Gott Wezels Zuchtruthe des Menschengeschlechts (Zweytes Bändchen)
[Ξ]
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[1]Indeß Herrmann und Hinderlich über die Freyheit debattirten, verließ Louise das Zimmer. Sie liebte keine Zwiste, sondern war eine Freundin von jenen Szenen, die im Stillen angefangen und heiter beschlossen werden. Daher paßte sie nicht in einen Zirkel, [2] wo, wie es schien, nur Bellona den Zwist endet. Sie dachte sich immer in die guten Zeiten des Geßners, die in desselben Idyllenpostille ihre Realität und Wesenheit haben, lebte und webte mit dem lieblichen Arkadier des aufgeklärten Jahrhunderts, liebte die Schäflein und weidete Lämmlein, flocht ideale Kränze und hieng selbige ihren Zicklein, wie ihren Schäflein um den alabasternen Hals.
O! wie war sie seelig, wenn sie mit solchen angenehmen Ideen sich in Schlaf wiegen konnte; da flötete sie am kühlenden Bächlein und spielte [3] mit den plätschernden Najaden; jetzt flog sie auf den kühnen Schwingen der Phantasie, in Nebelschleier gehüllt, der Sonne entgegen; jetzt mit des Sturmes schnellen Rädern zu mitternächtlichen Schatten; jetzt mit der liederreichen Philomele an die Brust eines schüchtern erröthenden Mädchens.
Also wir standen beym Hinausgehen unserer guten Louise. Nachdem diese hinweg war, traten unser rechtlicher Defendent einer natürlichen Freyheit, (unser logischer Held hat, Dank sey der Dam’ Philosophey, unendliche natürliche Freyheiten herausgeklügelt [4] und wir, der Auktor, sind festiglich überzeugt, unsere schönen Leserinnen und aufgeklärten Leser werden uns die Verkündigung dieser wichtigen, Heil und Seegen bringenden Wahrheit großen Dank wissen; denn nun dürfen Sie ja nur (glückliche, güldene, paradießische Zeiten! dreymal großer Herrmann Klaus; du bist mehr als alle neufränkischen Konstitutionen, höher als der erste Konsul Buonaparte!! Du bist mit einem Worte der Hersteller, der Vater der unendlichen Freyheiten) mit einer Nadel in die azurne Luft stechen, um ein feines, artiges Freyheitchen, gleich einer Mücke, [5] anzuspiesen, aus solchen ein Seelenragout fertigen und alsdann flugs und fröhlich hinterschlingen.)
Also: nun traten der rechtliche Defendent, sein skeptischer Opponent, Herrmann der Große, genannt Klaus und dessen ehrwürdiger Präceptor, unser dickbelobter Magister und Pastor in einen Zirkel und fiengen an zu agiren.
Der Magister fuhr im Kreise umher und während er seine starken Arme schwang, begann auch der Donner seines rednerischen Mundes.
[6] Der Rechtliche, als er diese rührende Szene mit seinen leiblichen Augen und Ohren vernahm, gerieth in eine unaussprechliche Verzückung, ein elektrischer und galvanischer Spiritus durchbebte sein Nehprensystem, (wir, Homer der Zweite, lieben die Gräzität,) und was geschah? Antwort: Sogleich drehte er sich auf seinen Fußzehen herum, (fast eben so gut, wie ein junger Herr von Welt,) als ob er das magische Horn Sr. elfischen Majestät gehöret; ferner machte sein praktisches Haupt so viel und mancherley Deskartesische Wirbel, daß ein Uneingeweihter leicht auf den schrecklichen [7] Verdacht hätte kommen können, es spuke in seinem Oberstübchen.
Unser Herrmann machte bey diesem auferbaulichen, kunst- und gehaltvollen Ballet den aufmerksamen Zuschauer. Kaum aber hatte der juristische Praktikus seine meisterhafte Rolle ausgespielt, so brachte der Heros dieser vortrefflichen, unsterblichen Geschichte, ein zweyter Archimed, einen Stab herbey, zeichnete mit demselben ein geheimnißvolles Trigonon und befahl dem Herrn Magister hineinzutreten. Dieser gehorchte und nun folgte auch [8] sein akademischer Freund, wie der Schatten dem Körper.
Nun stellte man sich in Ordnung, wobey der Rechtliche, ob seines zwiefachen, totalen Verlustes, so heroische Fratzen machte, als der weltberühmte Herakles auf dem Berge Oeta und glich, ob er gleich die Klausische Hydra nicht hatte bändigen können, wenigstens insofern diesem Abentheurer Ben Hargem, (Sohn des Donnerers.)
Jetzt brachte der skeptische Vorfechter noch zwey Stäbe, gab jedem seiner studirten Kommilitonen, einen [9] und gebot, alles pünktlich nachzumachen, was er vormachen werde.
Herr Hinderlich fragte zu verschiedenen Malen, was das zu bedeuten habe? warum Klaus ihm einen Stock gebracht und wollte erst wissen, wie er sich zu verhalten habe, bevor er das Exercitium nachmachte, welches Herrmann im Begriffe war die beyden Männer zu lehren?
Nachdem der praktische Jurist hörte, daß die Sache zu weiter nichts diene, als sich den Magen zu bessern, den Unterleib in Thätigkeit zu setzen [10] und eine geschwindere Verdauung herbeyzuführen, wollte er nichts damit zu thun haben. Allein der kluge Jüngling sagte, daß er nach dieser Uebung den Hinderlich etwas lehren wolle, woran er sein Lebelang Freude haben würde.
Das Gefecht nahm seinen Anfang. Der Magister machte einige Gänge mit dem knotigen Stabe, schlug dem Hinderlich sein spanisches Rohr aus der Hand und als dieser darnach griff, es aufheben wollte und im Begriffe stand die Aktion von neuem zu beginnen, bekam er unversehens am Kopfe [11] eine kleine Berührung, fühlte sich erleichtert und sah nach wenig Augenblicken seine Parücke hangend am Stäblein des Herrmanns, der sich über diesen Streich nicht genug gaudiren konnte.
Indeß der Kampf gieng fort, die Parücke wurde einstweilen aufs Kanapee gelegt und die Holzrapiere ergriffen. Im zweyten Gange hohlte Hinderlich zu weit aus, fuhr nicht in gerader Richtung auf seinen Gegner los und da der Magister sehr langsam im Stoßen war, bekam er den Stab des praktischen Juristen zwischen seine [12] Beine, fieng an sich zu verküppeln, gerieth in Ungleichheit und sank ausgestreckt, wie er war, in den Kreis.
Herrmann sprang unverzüglich herzu, um ihn zu retten, aber, wie es der Packan, der in der Ecke lag, sah, sprang er auf, fiel den Hinderlich an und zauste ihm seinen Rock so jämmerlich, daß dieser edle Mann in der Folge sechs ganzer Batzen für die Reparatur zahlen mußte.
Dem Magister war weiter nichts geschehen, als daß er sich das Knie aufgefallen und seinen Parückenbeutel, [13] welcher zu stark mit Mehl gefüllt, verlohren hatte.
Unterdeß, daß der ehrwürdige Dorfprediger am Boden lag, drangen Herrmann und Hinderlich aufeinander ein, kamen allmählig in Hitze, verlohren ihre Selbstständigkeit und da sie mit den Stöcken nichts ausrichten konnten, nahmen sie sich in Liebe und Eintracht die Kamisöler, baxten auf ihre Wahrheit und hätten in tolle Händel gerathen können, wenn nicht die ehrliche Hälfte des theuren Klaus der Thüre hereingestolpert und ihrem [14] Söhnlein zugerufen hätte, Herrmännchen was giebt’s?
Alsbald fiel den beyden ein, wie weit sie gegangen, sie sanken in sich und nachdem sie wieder zum Bewußtseyn gekommen, gaben sie sich brüderlich die Hände, baten beyderseits um Verzeihung und drückten sich. Die liebliche Tochter der Natur, welche in der Klausin bisher ist beschrieben worden, rief ihrem Jüngling eine Sache ins Gedächtniß, die er beynahe ganz vergessen gehabt. Sie sagte, weißt du nicht, o Söhnchen, daß wichtige Geschäfte deiner warten, sollst du nicht [15] zu einem Rathe werden und bey aller dieser Honorität vergißt du doch diese Sache.
Dem Herrmann fiel’s wie ein plötzliches Donnerwetter bey, welches lange im Westen gelauert, endlich sich zusammengezogen und auf den Flügeln des Aeols getragen, nun einherbraußt, – daß er durch die Maitresse des Fürsten Bullenbeißerrath geworden.
Als die Frau Klausin noch im vollen Gespräche war, kam Louise und ihre Freundin Amalie, um Abschied beym Pfarrer zu nehmen und weiter [16] zu reisen. Es war ein Brief gekommen, worin der Alte aufgefordert wurde, schnell nach der Schweiz zu eilen. Er wollte die Sache nicht aufschieben und war schon Marschfertig. Der Magister wäre beynahe in Ohnmacht gefallen, da er diese Nachricht erfuhr. Seine Seele war nun einmal, vermöge dem Gesetze der Seelenwanderung, in den Körper der Louise so fest gewachsen, daß er bey aller Fleisches-Geiß’lung, sich nicht enthalten konnte, sie zu lieben, zu verehren.
[17] Um nicht langweilig zu werden und dem Leser zugleich Stoff zu mancherley Betrachtungen zu geben, wird hier von uns mit wohlbedächtlichem Stillschweigen übergangen, wie Louise sich mit unserm gastfreyen Magister unterhält, ihm ihre nahe Abreise verkündet und berichtet, daß ihr alter Freund jetzt nach seiner Heimat zurückzukehren gedenke, um in den damals [18] friedlichen Alpenthälern ruhig zu leben und zu sterben.
Der Pfarrer bedauerte schmerzlich, daß er nicht die Ehre haben sollte, seine Freundin länger bey sich zu sehen, wünschte ihr viel Glück und Seegen zum bevorstehenden heiligen Ehestande und gab ihr den guten, theologischen (freylich jetzt außer Mode gekommenen) Rath, ihre lieben Kindlein aufzuerziehen in der Zucht und Vermahnung zum Herrn.
Bevor die pragmatische Geschichte unsers Klaus zu Ende geht, soll, um [19] den Romankundigern kein Aergerniß zu geben, der ehrliche Alte zusammt unserer guten Louise noch einmal auftreten. Ob auf Erden, ob im Himmel, lassen wir wohlweislich vor der Hand unentschieden; genug sie sollen auftreten.
Da die Gesellschaft hinweg war, eilte Herrmann zu seiner Barbara, die er sehr traurig fand. In der Hoffnung, ihr Geliebter werde sein Wort halten und sie unverzüglich mit an den Hof zu N. nehmen, hatte sie, das wirthschaftliche Mädchen, schon ihre schönsten Hemder zusammengelegt, die [20] künstlich gezwickelten Strümpf’ und das zierlichste Kopftüchlein herbeygesucht, sich ein blaues, niedliches Jäckchen machen lassen, mit löthigen Bleiknöpfen besetzt; allen diesen Schmuck hatte sie in ein Bündel geschnüret, welches sie höchsteigen bis zum hochfürstlichen Hofe zu tragen gewillet.
Indeß hörte sie zu ihrem nicht geringen Leidwesen, wasermaßen ihr der Herrmann untreu geworden, daß er die Maitresse des Fürsten heirathen werde und gesonnen sey, wo nicht gleich, doch in der Folge ein großes Haus zu machen.
[21] Sie saß voll bitterer Wehmuth in einer Ecke ihres Zimmers und weinte heiße Zähren; da trat auf einmal der lose Herrmann herein. Sie erblickte ihn kaum, als sie ihn auch schon mit folgenden didonischen Vorwürfen überhäufte.
Willst du mich denn verlassen, o Herzensjunge! O! bleib’ nur noch einmal hier! Kränke, zerreiße mich ganz, ein Gemüth, welches dir so treulich ergeben! Hab’ ich dich denn beleidigt? Sage mirs mein Theurer! O! ich will alles wieder gut machen!
[22] Oder bin ich dir zu schlecht? Warum liebtest du sonst mein Gesicht, warum lagst du vordem an diesem wallenden Busen? Ach! ich liebe dich mehr als mein Leben! und wenn ich wüßte, daß du mir untreu geworden, daß du meine Liebe vergessen, ich stürzte mich gleich in’s tiefste Wasser, spränge vom allerhöchsten Felsen herab, nähm Gift ein, kurz jede Marter wäre Linderung für mein leidendes Herz. Doch noch glaube ich nicht, daß du mich verlassen, ganz vergessen habest! –
Bey dieser nachdrücklichen Rede stand Herrmann still und in sich gekehrt [23] an der Thür und der einzige Gedanke in seinem ganzen Ideenmagazine war der: wer doch mit Ehren hinaus wäre. Er klügelte hin und klügelte her; aber es wollte sich doch keine rechte Ehrenlüge herausklügeln lassen. Endlich wußte er kein besser Mittel, als sein Mädchen nach Hofmanier seiner Beständigkeit, seiner Ausharrung, seines Wohlwollens, seiner Neigung gegen sie zu versichern und fieng ein so schönes und praktisches Kapitel an, daß wir es herzlich bedauern, selbes nicht mittheilen zu können, indem wir die Stärke des Originals doch nicht erreichten.
[24] Er mußte noch immer bald Seufzer, bald Klagen, bald wilde, bald sanfte Akkorde hören; indeß war es ein Glück für ihn, er hatte etwas Wein zu sich genommen und konnte sonach die hekubischen Klagen leicht abgleiten lassen.
Nachdem Barbara ausgeseufzt hatte, gieng Herrmann zu ihr und küßte ihr wehmüthig-rührend die Hand. Da erwachte des Mädchens alte Liebe. Sie dachte an alle Oerter, wo sie einst mit dem Geliebten gewesen, rief sich die Abende zurück, an welchen sie wandelnd im Mondscheine, sein Gesicht [25] wie eine lichte Flamme gesehen, sein Antlitz bewundert und ihn noch inniger an ihr Herz gedrückt hatte. Solche Gegenstände, o was für einen Eindruck können die auf ein empfindungsvolles Gemüth machen, das alles mit edler sympathetischer Unschuld umfaßt und weil es jeden liebt, sich seinen Gefühlen ohne Rückhalt hingiebt.
Unsere Barbara erschien jetzt als eine Klarissa, eine feine Dame, eine unschuldvolle Freundin, die uns besonders in den geistreichen, lebendigen Romanen des Fieldings vor die Augen tritt.
[26] Während der philosophische Hofmann noch so mit seinem Mädchen tändelte, kam ihr Vater mit einer wundersamen Ziege ins Haus. Ja lieben Leserinnen (wir wollen das schalkhafte Vieh Ihro Schönheiten vordersamst, unterthänigst dedizirt haben) das war Euch eine Ziege, wie es seit Sankt Pythagoras Zeiten noch keine Ziege gab. Ihre Hörner waren geringelt, ihre Haare wie mit Seife gewaschen, ihre Haut war ganz roth und übrigens bläkte sie so idyllisch, lachte und schäkerte mit so viel Selbstständigkeit, gab sich ein solches Air, daß Herrmann keinen Augenblick daran [27] zweifelte, sie stamme aus der eldoradoischen Idyllia, welche Theokrit und Geßner am Schreibtische bereiset und zum Nutz und Frommen der Welt, bekannt gemacht haben.
Unser Philosoph gieng nun unverzüglich in seine Wissenschaft und behauptete, nach den Grundsätzen des wiedergebohrnen Pythagoras wohne in dieser Ziege eine göttliche Seele, woran kein Spinozist und Romanist zweifeln werde; und diese Seele bade sich nun, geläutert von den Schlacken der Inmoralität, im der Wahrheit lieblichen Bächlein.
[28] Als der Jüngling dies gesagt, meckerte die Ziege so edel, schäkerte so zweydeutig, daß er augenblicklich auf den Gedanken kam, Cicero sey in dieser Ziege auferstanden. Sie liebte, wie es schien, eben so die Reinlichkeit, wie dieser polirte Redner, kam in allen Bewegungen und seinen Anspielungen demselben nahe und als sie auch den Diener machte und darin den nahestehenden Freunden gefällig zu werden hoffte, zweifelte der junge Klaus keinen Augenblick an seiner Meinung.
Die Ziege hatte eine feinere Stimme als die gewöhnlichen und liebte [29] auch das Lob. Insofern stimmte sie zum drittenmal mit Roms großem Apostel überein.
Nun, dachte Herrmann, muß ich noch eine Bemerkung machen und wenn diese zu Glück schlägt, soll die Ziege von Stund an Cicero oder Redner heißen.
Bekanntlich suchte der gewandte Platoniker in Rom alles durcheinander zu wirren, um sich nothwendig zu machen. Er schlich nicht nur bey dieser, sondern auch jener Parthey umher, bot seine Dienste an, ließ nicht [30] ermangeln seine Treue zu schildern und wenn er gewonnen hatte, schlupfte er zur Gegenparthie und brachte die Plänchen sogleich wieder an.[1]
Die Ziege gab immer größere Räthsel auf. Zuweilen schien sie begeistert, fieng an zu stampfen, hob ihr niedliches, schöngelocktes Schwänzchen empor und wieß den klugen Herrmann auf die Zeiten, worin der geistvolle Quintilian zu leben die Ehre hatte.
Wenigstens glaubte der junge Klaus auch insofern Aehnlichkeiten an ihr zu entdecken.
[31] Also – die Ziege bestand aus zwey Theilen. Der eine war zusammengesetzt aus der Beredsamkeit, Erfindungsgabe, dem Scharfsinne und der Weisheit des Cicero – der andere bestand aus Quintilianischen Witz, Seherkraft – Gemeinsinn und Homerischer Klugheit.
Man konnte es dem guten Thiere ansehen, wie sehr es rang um sich und seinen beyden geistlichen Herrn keine Schande zu machen. Es schnapperte unaufhörlich die sententiöse Rede Quintilians, in der dieser Gelehrte den [32] Homer als den ersten Denker, den Originalmann lobt. [2]
Auch dem Cicero, suchte sie nachzuäffen. Sie neigte sich, sie lobte alles, was ihr vorkam, freylich nach Art einer Ziege. Sie wedelte mit dem Schwanze, sie trippelte, sie spann Pläne, kurz sie lebte und webte vermöge dem Cicero.
Als Barbarens Vater diese Neuigkeit merkte und von seinem Schwiegersohne erfuhr, daß die Ziege viel Geld werth sey, daß mancher Gelehrte darin eine Goldgrube finden würde [33] und ihm sein Gut für das Thier hingäbe; ergriff er den Strick und sagte her, hot – – – – – – – – – – – – – – – – mit diesem Worte war sehr viel gesprochen und wir sind keineswegs abgeneigt zu glauben, es werde in kurzem eine Disputation geschrieben, folgendes Inhalts. – De magnanimitate et generositate quae in etc. etc. Wenn wir so glücklich gewesen, durch die Erzählung der angeblichen Ziegenhistoria einen Gelehrten auf den Gedanken zu bringen, die Eingeweide dieser Thiergattung anatomisch zu untersuchen [34] und sonach der Ursache innerlich nachzuspüren, wodurch dieselbe vermocht wurde, quintilianisch und ciceronisch zu werden, soll es uns eine Freude seyn, auch in den künftigen Romanen das Seelenvermögen der Schafe, Rinder und Böcke, wo nicht im jonischen doch im dorischen Dialekt, aufzuführen.
Darum soll die griechische Sprache das Hauptmoment seyn, nach der wir uns modeln und ist es uns gelungen, ziegenmäßig zu homerisiren, bocksartig, zu pindariren und schöngeisterisch zu demostheniren, wollen wir nicht unterlassen, [35] solche Fähigkeiten auch in der Lesewelt zu zeigen.
Die Ziege wurde nach dem nahegelegenen Städtchen geführt, worin ein Amtmann wohnte, welcher ein großer Verehrer des Cicero und Quintilian war.
Der Bauer versprach sich im voraus ein treffliches Honorarium, wenn er seine Ziege diesem geistvollen Kopfe übergäbe.
Herrmann begleitete seinen Schwiegervater, der auf der Reise manche [36] abentheuerliche Geschichte erzählte, eine Lüge an die andere knüpfte und sich und dem Gefährten die Zeit so verkürzte, daß der junge Klaus in der Hoffnung stand, sie hätten erst die Hälfte des Weges zurückgelegt, indem ihm aus der Ferne die Thürme des Ortes entgegenblinkten. Sie stammten nach der Genealogie des Bauern aus den Kreuzzügen und hatten zum Zeichen ihrer Erbauung, verschiedene Hieroglyphen, die den Ausspruch des Mannes zu bestätigen schienen.
Das Städtchen war überhaupt äußerst unreinlich. Die Straßen lagen [37] voll Koth, die Mistestätten waren vor den Wohnungen, die Schweinekoben fanden sich an den Thüren und die Polizey, welche sehr scharf schien, war bey alledem so blind, daß man immer den unrechten Fleck sah, wenn etwas gebessert werden sollte.
[38] Die beyden Reisenden nahten dem Städtchen, entrichteten den Zoll und fuhren stracks zu dem Hause des Richters. Der Rechtsgelehrte war gerade in einem Gespräche mit seinem Freunde begriffen, worin er die Streitigkeiten, welche den Tag vorher vorgefallen, berührte. Es war ein äußerst guter Mann und er wäre als einer der ersten Gerichtshalter darzustellen, [39] wenn ihm nur mehr Gehirn und ein gutes Verstandeswerk gegeben. Er liebte den Wein zu sehr und trank in der Hoffnung, daß er mit jedem Tage verständiger und glücklicher werden würde, eine Flasche nach der andern. Allein sein Wunsch und seine Bitte blieb unbefriedigt. Je mehr er den Wein kostete, desto dünner wurde sein Gehirnorgan.
Als er den Herrmann und die Geiße erblickte, stutzte er ein wenig und stellte sich in Positur. Der Bauer fieng nun an von dem Cicero zu reden, fuhr dann hinüber zum Quintilian, [40] lenkte zur Ziege, alsdann zur Gelehrsamkeit und machte den Herrn Amtmann wirre.
Wenn das alles ist, hub er an, was ihr mir bringt, so entfernt euch von meinem Antlitze, ich liebe den großen Redner zu sehr, als ihn von euch herabwürdigen zu sehen. Ueberhaupt solltet ihr wenigstens so viel Einsicht haben, nicht eher von einer Sache zu reden, bevor ihr solche aus dem Fundamente versteht. Und wenn ich euch rathen soll, so bleibt beym Pfluge, laßt die Gelehrsamkeit denen, die sie zu handhaben verstehen, oder wenn [41] es euch doch nach selbiger gelüstert, so rathe ich, lieber mit der niedern eure Seele zu füllen.
Eine solche Rede war dem Herrmann frappant. Was sagte er heimlich, dieser Mann will uns belehren und bedenkt nicht, daß ich vielleicht mehr weiß, denn er.
Die Ziege fieng an ihre Gestus zu machen, der Amtmann bemerkte diese Gelehrigkeit und da er glaubte, daß es aus dem Genie des Cicero keinen Uebergang zur Ziege gäbe, die nur ein kleiner Weltpartikel sey, hielt er den [42] Bauern benebst unsern jungen Klaus für Schelme. Damals schien die Hexerey gerade wieder in Aufnahme zu kommen, an mehreren Orten wurden Prozesse geführt und eine Sache, die in dieses Feld schlug, mit Strenge bestraft.
Auch Jericho, so hieß der Amtmann, witterte nichts gutes. Er befahl den Amtsdiener zu rufen, die Gerichtsdiener zu befehligen und der Sache, die noch zwischen Erde und Himmel schwebte, eine andere Richtung zu geben.
[43] Was geschah. Nach vielem Hin- und Herfragen wurde die Ziege nebst den Begleitern in Beschlag genommen. Das gute Vieh schrie entsetzlich, warf zu verschiedenenmalen die Hörner empor und fieng an mit dem Gerichtshalter zu zanken, da seine Freunde hinweggebracht wurden, indeß alles dies half nichts. Das Thier kam in ein enges Loch, allwo es von dem Gerichtsdiener bewacht wurde. Dieser hatte den Auftrag, die mannichfaltigen Wendungen der Ziege, ihre Stellungen, ihre Blicke und Gebehrden genau zu beobachten und zu sehen, ob er nicht eine Hexerey im Embryo entdeckte. [44] – – – – – – – Hat’s nicht Wezeln fast eben so gegangen, wie den zwey Bauern! Hat man ihn nicht auf alle Weise vervortheilt, ihm seinen guten Namen geraubt, zu einem Narren gemacht und unter die Klasse der Elenden geworfen! Ja! das ist der Ton, das ist jenes Air alltäglicher Schurken. Sie krabeln immer in ihrem Drecke herum und sehen nicht auf den Glanz eines ungewöhnlichen Meteors. Wer hat so schön geleuchtet, denn ich?
O frevelhaften Wiener, die ihr mich zu verleumden suchtet, mich, einen [45] Wezel, einen Mann von den glänzendsten Fähigkeiten. O! weine, jammere, leidende Seele; denn für dich ist die Welt erstorben! Wenn ich nur noch einen Freund hätte, der mir beystünde! Aber alle sind kalt gegen mich, können nicht die Kraft ertragen, die meine morschen Glieder durchströmt! O wenn ich stürbe, wenn ich hinweggerissen würde aus diesem Jammerloche!
Allein, was seh ich, sucht man mich nicht auch dort zu verklagen? Hab’ ich was verbrochen, daß ich entfernt von der Welt, eingeengt in einem [46] Zimmer lebe? Wo bist du hin leidendes Mädchen, das ich in der Akante liebte und im Belphegor schilderte. – – – – – – – – – – –
Die beyden Ziegenführer steckten in einem Gefängnisse, bekamen nichts denn Brod, wurden von zwey Bürgern des Städtchens bewacht und mit rührenden Erzählungen unterhalten.
Bevor weiter geschritten wird, müssen die Bürger im Detail dargestellt werden. Der eine war ein kleines Kerlchen, mit krummen, verbogenen [47] Beinen, einem hagern Wuchs, schmächtigen Leib und dicken, ungestalteten Kopf. Der andere schien schlanker denn eine Tanne, hatte dünne Füße, eine gellende Stimme, langen Odem und stets Appetit zum Brandewein. Außerdem trug er ein blaues Wamms, welches über und über mit Löchern begabt war.
Seine Hosen waren so weit, daß man suchen mußte, bis man die Beine fand. Die Strümpfe, welche ihm von der Frau Amtmännin geschenkt, hatten so kleine Zwickel, daß ihm solche nicht weiter bis über die Knöchel [48] reichten. Sie giengen nicht in den Hosenschluß, sondern blieben eine Handbreit vor demselben, um anzuzeigen, daß sie zu klein. Sie stammten von den Söhnen des wohlweisen Amtmannes, die ziemlich groß waren.
Die Hosen des großen Wächters waren ein Geschenk des regierenden Fürstensohns. Dieser hatte sie ohngefähr ein halb Jahr getragen und nachdem sie ihm zu eng geworden, dem Manne zugedacht, welcher seit mehreren Jahren bey einem täglichen Schnappse von einem Schoppen Brandewein, in der größten Armuth [49] schmachtete. Der Sohn des Fürsten glaubte keine schönere That zu begehen, als wenn er dem armen Schnappsbruder aus der Noth helfe und wenigstens seine Schenkel in guten Zustand setzte.
Der treffliche Jüngling hatte den äußerst seltenen Grundsatz, daß, wenn man von den Unterthanen was verlange, man selbigen auch zuweilen ein Almosen reichen müsse.
Der erfahrne Wächter raisonnirte sehr gut über seine Brüder, ihre Einrichtungen, warf zuweilen eine philosophische [50] Klausel dazwischen, untermischte sie mit der Suppe, welche ihm seine Geschichte lieh, erzählte Schnaken und dachte nicht im geringsten, daß er elend sey. In ihm war der Stoiker unverkennbar und mehrere Gelehrte wollen behaupten, wenn der Meister dieser Sekte einen Mann von solchen Grundsätzen gekannt, er noch weit lieber im Mörser gestorben. [3]
Der Lenz, so war sein Name, hatte drey Jahre als Wächter bey den Gefangenen gedient, weshalb seine Flinte und Degen ganz außer Aktivität gekommen. Der Mann schien beyde [51] nur zum Scheine zu tragen. Der Degen war über und über mit Roste belegt, die Flinte hatte weder Hahn noch Stein. Auch die Pfanne schien außer Thätigkeit. Vor dem Zündloche hatte sich ein Haufe Dreck angesetzt, welches dem Pulver alle Wirksamkeit nahm.
Ueberhaupt sagte Lenz, er hasse den Krieg, wie ein Feuer und fliehe in ein Loch, sobald davon gesprochen werde. Man brauchte diese Aussage nicht von ihm zu hören, sondern konnte sie schon aus seinen Reden, Gebährden und Wünschen herausklauben. [52] Auch die Stellung, welche er machte, sobald er die Flinte nahm, die Wendung mit der er das Links und Rechts ausdrückte, in Verbindung seines Ganges und seiner Ungeschliffenheit, verriethen deutlich, wie wenig er vom Kriege gehalten.[4]
Der andere Wächter, ein guter Kerl, hieß Harlefans, hatte einen zerbrochenen Arm, zwey böse Augen – woraus er ohngefähr drey Schritte sah – und einen kleinen, unmerklichen Buckel. Seine Redlichkeit guckte ihm, wie ein lachendes Mädchen, den Augenlöchern heraus. Er sprach von [53] nichts als der Bibel. Seine Gelehrsamkeit in diesem Buche gieng weit. Er wußte fast jedes Kapitel, konnte besser allegiren als mancher Professor, wußte die Stellen taktmässig herzusagen und wenn er ins Feuer kam, glich er einem Unsterblichen.
Seine Flinte war aufgesprungen und er konnte deshalb kein Pulver hineinladen. Die Pfanne war zerbrochen, der Hahn angeleimt und das Heft mit Bindkordeln zusammen gebunden.
Man sah also, wie wenig er ein Kriegsknecht gewesen. Er freute sich [54] innig, wenn ihm jemand beystand und den Kampf in die Hölle schmiß. Seine Bibel benebst einem Weibe, das er vor vierzig Jahren als Matrone geheirathet, machten seinen Hausrath. Er hatte keine Kindlein auf diese Welt gesetzt. Außerdem konnte er sie auch nicht leiden, sondern zog seinen Mops vor, der ihm von einem Freunde geschenkt worden.
Meister Harlefans tröstete die beyden Arrestanten unaufhörlich mit der Bibel. Bald fuhr er in den Sirach und hohlte ein Läppchen, bald griff er in die Weisheit Salomonis und suchte [55] einen Brosaamen, bald durchforschte er den Moses und stahl ihm ein Sprüchlein, bald war er in der Offenbarung, bald im hohen Liede, bald in den Psalmen und endlich im Tobias zu Hause.
Mit welcher Einfalt, hörte ihm Barbarens Vater zu! Wie erstaunte er, da er in einem so bucklichten, unglücklichen Schaarwächter eine so hohe Kraft der Seele antraf! Er griff einigemal nach der Hand des natürlichen Harlefans, suchte sie zu drücken, seinen Hals zu umfassen; allein dieser ließ sich nicht irre machen, sondern erzählte [56] in einem fort seine Bibelgelehrsamkeit.
Wie, wenn – um homerisch zu reden – Waldwasser von hohen Gebirgen herabstürzen und auf jeder Klippe gespalten in die Ebene fürchterlich brausen, war der Bibelstrom des geistvollen Harlefans.
Barbarens Vater machte folgende Anmerkung auf sich. Ich bin jetzt sammt dem ehrlichen Herrmann der Hexerey beschuldigt. Morgen soll über uns ein Gericht gehalten werden, bestehen wir darin, so wie wir sollen, [57] dann steigen wir hinauf auf die Staffel des Ruhms. Wir haben eine Ziege gebracht, ein Thier das so ciceronisch – nach der Ausrede des jungen Klaus – ist, daß man glauben muß, in ihm sey der leibhaftige Römer, mit Kopf, Maul und Haar erstanden.
Was, rief Harlefans, ihr lobt den Heiden, diesen Bösewicht, der zu einer Zeit lebte, wo man die heiligen Apostel so schrecklich verfolgte – ihr zieht einen Bösewicht hervor, der damals so viel Unheil stiftete!
[58] Was nemlich aus einem schmuzigen Boden sproßt, ist eitel faul, was hingegen mit Syrup getränkt wird, ist gut. Diese Vergleichung zielt, wie ihr seht, auf die Lüge. Die Lüge ist ein schlimmes Ding und richtet großen Schaden an. Denn wer lügt, sucht nicht der Wahrheit in das Herz zu greifen, er geht wie ein listiges, furchtsames Thier um sie herum und wenn er etwas davon hascht, dreht und zaust er es so lang, bis es ihm willfährig wird.
Dadurch macht er sich die Wahrheit zur eiteln Lüge, er mischt das, [59] was als Kleid um sie hängt, mit dem Leben in eins, kann alsdann beyde nicht trennen und wird sich am Ende lächerlich. Doch noch eins: das Böse ist auch erlogen. Darum, weil es immer einen fahlen Glanz wirft, sieht man nie sein Inneres und wovon man dieses nicht erblickt, kann nichts taugen.
Herrmannen schien dieser Ausleger nicht ganz zu behagen. Er sagte mit edler Freymüthigkeit, daß sowohl das Gute, wie das Böse ein Erzeugniß des Menschen sey. Denn, fuhr er fort, wenn wir immer so handeln, [60] wie unser Herz gebietet und das Klugheitsprincip zu Rathe nehmen, werden wir sicherlich auf dem Wege bleiben, den uns eine übernatürliche Kraft gezeigt. Und nur der lebt unrecht; thut Böses und geräth in Sünde, welcher uneingedenk seines Wandels, blos das will, was ihm in den Kopf kommt.
Barbarens Vater gefiel die Rede nicht. Er sagte, er verstehe sie nicht, sie sey ihm zu gelehrt. Er hielt es mit dem Jakobböhmischen Glauben des gedachten Harlefans. Dieser Mann war eben so wie letzterer durch sich klug geworden und verdankte seinen [61] blühenden Verstand lediglich den eigenen Einsichten.[5]
Er behauptete, indem er die Seele incorpoream naturam, omnisque concretionis ac materiae expertem nannte, die Bibel bestehe aus zwey Theilen, aus Lunge und Leber. Welche Tollheit, rief hier Herrmann! Welch’ eine Gottlosigkeit schrie Barbarens Vater? und welche Schönheit! sagte der Harlefans.
So waren die drey Männer in tiefem Streite begriffen, als plötzlich die Thür des Gefängnisses aufgieng [62] und der Amtmann nebst seinen Gehülfen hervortrat.
Unter dem Bibelallegiren und Katechisiren war der Morgen fast verflossen und die beyden Wächter hatten glücklich die Stunde vergessen, worin sie ihre Gefangenen vor das Tribunal führen sollten.
Derohalben mußte sich der Amtmann selbst die Mühe nehmen, seine Delinquenten zu besuchen und ihnen unverzüglich aufzutragen, daß sie ins Amt kommen möchten.
[63] Die Gerichtsdiener waren ausgeschickt, um eine Bande Räuber in Beschlag zu nehmen, welche eben von den Gränznachbarn waren gefangen worden.
[64] Quis mediocritatem diligit, dies sagte der Amtmann, als es dem Klaus eben ins Gedächtniß fiel. Der wohlgebohrne Richter wollte, dadurch metaphorisch zu verstehen geben, daß, wenn Herrmann und sein Gefährde, ihre gelehrte Ziege aus seinem Antlitze entfernt, ihm die gehörige Achtung erwiesen, seine Geistesfähigkeiten mit scharfem Blicke berücksichtigt hätten, [65] sie gewiß nicht als Arrestanten wären eingesteckt worden.
O! welch’ eine herrliche Sache ist die Klugheit – so sprach der edle Amtshalter – sie hilft uns aus den Nöthen der Welt, reißet uns aus den Aengsten des Lebens und haben wir einen Hoppas gemacht und schieben selbige unter – werden wir sicher in den Hafen der Glückseeligkeit getrieben. Und was ist nicht Glückseeligkeit, dieses schöne Kind der Natur!!
Nur vermöge ihr machen wir uns, interessant, beliebt, verschaffen uns [66] Gönner, schwingen uns aus dem staubigten Boden und fliegen wie Sonnenpferdlein in die Atmosphäre der Wahrheit.
Nachdem der dichterische Richter einige Zeit auf diese Weise deklamirt und die Herzen seiner Delinquenten in Feuer gebracht, hohlte er seine Dose, nahm eine Prise und bestieg dann in der Amtstoga den Gerichtsstuhl.
Der verstorbene Adliche hatte ihm, um den Stuhl vor allen Stühlen der Welt auszuzeichnen, eine besondere Form geben lassen.
[67] Unten war er von massiven Zwetschenholz, ein wenig höher schien er aus Elfenbein und der höchste Theil bestand aus einem Umschlage, den ein großer Künstler gearbeitet.
Bären und Löwen machten die Füße, anzudeuten, daß die Gerechtigkeit ehedem den Raubthieren geglichen, die alles, was in ihr Gehege kömmt, mit unmenschlicher Grausamkeit verschlingen.
Auch jetzt, wo das Mondlicht der Aufklärung allmählig in alle Winkel kriecht, hat man Beyspiele, vermöge [68] denen die Justitia keinen Grad weiter, als in dem Löwenalter gerückt.
Auf den Bären, wir schreiten weiter, standen zwey Engelchen aus schönem Elfenbeine gearbeitet, welchen der denkende Künstler den Wahlspruch in den Mund gelegt: nun wird es besser!!!
Aus dem guten Herzen und der Einfalt dieses treuen Mannes war zu ersehen, daß er bisher von der Gerechtigkeit, geträumt, ihr seine feine attische Urbanität untergeschoben und nie geglaubt, sie werde diesem Ideale [69] seines lieben Gemüths entgegen handeln. Indeß, was geschieht nicht zwischen Himmel und Erde.
Die beyden Engel waren blos pro forma am bezeichneten Stühlchen und man will behaupten, der Richter habe sich schon mehrere Jahre darüber aufgehalten, daß ihm, einem so strengen, wahrheitliebenden Amtmann, der Possen gespielt und Engel an den Leibsessel gemacht worden.
Dem sey wie ihm wolle, so ist’s gewiß, Herr N. sah sie nicht gern. Oft stellte er sich zehn Schritte vom [70] Stuhl und blinzte unverrückt und mit scheelen Augen auf die heiligen Männer.
Was wird das geben, dachte er, wenn sie von einem Gelehrten, einem verständigen Juristen bemerkt werden, der seine Sache bis auf den Nagel kennt.
Leider traute sich der Mann, was nur flüchtig berührt wird, selbst nichts zu. Er bejammerte tagtäglich die schlechte Erziehung, welche er genossen, den geringen Grad von Geistesbildung, welchen er sich erworben und [71] weil ihm der Schmerz angelegentlich, also – zur Erklärung sey es gesagt – nicht erzwungen war; blieb er manche Tage in dem Sacke und in der Asche.
Der Mann war zu bedauern. Sein Fleiß, der einem glühenden Eisen glich, daß nie außer im kalten Wasser erlöschen will, drang bis unter die Erde und umfaßte bald diese, bald jene Meinung.
Hörte er nun von einem in grossen Ansehen stehenden Gelehrten, man müsse das Gegentheil zu erstreben suchen, [72] so brach er Blitzschnell im Studiren ab und wartete einige Monate, um dann wieder zu beginnen.
Mit einem solchen Organ war nun freylich nichts auszurichten. Der Amtmann verzweifelte daher, je ein grosser, wichtiger Rechtsgelehrter zu werden. Und das mag auch der Grund seyn, weshalb er die Engel, jenes Symbol der Vollkommenheit, mit neidischen Augen ansahe.
Er trug darauf an, sie hinweg zu nehmen. Der Regent war es zufrieden, doch behielt er sich vor, dafür [73] die heilige Justitia mit Schwerd, Wage und verbundenen Augen anbringen zu lassen.
Der Amtsvorsteher, welcher im Grunde keinen Unterschied zwischen den Engeln und der Gerechtigkeit fand, hielt es für rathsam die Persönchen lieber stehen zu lassen; denn die neuvergoldete Jungfrau möchte zu große Sensation machen. Der Mann hatte Recht. Schon wollten mehrere Parthien einen Streit erregen, um die heilige Dame im vergoldeten Rock, verbundenem Gesicht und übrigen Ornat zu sehen. Dies hätte dem Richter [74] mehr Scheererey wie Nutzen gemacht. Er bekam blos seine Besoldung, keine Sporteln und lediglich Gebühren von den Fornikationsprozessen.
Um nun in keinen Schaden zu kommen, suchte er selbige auf alle Weise zu befördern. Sie dauerten manchmal sechs bis acht Jahre und wurden mit solchem Eifer geführt, daß Gebühren und Strafen höher als die Advokatensporteln kamen.
Also wäre der Stuhl des Gerichts, benebst der inneren Thätigkeit des vielbelobten [75] Herrn Amtmanns beschrieben. Er hatte außerdem auch die löbliche Gewohnheit an sich, alles sehr umständlich zu behandeln.
Seine inwohnende Liebe zum Guten, die mit dem Triebe des Reichwerdens im Streite lag, kam manchmal dergestalt in die Enge, daß er, um beyde zu vereinigen, lieber einen Mißgriff, eine Ungerechtigkeit that.
Der Gelehrte war von Jugend auf arm und da er nach langen Hin- und Herflattern mit Reichen in Kollision kam, den Wohlstand derselben betrachtete, [76] sich dagegen in Niedrigkeit sah, erwachte auf einmal der Wunsch in seiner haltbaren Seele, mächtig und wohlhabend zu werden.
Zwey Mittel standen ihm vor den Augen. In seinem Lande war gerade ein Aemtlein vakant, welches aber wegen seinen Skrupeln, die damit verbunden waren, nicht so schnell vergeben wurde.
Der gerechte Amtmann sah nicht ein, wie er, um groß zu werden, beyde Dinge in den Wind schlagen sollte. Er nahm also die alte Tante, [77] welche an die Stelle geknüpft war, bekam mehrere Tausend als Zugabe und machte auf einmal ein angesehenes Haus.
Das treuherzige Weiblein von achtzig Jahren hatte sich sterblich in unsern Herrmann verliebt. Ihre Wohlthätigkeit, ihr getreues Handeln gegen selbigen, machten es ihm bemerkbar. Er war eben ins Gefängniß gekommen, so ließ sie ihm durch eine ihrer Aufwärterinnen sagen, daß ihm alles zu Diensten stände. War das nicht alles mögliche? Wie konnte sich eine Epikuräerin anders gebährden? [78] Vermöchte sie ihm größere Dienste zu erzeigen?
Herrmann ließ der Tante melden, er wünsche anjetzo weiter nichts als Freyheit. Auch dies wußte die vortreffliche Dame mit der besten Art bey ihrem Herrn Ehegemahl zu betreiben.
Sie erklärte nehmlich: wie der gute Musjeh Herrmann weitläuftig mit ihr und ihren seeligen Eltern verwandt sey, sich immer brav und rechtschaffen aufgeführt habe und in nicht geringe Verlegenheit kommen werde, [79] wenn er um nichts und wieder nichts so lange stecken sollte.
Als der Amtmann von Verwandtschaft, von rechtschaffner Aufführung, von Reichthum und andern dergleichen Dingen hörte, faßte er den großmüthigen Entschluß, den braven Jüngling, es koste was es wolle, frey und ledig zu lassen.
Auch ihm hatte sein Wesen gefallen, so wie die Manier, womit er alles vortrug. Er war sogleich zu den Gerichtsdienern gegangen, mit denen er, um die Gattin loszuwerden, gewöhnlich [80] Karte spielte und als er sie nicht gefunden, sich selbst in Aktivität gesetzt und so zum Gefängniß gewandelt.
Mit welcher Freude hörte nicht Anna Elisabetha auf den zarten, unbärtigen Jüngling? Wie dachte sie sich verschönert, wenn sie umfangen von seinen Armen, das Glück des Lebens genösse? O! süße Stunden, rief sie ein- bis zweymal aus, o glückliche Sympathie! wenn wirst du meine alte Brust beleben, wenn das wallende Blut in Ruhe setzen! Als sie [81] so sprach, kam der Gatte mit den Delinquenten.
Die Leser mögen es dem Schriftsteller nicht verüblen, wenn er in der Chronologie etwas neu wird. Lediglich dadurch unterscheidet sich die Lebensgeschichte des jungen Herrmann von den Biographien und Romanen anderer Skribenten, die nur in einer Linie vorzurücken, keine Quer- und Seitenaktion anzubringen und immer geradeaus zu marschiren pflegen.
Diese Schriftverfasser kann man eigentlich unter die Zahl der Heldendichter [82] rechnen. Sie pflegen ihren Liebling mit so viel Tugend und Schönheit, mit solch’ einem Seraphsverstande auszustatten, daß es unverkennbar, wie sie von einem schönen Ideal-Gespenst angehaucht worden.
Da aber diese Geschichte eben so wahr ist, wie der weise Stammler, der Knaut, welcher manchem Leser gefallen, mehrern mißfallen und verschiedenen (man denke!!) sogar dumm geschienen, so bitte ich, zuerst alle Vorurtheile bey Seite zu setzen und dann zu lesen. –
[83] Doch was liegt mir an dem Beyfall der Mitwelt, was liegt einem Wezel an Lob! Wäre er, der ächte Kenner der Menschen, nicht über euch dummen Leutchen erhoben, könnte er sich nicht allein an seinen Werken ergötzen; dann bliebe er nicht – Wezel.
Hat noch ein Schriftsteller einen Knaut den Weisen geschrieben? O! wie sollte er stutzen, wenn ich ihm aufgäbe, jene tiefe Philosophie vorzuzeigen, die in meinem Knaut ruhig schläft. Aber sie wird erwachen, sie wird schrecklich die Augen aufschlagen [84] und die Feinde trümmern. – Sehet so wenig ist mir an euch gelegen! Blos meiner Reinheit halber habe ich mich vor euch verborgen. –
Die beyden Ziegenverkäufer wurden auf der Amtstube gefragt, aus was Ursachen und Absichten sie diese Schelmerey unternommen hätten, den Herrn Amtmann mit einer Ziege zu behelligen, sintemalen und alldieweilen quästionirtes Thier nicht von dem wohlgebohrnen Richter zum Kauf richterlich vorgeladen worden sey; ferner kein Beweggrund da wäre, wodurch zwey Menschen könnten, angetrieben [85] worden seyn, die zur Sprache gekommene Geiß zu verhandeln.
Auf diese gründliche Einleitung folgte nun nachstehender eben so gründlicher Bescheid: Da aus dem Ganzen zu schließen, daß beyde Delinquenten mehr Herumstreifer als Insaßen seyen, weiter sich veroffenbaret, was Maßen dickbesagte Ziege durch die schändlichsten Schwarzkünsteleyen zum Nicken bewogen worden, ja sogar bey der Nennung des ehrwürdigen Cicero vor Freuden gemekkert und Komplimente gemacht habe, welches alles unzweifelndlich nur durch Hexerey geschehen [86] seyn könne und man daher annehmen müsse, daß sich die beyden Gefangenen mit unerlaubten Dingen abgegeben, Alliirte des Teufels wären und mit dessen Hülfe das arme Vieh gezwungen hätten, sich zu unnatürlichen Handlungen brauchen zu lassen; dannenhero halte er, der wohlgebohrne Amtmann, sich auch für berechtiget, obschon er kein spanischer Inquisitor sey, die Ziege öffentlich zu verbrennen; ehe und bevor dies aber geschehe, werde er sie mit einem Glöcklein und andern inquisitorischen Insignien geziert in der Stadt herumführen lassen, damit männiglich einen Abscheu [87] ob der vierfüßigen Unholdin bekomme und sich nicht beygehen lasse, zukünftiglich ein Gleiches zu thun, sich dem ersten Konsul der Hölle, dem leidigen B. – Be. Beelzeboyl (Chef der Mückenarmee) mit Leib und Seele zu verschreiben und solchergestalt die heiligen Gesetze, auf was für Art es auch immer seyn möge, zu verletzen.
Als der Herr Amtmann vom Gegentheil überzeugt worden und der junge Klaus gezeigt hatte, daß er weder mit Hexerey umgegangen, noch an dem Nicken der Ziege schuld sey, [88] wurde er entlassen, jedoch sollte er künftig solche Streiche unterlassen.
Er empfahl sich der Frau Räthin, bat sie, ihn in guten Andenken zu behalten. Da sie ihn aber mit Thränen in den Augen ersuchte, wenigstens noch einige Tage zu verweilen, ließ er sich den Antrag gefallen und blieb.
[89]
[90]
[91] In diesem Buch wollen wir erzählen,
wie Herrmann und Barbarens
Vater zurückkehrten, mit welcher
Liebe ersterer von seiner Tagegenossin
empfangen wurde und wie es kam,
daß er zum Bullenbeißer-Rath, und
zwar ohne die Maitresse des Fürsten
zu heirathen, stieg.
Doch ehe wir diese Erzählung beginnen, müssen wir noch einiges nachholen, [92] was unterdeß vorgefallen. Es sind folgende wichtige Neuigkeiten: Die liebe Mutter unsers wiederkehrenden Helden nahm von Tag zu Tag ab, wurde immer schwächlicher und da man sie eines Morgens suchte, fand man sie; aber auf dem Heuboden liegend und sanft und seelig entschlafen.
Auch unser theurer Magister wankete, gestützt auf den Stab elysischer Hoffnung, der stillen Gruft immer näher, er besuchte seine Gemeindeglieder immer seltener und nahm endlich fast zu gleicher Zeit mit dem wachsamen [93] Vater unsers Herrmann seinen Abschied von denselben.[6]
Im Jahre 1778, oder nach jüdischer Zeitrechnung im Jahre der Unbestimmtheit, kam Herrmann wieder in seine Heimat, brachte den Vater der Barbara unversehrt zurück und erndete dafür großen Lohn. Freylich war die gelehrige Ziege darauf gegangen. Mancherley Amtssporteln waren zu entrichten gewesen, der junge Klaus hatte drey Tage das Brod und Wasser bezahlt, gab für die Streu und das hierzu nöthige Stroh eine ansehnliche Summe, schenkte dem biblischen [94] Nachtwächter mehrere Groschen, bezahlte für das Protokoll einen halben Gulden und brachte sich und seinen lieben Schwiegervater nach manchen Mühseeligkeiten wieder nach Hause.
Hätte ihm die wohlthätige Frau Amtmännin nicht beygestanden und ihn mit ihrer Liebe umfaßt, würden wir ihn wahrscheinlich noch nicht bey der Barbara antreffen. Denn die Aspekten standen wirklich schlimm.
Also – nun umarmte Herrmann seine Geliebte, drückte sie mit neuer Rührung an sein hochschlagendes Herz [95] und sagte, nachdem er lange geschwiegen – wir sind wieder beysammen.
Auch Barbara erwiederte ihm, du bist jetzt bey mir, o bleibe ewig unter diesem ländlichen Strohdache, vergiß deine Fürstenideen und kröne den Pflug, indem du fette Stiere machst. Indem sie’s sprach, gedachte der zärtliche Jüngling an die spanische Sitte und wollte lieber mit dem Degen pflügen, als in der Hütte sterben.
Ich muß, begann er, meine Laufbahn von neuem anfangen. Ich habe bisher nichts gethan und will nun [96] alle Kräfte zusammennehmen um mir und dir zu gefallen. Er erzählte weiter, daß er im Sinne habe, es koste was es wolle, zum Von zu avanciren, ein Graf, ein Fürst und endlich ein König zu werden.
Hohe Ideen, lieber Herrmann, wir und deine Leser wollen uns freuen, wenn du sie glücklich vollbringst. Doch besinne dich erst und gehe langsam, damit du nicht, bevor du an’s Ziel kömmst, dir die Nase einrennst.
Willst du was großes ausführen, so schnüre dir auf deinen Rücken einen [97] Quersack, den du mit Klugheit gefüllt, vor deinen Magen lege ein Schloß und laß die Galle nicht übersprudeln. Ich bürge dir dafür, sie wird aufschäumen; allein laß es nur nicht zum Laufen kommen, ziehe gemächlich das dürre Reisig hinweg und lege Tannenholz daran. Dieses hitzt nur wenig und unterhält das Feuer. Besonders empfehle ich dir Klugheit und den Bucephal der Demuth; mit beyden schließt du allmählig die Thore der Hoheit auf und läßt die Lüste ruhig einziehen. –
[98] Ehe Barbara und Herrmann abreißten, noch eins. Bekanntlich leuchten dem Helden in jedem Romane, der bisher geschrieben worden und künftig gemacht werden wird, sanfte Gestirne, die seine ruhige Laufbahn allenthalben aufhellen, in jedem Winkel ein Lichtlein anzünden und dazu beytragen, sich, wenn er an eine spitze Ecke kömmt, nicht den Kopf einzustoßen. Aber gerade das Gegentheil hat in dieser Familiengeschichte statt.
Vielleicht ersehen die Herrn Romanier daraus, daß man ebenfalls zum Ziele gelangen kann, ohne ihnen zu [99] folgen. Sie werden dies freylich für keine Demuth, sondern für Talent halten müssen und so fern sie nicht gar zu stille sind, sich mit allen Kräften dagegen auflehnen.
Geschiehts, so soll in einem kleinen, allerliebsten Traktätchen kürzlich gezeigt werden, worin seit der Sündfluth alle Romanenschreiber mit einander einig gewesen und in welchen Dingen sie sich widersprochen.
Es muß dieses Traktätchen um so anziehender und lesenswürdiger seyn, weil es mit lauter Frühlingsblumen, [100] mit Hyacinthen, und wohlriechenden Sächelchen umhangen ist.
Darin sollen Veilchen duften, Rosen blühen, Mädchen erröthen, Jünglinge girren? Männer lieben, Tanten buhlen und eine neue Welt vor das Auge treten. Ob aber dies blühende Dinglein je erscheint und in den Buchladen verkauft wird, ist die Frage und es kömmt darauf an, ob die Buchhändler den Dialekt besagten Traktätleins für ächt dorisch erkennen, oder nicht; das Kriterion davon ist, (wie es denn solches wohl meritirt,) ein Karolin für den Bogen.
[101] 1) Kaufen keine Romanenleser eine Schrift, die ihnen zeigt, auf was Art und Weise ein Schriftsteller sich bereit machet, Erdichtungen zu schreiben, sie öffentlich auszuhängen und von jedem bewundern zu lassen.
2) Hört man nicht gern jenen Mann, der uns plötzlich aus dem Paradieß unserer Träume herausjagt, in die wirkliche Welt einführt und statt Syrup, Honig und Zucker, Koloquinten, Myrrhen, Jalappa und Wermuth verkauft, uns mit Erkenntniß unserer selbst füttert.
[102] 3) Lesen noch zu viele Feenmädchen, Freudenjungfern und dergleichen Gelichter, die an nichts größern Gefallen und Geschmack finden, als sich angenehm mit ihren eigenen Kindern täuschen zu lassen und wenn sie hintergangen sind, den Betrug mit Selbstgefälligkeit loben.
Deswegen ist kürzlich von uns beschlossen worden, den Herrmann und die Barbara auf Reisen zu schicken. Als die Sonne sanft hinter dem Walde emporwirbelte und Lerchen und Nachtigallen das Dorf umfangen – es ist Sommer – betrat Herrmann [103] in Gesellschaft seiner Geliebten einen Weg, der ihm um so lieber war, weil er ihn seinen Wünschen näher führte und aus der Ferne jenes Feenschloß der Beglückung zeigte, nach dem wir früher oder später unsere Schritte lenken.
Die arbeitsamen Bauern waren schon am Acker und schlugen theils mit niedergebückten, abgestumpften Kühen, theils mit fetten, mächtigen Stieren, hohe Furchen. Die Würmlein lagen dick in den Furchen und geschäftige Vögel und Krähen zehrten sie hinweg.
[104] So dient, um mit Reimarus auszurufen, jeder Wurm zur Speise des andern, so nimmt mit Platner zu reden jede Erdspitze ihren Tribut zurück, so empfängt nach Wolf der Winkel vom Zirkel sein Brod, so giebt nach Teten (?) jede Kreatur der andern Futter; so hat nach Lesser die Bricke eine Lunge nebst Luftlöchern; [7] so besitzt der Vogel nach Derham den Wanderungstrieb; [8] so bauet jeder Vogel nach Büffon sich ein Nest; [9] so hat nach Robinet die Materie Leben; [10] so weilt und bleibt nach Bonnet das Thierreich immer als selbiges; [11] so [105] behauptet Leibnitz die Beseelung der Materie[12] u. s. w.
Während unser Liebling der Herrmann mit seinem Mädchen fortwandelte und nach manchem Küssen, Drücken, Herzen und andern dergleichen Tändeleyen an ein Wäldchen kam, welches, was wohl zu merken ist, vor ihnen lag, von Tannensaat war und aus der Ferne balsamischen Duft den Wanderern zuführte, stieg die erfreuende Sonnen lustig und guter Dinge am Firmament empor, lächelte oft verstohlen hinter schmeichlerischen Wölkchen, [106] versteckte sich dann wieder und verkündete einen schönen Tag. Das wallende Pärchen war in der Seele froh und sehnte sich nur noch nach einer didonischen Grotte, welche wir fordersamst unsern lieben Leserinnen und Lesern mit den Worten des sittlichen Dichters am Minzius beschreiben werden.
Erst nach langen Suchen fanden sie diese merkwürdige Grotte, worin ein allerliebstes Mädchen ruhte. In ihrer Miene lag Würde mit sanfter, unschuldsvoller Anmuth verschwistert, ihr Herz schlug nur langsam und ihrem [107] holden Munde entsproßten, (so schien’s dem jugendlichen Rath,) Rosen der Sittsamkeit, Lilien der Unschuld und Veilchen der Demuth.
Welch’ ein Zauber! rief er aus, welch’ eine Frechheit! versetzte Barbara. Was für ein Auge! sagte der begeisterte Jüngling, was für eine Lupe! entgegnete das eifersüchtige Mädchen, angehaucht vom Höllengeiste Asmodi.
Was! ist nicht Jasmin auf den Kontour der Holden gestreut. Mit diesen Worten warf er sich an dieselbe, [108] umfaßte sie und sagte, ach! Sophie wiederhohlte dieses Ach. Jetzt waren die Thore der Zufriedenheit gesprengt und Barbara rief weinend, o weh!!
Das war nun freylich ein sonderbares Ding: Hier Achtung und Liebe, dort Abscheu und Verachtung; hier Empfindung und Wohlwollen, dort Haß und Gleichgültigkeit.
Wir denken nun zwar, dem Himmel sey Dank! schon alles gesagt zu haben, was sich von einem Mädchen sagen läßt; doch denjenigen zu Gefallen, die solche artliche, zuckersüße Sächelchen [109] gern lesen, wollen wir noch ein paar Seiten derselben schreiben.
Also ans Werk. Nun o heilige Jungfrau Terpsichore, (oder wie sonst dein verehrlicher Nahme ist,) durchlauchtigste Tochter des großmächtigen und unüberwindlichen Sultan, Sohn eines Sultan, des Olympiers Zeus! wir dein unwürdiger Sklav und Diener fallen gleich einem getreuen Hunde dero Hoheiten zu Füßen, bitten und flehen demüthiglich, senke dich herab von deinen heiligen Höhen und begeistere uns mit der Laune deiner schönen Seele, Sela! Und gefallen wir [110] nun nicht, so waschen wir unsre Hände in Unschuld, Amen!
Die fremde Schöne war in Purpur gebadet, mit Nektar getränkt, im Lethe gewaschen und mit Ambrosia gesättigt. Auf ihren Gliedern hüpften Amoretten, Sylphen, Grazien, Störche und Nachtigallen.
In ihrer Brust lag die Verklärung, die Geßnerische Schönheit, die Yoriksche Unschuld, die Liebe des Rabelais, die Sanftmuth des Sokrates, die Begeisterung des Löwenbehängten Herkules und noch andere Sächelchen. [111] In ihrem Auge stieg die Sonne der Demuth, die Sternenwelt des Korneille, die Mondsnacht des Kopernikus, die Himmelsburg des Flakkus leuchtend empor.
Auf ihren Wangen gaukelten virgilische Weste, plautische Winde und englische Zephyren. O! es war ein Mädchen zum Mahlen schön! Sobald sie sich bewegte, giengen alle Glieder aus ihren Gelenken und ein Reich voll Anmuth schien sich zu entfalten.
Aber das gute Mädchen war unglücklich, verlassen. Sie hatte einen [112] vortrefflichen Jüngling geliebt, der wegen seiner Aufrichtigkeit und Tugend von jedermann war verfolgt worden. Allenthalben, wo er sich sehen ließ, hieng man Netze aus, um seine Gedanken zu fangen und in Stricke zu legen. Was er sagte, wurde ihm gemißdeutet, was er behauptete, erhielt einen andern Sinn, weil Menschen mit ihm umgiengen, die seine Gedanken nicht verstanden und sie daher jedesmal mit ihren Absichten verglichen und schlecht fanden.
Lange hatte Sophie für ihren Liebhaber Sorge getragen, ihn auf [113] alle mögliche Weise zu warnen gesucht und oft am stillen Abend ermuntert, sich lieber aus der Gesellschaft zurückzuziehen, indem er ja in ihren Armen, an ihrem liebevollen Herzen den Kelch der Freude trinken könne; jedoch alles dieses hatte den Jüngling nicht vermocht, die Zirkel seiner Feinde zu verlassen. Nach langen und vielfachen Kabalen wurde er endlich das Opfer ihrer Rachsucht, man verklagte ihn, weil er sich den Observanzen entzöge, die Religionsexerzitia meide, kein Christ sey und alle Laster übe. Der redliche Mann kam ins Gefängniß und wurde sowohl [114] seinen Freunden, als der liebenswürdigen Sophie entrissen.
Um diesen Verlust zu ertragen und den Fallstricken schändlicher Bösewichter zu entgehen, hatte sich das gute Mädchen entschlossen ein einsames Leben zu führen, war in diese Felsgegend geflohen und in Gesellschaft von Vögeln und Sternen drey Monate in dieser Einöde gewesen.
Als Herrmann diese Geschichte gehört, fuhr er auf und rief: ja lange schon habe ich meinen Muth in ein Bündel geschnürt, meine Kraft in [115] Fesseln gelegt und den Geist an die Sirenen gesandt! aber von nun an will ich die Zuchtruthe des hundsfüttischen Menschengeschlechtes seyn und bleiben.
Ich habe lange genug Klugheit gelernt und selbige mit der Weisheit verbunden; allein länger mag und will ich nicht in die Lehre gehen. Kommt ihr bösen Geister meines Daseyns, empfangt den Freund und führt ihn triumphiren in eure Mitte!
Schicksal! stärke meinen Muth und du Vorhang reiß, sättige meinen wüthenden [116] Grimm! Fein und listig will ich die Bösen umirren und wenn ich sie erkannt, donnernd in Grund und Boden trümmern.
[117] Mit diesen Grundsätzen und begleitet von der trefflichen Barbara kam Herrmann in ein Dorf, allwo ein Wettrennen gehalten wurde.
Die Bauern hatten sich mit Flegeln versehen, ihre besten Kleider angezogen und waren im Begriff den Fürsten des Spiels zu erwählen, welches Amt einem alten Manne zufiel, [118] der kaum gehen konnte. Indeß er übernahms, wie mancher Advokat eine Amtmannsstelle, ohne zu wissen, was er künftig thun, wie er sich stellen und seine Sache ordnen werde.
Die Gemeinde war sehr lustig. Ein heiterer Tag, eine schöne Landschaft, ein nahes Fest hatte die Gemüther fröhlich gemacht, sie in sanfte Bebung gesetzt und auf diese Art in eine glückliche Harmonie gebracht.
Die jungen Leute waren lustiger als die Alten; ganz natürlich, sagt hier der gelehrte Arzt: in der Jugend [119] hat der Körper mehr Reizbarkeit, als im höhern Alter; dieweil nun die Venen und Arterien sich wechselseitig unterstützen, die Lunge ihre gehörige Ausdehnung, das Herz die Masse von Blut, der Körper die nothwendige Ex- und Intensität hat, muß das Leben nothwendig besser von Statten gehen.
Ich gebe dem tiefdenkenden Mediziner gern alles zu, nur bitte ich ihn, mir zuvor eine Erklärung von dem Dinge zu geben, das man Leben zu nennen geruht, ehe und bevor er so hastig in dem Felde der Reize, der [120] Flüssigkeiten und Mixturen herumwandert.
Um sich hier aus allen Nöthen zu helfen, ruft er einen alten, uralten Hippokrat zu seiner Rettung herbey und schlägt über den geistigen Stoff der Seele nach, räuspernd sucht er sich halbtodt und kann doch nichts finden vom wunderbaren Wirken der Monadenkraft.
Nun schwitzt er Blutstropfen, so groß als die Erbsen; aus Barmherzigkeit und Schonung flehen wir ihn an, sich ja nicht allzusehr anzustrengen, [121] indem dies sowohl seinem Körper, als auch seinem Geiste nachtheilig seyn könnte.
Jetzt reicht er unsrer Tiefgelahrtheit die Hand, gesteht ein, daß er gefehlt habe, wolle es aber nicht mehr thun und wird – was sagen Sie dazu hochgeehrte Leser – blos weil wir ihn irre gemacht und nachher schonend wieder aufgehoben, nun ein Geistlicher.
Ach! hätten wir doch nicht angefangen ihn beym Leben zu fassen; es thut uns selbst leid. Wir haben den unglücklichen Mann so schnell aus seiner [122] Existenz getrieben, daß er jetzt glaubt, es gäbe weder eine Welt, noch eine Medizin, noch einen Gott. Welche Verzweiflung und Angst!
Steht ihm bey dem armen Manne und gebt ihm alles zu, er möchte sonst wohl gar in ein Wasser springen und sein blumigtes, rosenfarbenes Leben ertränken, um dadurch zu zeigen, wie unerklärbar solches sey.
Die lustigen Bauern bauten Hütten, umhiengen sich mit Blumen, ordneten Wettrennen an, die größtentheils denen des Homers gleich kamen, [123] setzten Scheiben und erneuten die schöne Vergangenheit.
Die Töchter des Dorfs waren sehr gut gekleidet. Einige hatten kleine niedliche Hauben, worunter sie das schöne Kastanien- Gold- oder Rabenfarbene Haar versteckt und in einen künstlichen Knoten geschlungen hatten.
Ferner trugen sie kleine Hemden, an deren Ende eine Krause angebracht war, die mit ihrer Alabaster-Weiße den schönen Hals umwallte.
Nun folgte in der Ordnung ein feines Kollerchen, das den wogenden [124] Busen deckte und von dem geschickten Schneidermeister dasigen Ortes in sehr künstliche und meisterhafte Falten gelegt war.
Besagtem Kollerchen zunächst fand sich ein blaues linnenes Schürzchen; dann kam ein wollenes, sehr kurzes Röckchen, dessen Purpur mit dem feurigsten Scharlack in Rücksicht der Schönheit wetteifern konnte; dieses rothe Röckchen zeigte vermöge seiner außerordentlichen Kürze ein so niedliches Füßchen, daß ein Apelles es gar füglich zum Modell hätte benutzen [125] können, indem er eine Herrscherin von Paphos zu schaffen gesonnen.
So wären denn nun die Mädchen des Dorfes von Köpfchen bis zum Füßchen geschildert und es könnte ohne weitere Umschweife nunmehro zu den handfesten Jünglingen geschritten werden; aber eben fällt es uns ein, daß wir der lesenden Behörde noch pflichtschuldigst einen Bericht zu erstatten haben, unter der Rubrik: etwas über die Geistesbildung der bärtigen Race des Dorfs.
Diese gute Race war bisher in der Schule der Klugheit und Gottseeligkeit [126] (wir bitten den aufgeklärten Kritikos um Verzeihung und Nachsicht dieses altmodischen Ausdrucks!) unterrichtet worden.
Ein alter würdiger Schulmeister, der seinen für die Menschheit so wichtigen und schweren, aber (leider!!) für den Beutel desto leichtern Dienst schon seit dem achtzehnten Jahre versehen, hatte seine Residenz in einer Hütte aufschlagen müssen, die noch in dem braven Gothenzeitalter, auf Gemeindekosten, gegründet und eingeweihet worden zu seyn schien.
[127] Der gute Mann kannte zwar keine andern Werkzeuge zur Zucht, als seinen uralten (hellenisch-gelehrt würden wir ihn ogygisch nennen) Katechismus und einen beständigen, schönen Haselstock oder Bakel.
Diese beyden brauchbaren Stücke, als welche das Heergewette unsers ehrlichen, treufleisigen Schulmeisters ausmachten, wollen wir unsern werthgeschätzten Lesern so rein und lauter beschreiben, als sie uns von dessen eigenem aufrichtigen Munde sind beschrieben worden.
[128] Doch ehe wir diese Beschreibung machen, soll erst noch ein Satz eingeschaltet werden. Hierzu giebt uns das Wort Heergewette Gelegenheit, als welches die Waffen bedeutet, die die Söhne erbten.
Zu unserm größten Leidwesen haben wir zu berichten, wie vor lauter Freuden, (welch’ Entsetzen!) das Tintenfaß umgestoßen worden, wodurch die trefflichste Stelle in diesem Original, zum unersetzlichen Schaden des ganzen heiligen römischen Reichs deutscher Nation, vernichtet wurde. [129] Wir können sonach unser Versprechen nicht halten, sondern müssen in unserer beliebten und wahrhaftigen Geschichte also und dergestalt fortfahren.
Er, unser Herr Schulmeister, wandelte so gravitätisch unter den lieben Kleinen, führte sie mit Eifer und Treue, so geschwind es nur immer möglich, zur Erkenntniß Gottes und seines heiligen Wortes, wie auch zu allen guten und löblichen Sitten unserer würdigen Ahnen, der tapfern Gerrmannen, (Kriegsmänner, weil sie die römischen Räuberhorden so muthig, als glücklich, über den Rhen [130] (den Fluß) zurückjagten, von welchen guten Sitten sich auch noch Spuren in Deutschland, diesem verpfuschten Pfropflinge auf dem uralten trefflichen Stamme der Gerrmannie, finden, welche aber durch Romanisirung, Französirung, Brittisirung und der Himmel weiß durch welche Sirung noch, verdrängt worden sind und es noch werden; möchte doch die Zeit dieser Affisirung, (Veredelung beliebt man diesen Unfug zu nennen,) die für meine lieben Landsleute so schändlich als schädlich ist, bald vorbey seyn!
Nach dieser, vielleicht kühnen, Abschweifung, kehren wir wieder zum [131] achtbaren Schullehrer zurück, der unsere Achtung verdient, obgleich weder sein schwarzer Rock, noch seine nichtschwarze Seele einen neumodischen Zuschnitt hatte.
Von den Bewohnern des Dorfs wurde er, ihr Führer auf dem engen Pfade zum Himmel, sehr geliebt und sie hielten, nach ihrem Ausdrucke, so große Stücke auf ihn, daß sie denselbigen jedesmal in ihren Morgen- und Abendseegen einschlossen und auf ihre treuherzige Weise den lieben Gott baten: er möchte ihnen den guten Mann noch viele und lange Jahre [132] erhalten, damit er auch fernerhin für die christliche Gemeinde andächtig beten und ihnen die heiligen zehn Gebote vorsagen könnte.
Es ist zu erachten, daß unter seiner Anführung die Kinder weder egyptische noch chaldäische Weisheit erlernten, sondern sie wurden im Christenthum und in der Tugend, welche beyden Stücke unser guter Schulmeister für unzertrennlich hielt, so unterwiesen, wie es von einem Manne geschehen konnte, der ein gutes Herz besaß, aber wenig Gelegenheit gehabt, seinen Kopf zu bilden.
[133] Nun kommen wir endlich einmal auf die Kleidung der Bursche, so wir auch Stück für Stück, wie sie uns beyfällig sind, beschreiben werden.
Erstlich kommen köstliche Pudelmützen; sie sind von feuernden Scharlack, mit Gold verbrämt, oder mit Schafpelzen umwallt.
Nun folgen in unserer Beyfälligkeit weiße, lederne Hosen und Stiefeln, die ein ächt äthiopisches Ansehn hatten, ferner große, mächtige Röcke, blaue oder graue Kamisöler und eine Weste, die dergestalt mit Knöpfen [134] versehen und ausgerüstet war, daß man vor ihnen das Tuch nicht erkennen konnte, wie auch weiße linnene Halstücher, denen wir unsern ganzen Beyfall schenken, so wie wir überhaupt diese geistige Farbe, (die Spiritualisten, denen geistige Einheit und Geist ein Ding ist, mögen den Ausdruck nicht übel nehmen,) zur Kleidung sehr schön finden.
Auch die Kinder waren sehr nett herausgeputzt. Einige trugen lange Hosen, um anzudeuten, wie die Akten zu dieser wahrhaftigen Geschichte mit dürren Worten besagen, daß sie [135] dem Herrn Schulzen gehörten; andre waren blos in Röckchen gekleidet, die den Kleinen allerliebst standen.
Die alten Weiber hatten sowohl den Hochmuth des Herzens, als auch die Hoffart der Sinne abgelegt. Abgestorben dem eitlen, nichtigen Tand der Welt, sahen sie blos auf das zukünftige bessere Leben, welches ihnen schon ihre seeligen Großmütter mit den lieblichsten, morgenländischen Bildern gemahlt hatten.
Nur ihre irdische Hülle lebte noch auf dieser Welt; ihr Geist aber blickte [136] nach der ruhigen Stätte, wo sich Leib und Seele trennen; ersterer in eine stille Kammer gelegt, letztere aber, wenn sie fromm gelebt, des Anschauns der Gottheit würdig gefunden wird.
Ohngeachtet ihres Alters fanden sie doch noch Vergnügen an der Anordnung eines Festes, freuten sich oft blos über den Bruder und stiegen um so vergnügter in den Söller der Penelope, je besser sie den Freund fanden, der ihnen auch in den welkenden Tagen des Lebens gefiel.
[137] Während Herrmann weiter gieng und sich zuweilen nach seiner Barbara umsahe, die ihm langsam nachschlich, sang er folgendes Lied aus Göthes Iphigenia, das wir seiner Wahrheit und Schönheit wegen hier niederschreiben wollen.
Es fürchte die Götter
Das Menschengeschlecht;
Sie halten die Herrschaft
In ewigen Händen
Und können sie brauchen,
Wie’s ihnen gefällt,
Der fürchte sie doppelt,
Den je sie erheben!
Auf Klippen und Wolken
Sind Stühle bereitet
Und goldene Tische.
Erhebet ein Zwist sich:
So stürzen die Gäste,
Geschmäht und geschändet
In nächtliche Tiefen,
Und harren vergebens,
Im Finstern gebunden,
Gerechten Gerichts.
Sie aber, sie bleiben
In ewigen Festen
An goldenen Tischen.
Sie schreiten von Bergen
Zu Bergen hinüber:
Aus Schlünden der Tiefe
Dampft ihnen der Athem
Erstickter Titanen,
Gleich Opfergerüchen,
Ein leichtes Gewölk.
Es wenden die Herrscher
Ihr segnendes Auge
Von ganzen Geschlechtern
Und meiden, im Enkel
Die ehemals geliebten,
Stillredenden Züge
Des Ahnherrn zu sehn.
So sangen die Parcen;
Es horcht der Verbannte
In nächtlichen Höhlen,
Der Alte die Lieder,
Denkt Kinder und Enkel
Und schüttelt das Haupt.
Auch Klaus schüttelte seinen Kopf, da Barbara so langsam hinter ihm her kam. Was fehlt dir, redete er sie an. Sie antwortete nicht, sah ihn an, machte eine wehmüthige Miene und als ihr Geliebter gerührt, auch seine Gesichtszüge mit Seufzern benetzte [141] und die Wangen in Wemuth kleidete, fiel ihm das Mädchen an die Brust und rief, ach! hast du mich denn ganz vergessen.
Hast du mich völlig verlassen, entgegnete Herrmann und da seine Liebe aus jedem Gedanken sprudelte, seine Augen reine Andacht sprachen, ergriffen sich die Herzenskinder und drückten sich aneinander.
- „Jetzt betete – wir sprechen indisch – die Natur, jeder Thautropfen verkündete die Weihe zweyer liebenden Wesen und
[142]
- aus den Gestirnen sank eine fröhliche Stimme hernieder. Die Bäume belebten sich und zogen ein Kleid an; aus dem Schilf sprachen Weiberstimmen und die Rohrdommel schwirrte ein Hallelujah. Auch die Steine bewegten sich und nahten dem neuen Theseus, um seine Wonne zu besingen. Ein Alabaster konnte nichts als rohe Lieder schwirren, weshalb der geistreiche Herrmann auf den Gedanken fiel, es stecke eine Maus darin. Nachdem nun das dreymal Heilig gesprochen und das
[143]
- siedende Wasser genaht war, um sich den Geliebten zur Läuterung anzutragen – alles nach chinesisch-arabischer Manier – begann sich ein Klotz zu regen und des entsprang daraus ein Mann. Weil ihn Klopstock beschrieben, wollen wir eine zweite Umschreibung nicht liefern. So beginnt der Singemann.“
[144]
Noch saß mit drohendem Auge
Philo da und erbebte vor Wuth und grimmigen Zorne
In sich selber und zwang sich aus Stolz, den Zorn zu verbergen.
Aber er zwang sich umsonst. Sein Auge ward dunkel und Nacht lag
Dicht um ihn her und Finsterniß deckte vor ihm die Versammlung.
Jetzo muß er entweder ohnmächtig niedersinken:
Oder sein starres Blut auf einmal feuriger werden
Und ihn wieder gewaltig beleben. Es hub sich und wurde
Feuriger und von dem hochaufschwellenden Herzen ergoß sich’s
In die Mienen empor. Die Mienen verkündigten Philo.
Und er sprang auf und riß sich aus seiner Reih’ und ergrimmte.
So, wenn auf unerstiegenen Gebirgen ein nahes Gewitter
Furchtbar sich lagert, so reißt sich eine der nächtlichsten Wolken
Mit den meisten Donnern bewaffnet, entflammt zum Verderben,
Einsam hervor. Wenn andre den Wipfel der Ceder nur fassen,
Wird sie von einem Himmel zum andern waldichte Berge,
Wird hochthürmende, meilenlange Königsstädte
Tausendmal donnernd entzünden und sie in Trümmern begraben. –
Verwandt damit ist die Stelle des Homers, welche am Ende des 12. Gesanges vom 445. V. bis zu Ende des 470. so lautet.
[147]
Hektor trug auffassend den Feldstein, welcher am Thore
Dastand, draußen gestellt, von unten dick und von oben
Zugespitzt; nicht hätten ihn zween der tapfersten Männer,
Leicht zum Wagen hinauf vom Boden gewälzt mit Hebeln,
Wie nun Sterbliche sind; doch er schwang ihn allein und behende;
Denn ihm leichterte solchen der Sohn des verborgenen Kronos.
Wie wenn ein Schäfer behend’ hinträgt die Wolle des Widders,
Fassend in einer Hand und wenig die Last ihn beschweret:
So nahm Hektor und trug gradan zu den Bohlen den Feldstein,
Welche das Thor verschlossen mit dicht einfugender Pforte,
Zweygeflügelt und hoch; und zween sich begegnend einzeln
Hielten sie innerhalb, mit einem Bolzen befestigt.
Nah jetzt trat er hinan und warf gestemmt auf die Mitte,
Weit gespreizt, daß nicht ein schwächerer Wurf ihm entflöge.
Schmetternd zerbrach er die Angeln umher und es stürzte die Mauer
Schwer hinein; dumpf krachte das Thor, auch die mächtigen Riegel
Hielten ihn nicht und die Bohlen zerspalteten hiehin und dorthin
Unter des Steines Gewalt; und es sprang der erhabene Hektor
Furchtbar hinein, wie das Grauen der Nacht: er strahlt in des Erzes
Schrecklichem Glanz, der ihn hüllt und zwo hellblinkende Lanzen
Schüttelt’ er. Schwerlich hätt’ ein begegnender jetzt ihn gehemmet,
Außer ein Gott, da er sprang in das Thor, wuthfunkelndes Blickes.
Laut ermahnt er die Troer, umhergewandt im Getümmel
Ueber die Mauer zu steigen und schnell folgt alles dem Aufruf:
Andere drangen zur Mauer und kletterten, andre strömten
Durch die gezimmerte Pforte hinein. Doch es flohn die Achaier
Zu den geräumigen Schiffen; es tobt unermeßlicher Aufruhr.
[151] Unter Wonne und Freude versank den Wanderern allmählig die Sonne; ein Stern putzte nach dem andern sein flimmerndes Lämpchen, der Mond lächelte freundlich, freundlich auf die prächtig gekleidete Erde herab und während die kühlende Dämmerung auf den Hügeln miltonisch lustwandelte, kam der mahlerische Abend feyerlich daher geschritten.
[152] In seinem Mantel webte der lieblichste Dunst und ein Meer voll philosophischer Dichtungen, eine Quelle voll humoristischer Bildner strudelte in die Nacht.
Was ist göttlich, rief der junge Klaus, als das Dunkel, in dem man sein Antlitz birgt und welches die Liebe so oft in seinen Schoos nimmt. Er hatte nach seiner Art Recht und es ist nicht daran zu zweifeln, daß er künftig entweder ein Theist oder gar ein Naturalist wird, doch, wenn wir ihm rathen sollten, würde er wohl thun, sofern er dem ersteren [153] Glauben anhienge, indem er ohne Umschweif zur Himmelspforte, wie es uns dünkt, geleitet.
Indeß er wählte die goldne Mittelstraße. Als die Sterne aus ihrer Kammer getreten waren, der Hesper funkelte, der Mond Wonnetrunken an den Schwellen des azurnen Aethers hin- und hertaumelte, die Fixsterne sich in ihre Versammlungen begaben; während die Musik der Sphären begann, die der Freymaurer Pythagoras zu erfinden das große Glück hatte und wobey, wir versichern es unsern Lesern auf das Wort des unfehlbaren [154] Professors, also muß es schon wahr seyn, wobey Trompeten, Posaunen, Zimbeln, Schellen, Pfeifen und Hoboen im Himmelsgärtchen ertönen; erblickte Herrmann eine nahliegende Stadt.
Die Lichter erhellten die Gegend. Große Gebirge schlossen sich an kleinere, hohe Mauern versteckten sich in tiefe Winkel und ein sanfter Wind drang aus den Fleischbänken der ansehnlichen Stadt.
Was ist das für eine gebenedeyte Gebirgsgegend und es war die Antwort! [155] der Ort, worin du Bullenbeißerrath werden sollst.
Seine Barbara hatte die Worte verstanden und streichelte ihm dafür die jugendlichen Wangen, welche feurig und brennend unter den sanften Händen glühten.
Wie bist du so warm, mein Lieber! rief sie ein bis zweymal aus. Fehlt dir etwas? Du wirst doch nicht krank werden?
Gedulde dich nur noch ein klein wenig, sobald du in’s Quartier kommest, [156] so will ich dir eine gute Biersuppe machen und wenn du gegessen hast und satt bist, so lege dich zu Bette.
O! sorge nicht für mich, sprach der gute Herrman, es ist mir wohler denn wohl; und wie könnte es mir übel seyn in der Gesellschaft eines solchen Mädchens, das alles thut, was es mir an den Augen absieht, das keine Mühe scheut, um mir mit jedem Tage größere Freude zu machen.
Ach! Barbara, wie liebe ich dich! wie lebe und webe ich in dir! O! [157] möchten wir doch nie den Kelch der bittern Wehmuth schmecken!
Während diesem Monologe oder Duodrama standen die beyden Reisenden vor einem Pallaste, woraus ihnen eine schöne Musik entgegen scholl; beyde waren sehr aufmerksam und unterschieden Takt und Schlag. Es wurde gerade ein Fest gehalten, woran alle Hofleute erschienen. Der Fürst hatte vor sechs Jahren an dem nemlichen Tag einen Eber getödtet, der ihm gewiß das Leben verkürzt haben würde, wenn er nicht mit seinem Jagdspiese das Blatt umgekehrt.
[158] Um dieser heldenmüthigen Aktion willen, die der große Mann begangen, gab er jedes Jahr ein Faß Wein, eine Tafel voll Gebackenes, eine Bande Musikanten und einen Saal zum Besten, worin die tanzende Menge, nachdem sie etwas zu sich genommen, die gestärkten Glieder in Thätigkeit setzen durfte.
Bevor der Ball angieng wurde ein Widder gebracht, auf dem mit goldenen Buchstaben stand – regi patriae ac nemoris salvatori. – Neben ihm giengen die Hofbedienten im Ornate einher und trugen Lorbeerkränze, [159] die nach vollendeter Prozession auf die Parücken mehrerer Forstbedienten gelegt wurden, anzuzeigen, daß mit ihrer Hülfleistung das herkulische Werk unternommen und im Gebete vollbracht sey. –
Den ganzen Ball wurde nichts als englisch getanzt. Der Fürst konnte die Dreher nicht leiden und da er einst während einer Quatrille irre geworden und zur Schande seiner Person nicht wieder in Takt gekommen, trug er Bedenken selbige tanzen zu lassen.
[160] Wollte man Ihro Durchlaucht gefällig werden; so mußte man blos anglisiren. Es war nun der Fehler, daß mehrere schöne, girrende Damen sich keineswegs in alle Touren finden konnten. Und zum Unglücke forderte seine fürstliche Durchlaucht die Tänzerinnen meistentheils dann auf, wenn ein ungewöhnlicher Gang vorkam.
Ob wir gleich blos Schriftsteller sind, haben wir doch mit den edlen Frauenzimmern Mitleid und tragen alles bey, um die Gefangenen aus dem Exil zu lassen und ihnen freyen Gang zu geben. Am besten wird’s [161] seyn, wir endigen den Ball, begeben uns mit Herrmannen in sein Logis, sehen ihn auf seiner Stube umher wandeln und begleiten die hohe Person zur Fürstin, allwo sie freundlich und lächelnd empfangen wird.
Was mag doch daran schuld seyn, ruft hier ein Leser. –
Erstlich besaß Herrmann einen herrlichen Wuchs, der ihm die Liebe des ganzen weiblichen Geschlechts erwarb. Indem er einst von einem Dorfe zurückritt und von den Mädchen gesehen wurde, riefen die guten Seelen [162] einstimmig, welch’ eine Tanne! Wie schön trägt er den Kopf! Wie hangen seine Arme im Gleichgewicht! Wie hüpft sein junges Blut! Ist er nicht göttlicher denn ein Hirsch, nicht himmlischer als ein Engel! Wie lächelt der saphyrne Mund! Wie flammen die leuchtenden Augen!
Damals trug der Jüngling weiße lederne Beinkleider, ein grünes Kollet, einen federbebuschten Helm, schöne anliegende Stiefeln und Sporen von massivem Bleye. So was hatten die Bauern von ihres Gleichen noch nicht gesehen. Ihre Liebe, Innbrunst, [163] Herzlichkeit und Wohlwollen war daher blos für ihn, sie reichten ihm selbes mit einer Freygebigkeit, die unsern Klaus in Erstaunen setzte.
Wenn ich, fuhr er fort, künftig alle Mädchen auf solch’ eine humane Art gewinne, wo will ich mit ihnen hin, wo soll ich einen Saal finden, in dem ich sie sammle. Ein Serail ist nicht groß genug die Liebenswürdigen zu umschlingen.
Die Fürstin brachte mit Herrmann einen halben Tag hin, sie zeigte ihm voll liebenswürdiger Gnade ihre Merkwürdigkeiten, [164] die kleinen Gemählde, welche sie mit eigner Hand verfertigt, die Strickereyen, die sie gemacht, führten den liebenden Jüngling zu ihren Kindern und als sich Klaus auf eine freye und naive Art mit ihnen unterhielt, ihre Wünsche so geschwind wie möglich zu befriedigen suchte, schenkte ihm die Dame einen Ring mit der Bitte ihn zu bewahren.
Barbarens Liebling war in der That mehr zum fürstlichen als bürgerlichen Leben gemacht. Er wollte allenthalben Anordnungen treffen, alte Dinge erneuen und mit der Zeit pflichtmäßig [165] fortschreiten. Wo er eine gute Neuigkeit sah, suchte er sie, sowohl an sich, wie an seinen Freunden nachzumachen und kam ihm etwas in die Quere und er konnte nicht bestimmt fortfahren, so war er auf einige Wochen ungeduldig, verstimmt.
In seinem Dorfe lebte er für sich, besuchte wenige Gesellschaften, las die nützlichsten und neuesten Werke, hielt ihren Innhalt von den alltäglichen Gesprächen zurück und blieb aus dem Verdachte ein Neuerer und Aufklärer zu seyn.
[166] Ohngeachtet er keine litterarischen Freunde außer dem Pfarrer hatte, wurde seine Begierde nach höheren Kenntnissen mit jedem Tage mächtiger, wozu denn besonders das langsame Studium der Klassiker und die fleißige Bearbeitung seiner Muttersprache beytrug.
[167] Aus allen diesen Darstellungen ist leicht zu ersehen, daß Herrmann, sowohl zur Ausbildung seiner Seele, als zur Verschönerung seines Körpers, alle Hülfsmittel zusammengesucht und so dahin gekommen ist, sich nicht allein bey den niederen, sondern selbst bey den gebildeteren Ständen zu rekommandiren. Er brachte, wie gesagt worden, einen halben Tag bey der Fürstin hin [168] und je länger er sich aufhielt, desto interessanter wurde ihr ein Jüngling, der ohne Tinte sein Herz entsiegelte und die geheimsten Gedanken, wie gute Engel aus dem verborgenen Winkel trieb.
Jedes seiner Gespräche führte den Ton der Herzlichkeit und stiller Humanität, wozu denn natürlich das Hofleben, die Lustbarkeiten und Bälle den Stoff gaben. Wenn er auf letzte kam und die Einrichtungen vorbrachte, die er längst dazu in seinem Inneren überdachte; dann die interessanten Situationen schilderte, in welche er sich setzen [169] wollte, wurde das Angesicht der Fürstin jedesmal wie verklärt.
Sie gewann ihn mit jedem Augenblicke lieber, sie suchte alles herbeyzuführen, um ihm diese Sehnsucht zu offenbaren und ob er es gleich merkte, suchte er doch den Schleier nicht hinwegzuziehen, den ihn Sittlichkeit und Urbanität zu weben genöthigt hatten.
Er näherte sich der Fürstin immer mehr, entdeckte ihr die Geheimnisse seines innern Heiligthums, blieb aber schüchtern stehen, wenn sie ihn aufmunterte, dieses Palladium hintanzusetzen. [170] Er dachte an die vielfachen Fehler der Hofleute, an die Schicksale, durch welche sie gefallen und bewahrte sich vor gleichen Fehlern. Er mußte Mittags am Hofe speisen, die Rechnung über die Bullenbeißer ablegen und weil er in jeder Sache so exakt und prompt war, bekam er einen Orden und den Charakter eines Ober-Bullenbeißerraths.
Die Leser müssen wissen, daß der Fürst auf diese edlen Thiere außerordentlich hielt. Er hatte mehrere Bedienten, welche die Hunde striegeln, putzen, füttern und in das Wasser [171] führen mußten. Ehe er ausfuhr, gieng er jedesmal zu ihrem Koben und wenn sie ihm entgegenschwänzelten, erhob er ein solches Lachen, daß die Bedienten ohne große Mühe errathen konnten, welche Tage ihrer warteten. Waren die Messieurs Bullenbeißer unpaß, nun so war auch der Fürst mißmuthig, es konnte ihm gar nichts recht gemacht werden, er schalt, wüthete und man hatte von Glück zu sagen, wenn es keine Hiebe gab. – Dies alles ist so wahr, wie die wahrhaftigste Geschichte, die seit dem Sanchoniaton geschrieben worden ist. –
[172] Die größten Hunde wurden mit auf die Jagd genommen, um, wenn seine Durchlaucht einmal in Gefahr käme, selbige theils zu schützen, theils sicher wieder an den Ort seiner Bestimmung zu bringen. Kam ein Bullenbeißer auf der Jagd um, so ließ ihn der Fürst nach Hause schaffen, in ein schönes Tuch kleiden und in eine Gruft beysetzen, welche man Bullenbeißergruft nannte – auch dies läßt sich durch Akten nachweisen. – Nachher herrschte mehrere Wochen Trauer und Betrübniß. Die Aufwärter der Hunde, trugen schwarze Bänder, mußten zu verschiedenen Zeiten das gute [173] Thier beweinen und andere Zeremonien begehen. Geschah es, daß ein Bullenbeißer unvorsichtig krepirte, oder durch die Nachlässigkeit der Wächter krank wurde, so mußte der Aufwärter unverzüglich die Residenz verlassen und sich schnurstracks in die weite Welt begeben.
Herrmann erhielt die größten Lobsprüche wegen der Achtsamkeit, die er den Hunden erzeigt, übernahm den Orden und bat um die Erlaubniß auch seine Barbara, die er nächstens zu heirathen gedenke, produziren und vorführen zu dürfen.
[174] Als die Fürstin von einer Barbara, von der Heirath, von der Geliebten hörte, wurde sie bald weiß, bald roth und dann gar fahl.
Man mußte nun allerley Spiritus herbeybringen und die durchlauchtige Dame allerschleunigst zum Bette geleiten.
Eine solche Erscheinung hatte der junge Herr Bullenbeißer-Rath, unser edle Herrmann genannt von Klaus, gar nicht geahndet.
Er warf sich jetzt zu verschiedenen Malen die sonderbare Frage auf, worin diese Erscheinung ihren zureichenden Grund habe und brachte endlich vermittelst [175] einer meilenlangen Wolfisch-mathematischen Kette heraus, daß es niemand anders sey, als die Göttin der Romanisten-Epimetheuse, ihre Pandora, Liebe genannt und daß dieses reizende Gespenst vorzüglich die Hofleute, beyderley Geschlechts, gerne necke und nicht selten sogar Erdengottheiten so weit führe, als wir solches sogleich mit einer französischen Note zu beweisen, erbötig sind.[13]
Wie wird es dir nun gehen? sagte er wiederhohlend zu sich selbst, als er vermittelst des Fallschirmes: Zeit, sich wieder aus der Atmossphäre der [176] Philosophey auf unsre gemeine Lumpenerde herniedergelassen.
Jetzt fieng er folgendes Seelenmanöver an: Er hielt den Zeigefinger weislich an seine ritterliche Nas’, setzte den Fuß, wie ein römischer Fechtmeister, bald vor, bald hinter, (wir erzählen immer manchmal, wie es uns beyfällig, welchen herrlichen Ausdruck wir hier beyfällig ein- für allemal den sämmtlichen Buchschreibern als klassisch empfehlen sollen und wollen.
Ferner spützete er auf die Erde, firlefanzte mit den beyden Oberfüßen, Hände nennt sie das ausgeartete, gemeine Menschengesindel; wir hergegen, [177] der aus- und abgesonderte Auktor, folgen, insofern wir nicht Himmeleinführender Theist sind, der alleinseeligmachenden (es versteht sich für dieses Leben) Lehre des ehrlichen und unsterblichen Hanns Jakob von Genf.
Glückliche Zeiten, rufen wir aus und abermals aus! ja gute, schöne Zeiten! schöner und guter (dieses ungewöhnliche Wort ist natürlich, neugeschaffen, auktorisch, dazu aktengemäß) guter sagen wir, als die, welche unsere lieben Großväter und Großmütter ihren lieben Enkelchen vor die Aeuglein malen und ein andächtiges: [178] Die Welt wird immer schlechter, dazu sprechen.
Ja! seyd uns gebenedeyet, natürliche, beglückende, elysische Zeiten! sey uns dreymal gebenedeyet großer Apostel der Kultivirten, katholischer Bruder Hanns Jakob, Emigrant von Genev; du bist größer als Winfried genannt Bonifaz, der Apostel deutscher Heyden; du hochwürdigster Vater Bonifaz stürztest heilige, ja götzliche Eichen, trenntest Brüder und Schwestern und scheuchtest sie in heilige Zelfen; du lieber Bruder Hanns Jakob lührest (so viel an dir ist) Zeiten herbey, [179] worinne sich Brüder und Schwestern traulich wieder vereinen, (vermöge mischkundlicher Gedanken-Verknüpfung setzten wir beynah’: amalgamiren, aber ein logischer und ethischer zureichender Grund hielt uns davon ab.)
Nun oben fort: in denen diese zwanglos in den freyen Tempel der Natur tanzen, darin gleich den getreuen Hündlein auf allen Vieren lustwandeln, sich in schöner bunter Unordnung herumtummeln und Eicheln essen, als die latischen Schwein’.
[180] Nachdem unser von Klaus zur Genüge gefirlefanzt, (andre unzählige Gestikulationen machen wir der Lesewelt nicht beyfällig;) nachdem der Verstand aus den Fingerspitzen wieder in sein Häuslein, die Zirbeldrüse, gewirbelt; siehe! so hielt er einen merkwürdigen Autolog oder Selbstgespräch, der buchstäblich mitgetheilt wird.
Die schöne, edle Fürstin war dir gewogen, hatte dich lieb, ward von deinen Blicken gefesselt und als sie glaubte, du schenktest ihr deine Gegenliebe, überhäufte sie dich mit Wohlwollen, (hier fehlt nun in der Urschrift: [181] „gab dir,“ maßen es mit einem Orden gestrichen,) die Versicherung zu noch höhern Chargen.
Doch du hast sie schrecklich gelohnt! Hättest du sie nicht auf dem Glauben lassen können, als wärest du verheirathet?
Aber wo sollte denn Barbara, die Holdseelige hin? Sollt’ ich sie verlassen, von ihr fliehen, ihr untreu werden? Doch vielleicht hätte ich sie verbergen und so glücklich seyn können.
Mit solchen und mehr dergleichen Fragen, wie auch ihrer Beantwortung, [182] brachte der geehrte Selbstredner eine ganze Stunde hin.
Doch endlich ermannte sich der ehrenfeste Ritter Herrmann von Klaus, gedachte des weisen Sprüchleins: was geschehen, ist nicht zu ändern, gieng zu den Aufsehern der Hunde, erkundigte sich nach ihrem Wohlbefinden und da sie ihm sagten, daß der Fürst schon zweymal nach ihm gefragt habe, entschloß er sich unverzüglich dem edlen Monarchen seine Aufwartung zu machen.
Er fand ihn über einem Aufsatze, der seine Hunde betraf. Sein Stallmeister, [183] ein äußerst komplaisanter Mann, hatte, um sich beliebt zu machen, den Entschluß gefaßt, eine Seife zu entdecken, mit der man die edlen Hundchen recht weiß waschen könne.
Nach vielem vergeblichen Hin- und Hersuchen, welches harte Schicksal er mit allen Goldmachern gemein hatte, belohnte sich seine Mühe doch noch reichlich, reichlicher als sie diesen Weisen belohnt wurde, den berüchtigten Philippus Aureolus Theophrastus Parazelsus Bombastus Edlen von Hohenheim eingeschlossen, gegen welchen Ehrenmann alle Wunder- und Wurmdoktoren, [184] ja selbst der große Lehnhardt in Quedlinburg nur erbärmliche Stümper sind und bleiben. Sela!
Der glückliche Stallmeister entdeckte nämlich beyfällig eine Erdart, die abgebrüht (!!) eine solche Schärfe zurückließ, daß man damit leicht alles ganz weiß machte und wir sind zweifelhaft, ob dem Hof Rechenmeister Archimed sein hellenisches Heurika, oder unserm Stallmeister das deutsche Gefunden, mehr Freude gemacht habe.
Er gieng unverzüglich zu Ihro Durchlaucht, machte Hochderselben seinen [185] wichtigen Fund, benebst dessen künstlicher Zubereitung bekannt, worüber der Fürst so entzückt wurde, als man ihn in seinem ganzen Ruhm- und Thatenvollen Leben noch nicht gesehen hatte.
Welch ein Glück haben Sie gehabt, liebster, bester Mann! riefen Ihro Durchlaucht aus; Sie haben mir eine so große Freude gemacht, daß ich Ihnen auf der Stelle hundert Dukaten auszahlen lasse. Hier haben Sie eine Assignate, gehen Sie zum Schatzmeister und lassen sich das Geld dafür geben.
[186] Herrmann traf den Fürsten mitten in der Freude und wurde daher ungemein huldreich empfangen. Er mußte sich sogleich niederlassen und wurde von Sr. Durchlaucht mit den schmeichelhaftesten Ausdrücken beehret. Sein Glück wurde noch dadurch erhöhet, daß ihn der edle Monarch Höchsteigen bis zum Hundestalle, welchen der Hof nur Mon-Bijou nennete, zu begleiten geruhte.
Wie gnädig gegen einen Jüngling, der vor zehn Jahren noch in einer Hütte schlief, den Abend den Lichtqualm einsog und zufrieden war, [187] wenn ihm nur von Tag zu Tag eine hinlängliche Zahl Kartoffeln gereicht wurde. Hätte Herrmann sich so was träumen, lassen? Wahrlich bald sollte man sagen, die Träume seyen höhere Erkenntnißformeln, wie die klaren Dinge.
Ist eine solche Sache bey unserm Klaus nicht deutlich? Wer avanzirte je so schnell vom Kneller zum Petitknaster und der Jüngling rauchte jetzt nur Letztern. Da nun seine Sparbüchse mit Dukaten gefüllt, so hielt er es für keine Sünde, die Kartoffeln mit Gebackenem, die Leimenhütte [188] mit einem Pallast, den Strohsack mit einer Pflaumendecke, den Linnenkittel mit einer englischen Tuchjacke und die Holzschuhe mit seinen Stiefeln zu vertauschen.
[189] Da allmählig das Ende dieses Theils herannaht und man gesonnen ist, nicht weiter in der Historia zu gehen, wird kürzlich gemeldet, daß die Fürstin bald von der Ohnmacht genaß, immer kälter gegen den Herrmann wurde und ihn endlich gleichgültig ansah.
[190] Das Rosenlicht, womit sie sich bestreut, schwand nach und nach dahin; es blieb nichts zurück, als ein blasser Schein und der Horizont, an dem die Liebe gegaukelt, wurde immer umwölkter. Ach! sagte unser Klaus: wie vergänglich ist der Menschen Glücke; am Morgen sieht man es leicht daher hüpfen; am Abend ist sein Schritt schon ernster und des Nachts schleicht es, ein launisches Gespenst, wie eine Schneck’!
So auch das Leben: es ist grünend am Morgen des Lenzes, wenn [191] aber der Herbst nahet, so neigt sich seine Aehre, der Halm wird dürrer und es dient von nun zu nichts, als zum Verbrennen.
Schön ist daher der Glaube an die Seelenwanderung des Pythagoras; doch wird er nur selten auf dem Felde der Philosophie, (welches, beyläufig gesagt, eben so gut leeren Windhaber oder etwas noch schlimmeres, als nährende und stärkende Früchte hervorbringen kann,) eingesammelt; und eben so selten recht angewendet, ungeachtet dieses doch die Hauptsache ist.
[192] Nachdem unser guter Herrmann alle Intriken des Hofes hatte kennen gelernt, sich dagegen immer als einen so großen Neuling in dieser Sache erblickte, wünschte er zu verschiedenen Malen sich in seine Einöde zurück. In der That hatte er nicht unrecht; denn nun wurden ihm allenthalben Netze gestellt, damit er sich in selbigen fienge. Wenn man eine Fürstin, ihre Hofdamen, die Kammerjungfern, die Stubenmädchen und dergleichen Damen wider sich hat, so kann man leicht schließen, daß man unter Löwen und Drachen sicherer wandelt, als in dieser edlen Gesellschaft.
[193] Unser Klaus war bisher immer am Arm der holden Jungfrau Ethikä (der Sittlichkeit) gewandelt, sie begleitete ihn auf allen seinen Schritten. Da sie die Gefährdin seines Lebens war, so staunte er nicht wenig, als er die ernste Despoina (Gebieterin) am Hofe so verrufen, ihre Würde so verkannt sah.
Hier stellte immer das eine dem andern nach, um es zu überlisten. Man grub dem andern, so unbemerkbar als möglich, Gruben; denn hierbey öffentlich zu Werke gehen, hieße sich als den größten Dummkopf von [194] der Welt blamiren; man hatte seine innige Freude darüber, wenn einer oder der andre hineinstürzte.
Die noblen Hofbedienten vergafften sich abwechselnd bald in die Freudendamen, bald in die Kammermamsellen, knüpften bald hier, bald dort ein allerliebstes, und zwar praktisches, Romänchen an, schnitten selbiges ohne alle Gnade und Barmherzigkeit ab, um es nur wieder von neuem anfangen zu können. Die Messieurs tändelten, zuckten und zerrten sich her und hin, weinten, lachten, alles in einem Oden, beschwerten sich gar kläglich und beweglich, etwa aus Spas, [195] etwa aus Langeweile, denn Ernst kann es nie seyn, über die Untreue ihrer Sylvien.
Ferner, fährt unser Herrmann fort, begehen sie (unsre noblen Messieurs) alle nur ersinnlichen Teufeleyen, (um uns der schrecklichen Injurie des Herrmanns, als ob es Teufel gäbe, nicht theilhaft zu machen, sollen und wollen wir hiermit kategorisch erklären, daß es Bonsmots heißen muß.
Herrmann war an ernsthafte Geschäfte gewöhnt, doch so lange er am Hofe lebte, mußte er sich alles Nachdenkens entschlagen, den Galanten heucheln alle Hof-Maskeraden, spielen.
[196] Ohngeachtet er sich gerne zurückzog, achtete man ihn doch, weil sein Aeußeres gefiel und er bekam dadurch vorzüglich viele Hetairen (Freundinnen,) aber auch manche Feinde, die ihn um sein Glück beneideten; in dieser zweydeutigen Lage verlebte er zwey volle Jahre. Im folgenden Theile sehen wir ihn verjüngt wieder, indem er jetzt seine Grillen abgelegt hatte und die übertragene Stelle als kaltblütiger Hofmann rühmlichst behauptete.
Anmerkungen
- ↑ Oratio in Luc. Catilinam tertia. – Itaque hesterno die C. Flaccum et C. Pontinum praetores fortissimos, atque amantissimos reipubl. viros ad me vocavi: rem omnem exposui; quid fieri placeret ostendi. Illi autem, qui omnia de republica praeclara, atque egregia sentirent, sine recusatione, ac sine ulla mora negotium susceperunt et cum advesperasceret, occulte ad pontem Milvium pervenerunt: atque ibi in proximis villis ita bipartiti fuerunt, ut Tiberis inter eos, et pons interesset. Eodem autem et ipsi sine cujusquam suspicione multos forteis viros eduxerunt, et ego de praefectura Reatina complures delectos adolescenteis, quorum opera utor assidue in reip. praesidio cum gladiis miseram. Interim tertia fere vigilia exacta, cum jam pontem cum magno comitatu legati Allobrogum ingredi inciperent etc.
In eadem oratione – Atque etiam supplicatio diis immortalibus pro singulari eorum merito meo nomine decreta est, Quirites: quod mihi primum post hanc urbem conditam togato contigit: et his decreta verbis est, quod urbem incendiis, caedo civeis, Italiam bello liberassem etc. (S. 198 MDZ München) - ↑ Hic omnes sine dubio, et in omni genere eloquentiae procul a se reliquit.
Quint. X. I.(S. 199 MDZ München) - ↑ Bekanntlich geht die Sage, Zeno sey in einem Mörser lebendig zerstoßen worden.(S. 199 MDZ München)
- ↑ Der Herausgeber dieses Werks hörte einst einen Offizier von einer Bataille erzählen, der er nie beygewohnt. Er fragte ihn, wie denn die Anordnung der Retirade gewesen – denn die Mannschaft, wobey der Krieger diente, war geflohen – worauf der Mann antwortete, weder er noch seine Leute wüßten von einer Flucht. Nach einem Jahre las der Verfasser in Posselts Geschichte, daß sogar das Regiment gelaufen, wobey der bekannte Offizier stand. Er gieng hin, erzählte demselben die Begebenheit und als Letzterer erröthete und stockte, merkte der Verfasser, wie allein Ehrsucht den Krieger zur Erzählung bewogen.(S. 200 MDZ München)
- ↑ Jakob Böhm, ein bekannter Fanatiker und Lehrer der sinnlichen Kategorientafel, Bekenner der 12 kantischen Stämme, schrieb mehrere Schriften.(S. 200 MDZ München)
- ↑ Der Herausgeber.
So laßt mich scheinen, bis ich werde,
Zieht mir das weiße Kleid nicht aus;
Ich eile von der schönen Erde
Hinab in jenes feste Haus.
Dort ruh’ ich eine kleine Stille;
Dann öffnet sich der frische Blick,
Ich lasse dann die reine Hülle,
Den Gürtel und den Kranz zurück.
Und jene himmlischen Gestalten,
Sie fragen nicht nach Mann und Weib;
Und keine Kleider, keine Falten
Umgeben den verklärten Leib.
Zwar lebt’ ich ohne Sorg und Mühe,
Doch fühlt’ ich tiefen Schmerz genung;
Vor Kummer altert’ ich zu frühe;
Macht mich auf ewig wieder jung! (S. 200 MDZ München) - ↑ Lessers Testaceotheologia §. 252.(S. 201 MDZ München)
- ↑ Derhams Physicotheologia.(S. 201 MDZ München)
- ↑ Buffon Discours sur les Oiseaux H. n. Tom. XV.(S. 201 MDZ München)
- ↑ Robinet de la Nature Vol. II. B. III. LIV II.(S. 201 MDZ München)
- ↑ Bonnet Contemplation de la Nature P. 27.(S. 202 MDZ München)
- ↑ Leibniz. Princip. monadol. §. 67. Tom. II.(S. 202–204 MDZ München)
- ↑ Calypso ne pouvoit se consoler du depart d’Ulisse: dans sa douleur elle se trouvoit malheureuse d’être immortelle: sa grotte ne resonnoit plus du doux chant de sa voix etc. Les avantures de Telemaque. Liv. pre. C. I.(S. 204 MDZ München)