Gemein-Nachrichten - Beylagen V-VI 1788,5


[535]
V
Beylage zur 20ten Woche 1788.
Sieben Reden an die Pädagogisten in Niesky,
gehalten von Bruder Johann Friedrich Reichel
während seiner Visitation daselbst
im Febr. u. Merz 1788.

(Nota. Diese Reden werden communicirt 1.) weil den Geschwistern ohne Zweifel angenehm seyn wird zu hören, wie man bey dieser Visitation, in Bezug auf ofterwähnte Conferenzen über das Paedagogium, mit der dasigen Jugend geredet hat; 2.) weil der Bericht vom Paedagogio, der Brief an die Eltern, die daselbst Kinder haben (s. 20te Woche) u. diese Reden zusammen eine vollständige Idee von dem Zweck u. Erfolg besagter Conferenzen u. Visitation geben; 3.) weil manche Geschwister dadurch Gelegenheit haben werden, ihre Kenntniß [536] von dem Zweck u. den Beschäftigungen des Paedagogii zu berichtigen; und 4.) weil von manchen Stücken ein besonderer nützlicher Gebrauch bey der gesamten Jugend (versteht sich Auszugsweise) gemacht werden könte. Uebrigens ist die Communication nur für die Gemeinen gemeint, u. es wird den Aeltestenconferenzen der vorsichtige u. Zweckmäßige Gebrauch davon bestens empfohlen; daß z. E. nicht alles hinter einander der Gemeine vorgelesen werde, weil daraus Ermüdung entstehen könte; u. daß wenn der Jugend etwas daraus besonders vorzulesen ist, man sich vorher alles genau ansehe u. s. w.)

Inhalt:

Erste Rede: Von dem Gehorsam, der Offenherzigkeit u. der Heucheley.

Zweyte Rede: Von dem Zutrauen zu den Vorgesezten: von dem raisonniren.

Dritte Rede: Von der Wohlanständigkeit. Von der Aufnahme in die Gemeine u. dem Genuß des heiligen Abendmahls.

[537] Vierte Rede: Von den Berufsgeschäften der Pädagogisten.

Fünfte Rede: Von der Sorge für die Gesundheit. Von der Kleidung. Von der Sparsamkeit. Vom Umgang der Jugend unter einander.

Sechste Rede: Von der lecture u. der Correspondenz. Von der Herzensgemeinschaft. Von dem Umgang mit dem Heiland.

Siebente Rede: Beschluß-Homilie u. Gebet.


Erste Rede d. 22 Febr.

Ges: Geist, Seel u. Leib sey Dir geweiht, Herr, unser Gott! u. stets bereit, sich Dir zum Dienst zu geben p. Dein Blut hast Du vergoßen für uns arm’ Würmelein p.

Ich habe mir vorgenommen, meine lieben Knaben u. Jünglinge! Durch die Gnade unsers Heilandes mit euch zusammen über verschiedenes im Vertrauen auszureden; [538] und ich will mir von einem jeden unter euch ausbitten, daß er mit Aufmerksamkeit auf das, was ich sagen werde, höre u. darüber denke, damit wenn einer oder der andere bey dem oder jenem Punkte einen Anstand hätte, u. ihm etwas nicht einleuchtete, er mit mir darüber sprechen, u. ich ihm Auskunft geben könne: Der Heiland wird Gnade geben, daß dasjenige, was ich sagen werde, an jedem Herzen zur Kraft komme, u. gute bleibende Früchte bringe.

Ich kan euch versichern, daß die Brüder der Unitaets Aeltesten Conferenz euch alle herzlich lieben, nicht allein darum, weil euch der Heiland, wie alle Geschwister, zur Gemeine gebracht hat, u. ihr mit uns verbunden seyd; sondern auch, weil ihr bestimmt seyd, zum Dienst des Heilandes in der Brüder Gemeine zubereitet zu werden; darum liegt uns das Paedagogium ganz besonders[WS 1] am Herzen. Wir achten es für eine große Wohlthat, daß der Heiland uns Gelegenheit gegeben hat unsre Jugend [539] zu erziehen, u. in den nöthigen Wissenschaften zu unterrichten; u. wir danken dem Heiland, daß Seine Gnade bisher geholfen hat, daß Ihm brauchbare Diener im Paedagogio zubereitet worden, die theils wieder an euch arbeiten, zum theil aber dem Heiland in andern Gemeinen dienen.

Ich habe euch zuerst von allen Brüdern der Unitaets Aeltesten Conferenz einen herzlichen Gruß zu bringen, u. will mir ausbitten, daß ihr es glaubt, daß wir es von Herzen treu u. wohl meynen, u. gewiß mit der zärtlichsten Liebe an euch denken, wie Väter, u. euch nichts zumuthen werden, als was ein jeder seinem eigenen Sohne sagen u. empfehlen würde.

Was wir voraussetzen, ist dieses, daß ihr alle zusammen wisset, was der eigentliche Zweck eures Hierseyns ist, nemlich unsern Heiland als euren blutigen Versöhner kennen zu lernen, Sein Eigenthum zu werden, u. nur für Ihn zu leben; daß ein jeder durch Seine Gnade [540] sagen könne: Mein Herz ist nicht mehr mein, nein, nein! es ist des Lamms, des Bräutigams, der Wundenfluth, ein Lohn für Jesu Blut; oder daß doch ein jeder, der dieses noch nicht sagen kan, den Wunsch u. Sehnsucht habe: ach könte ich Ihm zur Freude leben, Ihn über alles lieben, u. Ihn erfreuen in allen Stücken! Das setzen wir voraus; hat dieses seine Richtigkeit, so gibt sich alles andere.

Nun will ich im Vertrauen mit euch über verschiedene Sachen reden.

Das, was ich bey meinem lezten Besuche mit euch über den Gehorsam geredet habe, werdet ihr wol im Gemüthe behalten haben. Der Gehorsam, den die heilige Schrift befiehlt, soll besonders unsern Jünglingen u. Knaben eigen seyn. Der Heiland gebietet ihn selbst, u. sezt eine Verheißung darauf: Wer gehorsam ist, dem soll es wohl gehen. Und der Apostel spricht es aus dem Munde Gottes nach: Ihr Kinder, seyd gehorsam euren Eltern – oder den Vorgesezten, die an der Eltern Statt [541] bey euch sind – um des Herrn willen. Eph. 6,1. Col. 3,20. Der Gehorsam ist gewiß eine vortreffliche Sache; er überhebt euch sehr vieler Sorgen, vieles Denkens u. vieler Bekümmerniß. Denkt nur an, wenn ihr euch selbst überlassen wäret, euch selbst helfen soltet, wie übel würdet ihr berathen seyn? Der Heiland, der doch weiser als ihr war, der wohl wußte, was gut oder böse war, hat den Gehorsam selbst geübt; denn Er war seinen Eltern unterthan, u. diente ihnen bis ins 30te Jahr. Ihr müsset nur nie denken, daß man euch ohne Ursach das befiehlt u. jenes verbietet, daß wir euch unnöthige Einschränkungen zumuthen, oder auch unschuldige Vergnügen nehmen wolten. Verschiedene Sachen sind freylich von der Art, daß ihr den Grund nicht einsehen könnt, bey vielen aber könnt ihr selbst leicht merken, daß es euch gut u. heilsam ist. Wenn ein Bruder z. E. einem von euch sagt: Sey fleißig; hüte dich vor Leichtsinn: so könnt ihr leicht den Grund [542] davon begreifen. Wir thun alles darum, weil uns euer wahres Bestes anlieget; und wenn ihr das vestsezt, so werdet ihr aus Liebe zu uns auch wieder gern thun, was wir haben wollen, u. es wird euch leicht werden. Damit ist nicht nur gemeint, daß ihr den Brüdern Dober, Zembsch, Lorez, Wieniger u. v. Forestier gehorchen sollt; die sind eure Väter, u. werden sich auch immer so beweisen; sondern auch besonders euren lieben Stubenbrüdern, die sich in specie mit euch abgeben, denen der Heiland selbst diese Pflicht auferlegt hat, und von denen die Unitaets Aeltesten Conferenz u. diese lieben Brüder es fordern, daß sie für euch sorgen u. euch nach ihrem Besten Wissen pflegen. Solte es dann einmal vorkommen, daß ihr dächtet: der Bruder muthet mir zu viel zu, das kan ich nicht ertragen, das ist mir zu hart; so könnt ihrs ja anzeigen, entweder dem Bruder Dober oder den andern Brüdern, u. könnt erwarten, daß ihr gehört werden sollt: nur [543] müßt ihr nicht festsetzen, daß ihr immer Recht krigen werdet, denn eure Klage kan eben so leicht ungegründet als gegründet seyn. Und wenn ihr dann sehet: ich habe den Bruder nicht recht verstanden; so muß es euch nicht schwer werden, dem Bruder es abzubitten, von dem ihr glaubtet beleidigt worden zu seyn, u. zu gestehen, daß ihr gefehlet habt; damit nichts zurückbleibe, was das Vertrauen auf beyden Seiten stören könte. Habt ihr mich verstanden? Diese Frage wurde von den Jünglingen u. Knaben mit einem einstimmigen Ja beantwortet. Darauf fuhr Bruder Reichel fort: Ja, glaubt es sicher, lieben Herzen, daß der Gehorsam der sicherste u. beste Weg ist; und solte es euch auch bisweilen schwer werden, so ist es doch immer das beste für euch, ihr werdet es in der Folge selbst einsehen. Ich habe von erwachsenen Brüdern mehr als einmal gehört, daß sie gesagt haben: [544] Ja, hätten mich die Brüder über diese u. jene Unart in meiner Jugend erinnert, wären sie mir darinnen genauer gewesen; so würde ich jezt nicht mit dem oder jenem Dinge geplagt, u. ein nützlicher Mensch seyn.

Ich will mit dem Gehorsam noch eine andere Sache verbinden, die einen großen Einfluß auf euch hat, sie betrift das Vertrauen der Jünglinge u. Knaben zu ihren Brüdern. Wenn man Vertrauen hat, so wird alles leichter, als wenn Mißtrauen da ist. Wenn ihr eure Stubenbrüder u. die andern Brüder von Herzen lieb habt, so werdet ihr ihnen gewiß auch euer Vertrauen schenken. Kommt was, das das Vertrauen stören will, so redet darüber mit ihnen aus. Ihr müßt aber nicht mit einander darüber reden, sondern mit euren Vorgesezten, die euch in Liebe bedeuten werden.

Ein zweyter Punkt, der genau mit [545] diesen zusammen hängt, betrift die Offenherzigkeit. Die Offenherzigkeit verlangen wir deswegen nicht von euch, um alles zu wissen, was bey euch vorgeht; denn es kan uns nichts helfen, wenn uns ein Knabe das schlechte aufdeckt, was in seinem Herzen ist, es beschweret uns ja vielmehr. Wenn mir ein Knabe etwas schlechtes klagt, so nehme ich den genauesten Antheil daran, habe Mitleiden mit ihm; u. der Heiland wird mir Gnade geben, dem Knaben einen guten Rath zu geben. Es ist beßer für ihn, u. dient ihm zur Erleichterung, wenn er seine schlechte Sachen heraussagt. So kan ein Knabe z. E. eine Neigung zum Ungehorsam, zur Trägheit, zur Nachlässigkeit, eine Gleichgültigkeit gegen den Heiland, eine Abneigung gegen einen Bruder fühlen; zuweilen entstehen auch andere Gedanken, über Sachen, worüber man billig erschrickt: und da ist es schon recht gut, daß ein Knabe mit [546] dem Heiland redet, aber Er hat euch auch Freunde geschenkt, welchen ihr euer Herz sagen könnt. So hat Er euch die lieben Brüder Wieniger u. v. Forestier gegeben, denen ihr alles vertrauen u. sagen könnet; die sind eure treuen Freunde, u. können euch treuen Rath ertheilen. Sind es nur gewöhnliche Sachen, so könnet ihr euch an eure Brüder wenden; wenn ihr aber über euch selbst, oder über andre Personen u. Dinge Einfälle habt, die euch verdächtig vorkommen, u. zur Sünde verleiten könten, so denket: Der Heiland hat die Brüder Wieniger u. Forestier dazu gesezt; ich wills ihnen sagen, will ihnen meine Einfälle bekennen; denn redte ich mit andern darüber, was könten daraus für schädliche Folgen entstehen! Dem Bruder will ichs sagen, mag er mich doch ganz kennen. Dabey fällt euch wol ein: wenn ich nur wüßte, daß es bey dem Bruder bliebe, dem ichs sage! Antwort: Ihr könnt gewiß darauf rechnen, daß [547] der Bruder es in seinem Herzen bewahren, u. mit niemand als dem Heiland darüber reden wird. Wenn es aber Sachen sind, die andere angehen, die schädlichen Einfluß auf andere haben könten; da könnt ihr leicht denken, daß Bruder v. Forestier oder Wieniger mit den andern Brüdern, die auch darauf zu sehen haben, daß die ganze Anstalt in einem seligen Gange bleibe, vertraulich communiciren müssen. Was aber für den Chorhelfer allein gehört, was geheime, euch allein angehende Geständnisse sind, die bleiben gewiß bey ihm; u. die andern Brüder verlangen auch nichts specielles davon zu wissen. Daher müssen die Knaben auch wissen, wenn einer zu Bruder Forestier oder mir käme, u. sagte: ich will Ihnen das sagen, will mir nur ausbitten, daß es bey Bruder Reichel oder v. Forestier bleibe; so würde ich ihm antworten: Ja, wenn die Sache von der Art ist, daß ichs kan, so werde ich sie bey mir behalten, u. nur dem Heiland [548] an sein Herz legen; ob ich es aber kan, werde ich aus der Natur der Sache sehen; sage mirs nur erst. Und dann werde ich ihm antworten: Dies, was du mir hier sagst, werde ich sonst niemand sagen; dies aber, was du mir da sagst, darüber muß ich mit den lieben Brüdern, oder mit dem u. jenem Knaben reden. Versteht mich recht. Die Verschwiegenheit ist uns heilig, wir wollen sie gewiß beobachten; ihr müßt sie nur nicht auf solche Fälle ausdehnen, da sie für andre nachtheilige Folgen haben könte. Freilich kan man die Offenherzigkeit nicht erzwingen, wir wissen, daß sie der Heiland selbst schenken muß. Will jemand etwas bey sich behalten, so wisse er, der Heiland sieht ins Herz, weiß alle seine Gedanken, wie David sagt: Herr, Du verstehest meine Gedanken von ferne. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht weissest, Ps. 139,2.4. So kan einer verschiedene [549] Wochen, Vierteljahre oder wol noch länger hingehen, u. muß Jahre lang den Schaden davon empfinden; da er doch, wenn er die Sache gleich gesagt hätte, in ein paar Tagen oder in einer Woche wieder in einen seligen Gang hätte kommen können: und da kan es dann geschehen, daß man es hernach mit hundert ja tausend Thränen beweint, daß man nicht offenherzig gewesen. So sehr ich aber auch die Offenherzigkeit gegen die Brüder empfehle, so will ich euch doch herzlich bitten, niemals mit einander von Sachen zu reden, die einem oder dem andern schädlich werden könten, u. dadurch der eine dem andern zum Verführer wird. Davor hütet euch durch Gottes Gnade.

Mit der Offenherzigkeit will ich noch die dritte Materie verbinden, u. von der der Offenherzigkeit ganz entgegen gesezten Heucheley reden. Davon sagt der Heiland, daß die Heuchler Ihm abscheulicher [550] sind als Mörder, Hurer u. Ehebrecher; Matth. 21,31. nicht, als ob Ihm diese Laster nicht äusserst verhaßt gewesen wären, sondern ein Heuchler war Ihm noch schändlicher. Ein Heuchler ist ein Mensch, der etwas vorgibt, was nicht wahr ist. Wenn einer sagt: ich habe den Heiland nicht lieb, habe den unnützen Gedanken, u. finde Vergnügen an unnützen Gedanken; so wissen wir, was wir von ihm denken sollen, u. beten für ihn. Wenn aber einer gefragt wird u. antwortet: Es ist mir eine große Gnade in Niesky zu seyn; und wäre doch gern auf irgend einer andern Schule – es ist mir sehr wichtig, künftig zum studiren nach Barby, u. nicht auf eine andre Universität zu kommen; und es ist ihm doch anders – wenn er denkt: ich will thun, als wäre es mir eine große Gnade, zum heiligen Abendmahl mit zu gehen; und sein Herz fühlt doch nichts davon: so ist das ja [551] eine schändliche Verstellung u. Heucheley. Was muß der Heiland dazu denken, der alle eure Worte höret, wenn ihr mit einem Bruder redet! Ich habe gesagt, zur Offenherzigkeit kan man euch nicht zwingen; wenn ihr das wahre nicht sagen wollt, so sagt doch um Gottes willen nichts, was nicht wahr ist. Wenn wir sehen, daß eines Knaben Herz nicht aufgethan ist, so wollen wir Geduld haben, u. erwarten, bis ihm dieses vom Heiland zu Theil wird. Und gesezt, ihr köntet uns hintergehen; was hilft es euch, daß ihr denken könnt: Mein Vorgesezter, mein Pfleger denkt beßer von mir, als es wirklich ist. Das ist vielmehr zu eurem höchsten Nachtheil u. Schaden. Hütet euch also doch ja vor dem Sauerteige der Pharisäer, wies der Heiland nennt, vor der Heucheley, u. seyd versichert, daß nichts als Unheil daraus entstehe; denn bey den meisten jungen Leuten, die hernach von uns haben entfernt werden müssen, lag der Grund zu ihrem Unglück [552] darinn, daß sie geheuchelt hatten. Die Neigung ist da, man will gern beßer scheinen als man ist, u. nichts als die Gnade unsers Herrn u. Heilands kan euch davon loshelfen.

Ich will euch jezt nur noch an den gestrigen Text erinnern, der hieß: Gott ists, der in euch wirket beyde das wollen u. das vollbringen, nach Seinem Wohlgefallen. Phil. 2,13. Daraus könnt ihr des Heilands Bereitwilligkeit erkennen: was euch fehlt, das will Er euch schenken, denn ihr seyd sehr untüchtig sowol zu dem einen als zu dem andern.

Ich werde dann in diesen Tagen durch des Heilands Gnade mehr mit euch reden, u. will dazu die Zeit von 8½ bis 9 Uhr anwenden.

[553]
Zweyte Rede d. 25 Febr.

Ges: Mein König, schreib mir deinen Sinn in Herz u. Seel u. Sinn u. Nieren p.

Ich habe, da wir zulezt beysammen waren, hauptsächlich geredet von dem Gehorsam, von der Offenherzigkeit, von der Heucheley, von der Verstecktheit, die der Offenherzigkeit entgegen gesezt ist, u. von der Gradigkeit u. Ehrlichkeit, die der Heucheley entgegen gesezt ist. Ich bin überzeugt, daß, wenn ihr euer eigenes Bestes versteht, u. glaubt, daß der Heiland überall zugegen ist, daß wir uns nie Seinen Augen entziehen können, ja daß Ihm kein Gedanke unbekannt bleibt, so wird euch das den stärksten Antrieb geben grade zu seyn. Und wenn ihr daran denkt, daß Er euch mit Seinem Blute zu Seinem Eigenthum erkauft hat, u. ihr Ihm daher Gehorsam schuldig seyd: so kan ich mir nicht vorstellen, lieben Herzen! daß der Gehorsam euch eine schwere Sache seyn solte. Ich habe [554] neulich gesagt, daß wir den Gehorsam erwarten, nicht allein gegen die Brüder der Unitaets Aeltesten Conferenz, die ins Ganze der Unität vorstehen, daß ihr den Erinnerungen, die wir in den Hausordnungen vorgeschrieben haben, folgt; sondern auch besonders gegen die Vorgesezten der Anstalt, denen ja als Vätern euer inn- u. äusseres Wohl am Herzen liegt. Ich habe dabey gebeten, daß ihr sonderlich allen den Brüdern, welche nach des Heilands willen bey euch wohnen, in Liebe u. Vertrauen gern folgen sollt. Das Zutrauen ist es nun, wovon ich nur noch ein paar Worte zu sagen habe.

Ein jeder muß überzeugt seyn, die Brüder haben mich von Herzen lieb; damit ihr, wenn sie euch erinnern, glaubet, das, worüber sie uns erinnern, ist mir u. andern schädlich, sie thun es aus Liebe, Schuldigkeit u. Pflicht gegen den lieben Heiland. Das ist schon ein schlechter Gedanke: Der Bruder erinnert u. hofmeistert nur gern, er ist mir nicht [555] gut. Das macht, daß man die Erinnerungen nicht gern annimmt, das macht den Bruder wehthuig, es stört das gegenseitige Vertrauen. Wenn der Bruder mit Zustimmung seines Gewissens denken kan: ich habe nicht aus Eigensinn erinnert, sondern weil ich es nöthig fand; u. er sieht, er kommt nicht gut an, es erregt Verdruß, das thut sehr weh. Ihr könnt doch wol glauben, daß die Brüder ein Amt u. Geschäfte haben, das mühselig ist. Da will ich euch nun bitten, es durch eure Folgsamkeit ihnen so leicht als möglich zu machen, schenkt den Brüdern euer Vertrauen. Ich habe schon bey der Offenherzigkeit gesagt, daß unsre Jünglinge u. Knaben, wenn sie etwas haben, wovon sie wissen, daß es nach unsern Regeln eine Beichtsache ist, sich am besten zu ihren Chorhelfern wenden. Ihr werdet mich verstanden haben, daß das dem Zutrauen gegen die Brüder auf den euren Stuben auf keine Weise [556] Abbruch thun soll. Auch aus ihrem Munde habt ihr alle Erinnerungen u. Ermahnungen von Herzen anzunehmen; u. ich kan euch bezeugen, daß die Brüder euch von Herzen lieben, u. mit aller der Treue behandeln werden, von der sie glauben, daß sie euch dieselbe schuldig sind. Solte einer denken: ich bin nicht geliebt, der oder jener wird mir vorgezogen – Ey, meine lieben Kinder! so seyd doch so treuherzig, u. sagts dem Bruder selbst; er wird es nicht ungern annehmen; und wenn ihr dann doch noch eine Beschwerde zu haben glaubt, so bleibts euch ja immer übrig, daß ihr es bey den lieben Brüdern der Direction anbringt: u. ihr werdet bald finden, daß ihr euch sehr oft in euren Gedanken irret. Wenn ich bey euch wohnte, so würde ich ja auch den fleißigen u. gehorsamen anders begegnen, als denen, die sich dem Leichtsinn u. der Unachtsamkeit überlassen. Das sind wir Jesu schuldig. Er machts eben so: Sein Geist [557] bestraft uns, wenn wir nicht folgen; Er spricht unserm Herzen freundlich zu, wenn wir es gern annehmen. Sezt das zum voraus: wir haben treue, sorgfältige, liebhabende Brüder, denen es anliegt, daß wir in der Erkenntnis Jesu, in äusserer Sittlichkeit u. dem, was dem Heiland wohlgefällt, immer weiter kommen. Wir wollen gern, daß auch bey euch das zuträfe: Ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, daß ihr dem nachtrachtetet. (Phil. 4,8.) Da muß ich doch noch eins sagen. Wenn ihr dächtet: wenn die Brüder Dober, Zembsch, Lorez im Hause sind, u. uns ausser oder auf unsern Stuben eine Erinnerung geben, so wie auch unsre Brüder, die bey uns wohnen: so ist es billig, daß wir folgen; wenn es uns aber begegnet, daß wir etwa auf Spatziergängen, oder im Hofe, oder auf dem Gange über die u. jene Unart oder Ausschweifung von einem andern Bruder, der nicht [558] bey uns wohnt, erinnert werden, so haben wir nicht nöthig darauf zu achten – So müßt ihr ja nicht denken. Nein, liebe Kinder, die Brüder sind alle da um des Heilands willen, daß sie das Beste, die Ordnung u. Sittlichkeit im Hause befördern sollen. Ein jeder Bruder hat Recht zu erinnern, u. das habt ihr in Liebe anzunehmen. Das ist ja der Brüder ihre Pflicht; alle Brüder in der Gemeine haben das Recht, dasjenige, was den Ordnungen zuwider ist, zu erinnern; wie viel mehr, die bey euch im Hause wohnen. Sie haben versprochen, daß sie alles dazu beytragen wollen, daß in diesem Hause, das dem Heiland gewidmet ist, eine Ihm wohlgefällige Ordnung erhalten werde.

Ich habe dann zunächst über etwas mit euch reden wollen, welches einem großen Mißverstande unterworfen seyn kan. Es kan einem oder dem andern von euch begegnen, daß er an einem andern etwas gewahr wird, ehe [559] es noch eure Vorgesezte gewahr worden sind. Wir sind nicht allwissend, hören nicht alles, was geredet wird; wir können u. wollen euch auch nicht so einschränken, daß der Stubenbruder jedes Wort hören müßte, was ihr redet; wir haben es recht gern, wenn ihr munter, ungezwungen u. naturell seyd, wenn ihr erscheinet, wie ihr seyd. Aber weil manchem unter euch etwas vor Augen u. Ohren kommen kan, was wir nicht sehen, hören u. wissen können, u. was auch den Brüdern auf der Stube unbekannt ist; so müßt ihr in dem Theil Treue beweisen. Wenn einer denkt: was der Knabe sagt, ist wol nicht gut; das, was die miteinander gemacht oder geredet haben, kan zu einer bösen Sache ausschlagen, das solte ich wol anzeigen; aber als dann könte man mich einen Verkläger meiner Brüder, meiner Mitgespielen nennen, da könte es heissen: der sagt alles wieder, dem kan man nicht trauen – – So sagt mir doch, lieben Knaben, wem [560] seyd ihr die meiste Treue schuldig? Doch gewiß dem lieben Heiland u. eurem eigenen Gewissen. Es kan der Fall vorkommen, es ist möglich, daß zwey Knaben mit einander leichtsinnige Dinge reden u. thun, und der dritte hörts u. fühlt in seinem Gewissen: das ist nicht gut; u. sagt es doch nicht: meine lieben Knaben, wie könnt ihr das vor dem Heiland verantworten? Wenn ein Knabe gern etwas anbringt, es sey bey den Stuben-Brüdern oder dem Chorhelfer, u. thut es aus Lieblosigkeit, u. bringt Sachen an, die nicht einmal wahr sind, das ist ein Verkläger u. Verläumder. Das merkt man gar bald; er thut es nicht aus Liebe zu seinen Gespielen, sondern weil er andern Schaden zufügen, u. dadurch selbst beßer scheinen will, als er ist. Die Anzeigen um des Gewißens willen aber sind ganz eine andre Sache. Ihr seyd in die Gemeine aufgenommen, u. geht gröstentheils mit zum heiligen Abendmahl, seyd also dies, wie wir [561] erwachsenen Brüder, dem Heiland schuldig, daß wenn einer zu euch dergleichen böse Dinge sagt, ihr ihm gleich antwortet: Das ist nicht gut: oder, wenn es ein paar andre Knaben sind, zu sagen: Das muß ich den Brüdern erzehlen, entweder den Stuben-Vorgesezten oder den Chorhelfern, wo ihr denkt, daß es hingehört. Eure Stubenbrüder werden doch, wenn ihr ihnen etwas sagt, was für den Chorhelfer gehört, es diesem erzehlen; dazu sind sie verbunden. Da wolte ich nun recht sehr bitten, unterscheidet den Verkläger u. den, der böse Sachen aus Treue u. Liebe anzeigt. Dadurch thut er ja einem Knaben keinen Schaden, wenn er etwas böses von ihm anzeiget. Und wenn der Knabe es auch jezt noch nicht versteht, so wird er es gewiß mit der Zeit einsehen, er wird es dem noch danken, der die Gelegenheit gewesen ist, daß er vor seinen bösen Wegen gewarnet u. errettet worden ist. Ich wünsche, daß [562] ihr mich recht hierinnen verstehen möget. Denn davor, daß ihr Verläumder aus Lieblosigkeit würdet, soll euch Gott bewahren!

Wir reden sehr oft in der Gemeine vom raisonniren. Wir haben alle dazu von Natur eine sehr gute Gabe; und wenn ich euch sagte, ihr soltet nicht raisonniren, so würde ich euch etwas unmögliches auferlegen. Raisonniren heißt über eine Sache urtheilen, die wir hören oder sehen. Da kan es leicht geschehen, daß ihr eure Gedanken, eure judicia über etwas sagt, das ihr gar nicht einsehet; denn es fehlt uns ja noch daran, wenn wir auch 60 Jahr gelebt haben, alles gründlich einzusehen. Eine jede Sache hat zwey Seiten. Sagt ihr uns nun eure Gedanken ganz einfältig, so wollen wir euch recht gern die möglichste Auskunft geben. Nur bitte ich euch: laßt euch bedeuten, u. gebt auf euer Herz Achtung. Wenn ihr das aber nicht thut, so kan es kommen, daß einer glaubt, etwas recht [563] weises gesagt zu haben, der andere denkt: ich will es noch beßer treffen; und so gerathet ihr in das raisonniren hinein, das für euch u. andre schädlich ist. Ihr müßt nur immer glauben, daß diejenigen, die euch sagen, was gut oder schädlich für euch ist, ihren Grund dazu haben, in den Stücken besonders, wo wir einen unraisonnirten Gehorsam von euch verlangen. Wenn ihr in die Jahre kommt, da ihr selber Red u. Antwort von euch geben könnt: dann ist es euch selbst überlassen, nach eurem besten Wissen u. Gewissen zu handeln; solange wir aber noch die Verantwortung davon auf uns haben, müßt ihr uns schon erlauben, daß wir euch das anbefehlen, was wir uns zu verantworten getrauen.

Es kan aber das raisonniren auch wol so weit gehen, daß man über Vorträge vom Heiland critisirt, daß man sagt: ich habe von der Versamlung keinen Nutzen gehabt; daß man einem andern seinen [564] Segen dadurch nimmt, u. ihm schädlich wird. Wenn ihr auf den Saal geht, einen Ort, wo Gott besonders gegenwärtig seyn, u. uns segnen will, so müßt ihr immer den Sinn haben: ich will mir von dem, was der Bruder sagt oder lieset, hauptsächlich das merken, was heute das beste für mich ist. Man kan in dem raisonniren so weit gehen, daß man sich an seinen Lehrern u. auch an dem Heiland selbst versündigt: u. das ist dann ein Spottgeist. Wenn man über andre spottet, sich freuet, wenn man an einem andern einen Fehler findet, mit den Schwachheiten andrer sich was zu gute thut: glaubt gewiß, das mißfällt dem Heiland. Geschieht das nun vollends über Brüder, die euch der Heiland vorgesezt hat, so ist das etwas, das euch unmöglich Segen bringen kan. Es ist so was garstiges um den Spottgeist, daß einer den andern ansteckt; es ist eine Art einer wirklichen Verführung, indem man [565] die Fehler seiner Nebenmenschen mit Lieblosigkeit darstellt, u. andre dadurch reizt, über sie zu lachen u. verächtlich zu denken. Das alles kommt nicht vom heiligen Geiste, sondern aus unserm verdorbenen Herzen. Das gute Zutrauen gegen einander wird dadurch unterdrückt u. gestört, u. es entfremdet das Herz vom Heiland. Erschreckt daher, wenn euch so etwas anwandelt; es ist ein böses Ding damit, es wächst mit einem zugleich, ihr nehmt es mit nach Barby, u. schon mehr als einer hat sich dadurch von der Gemeine u. dem Heiland entfernt, u. ist ins Unglück gerathen, weil er die Achtung gegen seine Vorgesezten, u. dann auch gegen das Wort Gottes u. gegen den Heiland selbst verloren hatte.

Ges: O Lamm, so heilig, rein u. gut: Dein’ unbefleckte Jugend, u. dein für uns vergoßnes Blut verhelfe uns zur Tugend!

[566]
Dritte Rede d. 26 Febr.

Ges: Ach nimm mein Herz u. alles, was ich bin p.

Diese Herzenserklärung, die wir dem Heiland so oft gemeinschaftlich thun, daß Er unser ganzes Herz hinnehmen möge, daß unser Verlangen sey, Seine zu seyn mit Leib u. Seele, u. durch Seine Gnade unser Thun u. Tichten in allen Stücken nach Seinem Wohlgefallen einzurichten, u. Ihm in der Welt zu gefallen, diese Herzenserklärung hört Er gewiß. Wir können daher auch darauf rechnen, daß Er uns durch den Beystand seines Geistes den Sinn erhalten werde; so wie uns unser heutiger schöner Text darauf deutet: Sey stark durch die Gnade in Christo Jesu. 2 Tim. 2,1. Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Ich habe schon über verschiedenes mit unsern lieben Jünglingen u. Knaben geredet; habe aber noch verschiedene Materien, worüber ich etwas zu sagen habe. Das erste, was ich heute sagen will, betrift [567] das, was man Modestie, Bescheidenheit, Ehrbarkeit, Wohlanständigkeit in allen Stücken, zu nennen pflegt.

Auf allen Schulen ist unter den Erziehungsregeln eine der vornehmsten, die den jungen Leuten eingeschärft wird, bescheiden zu seyn. Auf der Schule, wo ich war, musten wir beym Eintritt mit der Hand diese 4 Stücke versprechen: Esto pius, esto modestus, esto obediens, esto diligens. Vom Gehorsam habe ich schon geredet. Was das heißt: esto pius, ist unsern Knaben nicht unbekannt. Das ist die Herzensstellung gegen den Heiland, das Vertrauen auf Seine Gnade, der Genuß an Seinem Verdienste. Daraus entsteht auch nothwendig, daß wir uns von Herzen der Modestie befleißigen. Damit meine ich, daß unsre Jünglinge u. Knaben mit einander mit Bescheidenheit, Ehrbarkeit u. Wohlanständigkeit umgehen. Ihr müßt euch immer daran erinnern, daß in diesem Hause keine [568] andern junge Leute sind, als die zur Ehre Jesu erzogen werden sollen. Ein jeder von euch muß bedenken, daß er ein Eigenthum Jesu ist, u. die große Bestimmung hat, seine Lebenszeit im Dienst des Heilands zuzubringen. Ihr seyd Glieder der Gemeine, Mitgenoßen des heiligen Abendmahls. Alles dieses muß dazu dienen, euch eine tiefe Hochachtung für einander einzuprägen; u. die müßt ihr auch im täglichen Umgang beweisen. Nichts niederträchtiges, nichts unanständiges, kein schimpfen muß bey euch vorkommen. Es kan dieses nicht allein den Frieden auf euren Stuben stören, sondern es kan auch geschehen, daß dadurch einer oder der andre der Liebe schadet, daß einer dem andern unleidlich wird. Das kan blos durch eine unvorsichtige Rede veranlasset werden. Ich will euch daher herzlich bitten, euch durch Jesu Gnade vor dergleichen Dingen in Acht zu nehmen. Die Bescheidenheit äussert sich aber nicht allein gegen euch unter [569] einander, sondern auch gegen eure Vorgesezten. Ich habe schon beym Gehorsam gesagt, daß ihr das mit willigem Herzen annehmen sollt, was sie euch sagen. Wir erwarten von euch, daß ihr gegen eure lieben Brüder bescheiden u. demüthig seyd, u. keine Rauhigkeit oder Widersetzlichkeit blicken laßt. Wenn einer sich auch einmal übereilt hat, so kan es nicht anders seyn, als daß er sich schäme, darüber Sünder werde, abbitte, u. auf die Art wieder in Liebe angefaßt werde. Scheuet euch ja nicht, euch auch unter einander abzubitten, wenn einer dem andern zu nahe gekommen ist. Es gehört zur Bescheidenheit, daß bey aller jugendlichen Munterkeit, bey euren Spatziergängen u. s. w. Ordnung u. Anständigkeit hervorleuchte. Am allermeisten kan man das erwarten, wenn ihr auf den Saal gehet, Gottes Wort zu hören, daß da kein wildes u. geräuschiges Wesen sey. Denkt doch immer daran, daß ihr [570] vor den Augen der Gemeine wandelt, u. erinnert euch, zu welchem Zweck ihr auf den Saal geht. Da erwartet man, daß die Gemüther sich sammlen. Ich will euch also bitten, laßt doch keine Dinge vorkommen, die andern Geschwistern anstößig sind, wodurch sie die Achtung vor unsrer lieben Jugend verlieren, an der sie ihre Freude u. Wohlgefallen sehen solten. Wenn ihr auf dem Saal gegenwärtig seyd, so betragt euch so, daß ein jeder einen tiefen Eindruck von der Gegenwart Gottes zeige. Er ist überall zugegen, auf euren Stuben, bey euren Spatziergängen, u. wo ihr seyd; aber ganz besonders, wenn wir zusammenkommen, Seinen Namen zu ehren, Ihm Loblieder zu singen, Ihm Dankpsalmen anzustimmen, oder Sein heiliges Wort zu hören. Da ist es einem nun höchst unangenehm, wenn man sieht, daß ganz etwas anders in den Gemüthern [571] ist, wenn man Zerstreuung aus euren Augen lieset, u. ihr euch viel herumseht. Das störet andere auch, denn der zweyte u. dritte wird ebenfalls dazu gereizt, sich umzusehen, u. die Geschwister sowol als der Bruder, der den Vortrag thut, werden in ihrer Andacht gehindert. Bey dem Gebet des Herrn auf dem Saal, oder wenn ein Bruder den Heiland aus dem Herzen anruft, soll billig ein jeder Knabe in einer andächtigen Stellung erscheinen. Es ist etwas wehthuendes, wenn die Brüder, die vor euch sitzen, bemerken müssen, daß das Herz ganz leer, ohne Gefühl der Gegenwart Jesu, u. mit fremden Gedanken angefüllt ist. Habt das Vertrauen zu uns, daß wir es euch nicht zu genau nehmen, u. vieles eurem jugendlichen Alter zuschreiben; aber ihr müßt auch deswegen gern öftere Erinnerungen annehmen, u. sie auch [572] durch Gottes Gnade u. Seinen Beystand zu befolgen suchen. Daran wird es wol nicht fehlen, daß, wenn euch Geschwister oder Fremde begegnen, ihr euch mit der gehörigen Ehrerbietigkeit u. Höflichkeit betragt. Doch dazu werden euch eure lieben Stubenbrüder schon anweisen.

Ich habe aber gedacht, heute noch von einer Sache zu reden, die uns noch wichtiger ist, u. euch noch näher angeht, die betrift die Aufnahme in die Gemeine, u. den Genuß des heiligen Abendmahls.

Ich habe gleich anfangs gesagt, wir setzen vest voraus, daß kein Knabe einen andern Sinn habe, als Jesum über alles zu lieben, Ihm zur Freude zu werden. Damit ist dann gleich der tiefe Eindruck verbunden: der Heiland hat mich zu Seinem Volk gebracht. Das Brüdervolk ist ein Volk des Herrn, u. hat seine eigenen Einrichtungen u. Ordnungen, die dahin gemeint sind, daß unser Herr u. Sein [573] Name dadurch geehrt werde, daß das Böse gehindert u. das Gute befördert werde. Der Heiland hat uns aus Gnaden erhalten, bey aller Mangelhaftigkeit, daß wir sagen können: „Herr Jesu, wir sind ein Volk deiner eignen Hand, Herzen, an die Du dein Blut gewandt, ein vom heilgen Geiste Dir zugeführtes u. zu was seligem destinirtes Genaden-Volk, – ein Volk, da jung u. alt, groß u. klein, ein lautes Zeugnis von Dir soll seyn, u. von deiner Tugend“ – ich sage, das hat der Heiland uns erhalten. Wenn nun ein Knabe darum bittet, in die Gemeine aufgenommen zu werden; so solte er doch billig so viel Verstand davon haben, daß er weiß: Ich werde dadurch einem Volke des Herrn einverleibt, u. verspreche bey der Aufnahme, dem Heiland mein ganzes Herz zu geben, u. nach den Ordnungen Seiner Gemeine mit Willigkeit einherzugehen. Das ist der Bund, den wir mit einander machen, [574] da von Seiten der Gemeine euch versprochen wird, euch als Mitglieder derselben anzusehen, ihr sollt alles Gute mitgeniessen u. aller Segen theilhaftig werden. Derjenige hingegen, der aufgenommen wird, verspricht: ich will mich dem Heiland hingeben, an Freud u. Leid Theil nehmen, die Ordnungen im Hause Gottes sollen mir keine Last, sondern ein Vergnügen seyn, ich will nach dem Heiland keine größere Wohlthat wissen als die, zum Brüdervolk zu gehören. Das ist nun nicht möglich, solange einer noch bey sich etwa dächte: Es ist wunderlich, daß ich zu den Brüdern gehören soll, sie haben so viel eigenes, so viel unnöthige Einschränkungen; ich kan meine Jugendjahre gar nicht so bey ihnen geniessen, als ich wol wünschte u. s. w. Allerdings läßt man bey der Aufnahme in die Gemeine das sich selbst leben billig fahren, u. gibt sich dem Heiland dazu hin, nach Seinem u. Seiner [575] Gemeine Sinn sich zu richten. Das müssen alle bedenken, die aufgenommen werden wollen, u. sich darnach prüfen. Haltet die Aufnahme in die Gemeine ja nicht für einen äusserlichen Vorzug, oder für eine Ehrenstufe; daß ihr nicht etwa blos aus Schaam darum anhaltet, weil ihr glaubt –: Es ist doch nicht hübsch, wenn ich der einzige auf meiner Stube seyn solte, der nicht aufgenommen ist; man sieht mich gar nicht so an wie die andern – Aus dem Grund müßt ihr nie um die Aufnahme bitten. Es muß eine wirkliche Ueberzeugung im Herzen eines Candidaten zur Aufnahme seyn, daß unser Heiland ihn zu seiner Blutgemeine gebracht hat. Das bitte ich euch zu bedenken. Und diejenigen, die schon aufgenommen sind, werden sich diesen Sinn vom Heiland aufs neue schenken u. bestätigen lassen.

Der Genuß des heiligen Abendmahls, meine [576] lieben Jünglinge u. Knaben, ist noch weit größer u. wichtiger. Unser Heiland hat uns dieses große Gut hinterlassen, u. versichert uns bey dessen Genuß jedes mal aufs neue, daß Er sein Leben für uns in den Tod gegeben, u. Sein Blut für uns vergossen hat. Er will bey jedem Genuß sich aufs neue genau mit uns verbinden. Ein jeder Knabe muß eine lebendige Sehnsucht nach der Liebe Jesu haben, er muß fühlen, daß er ein armer Sünder ist, u. glauben, daß er nicht ohne den Heiland selig werden kan. Daß der Heiland, der einige Sohn Gottes, am Stamm des Kreuzes gestorben ist, das ist sein höchster Trost, dadurch ist er in seinem Herzen gerührt u. verwundet; er tröstet sich bey allem Gebrech u. Elend, bey aller Verdorbenheit des theuren Blutes, das Jesus auch für ihn vergossen hat. Das ist der Eindruck, den ein jeder haben soll, der [577] zum heiligen Abendmahl geht. Wenn unser Herz trocken ist, u. wir kein lebendiges Gefühl von unserm Elend u. von der Liebe Jesu haben: so können wir nicht mit wahrem Nutzen u. Segen das heilige Abendmahl geniessen. Ihr seht also, daß das gar kein Ehrengrad ist, u. ihr werdet euch wol bescheiden, wenn ihr um das heilige Abendmahl anhaltet, daß man gern wartet, zu sehen, ob eine bleibende Sehnsucht nach Jesu Gnade in dem Herzen eines solchen Knabens ist, ob er sich ausser dem Heiland für verloren hält, u. ob sein ganzer Entschluß ist, dem Heiland zur Freude zu leben. Daher ist es unsre veste Meinung, daß es viel beßer sey, mit diesem Genuß zu warten, als sich dabey zu übereilen. So wie ich gesagt habe, daß es das erstemal im Herzen beschaffen seyn muß, so soll es auch vor einem jedes maligen Genuß seyn. Darum bitte ich euch herzlich, verlaßt euch nicht [578] auf die Brüder, die eure Pfleger sind, u. euch vor dem heiligen Abendmahl sprechen, sondern denkt an das Wort des Apostels: Ein jeder prüfe sich selbst, u. also esse er von diesem Brod, u. trinke von diesem Kelch. 1 Cor. 11,28. Ehe ihr zum Sprechen geht, soll ein jeder sich untersucht haben: Habe ich den Sinn, mein Versehen u. Vergehen als ein armer Sünder zu erkennen? Habe ich auch den Sinn, diese u. jene Sache hinzugeben in den Tod? Ist denn mein Verlangen, von alle dem schlechten, was ich bey der Untersuchung meines Herzens finde, offen mit demjenigen Bruder zu reden, der mich spricht, u. alles das, was mir gesagt wird, von Herzen anzunehmen? Geschieht es aber, daß sich ein Knabe nicht so findet, u. nicht weiß, ob er zum heiligen Abendmahl gehen kan, weil er die u. jene schlechte Dinge noch nicht los werden will: so ist es ja billig, daß er es sage, u. für diesmal zurückbleibe. Ist es blos Verlegenheit u. Kummer, [579] so wird er von seinem Chorhelfer aufgemuntert werden, als ein armer Kranker hinzu zu nahen. Ist es aber etwa, daß ein Jüngling oder Knabe denket: ich kan das nicht los werden, ich kan oder vielmehr ich will die Sache dem Heiland noch nicht hingeben, oder regiert Eigenliebe oder Weltlust im Herzen: so thut doch an euch selbst die Treue, u. bleibt für dasmal zurück. Laßt nur nicht den Gedanken bey euch aufkommen, daß es eine Schande sey, vom heiligen Abendmahl wegzubleiben. So wenig wir essen, wenn wir nicht hungrig sind, so wenig wir einen Kranken nöthigen Speise zu sich zu nehmen, wenn er keinen Appetit hat, und niemand darüber etwas einfällt; so wenig müssen wir zum Genuß des heiligen Abendmahls gehen, wenn wir keine lebendige Sehnsucht nach Jesu u. seiner Gnade in unserm Herzen fühlen. Wenn wir aber jemand, der in einer schlechten Herzenssituation ist, vom heiligen Abendmahl zurückweisen, [580] so sehen wir das gar nicht als ein Strafmittel, als eine Züchtigung an. Das ist der Sinn gar nicht, wenn wir einen Knaben oder Jüngling nicht zum heiligen Abendmahl gehen lassen; sondern das bringt die Natur der Sache so mit sich. Das wäre ja unverantwortlich, wenn man jemanden zum heiligen Abendmahl gehen liesse, von dem man wüßte, daß er sich selbst das Gericht essen u. trinken würde. Wenn ein Knabe auf seinen wahren Nutzen u. Segen bedacht ist, so muß er so denken: wenn ich mich in so einem Fall selbst ausschliesse, so thue ich mir die gröste Treue u. Wohlthat, u. kein anderer hat sich darüber zu bekümmern. Und wenn es dann geschieht, daß andere Knaben das gewahr werden, so haben sie über einen solchen Knaben nicht weiter zu fragen, oder zu denken, daß es deswegen schlechter mit ihm stehe als mit einem andern. Oft ist es im Gegentheil ein Beweis von der kräftigen [581] Gnadenarbeit des heiligen Geistes am Herzen, der einen solchen von allen den Dingen los machen will, die dem Heiland nicht zur Freude gereichen.

Das ist so unser Sinn über die Aufnahme u. das heilige Abendmahl, u. wir wünschen von Herzen, daß auch ihr den ganzen Nutzen u. ganzen Segen davon haben möget, daß alle Aufgenommene Ihm zum Wohlgefallen leben als Glieder der Gemeine Jesu, u. alle Abendmahlsgenossen als lebendige Reben an Ihm dem Weinstock grünen, blühen u. Früchte tragen mögen.

Ges: Nichts ist an uns, nichts als armes p.

Vierte Rede d. 28 Febr.

Ges: Gib, daß ich thu mit Fleiß, was mir zu thun gebühret, wozu mich mein Beruf in meinem Stande führet. Gib, daß ichs thue bald, zu der Zeit, da ich soll: und wenn ichs thu, so gib, daß es gerathe wohl.

Ich will jezt, meine lieben Knaben u. Jünglinge! [582] etwas reden von dem, was eure Geschäfte eigentlich anbetrift, u. einen großen Theil des Zweckes ausmacht, warum ihr hier im Paedagogio seyd. Der Hauptzweck bleibt allemal der, daß ihr mit euch u. mit dem Heiland bekannter werdet, u. eure Herzen zubereiten laßt zu Seinem Lobe u. Preise. Der andre Zweck ist, daß ihr zu nützlichen Menschen gebildet u. erzogen werdet. Dazu gehört auf unsrer Seite, daß wir dafür sorgen, daß ihr Brüder habt, die euch unterrichten, u. alle Mühe, Treue u. Aufmerksamkeit an euch wenden. Dagegen gehört aber auch auf eurer Seite dazu, daß ihr alle eure Leibes- u. Seelen-Kräfte dazu anwendet, das zu erlernen, was nützlich u. gut ist. Es sind die Jahre, die ihr hier zubringt, sehr kostbar; es sind diejenigen Jahre, da die Kräfte eurer Seele sich auswickeln, da euch ganz besonders ein gutes Gedächtniß zu Theil [583] wird, da ihr die Fähigkeit bekommt, alles leicht zu begreifen, was euch vorgetragen wird. Wie ihr diese Jahre anwendet, darauf kommt sehr viel an; u. ihr müßt suchen sie so anzuwenden, daß ihr in der Zukunft den Heiland für die Anwendung eurer Jugendzeit loben u. danken könnt. So lieb es uns ist, daß uns der Heiland ein Paedagogium gegeben hat, wo wir euch erziehen können, u. vor dem gottlosen Wesen der Welt u. der Verführung, die auf den meisten andern Schulen herrscht, bewahren können; so lieb ist es uns auch um der Studien selbst willen. Ich kan euch versichern, u. weil ichs selbst erfahren habe, könnt ihr mirs sicher glauben, wenn ich euch sage, daß ihr hier alles nöthige weit beßer erlernen könnt, als auf irgend einer andern Schule. Statt daß dort 3 oder 4 Praeceptoren für eine solche Anzahl junge Leute sind, so habt ihr hier eine große Anzahl Lehrer. Statt daß dort 40 bis 50 Schüler in einer [584] Klasse sind – die nothwendig verschiedene Fähigkeiten u. profectus haben, u. daher verabsäumt werden müssen – sind hier nur 10 bis 12 in einer Klasse, daß auf die Art einem jeden sein Recht widerfahren kan. Wir erkennen es mit Dank gegen den Heiland, daß Er uns so viele Brüder gegeben, die an jeden Knaben u. Jüngling alle Attention wenden, ihn auf eine leichte u. bequeme Art zu unterrichten. Dazu kommt noch der große Vortheil, daß wir, sowol hier in Niesky als auch in Barby, so manches, was keinen großen Nutzen hat, übergehen, u. das desto mehr treiben, was das zuträglichste u. zum Besten der Menschen am meisten dienlich ist. So lang ihr noch hier seyd, muß hauptsächlich euer Zweck seyn, Sprachkenntnisse zu samlen. Ihr lernet die lateinische u. griechische Sprache, ihr werdet im Französischen unterwiesen, es wird euch Gelegenheit gemacht [585] euch ein wenig im Englischen zu üben, u. der Anfang gemacht euch im Ebräischen zu unterrichten, sonderlich bey denjenigen, von denen wir glauben, daß sie es künftig brauchen werden. Da will ich euch, liebe Kinder! herzlich bitten, euch mit diesen Sprachen recht bekannt zu machen. Bey alledem aber ist es billig, daß ihr auch die Deutsche Sprache nicht vernachlässigt, sondern euch angelegen seyn laßt, in derselben ordentlich sprechen u. schreiben zu lernen. Bey Erlernung der fremden Sprachen wendet ja die gehörige Zeit u. den grösten Fleiß darauf, euch auf eure Lectionen zuzubereiten, u. das, was ihr in der Lection gelesen habt, hernach für euch zu wiederholen. Denkt ja nicht, daß damit schon alles gethan ist, wenn ihr nur den Autor fertig lesen, aus dem lateinischen, griechischen u. französischen ins Deutsche übersetzen könnt; das ist noch nicht die [586] Sache. In den größern Klassen solte euch die Sprache nicht mehr incommodiren, aber desto mehr sollt ihr auf die Sache selbst sehen, was der Autor sagen will, wie er seine Gedanken verbindet, wie er seinen Satz beweiset u. s. w. Dazu gehört dann freilich Fleiß, Zubereitung u. Wiederholung. Doch ist es noch gar nicht hinlänglich, wenn ihr auch auf die Weise einen Autor versteht; sondern ihr habt auch hauptsächlich darauf zu sehen, wie ihr euch selbst ausdrucken lernt; und es muß euch sehr wichtig seyn, wenn euch auch dazu die lieben Brüder, die eure Informatoren sind, Gelegenheit machen. Was hilft es uns, wenn wir das lateinische, englische, französische Buch lesen u. verstehen, wenn wir nicht auch die Sachen, die wir gelesen haben, andern mitzutheilen im Stande sind! Zu Erreichung dieses Zweckes geben sie euch Uebungen auf, wo ihr selbst [587] denken müßt, und diese Aufgaben werden nach u. nach immer schwerer, damit ihr auch almählich euch gewöhnt eure Seelenkräfte mehr anzustrengen; sie zeigen euch dann, wo ihr es getroffen habt, wo die Gedanken selbst falsch sind, oder wo ihr nur im Ausdruck u. in den Worten gefehlt habt. Und da will ich euch herzlich bitten, es in dem Theil euren Docenten nicht schwer zu machen, sondern alles zu thun, was bey euch steht, um den Brüdern ihre Arbeit u. Mühe (denn es ist in der That nichts leichtes, Tag vor Tag zu unterrichten) zu erleichtern u. zu versüssen; das ist eure Pflicht. Ihr müßt dabey auch bedenken, daß ihr durch Trägheit u. Mangel des Fleißes nicht allein euren Brüdern ihren Beruf schwer macht, sondern auch, daß ihr es euren Eltern, ja der ganzen Brüderunität, für die ihr hier erzogen werdet, schuldig seyd, so [588] viel nützliches, als immer möglich ist, zu erlernen, damit auch die Ausgaben für euch, die gewiß nicht gering sind, nützlich u. nicht vergeblich angewendet werden. Es ist wol an dem, daß wir es am liebsten sehen, wenn ein Knabe aus Treue, das Herz Jesu zu erfreuen, aus Liebe zu Ihm alle seine Kraft anwendet, um etwas rechtes zu lernen. Wenn aber einer das nicht thut, so können wir nicht anders, als ihn mit Ernst dazu antreiben; denn wir würden es nicht verantworten können, wenn wir ihn in seiner Trägheit hingehen liessen. Aber viel beßer u. seliger ist es für euch, daß ihr euch selbst treibet, da ihr doch dem Heiland für von euren Stunden auch Red u. Antwort geben müsset, ob ihr dieselben nützlich u. zweckmäßig verbracht habet. Die Fähigkeiten sind bey euch nicht gleich; einem Knaben hat Gott die Gabe gegeben, daß er bald etwas faßt, dem andern wird es schwerer; [589] der eine hat ein gut Gedächtnis, bey dem andern ist es nicht so stark; der eine kommt geschwind weiter, bey dem andern geht es langsamer. Da wäre es nun freilich sehr thöricht, wenn sich einer etwas darauf einbilden wolte, daß er schon in einer höhern Klasse wäre, als ältere Knaben, daß ein andrer neben ihm nicht so viel als er lerne. Die Fähigkeiten sind ein Geschenk, das wir blos u. allein unserm Gott u. Schöpfer zu verdanken haben. Die Rede ist nur davon, ob einer alle Treue beweiset, u. allen Fleiß anwendet. Am Ende kan es treffen, daß derjenige, der weniger Gaben besizt, u. langsamer begreift, wenn er nur treu in seinem Theil ist, oft ein nützlicherer Mensch wird als der, der bald etwas faßt, u. dadurch vielleicht in der Folge nachläßig wird. Verachte also ja keiner den andern darüber, daß er etwa in Vergleich mit andern zurückbleibt. [590] Keiner bilde sich darauf etwas ein, wenn er größere Fortschritte macht als ein anderer. Bedenke immer ein jeder, warum er eigentlich hier ist, und daß er sowol von seinen Seelenkräften als von der Anwendung seiner Zeit dem Heiland Red u. Antwort geben müsse.

Ausser den Sprachen habt ihr auch eine schöne Gelegenheit schon jezt zu hören was in der Welt vorgegangen, die Abwechselungen der Reiche auf Erden, wie Gott nach seinem Wohlgefallen es in denselben oft ganz anders gefügt hat, als die Menschen dachten, was für große Revolutionen vorgekommen, das alles lernt ihr in der Historie. Sie ist ein sehr nützliches u. brauchbares Studium. Ihr müßt wissen, wie Gott von Anfang der Welt her in allen Landen alles zum Besten seiner Kinder nach Seiner Weisheit gelenkt hat. Und ich wünsche recht sehr, daß ihr dies Studium mit Aufmerksamkeit treibt. Ihr müßt auch mit der [591] Lage der Länder bekannt werden, zumal da ihr zu einem Volke gehöret, das Gott überall in allen Theilen der Welt ausgebreitet hat; das ist billig. Das Studium der Geographie ist ein eben so angenehmes als nützliches Studium, u. man kan in euren Jahren mit leichter Mühe die nöthige Kenntnis darin erlangen.

Nun ist noch eine Sache von großer Wichtigkeit übrig, nemlich die Mathesis. Wir unterrichten euch, nicht blos um euer Gedächtnis zu üben; sondern ihr sollt anfangen selbst zu denken, selbst euren Verstand zu gebrauchen; u. dazu findet sich in der Mathesis die beste Gelegenheit. Ihr lernt nicht deswegen Arithmetik u. Geometrie, weil wir glaubten, es solten aus vielen von euch Feldmeßer oder Rechnungsführer werden; diejenigen, die sich dazu geschickt machen wollen, müssen noch andere Uebungen haben; sondern hauptsächlich darum, um einsehen zu lernen, warum eine Sache so u. nicht anders [592] ist u. seyn kan. Es ist also bey dieser Wissenschaft äusserste Attention nöthig, damit ein Knabe die Sachen nicht nur blos nachmachen lerne, sondern auch den Grund davon einsehe, warum nothwendig dies u. jenes zutreffen müsse, warum gerade dies u. nichts anders die Folge von diesen praemissen sey. Aus eben dem Grunde wird euch künftig etwas Logik mitgetheilt werden, damit ihr eure Verstandes-Kräfte üben u. anwenden lernet. Es ist dies zugleich die beste u. schönste Zubereitung zu den Wissenschaften, in denen ihr künftig in Barby unterrichtet werdet, u. kan euch am besten in Stand setzen, selbst nachdenken zu lernen.

Was ich jezt gesagt habe, wäre dann so ziemlich allgemein, ausser daß der eine mehr Neigung zu der oder jener Sprache hat, als der andere, u. auch in der Zukunft vielleicht mehr oder weniger Gebrauch davon zu machen Gelegenheit hat. [593] Ich habe schon ein andermal erinnert, muß es aber nochmals wiederholen, daß wir in der Gemeine die Gelehrsamkeit nicht als einen besondern Vorzug ansehen, u. deswegen von unsern Mitbrüdern nicht geringer denken, weil sie keine Gelehrte sind. Ein Bruder, der sich mit seinen Händen müht, ist uns in seinem Theil eben so wichtig, eben so lieb als ein Gelehrter. Jeder sey nur das, was er ist, ganz. Soll ein Knabe ein Schreiner werden, oder ein Schuhmacher oder ein Schneider, so muß er suchen es dahin zu bringen, daß er kein Stümper sey, u. seine Sache ganz lernen. Da ist es dann sehr billig, daß auch ihr, die ihr zum Studiren bestimmt seyd, von ganzem Herzen alles thut, um auch das wirklich zu werden, was ihr seyn sollt; sonst könnt ihr ins künftige nicht nützlich seyn. Denn es geht mit den Gelehrten oder Studirten eben so, wie mit andern Menschen: wenn sie das nicht recht können, was sie sollen, so können sie [594] weder den Heiland noch ihre Nebenmenschen durch ihre Geschäftigkeit, so wie sie solten, erfreuen. Aus dem Grunde will ich euch recht herzlich bitten: sucht die Absicht Gottes mit euch zu erfüllen, sucht nützliche Bürger der Erden, u. brauchbare Glieder der Gemeine Jesu Christi zu werden.

Nun habe ich noch etwas zu sagen, das betrift die Musik. Wir können sie in unsern Gemeinen nicht entbehren; sie gehört dazu, unsern Gottesdienst lieblich u. angenehm zu machen, u. das Herz wird dadurch zum Lob u. Dank Gottes ermuntert. Ihr seyd selbst Zeugen davon, was durch eine wohleingerichtete Musik für ein Segen u. Vergnügen für die übrigen Geschwister zuwege gebracht werden kan. Ein jeder also, der dazu Geschick u. Gaben empfangen, hat auch darinn fleißig zu seyn, u. er wird künftig immer einen guten u. erfreulichen Gebrauch davon machen können.

Zulezt habe ich noch eine Bitte u. Erinnerung [595] an euch, von der ich wünschte, daß sie ein jeder recht zu Herzen nähme. Sie betrift etwas ganz alltägliches, nemlich das lesen u. schreiben. Denkt nicht: das ist ja eine Kleinigkeit, das kan ich schon; es ist schon genug, wenn ich nur allenfalls Buchstaben machen kan, die man zur Noth lesen kan. Glaubt, daß es eine Hauptsache ist, daß ihr eine leserliche Hand schreiben lernt. Wir, die wir bey Tag u. Nacht so viel geschriebenes zu lesen haben, erfahren es am besten, was es heißt, etwas schlecht u. undeutlich geschriebenes lesen zu müssen. Wir lesen einen jeden schön u. deutlich geschriebenen Brief mit Danksagung. Es ist in unsern Gemeinen eine ganz unentbehrliche Sache, u. jeder von euch kan versichert seyn, daß er einmal wird viel zu schreiben haben; ihr müßt euch daher befleißigen, recht schön u. deutlich u. zugleich auch richtig schreiben zu lernen.

Mit dem Lesen ist es eben so. Es ist [596] etwas recht klägliches, wenn man einen Vorleser nicht recht versteht; besonders da in unsern Gemeinen das Vorlesen einen Haupttheil des Gottesdienstes ausmacht, u. fast mehr gelesen als geredet wird. Die schönen Nachrichten, die Reden, die mitgetheilt werden, solten von den Geschwistern recht genossen werden; und da ists sehr betrübt, wenn man beym Herausgehen höret: Ja, ich habe nicht alles gehört, ich habe viel nicht verstanden; der Bruder hat so eine undeutliche Sprache, er läßt die Stimme oft fallen; er legt den Accent nicht dahin, wo er hingehört. Daher müßt ihr es euch nicht befremden lassen, wenn euch eure Brüder auch zuweilen etwas vorlesen lassen, denn es ist in der That eine Hauptsache, deutlich u. ordentlich lesen zu lernen. Ihr wißt selbst, mit was für Vergnügen man in einer Versamlung ist, wo etwas vernehmlich, verständlich u. nachdrücklich vorgelesen wird, so, als [597] wenn es der Bruder aus seinem Herzen sagte. Da es hingegen, wenn es nur flüchtig hinter einander gelesen wird, nicht den halben Eindruck macht.

Das ist so dasjenige, meine lieben Jünglinge u. Knaben, was ich in Absicht auf euren Fleiß u. Treue in eurem Beruf habe sagen wollen. Ihr habt auch Gelegenheit euch im Zeichnen zu üben. Es ist damit eben so wie mit andern Dingen, einer hat dazu mehr oder weniger Gabe u. Fähigkeit als der andere, alle aber haben wenigstens so viel Geschick dazu, die nöthigen Figuren in der Geometrie zu zeichnen; u. bey einigen unter euch kan sichs auch zeigen, daß sie besonders Geschick zur Architectur haben. Auch dieses ist in der Gemeine ein sehr angenehmes u. nützliches Studium. Wie froh sind nicht die Gemeinen, wenn sie einen Bruder zum Schulhalter oder Vorleser krigen, der ihnen auch erforderlichen Falls [598] einen Riß machen kan!

Ins Ganze habe ich noch das erinnern wollen: Es ist sehr unrecht, wenn ein Jüngling oder Knabe denkt: ich habe zum Lateinischen, Griechischen pp. keine Lust, ich will mich nicht viel damit abgeben, es wird mir ohnehin nicht viel helfen. Das ist sehr falsch gedacht; es kan keiner von euch wissen, was ihm künftig nützlich, oder nicht brauchbar seyn wird. Eure Sorge muß dahin gehen, wie ihr die Zeit gut anwendet. Ob es euch ins Ganze nützlich ist, dafür überlaßt ihr billig die Sorge denen, die euch den Studiis gewidmet haben. Es ist ohnedem noch ein andrer großer Nutzen mit dem fleißig seyn verbunden, nemlich daß euer Gemüth immer auf eine löbliche u. gute Weise beschäftiget ist. Das ist in der Jugendzeit eine große Wohlthat, u. ihr hättet selbst den grösten Schaden davon, wenn ihr durch Trägheit u. Nachläßigkeit die Absicht [599] eurer Vorgesezten, eurer Eltern, ja gar des Heilandes selbst nicht erfülltet. Nihil agendo male agimus[WS 2]. Der Müssiggang bringt aus dem Herzen unnütze Gedanken hervor; ihr fangt alsdann an zu speculiren über Dinge, die nicht für euch gehören, gerathet wol auf kindische Possen, denkt etwa über eure Kleidung, warum ihr das nicht so u. so habt; oder wol noch über schlechtere Dinge, die euch u. andern schädlich sind. Das alles würde euch gewiß nicht einfallen, wenn ihr euch nützlich beschäftigtet. Ich achte es daher für ein großes Unglück, wenn ein Knabe anfängt in dem Eifer u. Fleiß in seinem Beruf nachzulassen, u. glaube, daß man auf dem Wege in viele schlechte u. elende Dinge hineingerathen kan; u. dadurch erregt ihr uns Betrübnis statt Freude. Es kommt aber hauptsächlich nur darauf an, daß ihr auch hierinn, wie in allen andern Stücken, den Heiland zu Hülfe nehmt, daß ihr [600] Ihn von Herzen um Fleiß u. Treue zu eurem Beruf bittet, daß ihr Ihm oft den Seufzer aus dem schönen alten Liede, den wir mit einander gesungen haben, vorsaget: „Gib, daß ich thu mit Fleiß, was mir zu thun gebühret, wozu mich mein Beruf in meinem Stande führet: gib, daß ichs thue bald, zu der Zeit, da ichs soll, und wenn ichs thu, so gib, daß es gerathe wohl!“ Ihr habt zu allem den Segen des Herrn nöthig. Wenn ein jeder von euch des Morgens den Heiland kindlich anflehet: Gib, daß ich diesen Tag recht fleißig sey, in meinen Lectionen mit Aufmerksamkeit zuhöre, u. ja nicht etwa durch meine Unachtsamkeit oder dadurch, daß ich wol gar andre störe, meine Lehrer betrübe; so wird es euch der Heiland auch gewiß nach Seiner Gnade schenken. Wir aber werden uns freuen u. Ihn loben über der Hofnung, daß ihr nützliche u. Ihm wohlgefällige Menschen werden werdet.

Ges: Laß alles nur geschehn zu Deines Namens Ruhm p.

[601]
Fünfte Rede d. 29 Febr.

Ges: Lehr uns wandeln, wie Du wandeltest.

Ich habe euch, meine lieben Jünglinge u. Knaben! heute eine u. andre Erinnerung mitzutheilen, die besonders auf das äusserliche Betragen u. Wohlanständigkeit geht; u. will euch zum voraus ermahnen, daß ihr dasjenige, was erinnert wird, ja nicht ansehen möget als lästige u. beschwerliche Einschränkungen, sondern als solche Dinge, die zur Ordnung in unserm Hause nothwendig gehören. Ich habe schon gesagt, daß unsre Jünglinge u. Knaben immer so erscheinen solten, wie sie Gott u. Menschen wohlgefällig seyn können, und daß es ihnen besonders anliegen solle, sich immer mehr in die Aehnlichkeit Jesu gestalten zu lassen; u. zweytens, daß ihr es gut begreifen könnt, daß nicht ihr, sondern diejenigen, die euch vorgesezt sind, zu beurtheilen haben, was euch gut u. nützlich, [602] oder schädlich u. nachtheilig ist. Wenn ihr das bey jeder Sache vestsezt, so werdet ihr nichts, was etwa verboten wird, so ansehen, als wenn wir euch eines Vergnügens berauben wolten; u. nichts, was euch befohlen wird, wird euch eine Last oder Beschwerde werden. Ich habe schon erinnert, daß ihr alles, was ich auch hier nicht nenne, was euch aber eure lieben Brüder, die bey euch wohnen, u. die Vorsteher dieses Hauses sagen, so annehmen sollt, als zu eurem Besten gemeint. Es ist diesen Brüdern aufgetragen im Namen der Unitaets Aeltesten Conferenz, ja im Namen des Heilandes. Es bezieht sich alles, bis auf wenige Anmerkungen, auf die Hausordnungen, über die sich alle Brüder zu halten verbunden haben.

Es ist billig, daß ihr selbst schon eine Attention auf euren Körper habt. Dahin gehört die Sorge für eure Gesundheit, die uns u. euren Vorgesezten allen sehr anliegt. Ich will euch herzlich bitten, beym [603] Essen u. Trinken, Spatzierengehen u. Motionen darauf bedacht zu seyn, daß nichts der Gesundheit nachtheiliges vorkomme. Nehmt euch Zeit, wenn ihr bey Tische seyd, zu essen u. zu trinken; es liegt daran etwas, daß man sich die ordentliche Zeit auch dazu nehme, u. nicht zu sehr eile, fertig zu werden. Es ist höchst schädlich, wenn man die Speisen zu geschwind zu sich nimmt; die Zeit zum Essen ist euch ja von Herzen gern gegönnt. Denkt daran, meine lieben Kinder, daß es äusserst schädlich seyn würde, ausser den Mahlzeiten viel solche Dinge zu sich zu nehmen, wie Näschereyen oder dergleichen süsse Sachen sind. Wir müssen es bedauren, wenn Kinder dazu Gelegenheit gehabt, u. sich daran gewöhnt haben, denn es ist offenbar nachtheilig. Es kommt die Zeit, da sie gewahr werden, wie sehr sie dadurch ihrer Gesundheit geschadet haben. Es kan auch so weit gehen, daß man dadurch seine Ausgaben merklich vermehrt; u. das [604] ist nicht nur euch selbst, sondern auch euren lieben Eltern nachtheilig. Daher habe ich euch auch im Namen u. Auftrag der Unitaets Aeltesten Conferenz zu warnen, daß sich ein jeder vor Näschereyen u. Zuckerwaaren hüte, u. sie sich nicht angewöhne; ja auch, wenn er sie haben könte, lieber den Genuß derselben unterlasse. Was ihr nöthig habt, euren Hunger zu stillen, auch von Beckerwaare, das soll euch werden, u. keinesweges versagt seyn; nur Mäßigkeit u. Ordnung ist dabey höchst nöthig. Andre Sachen aber, viel warmes Getränke u. dergleichen können wir um eurer Gesundheit willen nicht erlauben. Wir bedauren es, daß es schon zur Nothwendigkeit geworden, des Morgens u. Abends warme Speisen zu sich zu nehmen, denn wir glauben, daß es viel besser wäre, wenn man sich mit einer warmen Mahlzeit des Mittags begnügte, u. sind davon überzeugt, daß die warmen Speisen u. Getränke mehr zur [605] Weichlichkeit beytragen, als viele andre Dinge; indeß das ist schon einmal zur Gewohnheit geworden. Aber das warme Getränk noch ausserdem ist gewiß schädlich; daher habe ich euch zu ersuchen, daß ihr es nicht so nehmt, als wenn man euch ein Vergnügen entziehen wolte, wenn euch des Nachmittags kein warmes Getränk, u. sonderlich kein Kaffee verstattet wird. Wir müssen es widerrathen um eurer Gesundheit willen; und ihr würdet, wenn ihr künftig kränklich u. schwächlich wäret, selbst die Schuld auf eure Vorgesezten schieben, daß sie euch es zugelassen hätten. Wir haben geglaubt, es wäre völlig genug, wenn man euch einmal die Woche verstattete, mit einander Kaffee zu trinken. Wenn euch dies auch jezt nicht angenehm seyn solte, so werdet ihr es doch künftig für eine große Wohlthat ansehen; u. dann werdet ihr verstehen, daß wir es in der That um eures Besten willen gethan haben.

[606] Ich habe schon gesagt, daß ihr auch bey euren Spielen u. Motionen selbst, wenn es auch gleich schon die Brüder thun, über euch zu wachen habt, u. aufmerksam auf euch seyn müßt; denn große Erhitzung u. übermäßige Bewegung können sehr schlimme Folgen haben. Dies kan bey einem leichter vorkommen als bey dem andern; der eine hat etwa ein hitzigeres Temperament, desto folgsamer aber muß er seyn, wenn ihn ein Bruder, der eben dabey ist, erinnert. Wir haben schon mehr als ein Exempel, daß sich dadurch Knaben großen Schaden zugezogen haben, wovon die Folgen oft gar tödtlich gewesen sind.

Dies ist etwa das, was ihr bey der Pflege eures Körpers u. zur Erhaltung eurer Gesundheit zu merken habt. Ganz besonders aber habt ihr alle auch darauf attent zu seyn, euch reinlich zu halten. Die Reinlichkeit ist eine Hauptsache zur Gesundheit des Körpers; daher werdet ihr gern der Erinnerung eurer Brüder [607] folgen, euch recht gut zu waschen, auch den Mund alle Tage auszuspühlen, doch wenigstens jeden Morgen, auch wol jedesmal nach dem Essen. Es sind das freilich Kleinigkeiten, sie gehören aber zu der schuldigen Pflege unsers Körpers, über den wir zu wachen u. ihn ordentlich zu bedienen haben. Die Unreinlichkeit hat nicht nur schlimme Folgen für die Gesundheit, sondern ihr werdet dadurch auch euren Stubenkameraden lästig. Ebenfalls gehört zur Reinlichkeit, daß ihr euch, wenn ihr es nöthig habt, umkleidet, u. eure Brüder werden darauf sehen, daß es auch ausser der gewöhnlichen Zeit, wenn es nöthig ist, geschehe. Von der Reinlichkeit an eurem Körper komme ich auf die Reinlichkeit in eurer Kleidung. Alle unsre Jünglinge u. Knaben haben selbst darauf bedacht zu seyn, sich allemal ordentlich anzukleiden; u. desto billiger ist es, daß ihr folget, wenn in dem Stück eine Unordnung [608] bemerkt wird, u. ihr darüber erinnert werdet. So schön das ist, u. so gewiß es zur Ordnung gehört, daß ihr allemal anständig u. reinlich gekleidet erscheinet; so wenig habt ihr euch darum zu bekümmern, was u. wie das ist, das ihr anzieht. Ihr habt darauf zu sehen, daß eure Wäsche u. Kleider geschont, u. nichts ohne Noth daran zerrissen werde. Ihr müßt menagirlich damit umgehen, u. immer daran denken, daß eure Eltern u. die Vorsteher der Anstalt die Kleider theuer bezahlen müssen. Ich halte es immer für ein Zeichen eines ordentlichen Knaben, wenn er, sobald er etwas an seinen Sachen entzwey gehen siehet, zu rechter Zeit es erinnert, damit es wieder gebeßert werden kan. Wenn aber ein Jüngling oder Knabe anfängt über die Kleidung selbst zu denken: Solte das u. jenes nicht anders seyn? solte mein Kleid, mein Hut, meine Schuhe, meine Stiefel, meine Schnallen nicht so gemacht [609] seyn: so beschweret er sich mit einer Sorge, deren er ganz überhoben seyn kan; das ist gar nicht eure Sache, darüber zu denken. Wir haben darinn in der Gemeine überhaupt einen großen Vorzug vor der Welt, daß wir nicht alle die, oft sehr wunderliche Moden mit zu machen brauchen. Und es wäre ja närrisch u. wunderlich, wenn wir es anfangen wolten, da alle verständige Menschen uns glücklich preisen, daß wir von einer so großen Last befreyet sind; sie halten uns darum doch nicht für absurde Menschen, sondern wünschten sich selbst gar sehr dieses große Glück, können es aber oft nicht helfen, weil sie in manchen Stücken genöthigt sind mitzumachen. Unsre Knaben haben es nun vollends gar nicht nöthig sich nach der Mode zu richten, u. es wäre wunderlich, wenn ihr es thun woltet, da doch wir erwachsene Geschwister uns nach unserm Gutbefinden kleiden, u. nur darauf sehen, [610] daß es ordentlich, reinlich u. decent sey, darnach aber gar nicht fragen, wie es die Leute ausser uns machen. Ueberdies ist es keine geringe Geldersparnis, weil die Moden sich fast alle Jahr ändern. Da wäre es also sehr sonderbar, wenn ihr anfangen woltet hier in Niesky, wo ihr alleine seyd, wo euch niemand als ihr selber unter einander sehet, und Besuchende nur Reinlichkeit, Ordnung u. Sittsamkeit von euch erwarten, auf das Mitmachen der Moden zu denken. Hört also lieber ganz u. gar auf, darüber zu denken, wie ihr gekleidet seyd, u. überlaßt die Sorge ganz uns u. euren Vorgesezten, denn es ist um jeden Augenblick Schade, den ihr euch damit beschäftiget. Noch dazu muß ich euch sagen, daß es recht absurd herauskommt, wenn in der Gemeine etwa unsre jungen Brüder es der Welt nachmachen wolten; denn sie treffen es doch nicht, denn gemeiniglich, wenn sie es anfangen, ist es schon wieder [611] ausser uns eine andre Mode. Dafür, daß ihr decent u. wohlanständig erscheinet, wird gewiß gesorgt werden. Auswärtige Herren u. Freunde, die euch besuchen wissen schon, daß wir nicht affectiren die Weltmoden nachzumachen. So ist es auch billig, daß ihr eure Haare ohne viel Umstände in Ordnung bringt, euch den Kopf nicht hoch aufkräuselt, u. viel Puder hineinstreut, da so gar alle verständige Leute in der Welt jezt anfangen sich so simpel u. so leicht als möglich auf dem Kopfe zu tragen. Seht nur darauf, daß ihr ordentlich erscheint, u. nichts auffallendes, nichts unreinliches an euch blicken laßt. Die Kleinigkeiten, die das nähere darin bestimmen, werden eure lieben Brüder schon besorgen, u. ihr werdet es gern annehmen.

Jezt habe ich noch etwas über die nöthige Sparsamkeit mit euch zu reden. Allerdings ist es unsre Sorge, daß nicht zu viel aufgehe, und daß ihr beyzeiten denken lernt, daß alles Geld kostet. [612] Deswegen habe ich schon gesagt, daß ihr mit euren Kleidern u. Wäsche ordentlich umgehen müßt. So müßt ihr auch bey euren kleinen Ausgaben schon darüber denken, daß ihr euch nichts unnöthiges, noch viel weniger gar etwas schädliches dafür anschafft. Wir sehen es sehr gern, wenn ihr schon im Paedagogio über eure Ausgaben denken lernt; denn wenn ihr hier nicht eure nöthigen Ausgaben mit eurem bestimmten Taschengelde bestreiten lernt, so werdet ihr gewiß auch nicht in Barby, wo ihr mehr unter die Hände krigt, mit dem auskommen, was euch bestimmt ist. Derjenige wird auch in Barby ein ordentlicher Oekonom seyn, der sich hier gewöhnt hat, mit dem ihm zugetheilten sich ordentlich einzurichten. Es ist immer schädlich für euch selbst das Geld ohne Noth auszugeben, wenn auch eure Eltern auf euer anhaltendes Bitten es wieder ersetzen; man geräth dadurch in einen unordentlichen [613] Gang auf seine ganze Lebenszeit. Es ist etwas recht betrübtes, wenn man nicht versteht ordentlich mit dem Seinen zu wirthschaften; wir haben schon manche, sonst sehr brauchbare Brüder blos deswegen nirgends recht anstellen können, weil sie keine Oekonomen waren, immer mehr ausgaben, als sie einzunehmen hatten, u. dann nicht anders sich helfen konten, als dadurch, daß sie Schulden machten; das war dann anstößig, u. gab ein böses Exempel. Wir wollen euch aber ja nicht zum Geitz oder zur Kargheit antreiben, daß ihr etwa auch die wenigen Groschen, die man euch zum Vergnügen gibt, zurücklegen, u. nichts davon brauchen sollt; das ist die Meynung gar nicht; ihr sollt nur ordentlich haushalten, u. auch mit dem, was ihr etwa von euren Eltern ausserdem geschenkt bekommt, menagirlich umgehen lernen. Ihr werdet euch daher gern gefallen lassen, alle eure Ausgaben [614] aufzuschreiben, um die Rechnung dem Bruder, der euch das Geld gibt, allemal zu zeigen; auch über das, was ihr ausserdem etwa bekommt, müßt ihr Rechnung führen. Ich kan euch versichern, wenn ihr es auch jezt nicht einsehet, daß es ein großer Vortheil für die künftige Zeit ist, wenn ihr jedesmal denkt: Ist es auch nöthig, daß ich das weggebe? ich könte den Groschen, den ich hier erspare, nöthiger u. besser anwenden, auch das Vergnügen haben gelegentlich einem Armen etwas zu geben. Wenn ein Knabe so gut wirthschaftet, daß er nicht alles verbraucht, was er bekommt, u. es kommt die Zeit, da Obst in den Ort gebracht wird, welches, wenn es in rechter Maaße genossen wird, sehr gesund ist: so kan er alsdann desto mehr an sich wenden, u. das, was er an einem andern Orte erspart hat, zu seinem Vortheil u. Nutzen gebrauchen.

Jezt will ich noch eine andere Sache [615] von mehr Wichtigkeit, über der die Brüder von nun an sehr bestimmt halten werden u. halten müssen, euch empfehlen: daß sich nemlich unsre Knaben nicht einfallen lassen von ihren Stuben zu gehen, ohne sich von ihren Brüdern Erlaubnis dazu zu erbitten. Ihr werdet es also jedesmal sagen, wenn ihr euch längere Zeit auf einer andern Stube verweilen wollt, oder im Brüder Hause, oder anderswo im Orte etwas zu bestellen habt. Das müßt ihr eins wies andere anzeigen, u. davon sind nur die allernöthigsten u. kürzesten Gänge auszunehmen. Wenn ich auf einer Stube wohnte, u. ein Knabe bliebe mir eine Viertel- oder eine halbe Stunde weg, ohne daß ich wüßte, wo er wäre: so könte ich ja meine Pflicht als Aufseher nicht erfüllen, ich muß für einen jeden stehen können, u. wissen, wo ein jeder ist. Es ist eine ganz geringe Mühe, es immer zu sagen u. um Erlaubnis [616] zu bitten. Die Brüder wissen die Orte, wo ihr nicht hingehen sollt, u. sie werden es euch sagen. Das häufige Besuchen auf andern Stuben schickt sich überhaupt nicht. Ein Knabe kan wol auf einer andern Stube dann u. wann besuchen, wenn es aber zu oft geschieht, so entsteht Unordnung daraus; wenn es in den gehörigen Schranken bleibt, so wird es euch nicht versagt werden. Merkt euch das, u. denkt nicht, die Brüder seyn zu hart. Nein, sie haben sich dazu in den Hausordnungen vor dem Angesichte des Heilands verbunden, über Ordnung zu halten. Bey den Besuchen auf andern Stuben will ich etwas erinnern, was überhaupt euren Umgang unter einander betrift. Wir sehen das recht gern, daß ihr einander lieb habt, es muß aber diese Liebe allgemein seyn. Ihr habt einer wie der andere die Gnade, in der Pflege der Gemeine zu seyn, für den Heiland erzogen zu [617] werden, einer wie der andre ist dazu bestimmt, ein Eigenthum des Heilands zu werden, u. deswegen darf keinesweges Bitterkeit oder Feindschaft gegen irgend einen bey euch Statt finden. Aber es kan doch leicht geschehen, daß einer gegen den andern eine vorzügliche Neigung fühlt; und das ist eine Sache, die er gar nicht geheim zu halten oder zu verbergen nöthig hat, er braucht sich deswegen gar nicht zu schämen, wenn die Freundschaft einen guten Grund hat, u. sich darauf bezieht, einander zum Fleiß aufzumuntern, oder sich zur Liebe u. Treue gegen den Heiland zu verbinden. Die Gelegenheit zu einer besondern Freundschaft kan etwa daher entstehen, weil ein paar Knaben Kinder solcher Eltern sind, die sehr nah verwandt, oder sehr gute Freunde sind. Das ist eine Sache, darüber ihr euch gar nicht zu scheuen habt. Sobald aber die Brüder eine besondere Neigung oder Anhänglichkeit bey zweyen von euch gewahr werden, u. sehen, daß kein guter u. heilsamer [618] Zweck dabey zum Grunde liegt, so wäre es gegen ihre Pflicht, es ungewarnt hingehen zu lassen. Wenn z. E. ein paar Knaben in Vertraulichkeit über ihre vorgesezte Brüder oder über die Ordnungen mit einander raisonniren, so kan das euch ja unmöglich verstattet werden; denn wie sehr schädlich dies sey, ist uns klärer als euch. Gründet sich aber die Freundschaft auf etwas unschuldiges, u. ermuntert ihr euch gegenseitig zur Treue gegen den Heiland u. zum Fleiß in eurem Beruf, so werdet ihr das nicht verbergen. Merkt man aber, daß zwey Knaben lieber heimlich als laut mit einander reden, so müssen wir dergleichen um der schädlichen Folgen willen, die es haben könte, u. um unsers Gewissens willen unterbrechen. Es ist wol etwas sehr schönes, wenn sich Knaben vor dem Heiland verbinden; doch ist das eigentlich etwas allgemeines, u. ihr seyd ja oft beysammen vor dem Heiland, um diesen [619] Bund, nur allein für Ihn da zu seyn u. Ihm zu leben, zu bevestigen. Wenn aber ein Knabe noch ganz besonders dem andern zum Segen u. zur Aufmunterung dient, so ist das gewiß eine Sache, die wir nicht stören, sondern gern encouragiren wollen.

Dabey muß ich noch etwas erinnern, was ich lieber wünschte, daß ich es nicht thun müßte; da es indeß doch vorkommen kan, so ist es sehr nöthig. Wir können heimliche Vertraulichkeit u. Anhänglichkeit euch auch deswegen unmöglich verstatten, weil dadurch einer des andern Verführer werden kan. Ihr wißt, wir bitten alle Sonntage in der Litaney den lieben Heiland: Alle Verführer entferne von deinem Volk! Nichts kan betrübender seyn, als wenn schon unter unsern Jünglingen u. Knaben Verführungen entstehen, d. h. wenn ein Knabe dem andern schädlich wird. Der Heiland sagt einmal: Es muß ja Aergernis – [620] Verführung u. Anstoß – kommen. Doch wehe dem Menschen, durch welchen Aergernis kommt; es wäre ihm beßer, daß ihm ein Mühlstein an den Hals gehenkt, u. er ins tiefste Wasser geworfen würde. (Matth. 18,6.7.) So schrecklich, so abscheulich ist in den Augen Jesu Verführung. Was heißt dann Verführung? Wenn in mir schädliche, sündliche Gedanken u. Leichtsinn entstehen, wenn ich über dieses u. jenes in der Gemeine raisonnire, wenn ich ungehorsam bin, u. nicht gern folge, so sind das alles garstige Dinge; wenn ich aber einem andern Knaben sage: Wir müssen uns nicht zu sehr einschränken lassen, wir müssen unsre Freiheit behaupten; wenn man dich auch darum fragt, ob wir das gethan oder geredet haben? so hast dus ja nicht nöthig zu sagen u. dergleichen mehr. Das ist schädlich, das heißt einander Seelenschaden zufügen. Wenn einer mit dem andern von solchen Dingen redt, die er nur dem Chorhelfer sagen solte, so [621] kan ein Knabe dadurch den andern, der nicht ans Böse gedacht hat, auf Gedanken bringen, die ihn an Leib u. Seele ruiniren; ja es kan so weit gehen, daß es von bösen Gedanken u. Begierden zu schändlichen Handlungen kommt, die wider die Seele streiten, davon uns unser eigen Herz u. Gewissen, ja Gott selbst sagt, daß es Sünde u. Schande ist. Kommt das nun dazu, daß einer dem andern sagt: du must das nicht gestehen, sage nichts davon, auch wenn man dich darum frägt – so ist das noch ärger; da geräth man gar in das Laster des Lügens, das vom Vater der Lügen, dem Teufel, herkommt. Hütet euch also doch um Gottes willen vor dergleichen Dingen. Ihr seyd alle in diese Anstalt aufgenommen, u. sollt als ein kostbares depositum, das uns vom Heiland anvertrauet worden, der euch mit seinem Blute erkauft hat, zur Ehre Gottes erzogen werden. Wenn sich aber einer dafür nicht warnen läßt, so muß man [622] so einen Verführer, grade in den Jahren, da er die meiste Pflege u. Erziehung nöthig hätte, in die Welt hineinschicken; wie ihr euch erinnern werdet, daß es mit einem Knaben aus eurer Mitte wirklich hat geschehen müssen. So einer kan sich dadurch selbst die schrecklichsten Folgen zuziehen. Das sind schädliche, böse Menschen, die andere vergiften. Daher will ich euch bey dieser Gelegenheit nochmals bitten: laßt euch alles, was Unwahrheit u. Lügen heißt, als die allerschrecklichsten Dinge vorkommen. Es kan einer u. der andere gegen die Ordnungen handeln; er wird gefragt, wo er gewesen, was er gemacht habe: u. aus Furcht über einen kleinen Fehler schaamroth zu werden, sagt er wol gar etwas, was nicht wahr ist. Einmal erlaubt er sich Unwahrheit zu reden, u. das thut er hernach öfters; das ist der Weg zum Verderben. Wenn einer einen Fehler macht, u. nicht so handelt wie er solte, u. er nur die Treue [623] gegen sich selbst hat, es gleich zu gestehen, so wird man ihm gern vergeben, u. ihn, wo es nöthig ist, zurechtweisen. Wir haben uns, die wir anno 1782 auf dem Synodo beysammen waren, vor dem Heiland verbunden, daß wir der Unwahrheit u. den Lügen als der schändlichsten Sache in unsern Gemeinen widerstehen wollen. Der Heiland selbst hat gesagt, daß so ein Lügner einen Zusammenhang mit dem Geiste habe, von dem alle Lügen herkommen, der unsre ersten Eltern im Paradiese durch Lügen verführt hat, u. noch heut zu Tage alle Menschen durch Lügen zu verführen, u. ins Verderben u. Unglück zu bringen sucht.

Ges: Kleid uns alle, die Dich lieben, in den Gurt der Wahrheit ein, uns um Dich nur zu betrüben, uns in Dir nur zu erfreun.

[624]
Sechste Rede d. 3 Merz.

Ges: Einigs Herze, das soll meine Weide u. mein Himmel seyn allhier, Dir zu leben – wollen uns in Lehre u. im Leben – ergeben Gott dem werthen heilgen Geist, der uns führt u. unterweist.

Ich habe noch etliche wenige Sachen, über welche ich gemeinschaftlich mit euch reden wolte, ehe ich mit einem jeden besonders spreche. Ich habe euch schon vorigen Freytag erinnert u. gebeten, daß ihr Bedacht nehmet, daß eure Kleidung immer ordentlich sey, u. so viel möglich geschont werde, und daß ihr, wenn etwas daran entzwey geht, es beyzeiten beßern lasset. Jezt will ich euch nur noch erinnern, daß ihr die gehörige Attention habt, u. daran denkt, daß es eure Schuldigkeit ist, euren Eltern u. der Anstalts-Diakonie, die treulich für euch sorgt, auch alle andre unnöthige Ausgaben zu ersparen. Ihr habt deswegen vorzüglich darauf Bedacht zu nehmen, [625] daß von den Dingen, womit ihr aus dem Hause besorgt werdet, nicht zu viel u. unnöthiger Aufwand gemacht werde. Ihr werdet daher mit Holz, Licht, Oel u. Schreibmaterialien ordentlich haushalten, u. nicht unräthlich damit umgehen; und wenn ihr euch auch dabey einmal vergessen habt, so ist das eure Schuldigkeit, darauf zu achten, wenn euch deswegen Erinnerungen gegeben werden, u. sie gern anzunehmen. Und wenn auch Schreibmaterialien oder dergleichen von euch vergütet werden, so kostet das doch Geld, u. eure Eltern haben die Ausgabe mehr. Es soll euch nicht das nöthige entzogen werden, was ihr zu eurem Studiren braucht; ihr sollt nur schon in den Jahren auch darinn Ordnung u. Sparsamkeit beweisen lernen. So verlassen wir uns auch darauf, daß ihr beständig daran denkt, mit Gottes Gabe, mit Speise u. Brod ordentlich umzugehen, u. nichts zu verwüsten. Es ist allemal ein [626] Kennzeichen, daß man keinen rechten Eindruck von der Güte Gottes unsers Schöpfers im Herzen hat, aus deßen Hand wir dies alles empfangen, wenn man in diesen Sachen leichtsinnig ist, u. nicht die gehörige Aufmerksamkeit u. Sparsamkeit beweiset. Ich habe schon gesagt, daß ihr die Erinnerungen, die man euch gibt, gern anzunehmen habt; u. das ist auch meine Meinung in den Stücken, die ich hier nicht expreß nenne; ihr müßt überall Gehorsam u. Treue beweisen.

Ich habe schon erinnert, bey der Gelegenheit, da ich mit euch davon redte, wie ihr eure Zeit gut anwenden sollt, die Stunden ausser der Schulzeit zur praeparation u. repetition zu benutzen; u. wer das thut, wird gewiß dabey nicht lange Weile haben, daß er denken könte: Ja, wenn ich doch auch andre Sachen zu lesen hätte, wenn ich doch dies u. jenes Buch lesen könte! Jezt ist es [627] eigentlich eure Sache, daß ihr euch zubereiten lasset, um in der künftigen Zeit ein Buch mit Nutzen u. der gehörigen Einsicht lesen zu können. Es kan aber doch seyn, daß dem u. jenem einfällt, besonders von den größern, auch noch etwas anders ausser den Schulbüchern zu lesen. Glaubt ihr nun wirklich eine Stunde übrig zu haben, so könnt ihr euch ja ein dergleichen Buch von euren Vorgesezten ausbitten; die werden es am besten beurtheilen, was euch nützlich oder schädlich seyn könte; ob der Jüngling oder Knabe so fleißig u. in seinen studiis so weit ist, daß er etwas anders mit Nutzen lesen kan: sie werden euch als dann etwa ein historisches Buch nicht versagen. Ihr müßt nur mit dem Lesen offen u. ehrlich zu Werke gehen. Es kan auch geschehen, daß einer oder der andere ein Buch bekommt, nicht von seinen Vorgesezten, sondern etwa auf eine andere Weise. Nun können wir es gar nicht von euch erwarten, daß ihr [628] wissen sollt, ob euch dies Buch zuträglich oder nachtheilig ist. Wenn man nun dabey ein verstecktes Wesen bey euch merkt, so kan man dabey nicht ruhig seyn; ihr müßt es, so wie in allen Stücken, auch besonders hierin, für eine Hauptpflicht ansehen, offen zu seyn. Was euch zum Vergnügen u. Nutzen ist, wollen wir euch gewiß nicht entziehen. Das macht schon ein böses Gewissen, wenn ihr etwas verheimlichet. Es kan einer ein recht gutes Buch von seinen Eltern oder Anverwandten bekommen haben; es ist aber doch nöthig u. gut, wenn er es anzeigt, damit man ihm sagen könne, ob es auch dermalen für seine Kenntnisse u. Umstände passe.

Eben die Offenherzigkeit, die wir euch in Ansehung der lecture anrathen, wollen wir euch auch in Ansehung der Correspondenz empfehlen. Es ist eine vestgesezte Ordnung, daß ihr keine Correspondenz führt, ohne daß man sieht, [629] was ihr schreibt, oder für Briefe empfangt. Das ist keine Einschränkung des Gewissens; da ihr alles gern so schreiben werdet, wie es in eurem Herzen ist, u. ihr euren lieben Brüdern gern alles sagen werdet, wie es um euch steht, so werdet ihr sie eben so gern lesen lassen, was ihr schreibt. Die Brüder haben sich dazu verbunden, daß sie die Aufsicht über eure Correspondenz haben wollen; denn wir wissen gut, daß es zu eurem Nachtheil wäre, heimliche Correspondenz zu führen. Allemal gründen sich dergleichen Sachen schon auf ein gewisses Mistrauen gegen eure Vorgesezten. Ich habe schon gesagt, wenn einer eine gegründete Klage hat, so soll er gehört, u. wenn es nöthig ist, unterstüzt werden. Auf die Weise also kan nie der Fall vorkommen, daß ihr euch an Auswärtige mit euren Klagen zu wenden hättet; denn sie müßten es doch wieder an eure Vorgesezten gelangen lassen, wenn in dem oder jenem Stücke eine Aenderung nöthig wäre.

[630] Eine Lectüre will ich euch aber herzlich empfehlen, das ist nemlich die heilige Schrift. Ihr habt den schönen Unterricht in den Heilswahrheiten zu geniessen. Es ist gar was schönes, wenn ein Lehrer in der Gemeine die heilige Schrift von Jugend auf, so wie Timotheus, sich bekannt macht. Da will ich euch bitten, macht euch den Unterricht recht zu Nutze; laßts euch empfohlen seyn, die Sprüche aus der heiligen Schrift auswendig zu lernen. Was ihr in diesen Jahren lernt, dient euch auf eure ganze Lebenszeit. Diejenigen von euch, die ihr griechisches Testament verstehen, solten sichs zum besondern Vergnügen machen, die dicta probantia griechisch zu lernen. Es ist sehr nützlich, wenn ihr einmal künftig über diesen oder jenen Spruch denkt, oder vor der Gemeine darüber reden sollt, wenn er euch in der Sprache, in der ihn der heilige Geist hat schreiben lassen, einfällt. Es gehört zu eurem Beruf, daß ihr die heilige Schrift [631] in den Grundsprachen lesen u. verstehen lernt, u. das erwarten wir besonders von denen, die für den Heiland zubereitet werden, Ihm in der Gemeine zu dienen, zu arbeiten, u. sonderlich sich zum Unterricht der andern gebrauchen zu lassen.

Es sind nur noch ein oder zwey Stücke übrig, die ich euch bitten wolte recht zu Herzen zu nehmen. Ihr seyd allesamt dem Heiland gewidmet, habt alle Tage Gelegenheit Gottes Wort zu hören, ihr werdet fleißig ermahnt, dem Heiland eure Herzen hinzugeben, ihr hört, was Gott durch die Brüdergemeine gethan hat, u. noch thut – denn wir setzen voraus, daß ihr in den Versamlungen mit Aufmerksamkeit zuhört – ihr seyd noch dazu gröstentheils in die Gemeine aufgenommen, u. geht zum heiligen Abendmahl, u. wir glauben gewiß, daß der Geist Gottes sein Werk in euren Herzen angefangen hat: wäre es da nicht schön u. erfreulich, wenn man zuweilen auch aus eurem [632] Munde etwas davon hörte, nicht allein wenn ihr zu eurem Chorhelfer kommt, u. mit ihm von euren Herzen redet, sondern daß auch bey andern Gelegenheiten, auf euren Stuben, euch nichts lieber u. angenehmer wäre, als euch vom Heiland zu unterhalten, ohne alle Scheu u. Schaam – die gehört nicht dahin; was der Heiland in unsern Herzen thut, das kan man getrost sagen. Wenn etwa Gemeintag gewesen ist, u. ein Knabe zu dem andern sagt: ich habe mich recht gefreuet über das u. jenes, was gelesen wurde; oder was wir in der Predigt oder in der Stunde gehört haben, war mir besonders eindrücklich; in dem oder jenem Lebenslaufe kommen gar besondere Umstände vor, das hat mich recht aufgemuntert, mich dem Heiland ganz hin zugeben u. s. w. Da werden sich eure lieben Brüder herzlich darüber freuen, wenn ihr solche Discurse unter einander habt. Und liesse ja einer einen Widerwillen [633] über einen solchen Discurs merken, so hat er sich sehr darüber zu schämen; denn er vergißt ja ganz, was er dem Heiland u. der Gemeine schuldig ist. Eure lieben Brüder werden solche Unterredungen gern encouragiren, denn sie sind von großem Nutzen für euch. Durch dergleichen Aeusserungen lernt ihr euch von der rechten Seite kennen, u. das macht eine wahre Liebe u. Freundschaft, wenn man in dem Stück nicht fremd mit einander ist. Denn sonst kan es geschehen, daß man Zwey Jahre u. noch länger bey einander wohnt, u. keiner weiß vom andern, ob er den Heiland lieb hat, oder nicht. Einer möchte wol manchmal gern etwas sagen, aber er fürchtet sich, ein andrer möchte darüber lachen; und wenn er dann schweigt, so schämt er sich des Heilands u. Seines Wortes. Und ihr wisset, was das für eine schreckliche Sache ist, sich des Heilandes zu schämen. Solte sich auch einer einmal [634] so weit vergessen, daß er über Lehrer u. ihre Vorträge raisonnirt, so kan ers nicht übel nehmen, wenn ein anderer, der bey seinem Herzen ist, sagt: „Ey, wie kanst du so reden! mir hat der Geist Gottes den Vortrag zum Segen gemacht“ – Dazu hat ein jeder Freyheit, und alle u. jede sind vor dem Heiland dazu verbunden, dergleichen schädliche Aeußerungen mit aller Bescheidenheit zu widersprechen; u. eure lieben Brüder werden euch darinn treulich unterstützen.

Das lezte, wovon ich mit euch zu reden habe, ist die tägliche Unterredung mit dem Heiland selbst. Wenn ihr miteinander vom Heiland reden sollt, so müßt ihr wirklich in euren Herzen etwas von Ihm erfahren haben; denn wer nichts im Herzen hat, soll auch nichts davon vorgeben. Wenn man nicht im Umgang mit dem Heiland ist, kan man auch nichts davon sagen. Wenn es einem jeden wahrer Ernst ist, ein Eigenthum Jesu [635] zu werden, u. er alle Tage mit dem Heiland redet; so wird sich sein Herz an Ihn gewöhnen, mit Seiner Liebe angefüllt u. voll davon werden; u. weß das Herz voll ist, deß geht der Mund über. (Matth. 12,3.)

So gut wie leibliche Nahrung zum Bestehen gehört, eben so nothwendig ist zum geistlichen Leben, sich an Ihm zu erquicken. Es werden sich schon Minuten u. Viertelstunden finden, da ihr euch mit Ihm unterhalten könnet; wenigstens solte es doch geschehen, wenn ihr euch zu Ruhe leget, u. des Morgens, wenn ihr aufstehet. Wenn man sich in sein Bett legt, so denkt billig ein jeder: Nun ist wieder ein Tag vorbey; wie habe ich ihn zugebracht? habe ich ihn gut u. löblich angewendet? Habe ich meine Berufsarbeit an demselben treulich ausgerichtet? Ist nichts vorgekommen, wodurch ich den Heiland betrübt habe? bin ich in Seiner Erkenntnis weiter gekommen, oder bin ich leichtsinnig u. unachtsam gewesen? habe ich etwas geredet, das nichts [636] taugt? Und findet man dann, daß es nicht so gewesen ist, wie es hätte seyn sollen, so hat man da die beste Gelegenheit, sich zu schämen, u. den Heiland um Vergebung zu bitten, uns um Seiner Wunden willen Barmherzigkeit zu erweisen. Eben so des Morgens, wenn ihr erwacht, muß das der Wunsch eines jeden seyn: Laß mich diesen Tag zu deiner Ehre leben, laß mich ihn so anwenden, daß ich Dir davon Red u. Antwort geben kan; laß mich Die Erinnerungen Deines heiligen Geistes stets wahrnehmen, damit ich diesen Tag auch wieder mit Lob u. Dank gegen Dich beschliessen könne! Wenn das geschiehet, meine lieben Kinder! so wird es für euch einen bleibenden Nutzen u. Segen haben. Alles andere wird leicht gehen u. wohl gerathen; mit Ihm geht alle Arbeit gut, man kan ungestört fleißig seyn; Er schenkt es einem, daß man gern folgt, u. auch [637] unter einander in Friede u. Einigkeit lebt. Und hat man dann so den Tag verbracht, so kan man sich mit Vergnügen wieder auf sein Lager legen. Dies eine, die tägliche Unterredung mit dem lieben Heiland, vergeßt ja nicht, weil es einen Bezug auf euren Gang ins Ganze hat, u. gewiß dazu gehört, wenn ihr alle eure Tage u. Stunden so anwenden wollt, daß der Heiland u. die Gemeine Freude darüber habe.

Nun werde ich dann einen jeden von euch sehen. Ich wünsche, daß ihr recht treuherzig sagt, was u. wie ihr denkt, und wie euer Herz gegen den Heiland u. gegen eure Brüder gestellt ist.

Ges: Nimm Du mein Herz u. alles, was ich bin p. Du aber sollst auch wieder meine seyn p.

[638]
Siebente Rede d. 11 Merz.

Ges: O was für ein Gnadengrund liegt im Lieben p. Wenn man sich an Jesum Christ ganz ergiebet p. Da ist Leib u. Sinn u. Muth voller Gnaden p.

Ich habe in der vorigen Woche das Vergnügen gehabt, euch alle einzeln zu sehen u. mit einem jeden von euch ein paar Worte zu reden. Da nun aber die Zeit meiner Abreise nicht mehr weit entfernt ist, so habe ich euch, meine lieben Jünglinge u. Knaben! noch beysammen sehen, u. mit ein paar Worten das wiederholen wollen, was wir miteinander verhandelt, u. was ich mit einem jeden geredet habe.

Der heutige Text gibt mir Gelegenheit dazu, daß ich euch noch einmal darlegen kan, wie euer Gang ins ganze beschaffen seyn soll. Paulus sagt in dem Briefe an die Römer im 6 Kap. im 11tn u. 12 Vers: Haltet euch dafür, daß ihr der Sünde gestorben seyd, u. lebet Gotte in Christo Jesu unserm Herrn. So lasset [639] nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, ihr Gehorsam zu leisten in seinen Lüsten. – Und sagt zur Lust zum Stolz, zum Geitz: Dafür hing unser Herr am Kreuz.

Es ist ein ganz besonderer Ausdruck des Apostels, wenn er sagt zu denen, die an den Heiland glauben: Haltet euch dafür, daß ihr der Sünde gestorben seyd – Das ist so viel gesagt: seyd davon überzeugt, sezt das als eine ganz gewisse Sache vest, daß ihr nicht mehr den verderbten Neigungen eures Herzens u. den daraus entstehenden bösen Dingen dienen müßt, daß ihr nicht mehr der Sünde lebet, sondern dem, der euch durch sein Blut u. Tod ein neues Leben erworben hat. Da wünschte ich wol, daß ihr allesamt auch davon überzeugt wäret, u. immer in der Erfahrung stündet, was das heißt, seinem lieben Herrn u. Heiland zu leben, Ihm alle Tage u. Stunden zu widmen, daß Leib u. Seele Jesu Christo geheiliget, [640] u. Ihm euer Thun u. Lassen in allen Stücken wohlgefällig sey; daß ihr davon überzeugt wäret, daß nicht das Böse, die Sünde u. das Verderben, das in euch liegt, Macht u. Gewalt über euch ausüben dürfe. Diese Dinge werden ganz kurz in dem Verse genannt: Ich sag zur Lust, zum Stolz, zum Geitz: Dafür hing unser Herr am Kreuz. In den Jahren, darinn ihr jezt seyd, wird man von einem der bösen Dinge mehr geplagt als von den andern; bey einem finden sich mehr sündliche Einfälle u. Begierden von der – u. bey einem andern von einer andern Art, nachdem eines jeden Temperament beschaffen ist. Einer ist z. Ex. mehr dazu geneigt, über allerhand sündliche Dinge zu denken, schädliche Einfälle zu haben, wodurch Leib u. Seele verunreinigt werden können. Denn nach der heiligen Schrift kan die Seele wie der Leib verunreiniget werden. Paulus [641] sagt: Lasset uns von aller Befleckung des Fleisches u. des Geistes uns reinigen (2 Cor. 7,1.) Das kan einen armen Knaben so plagen, daß endlich gar in seinem Körper böse u. sündliche Regungen entstehen, u. er dadurch in Ausübung fleischlicher Lüste gerathen kan.

Stolz, Eigenliebe, Selbstgefälligkeit, daß man sich beßer dünkt als andere, Neid, Misgunst gegen andre, das sind eben so garstige Dinge, die sich aber auch schon bey euch finden können; ja es kan wol auch schon die Begierde etwas zu haben, oder etwas nicht wegzu geben, was man doch entbehren könte, euch plagen. Auch der Ungehorsam, die Neigung zur Ungebundenheit, seinen eigenen Willen haben zu wollen, u. sich einbilden: ich kan schon selbst das erwählen, was das beste für mich ist – das sind alles schädliche Sachen, die die Seele verunreinigen. Wenn ihr aber dazu gelangt, was Paulus hier sagt – wie es gewiß durch [642] des Heilands Gnade schon in euren Jahren möglich ist – so wird der Entschluß bey euch vest: ich will nichts sündliches thun, ich will mich nicht mit der Eigenliebe einlassen; wie könte ich als ein armer elender Sündenwurm an mir selber Gefallen finden! ich bin ja der Sünde durch Jesu Gnade gestorben, u. dazu da, dem Heiland zu leben; warum solte ich der Sünde dienen, der ich abgestorben bin? warum den bösen Dingen, dafür Jesus am Kreuz gehangen hat!

Da kan ich euch nun nichts beßeres zum Abschied empfehlen, als daß ihr euch ganz dem Heiland ergebet. Wenn man sich an Jesum Christ ganz ergiebet, u. gesinnt wird, wie der ist, den man liebet; o da thut man, denn die Liebe treibt, veste Tritte u. gerade Schritte. Das ist die einzige Sache, die uns helfen kan, daß wir in dem Glauben des Sohnes Gottes leben, daß wir einen tiefen Eindruck von der Liebe des Heilands in unser Herz [643] bekommen, daß wir wahrhaftig glauben lernen, daß der Heiland, der eingeborne Sohn des Vaters, uns zu Liebe wahrhaftig Mensch geworden, u. dazu in die Welt gekommen ist, um uns die Liebe Gottes zu offenbaren, daß wir von Ewigkeit her von Gott geliebt worden sind, daß Er uns, noch ehe der Welt Grund gelegt war, zur Seligkeit erwählet hat; daß Jesus Christus, Schöpfer Himmels u. der Erden, um unsertwillen in der Welt gelebet, u. 33 Jahre unsre menschliche Glieder in Schwachheit an sich getragen hat; daß Er um unsrer Sünde willen in den Tod gegangen ist, daß Er für uns gezittert u. gezagt hat, daß Seine heilige Seele um unsertwillen so geängstiget worden; daß Er sich ans Kreuz hat schlagen lassen, um unsre Sünde zu büssen, um uns davon frey zu machen. Wenn ein jeder so einen lebendigen Eindruck von der Liebe Jesu, die Ihn bis in den Tod getrieben, im Herzen hat, u. ihr euch diesen Eindruck, [644] auch in den jetzigen schönen Passionstagen, erneuern laßt: so kan es gar nicht fehlen, daß ihr nicht wieder in Liebe soltet entzündet werden. Das ist das große Geheimnis, das doch aber jedes Kind fassen kan, Christum Jesum lieb zu haben, das absolut nothwendig ist, wenn man einen seligen Gang gehen will. Ein jeder muß sagen können: ich habe dem Heiland mein Herz hingegeben, es ist nicht mehr mein, ich glaube nicht darum an Ihn, weil mirs der oder jener Bruder gesagt hat, nein! Jesus Christus hat sich selbst meinem Herzen in seiner Liebe offenbaret; nun gehet meines Herzens Sinn u. Trachten dahin, wie ich Ihn in allem erfreuen möge; denn wenn ich ungehorsam, oder unfleissig, oder neidisch u. mißtrauisch wäre, wie sehr würde dadurch der Heiland betrübt werden! Ich will mich also von allem Stolz, von aller Eigenliebe durch Ihn befreyen lassen, u. mich als ein armer Sünder in die Arme meines Heilandes [645] werfen. So werdet ihr durch die Gnade Gottes in einen seligen Zustand kommen; es wird euch keine Last werden, fleißig, treu, gehorsam u. ordentlich zu werden. Mit so einem Knaben geht es gut, dem es anliegt dem Heiland wohlgefällig zu seyn, der Ihm dankbar für Seinen Tod u. Schmerz ist; man kan ihn mit halben Worten zurechtbringen, denn er denkt gleich: „man erinnert mich aus Liebe, ich habe mich eben vergessen“ – und so ist er gleich wieder zu Hause. So soll unsre ganze liebe Jugend, die für den Heiland bestimmt ist, seyn gesinnet. Das ists, was wir alle wünschen; u. ich freue mich gar inniglich, daß ich doch aus der meisten Mund gehört habe, daß sie den vesten Entschluß gefaßt haben: ich will Jesu Christo ganz mit Leib ud Seele angehören, die Liebe Jesu soll mich regieren, und was Ihm mißfällt, will ich von Herzen meiden. Vergeßt nur nie, daß [646] ihr nicht allein bey uns in der Unitaets Aeltesten Conferenz, sondern auch bey der ganzen Brüder Unität in herzlichem Liebesandenken steht, daß alle Gemeinen für euch zum Herrn flehen. Keiner muß denken: ich bin zu verdorben u. sündig. Nein, jeder hat Ihm sein Blut gekostet, u. ist Ihm wegen des hohen Preises werth u. theuer, und darum sollt ihr Ihn auch preisen an eurem Leibe u. an eurem Geiste.

Ges: O hilf Christe Gottes Sohn p.

Gebet: Unsre Armuth u. Schwäche, allerliebster Heiland! ist Dir am besten bekannt. Du weißst, wie weit wir noch darinn zurück sind, Dir für die Liebe, die Dich für uns in den Tod getrieben hat, recht dankbar zu seyn, Dich mit allen unsern Gedanken u. Worten, Thun u. Lassen dafür zu erfreun. Aber, liebster Heiland, Du hast es uns doch erworben durch dein menschliches Leben u. bitteres Sterben, daß wir nicht der [647] Sünde, sondern Dir leben können, daß wir nicht der Sünde dienen müssen, sondern frey werden können von aller Ungerechtigkeit u. von alle dem Bösen, dem wir sonst nicht widerstehen könten.

Allerliebster Heiland, Du hast dir ganz besonders diese hier gegenwärtige Knaben dazu ausersehen, daß sie Deine Gnade u. Liebe u. Dein Erbarmen in ihrem Herzen gewahr werden sollen. Sie sind Dir von Jugend auf dazu gewidmet, sie haben Deine Liebe schon oft in ihrem Herzen gefühlt, Du hast sie durch Dein Liebeserbarmen an Dich gezogen, u. sie Deine Freundlichkeit schmecken lassen. Sieh es in Gnaden an, wenn sie zu Dir rufen; wenn sie zu Dir nahen, so höre ihr Flehen. Befreye sie von allen bösen Dingen, laß sie in ihrem Herzen fühlen, wie willig Du bist, ihnen zu Hülfe zu kommen in ihrer Schwachheit. Schenke einem jeden von ihnen den ganzen Sinn, Dich [648] über alles zu lieben, Dir von Herzen zur Freude zu seyn, u. nach Deinem Wohlgefallen zu leben. Gib ihnen zu dem Ende einen tiefen Eindruck von Deiner großen Liebe, Marter u. Tod, den Du auch um ihretwillen ausgestanden hast; ja, schreibe Deine blutge Wunden, Jesu! in ihr Herz hinein, daß sie mögen alle Stunden ihnen unvergessen seyn. Und wenn dieser u. jener noch nichts von Deinem Liebesbrande in seinem Herzen gefühlt hat: so entzünde Du das Feuer Deiner Liebe in seinem Herzen, bis ein jeder sagen kan, daß er Dir sein ganzes Herz zum Eigenthum hingegeben habe. Allerliebster Heiland, fahre fort diese liebe Gesellschaft zu segnen, unsre liebe Jugend in diesen Häusern; segne aber auch die Brüder, die an unsrer Jugend arbeiten, denen es anliegt, die lieben Knaben u. Kinder für Dich durch Deine Gnade zu erziehen. Segne sie, u. [649] stehe ihnen bey, daß sie es mit Vergnügen, Freude u. Segen thun mögen. Erhöre unser Seufzen u. Flehen, allerliebster Heiland, um Deiner Liebe u. Deines vergossenen Blutes willen, Amen.

Ges: Wir sagen Amen; und das bleibt ewig wahr, daß wir dem Namen geweiht seyn ganz u. gar, der uns mit Liebe überwunden, und dazu haben wir uns verbunden.

(Unter den lezten Worten ertheilte man sich den Friedenskuß).

[650]

[651]
VI
Beylage zur 24ten Woche 1788.
Inhalt:

I. Lebensläufe 1.) der verheirateten Schwester Anna Maria Wendin – 2) der ledigen Schwester Charlotte v. Werner – 3) des verheirateten Bruder Matthias Seibold 4.) der ledigen Schwester Johanna Elisabeth Baumgarten 5.) des verheirateten Bruder Erich Hazelius 6.) der verheirateten Schwester Anna Elisabeth Reicheltin 7.) des verheirateten Bruder Johann Gottfried Jestinsky.

II. Von Neukirch.

Aus dem diario des Pastor Reichels vom Jul. 1787 bis Ende Merz 88.

III. Von Grönland.

Aus dem diario von Lichtenau vom Jul. 1786 bis Ende Jun. 1787.

[652]

I. Lebensläufe.

1.) Die verheiratete Schwester Anna Maria Wendin (geb. Lehmannin) in Gnadenberg, hat folgende Nachricht von sich hinterlassen: „Ich bin geboren d. 12 Sept. 1713 zu Wehlau in Preußen. Von meiner zartesten Kindheit an war ich bekümmert um meine Seligkeit, und fragte meine Eltern, da ich erst 4 Jahre alt war, ob es wol möglich wäre, daß ich selig werden könte. Ich weinte oft in der Stille, u. betete: Christi Blut u. Gerechtigkeit p. Herr Jesu, Dir leb ich, Dir sterb ich p. Das that ich besonders, so oft ich die Glocke lauten hörte, daß jemand gestorben war. Meine Eltern trösteten mich, so gut sie konten. Da ich 6 Jahre alt war, starb mein Vater, u. meine Mutter kam in die allerelendesten Umstände. Er hatte Schulden hinterlassen, u. deswegen wurde ihr alles weggenommen. Wir zogen nach Königsberg zu einem Verwandten, aber hier war noch größerer Jammer: [653] drey Kinder, von denen ich das älteste war, und kein Brod. Ich muste daher schon in meinem 9tn Jahre einen Dienst suchen, aber bey meiner ersten Herrschaft hatte ich nicht satt Brod zu essen. In diesem Dienste erfuhr ich eine besondere Bewahrung zur Errettung meines Lebens. Da ich in einen Sandberg hineinging, um Sand zu holen, so fiel derselbe, weil er schon stark ausgehohlt war, über mich zusammen, u. ich lag darunter begraben, ohne mir helfen zu können. Ein Herr aber, der eben da spatziren ging, vermuthete, was geschehen war, fing an zu arbeiten, u. holte mich glücklich heraus. In meinem 15tn Jahre bekam ich eine Krankheit, die 6 Jahre dauerte, wobey ich alles zusezte, was ich verdient, u. Kleider nebst allem, was ich hatte, verkaufen muste. Nun sahe ich mich nach einem guten Dienst um, u. ging zu einer Frau Namens Golzin, einer Schwägerin des Bruders Sack. Sie sagte: [654] Meine Tochter, ich muß eine gesunde Dienstmagd haben, ihr aber seyd noch krank. Ich bat sie mit Thränen, sie solte mich nur nehmen, ich hätte das Zutrauen zu Gott, Er würde mich bey ihr gesund machen; welches auch nach der Zeit geschahe. Sie ging fleißig in die Kirche, u. nahm mich auch dahin mit. Da geschahe es dann in meinem 22tn Jahre, daß ich sowol als die Frau, bey der ich diente, in einem Monate durch die Predigten des Dr Schulze in der Altstadt erweckt wurde. Ich kam darauf in ein Selbstwirken hinein, u. mühete u. plagte mich viel, fühlte aber doch oft, daß mich der Heiland gern auf den rechten Weg führen wolte. Meine Herrschaft ging oft in die Versamlungen des Bruders Franz Bahr, auch zum Pfarrer Steinke, u. in verschiedene andre Versammlungen, in die sie auch mich immer mitnahm. Als Bruder Christian David nach Königsberg kam, so begegnete er [655] mir auf der Straße, u. fragte nach dem Bruder Franz Bahr, zu dem ich ihn auch hinwies. Er hielt uns daselbst eine Versamlung, bey der mir besonders wohl war. Nach diesem kam der Bruder Krügelstein auf eine Zeit lang zum Wohnen nach Königsberg. Ich besuchte ihn oft in Geschäften meiner Frau, u. er sagte mir viel gutes vom Heiland. Doch konte ich von meinem Eigenwirken noch nicht loskommen. In meinem 30tn Jahre heirathete ich den Schuhmacher Johann Friedrich Jetsch in Königsberg, der mit mir eines Sinnes war. Als der Graf Zinzendorf bey seiner Rückreise aus Liefland nach Königsberg kam, u. im Königskrug auf dem Roßgarten logirte, so versamlete sich eine Menge Volks vor der Thüre, u. ich kam auch dazu. Ich fragte, was da wäre, u. bekam zur Antwort: Der Graf Zinzendorf, der alle Welt bekehren wolte, habe hier sein logis. Ich bekam ihn auch zu sehen, u. hatte, ohne ein Wort [656] mit ihm zu sprechen, ein solches Gefühl, daß ich weinen mußte. Ich dachte: Ach Herr Jesu, gib doch Segen zu seinem Vorsatz, daß er alle Welt u. auch mich bekehren möge! Ich hörte bald, daß ihm viel übels nachgeredet wurde; auch wurden allerley Lästerschriften gegen die Brüder in der Stadt ausgestreut; aber mein Mann u. ich hatten eine Ueberzeugung in unserm Herzen, daß sie Kinder Gottes wären. Mein Mann sagte einmal: „Wenn wir nicht so arm wären, so wolte ich alle die Lästerschriften aufkaufen, u. sie ins Feuer werfen.“ Er kaufte auch wirklich drey davon, u. warf sie ins Feuer. So oft Geschwister aus der Gemeine oft auf ihren Reisen durch Königsberg kamen, so hätte ich mögen durch alle Schlösser brechen, um sie zu sprechen, u. von ihnen etwas vom lieben Heiland zu hören.“ So weit sie selbst. Nun fährt ihr Mann, unser Bruder Wende, fort:

[657] Anno 1760 wurde sie Witwe, u. 1761 trat sie mit mir in die Ehe. Anno 1763 wurden wir beyde zur Brüder-Societät hinzugethan, da eben die Brüder Lorez u. Layriz auf ihrer Reise nach Petersburg in Königsberg waren, u. die Geschwister Fockels als unsre Arbeiter introducirt wurden. Wir bekamen darauf einen Trieb nach Schlesien zu ziehen, wußten aber nicht recht, wie wir es angreiffen solten. Wir machten uns auf die Reise, u. kamen über Berlin zu Ende August nach Gnadenberg, hielten aber nicht um Erlaubnis zur Gemeine an, denn wir mußten nach Hirschberg gehen, weil unser Paß dahin lautete, u. der selige Bruder Hartmann für uns gut gesagt hatte, daß wir nicht aus dem Lande gehen wolten. Von Hirschberg aus thaten wir einen uns gesegneten Besuch in Herrnhut. Auf dem Rückwege nach Schlesien wurde es uns so, in Bunzlau zu bleiben. Ich trieb [658] daselbst meine Tuchmacher-Profession, u. wir gingen fleißig nach Gnadenberg. Wir wolten gern Mitglieder der Gemeine werden, musten aber 5 Jahre warten. Im Jul. 1771 wurden wir endlich in die Gemeine aufgenommen, u. im Merz 1772 gelangten wir zum heiligen Abendmahl. Anno 1773 erhielten wir Erlaubnis nach Neusalze, u. 1776 zogen wir hieher nach Gnadenberg. Meine liebe selige Frau war mir eine treue Gehülfin, u. war mir auch durch ihren Wandel u. Herzens-Gang zum Segen. Seit mehr als 20 Jahren war sie kränklich, aber ihr lebhafter Geist richtete ihre kränkliche Hütte immer wieder auf. Wenn ich ihr zuredete, daß sie sich nicht über Vermögen angreifen solte, so antwortete sie: ich mache so lang wie ich kan, wenn ich nicht mehr kan, dann wird der Heiland sorgen, u. mich zu sich nehmen. Am 11 Merz 1787 bekam sie eine hitzige Brust-Krankheit. Da am 14tn die Krankheit bedenklich wurde, u. ich sie fragte, ob sie zum lieben [659] Heiland gehen würde? antwortete sie: Ach die Gnade wäre für mich zu groß! Da am 15tn ihre Beängstigungen zunahmen, las ich ihr die Losung vor: „Wenn ich mitten in der Angst wandele, so erquickest Du mich“ p. Ach ja, sagte sie, Deiner kan ich mich getrösten, wenn die Noth am allergrösten! Da sie den Heimgang einer andern Schwester vernahm, sagte sie: Ach wenn mirs doch so gut geworden wäre! Zu Mittage sahe man ihr Ende herannahen. Ich ertheilte ihr den Segen zu ihrer Heimfahrt, u. bald darauf entschlief sie sanft u. selig, im 74tn Jahr ihres Alters.

2.) Die ledige Schwester Charlotte v. Werner in Herrnhut ward geboren d. 2 Merz 1712 zu Oels in Schlesien. Anno 1720 zog sie mit ihren Eltern nach Hannover, wo ihr Herr Vater Adam Balthasar v. Werner, Königlich Groß-Britannischer u. Churfürstlicher Hofrath war. 1729 ging ihre Mutter aus der Zeit. Die selige Schwester wurde von ihrem Vater mit großer [660] Strenge behandelt. Er brauchte sie zu seiner Schreiberin; und da er mit besonderer Pünktlichkeit bedient seyn wolte, so lebte sie in beständiger Furcht etwas zu versehen, u. darüber hart behandelt zu werden. Diese Strenge ihres Vaters, die zur Bildung ihres allerdings etwas sonderbaren Charakters viel beygetragen haben mag, ging so weit, daß sie u. ihre Schwester genöthigt wurden aus dem väterlichen Hause wegzuziehen, worauf sie sich theils in Zelle theils in Verden u. endlich in Fischbeck bey Hameln aufhielten. Sie wurde schon in ihrer Jugend erweckt, las u. betete viel, u. mühete sich ein frommes u. tugendhaftes Leben zu führen. Sie suchte alle Arten von frommen Leuten auf, und wiewol sie auf der einen Seite viel Schmach u. Spott darüber leiden mußte, so wurde sie auf der andern Seite durch ihre Erkenntnisse u. Gaben [661] u. durch einen starken Briefwechsel, unter denen, die das gute liebten, eine Person von ausgebreitetem Einfluß. Die ersten Nachrichten, die sie von der Brüdergemeine erhielt, erfüllte sie mit starken Vorurtheilen gegen dieselbe, u. sie glaubte, Gott einen Dienst daran zu thun, wenn sie dieselbe aus allen Kräften verfolgte. Sie war auch eine Haupttriebfeder zu einigen scharfen Edicten, die damals im Hannövrischen gegen die Brüder zum Vorschein kamen. Sie pflegte dieses oft mit Wehmuth zu erzehlen, mit dem Beyfügen, daß sie wie Saul die Gemeine Gottes verfolgt habe. In der Folge wurden ihr die Augen geöffnet, da sie durch die Berliner Reden mehrere Klarheit in das vollgültige Versöhnungsopfer Jesu Christi bekam, u. die Erfahrung davon in ihrem Herzen machte. Sie suchte nun die Geschwister auf, und [662] um ihren Zuspruch desto beßer zu geniessen, zog sie anno 1773 wieder nach Hannover. Von da aus that sie einen Besuch in Barby u. Gnadau. Und da sie ein herzliches Verlangen hatte, ihre noch übrigen Tage in einer Brüdergemeine zuzubringen, u. flehentlich darum anhielt, so erhielt sie vors erste Erlaubnis nach Cathrinenhof zu ziehen, wo sie im May 1777 ihr angewiesenes Plätzchen mit Dankbarkeit u. Freude einnahm. Inzwischen wiederholte sie öfters ihre Bitte um die Erlaubnis, ganz in der Gemeine zu wohnen; u. erhielt dann auch dieselbe nach 1½ Jahren. Im Dec. 1778 zog sie hieher nach Herrnhut, u. war fast ausser sich vor Freuden u. Beschämung über ihr seliges Gnadenloos, das ihr noch in ihren alten Tagen zu Theil ward. Im Merz 1779 wurde sie in die Gemeine aufgenommen, u. im April genoß sie mit derselben zum erstenmal das heilige [663] Abendmahl mit großer Beugung u. Hingenommenheit. In einigen Versen, die sie im Merz 1782 gemacht, u. die man nach ihrem Heimgang gefunden, heißt es:

Mein Arzt, ich komm zu Dir
Todtkrank an Leib u. Seele:
Ach nimm mich u. curir
Mit Deinem Schweiß u. Blut,
Und mache rein u. gut
Mein grundverdorbnes Herz,
Das Dir zur Schmach u. Schmerz.
O laß mir Schächers Gnad
Tagtäglich widerfahren!
So wenig er was hatt’,
So gar nichts hab auch ich.
Nichts hält ja auch sonst Stich,
Nichts gilt, was es mag seyn,
Als nur Dein Blut allein.
Auch für mich Würmelein
Hast Du es ja vergossen,
Mein Herz so hart wie Stein
War Dir doch nicht zu schlecht,
Zu bös u. ungerecht;
Du tilgtest meine Sünd
Und nahmst mich an zum Kind.

[664]

Um Deinetwillen nur!
Dies Dein Wort gab mir Frieden,
Da mirs ins Herze fuhr;
Wie hab ich Dirs erschwert
Und Dein Verdienst entehrt,
Solang ich selbst wolt seyn
Gerecht u. fromm u. rein!
Um Deinetwillen nur
Krigt ich nun Glaubensaugen:
Du nahmst mich in die Cur,
Ich kont des Bluts mich freun,
Und dadurch selig seyn,
Auch beym Elendsgefühl,
Das ohne End u. Ziel.

Man konte sie nicht leicht besuchen, ohne daß sie auf ihr Herz u. auf ihre Führung von Jugend auf zu reden kam; und wenn es einem gleich manchmal vorkam, als wenn sie fast zu viel Worte machte (zumal wenn man dieselben mit gewissen Eigenheiten verglich, die ihr anklebten, u. wodurch sie sich u. andern zuweilen das Leben schwer machte) so konte man doch nicht [665] anders, als die Gnade Gottes, die an ihr geschehen war, schätzen u. ehren. Und wenn man bedachte, wie viele Gattungen von Kranken der Heiland in seiner Gemeine hat, die Er als Seelen-Arzt alle zu bedienen, u. endlich selig zu vollenden weiß, so diente die selige Schwester dazu, die Gesellschaft am Siechenteiche nur desto mannichfaltiger zu machen. Sie hatte schon seit manchen Jahren an gichtischen Umständen viel gelitten, u. diese Beschwerden vermehrten sich von Zeit zu Zeit. Zu Ende Febr. 1787 wurde sie so krank, daß man ihren Heimgang vermuthen konte. Sie war dabey besonders kindlich u. herzlich, äusserte sich über ihren zurückgelegten Gang sehr sünderhaft, u. beklagte, daß sie dem Heiland nicht mehr zur Ehre gewesen, freute sich aber doch gar innig Seiner Gnade u. des großen Glücks, Ihn von Angesicht zu sehen, an den sie hier geglaubt. Ihre Hofnung wurde aber für dasmal [666] noch etwas aufgeschoben. Am 14 Sept. wurde sie von einer ausserordentlichen Schwäche überfallen, u. glaubte nun ihrem Ende ganz nahe zu seyn. Sie klagte einer ihrer vertrauten Schwestern, daß sie sich so schwach im Glauben fühle, sie solte mit ihr den Heiland bitten, daß Er ihr noch einen lebendigen Blick auf seine blutige Martergestalt schenken, u. ihr den Eindruck Seiner Leiden in ihrem Herzen erneuern wolle, damit ihr nicht noch in ihren lezten Tagen der Trost aus Seinem Tode entfallen möge. Sie wurde auf Seine Sünderliebe u. auf die Gerechtigkeit in Seinem Blute gewiesen; und ihr Schluß war der zutrauliche Seufzer: Du, Du bist meine Zuversicht alleine, sonst weiß ich keine. Am 17 Sept. bekam sie zu Mittag unvermuthet einen Schlagfluß, und bald darauf ging ihre Seele selig über in Jesu Arm u. Schoos, mit dem Segen der Gemeine u. ihres Chores, im 76tn Jahr ihres Alters.

[667] 3.) Der verheiratete Bruder Matthias Seibold in Herrnhut hat folgende Nachricht von sich hinterlassen: „Ich bin geboren d. 14 Febr. 1707 in der Amtsstadt Vaihingen im Würtembergischen, alwo mein Vater ein Schreiner war. Meine Mutter sagte mir öfters etwas vom lieben Heiland vor, und daß ich Ihn recht lieb haben solte, weil Er uns mit seinem Blut erlöset hätte. Dieses machte einen guten Eindruck auf mein Herz; doch wußte ich es nicht so zu benutzen, daß es für mich ein bleibender Segen geworden wäre. Weil ich aber von stiller Art war, so wurde ich immer für ein gutes Kind gehalten, wiewol sich mit zunehmenden Jahren viel Verderben bey mir regte. Ich erlernte bey meinem Vater das Schreiner-Handwerk, u. ging anno 1729 auf die Wanderschaft. 1731 kam ich nach Augsburg, wo ich die Predigten u. Wiederholungsstunden [668] des Senior Urlspergers, wie auch die Versamlungen der erweckten Handwerksgesellen besuchte, u. manchen Segen davon genoß. Ich kam darauf nach Dresden, bedauerte aber, daß ich dorten nicht die schöne Anfassung fand, die ich in Augsburg gehabt hatte. Ich wanderte weiter über Berlin, Frankfurt am Mayn, Strasburg, Basel u. s. w. und kam darauf wieder in meinem lieben Augsburg an.

Nun hörte ich zum erstenmal etwas von Herrnhut u. dem Grafen v. Zinzendorf. Was der Bruder Christian David auf einer Durchreise den erweckten Seelen in Augsburg in einer Versammlung erzehlte, machte bey mir einen tiefen Eindruck, u. mein Entschluß war, nach Herrnhut zu reisen. Verschiedene Umstände aber nöthigten mich, vors erste nach Hause zu gehen, u. hier wurde mir sehr zugeredet, daß ich mich als Meister etabliren solte. Ich hatte auch [669] schon das gewöhnliche Meisterstück verfertigt, u. es war alles richtig, aber da fiel mir ein: Was willst du hier machen? so kommst du nicht nach Herrnhut. Ich packte sogleich mein Felleisen zusammen, u. ging nach Kirchheim an der Töck, wo ich schon einmal gewesen war, u. weil mirs unter den dasigen Erweckten gefiel, beschloß ich eine Zeit lang da zu bleiben. Bald nachher kamen der Ordinarius und die Brüder Martin Dober, Johann Nitschmann u. Micksch nach Kirchheim, blieben da über Nacht, u. ersterer hielt eine Versammlung. Ich kam mit Bruder Martin Dober zu reden, der mir bald das Herz nahm, aber nichts von Herrnhut sagte. Der Ordinarius kam dazu, u. sagte zu mir, ich solte dem lieben Heiland treu bleiben. Ich erkundigte mich, ob in Herrnhut etwas auf meiner Profession zu thun wäre, u. bekam zur Antwort, daß sich alles mit Spinnen nähren müßte. Ich dachte: [670] Spinnen kanst u. magst du wol nicht, du willst aber doch hinreisen u. sehen, wie es ist. Nicht lange darnach kam Magister Hehl von Tübingen, besuchte die erweckten Seelen in Kirchheim, u. da er mir sagte, daß er auf dem Wege nach Herrnhut wäre, entschloß ich mich gleich mit ihm zu reisen. Den folgenden Tag reisten wir mit einander ab, und so kamen wir d. 4 Nov. 34 Abends wohlbehalten in Herrnhut an, mit der Losung: Zion hörts, u. ist fröhlich über ihrem Regimente, u. der Collecte: „Wir sehn mit großem Wunder an, was Deine Recht’ u. Linke kan, wie Du uns unter Deinem Volk, dem Tröpflein von der Zeugenwolk, mitziehen läßst zu Deinem Tempel hin, u. schenkst uns immer mehr den Einfalts-Sinn.“ Den folgenden Tag wurde das heilige Abendmahl in Berthelsdorf gehalten, u. mir wurde erlaubt, dabey zuzusehen. Die Brüder gingen [671] darauf wieder nach Herrnhut ins Vorgemach des Herrn Grafen, da sie sich den Friedenskuß ertheilten, u. ich durfte auch dabey seyn. Wie mir zu Muthe war, mich auf einmal an einem Orte zu sehen, wo so viele Kinder Gottes wohnten, kan ich nicht beschreiben. Ich bekam Arbeit auf meiner Profession, u. wurde mit vieler Liebe behandelt. Es gab wol manches ungewohnte zu erfahren: kein Bette hatte ich nicht, ich legte mich also vor dem Ofen auf eine breite Bank, meine Weste diente mir zum Kopfküssen, u. mit dem Rocke deckte ich mich zu. So lag u. schlief ich ¾ Jahr lang, als so lange ich hier war. Die Kost war so schlecht als möglich, doch aber konte man seinen Hunger stillen. Die Selbstverleugnung wurde nicht gepredigt, aber die Umstände brachten sie von selbst mit sich. Ich konte mit allem zufrieden seyn, u. die [672] gefühligen Versamlungen gingen mir über alles. Nur fühlte ich, daß ich nicht so war, wie ich es von andern Geschwistern sahe. Ich war von Natur ein stiller Mensch, u. konte nicht als ein armer verlorner Sünder zum Heiland gehen; auch hielten mich die andern für viel beßer, als ich mich selbst fühlte. Endlich gelang es dem heiligen Geiste mir mein Grund-Verderben recht aufzudecken, u. da kam ich in große Noth. Ich warf mich auf mein Angesicht vor dem Heiland, u. flehete um Vergebung meiner Sünden, deren ich auch aufs tröstlichste versichert wurde, u. an dieses Zeugnis in meinem Herzen habe ich nachher meine ganze Lebenszeit hindurch mich halten können.“ So weit nur geht des seligen Bruders Nachricht von sich selbst.

Im Aug. 1735 reiste er in Gesellschaft von etlich u. 20 Geschwistern von Herrnhut nach Georgien in Amerika ab. Am 18 Febr. 1736 kamen sie daselbst [673] auf dem Fluß Savannah an. Unser lieber Bruder Joseph, der schon vorher da war, kam zu ihnen aufs Schiff, u. hielt mit ihnen eine Singstunde. Den folgenden Tag bezog die ganze Gesellschaft das für sie neu erbaute Haus, u. fing eine gemeinschaftliche Oekonomie an, welche unser seliger Bruder durch seine vorzüglich gute Tischlerarbeit reichlich unterstützen konte. Und da die Brüder wegen des Krieges mit Spanien, da ihnen zugemuthet wurde die Waffen mit zu ergreiffen, genöthiget wurden ihr Haus in Georgien zu verlassen u. nach Pensylvanien zu ziehen: so hatte er viel dazu beygetragen, daß sie noch vorher sämtliche Transport- u. Bau-Schulden abbezahlen konten. In Pensylvanien wurde er im Beyseyn des seligen Ordinarii, am 12 Apr. 1742 mit der hinterlassenen Witwe Anna Maria geb. Bonn zur heiligen Ehe verbunden. Bald darauf kamen sie wieder [674] nach Europa, u. anno 1744 in die Pilger-Oekonomie in der Wetterau. Als Anno 1750 die Mädchen-Anstalt nach Herrnhut versezt wurde, zog er mit hieher, u. diente der Anstalt als ein treuer Haushalter, bis sie auf dem Synod 1769 eine andre Verfaßung bekam. Wegen dieses seines vieljährigen u. unermüdet treuen Dienstes bey der Unitaets Mädchen-Anstalt ist er bey allen Schwestern, die darinn als Kinder erzogen worden sind, noch in lieblichem Andenken, und sein hohes Alter u. seine in demselben verbrachte vergnügte Sabbathszeit war um so geehrter. Seine Ehe war mit 5 Kindern gesegnet worden, die aber alle vor ihm vom Heiland heimberufen worden sind. Seine leztlebende Tochter war mit dem Bruder Dietrich Paridon Meyer verheirathet, u. ist nebst ihrem Mann im Dienste der Neger-Gemeine in S. Thomas selig heimgegangen. Nach seiner Entlassung [675] aus dem Dienste der Unitaets Mädchenanstalt arbeitete er, solange es seine Kräfte zuliessen, auf seiner Profeßion, ging übrigens seinen Gang in Stille u. Demuth, u. genoß die Liebe u. Achtung aller Geschwister. Das Werk Gottes in der Brüder Unität, welches er seit 1734 mit angesehen, zum Theil dabey angestellt gewesen, u. zu deßen Dienste er von Herzen gern sein einiges Kind in einen entfernten Welttheil entließ, war ihm groß u. wichtig, u. ein beständiges Object seines Gebets. Sein hohes Alter machte ihm die Hofnung, bald von seinem lieben Herrn heimgerufen zu werden, immer wahrscheinlicher, u. seine Erklärungen darüber waren besonders vergnügt u. gefühlig.

Acht Tage vor seinem Ende wurde er bettlägerig, hatte aber keine Schmerzen, u. lag da in kindlicher u. freudiger Erwartung, daß sein leztes Stündlein nun bald schlagen solte. [676] Das geschahe am 21 Oct. 1787, da er sanft u. selig entschlief im 81tn Jahr seines Alters.

4.) Die ledige Schwester Johanna Elisabeth Baumgarten, in Gnadenfrey, hat folgendes von sich gemeldet: „Ich ward d. 6 Oct. 1725 zu Schrikwiz im Breslauischen Fürstenthum geboren. Von meinen Eltern wurde ich sorgfältig erzogen, u. sie suchten mir alle Gelegenheiten abzuschneiden, durch welche ich in schlechte Gesellschaft hätte kommen können. Meine Mutter hörte ich öfters beten u. weinen; auch erzehlte sie mir, daß sie unter den betenden Kindern gewesen, da sie öfters im tiefsten Schnee auf ihren Knien vor Gott gelegen, u. sich weder durch Zureden noch durch Drohungen davon habe abhalten lassen. Dieses machte einen tiefen Eindruck auf mein Herz, u. ich wünschte, daß es mir auch so werden möchte. Meine Eltern zogen [677] dann von ihrem Orte weg, u. kauften sich ein Gut, 4 Meilen von Oberpeile; da dann die Erweckten in dieser Gegend öfters zu uns kamen, u. mit einander sungen u. beteten, welches mir lieb u. angenehm war. Einmal schlug ich mir den Spruch auf: „Ich strecke meine Hand aus den ganzen Tag zu einem ungehorsamen Volk“. Dieses drang mir so ins Herz, daß ich mich mit vielen Thränen zu Jesu Füssen warf, u. Ihm sagte: Ach wie oft hast Du schon deine Hände nach mir ausgestreckt, u. ich habe Dich immer umsonst warten lassen: ach vergib es mir, u. nimm mich zu Gnaden an! Ich fühlte wahrhaftig, daß Er mich erhöret hatte, empfand auch von der Zeit an eine recht inbrünstige Liebe zu Ihm, u. nahm mir alle Tage eine gewisse Zeit, da ich ganz allein für mich ging, u. nach meiner damaligen Erkenntnis, mich in Gebet u. Thränen mit Ihm unterhielt. Wenn ich dieses [678] zu thun einen Tag verabsäumte, so merkte ich gleich, daß mir etwas fehlte, u. ich achtete die Zeit verloren. In meinem 15tn Jahr ging ich das erste mal zum heiligen Abendmahl, wobey ich den Bund: Jesu Eigenthum bis in Ewigkeit zu seyn, vor Ihm erneuerte. Um diese Zeit wurde ich nebst meiner ältern Schwester von unsern Eltern nach Breslau gethan, um allerhand Arbeit zu lernen. Wir wurden einem Informator nebst seiner Frau übergeben. Diese machten uns nun Gelegenheit die Welt recht kennen zu lernen. Da hieß es bey mir: „Die Welt bekam ich ins Gesicht, sie that mir wohlgefallen, beynahe hätt’ ich Lust gekrigt mit ihr dahin zu wallen“. Der heilige Geist ließ mir aber doch keine Ruhe, u. ich muß sagen, daß ich öfters unter dem grösten Geräusch der Erde eine kräftige Gnadenarbeit an meinem Herzen fühlte, u. mich an den Bund erinnerte, den ich in meinen Kinderjahren mit dem Heiland gemacht hatte.

[679] In der Zeit meiner Abwesenheit hatten meine Eltern Besuch von Brüdern aus Herrnhut bekommen, u. überlegten, daß es doch nicht rathsam sey uns länger in Breslau zu lassen, weil es doch für unsre Seelen zum Schaden gereichen möchte. Sie nahmen uns also wieder nach Hause, u. reisten mit uns nach Herrnhut, wo wir uns 3 Wochen aufhielten. Nach 2 Jahren gingen sie zum andernmal dahin; wir blieben ein Vierteljahr daselbst, und mir gefiel es sehr wohl, weil ich sahe u. fühlte, daß hier wahre Kinder Gottes wären. Weil mir aber mein böses Herz noch nicht bekannt war, so dachte ich, ich wäre eben so gut u. noch beßer als diese Leute. Meine Eltern hätten mich gern in Herrnhut gelassen, ich aber hatte keine Lust dazu; sie liessen also meine jüngere Schwester daselbst, u. ich reisete wieder nach Hause, jedoch mit der Anforderung u. Ueberzeugung, daß ich zu dem Volke der Brüder gehöre. [680] Die große Neigung zur Wirthschaft, in die ich gut einpaßte, sonderlich da ich, wenn meine Eltern (wie öfters geschahe), nach Ober-Peile u. Herrnhut reisten, unterdessen alles zu besorgen hatte, unterdrückte diese Anforderung sehr, so daß ichs nicht gern hörte, wenn meine Eltern davon redeten, daß sie ihr Gut verkaufen, u. sich ein Haus in Ober-Peile bauen wolten. Einmal, da ich ganz allein zu Hause war, kam ein starkes Donnerwetter, so daß ich vor Angst nicht wußte, was ich machen solte, und mir fiel ein: Will dir der liebe Gott vielleicht etwas damit sagen! Ich fiel auf meine Knie, u. bat Ihn, Er wolle mich nur nicht von dem Wetter erschlagen werden lassen, ich wolte ja gern zur Gemeine ziehen. Dadurch wurde aber mein Herz doch noch nicht los. Endlich bat ich den Heiland kindlich, Er wolle mich doch selbst von alle dem losreissen, woran ich noch hinge. Und ich muß es Ihm zum Preise nachrühmen, Er, mein [681] Erbarmer, hat es gethan. Noch in der Ewigkeit werde ich Ihm meinen Sünderdank bringen für die viele Mühe, die Er auch in diesem Stück mit mir gehabt.

Anno 1744 d. 4 Jun. zog ich mit meinen Eltern nach Gnadenfrey, mit der Losung: „Ich will dich nicht verlassen, ich will dich nicht versäumen.“ Diese gnädige Verheissung ist auch an mir reichlich erfüllt worden; ich küsse die Hand, die so viel Barmherzigkeit an mich gewandt.

Da mich der Heiland in meinem Gang ausser der Gemeine vor groben Vergehungen bewahrt hatte, u. mir mein Grundverderben noch nicht so bekannt war, so glaubte ich das gröste Recht zu allen Gemeingnaden zu haben. Da ich aber lange darauf warten mußte, so wurde mir dieses zur Gelegenheit, mich in meinem Jammer u. Elend gründlich kennen zu lernen, u. ich wurde von allem vermeinten Gute ganz ausgezogen. Nun schrie ich zum Heiland um Barmherzigkeit, u. dachte: Ist auch wol noch Rath für [682] mich! Da ließ mich der Freund der armen Sünder fühlen, daß Er mein Gebet u. Flehen in Gnaden angenommen, u. mich erhöret habe. Er tröstete meine Seele mit seiner Hülfe, u. ich konte mir Sein Verdienst so zueignen, als wäre es für mich ganz alleine. Anno 1746 d. 29 Jan. wurde ich in die Gemeine aufgenommen, u. noch in diesem Jahre d. 18 Jun. gelangte ich zum Genuß des heiligen Abendmahls mit derselben. Anno 1748 zog ich auch mit in unser neuerbautes Chorhaus ein; und ich muß sagen, daß mir dieses selige Gnadenjahre gewesen sind. Der heilige Geist leitete mich immer mehr auf die Sünderspur, u. machte mir sonderlich meinen Hochmuth u. Selbstgefälligkeit klar, und daß ich öfters bey denen am besten scheinenden Sachen doch mich selbst suchte. Ach was hat Er für Mühe mit mir gehabt, bis Er mich dahin gebracht, daß Er ich mich mit aller meiner Schlechtigkeit als eine arme Bettlerin in Jesu [683] Wunden verkriechen lernte. Endlich wurde es mir so:

Nun öffne mir, mein Jesu! deine Wunden
Gott Lob, daß ich darinnen Raum gefunden
Ich will alhier stets schlafen, wachen, weiden
Und drinn verscheiden.
Ich habe sie mir auch zu allen Stunden
Zur eb’nen Bahn u. sichern Strasse funden;
Dein Täublein möchte gern in diesen Ritzen
Beständig sitzen.
Sie sind zulezt des Himmels Friedenspforte,
Da geh ich durch zu jenem Freudenorte;
Sie sind auch dort noch ewig meine Freude
Und meine Weide.
Dort seh ich sie nicht mehr, wie hier, im Dunkeln.
Wie werden einst doch diese Wunden funkeln!
Welch heller Glanz wird von den Nägelmaalen
Mich ganz umstrahlen!
Da will ich dann für diese Blutrubinen,
Für diesen Schatz mit allen Seraphinen
In Ewigkeit mein Freudenopfer bringen
Und Jubel singen.“

Hiemit hat unsre selige Schwester ihren Aufsatz geschlossen. Sie wurde im Chor-Hause beyzeiten im Dienste des Herrn [684] angestellt, u. war nach dem Zeugnis der Schwestern, die sie damals schon genau kannten, eine treue Stubenaufseherin, bekam auch bald das Hausdieneramt, u. seit 1751 ist sie Chordienerin des hiesigen ledige Schwesternchores gewesen. Anno 1758 d. 3 Jul. wurde sie in Herrnhut, wohin sie zum Besuch gereiset war, zur Akoluthie angenommen, u. zu einer Diakonisse der Brüderkirche eingesegnet. Dieser Zeitpunct war ihr immer vorzüglich wichtig, u. sie erinnerte sich öfters der Segen, die sie damals bey den Vorträgen des seligen Ordinarii u. überhaupt in Herrnhut bey der damals so mächtig waltenden Gnade, für ihr Herz genossen. Zu ihren Amte war sie mit Weisheit u. Verstand von Gott begabt, u. besorgte dasselbe als eine unermüdete Haushalterin pünctlich u. gewissenhaft; wobey Gottes Segen auch in den schweren Kriegs- u. nahrlosen Zeiten (auch sonderlich bey einem [685] großen Anbau am Schwesternhause) augenscheinlich mit ihr war. Ausser ihrem eigentlichen Geschäfte war sie auch in der Seelenpflege, so lange es ihre Gesundheits-Umstände zuliessen, eine treue Gehülfin, u. es war den Schwestern sehr gemüthlich, sich mit ihr von ihrem Herzensgang zu unterreden. In der heiligen Schrift zu lesen war eine ihrer liebsten Beschäftigungen, dadurch wurde ihr froher Geist öfters ermuntert, den Herrn ihren Gott zu loben; und da sie auch eine vorzügliche Singegabe hatte, so war sie auch hierin dem Chore zu lieblicher Freude u. Erbauung. Da sie eine von der Erstlingen der hiesigen Gemeine war, und von der ersten Gnade u. Einfalt einen unauslöschlichen Eindruck behalten, so äusserte sie zuweilen ihren Schmerz darüber, daß doch von der schönen Einfalt so viel verloren gegangen; doch verkannte sie dabey nicht [686] die Gnade jetziger Zeit, u. ließ sich das Werk Gottes sowol in ihrem Gebetsumgang mit dem Heiland, als durch werkthätiges Theilnehmen sehr am Herzen liegen. Vor 5 Jahren fing sie an zu kränkeln, u. hat seitdem an allerley Zufällen viel auszustehen gehabt. In ihrer Seele ging in dieser Zeit eine ganz besondere Gnadenschule vor. Sie erkannte mehr als je ihre gänzliche Nichtswürdigkeit, und daß nur allein Jesu Christi Gnade u. sein theures Verdienst sie täglich durchbringen u. im Glauben erhalten müsse. Auch ihre Schwächen u. Gebrechen, deren sie sich sowol in gesunden als kranken Tagen gar wohl bewußt war, machten sie gar öfters zu den Füssen Jesu weinen. Sie konte aber auch recht herzeinnehmend von der lebendigen Hofnung des ewigen Lebens, von dem neuen Jerusalem u. von den vollendeten Gerechten, womit [687] ihr Geist meistens beschäftigt war, ihre Gespielen unterhalten; und wenn sie darauf kam, so sahe man an ihrem heitern Blick, daß sie in der Materie ganz zu Hause sey. Solange es ihr die Schmerzen erlaubten, besuchte sie zuweilen die Versamlungen, u. genoß das heilige Abendmahl auf dem Saal mit der Gemeine, bis sie auch lezteres mit den übrigen Kranken im Chorhause geniessen muste. Gar gern hatte sie es, wenn ihr etwas aus den Evangelischen Vorträgen mitgetheilt wurde, u. bezeugte öfters ihren Schmerz, daß sie die schönen Gottesdienste nicht mehr mitgeniessen könne. Desto fleißiger aber weidete sie ihre Seele, nächst dem Umgang mit dem Heiland, in Seinem Worte, u. las die Gemeinnachrichten u. die Auszüge aus den Reden des seligen Ordinarii. Je länger u. empfindlicher das Leiden ihrer Hütte wurde, je mehr sehnte sich ihr [688] Geist nach der ewigen Ruhe; u. ihre Sorge war nur diese: Ach daß ich nur nicht blos erfunden werde! Daher sie sich immer gläubiger in das Erbarmen ihres Heilandes einwickelte, u. von nichts als Gnade wissen wolte. Ihre Berufsgeschäfte besorgte sie bey alle dem mit der grösten Pünctlichkeit fast bis an den lezten Tag ihres Hieniedenseyns. Am 6 Oct. 1787 als an ihrem Geburtstage war sie gleich früh besonders heiter, u. bat die sie besuchenden Schwestern, ihrer vor dem Heiland zu gedenken, u. ermahnte sie zur Liebe unter einander. Sie selbst flehete mit aufgehobenen Händen, daß der Heiland doch bald kommen, u. sie zu sich nehmen möchte, u. wiederholte immer die Worte: „Das allerlieblichste Präsent wär doch, wenn Er mich nehmen könt“ – ihr unbewußt, daß eben dieser Vers im Morgensegen von ihrem Chore für sie war [689] gesungen worden. Bey einem Besuch ihrer nächsten Freunde, die sie mit lieblichen Gesprächen von der obern Gemeine u. von ihrem bevorstehendem Glück, Jesum bald zu schauen, unterhielten, gab sie mit freundlichen Blicken ihr Verlangen darnach zu erkennen; es schien ihr aber nicht ausgemacht zu seyn, daß ihr leztes Stündlein so nahe sey. Nachmittags überfiel sie eine starke Ohnmacht, wovon sie sich jedoch erholte. Es wurden um ihr Bette liebliche Heimgangsverse gesungen. Nun fanden sich große Beängstigungen ein, so daß sie nirgends Ruhe finden konte. In der 8tn Stunde, da sie ein wenig ruhiger wurde, begehrte sie, daß man wieder singen möchte. Unter diesem Gesang fiel sie in einen tiefen Schlaf, der Othem wurde nach u. nach schwächer, u. da eben ihre Geburtsstunde eintrat, schickte sichs mit ihr völlig zur Vollendung. Es wurde ihr dazu der Segen des Herrn ertheilt, u. ihre hinziehende [690] Seele mit Gesang der Umstehenden begleitet, bis daß ihr Othem um 8½ Uhr gänzlich stille stund. Ihre Lebenszeit hat gewährt 62 Jahre. Sie ist nun in Frieden, u. ihr Gnadengang unter uns wird uns in dankbarem u. gesegnetem Andenken bleiben.

5.) Der verheiratete Bruder Erich Hazelius in Neusalze hat einen Aufsatz von seinem Lebenslaufe angefangen, aber nicht vollendet. Er schreibt:

„Ich bin d. 27 Oct. 1733 in Schweden geboren, wo mein Vater Prediger in dem Kirchspiel Bergsiö war. Es lag meinen Eltern an, nach ihrer Erkenntnis einen gottesfürchtigen Wandel zu führen u. auch ihre Kinder dem gemäß zu erziehen. In meiner zarten Jugend fühlte ich Bekümmernisse um meine Seligkeit, und hatte eine große Furcht vor Gott u. dem jüngsten Gerichte. Da mir der Heiland u. seine Versöhnung ganz unbekannt war, so wußte ich keinen andern Weg zur Seligkeit, als durch ein frommes u. ehrbares [691] Leben; welches mir aber ganz unmöglich vorkam, weil meine Neigungen grade aufs Gegentheil gingen. Unter allen Zerstreuungen aber verfolgte mich doch immer die Unruhe meines Herzens. In meinem 10tn Jahr hatte mein ältester Bruder eine Unterredung mit meiner Mutter von der Gewißheit seiner Seligkeit (denn er war vom Heiland kräftig angefaßt) und da ich ein aufmerksamer Zuhörer dabey war, fiel mir ein Ausdruck, dessen sich mein Bruder bediente, um die Gewißheit seiner Seligkeit darzulegen, besonders aufs Herz. Es wurde mir dadurch klar, daß ich mir einer solchen Gewißheit nicht bewußt wäre. Ich ging hinaus, u. weinte vor Wehmuth, u. hielt es meinem Herzen gleichsam vor: „Nun siehst Du, was dir eigentlich fehlt, das ist es; und wenn du dieses nicht erlangst, so wirst du in deinem Leben nicht recht vergnügt werden!“ In der Hofnung, daß mir dieses Glück auch einmal widerfahren würde, ging ich viele [692] Jahre unter lauter Abwechselungen dahin. Durch eigenmächtiges Ringen u. Kämpfen wolte ich oft die Gewißheit von der Vergebung meiner Sünden erzwingen, wurde aber dadurch nur immer mißvergnügter. Da es mir nun an einem rechtschaffenen Führer fehlte, so blieb ich in dieser Situation bis in mein 25tes Jahr. Indessen erquickte der treue Heiland oft unerwartet meine bekümmerte Seele mit einem seligen Gefühl, wiewol es niemals lange währte, weil sich meine Vernunft sogleich drein mengte, u. mir die Frage aufwarf: Bist du denn jezt der Vergebung deiner Sünden gewiß? welches ich nicht mit Freudigkeit bejahen konte. In meinem 11tn Jahre kam ich auf die trivial-Schule nach Hudwickswald. Unter der großen Menge Schulknaben, worinn ich mich hier befand, bewahrte mich der Heiland vor schlechter u. verführerischer Gesellschaft; doch wurde ich zulezt in meiner Einfalt gestört, u. trug eine Wunde davon, die ich viele [693] Jahre lang empfinden mußte. Anno 1750 kam ich nach Stockholm, um die Handlung zu erlernen. Es wolte aber nicht gehen, denn ich wurde so krank u. schwach dabey, daß ich kaum von der Stelle konte; und die Ursach davon war, daß ich früh nüchtern einige Stunden lang beym Ein- u. Auspacken der Güter am Wasser seyn muste. Da fiel ich auf die Erlernung der Goldschmidts-Profession, u. kam im August desselben Jahres in die Lehre. Ob sich gleich keine besondere Neigung zu dieser Profession bey mir entwickelte, so sehe ich es doch um so mehr als eine besondere Direction des Heilands an, der mir dadurch schon zu der Zeit gleichsam einen graden Weg zur Brüder Gemeine bahnte. In meinem 23tn Jahre kam ich in nähere Bekanntschaft u. Verbindung mit den Erweckten in Stockholm, die mir vorzüglich dazu diente, daß ich der Welt nachzugehen vermied, ob ich gleich oft Neigung dazu fühlte.“

So weit geht des seligen Bruders eigenhändiger [694] Aufsatz. Ausserdem hat man noch folgende Note unter seinen Papieren gefunden, die sich auf seine erste Erweckung u. die damit verknüpfte Zweifelmüthigkeit zu beziehen scheint:

„Es entsteht noch manchmal ein Zweifel in meinem Herzen, wenn ich auf den Punct der Bekehrung komme, u. ich glaube aus dem Grunde, weil sich von vorneher irrige Begriffe tief in meine Seele eingewurzelt haben. Denn wenn ich meinen Lebenslauf überdenke, so weiß ich mich von meinem 6tn Jahre an auf keine Zeit zu besinnen, daß ich so ganz sicher u. ohne Kummer um meine Seligkeit dahingegangen wäre. Aber weil ich keinen rechten Wegweiser hatte, u. meine Bekehrung selbst bewirken wolte, so sezte ich mich dadurch in eine sehr ängstliche u. melancholische Situation; und da mein Herz unter aller Unruhe doch an der Welt hing, so verursachte dieses ein beständiges Fallen u. Wiederaufstehen.“

[695] Nach einem Aufenthalt von 7 Jahren zu Stockholm kam unser seliger Bruder nach Kopenhagen, alwo er mit Brüdern aus der Gemeine bekannt wurde, u. selbst auf die Gedanken kam, sich zu derselben zu begeben. Er reiste deshalb anno 1762 nach Herrnhut, woselbst er auch Erlaubnis zum Bleiben erhielt, u. in demselben Jahre zum Genuß der Gemein-Gnaden kam. Den lieblichen Eindruck, den er gleich beym Eintritt u. in der ersten Versamlung von einer Gemeine Gottes bekam, hat ihm der Heiland durch sein ganzes Leben unter allen Umständen erhalten, u. ist ihm derselbe immer groß u. wichtig geblieben. Nicht lange nach seiner Ankunft in Herrnhut wurde ihm die Meisterschaft bey der Goldschmidt-Profession im Brüderhause angetragen, die er auch im Vertrauen auf die Hülfe des Herrn annahm, u. mit vieler Treue verwaltete, wiewol es ihm anfangs, da er der Deutschen Sprache noch nicht [696] mächtig war, sehr schwer wurde. An seinem Herzen fing der heilige Geist bald eine gründliche Gnadenarbeit an, u. um seine selbst gewirkte u. erkämpfte eigne Gerechtigkeit blos zu stellen, führte Er ihn auf die heilsame Erkenntnis seines tiefen Verderbens, u. auf die Nothwendigkeit, alles, was zu unsrer Seelen Heil u. Seligkeit erforderlich ist, in Jesu Christo allein zu suchen, u. aus Seiner Gnadenfülle herzunehmen. Weil aber die irrigen Begriffe von demjenigen, was der Mensch auf seiner Seite beyzutragen habe, um seiner Seelen Seligkeit zu erlangen, tief bey ihm eingewurzelt waren: so war es keine leichte Sache, ihn darauf zu bringen, daß wir nur aus Gnaden selig werden, durch den Glauben, u. das nicht aus uns selbst, Gottes Gabe ist es. Unter diesen Umständen war ihm die Seelenpflege in seinem Chore zu besonderm Segen, u. der Spruch: „Laß dir an meiner Gnade genügen“ p. [697] gereichte ihm zu einem kräftigen Troste. Auch bekam er weiterhin durch die Idea fidei fratrum, welches Buch er sehr hoch schäzte, solche überzeugende Aufschlüsse im Punct unsrer Seligkeit, daß sich seine Zweifel u. Bedenken darüber ganz verloren.

Nachdem er 11 Jahre lang der Profession in Herrnhut mit Treue, Geschicklichkeit u. Glück vorgestanden hatte, so wurde er veranlaßt, sich hier in Neusalze zu etabliren, wozu er sich jedoch nicht eher entschliessen konte, bis er von dem Willen des Heilands überzeugt war. Er kam anno 1773 hieher, u. trat mit der nunmehrigen Witwe geb. Bratzin in die Ehe. Es ist dieselbe mit 4 Kindern gesegnet worden, von denen ein Sohn u. eine Tochter noch hienieden sind. Seine Witwe schreibt: „Wir haben selig u. vergnügt mit einander gelebt, und der Heiland hat sich im inn- u. äussern recht gnädig zu uns bekannt, so daß ich gestehen muß: ich bin nicht werth [698] aller der Barmherzigkeit, die mich der Heiland durch meinen seligen Mann hat geniessen lassen. Er hat sich jederzeit als einen treuen Vater bewiesen, dem sonderlich das Wohl u. Gedeihen seiner Kinder nahe am Herzen lag, u. deswegen er gar oft Tag u. Nacht zum Heiland flehete. Alles, was auch nur einen Schein der Eitelkeit hatte, war ihm ganz zuwider, u. muste wieder eingestellt werden. Uebrigens hat er mich jederzeit mit vieler Liebe behandelt, u. mit meinen Fehlern u. Schwachheiten große Geduld bewiesen, wofür ihn der Heiland mit einem besondern Gnadenblick belohnen wolle. Die meiste Zeit seines Lebens hat er eine dauerhafte Gesundheit genossen; doch hatte er seit zwey Jahren zu wiederholten malen einem Blutauswurf, den aber die Aerzte nicht für gefährlich hielten, u. der auch durch angewandte Mittel bald wieder gehoben wurde. Indessen war doch eine Abnahme seiner Kräfte deutlich [699] wahrzunehmen. Am 7 Sept. 1787 als dem Ehechorfeste war er noch sehr vergnügt u. liebreich, wiewol er schon etliche Wochen lang über Mattigkeit u. einen katarralischen Husten geklagt hatte. Er äusserte den Wunsch, daß uns doch der Heiland in dem künftigen Jahre noch tiefer in sich gründen, u. uns in der Erkenntnis seines Verdienstes u. in dem Genuße Seiner Liebe immermehr wolle wachsen u. zunehmen lassen. Am 8 Sept. wurde er krank, erholte sich zwar wieder in etwas, muste sich aber gegen die Mitte Octobers ganz legen. Er war dabey wie ein geduldiges Kind, u. ganz in den Willen des Heilands ergeben. Aus zärtlicher Liebe gegen seine Frau u. Kinder redete er nicht viel von seinem bevorstehenden Heimgang, sondern tröstete sie zuweilen, daß es besser werden könte; gegen andere aber äusserte er, daß er zwar noch keine völlige Gewißheit hätte, ob er bey dieser Gelegenheit [700] heimgehen würde, aber doch auch schon mit seinem Herzen darauf gestellt wäre. Solte ihn der Heiland wieder gesund machen, so wolte er suchen, seine edle Zeit noch beßer zu benutzen, u. den Umgang mit dem Heiland, worin er sich noch zu oft durch seine Geschäfte stören lassen, noch mehr zu seiner Hauptsache zu machen; solte er aber nicht mehr aufkommen, so hoffte er, daß ihm der Heiland auch dieses vergeben, u. alles mit Seiner Liebe u. Gnade zudecken würde. Uebrigens wäre nichts, das ihn verhindern könte mit Freudigkeit vor Ihm zu erscheinen. Ach, sagte er einmal, der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Endlich sagte er auch zu seiner Frau: Es scheint wirklich, als ob mich der Heiland zu sich nehmen wolte; ich wäre noch gern bey dir geblieben, hat mir aber der Heiland etwas beßeres zugedacht, so gönne mirs auch; Er wird dich gewiß nach u. nach über meinen Verlust trösten.“

[701] Mit seinen Kindern wolte er nicht erst viel Abschied machen, weil ihm die Sache zu schwer fiel. Da er nun von allem los war, so war ihm nichts lieblicher u. Herzerquickender, als wenn Verse gesungen wurden, da er unter andern diesen selbst angab: Nein, ach nein Er läßt mich nicht p. Am lezten Tage seines Hieniedenseyns d. 24 Oct. wurde zwey mal eine Heimgangsliturgie bey seinem Bette gehalten, wobey er sehr andächtig u. wie entzückt war, und die Anwesenden fühlten einen unbeschreiblichen Gottesfrieden. Da er hernach aus einer starken Ohnmacht wieder erwachte, sagte er: O wie wohl war mir, ich habe ja den gekreuzigten Heiland schon in der Thüre stehen gesehen! Abends wurde ihm der Segen der Gemeine zu seiner Heimfahrt ertheilt, wobey er sich vollkommen gegenwärtig u. sehr angethan war. Gegen Morgen winkte er nochmals seiner Frau, u. sagte: „Jetzt gehts den geraden [702] Weg“ – und bald darauf verlosch er wie ein Licht, seines Alters 54 Jahr, weniger 2 Tage. Wir verlieren zwar an ihm einen treuen Hausvater, u. nützlichen Bürger u. allgemein legitimirten Bruder; aber wir gönnen ihm sein Glück, u. sagen: Was Gott thut, das ist wohl gethan.

6.) Die verheiratete Schwester Anna Elisabeth Reicheltin geb. Michaelin in Herrnhut war geboren d. 26 Jan. 1730 zu Nieder-Leutersdorf, Böhmischen Antheils. Ihre Eltern, die mit Brüdern in Herrnhut in Bekanntschaft standen, hielten sie von Jugend auf zu allem Guten an, nahmen sie auch fleißig mit zum Besuch nach Herrnhut, und die selige Schwester genoß dadurch schon in ihrer Kindheit manchen Segen für ihr Herz. Mit zunehmenden Jahren lernte sie sich gründlicher kennen, u. wurde gewahr, daß in ihr von Natur die Neigung zum Bösen, wie in allen andern Menschen, liege; allein der Heiland [703] hielt sie mit unsichtbarer Hand, so daß sie vor der Verführung der Welt bewahrt blieb. Anno 1748 heirathete sie ihren ersten Mann, Gottlob Neumann, einen Leinwand-Fabrikanten. In dieser Ehe, welche Gott mit einem Sohne u. einer Tochter segnete, wovon ersterer in hiesiger Gemeine noch am Leben, leztere aber, welche anno 1769 den Bruder Chr. David Hans alhier geheirathet hatte, ihr im Sept. vorigen Jahrs in die Ewigkeit vorangegangen ist, hatte sie manches schwere zu erfahren, sonderlich auch während der langwierigen u. schmerzhaften Krankheit ihres Mannes, welche schon im Jahre 1752 sein seliges Ende beförderte. Nachdem sie etwas über ein Jahr Witwe gewesen, so trat sie im Sept. 1753 mit mir (schreibt ihr Mann, unser Bruder Reichelt) in die Ehe. Da sie schon in ihren Kinderjahren mit der Brüdergemeine bekannt geworden war, u. sich des bey ihren Besuchen in derselben genossenen Segens noch immer [704] dankbar erinnerte, ob sie sich gleich in der Zeit ihrer ersten Ehe etwas zurückgezogen hatte, so wurde sie die Gelegenheit, daß ich auch mit der Gemeine in Herrnhut in Bekanntschaft kam. Wir besuchten darauf mit einander fleißig daselbst, welches uns zum großen Segen für unser Herz gereichte, u. nach u. nach den Wunsch in uns stärker machte, mit unsern Kindern, deren Bewahrung uns sehr am Herzen lag, bey der Gemeine zu wohnen. Nach vielen Schwierigkeiten gelang es uns im April 1764 nach Groß-Hennersdorf zu ziehen, u. im Dec. desselben Jahres erhielten wir Erlaubnis nach Herrnhut. Das Glück, unter einem Volke Gottes zu wohnen, u. unsre Kinder vor der Verführung der Welt gesichert zu wissen, ging ihr über alles, u. sie entsagte dagegen mit Freuden allen äussern Vortheilen u. Bequemlichkeiten, u. ohngeachtet wir im Anfang wenig Aussicht hatten, wie wir hier unser äusseres Durchkommen [705] finden würden, so war sie doch voll Muth u. Zuversicht zum Heiland, auf deßen Hülfe u. Beystand sie sich getrost verließ. Er beschämte auch ihr Vertrauen nicht, sondern bewies sich an uns u. unsern Kindern, bey allem Schweren, das wir im Aeussern anfangs durchzustehen hatten, als ein gnädiger u. barmherziger Gott, u. gebot seinem reichen Segen über uns, so daß wir Ihn nicht genug dafür loben u. preisen können. D. 11 Merz 1765 wurden wir in die Gemeine aufgenommen, u. d. 16 Oct. desselben Jahres gelangten wir zum heiligen Abendmahl. In unsrer Ehe hat uns der Heiland 7 Kinder geschenkt, von denen aber nur noch 2 Söhne u. eine Tochter am Leben sind. Von 12 Enkelchen, die sie erlebt hat, sind noch 8 hienieden. Sie sahe alle ihre Kinder als ein Eigenthum Jesu an, u. es war ihr gröstes Anliegen, sie für Ihn gedeihen zu sehen; daher sie sich herzlich freute, da ihr Sohn Carl im Jahre 1784 zum Dienst des Heilands nach Westindien berufen wurde. Sein [706] unvermutheter Heimgang aber griff ihr mütterliches Herz um so heftiger an, da die Wunde, welche dasselbe durch das frühzeitige Ende eines 2 Jahre zuvor selig heimgegangenen Sohnes bekommen hatte, noch kaum geheilt war, wozu im vorigen Jahre noch der ausserordentliche schnelle Heimgang ihrer ältesten Tochter, der Schwester Hansin, kam, die über der Geburt eines Söhnleins vom Heiland heimberufen wurde. Alle diese Vorfälle vermehrten ihre ohnehin große Schwäche, indem sie schon seit verschiedenen Jahren eine Anlage zur Auszehrung hatte. Seit einigen Monaten nahmen ihre Kräfte so ab, daß sie selbst den Gedanken äusserte, (welches sie bisher aus Liebe zu mir u. ihren Kindern nie gethan hatte) sie würde wol bald das Ziel ihrer Wallfahrt hienieden erreichen, u. das Glück haben, den zu sehen, an den sie hier geglaubt hatte, worauf sie sich von ganzem Herzen [707] freute. Gleichwol glaubten wir alle nicht, daß ihr Ende so gar nahe sey, weil durch die lange Gewohnheit ihre große Schwäche weniger auffallend war, und sie noch immer auf seyn, u. ihre Geschäfte gröstentheils wie sonst verrichten konte. Am 13 Nov. 1787 früh äusserte sie, in Erinnerung an die an diesem Tage gewöhnlichen Festversamlungen, den Gedanken, ob sie nicht wenigstens einer derselben beywohnen könte, da sie um ihrer Schwäche willen lange nicht auf dem Saal gewesen war. Zu Mittag speisete sie noch mit ihren Kindern, u. war dabey recht munter u. vergnügt. Allein gleich darauf, als sie sich eben nach ihrer Gewohnheit ein wenig legen wolte, überfiel sie plötzlich ein heftiger Blutsturz, welcher ihr seliges Ende so schnell beförderte, daß ich kaum Zeit hatte ihr den lezten Segen zu ihrer Heimfahrt zu ertheilen. Sie ist nun in Friede, u. ich danke dem Heiland bey allem Schmerz, [708] den ich bey ihrem Verlust empfinde, für ihre so selige Vollendung. Ihr Alter hat sie gebracht auf 58 Jahr weniger 2 Monate. Ihre Kinder fügen hinzu: Wir hatten an ihr eine zärtliche Mutter, welcher unser äusseres u. inneres Wohlseyn bey Tag u. Nacht so am Herzen lag, daß sie darüber sich selbst vergaß, u. ihre große Schwäche oft zu wenig achtete. Dabey war uns ihr sanftes u. liebreiches Bezeigen, ihr stiller Umgang mit dem Freunde ihrer Seele, ihre durch die Gnade Jesu gewirkte Niedrigkeit des Geistes zu wahrer Erbauung, u. reizten uns täglich ihrem Beyspiele nachzueifern u. in ihre Fußstapfen zu treten. Sie ließ auch nicht ermangeln uns gelegentlich zu bezeugen, was sie als beförderlich zu einem seligen u. vergnügten Leben aus Erfahrung kennen gelernt hatte, vorzüglich aber pflegte sie ihre Bitten um unser Gedeihen dem Heiland in stillem Gebet u. mit gläubiger Zuversicht [709] vorzutragen, welcher ihr Flehen auch nicht unerhört gelassen hat. Unser Wunsch ist, daß Er ihr selbst alle an uns bewiesene Sorgfalt u. Treue reichlich vergelten, u. ihr dafür einen belohnenden Gnadenblick geben, uns aber Gnade verleihen wolle, ihr Gedächtnis durch einen dem ihrigen ähnlichen u. Ihm wohlgefälligen Wandel zu ehren.

7.) Der verheiratete Bruder Johann Gottfried Jestinsky in Gnadenfeld hat folgende Nachricht von sich hinterlassen:

„Ich bin 1736 d. 14 Merz zu Krummendorf im Briegischen Fürstenthum geboren wo mein Vater Organist u. Schulhalter bey dasiger Evangelischen Kirche war. Meine Eltern, die erweckt waren, liessen sich meine Erziehung von Herzen angelegen seyn. Schon in meinem 5tn Jahre fühlte ich eine recht brünstige Liebe zum Heiland in meinem Herzen, wozu die von meinem Vater wöchentlich zweymal gehaltenen Katechisationen mit den Schulkindern über die Sonntägigen Evangelien u. Episteln [710] viel beytrugen, auf welche ich mich immer zum voraus freute. Sobald ich lesen konte, war die Passionsgeschichte mein liebstes Stück in der Bibel, u. ich vergoß dabey viele Thränen. Da einmal in meinem 7tn Jahre in der Kirche beym Abendmahl aus dem Liede gesungen wurde: Meinen Jesum laß ich nicht p. war ich ganz von der Liebe Jesu übernommen; und als es an den Vers kam: „Mein Gewissen stille dich, deine Handschrift ist zerrissen, Jesus, der so jämmerlich ward gemartert u. zerschmissen, der vertritt dich vor Gericht; meinen Jesum laß ich nicht“ – that ich einen solchen Blick auf den gemarterten Heiland, daß Herz u. Augen zerfloßen, ich konte kein Wort mehr mitsingen, sondern ging aus der Kirche heraus, legte mich auf mein Angesicht, weinte u. bat den Heiland, mich doch zu sich zu nehmen, daß ich ewig bey Ihm seyn könte, und war himmlisch [711] vergnügt u. selig. Nach einiger Zeit wurde ich von Leuten, die zuweilen in Abwesenheit der Eltern die Aufsicht über uns Kinder haben solten, sehr schändlich verführt, u. ich bekam Lust u. Neigung zu schlechten Sachen. Dabey war ich immer unruhig, konte u. wolte aber meinem Vater nichts davon sagen. Anno 1747 besuchte ich zum erstenmal in Gnadenfrey, wobey ich sehnlich wünschte, in der Gemeine wohnen zu können. 1748 bey einem abermaligen Besuch wurde ich sehr krank, u. mußte 6 Wochen in Peile bleiben. Da ich mich vor dem Tode fürchtete, so versprach ich dem Heilande, wenn ich wieder gesund würde, mich zu bekehren; suchte auch von der Zeit an, allen mir schädlichen Umgang zu meiden. 1749 ging ich das erstemal mit zum heiligen Abendmahl, wobey mich Freude u. Zittern anwandelte. Es war auch wirklich etwas an meinem Herzen geschehen, weil ich aber auf meine Beßerung selbst antrug, u. [712] nicht so schlecht wie ich war zum Heiland gehen wolte, so hatte ich ein ängstliches Leben, u. wurde von der Lust zur Sünde oft betrogen. Anno 1752 kam ich zum Organisten nach Prauß. Nun war ich aus meines Vaters Aufsicht, bekam alle mögliche Freyheit, u. gerieth in schlechte Gesellschaft, sezte mich über die Unruhe meines Herzens weg, u. kam endlich in grose Versündigung. Dieses dauerte 2 Jahre, dann wurde mir über meinen Zustand so angst u. bange, daß ichs nicht mehr ausstehen konte. Ich resolvirte mit Bewilligung meines Vaters von da wegzugehen, welches auch gegen alle Vorstellungen u. Versprechungen äusserlicher Vortheile geschahe. Ich besuchte gleich wieder in Gnadenfrey, u. hielt mit vielen Bitten um die Erlaubnis zur Gemeine an. Es wurde mir aber mein Wunsch nicht gewährt. In der Welt getraute ich mich nicht, ohne in mehrere Versündigungen zu fallen, durchzukommen, [713] u. meinen elenden Zustand konte ich keinem Bruder offenbaren. Ich fing an, gegen das in mir liegende Verderben zu kämpfen, u. hatte ein erbärmlich geplagtes Leben. Im Aug. 1754 zog ich nach Nieder-Peile, wo ich bey Bruder Sich die Weberey erlernte. Ich bekam Erlaubnis in die Gesellschaften u. Chor-Viertelstunden der Knaben mitzu gehen. Da geschah es dann, daß ein Jüngling aus meiner Gesellschaft von der Gemeine weggeschickt wurde, worüber sich der Bruder, der unsre Gesellschaft hielt, so äusserte: „Derselbe sey wirklich ehedem vom Heiland kräftig in seinem Herzen angefaßt gewesen, er habe sich aber kleine Untreuen u. Abweichungen selbst zu gute gehalten, da es dann immer weiter gegangen sey, und weil er damit versteckt gewesen, so habe die Sünde Macht über ihn bekommen, daß er als ein schädlicher Rebe hätte müssen weggethan werden.“ Dieses fuhr mir [714] ins Herz, u. ich dachte: Herr Jesu, bewahre mich vor so einem Unglück! Ich ging gleich nach der Gesellschaft zu meinem Arbeiter, u. redete ganz grade über meinen unseligen Zustand aus. Dieser wies mich zum Heiland. Ich weinte u. bat Ihn um die Vergebung meiner Sünden, ich fühlte auch wirklich Trost u. Frieden, u. mein Herz wurde leichte.

Im Jun. 1755 erhielt ich Erlaubnis ins Chorhaus zu ziehen, u. d. 29 Aug. wurde ich unter die ledigen Brüder aufgenommen, wobey ich mich dem Heiland übergab, u. Ihn bat, mich doch ja zu einem wahren Bruder nach Seinem Sinne zu gestalten. D. 13 Nov. dieses Jahres wurde ich in die Gemeine aufgenommen. Ich hatte einige Monate einen recht seligen u. vergnügten Gang, u. der Heiland bekannte sich zu mir; nur fehlte mir die klare Einsicht u. Erfahrung der Kraft u. Gnade, die im Elend liegt. Ich wolte nichts vom Verderben u. sündig seyn [715] wissen; der heilige Geist aber zeigte mir den Abgrund meines Naturverderbens sehr deutlich. Das brachte mich in eine solche ängstliche Bedenklichkeit, daß ich glaubte, alle vom Heiland erfahrne Gnade wäre nur Einbildung gewesen; und so ging ich etliche Tage in großer Angst hin. Endlich resolvirte ich von der Gemeine zu gehen, sagte es auch meinem Arbeiter. Er fragte mich, warum ich nicht dem Heiland u. seinem Geiste meine Bekehrung kindlich überlassen könte, da ich doch schon Beweise hätte, daß Ihn meine Sündigkeit nicht hinderte? Das fuhr mir so tief ins Herz, daß ich gleich einen Winkel suchte, u. mit vielen Thränen den Heiland bat, sich doch um seines Blutes willen meiner zu erbarmen, u. mir alles zu vergeben. Er schenkte mir einen neuen Anblick seiner Gnade, u. ich fühlte Sein Vergeben. Im May 1756 gelangte ich zum Genuß des heiligen Abendmahls, zum wahren Segen für mein Herz. Von 1758 bis 64 war ich [716] bey Kindern in der Anstalt, welches mir viel für mein Herz ausgetragen. Anno 1763 kam ich unter die Stundenbeter, welches eine wahre Gnade für mein Herz war; es wird mir besonders eine Stunde am 23 Sept. 1764 in unvergeßlichem Andenken bleiben, da ich vom lieben Heiland ganz apart gnädig angeblickt u. versichert wurde, daß ich Sein Eigenthum sey, u. bleiben würde; denn ich war eben darum bekümmert, ob ich Ihm auch treu bleiben würde. Anno 1765 d. 4 Febr. zog ich wieder ins Chorhaus als Gehülfe in der Weberey, u. 1769 wurde mir die Besorgung der Weberey als Meister übertragen, und ich muß gestehen, daß mir der Heiland auch in dem Geschäfte sehr gnädig durchgeholfen, u. Seinen Segen darauf gelegt hat.

Anno 1778 bekam ich eine sehr schwere Krankheit, wobey ich glaubte zu meinem lieben Heilande heimzugehen, u. ich konte mich darauf freuen. Er machte mich aber zum Wunder wieder gesund, u. machte [717] mirs in meinem Herzen so, mich auch inskünftige ganz einfältig u. kindlich zu allem, was Er mit mir thun wolte, zu ergeben; und dabey wurde mir so wohl, daß ich Ihm auch für mein gesund werden von Herzen danken konte. O daß Ihm zu Ehr’n all’ meine Blutstropfen geheiliget wär’n!“ So weit er selbst.

Anno 1769 im Jun. erhielt er einen Ruf zum Chor-Diener u. Mithelfer des ledige Brüder Chores in Gnadenfrey, welche Aufträge er mit aller Treue besorgte, u. bey denselben die Liebe u. das Vertrauen seiner Brüder genoß. D. 12 May 1780 wurde er zum Diakonus der Brüderkirche ordinirt. Im Nov. desselben Jahres erhielt er einen Ruf als Gemeindiener nach Gnadenfeld. D. 29 Jan. 1781 wurde er mit der Schwester Susanna Maria geb. Raabsin zur heiligen Ehe verbunden. Im Februar kamen sie hier in Gnadenfeld an, u. wurden von den damals hier wohnenden noch wenigen Geschwistern in herzlicher [718] Liebe aufgenommen. Während der Zeit seines Dienstes alhier hatte er das Vergnügen, daß sich nicht nur die Gemeine immer mehr eranbaute, sondern auch das Gemeinhaus u. die Chorhäuser der ledigen Brüder u. Schwestern zustande kamen, wobey er unermüdet bey Tag u. Nacht beschäftiget war. Seine lezte Krankheit war ein hitziges Fieber, u. fing d. 2 Dec. 1787 an. Man sahe bald, daß sie zu seiner Vollendung gemeint sey. Am 8tn Nachmittags machte er einen lieblichen Abschied mit seiner Frau u. Kindern, u. sagte: Nun bin ich ganz fertig; wie schön, wie schön hat es der liebe Heiland mit mir gemacht! Ihm gebühret alle Ehre! Darauf übergab er seinen geschriebenen Lebenslauf, stimmte selbst in den Gesang bey seinem Bette mit ein, u. gab den Vers an: Erhalt mir deinen Frieden u. deines Heils Genuß p. D. 11tn früh entschlief er sanft u. selig, in einem Alter von 51 Jahren u. 9 Monaten.

[719]
II. Von Neukirch.
Aus dem diario des Pastor Reichels
vom Jul. 1787 bis Ende Merz 1788.

Den 4 Jul. 1787 reiste ich mit meiner Frau nach Kleinwelke, u. fand daselbst unsre lieben aus Ostindien zurückgekommenen Geschwister, auch meine andern beyden Brüder nebst ihren Frauen u. meiner Tochter, die ihnen von Herrnhut entgegen kamen. Das war eine Familien-Freude, dergleichen ich in meinem Leben wenige gehabt habe. Mein lieber Bruder Johann Friedrich hatte auf seiner Seereise in Sorgen gestanden, daß er mich nicht mehr finden würde; hingegen war ich sehr froh, daß ich von der tödtlichen Krankheit, die er auf der Hinreise gehabt, nichts gewußt habe, u. mir also viel Angst u. Traurigkeit war erspart worden. Desto größer war uns die wunderbare Güte Gottes, daß wir einander so gesund u. munter wieder sahen. Wir blieben zwey Tage in vielem Vergnügen in Kleinwelke beysammen. [720] D. 15tn ging ein Mann Namens Elias Schäfer aus der Zeit. Da er das lezte mal zur Beichte war, war eine Gnadenarbeit des heiligen Geistes an seinem Herzen wahrzunehmen, welche mich bewog, ihn (ob er gleich damals noch völlig gesund war) auf die Zubereitung zu einem seligen Ende nachdrücklich zu ermahnen. Auf seinem Krankenbette waren liebliche Früchte davon zu spüren. So ging auch eine junge Ehefrau Namens Anna Maria Hultschin selig aus der Zeit. Ihre Schwiegermutter, die zu unsern Schwestern gehört, war ihr besonders zum Segen gewesen. D. 24tn ging unsre liebe Herrschaft ins Bad nach Radeberg. Sie ersuchte mich, solches ihren Unterthanen zur Fürbitte öffentlich zu empfehlen; welches einen guten Eindruck verursachte. D. 13 Aug. war ich mit meiner Frau in Kleinwelke, u. hatte mit dasiger Gemeine einen seligen Festtag. D. 17tn gingen 14 Mägdlein [721] von hier, in Begleitung zweyer lediger Schwestern, nach Kleinwelke zu ihrem Feste. D. 10 Sept. entschlief die ledige Schwester Johanna Christiana Schoßelin in ihrem 45tn Jahre. Sie hatte von Jugend auf viele harte u. traurige Zufälle, dabey sie nicht nur am Leibe viel ausstehen mußte, sondern auch in solche ängstliche Seelen-Noth kam, daß sie ganz schwermüthig u. trostlos war. Wenn sie aber dieses Leiden überstanden hatte, so war sie eine vergnügte, an den Heiland anhängliche, liebhabende u. dienstfertige Schwester. Seit Anno 1760 gehörte sie zu unsrer Societät. Sie ist in allem 5 mal krank gewesen. Ihre Krankheit fing sich allemal mit großer Aengstlichkeit u. Traurigkeit an, auf welche hernach epileptische Zufälle erfolgten. Wenn sie dann wieder gesund war, so dauerte gemeiniglich ihr Wohlbefinden 7 Jahre, ehe wieder ein neuer paroxysmus kam. [722] In gesunden Tagen machte sie sich alle Predigten, Versamlungen u. Abendmahls-Tage zu Nutze, u. war wie ein fleißiges Bienlein, das immer seine Nahrung sucht. Aber wenn eine neue Anwandlung ihrer Krankheit kam, so ward sie schwachgläubig, klagte, daß ihr Herz nicht recht mit dem Heiland stünde, u. wagte nicht zum heiligen Abendmahl zu gehen. Ihre lezte Krankheit fing sich bald nach Ostern an, und da wir zu Anfang des May unser Abendmahl hatten, so war ihr Gemüth schon so schwach, daß sie zurückblieb; doch ging sie noch immer in die Kirche, kam auch bisweilen in unsre Versamlungen. Als wir nun im August abermal unser Abendmahl hatten, u. sie noch tiefer in Traurigkeit versunken war: so segnete der liebe Heiland mein herzliches Zureden dergestalt, daß sie mit vielen Thränen erkannte u. bekannte, daß sie durch ihren Unglauben an ihrem treuen Jesu sich sehr versündigt hätte. Sie bat uns mit Thränen ab, daß sie unsern [723] liebreichen Ermahnungen nicht Gehör gegeben, u. sagte sie hätte nun Erlaubnis mit den Geschwistern zum heiligen Abendmahl zu gehen. Sie war dabey so sünderhaft, daß wir uns alle über sie freuten. Aber nun war auch auf einmal ihr Lauf zu Ende; denn in der gleich darauf folgenden Nacht rührte sie ein Schlagfluß, welcher ihr Sinnen u. Gedanken u. Sprache benahm. Wir dankten dem Heiland, daß Er sie unmittelbar nach der lieblichen Gnadenstunde, in welcher sie sich aufs heilige Abendmahl gefreut hatte, von allem Bewußtseyn ihrer Krankheit frey gemacht hatte. Nach einigen Tagen entschlief sie.

D. 7 Oct. ging die Witwe Anna Maria Steglichin selig zum Heiland. In den lezten Tagen vor ihrem Verscheiden ging etwas besonderes mit ihr vor. Da sie sonst immer von wenig Worten war, so fing sie nun an, gegen alle, die zu ihr kamen, Herzdurchdringende Zeugnisse [724] vom Heiland u. von der Gnade in seinem Blute abzulegen, so daß die Zuhörer davon ganz übernommen waren. Ihr Leichentext, den sie sich selbst ausgebeten, waren die Worte: Ich hang’ u. bleib auch hangen an Christo als ein Glied, wo mein Haupt hin ist gangen, da nimmt es mich auch mit.

D. 16tn ging die verheiratete Schwester Anna Rosina Wobstin selig heim. Ich habe es noch in lebhafter Erinnerung, daß ich vor 30 Jahren, als ich in Amtsgeschäften nach Ringenhayn ging, sie unterwegens auf einem Berge fand, da sie auf einem Steine saß, u. jämmerlich weinte. Ich grüßte sie, u. fragte, was ihr fehlte. Sie sagte: es fehlt mir weiter nichts, als daß ich eine sehr große Sünderin bin, ich weine um die Gnade Jesu u. um die Vergebung meiner Sünden. Nach der Zeit verlor sich diese Bekümmernis, u. sie schlief wieder ein. Aber sie wurde aufs neue erweckt, u. zwar durch ihren noch lebenden Sohn. Seit [725] 1781 gehörte sie zu unsrer Societät. Nach einer langwierigen Krankheit entschlief sie endlich, den Ihrigen ganz unvermuthet, wiewol sie es ihrer Tochter mit getroster Freudigkeit voraus gesagt hatte, daß das Ende ihres Elendes nahe sey. – Bald hernach nahm Gott noch eine sehr elende ledige Weibsperson aus diesem Jammerthal hinweg, Namens Anna Elisabeth Fröhdin. Sie kam fleißig in die Kirche, ohnerachtet sie wegen ihres lahmen Fußes allemal 3 Stunden gehen mußte, ehe sie die Kirche erreichen konte. Als sie jemand einmal dieses Umstandes wegen bedauerte, sagte sie: Das ist doch noch eine größere Noth, daß ich so ein hartes, böses u. sündiges Herz habe. In ihrer lezten Krankheit wurde sie fleißig von unsern Schwestern besucht, u. in einer seligen Herzens-Situation gefunden. – D. 15 Nov. machten wir den Anfang mit dem Sprechen der Geschwister zum heiligen Abendmahl. D. 18tn in der Predigt von der aus Jesu ausgehenden [726] Kraft, die alles heilet, war der heilige Geist, sonderlich an den Herzen unsrer Geschwister, sehr geschäftig, sie zu unserm Abendmahlsfeste vorzubereiten; wie wir solches aus ihren Erklärungen beym Sprechen erkannten. Sie waren kräftig ermuntert es so zu machen, wie das kranke Weib, das mit vollem Vertrauen zu Jesu ging u. sagte: Wenn ich Ihn nur bey Seinem Kleide ergreifen kan, so ist mir geholfen. Da nun das gesegnete Brod, welches an dem Tische Gottes ausgetheilt wird, die Gemeinschaft des Leibes Christi ist, u. mit Seinem für uns in den Tod gegebenen Leibe in einer noch viel genauern Gemeinschaft steht, als das Kleid, welches Er damals anhatte; so wollen wir auch zitterhaft u. demüthig, aber gläubig u. mit vollem Vertrauen zugreifen, u. aus dem gesegnetem Kelch trinken, in welchem das Testament Seines für uns vergoßenen Blutes liegt: so wird sich Seine heilende Kraft in uns auch ergiessen. – [727] D. 23ten u. 30tn gingen dann in zwey Abtheilungen unsre Geschwister zum heiligen Abendmahl.

In diesen Tagen gingen 2 Wittwen zu ihrer Ruhe ein. Die eine Namens Eva Rosina Gebertin war eine große Sünderin, ward aber durch vielfaches Leiden u. harte Trübsale viele Jahre lang gedemüthiget, u. dadurch aus dem Verderben herumgeholt. Ich besuchte sie etliche Stunden vor ihrem Verscheiden, u. konte mich über sie freuen. Die andre Namens Anna Elisabeth Freundin hatte Kinder unter unsern Geschwistern, die ihr sonderlich auf ihrem Krankenlager zu vielem Segen gewesen sind. – Gegen Ende des Jahres erfuhren wir, daß in dem Städtchen Elster eine unsrer ältesten Schwestern Namens Eva Maria Pietschin, welche vor 12 Jahren mit ihrem Manne von hier dahin hatte ziehen müssen, selig heimgegangen sey. Ihre Tochter, die dabey gewesen, erzehlte uns, daß sie in ihrer Krankheit sich besonders an dem Liede: Jesus meine Zuversicht u. mein Heiland ist im Leben p. [728] erquikt habe. – Zum Schluß des Jahres besteht unsre Societät aus

196 Eheleuten
6 Witwern
30 Witwen
20 ledigen Brüdern
44 ledigen Schwestern
Summa 296 Personen.

Die Ausgeschlossenen sind nicht mit gezehlt. Ihre Anzahl ist in den 32 Jahren, so lange sich unsre Societät gesamlet hat, ziemlich angewachsen, so daß wir deren über 50 zehlen. Sie sind aber alle noch ein Object meines Herzens u. meines Amtes, u. an den meisten ist die Gnadenarbeit des heiligen Geistes kräftig zu spüren.

D. 5 Jan. 1788 las ich den Geschwistern in Hinsicht auf das morgende Heidenfest ein diarium aus Labrador vor, daran wir desto mehr Antheil nahmen, weil ein lediger Bruder von hier in Hoffenthal ist. D. 6tn fing ich den diesjährigen Unterricht der Katechumenen an, deren diesmal über 60 sind. Bruder Gruhl von Klein Welke besuchte die hiesigen ledigen Brüder u. Knaben, [729] u. bezeugte, daß er sich über sie habe freuen können. Ein Ausgeschlossener erhielt auf seine Bitte Erlaubnis wieder in die Gesellschaften zu gehen. Es gingen in diesen Tagen in Neukirch u. Ringenhayn kurz nach einander 5 Personen aus der Zeit. Darunter war ein einiger Mann, der sich um sein Seelenheil wenig bekümmert hatte, u. da er plötzlich von einem tödtlichen Fieber überfallen ward, in große Seelenangst gerieth. Er ließ einmal übers andre um Besuch bitten, es war aber wegen heftiger Krankheit nicht viel an ihm zu thun, u. wir überliessen ihn der göttlichen Barmherzigkeit. Hingegen bey den 4 andern war ihr Abschied aus der Welt eine Erlösung von allem Uebel, u. eine liebliche Versetzung aus dem Elend dieser Erden in die selige Ewigkeit. Die eine, eine Frau Namens Anna Rosina Lehmannin, war 23 Jahre lang krank gewesen. Da sie bey ihren zunehmenden Schmerzen ermahnt [730] wurde, den lieben Heiland zu bitten, daß Er kommen u. ihres Jammers ein Ende machen möchte, antwortete sie recht eifrig: Nein, das muß ich nicht thun, ich habe Ihm nichts vorzuschreiben; ich bete vielmehr, wie mein Jesus selbst gebetet hat: Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe! Er hat mir ja so viele Jahre bey aller Angst u. Schmerzen durchgeholfen! Bald darauf entschlief sie auf das sanfteste.

Zwey andre, nemlich ein Mann Christian Preusche, u. eine Witwe Johanna Sophie Hellmigin, hatten ebenfalls durch langwierige Leidensschulen ihre Zuflucht zum Heiland nehmen lernen, u. wurden nun lieblich vollendet. Der lieblichste Heimgang ward einem unsrer ältesten Mitgehülfen zu Theil, nemlich dem Bruder Johann Gottfried Mann in Ringenhayn, welcher sowol in seinem Hause, als unter den Ringenhaynischen Brüdern, deren er sich herzlich annahm, sich als ein treuer Diener Jesu bewiesen, u. [731] bey allen Leuten das Zeugnis eines rechtschaffenen Israeliten hatte, in dem kein Falsch war. Schon vor 34 Jahren, als ich hieher kam, hatte er als ein redlicher u. christlich gesinnter Mann durchgängig ein gutes Zeugniß. Er entdeckte mir aber bald seinen Kummer, daß er bey aller seiner Bemühung ums wahre Christenthum dennoch nicht zur Seelenruhe kommen könne. Endlich ging das helle Licht des Evangelii in seinem Herzen auf, da er als ein armer Sünder aus der offenen Fülle Jesu, Gnade um Gnade nehmen lernte. Anno 1762 wurde er zu unsrer Societät hinzu gethan. Und weil er in seinem Gnadengang treu u. eifrig fortging, so wurde ihm aufgetragen, sich der übrigen erweckten Männer in Ringenhayn, die nach u. nach unter die Brüder kamen, anzunehmen u. ihnen Gesellschaft zu halten. Es wurde ihm ein Bruder in Neukirch zum Gehülfen [732] gegeben, u. sie sind beyde beständig ein Herz u. eine Seele gewesen, u. haben sichs ernstlich angelegen seyn lassen, dem lieben Heiland zu dienen. Sein Herz blieb immer gnadenhungrig, u. er freute sich über einen jeden Genuß, den ihm der Heiland in unsern Versamlungen, u. besonders an unsern Abendmahls Festen u. andern Segenstagen schenkte. Dabey hielt er sich allemal für den geringsten u. schlechtesten unter den Brüdern. Am Neujahrstage war er noch Vor- u. Nachmittags in der Kirche, u. darauf in unsrer Versammlung auf dem Saal u. bey unserm Anbeten. Dieses war die Vorbereitung auf seinen seligen Heimgang. Da er nach Hause kam, wurde er krank. Anfänglich dachte er wol nicht, daß es zu seinem Heimgang gemeint wäre; denn er war mehrmalen so schwach gewesen, u. dann doch wieder besser worden. Aber am 13 Jan. nahm er Abschied von den Seinigen, segnete seine Kinder u. Kindeskinder, u. bald [733] darauf entschlief er recht sanft u. lieblich. Die Geschwister brachten mir die Nachricht davon mit Thränen in den Augen. Mein Herz begleitete diesen lieben Bruder mit einer ganz besondern Bewegung in die Ewigkeit, denn wir hatten einander recht zärtlich lieb; und so oft ich an ihn denke, freue ich mich auf meine selige Nachfahrt, da wir vor dem Throne unsers guten Herrn wieder zusammen kommen werden. Er war 67 Jahr alt. Ganz Ringenhayn bedauert seinen Verlust, denn durch sein sanftes u. liebreiches Betragen hatte er die Liebe aller Menschen gewonnen.

D. 21tn ward eine Witwe, Anna Rosina Richterin, begraben, der in ihren jungen Jahren vom lieben Heilande viel Gnade u. Barmherzigkeit widerfahren, die aber leider durch ihre Untreue dem Reiche Jesu Schmach u. Unehre gemacht hat. Sie war eine unsrer ersten ledigen Schwestern, u. wurde so gar als Mitgehülfin [734] bey ihrem Chore angestellt. In ihrer nachherigen Ehe aber erlaubte sie sich Unlauterkeiten, die vollends in ihrem Witwenstande recht offenbar u. augenscheinlich wurden. Nun war sie in aller Absicht elend. Wegen eines unheilbaren Schadens im Gesichte war sie jedermann zum Abscheu. Aller Gemeinschaft mit den Geschwistern hatte sie sich verlustig gemacht; dabey drückte sie die bitterste Armuth, und ihre eigne Söhne waren so misrathen, daß sie wenig Mitleiden mit ihr hatten. Dadurch wurde sie mürbe. Viel mal hat sie in meinem Hause in vollen Thränen auf ihren Knien gelegen, u. dem Heiland ihre Untreue u. die Schmach, die sie Ihm gemacht, abgebeten. Ich betete zulezt mit ihr nur immer darum, daß Gott ihre arme Seele, nach dieser 12 jährigen Züchtigung, erlösen u. sie als eine begnadigte Sünderin von der Welt wegnehmen solte; und [735] Gott Lob! auch dieser Wunsch ist nun erhört. Die Geschichte dieser armen Sünderin hat mir den Spruch Pauli: „Wenn wir gerichtet werden, so werden wir vom Herrn gezüchtiget, daß wir nicht samt der Welt verdammt werden“ – auf eine ganz besondere, aber auch sehr tröstliche Weise ins Licht gestellt.

Am 2 Febr. baten sich die Witwen eine Chorrede aus; und obgleich recht rauhes Winterwetter war, so kamen sie doch meist alle zusammen, u. erquickten sich an dem herrlichen Troste der heutigen Texte. D. 18tn wurde ein Mann Namens Johann Gottfried Wolf, begraben. Viele widrige Schicksale hatten ihn zur Erkenntnis gebracht. Seine lezte Worte waren: Wer sich legt in Jesu Wunden, der hat glücklich überwunden.

An unserm Abendmahlstage d. 21tn nahm der Heiland unsern Bruder Johann Gottfried Lehmann zu sich. Er hatte sich jederzeit eines unbescholtenen Wandels beflißen, u. sein Christenthum, nach [736] seiner Erkenntnis, aufs beste in Acht genommen. Als ohngefehr vor 8 Jahren seine Frau gründlich erweckt wurde, so verstattete er ihr in die Erbauungsstunden zu gehen. Und da sie 1782 in unsre Gemeinschaft aufgenommen wurde, u. er an ihr spürte, daß der liebe Heiland große Gnade u. Barmherzigkeit an ihr gethan hatte, so ward er dadurch so gerührt, daß er selbst anfing eben den Weg zu gehen, den sie gegangen war. Er kam in die Erbauungsstunden u. in die Gesellschaften, besuchte auch in Klein Welke, u. bat um die Aufnahme in die Societät. Ich war sehr bedenklich, weil ich die sünderhafte Selbsterkenntnis bey ihm nicht fand. Unsre Helferbrüder aber, die ihn lieb hatten, baten für ihn, u. sagten: Wir wollen ihn immer ganz unter unsre Gemeinschaft nehmen, er wird dem Heiland keine Schmach machen. Also wurde er im Jul. 1783 zur Societät hinzugethan. Anfänglich hörte man ihn noch immer davon reden, [737] wie die Brüder seyn solten; man spürte, daß er scharf auf andre sahe, sonderlich auf solche, an denen noch vieles auszusetzen war. Aber das trugen verständige Brüder mit Geduld u. Liebe, u. sahen nur darauf, daß er rechtschaffen u. ohne Falsch war. Seit vorigem November kam er durch Krankheit u. andre widrige Zufälle zur Erkenntnis des menschlichen Elendes, u. wurde ein demüthiger armer Sünder, deßen Sprache nun ganz anders lautete. Mit dem Bekenntnis: „Der Grund, da ich mich gründe, ist Christus u. sein Blut“ – entschlief er, in seinem 64tn Jahre.

An unserm andern Abendmahlstage d. 29tn entschlief der Bruder Matthäus Winzer. Es kam mit ihm etwas merkwürdiges vor. Weil er schon sehr schwach war, so ließ er mich bitten, da ich heute nicht Zeit haben würde, daß ich ihm Tags darauf das heilige Abendmahl bringen solte, welches ich ihm auch versprach. Aber heute Vormittag in der Stunde, da die [738] Geschwister in der Kirche communicirten, merkte er sein herannahendes Ende, u. daß er den Morgen nicht erleben würde. Da ich also vom Saal herunterkam, wo wir das Anbeten gehalten hatten, schickte er zu mir, u. ich begab mich sogleich zu ihm. Auf die Frage: wie sieht es aus? Der Abschied ist nahe, ist auch das Herz getrost u. freudig zum Heimgange? antwortete er sehr wehmüthig u. ängstlich: Nein! Daran fehlt mirs, ich bin in großer Dunkelheit, u. habe keine gewisse Versicherung von der Vergebung meiner Sünden. Ich fragte, was ihn eigentlich drückte u. ängstigte? Er sagte: „Daß ich mich gegen meine Frau nicht als ein Bruder bewiesen, u. immer mit ihr gekrickelt habe, da ich ihr doch ein Vorgänger zum Heiland hätte seyn sollen.“ Die Frau kam dazu, u. sprach: Ach lieber Mann, ich habe dir ja alles schon vielmal von Herzen vergeben, u. habe [739] dir noch viel mehr abzubitten, daß ich bey deiner Krankheit oft ungeduldig worden bin, u. mich an dir versündigt habe! Da sagte er: Was du versehen hast, das hab ich dir alles vergeben; wenn ich nur Vergebung hätte über alles, womit ich mich an dir versündigt habe! Da sie so mit einander redeten, brach mir das Herz über sie beyde, u. ich sprach: „Ich freue mich, daß ich kommen bin, u. sehe, wie herzlich ihr einander alles vergeben habt. Der liebe Heiland hat uns den großen Trost gegeben, wenn wir einander von Herzen vergeben, so will der himmlische Vater uns unsre Sündenschuld auch vergeben. Wir sollen mit gläubiger Zuversicht bitten: vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern.“ Auf dieses Wort ging eine ausserordentliche Veränderung bey dem Kranken vor; er sagte mit ganz aufgeheitertem Blicke: Ach nun bin ich völlig beruhigt: nun komm, mein lieber Heiland, [740] u. nimm mich zu Dir! nun verlange ich weiter nichts, als nur noch den Genuß Seines Leibes u. Blutes. Er genoß hierauf das heilige Abendmahl, u. Abends darauf entschlief er. Die leibliche Schwester des seligen Bruders war an Bruder Clemens verheirathet worden. Dieser Bruder hatte sich seiner auch besonders treulich angenommen; und mir war es merkwürdig, bald darauf zu vernehmen, daß derselbe in Gnadenberg an demselben Tage heimberufen worden. D. 17 Merz nahm ich von den bisher unterrichteten Mägdlein 28, u. d. 18 Merz 37 Knaben zur Confirmation an, u. beschloß meinen Unterricht mit Gebet u. Thränen. Die Gnadenarbeit des heiligen Geistes war so an ihnen zu spüren, daß ich mich über die meisten freuen konte. D. 20tn als am Gründonnerstage hatten wir einen ausgezeichneten Segenstag. Bey der Confirmation der nur gedachten Kinder [741] war in der Kirche eine große Gnadenbewegung, u. wurden viel Thränen vergossen. In diesem Monate gingen 2 Personen, eine Frau Eva Catharine Schäferin, u. eine Witwe Anna Rosina Steglichin, selig heim. Sie gehörten zwar nicht zu unsrer Societät, waren aber erweckt, u. ihre lezten Stunden waren erbaulich.

Der 30 Merz war für mein Herz ein ganz besonderer Gnadentag, weil ich mich gar lebhaft an das Sprüchlein erinnerte, womit mich der Heiland zum Prediger nach Neukirch berufen hat: „Tritt auf deine Füsse, denn dazu bin ich dir erschienen, daß ich dich ordne zum Diener u. Zeugen deßen, das du gesehen hast, und das ich dir noch will erscheinen lassen“.

[742]
III. Von Grönland.
Aus dem diario von Lichtenau
vom Jul. 1786 bis Jun. 1787.

D. 3 Jul. 1786 besuchte uns ein Heide; er bezeugte aber noch kein Verlangen sich zum lieben Heiland zu bekehren. D. 8tn kamen die Abendmahls-Geschwister, so viel nur abkommen konten, von ihren Erwerbungs-Plätzen zum Sprechen hieher. Da verschiedene von ihnen den Lustbarkeiten der Heiden beym Heringsfang zugesehen hatten, so wurde deswegen in einer aparten Versammlung der Communicanten herzlich u. ernstlich mit ihnen geredet. Das heilige Abendmahl genossen diesesmal mit uns 50 Grönländische Geschwister. D. 19ten brachte Bruder Christoph seine kranke Frau Mirjam nebst ihrem 10 tägigen Säugling (leztern zur Taufe) hieher. Wir hatten anfangs Hofnung, daß sich die kranke Mutter erholen würde, aber gegen Abend nahm sie der Heiland zu sich. Sie war anno 1762 [743] in Neu-Herrnhut getauft worden, u. kam anno 1774, da die hiesige Mission angefangen wurde, mit ihrer Mutter hieher, u. gelangte in demselben Jahre zum heiligen Abendmahl. Anno 1778 trat sie ihre erste Ehe an, u. hatte zwey Töchter, die beyde noch am Leben sind. 1783 wurde sie Witwe, u. 1785 heirathete sie den nunmehrigen Witwer Christoph. Sie ging einen erfreulichen Gang, u. so oft mit ihr gesprochen wurde, erklärte sie sich, daß sie bey allem Gefühl ihrer Armuth sich an den lieben Heiland hielte, u. auf Ihn allein ihr Vertrauen setze. Die zwey lezten Jahre wurde sie als Gesellschaftshalterin gebraucht. Bey ihrer lezten Niederkunft wurde sie gleich so krank, daß man ihren Heimgang vermuthete. Sie war dabey ganz in den Willen des Heilands ergeben, u. bezeugte ein Verlangen zu Ihm heimzugehen. – D. 21tn besuchte uns der Helfer-Bruder David, u. erzehlte, daß, da er in Süden gewesen, [744] er einigen Heiden die Liebe des Heilandes angepriesen, aber wenig Aufmerksamkeit gefunden habe. D. 24tn waren einige Heiden hier, die der Abendversamlung beywohnten, u. nachher in unserm Hause besuchten. Auf die Frage: ob sie sich nicht zum Heiland bekehren wolten, hatten sie, wie gewöhnlich, Entschuldigungen bereit. Wir hörten aber doch von den Schwestern, mit denen sie hergekommen waren, daß sie diesen Sommer die Versammlungen, die unsre Helfer-Brüder auf den Erwerbeplätzen gehalten, besucht, u. auch zum Theil ein Verlangen bezeugt haben sich zu bekehren. D. 9 Aug. besuchten wir 3 Brüder (Ender, Rudolph u. Menzel) unsre Geschwister in Westen, u. fanden sie munter u. vergnügt, u. in ihrer Erwerbung glücklich. D. 11tn war ein Heide von Westen bey uns, der nicht ohne Gefühl zu seyn schien, da mit ihm vom Heiland geredet wurde. Zum 13 Aug. waren fast alle unsre Geschwister hier, u. [745] 87 Personen genossen das heilige Abendmahl. D. 14tn erhielten wir die afficirende Nachricht von dem Heimgang unsers lieben Bruder Königseers. D. 24tn war der Helfer Bruder Martin von Westen zum Besuch hier. Er redete Abends in der Gemeinversamlung zum erstenmal, u. zwar davon, wie er sich so arm u. elend fühle, daß ihn aber der liebe Heiland bey alle dem nicht verachtet, sondern aus Gnaden erwehlt habe, daß er von seiner Liebe, u. von Seinem Tod u. Leiden zeugen solle, u. empfahl sich den Geschwistern ins Andenken vor dem lieben Heiland. D. 1 Sept. wurde der kranke Bruder Loth aus der Fiorde hieher gebracht. Er war dem Verscheiden schon nahe. Da wir ihn besuchten, bezeugte er noch mit gebrochener Stimme das Wohlseyn seines Herzens, und daß er beständig an den lieben Heiland denke, u. zu Ihm heimgehen wolle. Darauf faltete er seine Hände, u. betete in der Stille zum Heiland. Es war [746] uns recht erbaulich den lieben alten Vater so vergnügt u. selig seinem Heimgang entgegengehen zu sehen. Nachmittags entschlief er. D. 2tn war das Begräbnis. Der selige Bruder Loth zog anno 1777 mit seiner Familie hieher. Die ersten Jahre konte man nicht viel Verlangen nach dem lieben Heiland bey ihm wahrnehmen. Auch nach seiner Taufe anno 1780 war er nicht immer in einem erfreulichen Gange, wie er dann überhaupt von einer rauhen Art war. Aber seit seinem ersten Abendmahl anno 1783 ging eine merkliche Veränderung bey ihm vor, sein Herz wurde weich, u. man konte sich über seine gefühligen Erklärungen freuen. Er war in seinem ganzen Leben nie recht krank gewesen, bis er diejenige Krankheit bekam, die die Gelegenheit zu seiner Vollendung wurde. – D. 14tn erhielten wir Nachricht von der Ankunft des Schiffes in Julianenhaab, u. d. 15tn fuhren wir zur Colonie, um unsre diesjährigen [747] Sachen abzuholen. Wir kamen am 18tn nach einer ziemlich beschwerlichen Reise wohlbehalten wieder hier an. D. 5 Oct. Abends, da wir uns eben zur Ruhe legen wolten, wurden wir ganz unvermuthet durch die glückliche Ankunft unsers lieben Bruder Grillichs erfreut, der heuer aus Europa über Lichtenfels ins Land gekommen war. D. 6tn erhielten wir die afficirende Nachricht, daß der verheiratete Bruder Petrus bey der Erwerbung von einem Seehunde umgerissen, u. todt gefunden worden. D. 19tn sagte der Helfer Bruder Gabriel in der Versamlung unter andern: Meine Geschwister, ich soll nun wieder einmal zu euch reden, u. da weiß ich euch nichts größeres zu sagen, als von unserm lieben Heiland. Er ist immer sehr gnädig u. barmherzig gegen die Armen u. Elenden, u. verachtet sie nicht, wenn sie zu Ihm kommen u. nach Ihm weinen. Ob ich mich gleich auch sehr arm u. elend fühle, u. sehr viele Fehler habe, [748] so halte ich mich doch an den lieben Heiland, u. bitte Ihn mir nahe zu seyn u. s. w. D. 29tn hatten wir mit unsern Helfern, welche wir heute zu unsrer Freude alle beysammen hatten, zum erstenmal in diesem Winter Conferenz. Dieselbe wurde mit einem Gebet auf den Knien angefangen, in welchem der liebe Heiland angefleht wurde, sich, so oft wir in Seinem Namen beysammen seyn würden, zu uns zu bekennen, uns Seinen Frieden fühlen zu lassen, u. unsre Herzen mit seiner Liebe zu entzünden, damit ein jedes mit Freuden Seinen Tod verkündigen, u. Treue in dem ihm anbefohlnen beweisen möge. Da auch ein paar Geschwister zum erstenmal in der Conferenz waren, so wurden die Obliegenheiten der Helfer aufs neue in Erinnerung gebracht, sonderlich auch, daß sie ja keine Gelegenheit versäumen möchten, den Heiden den Heiland anzupreisen. D. 5tn hörten wir zu unserm Schmerz, daß abermals ein Bruder, Christian, bey der Erwerbung [749] sein Leben auf der See geendigt habe. Er zog anno 1774 gleich beym Anfang der hiesigen Mission mit seinen 3 Weibern von Süden hieher, u. ging einen seligen Gang, ein paar Jahre abgerechnet, da er auswärts wohnte, u. dadurch in Gleichgültigkeit gerieth. Er hinterläßt 5 Söhne u. 5 Töchter.

In diesen Tagen war Bruder Rudolph zum Besuch unsrer auswärtigen Geschwister. Er meldet davon: D. 2 Nov. kam ich nach Innuksuk, u. fand die Geschwister vergnügt u. wohl. Abends hielt ich eine Versamlung u. taufte ein Kind. D. 3tn hielt der Helfer Bruder David die Frühstunde, u. legte ein recht gefühliges Zeugnis von der Liebe Jesu ab. Ich hatte ein besonderes Vergnügen über die hier wohnenden Geschwister, weil sie, ob sie gleich jezt fast gar keine Seehunde bekommen, u. nichts als Heringe u. Beeren zu essen haben, doch so vergnügt u. zufrieden sind, daß man auch nicht [750] die geringste Klage von ihnen hört. Darinn geht ihnen besonders der Helfer David mit einem guten Exempel vor, der ebenfalls diesen Winter fast nichts bekommen hat, ob er gleich einer der geschicktesten Erwerber ist. Nach der Abendversamlung beschäftigte ich mich, den Geschwistern einige ihnen noch unbekannte Verse u. Melodien aus dem neuen Gesangbuch, welche sie gern lernen wollen, beyzubringen. D. 4tn hielt ich früh eine kurze Singstunde aus dem neuen Gesangbuch. Abends wurde vom Heiland als dem guten Hirten gelesen u. geredet. D. 5tn machte ich den Beschluß des diesmaligen Besuchs mit einem Gebet auf den Knien, u. reiste darauf nach Kikkertarsoak, wo ich die Geschwister wohl u. munter antraf. Einige Brüder waren wegen ihrer Erwerbung nicht zu Hause, unter andern der Helfer Augustinus, der am 6tn Abends mit [751] einem Seehund hier wieder ankam. Er hatte bey einigen Heiden übernachtet, u. ihnen das Evangelium verkündigt, aber keine offene Ohren dafür gefunden. Nach der Abendversamlung ging ich auch hier mit den Geschwistern einige neue Verse u. Melodien durch, zu ihrem grosen Vergnügen. D. 7tn früh hielt Augustinus eine gefühlige Versammlung. Gegen Mittag begab ich mich zu den eine gute Stunde von hier wohnenden Heiden. Es war mir über ihnen ganz wehe zu Muthe, weil ich bey den meisten verstockte Herzen fand. Doch bezeigten ein paar Weibsleute ein Verlangen nach dem Evangelio, nur entschuldigten sie sich damit, daß ihre Männer noch nicht Lust hätten sich zu bekehren. Abends kam ich wieder zu den Geschwistern, u. nach der Versamlung sangen wir wieder aus dem neuen Gesangbuch, bis wir uns zur Ruhe legten. D. 8tn reiste ich in Begleitung einiger Geschwister wieder nach [752] Hause.“ So weit Bruder Rudolphs Bericht.

D. 12 Nov. hatten wir unsern ersten Gemeintag in diesem Winter, wozu sich viele Geschwister von den auswärtigen Plätzen eingefunden hatten. Ein Knabe empfing die heilige Taufe, u. 2 Personen kamen unter die Taufkandidaten. In den folgenden Tagen besuchte Bruder Ender die auswärtigen Geschwister, wovon er folgendes berichtet: D. 16tn fuhr ich in Begleitung des Bruder Grillichs ab. Abends waren wir bey den Geschwistern in Akilluärosek, denen ich eine Versamlung hielt, u. ein paar Gemeintagsstücke vorlas. D. 17tn fuhr ich zu einigen Heiden, mit denen ich von der Liebe des Heilandes zu den armen Menschen redete, u. hatte die Freude, aufmerksame Zuhörer zu finden. Etwas weiter davon wohnen einige Geschwister, unter andern die Helfer-Geschwister Martins, die uns erfreuliche Nachricht gaben, auch von den hier wohnenden Heiden. Ich hatte mit leztern einige Unterredungen, wobey mir recht wohl [753] war. Sie erzehlten mir, daß ein Mann vorigen Herbst gestorben wäre, u. in seiner Krankheit sehr bereuet hätte, daß er sich nicht bekehrt habe, u. dieses sey die Ursach, warum sie sich besonnen hätten. Eben dieses hatten sie auch dem Bruder Martin bezeugt, u. waren auch manchmal in die Versamlungen der Geschwister gekommen. D. 18tn besuchten wir in einer andern Gegend, u. fanden zwey Häuser mit Heiden bewohnt. In dem einen übernachteten wir, u. Abends lud ich die Einwohner von beyden Häusern zu einer Versammlung ein, wozu sie sich auch alle, groß u. klein, einfanden. Sie waren ganz stille u. aufmerksam. Diese Leute haben mehrmalen das Evangelium gehört. Eine junge Weibsperson, die mehrentheils leichtsinnig dabey gewesen, u. zu sagen pflegte: „ich werde jezt noch nicht sterben“ – war neulich plötzlich aus der Zeit gegangen, und dieser Umstand [754] hatte Eindruck gemacht. Doch gefiel es uns in dem einen Hause, wo ein Hexenmeister wohnt, nicht so gut wie in dem andern. D. 19tn waren wir wieder bey den Geschwistern in Tuktuarsok, u. heute, so wie in den folgenden Tagen, wurden die Versamlungen zahlreich, auch von den Heiden besucht. Die Geschwister bezeugten ein besonderes Verlangen, die schönen neue Verse zu lernen. D. 20tn früh hielt Bruder Martin die Stunde, u. sagte unter andern: „Ihr müßt nicht denken, daß wir für die lange Weile auf der Welt sind; wir sollen alle suchen, recht glücklich u. vergnügt zu werden; der liebe Heiland ist darum für uns gestorben, damit wir nicht ewig verloren gehen möchten.“ Nachher besuchten wir die benachbarten Heiden in 3 Häusern, u. ich hielt in jedem auf Verlangen eine kurze Rede. Aehnliche Besuche thaten wir auch am 21tn. D. 22tn machten wir den Beschluß unsers Besuchs in der Frühversamlung mit einem Gebet auf [755] den Knien, u. reisten darauf wieder nach Lichtenau zurück.“ So weit Bruder Ender.

Gegen Ende des Monates wurden die Frühstunden, die Chorversamlungen, die Kinderschulen u. s. w. auf die Weise, wie sie im Winter immer gewöhnlich sind, wieder angefangen. D. 1 Dec. fuhren die seit 8 Tagen von Norden hier zum Besuch gewesene Heiden wieder nach Hause. Sie haben sowol in den Versammlungen, als bey ihrem Besuch in unserm Hause, von der Liebe des Heilands gehört, aber kein rechtes Verlangen bezeugt sich zu Ihm zu bekehren. In der Helfer-Conferenz am 6tn erzehlte ein Bruder, der in Süden besucht hatte, daß unsre dasigen Geschwister vergnügt u. wohl wären, und daß die nahe bey ihnen wohnenden Heiden fleißig in ihre Versammlungen kämen. D. 11tn kamen die meisten Geschwister von Tuktuarsok zu den bevorstehenden Weihnachtsfeyertagen hieher. Der Helfer Bruder Augustinus von daher sagte am 12tn in [756] der Frühstunde: Meine Geschwister, ich habe diesen Winter noch nicht zu euch geredet, u. ich fühle mich auch jezt, u. so oft ich zu euch reden soll, sehr arm u. mangelhaft dazu. Ich bitte aber den lieben Heiland, daß Er mir nahe seyn, u. Gnade dazu schenken wolle. Ich weiß euch nichts größeres zu sagen, als daß unser lieber Heiland für uns gelitten u. gestorben, um uns selig zu machen. Wenn Er dieses nicht gethan hätte, so würden wir alle ewig verloren seyn. Dieses höret ihr auch alle Tage von euren Lehrern, u. darum sollt ihr es auch zu Herzen nehmen, u. den Heiland dafür wieder lieben, u. täglich als arme Sünder zu Ihm gehen, damit ihr seine Liebe u. Gnade in euren Herzen erfahren möget. Wer als ein Guter zu Ihm gehen will, der hat keinen Zugang zu Ihm, u. wird keine Barmherzigkeit erlangen; wer Ihm aber seine Fehler u. Sündigkeit bekennet, dem wird Er gnädig seyn u. s. w.

[757] D. 13tn hatten wir mit unsern Helfern eine vergnügte Conferenz, in welcher Bruder Martin erzehlte, daß die Heiden, welche nicht weit von ihnen wohnen, fleißig in die Versamlungen kommen, u. ein Verlangen bezeugen sich zum lieben Heiland zu bekehren. D. 19tn erhielten wir ein Schreiben vom Kaufmann Thomsen auf der Colonie, in welchem er uns meldete, daß sein Schwiegervater, unser lieber alter Freund u. Bruder Anders Olsen am 11 hujus im Vertrauen auf das Verdienst Jesu recht sanft u. selig aus der Zeit gegangen. Aus einem Briefe seines Sohnes Paul, welcher bey seinem Verscheiden gewesen, ersahen wir noch mehr, wie der Selige in seiner Krankheit von nichts als von der Liebe Jesu, u. von seiner Freude, zu Ihm heimzufahren, geredet, u. seine Kinder ermahnt habe, den Heiland zu lieben u. Ihm treu zu bleiben. D. 23tn kamen die meisten von unsern Geschwistern von Innuksuk zu den Feyertagen hieher. Einige [758] konten wegen Krankheiten nicht kommen. D. 24tn Abends versamleten sich die Kinder zu ihrer Nachtwache, auf welche sie sich schon lange vorher gefreuet hatten. Sie sahen alle recht lichte u. vergnügt aus, waren auch fast alle neu gekleidet, welches recht lieblich anzusehen war. Zum Schluß der Versammlung bey welcher ein sehr seliges Gefühl waltete, bekamen sie brennende Lichtlein, mit welchen sie vergnügt nach Hause gingen. Darauf waren die Festversammlungen der Erwachsenen. D. 25tn feyerten die Eheleute, welche hier aus 37 Paaren bestehen, ihr Chorfest. Beym Liebesmahl wurde angemerkt, daß dieses Chor seit einem Jahre mit 20 Kindern gesegnet, u. mit 4 Paaren aus den Heiden vermehrt worden. D. 26tn hatten wir Gemeintag. Unter andern wurde ein diarium von Neu-Herrnhut gelesen, worüber die Geschwister, die daselbst gewohnt, u. noch Verwandte da haben, sich besonders freuten. 5 [759] Personen kamen unter die Taufkandidaten. D. 27tn sagte der Helfer Bruder David von Innuksuk in der Frühstunde unter andern: „Meine lieben Geschwister. da ich nun wieder einmal zu euch reden soll, so weiß ich euch nichts größeres u. wichtigers zu sagen, als von der Liebe des Heilandes. Wir haben in diesen Tagen gehört, daß Er aus Liebe für uns ein Mensch geworden. Warum hat Er denn dieses gethan? Damit Er uns durch sein Leiden, Tod u. Blutvergiessen von der Gewalt des Teufels u. von aller Plage erlösen u. ewig selig machen möchte. Es ist sehr Dankenswerth, daß wir einen so liebreichen u. barmherzigen Heiland haben, zu dem nun alle Arme u. Elende einen freyen Zutritt haben. Ich bin der allerschlechteste unter euch; aber weil mich der liebe Heiland mit seinem theuren Blute erlöset hat, so bin ich vergnügt, u. danke Ihm beschämt dafür, u. will mich beständig [760] als ein Armer an Ihn halten. Laßt uns nie vergessen, was Er für uns gethan, um uns selig zu machen, u. Ihm täglich dafür danken.“ In der Helferconferenz am 28tn hörten wir erfreuliche Zeugnisse von unsern neuen Leuten, wie es ihnen am Herzen liegt, sich zum lieben Heiland zu bekehren. Beym Schluß des Jahres erinnerten wir uns mit Dank u. Beschämung an die in diesem Jahre genoßenen Wohlthaten. Es sind in demselben 7 Erwachsene u. 21 neugeborne Kinder getauft worden, u. 14 Geschwister sind zum heiligen Abendmahl gelangt. Getraut ist worden ein Paar, u. 9 Geschwister sind heimgegangen. Aus den Heiden sind 30 Personen zu uns gezogen.

Die hiesige Gemeine besteht aus

96 Communicanten
116 Getauften u.
79 Ungetauften
Summa 291 Seelen,

37 Personen mehr als zu Ende des vorigen Jahres. Von [761] diesen wohnen in Lichtenau 187, in Innuksuk 26, in Kikkertarsoak 30, in Akilluärosek 34, u. in Tuktuarsok 14. Der Europäischen Geschwister u. Kinder sind 10.

Den 1 Jan. 1787 feyerten die ledigen Brüder u. Knaben ihr Chorfest im Segen. D. 3ten sahen wir eine totale Mondfinsternis. Einige unsrer Grönländer fürchteten sich sehr davor, liessen sich aber bedeuten, da wir ihnen sagten, daß wir dergleichen sowol an der Sonne als an dem Monde schon mehrmalen gesehen hätten. Wir hörten hernach, daß sich besonders die Heiden sehr gefürchtet hätten, u. in einer Gegend alle zu unsern Geschwistern geflüchtet wären. D. 6tn hatten wir eine selige Feyer des Heidenfestes. Die Geschwister hörten zu ihrem Vergnügen ein diarium von der Neger-Gemeine in Antigoa, u. eine Rede aus den Wochen. 3 Erwachsene u. ein Kind wurden getauft, u. 5 Personen kamen unter die Taufkandidaten.

[762] D. 11tn redete der Helfer Bruder Gabriel in der Frühstunde sünderhaft u. gefühlig von der Liebe des Heilandes, womit Er uns bis in den Tod geliebet, u. bezeugte den Geschwistern, daß er sich bey dem Gefühl seiner Armuth u. Sündigkeit an den lieben Heiland halte, Ihm seine Fehler bekenne, u. Seine Nähe u. Trost im Herzen fühle. In diesen Tagen konten unsre Brüder keinen einzigen Seehund bekommen, so wie sie überhaupt den ganzen Winter nur sehr wenige gefangen hatten. Auch zum Eydervogelfang war die Witterung zu stürmisch. Den Witwen u. Waisen, welche keinen Erwerber haben, geht es besonders knapp, so daß wir nicht wissen, womit manche ihren Hunger stillen. Den ärmsten helfen wir, so viel wir können, es will, aber nirgends zulangen. D. 17tn nach der Singstunde, welche Bruder Grillich zum erstenmal hielt, hatten wir mit unsern Helfern Conferenz, in welcher der Bruder Joab erzehlte, daß er vor einigen [763] Tagen bey einem Besuch in Norden den Heiden das Evangelium verkündigt, aber keinen Eingang gefunden habe, ausgenommen bey zwey Weibsleuten, welche ein Verlangen bezeugt hätten sich zum Heiland zu bekehren. D. 18tn waren zwey Heiden, die unter unsern Grönländern Anverwandte haben, zum Besuch hier, welche erzehlten, daß sie diesen Winter in Süden eine arme Witwe lebendig begraben hätten. Wir hatten geglaubt, daß diese grausame Gewohnheit längst abgeschafft worden, weil wir lange kein Exempel davon gehört hatten. D. 19tn erinnerten wir uns an den ersten Anfang der Grönländischen Mission vor 54 Jahren, u. dankten dem Heiland für alles, was Er seit der Zeit an dieser Nation gethan hat. Den Geschwistern wurden einige Stellen aus dem Schreiben der Unitaets Aeltesten Conferenz zum Jubilaeo der hiesigen Mission zum Segen für ihre Herzen communicirt. In einer besondern Versamlung [764] der Abendmahls-Geschwister wurden 2 Personen zum erstmaligen Genuß des heiligen Abendmahls confirmirt. D. 20tn früh gingen die Brüder Ender u. Menzel auf Verlangen zu dem seit 3 Monaten kranken ledigen Bruder Abia, u. fanden ihn sehr schwach. Er bezeugte, daß er beständig an den lieben Heiland denke, u. auf Ihn sein Vertrauen setze. Seine Hausleute erzehlten auch, daß er vergangene Nacht Verse gesungen, u. sich aufs heilige Abendmahl gefreut hätte. Er bezeugte noch, daß ihm nichts im Wege sey, zum lieben Heiland heimzugehen; u. bald darauf, nachdem man ihn mit einigen Versen eingesegnet hatte, entschlief er sanft u. selig. Heute kamen die meisten Abendmahls-Brüder von den auswärtigen Plätzen zum heiligen Abendmahl hieher, unter andern unser Helfer Bruder David, dessen Mutter, die Helferin Benigna seit einigen Tagen sehr krank ist, u. ihrem Ende nahe zu seyn scheint. Er [765] sagte, daß er zuerst nicht hätte kommen wollen, weil seine Mutter so sehr krank wäre; aber sein Verlangen nach dem heiligen Abendmahl sey so groß gewesen, daß er nicht hätte wegbleiben können. Abends hatten wir den seligsten Genuß des Leibes u. Blutes Jesu im heiligen Abendmahl. D. 21tn brachten die Geschwister von Innuksuk die Leiche der in vergangener Nacht selig entschlafenen Schwester Benigna zum Begräbnis hieher. Sie war als ein Kind nach Neu-Herrnhut gekommen, u. wurde daselbst anno 1744 getauft. In der Folge trat sie mit dem Helfer-Bruder Ludwig in die Ehe, u. kam auch in die Helfergesellschaft. Als anno 1774 die hiesige Mission angefangen wurde, fanden sie sich beyde willig, auf geschehenen Antrag, mit hieher zu ziehen. Anno 1783 nahm der Heiland ihren Mann, unsern sehr geliebten u. treuen Helfer Bruder Ludwig zu sich heim, welches ihr u. uns sehr nahe ging. Sie [766] selbst war eine treue Helferin, die uns fleißig Nachricht von dem Gange ihrer Schwestern gab; und ob sie gleich wegen vieler Eigenheiten oft erinnert werden muste, so machte doch ihr Herz u. ihre Anhänglichkeit an den Heiland, daß man sie von Herzen liebhaben konnte. In ihrer Krankheit redete sie beständig vom Heiland u. von ihrer Sehnsucht, bald aufgelöset u. bey Ihm daheim zu seyn. – D. 22tn erfuhren einige Schwestern eine besondere Bewahrung. Sie waren ausgefahren, um Heringe zu holen, die sie in den Steinen vergraben hatten, u. da sie Abends spät nach Hause kamen, überfiel sie ein Sturm, der ihr Boot dermaßen an die Klippen warf, daß sogleich 6 Querhölzer zerbrachen. Zum Glück war es nicht weit von hier, u. auf ihr Geschrey eilten unsre Brüder ihnen zu Hülfe, u. brachten sie glücklich ans Land.

[767] D. 26tn sagte der Helfer Bruder Gabriel in der Frühstunde unter andern: Meine Geschwister, wenn ich zu euch reden soll, so fühle ich mich sehr arm, u. habe nicht viel Worte. Weil mich aber der liebe Heiland als den Aermsten u. schlechtesten erwehlet hat, daß ich zu euch reden soll; so weiß ich auch nichts anders zu sagen, als von Seiner großen Liebe u. Barmherzigkeit. Er ist immer sehr barmherzig u. gnädig gegen alle Arme u. Elende, wenn sie zu Ihm kommen. Wenn ich als ein Armer zu Ihm gehe, u. Ihm meine Fehler bekenne, so tröstet Er mich. Wir haben keinen andern Trost u. keinen andern Arzt, der uns von unsern Sünden heilen kan, als Ihn, seine Wunden u. seinen Tod u. Leiden, und dieses ists, was uns allein selig u. vergnügt machen kan u. s. w.

D. 2 Febr. feyerten die Witwen ihr Chorfest im Segen, wozu jedoch wegen der stürmischen Witterung von den auswärtigen Plätzen viele nicht herkommen [768] konten. Aus eben der Ursach konte niemand von den auswärtigen Geschwistern zum Gemeintag am 4tn hier seyn. An diesem Tage wurde ein Mann getauft, u. 3 Personen kamen unter die Taufkandidaten. Ersterer ist Hausvater von der großen Familie, die vorigen Sommer aus Norden zu uns gezogen. D. 7tn hatten wir Conferenz mit unsern Helfern, zu welcher auch der Bruder Martin von Tuktuarsok hergekommen war. Wir hörten von ihm, daß sich die Geschwister in seinem Hause wohl befinden, und daß auch einige nahe bey ihnen wohnende Heiden in ihre Versamlungen kommen, u. ein Verlangen bezeugen sich zum lieben Heiland zu bekehren. Eben dieser Bruder hielt am 8tn die Frühstunde, u. sagte unter andern: „Meine Geschwister! ich soll nun einmal wieder zu euch reden, habe aber nicht viel Worte; ich weiß auch nichts größeres u. wichtigers zu sagen, als von unserm lieben Heiland, der uns [769] so unaussprechlich geliebt, so viel um unsrer Sünden willen ausgestanden, u. sein Blut am Kreuze für uns vergoßen. Dieses ist das gröste, was wir bedenken u. wofür wir dem lieben Heiland danken sollen, daß Er uns so geliebet hat. Dieses ist es auch, was ich den Geschwistern, bey denen ich wohne, u. den Heiden, die auf unserm Lande wohnen, sage. Wir sind wol nur wenige beysammen, aber der liebe Heiland ist uns doch nahe, wenn wir versamlet sind. Da ich jezt nicht mehr hier, sondern in Süden wohne, so bitte ich täglich den lieben Heiland, daß Er mir nahe seyn, u. mich, wenn ich zu den Geschwistern u. zu den Heiden reden soll, durch seinen heiligen Geist lehren möge, was ich sagen soll. Laßt uns alle den lieben Heiland über alles lieben, u. Seinen Tod u. Leiden fleißig bedenken, so werden wir immer vergnügt seyn.“ D. 10tn kam ein Boot voll Weibsleute von Süden, u. mit ihnen auch einige unsrer Geschwister [770] von Akilluärosek zum Besuch hieher. Erstere besuchten heute Nachmittag in unserm Hause, da ihnen die Liebe des Heilands angepriesen, u. sie gefragt wurden, ob sie sich nicht zu Ihm bekehren wolten. Einige bezeugten wol ein Verlangen darnach, die meisten aber hatten keine Ohren was davon zu hören, sondern waren nur eigentlich hergekommen, Heringe zu kaufen. Doch wohnten sie am 11tn der Predigt bey. Bruder Ender war heute mit Bruder Grillich zum Besuch in Innuksuk, u. hielt dasigen Geschwistern eine Versammlung. D. 13tn entschlief der ledige Bruder Boas. Als anno 1774 die hiesige Mission angefangen wurde, war er hier wohnhaft, ging aber doch geraume Zeit in Gleichgültigkeit hin, ob ihm gleich oft von uns u. von seinem seligen Vater, dem Helfer Bruder Christoph, zu Herzen geredet wurde. Endlich kam er zum Nachdenken über [771] sich, u. wurde um seine Seligkeit verlegen. Anno 1782 wurde er getauft, u. gelangte 1783 zum heiligen Abendmahl. Er hatte seit vielen Jahren einen Schaden am Bein, so daß er am Stock gehen mußte. Dennoch war er fleißig, u. geschickt in seiner Erwerbung, u. muste nach seines Vater Heimgang seine Familie ganz allein erhalten. Seinem Herzen nach war er in einem seligen Gange, und das zeigte sich auch in seiner lezten Krankheit. – In der Helferconferenz am 19tn erzehlte Bruder Joab, der vor kurzem in Süden gewesen, daß er den bekannten Zacharias besucht, u. bey deßen Frau ein Verlangen gefunden habe sich zum lieben Heiland zu bekehren; er hingegen (Zacharias) sey noch immer verstockt, u. bezeuge keine Reue darüber, daß er die Gemeine verlassen. Vom 22tn bis 25tn war Bruder Ender zum Besuch unserer auswärtigen Geschwister in Kikkertarsoak u. Innuksuk. An ersterm [772] Orte wurde eine Person unter die Tauf Candidaten aufgenommen, u. eine andre entschloß sich hieher zu ziehen. Da die Geschwister am lezten Gemeintag nicht hieher hatten kommen können, so wurde auf ihr Verlangen das hier gelesene Diarium von den Indianern in Nord-Amerika mit ihnen wiederholt. D. 28tn erfuhren wir in der Helferconferenz, daß unter unsern Grönländern die Rede gehet, daß künftigen Sommer die Welt untergehen werde, u. zwar weil diesen Winter eine Mondfinsternis gewesen, u. weil künftigen Sommer eine Sonnenfinsternis seyn wird, welches leztere sie vermuthlich bey der Colonie erfahren haben. Wir erinnerten sie an das Wort des Heilandes, daß kein Mensch die Zeit u. Stunde dieser Begebenheit voraus wissen könne, und daß man eben deswegen immer bereit u. wachsam seyn müsse. D. 4 Merz hatten wir einen gesegneten Gemeintag, an welchem 4 Erwachsene das Bad der [773] heiligen Taufe empfingen. In den folgenden Tagen hatten wir ein solches angreifendes u. anhaltendes Stöberwetter, daß 8 Tage lang niemand aus dem Hause gehen konte, u. folglich die Erwerbung ganz darnieder lag. Unsre armen Grönländer klagten viel über Hunger u. Kälte, u. wir halfen ihnen so viel wir konten. Ueberhaupt ist der Seehundfang diesen Winter nicht sehr ergiebig gewesen; dafür aber hatten unsre Grönländer die Zeit her ziemlich viele Eidervögel bekommen. D. 17tn sagte der Helfer-Bruder David von Innuksuk in der Frühstunde: „Meine Geschwister. Was soll ich euch dann nun sagen, da ich wieder zu euch reden soll? Ich weiß nichts wichtigeres u. größeres zu sagen als von der Liebe des Heilands, der seinen heiligen Leib für uns in den Tod gegeben. Ob Er gleich ohne Sünde war, u. kein schlechtes Wort aus Seinem Munde gegangen, so hat Er doch so unbeschreiblich viel an seinem Leibe [774] u. an Seiner Seele ausgestanden. Warum hat Er dann dieses gelitten? Um uns arme sündige, strafbare u. Verdammungswürdige Menschen zu erlösen u. selig zu machen. Wenn ich dieses bedenke, so bin ich gebeugt u. beschämt vor Ihm, u. danke Ihm von Herzen dafür. Besonders auch, da jezt die Zeit herannahet, da wir uns Seines Todes u. Leidens besonders erinnern, wollen wir fleißig daran denken, u. Ihm dafür danken, daß Er uns mit seinem Blute erlöset hat. Ich fühle es täglich, daß ich der schlechteste u. unwürdigste unter euch, u. nach Seel u. Leib verdorben bin; aber weil mich der liebe Heiland nicht verachtet, sondern mich erwählet hat, daß ich von seinem Tod u. Leiden zeugen soll, so bitte ich Ihn um Gnade dazu. Wer seine Fehler u. schlechte Sachen vor dem lieben Heiland verbergen u. nicht bekennen will, der wird keine [775] Gnade von Ihm erlangen; wer aber seine Sündigkeit u. Fehler Ihm bekennt, u. Ihn um Erbarmung bittet, gegen den ist Er barmherzig u. gnädig. Darum laßt uns täglich als Arme u. Elende zu Ihm gehen, so wird Er uns nicht verachten, sondern uns gnädig u. freundlich seyn.“ Abends hatten wir das heilige Abendmahl, welches 3 Geschwister zum erstenmal mit uns genoßen. Vom 19tn bis 24tn war Bruder Rudolph zum Besuch unsrer auswärtigen Geschwister in Akilluärosek u. Tuktuarsok, bey welcher Gelegenheit auch die vielen da herum wohnenden Heiden das Evangelium hörten, u. zum Theil angefaßt zu seyn schienen. Die ledigen Schwestern u. Mädchen von gedachten Plätzen kamen mit ihm d. 24tn hieher, um d. 25tn ihr Chorfest mit ihren hiesigen Chorverwandten zu feyern. Zwey Mädchen wurden ins Chor der ledigen Schwestern aufgenommen. Im April begingen wir die Marterwoche u. das Osterfest aufs seligste. Der Ostertag am 8tn zeichnete sich durch eine Taufe von 5 Erwachsenen, [776] u. durch eine Aufnahme von 3 Personen unter die Taufkandidaten aus. Auch hatten wir ein vergnügtes Liebesmahl mit unsern Helfern, wobey viel davon geredet wurde, wie man sich der Geschwister künftigen Sommer, da sie sich wie gewöhnlich zerstreuen werden, am besten annehmen könne. D. 9ten fuhren unsre auswärts wohnenden Geschwister wieder nach Hause. Sie wären gern länger hier geblieben, weil aber das Treibeis sich zu zeigen anfing, so fürchteten sie, auf lange Zeit von ihren Wohnungen abgeschnitten zu werden, wenn sie nicht gleich dahin eilten. D. 15tn hatten 14 Geschwister, die seit Ostern voriges Jahr getauft oder in die Gemeine aufgenommen worden, ihren Gedenktag; so wie am 22tn 8 Geschwister, die in eben der Zeit zum heiligen Abendmahl gelangt sind. D. 6 May ging der Knabe Titus selig heim. Er zog 1779 mit seiner Mutter u. Geschwistern hieher, u. wurde 1784 in Jesu Tod getauft. Ohngeachtet er manchmal wegen seines ausgelaßenen [777] Wesens erinnert werden mußte, so nahm man doch an ihm wahr, daß es ihm anlag, dem lieben Heiland zur Freude zu werden. Verse lernen war seine liebste Beschäftigung. In seiner lezten Krankheit (dem Seitenstechen) bezeugte er gegen uns u. gegen seine Hausleute, daß er in den Willen des lieben Heilandes ergeben sey. – D. 8tn kanterte der Knabe Friederich in unsrer Bucht; einige Brüder aber eilten ihm zu Hülfe, u. so wurde er noch glücklich gerettet. D. 10tn waren 8 Süderländer zum Besuch hier, mit denen wir viel von der Liebe Jesu redeten. Sie waren nicht so wild, wie die Süderländer gewöhnlich zu seyn pflegen, u. hörten aufmerksam zu; doch hatten sie dieselben Entschuldigungen, die wir so oft von den Heiden hören müssen, wenn die Rede von der Bekehrung zum Heiland ist. D. 12tn hatten wir das heilige Abendmahl, welches 3 Geschwister zum erstenmal genoßen. D. 18tn waren einige Süderlander hier, unter andern eine Frau, welche erzehlte, daß sie vorigen Winter so großen Hunger gelitten, daß sie beynahe gestorben wäre, [778] wie sie denn auch noch so elend war, daß sie nicht gehen konte. Obgleich unsre Grönländer jezt selbst wenig zu essen haben, so brachten sie ihr doch aus Mitleiden etwas Speck. D. 19tn wurden die ersten Heringe geschöpft, wodurch dem zeitherigen Mangel abgeholfen wurde. D. 20tn waren nur noch wenige Familien hier, indem jezt alles der Erwerbung nachging. Vom 23tn bis 28tn besuchte Bruder Ender die Geschwister auf ihren Erwerbungs-Plätzen, u. fand sie wohl u. vergnügt. Er sprach auch mit einigen Heiden, die nicht ungeschickt zum Reiche Gottes zu seyn schienen. D. 16 Jun. kamen verschiedene Brüder von ihren Erwerbeplätzen zum heiligen Abendmahl hieher. Der Helfer-Bruder David erzehlte uns, daß die Heiden, die in seiner Gegend stehen, fleissig in die Versammlung der Geschwister kommen. Abends begingen wir das heilige Abendmahl aufs seligste. Der Communicanten waren mit uns diesesmal nur 28, denn wegen des starken Windes hatten die [779] wenigsten herkommen können, besonders die Schwestern, von denen viele schon unterwegens waren, aber wieder umkehren mußten. D. 19tn war das Begräbnis des verheirateten Bruders Christian David von Innuksuk. Er zog anno 1775 mit seiner Familie hieher, war aber die ersten Jahre in einem schlechten Gang, indem er ehedem ein Hexenmeister gewesen, u. auch hier manchmal seine Gaukeleyen versuchen wolte. Anno 1780 fing er an ernstlich um seine Seligkeit bekümmert zu werden, u. wurde 1781 getauft. Dennoch gab es allerley zu erinnern, besonders auch wegen seiner hitzigen Naturart; aber seit seiner Gelangung zum heiligen Abendmahl anno 1784 wurde sein Herz merklich gefühliger u. weicher, so daß man sich über ihn freuen konte. Die Gelegenheit zu seinem Heimgang war das Seitenstechen, die gewöhnliche Krankheit der Grönländer. – D. 23tn hatten wir unvermuthet die Freude, die Ankunft der diesjährigen Schiffe zu vernehmen, [780] u. aus den erhaltenen Briefen zu ersehen, daß unsre lieben alten Geschwister Sörensens in Neu-Herrnhut angekommen, u. wieder zu uns ziehen werden. Aber die Nachricht von dem vermuthlichen Untergang des Schiffes, worauf unsre liebe Schwester Königseerin u. Bruder Heinze gewesen, war uns sehr afficirend. D. 24tn besuchten uns viele Geschwister von ihren Erwerbeplätzen, denen die Nachricht, daß Geschwister Sörensens wieder hieher kommen werden, sehr erfreulich war. D. 26tn ging unser Boot nach Friedrichshaab ab, um Geschwister Sörensens von da abzuholen.

Hiemit beschliessen wir unser diesmaliges Diarium, u. empfehlen uns u. die Grönländische Gemeine in Lichtenau dem Gebet u. Andenken aller unsrer lieben Geschwister.

Johann Gottlieb Ender
Christian David Rudolph
Heinrich Menzel
Johann Georg Grillich.

Anmerkungen

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: besomders
  2. Wir tun nichts Falsches, indem wir nichts tun