politischen und philosophischen Doktrinen auseinander hält. Auf beiden Seiten gehen die kleineren Kreise allmählig im großen Ringe unter, und alle Zerwürfnisse, alles Mühsal in Europa erscheint als Corollar dieser elementarischen Entzweiung der einen Kraft. Wir müssen einen ureinsässigen, jetzt noch lebendigen, mit der Urbs aeterna gleich unsterblichen, unaustilgbaren Reichsgenius von Byzanz als zweites Element der christlichen Welt anerkennen. „Wie?“ – [91] sagt wohl Mancher – „das verknöcherte Kirchenthum der Anatolier, das in Dienstbarkeit der Islambekenner schmachtende Byzanz – das stellt man auf eine Linie mit der sieggekrönten, lebensprossenden, weltumfassenden Tiberstadt?“ Allerdings, sobald wir die Dinge aus einem höheren Gesichtspunkte betrachten, und wir uns über die Linie enger Parteirede und taglöhnernder Politik in eine freiere Region hinausschwingen; sobald wir nur auf das Bleibende, das Ewige, die Idee sehen. Modalität ist ja nicht Wesen und nur der Unkundige kann das Zufällige mit dem Unvergänglichen verwechseln. Der Schatten ist – das soll man nie vergessen – so alt wie das Licht.

Schon längst ist bemerkt worden, daß nicht bloß einige Praktiken der türkischen Staatsverwaltung byzantinisches Gepräge tragen: das ganze Gezimmer der osmanischen Monarchie, die Eintheilung der Provinzen, die Hierarchie des öffentlichen Dienstes, die obersten Justiztribunale in Ost und West vom Hellespont, in Europa und in Anatolien, Namen der Aemter, Form der Polizei- und Municipalverwaltung, Lug, Trug und öffentlicher Diebstahl der Obrigkeiten, Erbarmungslosigkeit und permanente Verschwörung des kaiserlichen Fiskus gegen Gut und Eigenthum der Unterthanen sind bis auf diese Stunde – nur mit türkischer Benennung – byzantinisch geblieben. Die hohe Pforte von Ikonium und die Kaiserhöfe der christlichen Sultane von Byzantium und Trapezus haben sich in Blut und Leben gegenseitig durchdrungen, und es ist heute nicht mehr gestattet, türkisches und byzantinisches Nationalleben als zwei widersprechende, sich feindlich gegenüberstehende Elemente auszuscheiden. Wenn man auch den obersten Lenker dieser kompakt in einander verwachsenen Land- und Völkermasse des Orients seit Jahrhunderten bei einem andern Namen nennt, so ist das Reich von Byzanz deswegen nicht untergegangen, sein Gestirn nicht erbleicht, seine Staatsidee nicht erloschen. Der Einzug der Sultane von Brussa in die Paläste Blachernä und Bukoleon war nur ein Wechsel der Personen, nicht der Dinge; es war eine Restauration und Wiederbelebung verfallender Weltökonomie, ein schirmendes Provisorium, ein Instrument der Vorsehung, um die Fugen eines Bauwerkes an einander zu klammern, bis die Zeiten voll, und die natürlichen Erben zur Reife der Jahre und zur Fülle der Kraft gekommen wären. Das kohärente Fortleben einer großen, im Abendlande nicht allgemein begriffenen, oder doch nicht sattsam gewürdigten, Europa’s Zukunft bedrohenden byzantinischen Staatsidee anschaulich zu machen, ist eine Hauptaufgabe unserer kritischen Zeit. Den schwungvollen Glanz der occidentalischen Reiche leugnet Niemand; aber Größe und Glückseligkeit des Abendlandes erblühte aus selbstständigem Ausbilden beider Hauptpotenzen der menschlichen Gesellschaft – des politischen und des kirchlichen Elementes. Der Säkularstaat konnte bei uns die Kirche nicht verschlingen, und die Kirche das weltliche Institut nicht aufzehren, und beiden ward – Dank der Wärme germanischen Blutes – versagt, auf ihren Lorbeeren zu versinken. Liebe zur Freiheit und dennoch Ordnung, menschlich, mitleidvoll, und doch Feuer und Energie (furor teutonicus) gegen fremden Zwang – so ist das lateinische Europa. Bei uns ist die Gesittung in’s Privatleben herabgestiegen, und selbst die öffentliche Gewalt fügt sich [92] – obwohl gegen ihre Natur und immer sträubend – dem Joche der Sittengesetze und Gerechtigkeit. Barmherzigen Sinn und warmes Gefühl für fremde Noth kennt man nur im Abendlande. Institute, Orden, öffentliche Anstalten, um die Thränen der Mitmenschen zu trocknen und die Summe der von unserer Natur unzertrennlichen Leiden zu mindern; Menschen, die hingebungsvoll das Elend in seinem Verstecke freiwillig aufsuchen, Linderung und christlichen Trost bis in die niedrigste Hütte bringen, und fremde Drangsal um Christi willen zu eigener machen, kennt man nur im Abendlande: sie sind der schönste Schmuck der abendländischen Christenheit. Zu Byzanz ist die menschliche Brust den süßen Regungen des Mitleidens verschlossen, und an die Stelle der liebevollen That setzt man dort das leere, trostlose, unfruchtbare Formular des Glaubens, wie es menschliche Klugheit für bestimmt und deutlich erkannte Zwecke nach langem Hader festgesetzt und zugeschnitten hat. Mit Privattugenden, sagen sie, mag es Jeder halten, wie er will; es gibt nur „byzantinische Pflichten für das Ganze“, d. i. gemeinsames Zusammenwirken aller Individuen anatolischen Namens für Gründung materieller Gewalt und Herrschaft über die Erde, deren Besitz Jesus Christus der morgenländischen Kirche testamentarisch als Vermächtniß hinterlassen habe.

Von der Allgemeinheit und Stärke dieser byzantinischen Staatsidee hat der Occident vielleicht keine oder noch keine hinlänglich klare Vorstellung. Hier liegt die Gefahr. Konstantinopel war die erste ursprünglich und vollständig christliche Stadt des Erdbodens. Dort gab es keine weltliche Macht, von der man erst Duldung zu erbetteln oder Rechte zu erhandeln hatte; die Dogmatik legte den ersten Grundstein, stieg gleich im Beginn auf den kaiserlichen Thron und grub der oströmischen Welt ihr Gepräge ein, tief, unaustilgbar und ungeschwächt bis auf diesen Tag. Nur eine Kraft blieb thätig; alle übrigen gingen in dieser einzigen unter. Die Aktion der Staatsgewalt nach Außen war Nebensache, das Schwert wendete sich nach Innen gegen die Energie der Geister, bis das Ungleiche überall geebnet, bis jeder Wille gebrochen, bis alle Spontanëität, alle selbstbewußte Schwingung romäischer Nerven getödtet und im ungeheuren Länderkomplex nur ein Gedanke übrig war. Körper gab es im byzantinischen Staatsverbande viele; Seelen aber nur eine, Gedanken auch nur einen, und auch nur eine Stadt, die Auserwählte, das apokalyptische Jerusalem am Bosporus.

Für germanische Naturen hat dieser Nivellirungsprozeß des menschlichen Geistes etwas Dämonisches, Grasses, Zurückschreckendes; sie werden sich ihm niemals befreunden. – Ohne daß das Staatsoberhaupt die mythische Weihe des Priesterordens nahm, mußte der byzantinische Imperator doch Theologe seyn, in gesetzlich bestimmten Tagen am Hofe geistliche Vorträge, Exegesen und Homilien halten, weil eigentlich das Evangelium Reichskodex, weil Christus Imperator und der oströmische Basileus nur seine irdische Hülle war. Nicht bloß für zeitliche Wohlfahrt und weltliche Ordnung hatte der „Gottgekrönte“ zu sorgen. Auch das ewige Heil der Unterthanen, was sie glauben und verdammen sollten, ward in letzter Instanz dem Imperator anheim gestellt. Als Scepter trug [93] die kaiserliche Hand das Kreuz und, wie man auf allen Tempelfresken und Münzen jener Länder häufig jetzt noch sieht, schmückte das Zeichen der Erlösung alle Gewänder, Fahnen und Insignien des theologischen Herrschers, der den kaiserlichen Segen ertheilte und nach festem Glauben seiner Unterthanen sogar die Kraft der Mirakel besaß. Seine Handlungen erklärte das Gesetz für Akte der göttlichen Vorsehung und stellte sie folglich außer Bereich menschlicher Kritik. Daher das für abendländische Begriffe entsetzliche Gesetz, welches Tadel eines vom Fürsten bestellten Dieners, ja sogar den Zweifel an seiner Fähigkeit als Hochverrath und Beleidigung göttlicher Majestät bestrafte. Daher das Ungegohrene, das Melancholisch-Stille der byzantinischen Monarchie; daher die Palastwache der Silentiarier und der erklärte Widerwille griechischer Ohren gegen Glockenton. Das regsame Wesen, die laute Rede und der feste Tritt des Abendländers hat für die Byzantiner etwas Widerliches, gleichsam etwas Zuchtloses und empörend Freches, das man mit der Geißel niederschlagen soll. Denn zu Konstantinopel sind alle Kontroversen schon längst entschieden, alle socialen und geistigen Probleme aufgelöst, der Zweifel selbst verstummt. In den nervenschwachen Regierungskreisen Westeuropa’s mag dies wohl da und dort als ein Segen erscheinen, und man darf sich nicht mehr wundern, wenn konservative, ruheliebende, verzagte Seelen, gegenüber dem Hochmuth und der Unbändigkeit des wissenschaftlichen Gedankens, die stupide Selbstverleugnung der byzantinischen Kirchen-Philosophie als einen heilsamen Damm gegen den stolzen und umwälzenden Sinn in der abendlichen Welt erblicken, und alles Ernstes sich gegenwärtig bestreben, Westeuropa mit byzantinischen Grundsätzen und Formen in Staat und Kirche zu beglücken, und das Schweigen der Gräber an die Stelle des rührigen Lebens zu setzen.

Der erste Lebensakt des byzantinischen Kirchenstaates, wir wissen es Alle, spann sich in buntem Gewühle über tausend Jahre fort, und der Uebergang zum zweiten, wo ein Padischah den Reigen führte, war so schnell, so natürlich und geordnet, Kraft und Kunst der neuen Tragöden so eindringlich, nachhaltend und feurig, daß nach kurzem Gram über die Veränderung selbst bei den Besiegten die Threnodie verstummte. In drei Tagen war die Verwandlung ausgeführt und Byzanz, nicht dem Blute, wohl aber der Seele und Gesinnung, nach, vollkommen türkisch. Das allgemeine Gefühl, dem lateinischen Abendland gegenüber wieder stark zu seyn, hatte Alles ausgesöhnt und das Joch des neuen Autokraten selbst leicht gemacht. Man vergesse es nie: – Eifersucht, Widerwille und Geringschätzung gegen die lateinisch glaubenden (katholischen) Völker ist Nationalcharakter und unaustilgbare Natur der Byzantiner. Auch hat nach Eintritt der türkischen Dynastie das lateinische Abendland bald und lange genug empfunden, daß man in Konstantinopel wieder Kraft und Nerven habe: es erschien wieder eine lange kriegerisch geschaarte Fronte am Ostrande von Europa und dem Naturgesetze war genug gethan.

Am Siechenlager der Paläologen hatte das transdanubische und das altaische Element um die Ehre der Nachfolge und der Reichsreform gestritten. Obgleich das eine aus Turkestan, das andere aus Sarmatien mit [94] Gewalt hereingebrochen, waren sie doch beide auf byzantinischem Boden eingebürgert und in Sinn und Blut mit Ost-Rom enge verschwägert. Damals war die Zeit der Sarmaten noch nicht gekommen, und wie allzeit, neigten sich Sieg und Herrschaft auf die Seite, wo mehr Kraft, wo mehr Geist und Herrschergröße war. Jedoch blieb die byzantinische Restauration des 15. Jahrhunderts ihrem Wesen nach eine innere, eine aus den Eingeweiden der Monarchie selbst eigenmächtig und ohne Zuthun von Außen entsprungene, daher vollständig dauerhaft und durchgreifend. Das Credo allein hatte sich am kaiserlichen Hofe geändert; aber nicht mehr als die byzantinischen Autokraten schon verschiedene Male früher, namentlich unter Konstantius im vierten und während der Ikonoklasten-Herrschaft im achten und neunten Jahrhundert unternommen hatten, aber nicht durchzuführen vermochten.

Offenbar waren, um die menschlichen Dinge im Gleichgewicht zu erhalten, in der Hand der Vorsehung die talentvollen und energischen Fürsten aus dem Hause Osmans tauglichere Werkzeuge als die christlichen Vorgänger mit ihren Hof-Homilien und ihren kaiserlichen Fastenpredigten im Kreise weibischer Magnaten von Byzanz.

Aber heute, wie man gemeiniglich glaubt, ist auch die Rolle der Padischahe ausgespielt und wird, eigentlich das erste Mal seit fünfzehnhundert Jahren, vielleicht in kurzer Zeit, die große Erbschaft der Byzantinerwelt ohne Testament und ohne Kodicil vakant. Zwar ist noch der Besitzer nicht verblichen und im Veilchenduft bithynischer Lüfte sind die Agonien lang. Aber das Leben ist aus den extremen Theilen des Riesenkörpers schon entflohen, im Herzpunkt allein noch kämpft es krampfhaft in Fieberhitze gegen die Verwesung.

Wie nah oder fern die Katastrophe auch immer sey, die drastischen Arzneien, die man in gerechter Besorgniß nachbarlich anzurathen und selbst eigenhändig zu kredenzen nicht ermüdet, beweisen hinlänglich, daß man den Zustand für sehr bedenklich hält. Wo ist aber der Sitz des türkischen Verderbens? Ist dieses Volk heute physisch schwächer, feiger, nervenloser als zur Zeit seiner Siege und seiner Herrlichkeit? Der letzte Krieg hat es doch bewiesen, daß die türkische Kriegsmaterie heute noch ist, was sie zur Zeit der großen Padischahe war, fanatisch, abgehärtet, genügsam, stahlsehnig und der größten Anstrengung fähig. Und sieht man das türkische Bauernvolk in den Provinzen und selbst die stolz und wild blickenden Gesichter des großen Haufens in der Sultansstadt, sollte man das Ende des Türkenstaats wahrlich nicht so nahe glauben. Denn über Seyn und Nichtseyn der Reiche entscheidet in letzter Instanz doch immer Seelenstärke und physische Kraft auf dem Kampfplatze. Selbst die Summe des Luxus und des sittlichen Verderbens unter den Großen kann jetzt nicht größer seyn als früher. Allein, wie bei den christlichen Byzantinern, ist auch bei den osmanischen das herrschende Haus, die regierende Dynastie verfault. Hier liegt das Uebel. Eine solche Reihe genialer Staatsmänner und energischer Kriegsfürsten hat kein anderes Herrscherhaus je hervorgebracht, wie das türkische. Nicht Tugenden, nicht besondere Vorzüge und Eigenschaften des Volkes haben das furchtbare Gebäude osmanischer Größe aufgeführt; es ist ausschließlich das Werk seiner, die Menschen und Dinge in wildem [95] Sturm fortreißenden Dynastie. Und wenn unsere Zeit noch einmal einen Bajesid I., einen Murad II., einen Mohammed Ghasi und Suleiman I. zu schaffen vermöchte, würde er nicht mit gewaltiger Faust die Geschicke seines Volks erfassen und, dem Verhängniß zum Trotz, auch jetzt noch frisches Leben in die Gefäße des welkenden Türkenstammes gießen? Der Geist regiert die Welt, und nicht ohne tiefen Sinn erklärt ein berühmter Mann des Alterthums Glanz und lange Dauer der Herrschaft Roms für das Werk einiger ausgezeichneten Bürger der ewigen Stadt. Große Kräfte, einmal in’s Weltspiel gebracht, wirken durch ihr natürliches Gewicht noch fort, wenn auch schon lange die erste Triebfeder gebrochen ist. Erscheint aber erst der Schaden auf der Oberfläche, so ist auch das Ende schon nicht mehr fern und menschliche Hülfe bleibt ohne tiefgreifende und lebengebende Wirksamkeit.

Chronologisch auszurechnen, in welchem Jahre die flackernde Türkenlampe in Europa völlig erlöschen müsse, ist ebenso unmöglich als die Hoffnung vergeblich, durch eine perfide Politik den Einen strahlenden Weltkörper osmanischer Monarchie in ein Planetensystem getrennter Staate ohne Sonne auseinanderzulegen. Alle Künste der abendländischen Diplomatie macht die Stadt Konstantinopolis mit ihrem eingeborenen Genius zu Schanden. Um der centrifugal um den Erdglobus schwingenden Kraft der abendländischen Völker das Gegengewicht zu halten, um die ätzende Wirkung ihrer Geistesbeweglichkeit zu sänftigen und ihre Leidenschaften in Schranken einzudämmen, hat die Natur das byzantinische Reich, wie ein Bleigewicht, an die Sohlen Europa’s gehängt und durch unabänderlichen Beschluß mit der Ewigkeit anatolischer Doktrin zugleich die Unauflösbarkeit der Monarchie dekretirt, deren Herz und Mittelpunkt Konstantinopel ist. Keine Politik, keine menschliche Weisheit ist vermögend, die kompakte, durch Glauben, Blut und Thränen unausscheidbar in einander verwachsene Masse des byzantinischen Kontinents zu zerbrechen, in ihre Bestandtheile zu zerlegen und bleibend auseinander zu halten. Scheide man immer entlegene Theile vom Ganzen weg und erwärme sie, wie der begeisterte Pygmalion sein Steingebilde: – sie verdorren dennoch aus Sehnsucht nach heimathlicher Lebenslust, oder rinnen von selbst unaufhaltsam wieder in den Schooß des Mutterstaates zurück. So groß ist der Zauber dieser geheimnißvollen, noch unbegriffenen Stadt!

Ein Mittel jedoch gäbe es, den byzantinischen Bann zu lösen und seinen Trümmern eigene Seelen einzuhauchen: Zerstöret durch gemeinschaftlichen Beschluß des europäischen Areopagus die Stadt Konstantinopolis und füllet mit dem Schutte ihrer Hütten, ihrer Paläste, ihrer Mauern und Thürme das goldene Horn aus, und verbietet zugleich unter Völkerbann die Wiederherstellung von Stadt und Hafenbucht auf der alten, den Mächten des Abgrundes geweihten Stätte! Nicht genug! schaufelt im Grimme auch ihre sieben Hügel nieder, zermalmet wie einst die Legionen zu Korinth sogar die Steine, und mit der Wurzel reißet die gigantischen Plantagen aus, und vom Riesenberge des Amykos brechet in der Wuth, wie ein anderer Polyphem, die walddichte Spitze herab und schleudert Alles, Erde, Felsen, Bäume und Menschen, in die Strömung des Bosporus, damit sein musikalisches Sausen am Felsenthor [96] der Symplegaden verstumme, damit der sehnsuchterregende, die Völker des Orients bethörende Sirenengesang des fluthenden Sundes ersterbe und der stolze, Länder verbindende Pontus selbst wie das traurige Kaspimeer zur Oede eines verlassenen Binnensees heruntersinke! Dann erst rinnet der Lebenssaft wieder zurück, nach Athen und nach Ikonium.

Wären Titanen auf der Welt, hätte man ohne Bedenken zu diesem Mittel gegriffen. Aber die Menschen unserer Tage sind nach kürzerem Maße ausgeprägt: sie möchten das Unheil ohne Aufsehen und besonders ohne Störung im Alltagsleben ihrer Ameisenstadt gleichsam im Stillen zur Ruhe bringen. Wozu der Tumult und die schweren Reden ? rufen sie aus. Noch ist es mit den Türken nicht zu Ende, und so lange die Leute athmen, kann man immer hoffen und versuchen. Könnte man in Europa überall der Ländergier, dem Heißhunger nach fremdem Gute entsagen und den Leidenschaften der menschlichen Natur selbst Stillstand gebieten, so schleppte sich das Türkenreich ohne Mühe noch Jahrhunderte fort. Im Innern ist ja kein überwiegendes Element der Auflösung, der christliche Raya ist überall muthlos, waffenscheu, uneins und Rettung aus der Dienstbarkeit nirgend aus sich selbst, nur von Außen, aus fremder Zone hoffend.

Daß man unter solchen Umständen die treulosen Restaurationsrecepte des Occidents zu Konstantinopel nur mit Widerwillen und Geringschätzung empfängt, ist zu begreifen. Auch wird die europäische Kuratel, welche durch ihren neuesten Akt, den pariser Traktat, die Aufnahme des Türkenstaats in das europäische Konzert, als den Silberblick ihrer vereinten Weisheit, der Welt verkündigt, zeitig genug das Vergebliche ihrer Mühen erkennen. Diese vortrefflichen Männer sind überzeugt, man könne todte Ideen, erloschene Gluthen, entflohene Geister der Nationen durch eine Staatsschreiber-Ordonnanz wieder lebendig machen. Aber nicht Kunst, nicht mit exotischem Saft getränkte Pflanzen, nein, ein aus der Bodentiefe urkräftig heraufbrechender Riesenstamm ist nöthig, um die byzantinischen Räume auszufüllen. Die kleine Parzelle, welche, dem Scepter des Padischah entzogen, mit dem alten Namen „Griechenland“ angethan, kann wohl auch nicht, – Zeiten und Menschen zum Trotz – nach kühnem Zertreten aller Schranken nervig, sehnig, schöpferisch die Oede, die verlassenen Paläste am Propontis füllen. Oder wäre dies bayerischblaue Hellas wirklich so gewaltig, das chaotische Stammgewirre des illyrischen Kontinents zu ordnen, die widerspenstigen Geister zu bändigen, die bahnlos tobenden Kräfte zu zügeln und in das gemeinsame Rinnsal politischer Disciplin zusammenzudrängen? Es war eine Zeit, da das Abendland die Frage beifällig beantwortete und die Männer von Hellas noch einmal, wie weiland ihre Vorfahren, als die Schirmgötter der Welt begrüßte. Aber der Rausch ging schnell wieder vorüber. Die aufgeregten Geister sind wieder frostig und nüchtern wie vor Hellas zweitem Hochzeittag. Nur das Eine haben sie nöthig, die griechischen Männer, und dieses Eine ist der Talisman, der alle Herzen bezaubert, der das staatskluge Europa, wenn man es auf der lorbeerbekränzten Stirne [97] des griechischen Volks erblickt, mit Applaus begrüßen wird. Seyd mächtig – Schafft Flotten, Heere, Feuerschlünde, Gold, Kredit; aber macht schnell, die Völker sind wie die Könige nur durch nachdruckvolle That zu fesseln! Wachsen will man euch sehen, inwendig heraus, wie der Moskowiter in der jungen Frühlingsbirke, muß es im hellenischen Staatskörper gähren und kochen – man muß gleichsam die Lebenslymphe auf- und niedersteigen hören, damit, wenn der rechte Augenblick gekommen ist, euer Gewicht schwer in die Wagschale der Zeit geworfen werde. Waget dann, was eure Ahnen gegen die Perser wagten. Sprechet zu Denen, welche euch bevormunden, ein keckes Wort wie die helvetischen Bauern auf dem Leichenhügel der erschlagenen Edelleute; sey das Wort auch grob und ungeschlacht, begleitet es nur mit einer Faust von Granit und jener fürchterlichen Tapferkeit, die zu Marathon, Navarino und Ptolemais eure alten Dränger fraß, und sehet dann, wie freundlich die goldgestickten, sternblitzenden Herren euren Gruß erwiedern und wie schnell in Europa die schlummernde Sympathie wieder erwachen wird. Aber so lange ihr noch bei allen Thüren die leeren Hände hereinstrecket, und weil Jedermann sieht, daß ihr dem Ganzen weder viel nützen noch schaden könnet und zur Lösung der großen Frage, zur Wiederherstellung des Orients und zur Sicherung des Weltfriedens, aus eigenen Mitteln so wenig zu leisten vermöget, daß euer Land gleichsam als Armeninstitut noch immer von milden Beiträgen und abendländischem Wochengeld – ohne eigene Mühe – leben will, habt ihr zwar nicht Mitleiden und christliche Liebe, die euch gesichert sind, aber habt ihr die Bewunderung der abendländischen Welt verloren. Das Endlose, das Unausfüllbare eurer Noth hat Europa ermüdet und erschreckt.

Unser Jahrhundert ist politischen Zwerggestalten abhold, es will nur lebensfrische Körper und kolossales Maß. Griechenland wage es unterzugehen oder groß zu werden, sonst stelle es sich nicht in die Kompetentenreihe zur künftigen Vakatur des Orients! Die Herrschaft ist ein Ding, das die Abendländer nicht an die Lahmen an der Heerstraße und hinter den Zäunen für Almosen verschenken. Die Titel, sich aus der Niedrigkeit aufzuschwingen, waren von jeher Kraft, Genie und Heldenmuth im eigenen Hause. Zwar haben Fürsten zur Herrschaft oft sich hinaufgefreit und nachher ihr Glück durch Tüchtigkeit und klugen Sinn gestärkt; zu Macht und Weltherrschaft hinaufgebettelt aber hat sich noch keine Nation. Hellas erwarte vom Kollektiv-Wohlwollen der Europäer für seinen Anspruch auf die Herrschaft des Morgenlandes nichts mehr. Es rechne nur auf sich selbst. Die Könige geben nur einmal und was die Griechen im Sturmdrang der Dinge nicht rasch und kräftig herüberzureißen verstanden haben, wird durch die Gunst der Kabinette nie ihr Eigenthum werden.

Wie die Dinge jetzt liegen, muß Europa an der Fähigkeit der Griechen so lange zweifeln, bis die That das Gegentheil beweist. Warum will man unter den christlichen Byzantinern heute Elasticität, Energie und politische Tugenden voraussetzen, die sie schon im 15. Jahrhundert nicht mehr hatten? Oder konnte das weltbetäubende Schlachtgetöse von Nikopolis und Varna, wo die Heere gesammter Christenheit für das Heil des theologischen Imperators stritten, den lethargischen [98] Schlummer von Byzanz erschüttern? Damals besaßen die Griechen noch ihre Hauptstadt und stand ihnen thatendürstendes Mitgefühl des Abendlandes zur Seite und sogar Timur der Weltbezwinger auf Bitten und Mahnen der Christenheit als Hort und Retter im Herzen von Anatolien. In einem Tage ward die Macht der Osmanli bei Angora vernichtet, der Padischah selbst gefangen, Anarchie, Bruderkrieg, Auflösung, Verzweiflung waren überall im Türkenreich; aber der Sturm hatte umsonst getobt. Volk und Archonten der morgenländischen Kirche blieben auch in solchem Verwirrungsgreuel bewegungslose Zuschauer, bis die zerrissenen Gliedmaßen des feindlichen Staatskörpers wieder aneinander wuchsen und den nervenlosen Byzantinergriechen in frischer Majestät gegenüberstanden. Sind diese Byzantiner seitdem ein besseres Geschlecht geworden?

Im byzantinisch-griechischen Staatsmateriale lebt nur das Kirchenelement, der letzte Puls, der nie erlischt; die übrigen Klänge sind mit den Göttern Griechenlands längst verstummt. Moder und verwittertes Gestein hören die Posaune des Weltgerichts nicht mehr. Das alliirte Abendland tödte, wenn es kann, die morgenländische Kirche und demolire ihre goldenen Dome zu Konstantinopel, zu Kiew und im Kremlin; es berechne aber vorher und wäge wohl seine Kraft, ob sie auch mit der Größe des Unternehmens im richtigen Maße stehe. Diese Kirche des Orients hat alle Proben innerer Zerrissenheit und äußerer Schmach überstanden; keine Noth konnte ihre Standhaftigkeit erschüttern, keine Verachtung ihr Selbstgefühl ersticken, keine Niederlage das Vertrauen auf endlichen Triumph ihrer Sache wankend machen. Und wie die Natur in allen Dingen auf die äußerste Grenze rückt, erschien der Hoffnungsstern am nördlichen Horizont, als die byzantinische Nacht am dunkelsten war und Alles verloren schien. Kaum war die Schale am Hellespont gänzlich gesunken, da begann sie an den Quellen der Wolga langsam zu steigen, und wie die Wage heute stehe, ist für Niemand ein Geheimniß. Nur scheint nicht Jedermann zu wissen, wie weit das Gebiet der byzantinischen Hellenen reiche. Nördlich geht es bis an die Gestade des Eismeeres und der Herzpunkt, aus dem das Leben strömt, ist nicht mehr innerhalb der Thermopylen; er liegt jetzt jenseits der Wasserfalle des Borysthenes. Das Streben dieser theokratisch-byzantinischen Staatsidee, alle auf ihrem Elemente zu vernichten oder verwandelt in seinem Schooße aufzunehmen und in einem großen Weltreiche verkörpert ihrer Nationalfeindin im Occident entgegenzustellen, wird erkannt, sowie im Gegensatze das Ringen der latino-germanischen Kirche, auf ihrem Boden sich auszudehnen, sich innerlich zu befestigen und wieder zu kräftiger Einheit aufzuschwingen, für Niemand mehr ein Geheimniß ist.

Das Thatsächliche soll kein Urtheilfähiger verleugnen und vergessen. Zwei heilige Stühle stehen sich in Europa feindlich gegenüber und der Kampf zwischen den nebenbuhlerischen Gewalten kann vertagt, nicht verhindert werden. Von diesem politisch-kirchlichen Dualismus kann sich der alte Kontinent nicht mehr loswinden und die Stelle der Parteien wird erst dann klar, wenn Neu-Rom sein Schicksal erfüllt und die Kinder der anatolischen Kirche [99] mit ihrem neuen Konstantin zu thatsächlichem Bewußtseyn ihrer Weltbestimmung gekommen sind. Denke man sich das unermeßliche Chaos von Kräften, die unter jenem Himmelsstrich noch gebunden, aber eines Willens, eines Impulses gewärtig sind, um einen einzigen Gedanken lebendig in die Weltgeschichte einzuweben. Im weiten Halbringe schlingt es sich um Europa und bereitet den letzten Schöpfungsakt im politischen Bau der abendlichen Welt.

Die Restauration von Byzanz – das ist Axiom – kann nur eine „slavo-gräkische“, keine byzantinische, am wenigsten aber eine hellenische seyn.

Und diese Restauration im größten Style ist eingeleitet; der neueste pariser Friedenspakt drückt ihr das Siegel auf. Der Augenblick zur That ist durch diesen Pakt um Vieles näher getreten. Die Zeit ist gut gewählt. Der allgemeine Gantprozeß gegen alles weltliche Regiment des Abendlandes ist im Gange; die Exekution wird nicht lange auf sich warten lassen. Nicht böser Wille, nicht Schlechtigkeit und korrupter Sinn – man ist vielleicht heute nicht schlechter als man früher war! – nein, Unfähigkeit ist es und Unzulänglichkeit der waltenden Kräfte, was zur Auflösung der weltlichen Ordnung treibt. „Ihr könnet die Geschäfte nicht mehr fortführen“, ist der einstimmige Gedanke der Völker. Nach innerem Trost, nach Seelenfrieden ringen die Geister. Wer füllt die verzweiflungsvolle Leere der menschlichen Brust aus? Dürre Theorien und abgenützte langweilige Rezepte der Staats-Adepten können diesen Trost nicht mehr gewähren, können den Abgrund der Gemüther nicht verschütten. Eure Zeit ist für immer dahin. Nicht Anarchie und Zuchtlosigkeit ist das größte der Uebel, über das man klagen soll, das größte ist der Tod alles Glaubens und Vertrauens auf eure alte Kunst, was unser Unglück macht und zugleich den Kompetenten – es sind ihrer mehrere – ihre Rechtstitel gibt.

Einheit der Gewalt, Freiheitsliebe und religiöser Glaube sind die stärksten Baumeister aller menschlichen Ordnung. Der Versuch, ohne Beistand der freiheitlichen und religiösen Ideen Herrschaft auszuüben und ein bloß gewaltthätiges Regiment über die Völker aufzustellen ohne alle Schonung für Seelen- und Gewissensruhe, ohne Rücksicht für das Höhere und Ewige im Menschen, im Gegensatz zu seinem Streben nach Freiheit, bloß um die Taschen und den Kunstfleiß der Nationen mechanisch auszubeuten, hat überall ein noch klägliches Ende gefunden. Der Mensch trägt in der innersten Tiefe der Brust Etwas, was sich der Gewaltherrschaft widersetzt und was mit Feuerschlünden und Sophismen nicht zu bändigen ist. Mit Finanzkünsten, Banken und Mauthsystemen allein kann man den Dämon nicht mehr zwingen: die Fürsten müssen den inneren Widerspruch der europäischen Geister versöhnen oder das eigene Spiel verloren geben. Orbis ruit.