Paris (Meyer’s Universum)
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PARIS
von der Seine aus
Die Unruhe in der europäischen Staatenuhr, das Herz Europa’s, die Wiege der Revolutionen, die Stadt des Vorausgehens im ewigen Wandel, die Beherrscherin der Mode und feinen Sitte, die Stadt der Städte – dies Alles und noch mehr ist Paris schon genannt worden und zum Theil sogar gewesen. Gegenwärtig ist es die Haupt- und Residenzstadt des Kaiserthums Frankreich. –
Bedeutende Länder und Städte wollen studirt sein wie bedeutende Menschen und Bücher. Leute, denen es Ernst mit diesem Studium ist, beginnen kursorisch: sie durchfliegen, mit der Karte vor den Augen, das Land und seine Geschichte, sie überblicken von einem hohen Punkte aus die Stadt, den Plan derselben in der Hand, sie erforschen äußere Stellung, Physiognomie und Lebenslauf des Menschen, sie durchblättern das Buch, dies Alles, um sich zum statarischen Studium vorzubereiten. Erst dieses führt, nachdem die Ueberschau des Ganzen gewonnen ist, zur Erkenntniß des Einzelnen. Durch das Zusammenfassen des Einzelnen zum Gesammtbilde dringen wir zum Wissen des Inhalts vor, und die Vergleichung des Inhalts mit seiner Bestimmung erhebt uns auf den Standpunkt des Urtheilens: ob das Buch seinen Zweck erreicht, ob des Menschen Anlage und Ausbildung seinem Beruf entspricht, ob die Stadt ihrer Stellung im Lande gerecht wird, und ob das Land seine Mission auf der Erde erfüllt.
Die Leser dieses Werkes haben, Paris gegenüber, das kursorische Studium längst hinter sich und das statarische fast vollendet, soweit dies mit Hülfe eines Buchs möglich ist, daß seine Bilder mit nur wenigen Textesblättern begleiten kann und seine Kolumnen am wenigsten zur bloßen Beschreibung des bildlich Dargestellten verwenden soll. Die Stahlstiche und Artikel, welche der französischen Weltstadt und deren mit ihrem Wesen verwachsenen Umgebung gewidmet sind, würden, vereinigt, allein neun Hefte des Universums ausfüllen. Durch dieselben [4] sind die Leser geführt worden: auf die Juliussäule und in den Louvre (Bd. IX), vor das Rathaus, in den Dom der Notre-Dame und die Kirche Saint Sulpice, auf den Revolutionsplatz, den Kirchhof Père la Chaise und in die Salpetrière (Bd. X), zur Börse, in die Morgue, vor den Triumphbogen de l’Etoile, in die Tuilerien, vor die Napoleonssäule und in die Kirche St. Germain d’Auxerre (Bd. XI), zum Obelisken von Luxor, vor den Palast der Ehrenlegion und in das Opernhaus (Bd. XII), nach St. Germain und Neuilly, vor das Pantheon, nach Versailles und Vincennes, zur Münze, in die Sorbonne und zum Luxemburg-Palast (Bd. XIII), vor die Akademie der schönen Künste, in die Elisée’schen Felder und zum Präsidentschaftspalast, nach St. Cloud und zur Porte St. Denis (Bd. XIV), vor das Hotel des Princes, in den Hof der Tuilerien, in das Innere der Kirche St. Etienne du Mont (Bd. XV) und zuletzt noch zu einer Soirée in den Tuilerien (Bd. XVI); dann durchwandelten wir mit einander die Räume des Industrieausstellungspalastes (Bd. XVIII) und stehen nun mitten über der uralten Seine, auf der Königsbrücke (Pont Royal). Vor uns verbindet die Caroussel-Brücke die Gallerie der Tuilerien mit dem Palais der schönen Künste; jenseits derselben spannen sich die neun gußeisernen Bogen der Brücke der Künste über denStrom, und oberhalb dieser führt Pont neuf vor Heinrichs IV. Reiterbild und zum Justizpalast; ihm zurRechten erheben sich die Thürme von Notre-Dame und über alles Bauwerk der Nothwendigkeit und der Pracht ragt das Pantheon empor mit der mächtigen Kuppel.
Was beginnen wir hier? Die Seine mag eine reiche Geschichte haben, die reichste, soweit Paris sich in ihr spiegelt. Dort preisen sie Tausende als ihre Lebensader, wie sie schon Tausenden zum Grab geworden ist. Aber die Gräber schweigen, am stillsten die tiefen, nassen; und das Leben und Treiben auf dem trägen Flusse ist gegen den hohen Wogenschlag der Geschichte in dem Häusermeere jenseits der Ufer so geringfügig, so verschwindend, daß wir diese „Schlange“ (Squan) der alten Celten, die einst hier hausten, nur als Schmuck im Bilde, nicht als Bild selbst betrachten können. Gehen wir denn in unserem Studium der Stadt einen Schritt weiter und streben nach einem Gesammtbilde von ihr.
Das Pantheon winkt uns zu lockend; wir steigen hinauf auf seine Kuppel. Auf dieser Höhe, 480 Fuß über dem Spiegel der Seine, legt sich das umfassendste Rundgemälde der Stadt und ihrer Umgebung nach allen Seiten vor uns hin und tritt die in den Bauwerken ausgeprägte Eigenthümlichkeit des verschiedenen Lebens in den einzelnen Gliedmaßen des Riesen uns mit überraschender Klarheit vor das Auge. Wir freuen uns eines schönen Abends; die Luft ist rein. Die Seine spielt mit blitzenden Lichtern, so oft sie zwischen den Mauern und Häusern, Brücken und Bäumen hindurch zu uns herausblicken kann. Das Irrgewinde der Straßen zeigt sich uns in scharfen Zügen, das Durcheinanderlaufen wie das Ausgreifen in verschwimmende Ferne, und die Höhen ringsum [5] heben sich in sanften Linien vom Horizonte ab und ziehen ihren großen Kreis um uns als bläulich dämmernder Kranz.
Paris ist der Extrakt von Frankreich, nicht bloß in geistiger und finanzieller Beziehung; auch die äußere Erscheinung Frankreichs findet sich in Paris in verjüngtem Maßstabe wieder. Denn wie, nach Rosenkranz’ sinniger Darstellung, Frankreich als das von der Natur am meisten abgerundete Land, als das Land vor uns steht, welches mit einer festen, in sich abgeschlossenen Einheit zugleich die größtmöglichste Fähigkeit zur Verbindung nach außen verknüpft, so erkennen wir als die Grundgestalt von Paris einen Kreis, dessen Durchmesser ein Fluß und dessen Umfang eine Hügelkette ist. Von dieser äußersten Peripherie, jenen lieblichen Höhen mit der reizenden Abwechselung von Schlössern und Landhäusern, kleinen Ortschaften und Mühlen, Wäldchen und Gärten, schlagen immer engere Kreiswellen rückwärts zu einem gemeinsamen Mittelpunkt. Den zweiten Kreis bildet der Festungsgürtel mit den sechzehn schwer gefaßten Edelsteinen desselben, den detachirten Forts. Auch sie erschrecken nicht mit dem finsteren Umsichgrollen mittelalterlicher Zwingburgen, sondern blicken hell und heiter herüber, diese Wölfe im Kleide der Unschuld. Näher rückt uns der Kranz der Mauer, welche die zahlreichen Vorstädte umschließt und an welcher die äußeren Boulevards sich hinziehen mit ihren immer vollen Weinschenken zwischen Friedhöfen und Schlachthäusern. Den nächsten Kreis bilden die Prachtstraßen der inneren Boulevards, und den kleinsten Ring könnte man in dem Palästegürtel der Tuilerien und des Louvres mit ihren Gallerien erkennen, mit dem Carousselplatze als Mittelpunkt, wenn nicht das Palais Royal den Vorzug verdiente, weil dort der Glanz des Bürgerlebens die längste Zeit seinen Mittelpunkt hatte.
Diese Scheibe von Kreisen ist durchschnitten nach allen Spitzen der Windrose hin durch die Verkehrslinien, die der Mensch zog. Staats- und Landstraßen, Kanäle und Eisenbahnen gehen und laufen, rennen und jagen von allen Straßenenden der Stadtmauern hinaus ins Weite, oder stürmen herein, wie Du willst, lieber Leser; das Bild unbändigster Rastlosigkeit wird hier selbst von der Nacht nicht verwischt.
Zwischen diesem am Geist und am Herzen zehrenden Gewühl des Spielzeugs ihrer großen und kleinen, guten und bösen, armen und reichen pariser Kinder wandelt die Seine wie eine beruhigende Mutter hin. Ein schiffbarer Strom ist mit all’ dem Drängen und Treiben auf ihm eine würdigere Erscheinung, als eine Straße, sei sie von Holz oder Erde, Stein oder Eisen. Diese geht nicht selbst, es geht nur auf ihr hin und her. Der Strom verfolgt sein eigenes Ziel. Er duldet und unterstützt den Menschen, er lehrt ihm Muth und Vorsicht, und er bestraft ihn und begräbt ihn gelegentlich; er verbindet und vereint, was an beiden Ufern gemeinsam und sich unentbehrlich ist, und er trennt, wie die unübersteiglichste Mauer, Alles, was nicht zusammen gehört, und sichert Jedem den Raum zur eigenen Entwickelung. Gerade davon legt die Seine hier das glänzendste Zeugniß ab. [6] Sie ist es, die das große der Welt als vollendete Einheit erscheinende Paris in drei Städte theilt von vollendeter Charakterverschiedenheit.
Die Herren vom pariser Rathhaus haben die Stadt sammt Inseln und Vorstädten nach und nach in zwölf Arrondissements geschieden; die Seine und das Volk blieben bei jener Dreitheilung. Das Volk benannte das Paris auf der Südseite des Stroms: l’Université und sprach von einem Quartier latin (dem lateinischen Stadtviertel) mit Ehrfurcht. Diese südliche Stadt umfaßt seit Jahrhunderten alle großen wissenschaftlichen Anstalten Frankreichs und die Pflegestätten der Künste, die stilleren Hallen des Verdienstes und Ruhms und die lautlosen des ewigen Friedens. Dort sehen wir die alte theologische Hochschule der Sorbonne, die Schulen des Rechts, der Medicin, der Pharmacie und der Chirurgie, die Sternwarte hebt dort zur Linken ihren Altan über die Dächerreihen empor, hinter uns breitet der botanische Garten seine duftenden Beete und Glashäuser aus, die Thürme von St. Sulpice zeigen uns die Stätte des Priester-Seminars an, die Kriegsschule, das Institut von Frankreich, alle Gymnasien schmücken diese Straßen, die Akademie der schönen Künste blickt dort in die Seine, in entgegengesetzter Richtung die Manufaktur der Gobelins zu den Höhen von Gentilly hinüber, und neben uns pflegt die Polytechnische Schule die höheren Blüthen der Gewerbe. Auch der Staat hat seinen Berathern hieher das Haus gebaut: im Palais Bourbon fanden die Deputirten ihre Kammer. Neben der Kriegsschule wölbt sich die Kuppel des Invalidendoms empor, dort freut sich das Alter seiner Ehre als Wacht am Feldherrnsarge in der Gruft. Wie für das hinfällige Alter sind hier die Schutz- und Pflegehallen für die körperlich und geistig Leidenden, die großen Hospitaler, die Charité, das Militärhospital Val de Grace und die Verpflegungsanstalt der Salpetrière. In diesem Kreise der Zurückgezogenheit der Wissenschaft und Kunst, der beschaulichen Erinnerung des bewegten Lebens und der genährten Hoffnung Hinsiechender hat auch die glänzende, aber seit langer Zeit mit der Gegenwart schmollende Aristokratie des legitimen Königthums ihre Heimstätte, wie das strenge Katholikenthum seine eifrigsten Diener und Dienerinnen in den Kirchen und Klöstern. Sie Alle aber beten und singen über einer Gruft, deren ewiger Tod auch die Stadt der Lebenden über sich mit einem Hauch seines Ernstes zu durchwehen scheint: die Katakomben beherbergen drunten ihre drei Millionen Gerippe, und über dem Riesengrabe und über die Wohnungen der Lebenden hinaus ragt das große Denkmal Frankreichs für seine großen Todten, das Pantheon, auf dem wir stehen, vom Abendrothe glühend in den Himmel. – Ueberschaue noch einmal dieses Dächerhalbrund im Süden der Seine und werfe einen vergleichenden Blick nach der Stadt des anderen Ufers hinüber, so bemerkst Du endlich, daß Du hier in der Stadt der Thurmkuppeln und Heiligenbilder bist, in der Stadt, wo die Erinnerungen die Hemmschuhe des Fortschritts sind, die selbst das räumliche Wachsthum derselben aufzuhalten scheinen, – während das Paris im Norden der Seine Dir keinen einzigen Kuppelthurm zeigt, Bildsäulen von Fürsten und [7] Staatsmännern, Feldherren und Dichtern, Gelehrten und Künstlern auf den öffentlichen Plätzen vor dem Volke stehen, die freie Säule weltlichen Ruhms und das prunkende Triumphthor das Emporragendste ist und statt des Hemmschuhs – der Dampf am Wachsthum der Stadt arbeitet.
Die pariser Nordstadt ist die Hauptstadt des französischen Lebens; das Volk nennt sie nur „die Stadt“ (la Ville). Hier ist das Paris, welches einen großen Theil der Geschichte von Frankreich gemacht hat, hier stehen die Paläste, die mit den Strahlen ihres Glanzes ganz Europa blendeten. Blicke hin: dort der Louvre, den einst der Kunstraub mit den Schätzen Europa’s gefüllt hatte, die Tuilerien, in denen so oft die Rollen für die Tragöden und Komödianten auf der Bühne der Weltgeschichte vertheilt wurden, und dahinter der blutgedüngte Tuileriengarten. Weiter der Eintrachtsplatz, auf welchen der Obelisk von Luxor fremd und theilnahmlos blickt, und die Elisée’schen Felder, beides unvergleichliche Arenen der Revolution, die einst von da herüberzog zur zitternden Südseite der Stadt, auf dem Marsfeld – am 14. Juli 1790 – noch reine menschliche Thränen vergoß, als die Königin dem freien Volke das Kind zeigte, die Königin, die auf dem Karren zum Fallbeil fuhr, und das Kind, von dem die Geschichte nichts mehr kennt, als die Zahl seines Namens in der Königsreihe. Dieselbe Revolution machte den Palast Luxemburg, jenes berühmte Bauwerk der Maria von Medicis, des guten Heinrichs IV. schlimmer Gemahlin, zu einem „Reservoir der Guillotine“. Ueber die „Brücke von Jena“ kehren wir zurück nach Nord-Paris, unwillkürlich zurückblickend nach der Kuppel des Invaliden-Hotels. Der dort als Kaiser ruht, war ein Kind der Revolution und liegt in deren Wiege: mit den Gewehren und Kanonen, die es hier fand, stürmte das Volk die Bastille. Des Löwen Zeichen stehen überall mitten unter denen der Revolutionen. Vom Triumphbogen am Thore nach Neuilly und an der Vendomesäule vorüber führt das Auge uns zu jenem Palast, dessen Geschichte in der Reihe seiner wechselnden Namen zu lesen ist: Palais Cardinal, Palais Royal, Palais Egalité, Palais du Tribunat, abermals Palais Royal, dann Palais national, dann? – Karl X. war es, der, „auf einem Vulkane tanzend“, dort „Schönes Wetter für seine Flotte von Algier“ wünschte. Des Dey’s und sein Thron stürzten noch im selben Monate. Dort winkt über die Dächerreihen herüber eine Flagge. Sie flattert auf der Zinne der Börse, die auch ihr Licht von oben erhält. Weiter die Post, die Post einer Weltstadt! Wie unermeßlich nur allein der Gedankenverkehr in diesem Haupte eines Reichs! Dort ragt eine Säule in der Nähe der Seine empor: die Palmensäule, und kaum tausend Schritte der Seine entlang aufwärts erkennst Du das eigentlichste Revolutionsgebäude der Welt, das Stadthaus, in dessen Räumen Feuer und Rauch der Politik stets zuerst ein- und auszogen bei jedem Staatsbrande seit Ludwig XVI., und in dessen Schatten der Grèveplatz, der Boden der Guillotinenarbeit in Frankreichs schrecklichsten Tagen, das Blut von Tausenden einsog. Drüben vom äußersten Osten der Stadt, aus der Vorstadt St. Antoine, kamen die Schaaren mit den zerrissenen Kitteln und schwieligen Fäusten, die für Sieg [8] und Schmach der Revolutionen dieselbe Gewalt darthaten. Zwischen beiden trotzte die Bastille dem Recht und dem Volke. Jetzt birgt die Stätte ein großes Grab, und darüber errichteten sie ein Denkmal, den Leichenstein der Revolution, jene Juliussäule, auf welcher der Genius der Freiheit auf Einem Beine steht. Lauter geschichtlicher Hintergrund, und wieviel sehen wir nicht, und wieviel wollen wir nicht sehen! – Diese Nordstadt von Paris wird durch die Lebensverschiedenheit der Menschen von selbst getheilt in eine östliche und westliche Hälfte. Die westliche breitet sich aus zwischen den Tuilerien und den Straßen nach den Schlössern von Neuilly und St. Cloud hin, die östliche zwischen dem Stadthaus und den Gefängnissen von Vincennes und reicht bis hinauf zum Temple, wo die Geschichte von der lebendigen Verbrennung edler Ritter (1314) und den Thränen „hoher“ Gefangener erzählt. Dort entfaltet sich der Glanz der vornehmen Welt, hier ist vorzugsweise der Sitz des Volks, hauptsächlich der Bourgeoisie von Geld, Kredit und Einfluß; das Proletariat wohnt überall, denn es ist nirgends entbehrlich. Verbunden werden beide Theile durch die köstlichen Boulevards, welche jedes Parisers Stolz und Freude sind. Hier pulsirt das Blut eines Riesen. Hier rennt, rasselt, prunkt, treibt, lacht und lebt Alles; Gasthäuser, Theater, Bazare, Springbrunnen, Wagen, Rosse, um Alles schlingt das Menschendurcheinander sein endloses Netz; hier ärgert sich der Tag, daß es Nacht, und die Nacht, daß es Tag wird. Und oft hat das eine das andere zu beweinen. Im Centrum zwischen Ost und West herrscht auch hier der Mammon, dessen Thron in der Börse steht; und zwischen den Tuilerien und dem Rathaus bildet einen Mittelpunkt die Kirche St. Germain l’Auxerrois mit jener Glocke, welche das Zeichen zur Bartholomäusnacht gab.
Die Dämmerung sinkt tiefer. Eilen wir zu der Seine drittem Stadttheil: zur Cité, der Inselstadt in der Mitte des Stroms und beider Parise des Nordens und Südens. Hätte ein Weiser den Plan des heutiger Paris vorgezeichnet, sinniger konnte er Das, was Nationen und Familien stützt und weiht, nicht als herrschenden Mittelpunkt hinstellen: den Glauben und das Recht. Die ehrwürdige Notre-Dame und der alte Justiz-Palast sind die Hauptgebäude der Cité. Aber unentweiht ist in Paris nichts, was der Sündfluth des Zeitstroms erreichbar war: im Justizpalast hielt das Revolutionstribunal sein Blutgericht, und auf dem Hochaltar der Notre-Dame ließ die Göttin der Vernunft sich anbeten. Ist doch sogar das Straßenpflaster hier zum Geschichtemachen mißbraucht worden, bis Mac Adam es endlich entwaffnen half.
Die Nacht stieg vom Himmel, in die Straßen steigt aus der Dämmerung der Tag; 5000 Gaslampen werfen ihre Strahlen auf die wogenden Plätze und auf die lachenden Häuserreihen; sie funkeln an den Prachtkarossen und spielen auf den Wellen des Stroms, sie helfen dem Bettler sein Almosen mustern und dem Schurken seinen Raub; sie leuchten der Liebe und der Barmherzigkeit, dem Fleiße und der tobenden Lust, dem Jammer und dem Verbrechen; so ist’s wohl überall, aber es imponirt von alle diesem die Masse in solch einer Stadt.
[9] Sind wir begeistert von dem ungeheueren Bilde, das vom Pantheon aus diese Stadt uns zeigt, erfüllen die, so weit unser Auge reicht, ragenden Häuserreihen uns mit Bewunderung vor dem Großen, das die Ameisenhaufen von Menschen im Verlaufe von Jahrhunderten zusammentragen können, so erscheinen die Menschen selbst doch gar klein! Wie sie da unten wimmeln und zappeln! Wie es durcheinander krappelt, das kleine Volk, das sich die große Nation nennt! Und werfen oft so lange Schatten, diese kleinen Leute! Nein, auf Menschen, Bevölkerungen, Völker sollte man nicht von solcher Höhe hinabblicken. Es haben’s Millionen zu büßen, daß dies so oft geschehen ist. Steigen wir hinunter nach Paris, um Frankreich näher zu kommen.
Dieses Paris, sagen sie, sei – Frankreich. Die Redensart ist so alt, als der Cäsarismus auf dem französischen Thron, also ungefähr dreihundert Jahre. Denn so lange ist es her, daß die germanischen Elemente im französischen Staatsleben vernichtet worden sind, um die einheitliche Staatsmacht zu begründen. Die höchste Blüthe dieses Cäsarismus war jenes „L’état c’est Moi“! sie verwelkte mit dem „Tête – armée!“ in Napoleons letztem Seufzer. Die Ausgangspforte des Cäsarismus trägt die Ueberschrift: „L’Empire c’est la paix“. Von dem Augenblicke an, wo Frankreich seine bisherige größte Macht: die Verbindung der kriegerischen Ruhmbegierde mit der Nationalität und der Staatseinheit aufgeben muß, wo es, von dem Felde der Schlachten auf das der Industrie gedrängt, in friedsamem Fleiß und Arbeitsbeharrlichkeit wettkämpfen soll mit seinen Nachbarn, ist sein bisheriges Uebergewicht auf dem europäischen Festlande im Sinken begriffen, ist des Cäsarismus festester Halt, die Uebereinstimmung des Nationalgeistes mit seinen Handlungen, unsicher, ist Frankreich nachdenklich geworden und Paris nicht mehr Frankreich. Diese Erscheinung ist für die Entwickelungsgeschichte des europäischen Festlands von außerordentlicher Wichtigkeit; am wichtigsten aber ist sie für Deutschland. Ihre Betrachtung zwingt uns, von den dicken schweren Prozeßakten in Sachen Deutschlands contra Frankreich wenigstens das Inhaltsverzeichniß zu durchblättern.
Nach drei Seiten hat Frankreich von der Natur gezogene Grenzen: die Pyrenäen und die Meere; auf der vierten Seite fließt der Rhein, den Frankreich seine Grenze, Deutschland seinen Strom nennt. Es galt aber nicht dieser Grenze und diesem Strome der lange Kampf zwischen beiden Reichen, sondern für Frankreich galt es, als es zur erobernden Macht geworden war, nach dieser ihm einzig offenen Seite hin die Herrschaft über Europa zu erringen, die auch von der Mitte des 16. Jahrhunderts an vom deutschen auf das französische Reich überging. Das geschah für beide Nationen um einen hohen Preis. Frankreich war, nach G. Diezel[1], dessen gediegenen [10] Gedanken wir uns hier anschließen, noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts ein schön gegliedertes, organisch verbundenes Ganze mit Freiheit und Autonomie der Theile, mit natürlich verwachsenen, starken und lebenskräftigen Organen der Verwaltung und Rechtspflege. Es war ein von germanischen Ordnungen durchzogenes Frankreich. Vor diesem Frankreich war Deutschlands Selbstständigkeit sicher. Da begann jener doppelte Kampf gegen das Germanenthum: der im Innern, dessen Sieg das Ende der französischen Volksfreiheit war, und der nach außen, welcher Deutschland seine einst höchste staatliche Macht in Europa kostete. Frankreich gab seine inneren Freiheiten preis und stellte sich unbedingt seinen Machthabern zur Verfügung, und der Deutsche ward von seinem nationalen Mittelpunkt abgelöst und daran gewöhnt, in einem nach fremden Principien regierten und um eine fremde Sonne sich drehenden Bruchtheile seinen Mittelpunkt zu finden: die Franzosen wurden eine äußerliche, oberflächliche, unfreie Nation, und die Deutschen ein zersplittertes, philisterhaftes, im großen Leben nur auf geistige Arbeit und Beschäftigung beschränktes Volk, dessen religiöser Zwiespalt am eifrigsten vom französischen Cäsarismus benutzt wurde, um das Fürstenthum in Deutschland gegen die deutsche Reichseinheit zu hetzen und, getragen und gehoben von der deutschen Uneinigkeit, Deutschland immer mehr zu zerreißen und zu unterjochen.
Wir sehen: nur Deutschlands politische Nullität war die Bedingung für die Lösung der Aufgabe, für welche das französische Volk fortan einzig herangebildet wurde. Unfähig und entwöhnt jeder Selbstregierung, nur auf das Aeußerliche gerichtet, erkannte es endlich seinen Beruf darin, als Sieger fremde Länder zu durchziehen, Provinzen auszusaugen, vorübergehende glänzende Erfolge zu erringen und, selbst nach den erschütterndsten revolutionären Unterbrechungen dieses Nationalzugs, stets wieder auf den nach innen nivellirenden, d. h. eine allgemeine Gleichheit nicht etwa vor dem Gesetz, sondern der politischen Recht- und Machtlosigkeit Aller unter der höchsten Gewalt anstrebenden, nach außen aber herrschenden Cäsarismus zurückzukommen. Je mehr aber dieses vom Wege seiner Bestimmung, die ihm eine Regeneration der romanischen Völker zur Pflicht gemacht hätte, abgeirrte Frankreich dem wesentlich germanischen Europa gegenüber die ganz antike Eroberung und Ausbeutung und die Weltherrschaft des römischen Kaiserthums noch einmal zur Geltung zu bringen suchte, desto fester hielt das deutsche Volk am germanischen Kern. Es konnten Stücke von Deutschland abgerissen, es konnte das ganze Staatsleben zerstückelt und machtlos werden, aber erobern, in ihrer nationalen Existenz vernichten konnte man die Deutschen nicht. Gerade die Thatsache, daß die Großen in Deutschland, die Glieder des der Reichseinheit widerstrebenden Fürstenthums, von Macht und Glanz des Franzosenthums, das an deren Selbstsucht den einzigen sicheren Halt hatte, geblendet und beherrscht, mit all’ ihrem Einfluß auf das Volk dessen Deutschthum nicht erschüttern konnten, ist ein wohlthuender Beweis, daß die Deutschen individuell, was eigentliche menschliche Tüchtigkeit betrifft, sich getrost den Franzosen überlegen fühlen dürfen. Denn diesen kam auf ihren Eroberungszügen ein [11] französisches Inland in Deutschland stets auf halbem Wege entgegen, um sich mit den Ehrenzeichen französischer Siege das Anrecht auf Fetzen vom deutschen Reich zu erkämpfen; – was mußte, nach menschlicher Einsicht, nicht ihnen gelingen, hätten sie die moralische und politische Ueberlegenheit der Römer als Volk über die Deutschen gehabt, und wären die Deutschen nicht stets besser gewesen, als ihr Schicksal! In der Schule desselben mußten’s die Deutschen erfahren, wie jene omnipotente Staatsgewalt nach außen wirthschaftete, wie sie planmäßig die gegenseitige Zerfleischung der deutschen Volksstämme beförderte, und wie sie Deutschland verwüstete, um auf seinem materiellen und politischen Ruine ihre Herrschaft über Europa aufzubauen!
Hatte Frankreichs Cäsarismus an sich unsägliches Unheil über Deutschland gebracht, so ward für das deutsche Volk noch verhängnißvoller das revolutionäre Frankreich mit seiner blutigen Vernichtung des alten Königthums und dem Dogma der Volkssouveränetät. Es erfüllte die deutschen Fürsten mit der Furcht vor der Revolution und stellte sie ihren eigenen Völkern gegenüber, in denen sie selbst durch ihr Liebäugeln mit dem französischen Cäsarismus längst eine nationale Mißstimmung erregt hatten. Sie suchten Schutz gegen die Gefahren der Revolutionen, die von frechen Händen an die Wand gemalt wurden, und fanden Schutz gegen Frankreich nur im Cäsarismus und gegen das Inland nur in der politischen Zionswacht von Rußland. So ward Deutschland von Ost und West her politisch beschützt und geleitet, während vom Süden die religiöse Macht am vielgliederigen Bau des Bundesstaats rüttelte und vom Norden her der Brite die deutschen Werkstätten und Märkte öffnete oder schloß, je nach den Beweggründen seiner Politik.
Das war abermals eine schwere Zeit für Jeden, dem ein Herz für des Vaterlandes Ehre und Heil im Busen schlug. Da kamen plötzlich für Deutschland die Tage der Enttäuschung; es gehörte eine heftige Erschütterung dazu, um dem Alpdrücken ein Ende zu machen. Das Jahr 1848 lieferte nämlich den Beweis, daß gegen Revolutionen weder der französische noch der russische Cäsarismus Schutz gewähre; es lieferte den Beweis, daß von dem mit sechzehn Zwingburgen umgebenen Paris aus Wien und Berlin und ein halbes Dutzend anderer deutscher Residenzen in Brand gesteckt werden können, ohne daß es Rußland möglich ist, zu rechter Zeit zu löschen. Beide Schutzmächte haben die Rüstung des Vertrauens für Deutschland verloren, und eine wunderbare, fast schon unglaublich gewordene politische Nothwendigkeit scheint endlich für Deutschland das Nothwendigste herbeiführen zu wollen: eine nationale Politik. Die Grundlagen dafür sind gewonnen. Der französische Cäsarismus hat keine Macht mehr über Deutschland, das keinen andern mehr zu fürchten braucht. Die allgemeine politische Lage Europa’s schützt uns gegen seine materielle Macht, Deutschland kann nicht wieder zum Schauplatz eines europäischen Kriegs werden und sieht dadurch eine ununterbrochene geistige und materielle Entwickelung vielleicht auf Jahrzehnte für sich gesichert. Aber auch die moralische Macht Frankreichs über uns ist gebrochen: die letzte französische Revolution [12] lief im Angesicht von Europa auf Klassenkampf und Despotismus aus, und damit ist zerronnen der Zauber; den Frankreich so lange auf die Geister Deutschlands ausgeübt hatte. Ueber den Gegensatz, in welchem deutsches und französisches Wesen, folglich auch deutsche und französische Politik stehen, sind alle Klassen und Richtungen in Deutschland zur Erkenntniß gekommen; eine solche Erkenntniß bildet die unerläßliche Grundlage jeder nationalen Politik, und diese Erkenntniß, diese Abgrenzung unserer Nationalität gegen Westen, verdanken wir dem neuesten französischen Cäsarismus.
Dieser aber ist wiederum ein Werk der Nothwendigkeit. Er bezeichnet, sagt Diezel, den Punkt, wo eine Nation, Jahrhunderte hindurch in einer Richtung fortgetrieben, sich an einem Abgrunde erblickt, in den sie sich, dem gewaltigen Zuge ihrer Vergangenheit folgend, stürzen müßte, wenn nicht eine kräftige Hand, sie vor sich selbst schützend, gewaltsam sie zur Umkehr zwänge. Der kriegs- und beutelustige französisch-nationale Geist ist in die besitzlosen Klassen gefahren: derselbe Geist, von welchem der frühere Cäsarismus getragen wurde, wird jetzt von diesem bekämpft; alle Klassen müssen niedergehalten werden, um sie vor gegenseitiger Zerfleischung zu schützen; und indem die Staatsgewalt gezwungen ist, nationalen Leidenschaften, Vorurtheilen, ja der ganzen Geschichte der französischen Nation sich entgegenzustellen, wird sie selbst antinational. Antinational ist es, die Größe und Bedeutung Frankreichs auf Arbeit und Produktion gründen zu wollen, antinational ist es, sich einem höheren Ganzen, den Gesammtinteressen Europa’s, unterzuordnen, antinational ist es, mit England im Bündniß zu leben, die Rheingrenze unbehelligt zu lassen und die Italiener nicht durch ein geschicktes Eingehen auf ihre thörichten Leidenschaften zu betrügen, antinational endlich im höchsten Grade ist es, sogar an dem Dogma zu rütteln, in welchem sich in Frankreich alle Klassen und alle Meinungen begegnen, daß die Staatsmacht die Aufgabe und die Verpflichtung habe, dem Einzelnen Reichthum und Erwerb zu vermitteln. Kurz, es ist ein antinationaler, antifranzösischer, anticäsarischer Cäsarismus, die merkwürdigste Erscheinung, welche die Geschichte bis jetzt hervorgebracht hat. – Die Nothwendigkeit, die ihn schuf, hält ihn aufrecht, und wir Leute in Deutschland, ungewohnterweise einmal nur unser nationales Interesse im Auge, wünschen ihm und seinem Empire de la paix eine recht lange Dauer! – Sei friedsam und fleißig, liebes Paris, arbeite für den Luxus und handele mit Papieren, ehre unsere Freude und freue dich deiner Ehre! Auch Mutter Seine rauscht ihren Wunsch um Ruhe herauf; sie will schlafen gehen. Gute Nacht, Paris!