Sebastopol und Balaklawa

DCCCII. Brown’s-Fall Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band (1856) von Joseph Meyer
DCCCIII und DCCCIV. Sebastopol und Balaklawa
DCCCV. Neustadt an der Haardt
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SEBASTOPOL

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BALAKLAVA

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DCCCIII und DCCCIV. Sebastopol und Balaklawa.




Wenn noch im vorigen Jahrhundert im civilisirtesten Lande ein Topf von verschlossenem Dampf zersprengt wurde, so fuhr in die Menschen der Schrecken vor einer geheimnißvollen Macht, der Aberglaube bevölkerte Küche und Herd mit schadenfrohen Spukgestalten, der Irrwahn wälzte die Ursache des unerklärten Vorfalls als schwere Schuld auf Schuldlose, und es gab eine Zeit, wo es ein seltenes Glück war, wenn nicht das Hexengericht diesen Schuldlosen durch den Tod im Feuer Das büßen ließ, was das Feuer so einfach bewirkt hatte. Das waren die Sünden der „alten Naturgeschichte,“ in deren Finsterniß Wahn und Lüge in tausend Formen wuchern konnten zum unsäglichen Unheil der Menschen. So blieb es gar lange Zeit, nur langsam weicht die Nacht aus den Köpfen der Menge, wie hell auch einzelne hervorragende Häupter ihr leuchten mögen; die Firnen glänzen lange im Morgenroth, wenn die Thäler und Schluchten noch tiefes Dunkel deckt. Die siegreichsten Feldzüge des Lichtes der neueren Naturforschung in das weiland wichtigste Gebiet des Irrthums und des Betrugs gehören der Gegenwart an. Der menschliche Geist ist auf dem Wege tausendfältiger Beobachtungen dem offenbarsten Geheimniß der Natur auf die Spur gekommen: auch in der Natur ist das Oberste das Gesetz, und so streng ist die gesetzliche Ordnung in ihrem Reiche, daß die kleinen Menschen, die zu Hunderten von Millionen auf dem Erdkörper durcheinander wimmeln und von denen Hunderte von Millionen entstehen und vergehen, ohne eine andere Spur auf Erden zu hinterlassen, als die thierische der Verwesung, daß diese kleinen Menschen durch ihre Erkundung und Anwendung der unabänderlichen Naturgesetze mit ihren schwachen Händen die ungeheuersten Naturkräfte beherrschen, bändigen und in ihren Dienst zwingen, fester, wie der beste Reiter sein Roß, ja sicherer, wie der sicherste Schütze sein eigenes Auge. Die Erforschung der Naturgesetze hat den Menschen befreit und befreit ihn noch täglich aus tausend Schlingen des Wahns und der Lüge, die erst unmöglich geworden sind, seitdem keine Erscheinung in der Natur mehr aus einem unerkannten Zusammenhang unerklärlich hervortritt, sondern für jede Erscheinung das durch neue Hülfsmittel täglich verschärftem Auge der Naturkundigen die Ursachen erforscht und den Wirkungen ihre einst sinnbethörende Gewalt nimmt, ja letztere nicht selten hemmt, zügelt und unschädlich oder gar dem Willen des Menschen dienstbar macht. Der Zusammenhang der Erscheinungen ist gefunden, das Gesetz der Wechselwirkung der Naturkräfte entdeckt, die [190] wahre Natur der irdischen Dinge um uns her offenbart, und schon durch den Sieg dieser Wahrheit unsägliches Heil über die Menschheit verbreitet, das Ziel ihrer Bestimmung erhöht, der Weg dahin neu ausgesteckt worden.

Das Licht nämlich, welches in die Fugen, Ritzen und Spalten, in das Geäder und Geräder des Weltenbaues drang, um in den geheimsten Werkstätten der Natur die Gesetze zu erspähen, nach welchen dort gearbeitet wird, das Licht, welches dadurch auf die über Alles wunderbare Ordnung und Bestimmtheit in allen Dingen fiel, die die Natur allein verrichtet, mußte einen breiten Schimmer werfen auch auf das Thun und Treiben der Menschen in Dem, was sie das Reich des Geistes nennen, und das sie lange Zeit dem der Natur nicht ohne starkes Selbstgefühl gegenüberstellten. Da konnte denn guten und ehrlichen Augen der Kontrast nicht entgehen, der zwischen den Gesetzen beider Reiche seit Jahrhunderten und in wechselnder Größe besteht; da erkannten solche Augen bei fortgesetzten vergleichenden Studien, daß, je mehr im Laufe der Zeiten die menschlichen Einrichtungen sich entfernten von der von der Natur befolgten Ordnung, und je weniger die Menschen in dem Gesetzbuch lasen, das von der Hand des Schöpfers geschrieben ist, verständlich und faßbar für die Kinder jeder Zunge auf Erden, in dem alle Zeit aufgeschlagenen Buche der Natur – desto weiter ab vom Ziel der Menschheit die Geschlechter wichen und desto leichter es dem Irrthum oder der bösen Absicht wurde, ganzen Generationen, ganzen Völkern falsche Ziele vorzustecken und sie so lange auf falschen Wegen zu führen, bis sie am Rand des Verderbens den letzten Schritt thaten. Das ist die Geschichte des Untergangs nicht nur einzelner Staaten und Völker, sondern Tausender von Individuen, deren Unglück man einzig und allein – eben dem Unglück zuzuschreiben pflegt. Aber nicht bloß das Leben im Staate, und im Hause litt unter der Sünde des Abfalls von der Natur, sondern das gleich des Geistes selbst brächte nur verzerrte Gestalten, verkrüppelte Kinder in’s Daseyn, und zwar in allen Richtungen und in allen Kreisen, die der herrschenden Verachtung der Natur und ihrer Gesetze am meisten huldigten. Es liegt wohl am nächsten, hier an die Tage der Allongeperücken und Reifröcke zu erinnern; noch heute füllen die Denkmäler der Wissenschaft jener Zeit große Räume der Bibliotheken aus, die Denkmäler der Kunst in der Blüthenperiode des Zopfs präsentiren sich uns noch in manchem alten Garten und von denen der Baukunst werden noch lange ganze Ortschaften, ja ganze Landschaften verunziert. In so engem Zusammenhang stehen die verschiedensten Richtungen des Geisteslebens einer Zeit, daß Krankhaftes an diesem sich allen jenen mittheilt und ein Abirren von der Wahrheit der Natur im Allgemeinen sich nach allen Seiten hin durch Verzerrtheiten offenbart, wenn auch in einzelnen Köpfen oder Klassen Natur und Wahrheit ihre treuen Pfleger längst wieder gefunden haben sollten. Und Letzteres war in dieser auch in politischer Beziehung namentlich für Deutschland so traurigen Zeit bereits der Fall. Denn während die Kluft zwischen den Gesetzen der Natur und denen der menschlichen Gesellschaft so tief war, daß Thomasius gegen die von der Theologie und Jurisprudenz jener Tage mit gemeinsamem Eifer betriebenen Hexenprozesse schreiben und sprechen mußte, während Fürsten, Adel und Gelehrte sich sprachlich ganz von dem Volke getrennt hatten, das jene regieren, diese belehren [191] sollten, während die großblumige Pracht der weitschweifigen Fest- und Staatskleider sich widerspiegelte in der geblümelten Schreibweise der Poeten und gelehrten Schriftsteller und die spielenden Phrasen der Scholastiker ihre Seitenstücke fanden in den verschnörkelten Bauwerken und den Tanzmeisterstellungen der perückten Götterstatuen zwischen den verschnittenen Baumwänden der Lust- und Irrgärten, und während die „höheren Stände“ auf Alles, was sich als „Natur“ zeigte, mit solcher Verachtung blickten, daß diese sogar auf das der Natur treugebliebene Volk überging, für dessen Bezeichnung man die Worte Pöbel und Plebs passend fand, während einer solchen allgemeinen Corruption in den Köpfen, die den raschen Verfall der Nation offenbarte, traten zugleich Männer auf, die das Rechte erkannten und unerschrocken, wenn auch vergeblich, aussprachen. Vor Allen war es Leibnitz, der große Philosoph und Patriot, der schon damals auf die Pflege der Naturwissenschaften seine kühnsten Hoffnungen setzte. „Wir stecken im Felde der Wissenschaften“, sagt er, „noch in den ersten Wegen. Ein Schicksal verhindert uns, daß wir die Schätze der Natur nicht sorgfältiger aufspähen und größeren Nutzen daraus ziehen. Ich bin der Meinung, daß die Menschen fast unglaubliche Dinge zu Stande bringen könnten, wenn sie mehreren Fleiß anwendeten. – Nichts ist so schön und so befriedigend, als wahre Kenntniß vom System der Natur zu haben. Würden Viele dies Studium lieb gewinnen, so würde man weit gelangen, nicht nur in Rücksicht auf Bequemlichkeiten des Lebens und der Gesundheit, sondern in Rücksicht auf Weisheit, Tugend und Glück, statt dessen, daß man sich jetzt mit Kleinigkeiten abgibt, die uns ergötzen, nicht aber vervollkommnen und veredeln.“

Anderthalb Jahrhunderte sind verflossen, seitdem dieser außerordentliche Mann seinen, den gegenwärtigen Resultaten der Naturforschung und der Erfindungen auf deren Gebiet gegenüber so sehr bescheidenen Wunsch fast ohne Glauben an dessen jemalige Erfüllung aussprach, so daß man ihn heute nicht ohne Rührung betrachten kann. Und jetzt ist geschehen und wirkt unaufhörlich die großen natürlichen Wunder des Tags so Vieles, woran Leibnitz nicht einmal zu denken wagte und was dem gelehrtesten Seherauge seiner Zeit als phantastisches Wünschespiel aus dem Schlaraffenlande erschienen wäre: die Naturwissenschaften haben eine solche Fülle von Stoff angesammelt und zu solcher Höhe und Breite ausgebaut, daß ihr Reichthum nicht Raum mehr hatte in den akademischen Hörsälen und Laboratorien und auf den Bücherbretern der Priesterkaste der Wissenschaft, sondern hervorbrach in die Belehrungsblätter des Volks und in die Werkstätten der großen Gewerbe und so Ungeheueres leistete mit den tüchtigen Köpfen und Händen kühner Arbeiter im Bereich materieller Kultur, daß sie stolz das Schurzfell um den Talar banden zur neuen Ehre der Arbeit. Fast schwindelerregend sind die Riesensprünge der Erfindung von dem Augenblick an, wo Franklin dem Blitze sein Ziel steckte, bis zu dem, wo der Blitz selbst als Botenträger der Gedanken des Menschen den ersten Dienst verrichtete!

Ein solcher Schritt vorwärts auf dem breitesten Felde menschlichen Wissens und Strebens konnte nicht geschehen, [192] ohne daß die gewaltige Bewegung auch die Arm in Arm mit den Naturwissenschaften wandelnden anthropologischen Wissenschaften ergriff, welche wiederum die transscendenten Wissenschaften an der Hand führen. Denn immerdar wird das oberste und innerste Bedürfniß die Menschheit trachten lassen nach Erkenntniß der Natur und des Menschen, nach Erkenntniß der Verhältnisse beider zu einander, nach Erkenntniß der Bestimmung und des Endzwecks des Menschenlebens und der zweckmäßigsten individuellen und gesellschaftlichen Einrichtung desselben, endlich nach Erkenntniß der Ursache der Natur und des Menschen. Kurzweg: zu ergründen die Idee der Natur, die Idee der Menschheit und die Idee der Gottheit, das ist die Aufgabe aller Wissenschaften, deren natürlicher Zusammenhang und gegenseitiges Ineinandergreifen auch die Nothwendigkeit gemeinsamer Bewegung verbürgt. Es ist bei so unerhörtem Fortschritt der Einen kein Stillstand der Andern denkbar, die mit gelahrtem Prophetenmund dekretirte „Umkehr der Wissenschaft“ ist zur Lächerlichkeit des Tags geworden. – Die Bewegung geht vorwärts, und keine Schranke von Phrasen wird sie hemmen, wenn ihr Zug auch die Staatswissenschaften erfaßt und deren praktischere Kulturkraft für die Gestaltung des Völkerlebens andere als die zum Theil tief ausgetretenen Bahnen bricht; es wird an der Sisyphusarbeit des Hemmen- und Absperrenwollens manche widerstrebende Macht zu Grunde gehen, und floriren werden nur jene, welche, von höherer Einsicht geleitet, die von der Natur gebotene Bahn selbst mit betreten. Napoleon (der Wirkliche) erzählt: „Ich sah den Staatswagen vorwärts rennen, er war nicht mehr aufzuhalten; da sprang ich darauf und ward sein Herr.“

Mußte bei diesem allgemeinen Vorwärtseilen nicht auch die Geschichtsforschung und der Blick auf die Ereignisse des Tags einen anderen, einen höheren Standpunkt gewinnen? Konnte in einer Zeit, wo durch die Beherrschung des Dampfs und der Elektricität die ganze Welt enger zusammengerückt ist, wo gegenseitige Beziehungen die entferntesten Länder jetzt enger verknüpfen, als früher die nächsten Nachbarn, und wo dem verstecktesten und verschlossensten Staate von der Wucht des Weltverkehrs die Jahrtausende verrammelten Thore eingestoßen werden, konnte da die historische Forschung noch die alten Wege wandeln? – Schon vor dreißig Jahren jubelte der alte brave Wachler (Literarhistoriker), welch merklichen Einfluß die Vervollkommnung der Naturkunde auf die Geschichte gehabt habe! Bedarf’s da noch der Bemerkung, daß die historische Forschung, Anschauung und Darstellung auch in der letztern Zeit dem großen naturwissenschaftlichen Zug gefolgt ist? – Mit innigster Genugthuung muß man die Arbeiten der hervorragendsten Geister auf diesem Felde betrachten; auch ihre Lehren stehen im Buche der Natur; auch sie suchen vor Allem das Naturgesetz in der Staatengeschichte, auch sie stellen es als oberste Aufgabe der Staaten hin, der Richtung zu folgen, welche die Natur ihnen angewiesen; sie zeigen, daß, je mehr die Menschheit an der Hand der Natur sich emporbilde, um so offenbarer die innere Nothwendigkeit der Ursachen mächtiger werde, als der äußere Drang; ihre Darstellung der Entwickelung des Völkerlebens zeigt uns schon jetzt viele Ereignisse als ganz [193] natürliche Prozesse, die man sonst als bloße Thatsachen hinzunehmen gewohnt war, und ihre Forschungen können den beruhigenden und erhebenden Satz an der Stirn tragen, daß die waltende Hand der Geschichte die Grundsteine neuer Bildungen lege auch da, wo das menschliche Auge nur Verwirrungen erkennt. – Die Blicke, die uns eine solche Geschichtsauffassung in die Vergangenheit und Gegenwart thun läßt und selbst in die Zukunft eröffnet, wirken durch ihre Ruhe und Sicherheit wohlthätig auf den Geist, den sie mit Klarheit, und auf das Herz, das sie mit Zuversicht in den Lauf der Dinge erfüllen. Und einem Führer auf solcher Höhe folgen wir heute zur Betrachtung des Gegenstandes, welchen die beiden Stahlplatten uns vorlegen; unser Führer ist L. Stein, der Professor, welchen der Dänenkönig vom deutschen Lehrstuhl zu Kiel vertrieb und den jetzt Oesterreich als einen Ebenbürtigen an der Seite seines größten Nationalökonomen sieht.

Um das Naturgemäße des jüngsten europäischen Kampfes zu verstehen, müssen wir uns die „organische Gesammtgestaltung Europa’s“ nach Steins Aufbau vor Augen stellen. Er sagt: So lange es eine Geographie in Verbindung mit der Geschichte gibt, so lange hat der menschliche Geist mit mehr oder weniger Klarheit erkannt, daß die Gestalt Europa’s ein wesentlicher Faktor seiner Geschichte ist. Und so wenig Dinge sind so wichtig für das Verständniß des Ganzen und so belehrend oft in dem Einzelsten, als das Studium dieser geographischen Gestalt des europäischen Körpers. – Wirft man einen Blick auf die Karte von Europa, so scheiden sich unter den Ländern, welche diesen Kontinent bilden, drei Gruppen ab, die in doppelter Hinsicht einen eigenthümlichen Charakter haben. Sie sind, jede für sich, theils in sich eigen geartet, theils auch nach Außen mit eigenthümlichen Verhältnissen umgeben. Die erste dieser Gruppen ist gebildet durch den Westen Europa’s: England, Frankreich und Spanien, drei Länder, reich an Naturschätzen, an Elementen des Handels, an geschichtlicher Bedeutung, bilden das große Dreieck, mit welchem Europa in das atlantische Meer hineingreift. Die Natur selbst hat sie darauf angewiesen, das große Verbindungsglied Europa’s und seiner Geschichte mit dem Westen der Welt zu seyn. Spanien, als das südlichste, gehört all den Linien an, welche sich von Europa aus dem Aequator zuwenden. Es muß sich gar kein Ziel, oder es muß sich die südlichen und westlichen Theile der Erde als Ziel setzen. In diesen Richtungen hat Spanien unendlich Großes für Europa geleistet: von den Häfen der iberischen Halbinsel aus gingen die Entdecker Amerika’s, die Entdecker des Kaps der guten Hoffnung, die Eroberung Mexiko’s, Peru’s, Chili’s, die Verbindung Brasiliens mit Europa, ja selbst die erste Verbindung Ostindiens mit unserer Civilisation. Das war die naturgemäße Aufgabe jenes Landes; gegen das europäische Festland schneiden es die Pyrenäen mit scharfen Linien ab. Als es dieses natürliche Verhältniß brechen, als es seine Macht auf Länder jenseits der Grenzen seiner östlichen Gebirge ausdehnen wollte, büßte es die Kraft ein, seine Besitzungen jenseits seiner westlichen Meere zu behalten: da begann sein Verfall, und [194] es wird die Zeit seiner Größe und seines Glanzes nicht eher wieder kommen, bis es seine europäische Aufgabe im Südwesten der Meere in neuer Weise erfüllt.

Anders und doch ähnlich steht Großbritannien da. Es ist ein Inselstaat, aber dem Kontinent doch nahe genug gerückt, um all seinen Interessen anzugehören. Während aber die Geschichte Spanien mit Gold und Silber überschüttete, hat die Natur England Eisen und Steinkohlen gegeben; dazu fand es als drittes Element seiner Größe die Baumwolle, und vom Geschick erhielt es zur Mitgabe Häfen von der See, Holz vom Lande und ein starkes, muthiges Volk. Solche Mittel befugten es, seinen Handel nicht auf die Produkte der Natur, sondern auf die der eigenen Arbeit zu gründen. Diese gehören aber nicht mehr einem bestimmten Lande, sondern der ganzen Welt, und als nun erst die Maschine die englische Produktion verhundert- und vertausendfachte, mußte England entweder mit seinen Handelslinien die ganze Erde umspannen, oder wegen Mangel an Nahrung untergehen. Sein muthiges Vorwärtsgehen krönte das Glück: seine Macht ist seinen Produktionen gefolgt. Es hat Spanien verdrängt, Frankreich überflügelt, sich zum herrschenden Organe der Verbindung Europa’s mit dem Westen gemacht und möchte jetzt auch den Osten monopolisiren. Allein mit der Eröffnung des Orients hebt eine neue Epoche an. Europa hat unendlich viel von England gelernt; jetzt hat England Eines von Europa zu lernen: das, daß es auch in den großen, die ganze Welt umspannenden Beziehungen eine Theilung der Arbeit gibt. Die Eröffnung des Orients erschließt einen Handelsweg, den man nicht mehr zur See allein erreicht. England, das durch zwei Jahrhunderte einer beispiellosen Entwickelung von Industrie und Seeherrschaft gewöhnt worden ist, in allen Fragen die Führerschaft anzustreben, bei denen Handel und Industrie in Betracht kommen, wird zum ersten Mal durch die Natur der Dinge gezwungen, sich unterzuordnen. Seine Bedeutung reicht nur so weit, als das offene Meer: der Osten des mittelländischen Meers ist aber nicht bloß eine Fortsetzung des atlantischen, sondern ein Ganzes für sich, und hier ist die Herrschaft einer einzelnen, überwiegenden Macht zur See nicht weniger unstatthaft, als zu Lande. Eben deshalb hat diese Eröffnung des Orients erst das Gleichgewicht für Europa in den Angelegenheiten des Handels und seiner Interessen erzeugt. Das Uebergewicht des Westens, die Herrschaft des atlantischen Meers über den Welthandel ist zu Ende. Der Handel des Ostens wird ihm zur Seite treten, und mit dem Handel des Ostens wird auch England in seine naturgemäße Stellung zu Europa zurückkehren, denn den Westen Europa’s mit dem Westen der Welt zu verbinden, das ist das wahre und naturgemäße Gebiet seiner Thätigkeit und seiner Herrschaft; der Osten ist das Indien des europäischen Festlandes und Asien wird das natürliche Gleichgewicht Europa’s herstellen, nicht indem es England kleiner, sondern indem es das übrige Europa größer macht. So steht Großbritannien geographisch an der Grenze zwischen Europa und Amerika, historisch in diesem Augenblick an der Grenze seiner alten und seiner neuen Weltstellung, und die wahre und gesunde Politik Englands würde demnach dahin gehen [195] müssen, diese naturgemäße und deshalb unwiderstehliche Entwickelung zu fördern, damit, indem es das Werdende bei Andern freundlich anerkennt, es nicht am Ende für sich den Zweifel erweckt, als ob das, was es besitzt, für dasselbe das Natürliche und Richtige sey. – So lauten Steins Worte. Daß jedoch England seinen neuen Weltberuf nicht ohne Festhalten des alten anerkennen will, zeigt es in einer Weise, die fast wie eine historische Strafe für manchen gegen Schwächere begangenen Uebermuth erscheint: denn während es durch den letzten Krieg im schwarzen Meer mit ungeheuerem Aufwand an der Eröffnung des Orients mit arbeitete, sucht es jetzt das offene Thor wieder zu verstopfen durch die Hindernisse, die es auf der Suezlandenge aufstaut. Aber die Zeit bricht Felsen. –

Das dritte Glied in der westlichen Länder- und Staatengruppe (fahren wir mit Stein in der Betrachtung der organischen Gesammtgestaltung Europa’s fort), Frankreich, hat seine Stellung niemals ernstlich verändert; es hat seit einem Menschenalter nur zu derselben hinzugefügt, was ihm seiner Lage nach gehörte. Frankreich hat den Westen Europa’s mit dem Kontinente zu verbinden. Seine Selbstständigkeit als Land ist durch drei Grenzen gegeben; die vierte Grenze setzt es beständig in Berührung mit den großen Fragen und Bewegungen des festen Landes. Es liegt dem letzteren zu nahe, als daß irgend etwas in demselben ohne seine Entscheidung sich definitiv verändern dürfte: es berührt dasselbe doch zu wenig, als daß es je diese Entscheidung allein bestimmen könnte. Zu Lande ist seine Stellung daher so, daß es, wenn es seiner Bedeutung gemäß auftreten will, entweder im offenen oder geheimen Kampfe mit den kontinentalen Großmächten, oder in vollem Einverständniß mit denselben handeln muß. Ein drittes, ein gleichgiltiges Mittelding, ist für Frankreich nie möglich gewesen und wird es niemals werden. Aber auch Frankreich ist an die Schwelle einer neuen Zeit getreten dadurch, daß es sich für das friedliche und freundliche Einverständniß seiner Politik mit derjenigen der übrigen Mächte erklärt hat. Das System Europa’s ist seiner Natur nach das System der friedlichen Harmonie. Frankreich, als das Mittelglied zwischen dem Westen und der Mitte, hat fast immer die Entscheidung darüber gehabt, ob die großen Fragen auf friedlichem oder auf kriegerischem Wege erledigt werden sollten. Von jetzt an steht es definitiv auf der Seite des Friedens. Wie zu Lande, ist dies der Fall auch zur See. Der Natur der Sache nach ist es die Hauptseemacht im Mittelmeer. Hier bildete es einerseits das Gegengewicht gegen England, das vom Westen her seine Uebermacht im Mittelmeer entwickeln wollte, und andererseits gegen die Türkei, die im Osten jede europäische Theilnahme am Handel wie an der Politik ausgeschlossen. Dadurch hat es dem großen Princip seine Geltung erhalten, daß die Angelegenheiten des Mittelmeers und des Orients Angelegenheiten Europa’s sind. Es hat die Ausschließlichkeit, die vom Westen kam, und die Abgeschlossenheit, die im Osten galt, gebrochen. Und wie es durch seine Waffenthaten in Algier einer Jahrhunderte alten Schmach Europa’s ein Ende machte und Nordafrika für die europäische Civilisation öffnete, so legt es jetzt das Gewicht seiner Macht auf die friedliche Eroberung des Kanals von Suez für Europa. So ist es in seine natürliche [196] Stellung im Mittelmeer mit der Würde einer Großmacht eingetreten, und es wird die Theilung der Aufgabe, die von der Natur selbst begründet ist, in den materiellen und politischen Beziehungen zum Osten so geschehen, daß Frankreich in allen maritimen, Oesterreich in allen territorialen Angelegenheiten das Hauptgewicht besitzen wird. Unter dem Schutze dieses großen organisatorischen Princips, mögen dann die Einzelnen streben, sich ihren Antheil an der neuen Welt jenseits des Archipels zu eröffnen. Dies ist der Westen Europas; er bietet ein reiches und lebensvolles Bild.

In ganz anderer Weise gestaltet sich das, was über den östlichen Pol der europäischen Konfiguration, das weite und wenig gekannte Rußland, zu sagen ist. Wenn man von den Abhängen der Karpathen im Süden und von den Ausläufern des skandinavischen Bergrückens im Norden nach Osten blickt, so dehnt sich eine ungeheuere Ebene vor uns aus, die von dem Ural, dem kaspischen Meere und endlich den kaukasischen Gebirgen leicht umgrenzt wird. Diese Ebene ist das jüngste Land in der geologischen, das jüngste Reich in der geschichtlichen Bildung Europa’s. Während sich die ewigen Gebirge von Mittel- und Westeuropa aus dem Schoße des Meeres erhoben, lagen die flachen Ebenen jenes Gebietes noch auf dem Meeresgrunde, wie später dort, als Europa schon viele Jahrhunderte einer reichen und wechselvollen Geschichte durchlebt hatte, noch bis auf die neueste Zeitrechnung die wilden Völker Mittelasiens die Bewohner in Barbarei erhielten. Das Land ist so groß, daß es alle Zonen Europa’s in sich vereinigt; aber es ist so flach, daß es sie nicht getrennt zu erhalten vermag. Der Sturm braust unaufgehalten durch das ganze Land und der Norden herrscht dort über den Süden, in den Regionen der Lüfte wie in den menschlichen Dingen. Es ist ein Land der Verschmelzung aller Stämme, die es bewohnen, aber es hat wenig Reiz, um neue Bewohner an sich zu ziehen. Diese seine Natur spiegelt sich in seinen Beziehungen zum Gesammtleben Europa’s wider. Seiner Berührungspunkte mit der Mitte und dem Westen sind nur wenige; bloß im Norden und Süden, wo die Interessen Westeuropas mit denen des Ostens zusammenstoßen, treten sie häufiger und deutlicher hervor; seine Mission ist es, als Mittelglied zwischen Europa und dem inneren Asien, letzteres der großen historischen Bewegung zu unterwerfen, die wir die Gesittung nennen; und in der That drängt es Rußland, in seine Ursitze zurückzukehren. Dort ist das Gebiet seiner Zukunft. Schon gehört Sibirien durch Rußland der europäischen Geschichte, der Norden des kaspischen Meeres, das Gebiet des Aralsees, Chiwa, die Mongolei bieten Rußland die Hälfte der alten Welt; dort ist seine naturgemäße Aufgabe; und wenn auch seine Wünsche weiter reichen, so doch weder seine Macht, noch sein historischer Beruf. Der Süden des großen russischen Körpers ist die Grenze der eigentlichen russischen Herrschaft. Das Meer des Pontus-Euxinus und der hohe Bergrücken des Kaukasus haben dafür gesorgt, daß die Gebiete, welche im Süden dieser Linien liegen, allen Mächten Europa’s ebenso zugänglich sind, als Rußland. Das konnte man mißverstehen, so lange es darauf ankam, den Trotz der Türkei zu brechen. Jetzt ist [197] das geschehen. Die Bahn steht offen. Und die Eröffnung der Türkei und des Orients hat daher auch für den Osten, für das Verhältniß des großen russischen Reichs zu Europa, das Gleichgewicht hergestellt: wie dadurch einerseits im Westen England auf seine natürliche Basis zurückgeführt ist, so ist es auch Rußland im Osten. Aus dem alten Rußland wird das neue Ost-Europa entstehen.

Die Bedeutung des dritten Gebiets in Europa, das wir im Allgemeinen als Mitteleuropa bezeichnen und dessen Inhalt nach den obigen Grenzbestimmungen von West- und Ost-Europa sich von selbst versteht, ist auf den ersten Blick klar: dasselbe beherrscht nicht eigentlich die Verbindung seiner beiden Nachbartheile von Europa; es ist vielmehr diese Verbindung selbst. Aber jeder dieser beiden Theile hat seine volle Selbstständigkeit für sich. Auf Alles, was Westeuropa jenseits des atlantischen Meeres und Rußland jenseits des Ural zu thun hat, übt Mitteleuropa keinen unmittelbaren Einfluß, es steht in dieser Beziehung stets in zweiter Linie. Wesentlich anders wird die Bedeutung desselben, wo es sich um eine gemeinsame europäische Angelegenheit handelt. Jeder Akt europäischen Lebens ohne die Theilnahme Mitteleuropa’s wird in einen Gegensatz des Ostens und Westens auslaufen; jeder Akt mit demselben wird zu einem unwiderstehlichen. – Mitteleuropa scheidet sich wieder in drei große Ländergruppen, die skandinavische Gruppe, die den Norden Europa’s beherrscht; im Süden umschließt das Mittelmeer Italien und die Türkei, beide durch das adriatische Meer trennend; die Mitte endlich bildet eine große, an sich mächtige, wiederum aber auf bestimmten Grundlagen in größere und kleinere Gruppen getheilte Masse. Diese drei großen Gebiete von Mitteleuropa stehen unter einander in einer gewissen Gemeinschaft des Lebens und der Interessen, und diese Gemeinschaft ist einer der gewaltigsten Faktoren der Geschichte der Welt geworden. Die Einwirkungen der ältesten Zeit gehen zunächst zwischen dem Süden und der Mitte vor sich; sie sind ein beständiger Kampf der Waffen zwischen Italien und dem griechischen Kaiserthum mit den deutschen Reichen und ein beständiges Hinüberströmen des geistigen Lebens aus dem gebildeten Süden in den stärkeren Norden. Alle Bewegungen, von den Galliern (Kelten) an, welche Delphi verwüsteten, von den furchtbaren Cimbern und Teutonen, von den Kolonisirungen Roms an den Quellengebieten der Donau, von den Normannenzügen, den Völkerwanderungen, der Verbreitung des Christenthums und der Wissenschaften bis zu den neuesten Kriegen in Italien und Schleswig-Holstein sind Zeugnisse von der innigen Gegenseitigkeit des Lebens dieser drei großen Gebiete, und diese selbst ist das größte Resultat der Geschichte der Welt. Sie ist eine herrschende, unverkennbare, allmächtige Thatsache. Jedes Blatt der Geschichte bestätigt sie. Sie hat die Zeit gehabt, wo die Waffen und die Bildung der wesentliche Inhalt der Gegenseitigkeit in Krieg und Frieden waren; jetzt beginnt die Zeit, wo die Interessen Träger und Ausdruck derselben werden wollen.

[198] Aus dieser Dreitheilung in West-, Ost- und Mitteleuropa ergeben sich zwei große Konsequenzen. Hält man nämlich dieses Mitteleuropa zusammen mit den beiden Gruppen des Ostens und des Westens, so erkennt man sogleich, daß jedes Streben der letzteren nach vorwiegender Herrschaft in ganz Europa nur dadurch erfüllt werden kann, daß sie sich irgend eines Theils dieses mitteleuropäischen Körpers bemächtigen. So lange es daher ein Staatenleben in Europa gibt, so alt sind die Kämpfe, welche vom Osten wie vom Westen geführt worden sind, um innerhalb der beiden südnördlichen, Mitteleuropa begrenzenden Linien, von denen die eine die Nordsee in der Mitte durchschneidet und von den Abhängen der Ardennen bis zu denen der Alpen hinuntergeht, die andere von der Ostküste der Ostsee bis zur Ostküste des schwarzen Meeres sich erstreckt, einen festen und möglichst großen Besitz zu erlangen. Diese Bestrebungen bilden einen wesentlichen Theil der Geschichte Europa’s, und der Charakter derselben liegt im Großen und Ganzen deutlich vor. Wenn die Thatsachen vergangener Zeiten uns nicht darüber belehrten, so würde der erste Blick auf die Karte von Europa uns zeigen, daß das Gelingen der einen oder der andern Tendenz die Herrschaft des Westens oder des Ostens über ganz Europa zur Folge haben müsse.

Betrachtet man aber zweitens jene Dreitheilung Europa’s von dem höheren Standpunkt der Humanität und der Gesittung und von dem nicht minder wichtigen der materiellen Interessen, so ist es keinem Zweifel unterworfen, daß der Osten dem Westen wie der Mitte gegenüber unendlich an Bildung und geistiger Kraft nachsteht, während andererseits der Westen in seinen Landesgrenzen beschränkt und bis zur Ueberfülle von Kräften gesättigt, einen Abfluß in die weiten Gebiete des Ostens suchen muß und sucht. Die innere Nothwendigkeit dieser Dinge ist so gewaltig, daß sie sich auf jedem Punkte, selbst ohne unser Zuthun, vollzieht, je weiter wir in der Gesammtentwickelung gelangen. Soll aber das harmonische Zusammenwirken aller Theile von Europa, nämlich der Friede und die Ordnung Europa’s, hergestellt werden, so muß Mitteleuropa zuerst den eigenen Norden und Süden in seiner Integrität gegenüber dem Westen und Osten erhalten. Und soll Europa seine große wichtige Mission dem Osten gegenüber wirklich vollziehen, so muß Mitteleuropa für diese Aufgabe, die sich von den materiellen Interessen so wenig trennen läßt, als der Geist vom Körper, der Träger und Vertreter Gesammteuropa’s werden. Diese Winke für die Zukunft gibt uns ein Blick in die Vergangenheit.

Das fünfzehnte Jahrhundert ist für die Geschichte des Südens von Mitteleuropa eine entscheidende Epoche. Bis dahin war der große Handelsweg Europa’s nach dem Süden, über die Alpen, durch das Mittelmeer nach dem Orient gegangen. Genua herrschte im schwarzen Meere, Venedig im äußersten Osten des Mittelmeeres. In die Hände italienischer Kaufleute waren die Trümmer des alten griechischen Kaiserreichs gefallen. Wie die deutsche Hansa im Norden, so hatte das italienische Städteleben im Süden die große Funktion des deutschen Kaiserthums übernommen, die Grenzen des mitteleuropäischen Ostens an die Interessen und die Macht Mitteleuropa’s zu binden. [199] Das fünfzehnte Jahrhundert ist die Zeit, wo sich die Geschichte im Süden wendet, wie das sechszehnte der Beginn der Umgestaltung des Nordens wird. Zwei Dinge wirkten hier entscheidend. Zuerst brach vor dem Stoß der Türken das griechische Reich zusammen, und von nun an war die zweite, größte und wichtigste Hälfte des südlichen Gebiets von Mitteleuropa von demselben abgerissen und stand als ein Theil der Geschichte Asiens da. Das ist geschehen, weil die große Aufgabe Europa’s dem Osten gegenüber ein Paar Städten und nicht einem Reiche, dessen Umfang jener Aufgabe entsprochen hätte, überlassen worden war. – Während dies vor sich ging, zogen die ersten Schiffe Spaniens aus, um jenseits des atlantischen Meeres eine neue Welt und eine neue Geschichte zu finden. Der Orient, durch die Türken für Europa verloren, schien durch Amerika für dasselbe ersetzt zu seyn. Zugleich fand Ostindien um das Kap der guten Hoffnung einen neuen Weg nach Europa. Da fiel der Schwerpunkt des Lebens und der Geschichte aus der Mitte Europa’s an die Grenzgebiete. England, Holland, Spanien, Portugal und sogar Frankreich wurden die Mittelpunkte des Verkehrs der Welt. Deutschland trat zum ersten Male in die zweite Linie, und es verschwand jede Hoffnung, dem Leben Mitteleuropa’s seine alte Bedeutung, seine alte Kraft zurückkehren zu sehen. – In demselben Grade aber, in welchem der Norden und Westen Deutschlands seine bestimmte staatliche Gestalt verliert, gewinnt die Bewegung, welche von der österreichischen Mark ausgeht, eine immer festere Ordnung, und dazu tritt ein großes, von den Wenigsten gehörig beachtetes Ereigniß, das derselben Epoche angehört: der Uebergang der ungarischen Krone an das Haus Habsburg. Ungarn ist die größte Ebene im Süden der Karpathen; in ihm laufen alle Linien, welche nach dem schwarzen Meere und in das Innere der Türkei gehen, zusammen. Mit der Herrschaft in Ungarn muß sich daher naturgemäß auch die Herrschaft über jene Gebiete einmal entscheiden. Durch die dynastische Verbindung Ungarns mit dem ersten deutschen Fürstenhause wurde das Schicksal desselben mit dem Oesterreichs und dadurch unzertrennlich mit dem Mitteleuropa’s verbunden und die erste Folge davon war, daß von da an die ganze große Aufgabe Mitteleuropa’s im Osten auf die Schultern des verhältnißmäßig kleinen Oesterreich gewälzt wurde; es mußte zunächst die Last des Kampfes um Ungarn und damit um die Zukunft Europa’s im Osten tragen. Das war der Preis, um den Oesterreich allein dauernd groß werden konnte. Es ward eine Großmacht durch die Größe der Aufgabe, die es übernahm, und erst in der Verbindung mit Ungarn beginnt seine Geschichte als eine solche.

Es führt uns nicht ab von unserem Ziel, wenn wir die Geschichte dieser Machtentwickelung in Bezug zum Orient rasch überblicken. Sie ist dreitheilig. Ein Blick auf die Vergangenheit erklärt uns die Gegenwart. Die erste Phase gehört dem siebenzehnten Jahrhundert an. Es ist die Zeit des Kampfes um Ungarn selbst. Die Türken überschreiten die Donau. Ungarn fällt. Die türkischen Heere folgen mit richtigem Instinkt dem großen Wege der Geschichte. Voll der ungarischen Ebene gelangen sie in die Marchebene. Sie stehen vor [200] den Thoren Wiens. Damals war Wien nicht bloß die Hauptstadt von Oesterreich, sondern der Schlüssel zu den Thoren Europa’s. Deutschland regte sich nicht. Da machte Oesterreich seine schwerste Zeit durch. Aber seinen und Deutschlands Kaiser an der Spitze, siegte es. Die Türken flohen; Ungarn ward wieder gewonnen. Der erste Schritt zur Stellung Oesterreichs im Osten war definitiv geschehen. – Die zweite Phase folgt mit dem 18. Jahrhundert. Der Charakter dieser Zeit ist ein ganz anderer, als der der vorigen. Die Eroberungslust der Türkei ist gebrochen. Sie selbst wird, ob auch widerstrebend, allmählich in das Gesammtleben Europa’s hineingezogen, wird zu einem Gliede des europäischen Staatensystems, empfängt einen bestimmten Wirkungskreis. Schweden tritt mit ihr in Verkehr; die Franzosen gewinnen ein kirchliches Protektorat; England knüpft Handelsverbindungen an. Nur Deutschland thut nichts. Oesterreich allein muß das Interesse der deutschen Gesittung und der deutschen Zukunft vertreten. Es muß mit den Waffen in der Hand den Stoß des wilden Volkes abhalten. Das war Arbeit genug. In den drei großen Kriegen des vorigen Jahrhunderts hatte es zunächst die Grenzen zu wahren; dadurch ward seine Stellung eine wesentlich negative. Es siegte, aber es gewann nichts. Die Verhältnisse blieben formlos; es ist umsonst, sie unter einen Generalnenner bringen zu wollen. Die Gestalt der Dinge mußte sich erst dann bilden, nachdem es entschieden war, ob die Türkei die Fähigkeit besaß, in dem Gesammtleben Europa’s eine Stellung einzunehmen, oder nicht. Als eine solche das vorige Jahrhundert abschloß, war es keinem weitersehenden Staatsmann mehr unklar, daß die Türkei ihre Lebensfähigkeit verloren habe. Nun aber liegt die Türkei innerhalb der großen östlichen Linie, welche Mitteleuropa von Osteuropa trennt. Sie entspricht dem schwedischen Lande des Nordens, wie das schwarze Meer der Ostsee entspricht, der finnische Meerbusen dem azow’schen Meere. Sie beherrscht mit dem Sunde des Bosporus den Eingang in’s schwarze Meer, steht an den Grenzen der Donau, welche Rhein und Elbe des Ostens zugleich ist, kurz, sie ist ohne allen Zweifel das Hauptland des Südens von Mitteleuropa, ihr Schicksal ist entscheidend für den Süden Europa’s und damit für Europa überhaupt. Mit der Gewißheit des Uebergangs der Türkei in einen neuen Zustand mußte daher eine Bewegung beginnen, welche über kurz oder lang ganz Europa umfaßte. Einem untergehenden Staate gegenüber gibt es aber zwei Wege, vermöge deren die weitere Zukunft bestimmt werden kann. Der erste und gewöhnlich nächstliegende Weg ist der der Waffen, der zweite, schwierigere, aber weiter führende ist der der Civilisation. Die Geschichte Europa’s hatte in derselben Zeit, wo sie die Auflösung des alten Osmanenthums vorbereitete, zugleich jene beiden Elemente vorbereitet, welche die Türkei sich zu unterwerfen bereit waren. Die Träger dieser Elemente waren Rußland und Oesterreich. Die Geschichte der Türkei in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts gehört Rußland und den Waffen; die zweite wird Oesterreich und der Gesittung angehören.

Die Geschichte Rußlands seit den letzten hundert Jahren zerfällt in drei große, durch glänzende Namen [201] charakterisirte Epochen. Das Zeitalter Katharina’s ist dasjenige, wo Rußland seine natürlichen Grenzen im Süden an den Küsten des schwarzen Meeres gewinnt. Nur die Wünsche, Hoffnungen und Principien greifen in die Zukunft der Türkei hinein. Das Zeitalter Alexanders ist dasjenige, wo Rußland sein Anrecht auf die Türkei zuerst durch seine Verhandlungen mit Napoleon, dann durch seine Kriege gegen ihn, zu einem stillschweigenden Princip des europäischen Völkerrechts zu machen sucht. Es ist die Zeit der Frage nach den „Schlüsseln des Hauses.“ Ein wesentlicher Schritt geschieht in dieser Epoche, dem Ziele entgegen, durch das Abreißen Bessarabiens von den Donaufürstenthümern und durch die Protektoratsbestrebungen über die letztern. Das Zeitalter des Kaisers Nikolaus ist endlich dasjenige, wo die langgehegten Pläne zur Verwirklichung gediehen. Der Krieg von 1828 sollte die Thatsache über allen Zweifel erheben, daß Rußland nur zu wollen brauche, um die Türkei zu gewinnen. Der Feldzug von 1854 sollte die Theilung vollziehen.

Dieser letzte Versuch Osteuropa’s, durch Vorschiebung seiner Macht im Süden Mitteleuropa’s sich die Heerstraße nach dem Westen zu sichern, sein Uebergewicht über die Mitte zu vollenden und – wenn erst die Türkei mit ihren mittelländischen Handels- und Kriegshäfen russisch – den Orient zu Land und Meer für immer vom übrigen Europa abzuschließen, dieser letzte Versuch einer Großmacht, den natürlichen Richtungen und Bestimmungen des europäischen Gesammtlebens Bahn und Ziel zugleich zu versperren, hat zum ersten Male der Welt die Stelle gezeigt, an welcher das europäische Staatsleben auf seinem Entwickelungsgang angelangt ist. Das ist die Stelle, von welcher an es künftig unmöglich ist, daß ein Staat Europa’s seine Sonderinteressen auf Kosten des europäischen Gemeinwohls verfolge. Ja so mächtig wirkt jetzt schon der Zug der wahren und ewigen Natur der Dinge, daß er selbst die Pläne und Operationen der Sonderinteressen in seinen Dienst zwang und zu seinem Ziele mit fortriß. Ein paar Worte machen das deutlich, ohne daß wir unseren Lesern die Kriegsgeschichte selbst zu erzählen brauchen. Diese ist ihnen ohnedies aus Hunderten von Zeitschriften, Broschüren und Bildern aller Art bis in’s Einzelste übergenug bekannt.

Nach einem alten Volksglauben, der von der griechischen Kirche still gepflegt und von den Griechen des Halbmonds als Hoffnungsstern verehrt wurde, war dem Osmanenreich in Europa von dem Schicksal eine vierhundertjährige Dauer bestimmt. Diese Frist nahte ihrem Ende. Mit dem Jahre 1853 hatte die Entweihung der Sancta Sophia von Byzanz volle vier Jahrhunderte gewährt. Der Türkenstaat war zum kranken Mann erklärt. Der Volksglaube gewann prophetische Kraft.

Da schlug die erste Stunde des verhängnißvollen Jahrs, Aller Augen blickten empor und sahen, von Staunen verwirrt, vom längst Erwarteten überrascht, die Sturmwolken des Volksglaubens am ganzen türkischen Himmel, die Griechen allenthalben harrend der Erlösung, Bosnien in Aufstand, Montenegro siegreich, ein österreichisches [202] Heer schlagfertig an der Unna und in Konstantinopel zwischen dem Sultan und dem geheizten Dampfer, reisefertig, mit dem Ultimatum in fester Hand, den Grafen Leiningen, Oesterreichs außerordentlichen Botschafter.

Da neigte sich die Pforte; der Himmel ward heller. Diesen Sieg des entschlossenen Oesterreichs hatten zwei Augen in Petersburg gesehen und gewogen. Neben dem alten, nachgiebigen Oesterreich hätte das Schicksalsjahr zum Kinderspott werden können; von einem entschlossenen war zu fürchten, daß auch sein Blick entschlossener die Donau entlang dringen und für die Zukunft des eigenen Reichs natürlichere Grenzen suchen werde. Dieses Periculum in mora drängte zur Eile, das Ableben des kranken Mannes mußte beschleunigt, die Erbschaft in Sicherheit gebracht werden. Der Zaun war da, von dem die Gelegenheit zum Kriege gebrochen werden konnte. An diesem Zaun rüttelte Fürst Mentchikoff so lange, bis endlich der Sultan, mit dem Rücken an die westliche Nachbarwand gelehnt, am 28. September 1853 dem Czaaren den Krieg erklärte.

Und nun geschah, was geschehen mußte, wenn die „organische Gesammtstellung Europa’s“ nicht von Neuem der Zerrüttung der einzelnen und der edelsten Theile überliefert werden sollte. Weil Mitteleuropa, ein Konglomerat von fünfzig großen und kleinen Staaten, der Macht der Einheit ermangelte, um den Kampf gegen den Osten siegreich bestehen zu können, so mußte Westeuropa zum Schwert greifen, um, gestützt auf das neutrale, aber kriegsgerüstete Mitteleuropa, dem Kulturgang Europa’s seine Pforte nach dem Oriente offen zu erhalten. Damit folgte es dem natürlichen Zug der europäischen Bestimmung. Es ist aber Niemandem verborgen, daß England einzig und allein in seinem Vortheil handelte, daß es ihm vor Allem um die vollständige Vernichtung der russischen Seemacht im Süden Europa’s zu thun war, und zwar durchaus nicht zu dem Zwecke, um dem übrigen Europa die Handelswege in den Orient zu öffnen, sondern um seine Alleinherrschaft im Mittelmeer vor dem gefährlichsten Rivalen für alle Zukunft zu sichern. Eben so wenig ist Jemandem verborgen, daß Frankreich noch zwei andere Beweggründe zum Kriege hatte, als den im Riesenschritt der Welt vor Augen gehaltenen; daß in Frankreich abermals eine Zeit gekommen war, wo die oberste Gewalt dafür sorgen mußte, die Gedanken der Nation und die Waffen des Heers in ruhmlockender Weise auswärts zu beschäftigen; und daß Frankreichs Interesse in noch höherem Grade, als das Englands, eine möglichst wenig getheilte Herrschaft im Mittelmeer fordert. Die russische Marine war aber die einzige, welche für den Augenblick der französischen in diesen Gewässern ebenbürtig schien; sie mußte fallen sammt dem Bollwerk, das sie schützen und nach jeder Niederlage neu erzeugen konnte. Und Sardinien? Man wußte es, ehe es in den Turnier Blättern stand, daß die Piemontesen in der Krim ein Stück von Italien zu erobern gedachten. – So haben die Sonderinteressen mit aller Energie der Selbstsucht mitgearbeitet an der Befestigung der naturgemäßen Entwickelungswege des europäischen Staatslebens.

Die Türkei selbst, oder vielmehr der osmanische Herrschersitz in Europa, ist im ganzen Kriege in so fern Nebensache gewesen, als es von Seiten der Westmächte nicht vor Allem Erhaltung des europäisch-türkischen Reichs, [203] sondern vor Allem Vernichtung der russischen Seekriegsmacht im schwarzen Meere galt. Nur deshalb ist nicht Kronstadt, sondern Sebastopol der Knotenpunkt des Kampfs geworden. Während der Norden Mitteleuropa’s durch ein Bündniß Schwedens mit den Weltmächten geschützt wurde, ist der Süden, die Türkei, durch die Entwaffnung Rußlands im schwarzen Meere ebenfalls sicher gestellt worden. Die Türkei im Besitz Rußlands, das war eine Gefahr, so groß als je eine Europa gedroht; die Türkei an sich hebt man, nachdem sie als Markt für Europa geöffnet ist, vor der Hand der Zukunft auf. In den Akten der Diplomatie ist dies zwar anders ausgedrückt, aber zwischen den Zeilen, wo Staatsmänner und Geschichtsforscher das Meiste lesen müssen, steht es genau so. – Auch in dieser Beziehung ist jedoch die naturgemäße Hauptaufgabe des Kampfs gelöst: das osmanische Reich ist aufgeschlossen für Europa; es ist, was es lange hieß, nun wirklich: eine Pforte, – die Pforte, durch welche Europa mit dem Füllhorn der Civilisation seinen Einzug halten soll in Asien, das durch dieselbe Pforte das Schwert der Eroberer nach Europa trug.

Der Krieg selbst bewies auf’s Klarste den Eintritt Europa’s in eine neue Epoche der Geschichte. Kein Blatt der Weltgeschichte nennt uns einen Kampf, der von mächtigeren Staaten und mit mächtigeren Mitteln geführt worden wäre: die Weltmacht England mit den stärksten Kontinentalmächten verbunden gegen die Weltmacht Rußland, die ihre Arme über drei Erdtheile ausbreitet. Hätte in früherer Zeit ein solcher Krieg nicht eine lange Reihe von Jahren gedauert und die meisten Staaten Europa’s mit in seinen Brand gerissen? Dieser Krieg, der an der Donau, im schwarzen Meer, in der Krim, in der Ostsee, in Asien und im stillen Ocean die Waffen Europa’s schwang, endete im zweiten Jahre – durch die Eroberung einer halben Festung, denn von der Nordseite Sebastopols ist seine Fahne nicht gewichen. Auch hier hat die Naturwissenschaft mitgefochten und die Kriegsgräuel abgekürzt; die ungeheueren Zerstörungsmittel der Neuzeit erschöpfen rascher Freund und Feind; denn auch die Sieger athmeten schwer unter der Last ihrer Rüstung. Endlich – das Hauptkennzeichen der neuen Epoche – arbeitete während des ganzen Kriegs unausgesetzt der Friede am Versöhnungswerk, und es ist nicht zu viel behauptet, daß wenige Schwerter des Kriegs je so schwer in die Wagschale fielen, als in diesem Krieg des gerüsteten Oesterreichs Friedensschwert. Mehr als Alles deutet dies auf die Nähe der Zeit, wo ein gewaffneter Fingerzeig der Mächte, die den Frieden wollen, so viel wirkt, als früher blutige Schlachten.

Werfen wir zum Schluß einen Blick auf die Staaten, die am 30. März 1856 den Friedenspakt zu Paris unterzeichnet haben. Preußen stand bei diesem europäischen Vorgange in dritter Linie (durch sein Bündniß mit dem in zweiter Linie des Kampfs stehenden Oesterreich), und es hatte seinem Lande und Deutschland durch beharrliche Neutralität den Frieden erhalten, mußte aber auch die Lehre hinnehmen, daß künftig eine Macht aufhört, Großmacht zu seyn, wenn die Gesammtbeziehungen der übrigen Staaten sich ohne ihren Willen regeln. Neutralität einer Großmacht wird bei jedem Konflikte in Europa eine Unmöglichkeit seyn. – Sardinien ist [204] diesmal mit der Ehre, zwischen den Großmächten gesessen zu haben, davon gekommen; gleichwohl mag seine Theilnahme am Krieg eine Regelung der italienischen Angelegenheiten näher gerückt haben. – Rußland zieht sichtlich seine alten Pläne auf Europa’s Süden und Westen zurück und strebt mit voller Wucht nach Asien vor, um dort seinem bittersten Feind, England, unmittelbar an die Achillesferse zu kommen. – England und Frankreich ziehen betroffen die Hände leise aus einander; die See-Interessen des offenen Orients lassen sich nicht halbiren, es focht jeder für das Ganze, und England pocht hörbar und gegen alle neuparagraphirte Friedensordnung auf sein Monopol im schwarzen Meer. – Die Türkei durchzuckt das Wechselfieber der Politik und des Glaubens in allen Gliedern; ihre Krankheit heilt nur die Zeit. – Oesterreich aber, das zwar am Krieg keinen blutigen Antheil nahm, aber dadurch, daß es bewaffnete Fronte machte gegen Rußland und die Donaufürstenthümer durch starke Besetzung vom Kriegsterrain ausschloß, so wie durch seine rastlosen Vermittelungsvorschläge dem Kriege eine andere Wendung und dem Frieden die anerkannte Richtung und Form gab, hat offenbar von allen Staaten Europa’s aus dieser Urne das beste Loos gezogen. Es ist Herr geworden der ganzen Donau, Herr geworden aller Landwege in die Türkei und rüstet sich mit eben so viel Klugheit als Energie, um den Seeweg sich frei und offen zu erhalten. Schon jetzt steht sein Triest von allen Seehäfen des Mittelmeeres nur Marseille nach, strömen aber einst die Wogen des Mittel- und des rothen Meeres zusammen, so wird Triest, mit den unermeßlichen Reichthümern der Natur und der Industrie Oesterreichs und Deutschlands hinter sich, die erste See- und Handelsstadt im Süden Europa’s, das Seethor nach dem Orient, und es darf dann dankbar die Trümmer von Sebastopol mit einem Strauß seiner Blüthen schmücken, denn der Same der Blume „Menschenglück“, die hier für Tausende vernichtet wurde, ging dort auf für Millionen.

Sebastopol war. Von 40,000 Bewohnern zählt es, nachdem Alles dahin ist, was Waffen trug, Mauern wie Menschen, kaum noch 4000, die zwischen den Schutthaufen der Paläste ihre Wohnstätten aufrichteten. Unser Bild gibt uns die volle Ansicht der Südseite der Stadt und läßt im Hintergrunde die Felsenthore zur Bucht von Balaklawa erkennen, das in diesem Krieg eine wichtige Rolle spielte und das schon Homer preist als einen „trefflichen Port,“

  – – von welchem der Felsen
Rings umher aufstarrend an jeglicher Seite emporsteigt,
Aber die vorgestreckten Geklüfte sich gegeneinander
Vornhin drehn an der Mündung – ein enggeschlossener Eingang; –
– – nie stieg eine Well’ in dem Innern,
Weder groß noch klein. Rings schimmert heitres Gewässer etc.